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Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen

Chapter 10: Geraldine oder die Geschichte einer Operation
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About This Book

Die Sammlung versammelt Erzählungen und Skizzen, die lebhafte Porträts salonfähiger Bohème, spitze Gesellschaftssatiren und feine Beobachtungen von Kunst, Musik und Reisen verbinden. In kurzen Prosastücken schildern Familien- und Beziehungsgeflechte, soziale Intrigen — etwa die Inszenierung einer jungen Sängerin zum Engagement — und exzentrische Charaktere; hinzu kommen atmosphärische Reise- und Stadtminiaturen, Reflexionen über Malerei und Bühnenkunst und lakonische, bisweilen ironische Betrachtungen über Zeitgeist und Eitelkeit. Der Ton wechselt zwischen heiterem Spott und nachdenklicher Empfindsamkeit, getragen von präziser Stilistik und psychologischem Gespür.

Geraldine
oder
die Geschichte einer Operation

Für Professor Franz Keysser (Berlin)

I

Geraldine, aus dem Häuflein derer, mußte im Spätfrühling des Jahres 1923 in die chirurgische Klinik einer süddeutschen Stadt. Freunde begleiteten sie. Den Abend durfte sie noch mit ihnen verbringen. Sie war guter Dinge und trank auf ihr eigenes Wohl. Dann nahm ein helles Zimmer, das ins Grüne sah, sie auf. Die Schwestern, in der Umrahmung ihrer gesteiften weißen Flügelhauben, besonders aber deren breite und bejahrte Vorsteherin, erweckten ihre Zuversicht. Spät trat sie noch bei Geraldinen ein, um nach der Neuangekommenen zu schauen, und bei ihrem Anblick streckte die Kranke ihre Füße länger aus, einer Müdigkeit hingegeben, die sie plötzlich wie von weither überkam. So schutzverheißend war die erstarkte Weisheit dieser Augen, so geborgen fühlte sich Geraldine, als sie in diese mächtigen Pupillen sah. Sie wußte, wie wenig ein Beruf zur Sache tat, wie leicht gerade die tugendhaftesten zur Klippe werden. Inbegriffen, ganz unausgesprochen aber war hier alles Fromme, und daß die Pflegerinnen dieses Hauses wie die Blumen eines gehegten Gartens standen, Unkraut nicht wuchern konnte, lag an dieser Vorgesetzten. Denn es ist immer das Wichtigste, wer regiert. Wie eine Mutter, nicht nur der Patienten, sondern irgendwie auch dieser Ärzte, Geheimräte und Professoren, wie eine Mutter aller Menschen schritt sie durch die Gänge, homerisch in der Unbeirrbarkeit ihres Waltens, ehrwürdig wie ein Stück Natur. Und sie hieß Guido, wie ein Mann.

Aber auch Geraldine kannte die Welt.

 

