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Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen cover

Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen

Chapter 22: I
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About This Book

Die Sammlung versammelt Erzählungen und Skizzen, die lebhafte Porträts salonfähiger Bohème, spitze Gesellschaftssatiren und feine Beobachtungen von Kunst, Musik und Reisen verbinden. In kurzen Prosastücken schildern Familien- und Beziehungsgeflechte, soziale Intrigen — etwa die Inszenierung einer jungen Sängerin zum Engagement — und exzentrische Charaktere; hinzu kommen atmosphärische Reise- und Stadtminiaturen, Reflexionen über Malerei und Bühnenkunst und lakonische, bisweilen ironische Betrachtungen über Zeitgeist und Eitelkeit. Der Ton wechselt zwischen heiterem Spott und nachdenklicher Empfindsamkeit, getragen von präziser Stilistik und psychologischem Gespür.

Marseille

La patrie c’est la terre, c’est l’Univers, ce sont les étoiles, c’est l’air, c’est la pensée elle-même.

Flaubert
Correspondence

I

Dezember 1923

Ich habe von der Vogelperspektive aus noch keine schönere Stadt gesehen als Marseille. Die sehr nennenswerte Kälte und ein strömender Regen beeinträchtigten den Eindruck nicht. Freilich, das Meer war tonlos bis in alle Fernen. Doch um so berückender leuchteten inmitten des Dunstes die Dächer und die schmalen Fronten der Häuser. Eines stand ganz allein für sich in seiner Feinheit, von einem rührenden Garten umzogen, der ein flaches Viereck bildete. Sonst nirgends ein grüner Fleck. Aber durch geheimnisvolle Vorgänge der Sonne und der Luft war hier im Laufe der Zeiten ein Werk von Menschenhänden selber zur Natur geworden. Diese Dächer, diese Steine überboten die Natur.

Als wir zu Tale fuhren, dem alten Hafen zu, blieben wir in dessen handbreiten Gassen natürlich hängen. Es dunkelte. Schon brannten die Lichter überall. Ich sprang aus dem Wagen hinter einem grauen Kater her und erhaschte ihn. Doch ich war der französischen Katzensprache nicht mehr mächtig, und er riß mir aus. Trotz des Regens setzte ich mich zum Chauffeur. Wir blieben lange festgefahren. Ein wunderhübsches junges Mädchen schlug im Vorübergehen leise auf seine Hand, sah sich dann um und lächelte. Auf der andern Seite schwang sich ein kleiner Junge herauf, starrte mich an und wartete, daß ich lachte über seinen Spaß. Dann erst sprang er wieder ab. Diese schwarzäugigen, grauäugigen Gesichter unter dem nächtlichen Haar waren alle auf der Lauer. Auf ein Lächeln, ein lustiges Wort des Nächsten lauerten diese dunkeln und verspielten Gesichter. Im Restaurant, in dem wir aßen, servierte nicht, es zelebrierte der Kellner.

Ich fuhr am nächsten Morgen wieder auf den Berg, um die Stadt noch einmal von der Höhe aus zu sehen. Aber die Dächer lagen wie entkräftet im Sonnenlicht. Dafür schlug das Meer tiefblaue Pulse zu ihm auf. In den Gassen des alten Hafens baumelten bis zu den obersten Mansarden hinauf farbenfrohe Kleider übereinander und wehten bunte Schürzen hin und her.

Fasse dich, Leser, Geduld. Ich komme bald zu dem, was ich sagen will. Sieh, schon verlasse ich Marseille.

Paris-Lyon-Méditerranée hieß mein Zug. Im Mittagglanze dampfte er los.

Wieviel Inspiration niedrigen Bergen innewohnen kann, ahnte ich nicht, bevor das weiße, lebhafte Arles vor mir aufblitzte, bevor ich die niedrigen Berge um Arles, die einfachen Terrainwellen der schaukelnden Erde um Tarascon, die unaufdringliche und wunderbare Schönheit der Provence gewahrte.

Freunde. Eure Hände. Wie oft schwur ich mir, keine Betrachtungen mehr über Frankreich anzustellen. Denn es ist mir nicht gegeben, sie anders als auf Deutschland zu beziehen. Aber heute ist man verwachsen mit seinem Kreuz. Und die Unkenntnis wahrzunehmen, die ein Stockwerk um das andere dem Turm Babel anreiht, zwingt uns immer wieder, unsere nie vernommenen Stimmen zu erheben.

Laßt uns ganz unsentimental sein. Auch ohne Liebhaberei müßte uns der Anblick Frankreichs die Worte: „Es lebe Frankreich!“ entreißen. Denn Frankreich mit seinem rar gewordenen Blute ist unser Wein. Sein Leben ist der Welt notwendig. Deutschland – denn immer nur um diese beiden geht es –, Deutschland wäre aller Brot, wenn es doch endlich die Dinge gehen ließe. Die Stärke seiner geistigen Existenz ist eine Großmacht geblieben, intangibel und der Welt notwendig.

