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Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen

Chapter 5: I
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About This Book

Die Sammlung versammelt Erzählungen und Skizzen, die lebhafte Porträts salonfähiger Bohème, spitze Gesellschaftssatiren und feine Beobachtungen von Kunst, Musik und Reisen verbinden. In kurzen Prosastücken schildern Familien- und Beziehungsgeflechte, soziale Intrigen — etwa die Inszenierung einer jungen Sängerin zum Engagement — und exzentrische Charaktere; hinzu kommen atmosphärische Reise- und Stadtminiaturen, Reflexionen über Malerei und Bühnenkunst und lakonische, bisweilen ironische Betrachtungen über Zeitgeist und Eitelkeit. Der Ton wechselt zwischen heiterem Spott und nachdenklicher Empfindsamkeit, getragen von präziser Stilistik und psychologischem Gespür.

Varramista

Für Zeb-On-Nissa

I

Durch die Abgetrenntheit der letzten Jahre sind die Völker in allen ihren Eigenheiten charakteristischer sie selbst geworden, als sie es vielleicht je im Laufe ihrer ganzen Geschichte gewesen sind. Alle ihre Äußerungen tragen ein so lokales Gepräge, als ob keine Eisenbahnen wären, und sie sind so stark mit sich selbst beschäftigt, daß ihnen, was sie vorstellen, in demselben Maße entgeht, wie den Außenstehenden, was sie sind. Man muß heute die Nationen aufsuchen, um sie zu begreifen. Der Faszismus spricht italienisch, nur italienisch. Mit dem Auslande, in dem er so viel von sich reden macht, befaßt er sich herzlich wenig. Die faszistischen Zeitungen interessieren sich ausschließlich für die Patria. Kinderkreuzzügler nannte ein florentinischer Witzbold die Faszisten. Wem aber fiele es im Ausland ein, sie so zu benennen? So oder so ist die Bezeichnung vorschnell gewesen; aber mit den Leuten um Hitler oder Leon Daudet sind sie fürwahr nicht zu vergleichen. Die Camiccie nere sind vielmehr wie ein helles Mantelfutter, das nichts von seiner ominösen Außenseite weiß. Ja, die Völker sind heute charakteristischer sie selbst, und was die Italiener angeht, so stieg der Schmutz ihrer Dörfer noch nie so hoch. Dabei hat die Reinlichkeit der italienischen Villa und der Palazzos eine Blume und Poesie, zu der gehalten die Sauberkeit der sauberen Länder gar nüchtern und langweilig erscheint. Aber zwischen den Herrenhäusern und den Behausungen des Volkes ist kein Übergang. Wäre ich Faszist und hätte mit einer Handvoll Leute den großen Kehraus vorgenommen, und wäre ich als neuer Besen in meinem Lande aufgetreten, ich wüßte, was ihm noch obläge: mit eisernem Griffe in alle Straßen und Plätze und Straßenecken hineinzufahren, deren Anblick, deren Befund meinem gesteigerten Nationalgefühl (wennschon) allzupeinlich wäre.

Allem Gottesgnadentum und allen Servilismen zum Trotz waren zwar nicht der Verfassung, wohl aber der Anlage nach diejenigen Länder im vorhinein, bevor es eine Demokratie gab, demokratisch, in welchen das Dorf und die Kleinstadt ihre Blüte erfuhren und der „kleine Mann“ in einem würdigen statt ungefähren Rahmen seine Tage verlebte. Aber eine Hochkonjunktur herrlicher Paläste und herrlicher Dörfer zugleich ist noch nicht dagewesen, und die einen gingen noch jederzeit auf Kosten der anderen. So die, wie in einer Spieloper blitzblanken Ortschaften der heutigen Schweiz, des gestrigen Zentraleuropas, der skandinavischen Länder: als müsse unverweilt eine Musik von Boieldieu einsetzen, oder Zerbinetta, zum Tanze geschmückt, warte nur auf ein Zeichen, um hervorzutreten. Und doch, wie ausdrucksvoll, wie interessant ist gerade der Kopf der Contadina, ihr verlorenes Profil unter dem kleidsamen Schleier, der übrigens das Glanzstück ihres sonntäglichen Staates geworden ist. Sollte er den Faszisten nicht einen Wink bedeuten, zu einer Hebung einer progressiven Aufklärung des niederen Standes zu schreiten? Wie brach liegt da ein weites Feld vor ihnen, denn von ihnen, den Faszisten, reden wir! Der große Anhang, den sie im eigenen Lande fanden, hat seinen besonderen Grund: Die Bewohner der Dreckshäuser, deren Fenster wie schwarze Löcher den im Auto Vorbeisurrenden anstarren, wissen es seit vielen Jahrhunderten nicht anders, als daß es Paläste gibt in ihrem Glanz – und ihre eigene Unterkunft mit all dem Unrat, der sie umgibt. – Sie wissen es nicht anders. Der Gedanke an eine Verschönerung der Lebenshaltung, des Rahmens, in welchem sie sich abspielt, liegt noch weitab. Sie wissen es nicht anders. Hier liegt der springende Punkt. Der Italiener aus dem Volke ist höflich, ohne servil zu sein, er wäre sehr bildungsfähig. Vorläufig ist er leicht erregbar und wild. Der Tiefstand seiner Kaste beruht nicht auf Unterdrückung, sondern auf Vernachlässigung (wie überall hat sich der Bauer schwer bereichert). Nichts ist von so grausamer Trauer wie die italienische Ebene, als wüßte auch die Natur von diesen trostlosen Dörfern. Die Grausamkeit nicht nur der Natur, auch des Lebens selbst brütet über ihre herbstlichen Felder hin. Welkes Weinlaub schlingt sich da von Stock zu Stock, Kränzen gleich über eine Erde hingeworfen, die nur ein Friedhof ist. Wie lachend ist Zentraleuropa, verglichen mit der Straße, die nach Pisa führt! Der Bolschewismus aber in dem sozial so unbalancierten Italien hätte Europa den Rest gegeben. Eine solche Verfinsterung und Vergiftung seines Blutes so nah an seinem Herzen hätte es nicht ertragen.