Lesend verbrachte sie den nächsten Morgen; am frühen Nachmittag wurde ihr Morphium gegeben und später noch einmal. Da tönte sich der Widerschein der grünen Bäume in ihrem Zimmer sanft und immer sanfter ab, und als eine Bahre hereingezogen kam, bestieg sie sie eilends wie im Traum. Nach einer kurzen Fahrt befand sie sich zwei Schwestern gegenüber, und diese trugen ihre weißen Ordensschleier nicht abstehend und gesteift, sondern gar kleidsam in den Nacken zurückgerafft, und sie fragte die Schönste um ihren Namen: Ermentrudis. „Meine Zunge ist schwer, sie ist trocken, sie ist voll Mohn, ich spreche so mühsam“, sagte Geraldine, und überließ sich ihnen. Ihr war, als würde sie von Engeln bedient. Da lag sie schon auf einer Bahre, und rechts von ihr gab sich ein Arzt mit ihr zu tun. Aber seine Gegenwart war ohne Resonanz. Nur Ermentrudis erfüllte den Raum. Vielleicht ist sie nicht so schön als ich sie sehe, dachte Geraldine, deren Augen zugefallen waren, vielleicht ist es Täuschung, wie der Geschmack von Mohn in meinem Munde. Wie ist sie schön! – Da war sie weg, und Geraldine wieder in der Fahrt. Nur bis zum nächsten Zimmer dieses Mal. Es dünkte sie aus Glas, und ein anderer Arzt saß jetzt rechts von ihr, als hätte er auf sie gewartet. Sein Gesicht schien ihr nicht sein eigenes zu sein, sondern ganz in der Anspannung seiner Züge statt in seinen Zügen zu beruhen, aber sie streifte es nur mit einem Blick, dann fielen ihre mohnbeschwerten Augen wieder zu. Doch alsbald hörte sie sich stöhnen. Und warum riß er ihre Adern so unbarmherzig auf? Sie fühlte, wie er sich durch nichts beirren ließ, und sie blieb unbeweglich, aber sie hielt ihm vor, daß er sie peinige. Fort und fort, wie lange noch? – Da merkte sie plötzlich, daß er nicht länger rechts, sondern ihr jetzt links zur Seite stand, indes ein anderer Mann in Szene trat, als wäre dies eine Bühne. Ja, genau so, war jetzt eine mächtige Form herangetreten, wie ein Dirigent sein Pult einnimmt, und als schwänge er einen Stab mit den Worten: „Alla breve meine Herren!“ so sagte er: „Klagen Sie nicht!“ und fing an zu schneiden. Geraldine aber griff da zum Schweigen, wie ein Geiger in sein Instrument. Sie streckte nur ihre linke Hand schutzflehend ins Leere. Aber schon war sie von einer andern sanft geborgen und vertröstet, und sie umklammernd, führte Geraldine ihren stummen Pakt den ersten Stößen gegenüber aus. Sie wähnte jetzt, es sei Nacht. Doch statt erhöhter Schmerzen wurden sie mit jeder Sekunde dumpfer. Und war sie denn selbst ein besaitetes Holz geworden? Sie spürte nur ein virtuoses Kneten, wie rasche Fingersätze eines Pianisten in ihrem unempfindlichen Fleisch. Allegro, vivace, accellerando, presto, tempestuoso fuhren die Griffe wie auf Tasten dahin. Geraldine hatte den Eindruck von Kunst. Wie aber? Wie konnte dies sein? Und doch, welch deutliche, welch aufregende Beziehung, welch unerhörte Analogie, welch spannende und unvermutete Sensation! Für einen Augenblick war alles rege in ihr, und sie hätte sich gern aufgerichtet, um hinzusehen, ihr Kopf aber leistete Widerstand; er war zu schwer. „Es wird schon genäht, es wird schon verbunden“, drang es von links, wie aus einem Souffleurkasten zu ihr.

Und schon wurde sie wieder fortgetragen. Unklar diesmal die Fahrt durch den Gang in ihr Zimmer zurück.

Die Nacht war nicht mehr fern. In ihrem Bette aufgerichtet, ohne eine Spur von Schmerzen, ließ sie sich ein Buch herüberreichen, wähnend, das Lesen würde ihr leichter fallen als das Sprechen. Die Vorhänge bauschten sich sachte in der Frühlingsluft, im Scheine eines blauen Seidenschirmes lag sie und sann.

Welch freundlicher Dämon hatte die Tafel ihrer Erinnerungen gelöscht, daß ihre Gelassenheit sich immer mehr vertiefte?

Da, mitten in der Nacht – als klingle es von allen Seiten zugleich – schlugen die Wunden Alarm. Weggefegt das letzte Stäubchen Morphium; das ganze Bein entfacht. Schlimmer noch die hohe Stachelkrause, die vom Knie aufwärts loderte. Aus purer Sympathie erglühten Fuß und Ferse, von heißer, imaginärer Asche versengt. Geraldine, in den Tumult verstrickt, hörte ihre eigenen Seufzer nicht.

Am Morgen klirrte der Wagen mit den Verbandwerkzeugen durch den Gang. Guido war bei Geraldinen. Da öffnete sich die Türe, als sei ihr Zimmer eine Freistatt. Der Chefarzt trat als erster herein, nach den Schmerzen dieser Nacht zu fragen. Und es erfolgten sehr genaue Weisungen, um einem neuen Ansturm vorzubeugen. Da wunderte sich Geraldine zum ersten Male, ohne sich entsinnen zu können weshalb. Sie grüßte nach rechts und links die beiden anderen Ärzte von gestern; dann war sie wieder allein.