II

Nicht wie eine Dichterin, wie eine Schwerkapitalistin, in einem Coupé erster Klasse, durchfuhr ich Frankreich der ganzen Länge nach. So etwas will ausgekostet werden. Allein, ich war zu krank. Und welche Not, Arles mit seinen kleinen Bergen vor sich zu sehen, ohne auszusteigen. Denn die mir zuerteilte Jungfer kam aus ihrem Abteil hervor und parlamentierte so eindringlich dagegen, daß ich im Zuge blieb. Aber in Avignon sprang ich doch heraus und ließ meine Suite vorausreisen.

Ich fuhr – denn sobald ich zu Fuße ging, neigten sich die Häuser höflich vornüber und der Boden beschrieb unsichere Kurven –, ich fuhr also die lange Straße, die zum Palast der Päpste führt. Er war geschlossen. Was blieb mir da, als die Zeit mit einer Rundfahrt auszufüllen in dieser gewesenen Stadt mit ihrem Vorgeschmack des Nordens, ihrer herbstlichen Sonne, ihrer kälteren Luft und ihrer Schwermut? Wie eine Orgel nach allen Richtungen braust, so erfüllte der Palast der Päpste überallhin den Raum. Als ich mit dem nächsten Zuge weiterfuhr, glühte er feenhaft im Abendschein in seiner Weitläufigkeit wie zum Tanze geschlossen, gebot er über die Rhone, die breiten Laufes sich dem Meer entgegenwand. Der Gang, von dem aus ich zu ihm hinüberschaute, war leer. Auch kein Schaffner zeigte sich, und die Bangigkeit des Abends umspann mich ganz. Mein einziger Reisegefährte war ein Herr, der sehr viel Zeitungen mit sich führte. Aber die Dämmerung kam schnell, das Licht war zu trübe, um dabei zu lesen, und so gerieten wir in ein Gespräch. Langsam und beschaulich war manch ein Wort gefallen, als in Valence eine fremdsprachige Familie, mit starken Nüstern, hereinbrach. Ein ungebärdiges, der hintersten kleinen Entente entstammendes Französisch um sich werfend, zog sie gleich darauf wieder ab, größere Ausbreitungsmöglichkeiten zu suchen.

Que de mines étrangères quand on traverse la France, nous ne sommes plus chez nous.

Ich war es, die so gesprochen hatte, und ob ich auch alsbald über meine Worte sehr erschrak, so war es doch zu spät, um sie zurückzunehmen. Dieser Tag, bisher so stumm verbracht, hatte mich in seine Falten eingeschlagen, bis ich, voll eines sanften Übermutes, heimisch in ihm wurde, geborgen und betäubt. Nun war er zu Ende. Es war Nacht. Der Fluß zog im Dunkeln hart an uns vorbei. Das Rauschen des Zuges glich einem Monolog, wir aber waren eines Sinnes, und mit sepulchraler Melancholie unterhielten wir uns über Frankreich. Beide, weit zurückgelehnt, sahen wir einander nicht. Ich sehnte Lyon herbei, denn eine grauenvolle Erschöpfung kam jetzt zu ihrem Recht. Der Wagen schien mir hin und her gestoßen wie ein Schiff, das im Sturm auf Grund gerät. Wir sprachen von der Notwendigkeit, sich zu vertragen, und daß wir alle nur eine einzige Aufgabe hätten, einen neuen Krieg zu verhindern. Alles andere sei unwichtig. Wann aber kam Lyon? Wenn ich bewußtlos wurde, bevor wir es erreichten, was dann? Als erstes würde man suchen, mich zu identifizieren. Gleich zuoberst in meinem Täschchen aber lag mein Paß. So so; ei ei. Ich rieb mir die Schläfen mit Kölnischem Wasser, saß jetzt mit gefalteten Händen und schwieg. Wann kam Lyon? Hinter meiner Lehne verschanzt, sprach ich mir Mut zu. Endlich gab ich es auf und bat ihn, das Fenster zu öffnen. Nebel und Kälte strömten herein. „Nous voilà“, sagte er, und kramte seine Zeitungen zusammen. Wir waren in Lyon.

 

Auch in England, daß ich es nur gestehe, habe ich mich vor dem Kriege manchmal heimisch gefühlt. Wer jedoch die Geschicke dieses Kontinents mit starker Anteilnahme verfolgt, der kann heute kein Herz fassen zu England. Auch durchschauen die Besten dort wohl, und weisen die Heuchelei eines Axioms zurück, das sich als eine „Parteinahme des Schwächeren“ formuliert, in Wirklichkeit aber nur den Hader auf diesem Erdteil zu perpetuieren beabsichtigt. Der falsche Bruder hatte vor dem rabiaten Gegner ohne weiteres den Vorzug für die leichtgläubigen Deutschen. Der Politik Frankreichs zuzusehen, ist ja ein Alpdruck für sich, aber Englands Rolle in diesen Tagen war viel finsterer. Die Besten dort erkennen wohl, daß es sich in seiner Rechenkunst überschlug; denn der Rest wäre zu trübe, um darin fischen zu können; so daß letzten Endes es nicht mehr in Englands eigenstem Interesse läge, seinen säkularen, aber nicht ehrwürdigen Kurs in Europa beizubehalten. Die Besten dort wissen es wohl.