Fahrten durch italienische Dörfer oder den piccolo borgo boten jedesmal dasselbe Bild: in den Hauptstraßen, und war es noch so spät, stand eine aufgeregte und heftig gestikulierende Menge, von Fahnen umweht (ich sah drei Wochen hindurch die Ortschaften nie anders als beflaggt, alle Fenster bewimpelt). Der Grad der Erregbarkeit dieses Volkes war unschwer zu ermessen: es in die Hand nehmen und auf die Schlösser losmarschieren lassen, um den Besitzern Ovationen zu bereiten, war ebenso leicht, wie dieselben Scharen denselben Weg, jedoch als ebenso viele Brandstifter anzuführen und den Conte oder Marchese niederzuknallen. Als ich den beängstigend langen Zug die Zypressenallee heraufziehen und im Scheine der Fackeln den Riesenperystil und die Boskette belagern sah, glaubte ich wieder alle zu erkennen, die so oder so hätten sein können: bestialische Mörder oder fanatische Beschützer dieses Padrone di casa, der mitten in seinem pranzo unterbrochen und hervorgeholt wurde (just als sollte er aufgeknüpft werden) und – nicht ahnend, daß er noch schutzbedürftig sei, die Evvivas, Alas alas, alalas! seiner Retter schnell gefaßt mit einer Ansprache quittierte. Und dann flossen Ströme von Chianti. Und so machte der Faszismus Karriere. Kunststück! Es ist wahr, daß er Italien gerettet hat. Laßt ihm noch seine kindliche Erpichtheit, es nachträglich Wort haben zu wollen. Das indolente Rom träumte in den Tag, als es plötzlich, von seinen anrückenden Befreiern aufgeschreckt, schnell die Schienen aufriß und sich wie hinter Zugbrücken gegen sie verschanzte. Ohne bedroht gewesen zu sein außer von seinen Befreiern, ward es dann sehr peremptorisch befreit und es gab über Nacht eine Roma Liberata.

II

Wieder fuhr ich zwischen den hohläugigen Häusern der Dörfer dahin, auf der Straße, die nach Pisa führt. Von der aufgeweichten Erde war das Auto überspritzt. Man hätte die Sonnenstrahlen fangen mögen, so schnell erbleichte ihr Gold und schöpfte der Sturm wieder Atem. Denn am Himmel war Krieg.

Die plötzlich auftauchende Gestalt eines Camiccia Nera schreckte mich da – Halt gebietend – aus meinen Novemberträumen. Er streckte den Arm vor mir aus, wie ihn die Legionen des Cäsar zum Gruß ausgestreckt haben sollen, und mit den Worten „Capitano Fascista“ schwang er sich theatralisch und elegant, aber ohne weiteres neben den Chauffeur.

Ich war wieder einmal gerettet.

Und weiter ging’s: rechts der Berg von Lucca, in seiner Vereinzelung die wühlende Trauer dieser Ebene noch mehr akzentuierend. Seitwärts starrte auf halber Höhe das grausame Weiß von Carduccis Heimatsort. Wer mochte diese Felder bis zu ihrem Ende durchmessen? Führte denn ein Weg hinauf zu diesem grellen und gewürfelten Kranz von Mauern? Bogen nicht alle Straßen von ihnen ab?