II

Seltsame Schwingen, neue Rhythmen trugen ihre Tage jetzt dahin, ihre Stille so manches Mal durch nichts als den Besuch der Ärzte unterbrochen. Blumen umgaben sie. Der über ihr Bett geschobene Krankentisch bot ein reiches Feld der Beschäftigung, und ein Zufall wollte, daß Leute, mit welchen sie lange nicht mehr in Kontakt war, plötzlich in der Ferne an sie dachten und ihr schrieben. Eines Morgens kam ein Stoß der neuesten französischen Bücher für sie an; sie lagen in großer Evidenz auf Tisch und Decke gebreitet. Jedoch der Zeitungsmann durfte nicht zu ihr herein. In Tönen der Angst bat sie die Schwester, ihn von ihr fernzuhalten, und schon früh am Nachmittag sehnte sie sich nach Morphium. Fing aber der Rollwagen mit dem Verbandzeug, den Alkohol und Jodoformflaschen durch den Gang zu klirren an, so mußte sie lachen; denn es ging dann so fühlbar von Zimmer zu Zimmer eine Spannung, es entstand eine Aufregung, wie wenn Hennen gefüttert werden. „Jetzt werden die Hennen gefüttert“, sagte sie jedesmal zu Guido, die immer der Karosserie voranschritt.

Eines Tages fragte sie den Arzt, der sie in ihrer Lektüre unterbrach: „Würde dieses Buch Sie interessieren, wenn ich fertig damit bin?“

Er warf einen Blick auf den Umschlag und zögerte: „Von Franzosen höre ich lieber nichts“, sagte er dann.

Da schwieg Geraldine.

Das Buch, das er abgelehnt hatte zu lesen, Siegfried et le Limousin, von Jean Giraudoux, war nicht vollkommen. O nein, es hatte seine Fehler. Man durfte es ein wenig inkoherent nennen sogar. Aber jede Seite rührte und entzückte Geraldine. Denn regenbogenartig schlug hier eine Brücke auf, bebend schwang sie herüber, pulsierte, vibrierte, wie ein Regenbogen ephemär. So gehörte auch dies Buch einer anderen Wirklichkeit als die der Ereignisse an; und sie mißachtend, sie verachtend, irisierte über sie hin die Fülle des sich entziehenden, ach! des werbenden Auges ...

Allein es war umsonst geschrieben, da niemand es in Deutschland las. Auch die anderen neuen Bücher enthielten kein gehässiges Wort mehr über „les Allemands“, aber sie waren umsonst geschrieben, da niemand sie in Deutschland las. Geraldine entsann sich der skeptischem aber so aufhorchenden, so gespannten Mienen ihrer Freunde in Paris, als sie ihnen von „jenen anderen Deutschen“ erzählte, von welchen nichts mehr bis zu ihnen gedrungen war. Ob auch einige wie mit Engelszungen hinüberriefen, man stellte sich ihnen taub, wenigstens solange sie lebten. Heute war es umgekehrt.

Geraldine schlief mit dem Kopf auf dem offenen Buche ein, aber nicht lange; ihre Aufregung scheuchte sie auf, und sie las im Scheine ihrer blauen Lampe weiter.

Als am nächsten Morgen der Chefarzt bei ihr eintrat, warf er einen Blick auf die Tabelle und ließ Sandsäcke herbeischaffen, in welchen Geraldines Bein wie in einen Schacht eingedämmt werden sollte, damit es sich nicht mehr bewege. Man schleppte sie wie etwas gar Wichtiges herbei. „Hier stimmt etwas nicht!“ dachte sie gequält. Die Ärzte umstanden sie ja, als ob ihre Gesundung eine wichtige Sache sei. Und das Stück von der gesitteten Weltordnung wurde hier gespielt, als wisse man nicht, wie es draußen zugeht. Aber sie selbst, spielte sie nicht mit? Ließ sie nicht alle fünf gerade sein? Nicht einmal nach dem Wetter mochte sie fragen, als ginge sie das alles nichts mehr an, als sei alles eins. Und nun? Und wie lange durfte sie noch ihrer beginnenden Unruhe, ihrer wachsenden Verwirrung wehren? Die Wirklichkeit. Ja sie war das entfallene Wort, der Faden, der gerissen war, an dem sie wieder anknüpfen mußte.

