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Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen cover

Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen

Chapter 20: V
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About This Book

Die Sammlung versammelt Erzählungen und Skizzen, die lebhafte Porträts salonfähiger Bohème, spitze Gesellschaftssatiren und feine Beobachtungen von Kunst, Musik und Reisen verbinden. In kurzen Prosastücken schildern Familien- und Beziehungsgeflechte, soziale Intrigen — etwa die Inszenierung einer jungen Sängerin zum Engagement — und exzentrische Charaktere; hinzu kommen atmosphärische Reise- und Stadtminiaturen, Reflexionen über Malerei und Bühnenkunst und lakonische, bisweilen ironische Betrachtungen über Zeitgeist und Eitelkeit. Der Ton wechselt zwischen heiterem Spott und nachdenklicher Empfindsamkeit, getragen von präziser Stilistik und psychologischem Gespür.

Donaueschingen im Sommer 1923

I

Ich glaubte es meinem Interesse für die Musik schuldig zu sein, daß ich nach Donaueschingen fuhr. Die Hitze war mörderisch, die Züge so überfüllt, wie sie nur hart vor einer Tariferhöhung zu sein pflegten. Der Rauch billiger Zigarren mischte sich in den herrschenden Dunst. Tief verdrossen saß ich in der Dichterklasse. Wo sonst? Zum Lesen war es zu dunkel in der einbrechenden Nacht, die Beleuchtung spärlich wie für Sträflinge, und alles winterlich trübe bis auf die Hitze.

In Titisee wurde die Tür aufgerissen, und es quetschten sich noch zwei junge Leute herein: der eine war blaß und mickerig: erster Handlungsgehilfe, letzter Bankbeamter, man wußte nicht recht. Auch beim andern nicht, dessen hübsches, rundes und zierliches Gesicht bunt war wie eine Forelle.

„Sie Lümmel!“ sagte er plötzlich zu dem bläßlichen Handlungsgehilfen oder Schaltervolontär. „Sie Lümmel! So ein Lümmel!“ Man horchte auf. Denn welch ein überraschender Wohlklang, welch bezauberndes Organ! War er wenigstens ein kommender Bühnenstar, wartete seiner wenigstens ein Ruf aus der Großstadt? Er sprach das reizendste und geschmeidigste Deutsch, aber so blitzschnell, daß vieles, was er sagte, im Geräusch des Wagens und des Gelächters unterging. Wir vernahmen jetzt etwas von einem Onkel, der dem „Lümmel“ einen Dollar schenkte, worauf vier Kellner ausgesandt wurden, um nach den Kursen zu schauen. Hitze, Rauch, billige Zigarren, alles war vergessen: wir saßen im Parkett. Chaplin war nicht anmutiger. Donaueschingen kam nur zu bald. Die anderen lachten vielleicht noch bis Mainz, den ganzen Rhein entlang. Wohin fuhr der junge Mann? Was war er? Vielleicht verkaufte er Handschuhe und Krawatten die Woche über. Seine übersensible Lustigkeit rührte geradezu. Ein Künstler unleugbar, aber der arme Kerl ahnte es vielleicht nicht. Die Laufbahn kam wohl nicht in Frage für ihn. Ja, ja, ein neuer Typ!

Ich dachte noch an ihn, als ich auf dem Bahnhof stand. Donaueschingen lag in tiefster Schwärze. Die drei Personen, die sich eingefunden hatten, mich abzuholen, versicherten mir alle zugleich, sie seien drauf und dran gewesen, im Hotel ein Zimmer für mich zu finden. So war es auch mit jener Dame, die immer so lange Geschichten erzählte, deren Pointe immer war, daß sie fast ertrunken, eigentlich nur durch ein Wunder nicht abgestürzt, bei zweiundvierzig Grad Fieber um ein Haar gestorben wäre usw. Kurz gesagt: das Wort „Privatquartier“ schlug jetzt an mein Ohr, und ich mußte nehmen, was sich mir bot, oder die Krönungsmesse des schon nahenden Morgens versäumen. Um neun Uhr früh, bequem an einen Pfeiler lehnend, freute ich mich zum erstenmal, daß ich gekommen war. Ein feines Städtchen dieses Donaueschingen. Die Solisten sangen so schön und stilvoll, daß ich schon Berühmtheiten in ihnen vermutete, statt dessen waren es Einheimische, deren Namen niemand kannte.