Mein schlammüberzogener Wagen indessen gelangte nach Pisa, und von neuem, Gott sei Dank, waren wieder Paläste zur Rechten und Paläste zur Linken, oder sogar mitten auf die Straße gestellt, wie um sie zu versperren. Unter einem geklärten Firmament wurde sodann das Grundstück aller Grundstücke erreicht, auf welchem der Campo Santo und die Kathedrale, der schiefe Turm und das Battisterium zusammen stehen.

War ich zwischen den hohläugigen Häusern so vieler Ortschaften gefahren, um unvorbereitet und unvermittelt zu diesen schwebenden Kolonnaden, diesen singenden Säulenreihen emporzusehen, die kein Spiel der Phantasie, kein Abbild je vorwegnehmen könnte? Zum Schächer hatte mich der Anblick all der Dörfer herabgedrückt, dem aber nun die Verheißung sich erfüllte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“

Was begab sich hier und was vernahm das überwältigte Gemüt? Was für Knospen bersteten ihm? Welches „Sesam, tu dich auf!“ ließ Pforten der Hoffnung in ihren Angeln drehen? Ich setzte im Sturm über die Stufen des Turmes, den roten Streifen am Himmel und der spürbaren Nähe des Meeres entgegen. In der Nacht trieb es mich noch einmal zurück. Der Mond war aufgegangen. Der sonst so Teilnahmslose schien mit einbezogen. Auf mein Wort, er spielte voll herab. Ein Campo Santo, eine Kathedrale, ein schiefer Turm? Oft vernommene Worte! Was bedeuteten sie? – Die Harmonie der Sphären, es ist die Sphärenharmonie, von welcher dieser flache Rasenplan mit diesem schiefen Turm, diesem Dom, diesem Battisterium verhaltenen Atems rätselhaft erdröhnt.

Hierher, ihr Kommissionen! Unter diesem Himmel würdet ihr nicht vergebens tagen. Es ist der Himmel desselben Landes, das mit einer solchen Vergangenheit, in Rom das Denkmal Viktor Emanuels, diesen giftig weißen Höllenbraten, ansetzte und heutigentages keine Maler, keine Architekten mehr erzeugt. Wäre es nicht wichtig, die Gründe hierfür zu suchen? – Der Zauber italienischer Kunst lag in ihrer Gedanklichkeit. Weltumspannendes zieht seine Linien in den Madonnengesichtern und macht sie noch zarter, zerbricht sie fast. Wo ist die Seele hin des Jacopo della Quercia oder jenes Ignoto Fiorentino, dessen Bild in den Uffici hängt? Die abgründigsten Stellen der Chaconne von Bach greifen nicht tiefer. Welche Beziehung zur Unsterblichkeit! Und was für Italiener sind das gewesen?

Auch um Siena aufzusuchen, wählte ich eine Vollmondnacht. Der Zug stieg wie zwischen hell beschienenen Vorhöfen des Himmels an, von immer frischeren Winden umstrichen. Und bei der Ankunft ging es erst recht aufwärts, die lange Stadtmauer entlang, zur steil gewundenen Via Cavour, die zur Linken, mit allen Schauern, die herrliche Piazza del Campo in der Versenkung hinter sich läßt. Die Cafés waren noch offen, festlich trieb der fahnenumwehte Faszismus unter dem mitternächtigen Mond. An einer besonders stolzen Kreuzung von Palästen, Standbildern und Säulen warf mich ein pestilenzialischer Gestank aus der Ekstase. Die Spaziergänger schienen ihn nicht zu bemerken. Gemütlich wogte der Korso an einer Passerelle auf und nieder, die zwischen Negerkabusen noch ein Skandal gewesen wäre.

 

Schauderhafte alte Kokotten kamen die Wunderbauten entlang. War dies das Siena, zu dem ich wie auf Knien gepilgert war? Die Gassen stiegen in ehernen Schleifen zwischen den senkrechten Palästen empor, und es war, als müsse sogleich ein Gipfel, eine Fernsicht kommen. Aber der höchste Platz war ganz von Zinnen und Arkaden und Türmen umstellt, und nur sie und der Dom sahen ins Weite. Er thronte in der Mitte, und seine überladene Fassade (mauvais gout du XIVe oder Restaurierungen?) konnte die Schönheit des Ganzen nicht beeinträchtigen. Ringsum war Leere. Ich stand allein. Unten in der Via Cavour blieben die Cafés noch lange überfüllt, die Lichter und Fahnen in ihrem Braus, und der Gestank der Passerelle inmitten des elegantesten Viertels tobte nach allen Richtungen.