In der Nacht fuhr sie an die Klingel, und die Stimme, mit der sie die herbeieilende Schwester unter Ächzen anflehte, sie aus dem eingestürzten Tunnel vorzuziehen, war wie ein heiserer Bariton. Es hatten sich aber nur die Sandsäcke verschoben, und mit ihrem Gewicht die Wunden beschwert. Vielleicht auch hatte sie nur geträumt. Allein die Schwester beruhigte sie, räumte die Säcke aus dem Weg, brachte ihr eisgekühltes Zitronenwasser und reichte ihr Morphium. Sie war mürbe und trug sich zart wie eine schwanke Wicke im Sommerwind, die ihren letzten Duft, ihre letzte Süße veratmet. „Welch ein Frühbeet von Schwestern!“ dachte Geraldine. Und Guido die große Gärtnerin.

Es gäbe vielleicht keine Ärzte in der Welt, wenn nicht so ziemlich jedermann seinen eigenen Arzt in seinem Innern hätte. Geraldinen war es am folgenden Morgen klar, daß es nur mehr wenig Tage bis zu ihrer Herstellung bedurfte. Bei ihrem Einzug in die Klinik richtete sie fürs erste an alle die Frage, wann sie wieder herauskommen würde, und gleich und auf die Stunde verlangte sie es zu wissen. Nun sie fast keine Schmerzen mehr hatte, erkannte sie mit einem Male, welche Ablenkung sie für sie gewesen waren, und sie vermißte sie; denn diese an sich waren ja auch eine Betäubung gewesen. Und ihr geschah wie dem flüggen Vogel, der wohl am liebsten noch einmal in seine Geborgenheit zurückkröche, bevor er den ersten Flug unternimmt. Draußen wartet seiner die Welt. Das Nest dagegen war ihr entzogen. So dieses Haus. Wie eine Arche zog es über die finsteren Wasser dahin und beruhte in sich. Bald mußte nun Geraldine aus seinem Schutze wieder hervor. Und sie verzagte. Sie bangte nach den wolkenlosen Tagen der Vergessenheit, der Palliative. Sie waren vorbei. Andere Wunden waren nunmehr wieder erwacht, unheilbare, die niemand verband, um derentwillen niemand sie bemitleidete, noch eine Blume schenkte oder sie umgab. Wie ein Himmel, der sich ganz verhängt, und von dem es dann unablässig niederrauscht, umzog sich Geraldinens Gemüt, und erst stoßweise, dann unaufhaltsam flossen ihre Tränen. Zwar konnte sie jederzeit innehalten, und wenn jemand bei ihr eintrat, ganz vernünftig schwätzen. Aber sobald sie allein war, setzte der Landregen wieder ein. Der Geruch der Speisen widerte sie mit jedem Tage stärker an, und sie weinte vor Ekel bei ihrem Anblick, ob sie auch hungrig zu sein vermeinte, bevor man sie ihr brachte. „Kaputt ist kaputt!“ sagte sie zur Schwester, die sich über ihre kaputten Nerven ausließ. Aber vor den alles sehenden Pupillen Guidos redete sie sich auf eine beunruhigende Äußerung heraus, die bei der Morgenvisite zwischen den Ärzten gefallen sei; sie habe sie deutlich gehört. Und sie rückte beiseite, damit Guido sich zu ihr setze, denn sie erbettelte jede Minute ihres Verweilens.