Von der Kirche weg ging alles im Oberammergauer Passionsschritt auf eine stimmungslose Turnhalle zu, in welcher die Konzerte abgehalten wurden. Die des ersten Tages habe ich vergessen. Was den Durchschnitt der Aufführungen überragte, überragte ihn so bestimmt, daß die Besprechungen vermutlich recht gleichförmig ausgefallen sind. So wird jeder Kritiker Hába hervorgehoben haben, aber nicht die überraschende Sinnfälligkeit seines Quartetts im Vierteltonsystem. Durch seine innere Notwendigkeit leuchtete es ebensosehr wie durch seine meisterliche Kürze ein. Denn keine Musik verträgt Längen schlechter als die neue. Wohl haben wir die der nachwagnerischen Programmusik noch voll im Gedächtnis. Aber bei ihnen konnte man einschlafen, seine eigenen Gedanken spinnen. Wir kennen die Klippe der tonalen Kompositionen; die der atonalen heißt Katzenmusik. Mit halbem Hinhören wird man sie nicht los. Mit Snobismen führe hier die ganze Hölle auf. Zwar keimen sie bereits, jedoch – gottlob! – sie wucherten noch nicht. Die Atmosphäre Donaueschingens war noch sehr sympathisch. Der Dollarstand war fern, von Nationalismen keine Rede. Es drehte sich wirklich alles nur um die Sache. Diese Jugend, ganz sich selbst überlassen, war ganz sich selbst. Viel eher schien sie sich der kontemplativen Landschaft anzupassen, so daß ein fast zeitloses Stimmungsbild entstand. Einem jungen Belgier wurde zugejubelt, als gäbe es nur eine Kameradschaft auf der Welt, und als Sieger des musikalischen Turniers ging der Tscheche Hába und der Spanier Jarnach hervor.

II

Ich suchte, außer um mich umzuziehen, tagsüber mein „Privatquartier“ nicht auf. Im „Lamm“ war ein leerer Saal. Dort saß ich am zweiten Nachmittag, als aus einem Nebenraum Musik ertönte. Alt oder neu? Beides, oder weder dies noch das, aber so reich, so ergreifend, daß ich zur Tür ging und sie öffnete: um ein Pianino saß eine kleine Schar, und man probte die Oper eines Komponisten, dessen Namen ich zum ersten Male hörte: Rudi Stephan. Im Kriege gefallen. Natürlich.

III

Daß Jarnachs Quartett den Glanzpunkt des letzten Tages bildete, auch dieses werden sehr viele geschrieben haben, denn es konnte kein Zweifel darüber bestehen. Zu wenige aber bemerkten vielleicht, daß hier ein wahrer Schüler Busonis die Probe seines Talentes gab. Der wahre Schüler ist immer nur der, welchem sein Lehrer Wegweiser, aber nicht Gängelführer bleibt. Wie es des wahren Schülers ist, seine eigenen Wege auf der ihm gewiesenen Bahn weiter zu verfolgen, so des wahren Meisters, jene Bahn zu brechen. Mit dem so viel gebrauchten Worte „Anreger“ scheint mir bei Busoni entschieden zu wenig gesagt. Man mag sich zu ihm stellen wie man will, heute schon gebietet sein Werk vor allem Distanz; diese aber, finde ich, wird nur von den paar ganz erlesenen Kennern eingehalten. Bei den anderen vermisse ich sie. Distanz schließt die Kritik nicht aus, ist aber immer eingedenk. Busonis Tragik liegt darin, daß er sich wieder an den Anfang aller Dinge stellte, keiner in unseren Tagen machte es sich so schwer. Vielleicht ist es schon für Jarnach eine Lust zu komponieren: seinem edlen Kolorit, seiner bedeutenden Sprache ist die Arena geöffnet. Armer Busoni! Wie rührend ist er, wenn er feiert! Die Schauer der Angelangtheit, jener Orgel-Tokkata, „Bach-Busoni“ überschrieben, weihevoll wie ein erhobener Kelch, die göttliche Melancholie, der er in seiner Tokkata frönt, und sein Perpetuum mobile, in welchem Seite achtunddreißig mit einem Male die Flöte Pans einsetzt – wie selten sind die Feste, die er sich gewährt. Seine wahren Schüler haben es schon leichter. Gerodet liegt das unbetretene Land vor ihnen, die Ufer von Gestrüpp frei.

IV

Es dalberte der Satrap von Donaueschingen – laßt ihn uns so nennen – im Grase seines Gartens mit den Musikern herum. Er hatte sich aus Zeitungspapier einen Helm gedreht, und den Musikern desgleichen. Dann hieß es: Augen links und stramm gestanden unter dem Papierhut, und so wurde die Parade abgenommen. Ja, und so lobe ich mir das Militär.

V

Aber es kam noch viel schöner. Am letzten Abend, als alle Konzerte glücklich hinter uns lagen, standen im Kurhaus noch einige Gelegenheits-Kompositionen Paul Hindemiths in Aussicht. Man saß bei Wein oder Tee und Kuchen, als das Amarquartett mit der bescheidenen Bitte aufzog, man möge eine Weile nicht servieren; sie gedachten noch einiges zum besten zu geben.

„Es darf nicht serviert werden!“ rief in unbändiger Fröhlichkeit der Satrap durch den Saal. Und nun ertönte als erstes ein Militärmarsch, ein Militärmärschlein sage ich, ein goldiges Militärmärschli, dessen geringelte Ritornelle, dessen Ringelschwänzchen von einer Ritornelle die ulkigste, witzigste, übermütigste und zugleich saftigste Verhöhnung war, welche militaristischer Dünkel und Stupidität jemals erfuhren. Der Komponist spielte in sich hinein, machte seinen runden, lustigen Kopf, und sooft die Ritornelle seinem Bogen entquirlte, ging unwiderstehliches Gelächter durch den ganzen Saal. Oh! Hätte man solchen Rattenfängern von Hameln eher gelauscht!