Ich durchschritt ein anderes Siena freilich als das, welches seine Pracht entstehen sah. Allein die Verwandtschaft war nur suspendiert und jederzeit wieder anzutreten. Das reizvolle Lokal, einem hohen Gewölbe ähnlich, in dem ich zu Mittag aß, war von poetischer Sauberkeit, in Zartheit und Geschmack. Ich verließ Siena wie im Traum. Kein Zweifel, es war noch sein altes Tageslicht, derselbe getönte und schweifende Himmel hüllte es ein wie dereinst. Was aber war heute von der großen Gemeinschaft der einstigen Meister Italiens geblieben? Nur ganz vereinzelt, ohne Gefolgschaft der inneren Vereinsamung anheimgestellte Künstler, wie hier Gabriele d’Annunzio, dort Ferruccio Busoni. Der Rest ist die Leere der Straße, die nach Pisa führt. Und der Grund? – Ich will ihn euch ins Ohr sagen: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, und Italien war mit Athen, mit Byzanz und dem germanischen Norden aufs bräutlichste vermählt. Wie ein Baum trat es in die überschwenglichste Frühlingspracht. Man reiste damals langsam, es ist wahr. Und dennoch entblühten das Tuchersche Jagdschloß zu Nürnberg, Maria im Gestade zu Wien und die diminutive Maria della Spina zu Pisa einer selben Familie. Denn das nationalistische Schisma hatte noch nicht – in entgegengesetzter Richtung – den Wettlauf mit den Blitz- und Orientzügen aufgenommen. Und für die verheirateten Völker bestand noch nicht, wie heute, die Gefahr, daß die einen in Problematik verarmen und sich zermürben, die anderen in Gesten und Parolen sich exteriorisieren, jedes auf seine Weise sich überschlagen und auf toten Geleisen sich heiß laufen würde. Der Hain der Musen war noch nicht zu einem Theater abgeholzt, auf dessen Brettern die Auftretenden in ihre eigenen Kulissen hineinreden und die Geltung ihrer Worte immer mehr zerschichtet sehen. Die Talente, die noch treiben, dürfen uns über die um sich greifende Wüste, die uns alle bedroht, nicht hinwegtäuschen. Zwar ist der vielgenannte „Untergang des Abendlandes“ kein Begriff, sondern nur ein willkürliches Postulat. Aber die kurzsichtig sich aufwerfenden Abendländer drängten den Gedanken des Abendlandes ganz und gar zurück, statt in ihn einzugehen. Die Vorherrschaft bald dieser, bald jener Abendländer hat die Verwirrung angestellt. Auf diese Abendländer, statt auf ein Abendland, das außer Kraft gesetzt wurde, wäre diese These zu stellen, statt mit einer These, die es nicht gibt, die Unnachdenklichen zu verführen und die Begriffe noch mehr zu verheeren.

Aber laßt mich zurückkehren zur hochgelegenen Villa, die Carducci besang, die sich stolz abkehrt von den Feldern, welche sie beherrscht, und ihre Pinienhaine und Boskette im Auge behält. Laßt mich euch eine Geistergeschichte erzählen, wie ich sie in diesem Hause erlebte.

III

Ich wohnte zur ebenen Erde in einem großen Saal. Die Wände, die vielen Stühle, das Riesensofa, das weite Himmelbett in gelbem Damast ausgeschlagen, sie und die venezianischen Spiegel waren reinstes achtzehntes Jahrhundert, wie ein Bild von Ghislandi. Nur das schwervergitterte, übrigens einzige Fenster, merkwürdig zur Seite hinausgerückt, fast in die Ecke gedrängt, entstammte einer früheren Zeit. Die eine Tür ging auf die Halle hinaus, die andere in ein kleines Kabinett, als Ankleideraum gedacht, der rechts an das Badezimmer, links wiederum an eine winzige Türe stieß, von welcher unmittelbar eine geheime Treppe in vielen Windungen zu den oberen Stockwerken führte. Man sieht: ein getrenntes Appartement, und nur durch das saalartige Schlafzimmer so groß. – Zwischen den thronartigen Sesseln ragte der prachtvolle Kamin, dessen Feuer mich entzückte. Es war November und regnete immerzu. Doch herrschte keine Kälte. Ja, eine Schlange ringelte gleich den Parkweg heran, als ihn die Sonne eines Morgens beschien.

Schnell aber füllte Dämmerung den Saal. Der gelbe Damast, von unnachahmlichem Gelb, an manchen Stellen zerschlissen, war er doch so kostbar wie alt, und der Baldachin mit seinen schweren, etwas zerfransten silbernen Troddeln, sowie das Bett, die Stühle, die Spiegel schienen dann alle auf Menschen und auf Dinge zu warten, sie, für welche Menschen und Dinge doch so Vergangenes und Abgelegtes waren. „Es geisterte hier“, hörte ich flüstern. Mir aber brauchte man solches weder zu verheimlichen noch zu verraten. Ich sehe es einem Zimmer sofort an, auch wenn Morgenlicht es verklärt und Vögel vor dem Fenster trillern, ob es wacht oder schläft in der Spanne zwischen Nacht und Tag. Denn nie verscheucht die Sonne seine Wolken, seine Schatten ganz, und immer bleibt ein solches Zimmer ernst.