Der Tag verebbte an den weißen Wänden ihres Zimmers, sie standen im Widerschein des umgoldeten Laubes, dann erbleichten sie wieder. Geraldine war schon für die Nacht gerichtet, hielt ihr heiles Knie umklammert und weinte. Die blaue Lampe warf ihren Schein. Niemand störte sie mehr. Da klopfte es an ihre Türe und Guido in Begleitung des Arztes trat herein. Er kam sie zu beruhigen: es handle sich nur um eine vorübergehende Phase und sie würde die Klinik bald verlassen können. Er erinnerte sie nicht daran, daß Schwerkranke in den angrenzenden Zimmern lagen, ohne Aussicht auf Genesung. Ein schwedischer Student war in der Nacht gestorben. Sie aber mußte noch so spät getröstet werden. Ihr Schuldbewußtsein machte sie befangen, sie wußte nicht, was sagen. Die französischen Neuerscheinungen lagen auf ihrer Decke gebreitet. Es war aber derselbe Arzt, der es abgelehnt hatte, sie zu lesen. Scharmante Bücher, bemerkte sie, doch ohne sie ihm noch einmal anzubieten. Doch als er sich jetzt anschickte zu gehen, bat sie mit einer winzigen Stimme um Morphium. Es wirkte nur langsam bei ihr, und bis dahin konnte sie bequem schluchzen.

Fürwahr, sie hatte es gut. Selbst in der Nacht war dieses Zimmer freundlich: der weiße Tisch mit den lichten Messinghähnen für warm und kalt, wie sie es liebte; der magisch sanfte Schein des Seidenschirmes, wie blasser Rittersporn so blau. Die Birne war schwach, aber sie genügte gerade.

Sie dachte an ermordete Freunde, an die grenzenlose Abgeschiedenheit ihrer letzten Augenblicke. Ja, das war die Wirklichkeit! Feige, feige Geraldine! Freunde, besser als sie, waren gegangen, früher als sie, und hatten ihr Tagewerk vollendet. Ihr war noch eine Frist gegeben. Nichts anderes als eine Frist bedeutete ihr Genesung.

Geraldine hörte der Posaunen viele.

Und dann genoß sie doch wieder die tröstliche, verbrecherische Schale der Vergessenheit, und es war alles eins.

Jedoch derselbe Arzt kam tags darauf selbst auf das Thema zurück, und bevor sie ihrerseits sich dazu äußerte, überschlug sie im stillen, wie oft sie schon dasselbe gesagt hatte, sich, und gewiß auch andern zum Überdruß. Innerlich seufzend legte sie über „jene anderen Franzosen“ los, wie sie es drüben über „jene anderen Deutschen“ getan hatte. Es ist nicht mehr zum Anhören, dachte sie dabei. Denn das Wahre, das Rechte, das Richtige, es verträgt nicht unbeschadet die Geistlosigkeit ständiger Wiederholung. Diese schlägt vielmehr den widerlegbaren, den falschen Argumenten vortrefflich an, und entkräftet sie nie; ja sie ist das Geheimnis ihrer Wirkung: immerzu laut ausgerufen schlagen sie ein, und wuchern wie jedes andere Unkraut. Indessen sprach Geraldine von dem versöhnlichen Geist der Intellektuellen, den man unbeachtet ließ; wie unglücklich sind wir über so vieles gewesen, schloß sie mit schier lahmer Zunge, was unter unserem Namen geschah, und heute stellen wir uns unseren Gleichgesinnten gegenüber taub.

„O wirklich?“ sagte er.

Es war aber so ganz und gar derselbe aufhorchende Ausdruck, dieselbe Skepsis, dieselbe sensible Spannung im Auge, mit welcher auch ihre Pariser Freunde „oh vraiment?“ erwidert hatten, daß sie fürwahr nicht nur ein ähnliches, nein! ein identisches Gesicht vor sich sah. Und es war undenkbar, daß mit demselben verschütteten Gefühl, derselben verdrängten Schmerzlichkeit das „oh really?“ eines Engländers, auch des „deutschfreundlichsten“ gefallen wäre. Denn nicht Sympathie oder Abneigung sind hier, wie zwischen andern Völkern, das Hin und Her. Sondern Erotik oder der Haß der Geschlechter, die beseligende Flamme, oder der Atem des Teufels, der über sie hinbläst.