III

Der Schnellzug nach Straßburg verließ Lyon frühmorgens. Auf dem andern Geleise lief einer, auf den ich hatte verzichten müssen, um die gleiche Stunde nach Paris. Lyon trug sich in Nebeln, vielfach noch in Lichtern. Es gab viel Reisende, und bei mir zog gleich eine ganze Gesellschaft ein: zwei ältere Herren, der eine sehr schön gewesen, der andere sehr lustig geblieben, ein Herr von vierzig Jahren und eine noch wunderhübsche Dame mit einem schon siebzehnjährigen Söhnchen, der in einem großen, weiten Eisbärpelz schier zerging. Sie waren guter Dinge, und kurzweilig kündete sich meine Fahrt. Der lustig Gebliebene lachte über eine Komödie aus der „Illustration“, und die Weise, in welcher der schöne Nestor der Dame aus ihrer Jacke half, sprach Bände für seine Vergangenheit. Als sie das erste Mittagessen wählten, wählte ich auch das erste Mittagessen, und im Speisewagen behielt ich sie erst recht im Auge. Die Dame trug eine Bluse aus weißer Chinaseide zu einem grauen Rock. Ihre schlanken Füße in den hellen Strümpfen und den offenen Schuhen hatten eine feste Art aufzutreten. Munter speiste sie, trank munter Wein, derweil sie munter sprach, und blieb zart und blaß dabei wie eine Narzisse. Das Reizendste vielleicht war doch ihr Mund, der, ein bißchen schief gezogen, ein bißchen schmerzlich, eben diese Schmerzlichkeit jener leisen Verzogenheit verdankte. Es war ein schwärmerischer, bitterer, glückseliger Mund, man wußte nicht recht, wie er sich zu ihrem lebhaften und sicheren Wesen verhielt. Aber sie war sich bewußt, glücklich zu sein.

Vor den breiten Scheiben floh eine Landschaft dahin, die mich nicht fesselte. Hin und wieder Hügel, von Schnee gestreift: der Winter, mir von jeher verhaßt, der von der Erde Besitz ergriff, und ein toter, mißgelaunter Himmel. Lieber sah ich zu jenem Tische hin. Als sie dort Kaffee nahmen, nahm ich auch Kaffee, denn ich wollte erst aufbrechen, wenn sie aufbrechen würden. Mein Eckplatz befand sich an der Seite des Ganges. Dort pflanzten sie sich bei ihrer Rückkehr auf; sie setzten sich nicht gleich herein, aber sie blieben bei mir, und ich hörte alles, was sie sagten. In aufgeregtester Debatte standen sie beisammen: denn das Essen hatte nichts getaugt. Dieses Fricandeau, was das wohl hatte bedeuten sollen? Gab es Worte für so unzulängliche Kartoffeln und eine so nichtssagende Omelette? „Cependant les petits pois“, sagte der Mann von vierzig Jahren ... „Les petits pois étaient bons“, sagte die hochstielige Narzisse. „C’étaient ma foi d’excellents petits pois“, sagte Nestor. „Ils étaient même étonnants“, sagte mit großem Ernst der lustig Gebliebene. Das Söhnchen hatte im Speisewagen sein Zigarettenetui vergessen, kam jetzt herzu und sagte lebhaft: „Il n’y avait de bon que les petits pois.“ Und nun wurde noch eine ganze Weile intensiv, wie in den Wandelgängen der Kammer, über die, wie mir dabei kund wurde, keineswegs leichte Kunst der Erbsenzubereitung verhandelt. Von den Erbsen kam man auf die Wicken, von den Wicken auf die Gewinnung des Lavendels. Der echte ist sehr schwer vom wilden zu unterscheiden. Nestor, müde vom Stehen, nahm als erster wieder Platz. Er fragte mich, ob mich der Rauch nicht störe, und mein „oh non“, die einzigen Worte, die ich an diesem Tage sprach, wollte sagen: „Kommt alle herein, setzt euch. Ich bin entzückt.“

Das Geheimnis der Franzosen, was ist es, wenn nicht, daß sie bei so starker Animalität so wenig materiell sind. Hier ist der Schlüssel zu ihrem Wesen wie zu ihrer Kunst. Es ist der Augenblick, der, wenn auch nicht verweilen, sich voll auslösen darf, weil er nie vorgreift, auch wo er überfließt, und weil sein Rhythmus sich genügt. Unüberlegtes Volk, tragisch in seiner Kindlichkeit. Wem würde es einfallen, die Deutschen Kinder zu nennen? Frankreich ist der Wein der Welt, Deutschland wäre aller Brot, wenn es doch endlich die Dinge treiben ließe.

Ich kann freilich nicht verlangen, daß ein Militarist von dem, was hier gemeint ist, auch nur ein Wort versteht. Denn Militaristen sind Geschöpfe ohne Hirn, an sich also nur grotesk. Allein, solche Wesen ohne Kopf durften sich zu Herren der Welt erheben, und streben vollen Ernstes, es noch einmal zu werden. Auf die Weise zwingen sie denkende Kreaturen, im Harnisch zu bleiben und weiterhin zu buchstabieren.