Rita hieß die Schwester des Herzogs; sie schien aus einem Raume nicht zu gehen, sondern leis und leidenschaftlich zu entschwinden.

Man ging früh zur Ruh’ in diesem Hause. Aber sie pflegte noch zu mir hereinzukommen und die zurechtgelegten Reisigbündel und die Pinienzapfen anzustecken. Dann rasten die Flammen, und wir plauderten. Mir bedeutete die Zeit, die sie verweilte, eine Frist, denn die Nacht, kaum angebrochen, war noch lang und das Lächeln, mit dem ich sie endlich an der Schwelle verabschiedete, durfte so verzerrt sein als es wollte, reichte doch der Glanz der Kerzen kaum über den Tisch, und eine andere Beleuchtung gab es in der Villa nicht. Weit stärker war der Schein des Feuers, das hin und wieder zusammensank, dann aber, wenn neue Scheite in Brand gerieten, den Stühlen ihre gelbe Sonnenfarbe wiedergab.

Ich hatte die Türe hinter Rita noch nicht geschlossen und mich dem Saale noch nicht zugewandt, da fühlte ich schon sein Dunkel ganz ungeteilt im vollen Braus, wie ein Orchester, das nur auf das Zeichen wartet.

Eine Stunde oder mehr starrte ich ins Feuer, bis die kleine Tür zu der geheimen Treppe allzu knisternd erbebte, in ihrem Drange sich zu öffnen. Ich ging auf sie zu, sie versank in Stille, ich trat zurück, von neuem atmete ihr Griff. – Dem Feuer abgewandt, behielt ich sie jetzt im Auge. Sie endlich fröstelnd selber öffnend, steckte ich die Kerzen vor dem Spiegel an und machte mich langsam bereit, das hohe Baldachinbett zu besteigen, das belagerte! Nur von einem kleinen Teil desselben war die damastene Decke zurückgeschlagen; links fast in Armeslänge die Wand, die rechte Schulter aber dem Sturme ausgesetzt und unbeschirmt inmitten der gesteigerten, immer mehr sich verstrickenden Luft. Trauer wogte und trieb heran. So werden lachlustige, lachbegierige, stets nach einem Anlaß zu Gelächter dürstende Lippen in sich zusammensinken, einfallen in Ernst und Bitterkeit, wenn ein noch so ferner Reflex von einer Welt sie trifft, die kein Lachen zu kennen scheint. Und der Gedanke an sie kann sich hinstürzen über uns, gegen uns ausgestrahlt, uns ganz zu seinem Brennpunkt nehmen und besitzen.

Rita pflegte die Stühle wie für Besuche um den brennenden Kamin zu stellen; sie maß ihn vom Baldachin aus, der Zwischenräume halber, die zu belassen waren, auf daß ich das Spiel der Flammen frei genoß. Hochaufgerichtet starrte ich sie an. Ein Nichts, der Bruchteil eines Nichts, und ich würde sie erblicken die Gestalten, die, so schien mir, in den alten, den wohlbekannten Stühlen saßen, dem Feuer zugekehrt, oder vielleicht mir, die so hinstarrte zu ihnen. Jetzt – jetzt – was vermaß ich mich so auszuschauen? Und fühlte ich nicht schon allzu deutlich den Saal ins Grenzenlose schleifen, und dieses ungeheuere Bett? – Was fehlte noch, daß ich die Griffe faßte, die so geisterhaft auf meiner rechten Schulter lasteten, und daß meine Finger die Schleier befühlten, die an meinem Nacken sich verankerten, Schatten, von allen Seiten auf mich zugewallt. Bis ich aufsprang und die Sessel am Kamin aus dem Gesichtskreis rückte. Aber all die anderen, längs der Wand angereiht, lebten sie minder auf? Was ließ mich zuletzt die Pfosten des Baldachins umschlingen, meiner blinden Zeugenschaft ganz hingegeben, ihr immer mehr entgegengleitend –

O schattenschwere Novembernächte!

Wohl konnte es sein, daß sich da sachte die Türe öffnete und, ihre Kerze vorantragend, Cassilda schüchtern hereinsah: nächtlichen Haares im langen Nachtgewand, fast rätselhaft in ihrer Anmut, schwang sie sich auf das goldene Bett. Es war ihr Eigentum wie dieses ganze Haus.