Seit ihrer Krankheit wechselten ihre Anwandlungen schneller als das Licht. Was ließ sie jetzt in einer blauen, spiegelklaren Stimmung untergehen?

Sie hatte unter ihren mitgenommenen Büchern die von Hofmannsthal Anno 1913 so schön und ahnungsvoll eingeleiteten Bände des „Deutschen Erzählers“. Ein paar Generationen alt und schon antik! Verwunschen, unerschöpflich, losgelöst! – Und aus ihrer Welt heraus, ebenso zeitfremd wie sie, war hier ein Deutscher, der Sache so ganz ihrer selbst willen ergeben, daß eine fühlbare Stille ihn umgab, die ihn allem Getriebe entzog. Schlecht oder recht dachte Geraldine, wie ist doch der Deutsche so gründlich! Er ist schlecht fast bis zur Pedanterie, seine Güte ist unwahrscheinlich. Dieser hier stand an der Spitze einer nunmehr so weit gediehenen Forschung, daß sicheren Todeskandidaten eine Anwartschaft, statt auf Rückfälle, auf ein neues Leben verliehen wurde. Da entsann sich Geraldine, was sie sich vorgenommen hatte, ihm zu sagen. „Mich faßt eine wilde Freude,“ sagte sie, „wenn ich an solche Verwirklichungen denke. Denn ein Deutschland als Wohltäter der Menschheit, welch ein Triumph wäre dies! Welch stolze Absage an seine Schuldigen! Welche Ehrung seiner Schuldlosen und seiner Geopferten! Welch einzig würdige Art, der Welt seine Leiden heimzuzahlen!“

Utopien, dachte sie, als er draußen war, Utopien, und weinte in Strömen.

Aber wie eine Bravourarie ging tags darauf das Ausziehen der Fäden vor sich. Rhythmisch flog die Schere durch die Luft und schoß wieder herab. Geraldine gab keinen Laut und staunte.

Eine Woche später packte sie ihre Siebensachen mit Hilfe der Schwester, die französischen Neuerscheinungen obenauf. Dann besann sie sich auf Zahnschmerzen und bat um Morphium für die letzte Nacht. Im Schein der blauen Lampe war sie des Augenblicks gewärtig, wo sie sich entfliehen, noch einmal Urlaub von sich nehmen durfte. Wie ein alter Zwilchrock, der müde vom Nagel hängt, so harrte ja ihr abgelegtes Sein, daß sie es wieder überzog. Nur einmal noch wollte sie das Fest der Trennung von ihm feiern. Als Kind hatte sie sich an Erwachsene geklammert mit der Frage, ob man denn sein ganzes Leben sich selber bleiben müsse, ohne jemals von sich fort zu können, ohne je andere sein zu dürfen. Ihr früher Wunsch war wohl ein Vorgefühl, in welche Zeit ihr Ich hineinwachsen, welche Last es ihr aufbürden würde. Allein die Möglichkeit, die damals verneinte, die gab es dennoch. Schon rauschten ihr die Fittiche entgegen; das Leben war eine holde Landschaft, von verlockenden Linien; Fernen, sie nicht mehr betreffend, nahmen die beiden Länder ihres Herzens auf, deren Not war an Ereignisse gebunden, vergänglich wie sie selbst. In ihrer Wonne ließ sie sich gleiten. Sie sah Gras wachsen über ihr eigenes Grab, und es war alles eins.

Aber dein Kopf liegt in den Kissen schwer zurückgeworfen, Geraldine, und dein Gesicht ist fahl, derweil du dir enteilst, melodischen Ufern entlang, geäugt von Vögeln, deren Staunen Schleier der Lust in deine erinnerungslosen Augen treibt. Sie sind nicht dein! Und dies ist nicht das Leben, sondern dein Erwachen, und dein Wissen um die Außenwelt.

Und tags darauf nahm sie Abschied. Und Guido geleitete sie hinab zu dem offenen Tor, durch das ein Stück Himmel hereinsah. Und wie die Taube, der Arche entsandt, die vergebens spähte, ob die Wasser noch nicht fielen, und die nicht wiederkehrte, so flog sie aus.