„Wie schlecht man schläft in meiner Villa!“ seufzte sie und sprach über ihr Leben. Und ich hörte zu.

Jedoch der Übergang zu ihr schien mir beschwerlicher als sonst; und lebendiger freilich, doch scheinhafter auch dünkte sie mir; und wesenhafter jene Schatten als wir beide, der Weg zu ihnen der direktere, wenn auch ungangbar; und unsere Gemeinschaft wie unser Zusammensein, ob es auch alle Saturnalien des Todes in Nichts zerstreute, war ephemer; Cassildas Nähe war illusorisch. Denn unübersteiglich dumpf und trennend war die Welt der Körper. Die ganze Kälte und Abgetrenntheit, der sich jedes einzelne Wesen überantwortet sieht, ging mir auf, während Cassilda sich schläfrig redete und dann vom Bett herunterstieg, um ihr eigenes Zimmer wieder aufzusuchen.

Nacht für Nacht verging in dieser Weise: erst der ausgedehnte Abend mit Rita, welche die Scheite und Pinienzapfen entfachte, unser Abschied an der Tür, sodann das lange Gegenüber, das schweigsame Duell bis zu den Morgenstunden, der schwere Schlaf bis in den Vormittag. Zuweilen das Auftreten der ruhelosen Cassilda, unsere Gespräche unter dem Baldachin, bis sie den Fuß zu Boden setzte und mich verließ. Ich merkte die Kurve jener Nächte nicht sogleich, noch das verminderte Grauen, mit welchem ich mich dem Saale zurückwandte, wenn Rita entschwand, noch daß mein streitsüchtiger Arm erstarkte. Sondern wie ein Stoß traf mich die aufgekeimte Sympathie. – Es war nicht nur die Müdigkeit, welche das Auge immer erloschener in den Tag hineinsehen ließ, den ohnehin so trüben Novembertag. Sondern sie hatten auch ihren sehr vernehmlichen Lockruf, diese Nächte, und ihre gefährliche Lust. Wie löste sie den blinden Drang, nur ja zu leben, nur ja nicht zu sterben, wesensverschieden von den Gestorbenen zu sein! Und nun – statt des Sturmes und der Furcht – orphische Schwingungen herüber und hin. – Aber plötzlich, war es Ungeduld, Widerwille oder Scheu? – zerriß ich alle Fäden, die fein wie Spinnweben nach mir zogen, und von einer Stunde zur anderen war ich entschlossen, diesem Hause zu entfliehen. Um Mittag stand mein Koffer bereit, triumphierend hatte ich ihn abgeschlossen; da ereignete sich ein Zwischenfall, der mich noch für eine letzte Nacht in diesem Zimmer zurückhielt und zugleich meinem Aufenthalt in der „Italia liberata“ einen unerwarteten Abschluß verlieh.

IV

„Heute wird nicht gefahren!“ rief Cassilda in den Saal, „es sind vier deutsche Studenten angekommen, zu Fuß, von Rom. Und wie abgerissen sie sind! Aber ihre Schuhe werden im Dorfe frisch besohlt! Sie übernachten in der Fattoria, und sie wollen uns vorsingen heute abend.“ Ihr melodisches Lachen hatte einen metallnen Sprung wie eine Glocke. „Nein, wie sie essen können!“ brach sie aus.

Mein erster Impuls war, mich vor diesen deutschen Studenten zu drücken. Ich fand es nicht am Platze, ich fand es nicht an der Zeit, daß sie gerade jetzt und ausgerechnet dieses Land auf solche Weise bereisten, Obdach erbittend von Ort zu Ort, in Scheunen nächtigend (und was für Scheunen!) oder dann auf Gutsherrschaften nach dem Ökonomiegebäude mitleidig verwiesen. Konnte man besiegter auftreten? Zum Teufel auch! Man schuldete etwas seiner Vergangenheit! Entstammten sie nicht einem stolzen Volk? Es hatte nicht mit zagen Bettlerschritten auf diesem Boden vorzudringen gepflegt! Und war ihre Rolle nicht neu? Was besaßen sie für Gründe, sich so unschwer in dieselbe zu finden? Aber natürlich mußte ich helfen, sie zu empfangen.

Übrigens – dem einen oder anderen wurde wohl bei einem Baumeister auf dem Reißbrett zu schaffen gegeben; aber Studenten waren es keine, und ihre Naivität schien entschuldbarer, sobald man sie sah. Auch deutete nichts darauf hin, daß sie seit einem Vierteljahr zumeist auf dem Stroh italienischer Bauernhöfe schliefen, sondern sauber und adrett, ja schmuck, bei aller Dürftigkeit, standen sie abends zur Serenade aufgepflanzt, vornean der Lautenspieler, blond wie Dornröschen und das Gesicht schneeweiß.

Der Tenor mit seinem schmalen, fahlen und windschiefen Kopf schien auf ein romantisches Erlebnis mit Rübezahl zurückzuschauen und immer noch daran zu denken; der dritte glich auf ein Haar dem braven Knappen Fridolin, und nur der vierte, ein Magdeburger, war Realpolitiker.

Durch das offene Fenster leuchtete im Kerzenscheine der weiß gedeckte Tisch, Gläser, noch mit Chianti gefüllt, halbgeleerte Riesenschüsseln mit Makkaroni. Es war ihre vierte Mahlzeit. „Bevono poco, ma che appetito!“ berichtete der Verwalter. Sie standen in Hausschuhen. Ihres Stiefelwerkes hatte sich der Herzog angenommen. Bis zum nächsten Mittag sollten sie es gesohlt zurückerhalten. Cassilda war guter Dinge. Melodisch schlug die zersprungene Glocke ihres Lachens an. Die Luft war lau. Wir saßen in Tüchern und Mänteln um das Ökonomiegebäude gruppiert. Durch das immergrüne Laub der Bäume sah der Mond. Und das Konzert begann. –

Selten hatte ich etwas so Erschütterndes gehört. Wie aus einem Wunderhorn ergoß sich der Wohllaut dieser staunenswert geschulten Stimmen. Wälder fingen an zu rauschen, verzückte Büsche über den Vater Rhein gebeugt, Kähne von Wellen hoch emporgehoben, Seen der Gebirge; blanke Scheiben einer Herberge dem müde Gelaufenen entgegenfunkelnd ...

Es mehrten sich jetzt unter den Bäumen magisch angezogene Gestalten, sie traten näher, standen unbeweglich.

Ich achtete nicht mehr der Lieder, sie waren nur noch die Begleitung zu dem Sturm in meinem Innern. Wie aus einem tiefen Brunnen tauchte ich empor, als die Sänger innehielten. Man umringte sie, von allen Seiten kam Applaus. Der Nachtwind strich unter einem milden Himmel, Kerzenschein flackerte über den Tisch, welcher die Platten, den Chianti, die halbgefüllten Gläser trug; alles war wie in einer gesitteten, idyllischen Welt. Nur ließ der Magdeburger seine Kameraden nie zu Worte kommen.

Nach einer Weile wurden sie gebeten, weiterzusingen. Ich saß zwischen der Mutter des Herzogs, einer Französin, und einer jungen Deutschen in Schwesterntracht, die unter ihrem Häubchen mit runden Augen Welt und Dinge betrachtete. Der Lautenspieler mit dem schneeweißen Angesicht wartete auf ein Zeichen des Magdeburgers, bevor er in die Saiten griff. Die Aussprache der vier war nicht sehr deutlich. Nur das Wort Kikeriki kehrte jetzt nach jeder Strophe vernehmlich wieder. Plötzlich gerieten die Schatten unter den Bäumen in Bewegung; einige traten mit fast drohender Gebärde vor. Was ist das für ein Lied? fragte ich die kleine Diakonissin. Sie kannte es gut. Kikeriki sei der Spitzname der Italiener während des Krieges gewesen. Ein Kriegslied also! – Es schien ihr spaßig. Zum Glück ging seine Pointe unserem Halbkreis verloren, und es wurde geklatscht. Nur der Herzog sah wie mit versteinerter Pupille geradeaus.

Eigentlich schienen die drei den Magdeburger gar nicht zu mögen. Aber man erlebte jetzt ein Stückchen deutscher Geschichte: nämlich sie gehorchten ihm doch.

„Bis daß das Auge bricht, bis daß das Auge bricht“, hieß der nächste Refrain. Entgeistert lehnte der junge Lautenspieler an der Mauer, und ferne war sein Sinn. „Bis daß das Auge bricht, bis daß das Auge bricht“, sangen die vier, als läge in der Vorstellung etwas, worin sie schwelgten. „Comme c’est triste“, sagte die Mutter des Herzogs. Unter den Bäumen aber waren keine Schatten mehr zu sehen.

„Ich verstehe nur die Ritornelle“, sagte ich leise zur Diakonissin.

Die war schon wieder im Bilde. „Schießen tun sie, bis daß das Auge bricht“, sagte sie und lachte schelmisch. Sie fand nichts dabei. „Bis daß das Auge bricht“, sekundierte die Laute mit unerhörter Melancholie. Dann schloß das Konzert mit einem Hoch auf den Herzog. Ich mußte noch hören, wie der Magdeburger ihm versicherte, sie fänden überall eine so gute Aufnahme; bei den Bauern jedoch würden sie erst gefragt, ob sie wirklich Tedeschi seien, denn wenn sie Francesi wären, wiese man sie vor die Türe. Über diesen seinen Beitrag zur Politik war er sichtlich befriedigt. Cassilda lachte. Ihr konnte es egal sein. Mir war es zuviel. Ich floh in den Park. Sein Dunkel nahm mich auf. Wie der rasende Ajax, ein pazifistischer Ajax, köpfte ich Sträucher, schlug auf die Hecken wie auf einen imaginären Konferenztisch, traf drakonische Maßregeln, untersagte und befahl. „Ich habe keine Lust an Völkern“, schrie ich die Pinien an. Und kein Angehöriger eines fremden Staates durfte mir auf drei Generationen bei Verlust aller Ämter eine Landsmännin heiraten. Noch am Traualtar war sie von seiner Seite zu reißen. Wie besinnungslos fuhr ich in die Äste, teilte das Gezweige rings um mich her, als sähe ich schon hier in diesem Lande die Mädchen nicht nur schön und liebenswürdig, sondern auch wieder versonnen, wieder unschuldigen Auges und gedankenvoll wie seine Madonnen von einst. Und als sähe ich schon berückend unkonventionell gewordene Französinnen, komplett aus der Art geschlagene Engländer und weltkundige Deutsche die ihnen verlorengegangene Welt nicht zurückerobern, sondern zurückgewinnen. Nichts stünde dann jener Stunde der Einkehr mehr im Wege, in der sich jede Nation auf die innerhalb ihrer Grenzpfähle begangenen Infamien, auf die Niederlagen ihrer Gerechten, auf die Triumphe ihrer Lügner und Verhetzer als der einzigen Schmach besänne, welche sie treffen kann. Das Tausendjährige Reich wäre jede Stunde einzuläuten. Aber es geschehen keine Wunder dem Verblendeten, um ihn der Hölle zu entreißen, die er sich bereitete. Noch immer litt das Himmelreich Gewalt.

Wo aber sah ich den Weisen, ach, der noch Hoffnungen frönte? Er kehrt sich ab, begibt sich seines Anteiles und glaubt nicht mehr an diese Welt. Doch wehe, sie ist die unsere! – Wie ihr heutiger Zustand Werk und Schlagwort einzelner ist, so könnte nur Wort und Tat einzelner ihre Rettung bereiten. Wenn sie auch nicht die Saat aufschießen sehen, die sie streuen, noch die Mühle, an der sie mahlen. Der Tod wird sie erlösen. Denn die Not dieser ohnmächtigen Zuschauer ist nur vergleichbar mit der des Schemen, das in seinem Drange, vielleicht sich kundzugeben, vielleicht zu rufen, doch ohne einen Laut, uns anblickt vielleicht, doch ohne gesehen zu werden, flehende Arme vielleicht nach uns ausstreckt, durch die wir schreiten als durch leere Luft. Wie vorstellbar war doch mit einem Male ihre heiße, verzehrende Wut!

Der Park war jetzt in Nacht versunken. Nacht hing an den Zweigen, kein Gesang durchbrach sie mehr, die Vögel, die Schlangen, die Bäume, sie waren eins, sie ruhten. In dichte Wolken hatte sich der Mond gebettet, kaum ein hellerer Schein dort, wo er schlafend lag. Unenträtselt fügten sich die Rhythmen der Gestirne, spielte sich dem Auge der Marsch der Sterne ab, geheimem Schlüssel entspannt.

Ich eilte dem Hause zu. Finster die Terrasse, leer die Halle. Wie lange war ich verweilt?

In meinem Saale aber entsandten die Flammen des Kamins ihren warmen Hauch bis zu den sonnenfarbenen Stühlen. Sie standen erwartungsvoll. Rita hatte es aufgegeben, auf mich zu warten, aber Spätrosen auf den Tisch gestellt; ein Rosenstrauch leuchtete im Schein des Feuers. Ich sah mich um. Von neuem rauschte draußen der Regen. Bitterkeit und Süße wellte jetzt empor und ließ mich die Arme ausbreiten. Zum Fest war die pulsierende Luft um mich her. Hoch ins Leere aufgerichtet unter köstlichen Schauern lauschte ich ihr von meinem goldenen Bette entgegen. Die im Park ausgekostete verwandte Qual, sie war es, die wie mit Leierklängen die Schatten dieses Saales versöhnte. Blumenleicht! Wie von Blumen war die Schulter umweht, milde und barmherzig unser Abschied, als seien wir uns teuer geworden.

Und ihr, meine Leser, seid ihr enttäuscht von meiner Geistergeschichte, weil sie tröstlich verklang?