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Chapter 10: Neuntes Kapitel Aus Speckels Tagebuch
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About This Book

An aging Alsatian pastor reflects on homeland, memory, and the ravages of war while wandering vineyard slopes and village paths. He remembers personal tragedies, including his institutionalized wife and a son returned from battle with nervous trauma, and models himself on a former pastoral exemplar as he contends with questions of belonging and cultural strife during the Great War. The narrative blends lyrical landscape description, local conversations, refugee scenes, letters and diary fragments, and episodes in Strasbourg and Heidelberg to examine regional identity, spiritual resignation, and the fraught overlap of private grief and communal upheaval.

Neuntes Kapitel
Aus Speckels Tagebuch

Ich frage nie beim goldnen Weine,
Warum im Glas die Perle glimmt:
Sei er vom Rhodan oder Rheine,
Genug, wenn er mich höher stimmt!

Ludwig Spach


Es ist der Entente gleichgültig und der deutschen Diplomatie unbekannt, daß mein Atelier einerseits auf einen Hof geht und andrerseits auf das Straßburger Münster schaut. Dort ist's eng, hier ist's groß; dort haust der Philister, hier das Genie.

Ich überlasse dem boshaften oder dem geneigten Leser, zu erraten, ob ich mehr dort oder mehr hier aus dem Fenster schaue.

Die drei Stockwerke sind reichhaltig. Von meinen Fenstern aus, ganz einfach vor meiner Staffelei hin und her wandernd, kann ich dort in die Zeitlichkeit, hier in die Ewigkeit blicken.

In der Höhe, über dem dritten Stockwerk, blüht ein Feldchen elsässischen Himmels. Punkt zehn Uhr hat sich die Augustsonne derart über die Straßburger Dächer und Schlöte herübergearbeitet, daß sie einen vollen Lichterguß in meinen Hof strömen lassen kann. Dann glänzt plötzlich mein Atelier in einer unerträglichen Helle; und auf meinen Pinsel legt sich ein so frech-vergnügtes Sonnenlicht, daß ich aufspringe und die Gardine zureiße. Aber auf diesen dramatischen Punkt hat eine Wolke hinter dem Telephonnetz nur so gelauert: jetzt wälzt sie sich feist und dick über den Hof; das helle Himmelsfleckchen ist verdeckt, es wird stockdunkel hinter meiner Gardine. Was muß da ein Mensch von gesunden Empfindungen anfangen? Aufspringen muß er, seine Arbeit unterbrechen muß er und die Gardine flammenden Blicks wieder aufreißen muß er. Das muß er. Wobei sich die Schnur verhudelt.

Ich brauche kaum zu bemerken, was nun folgt. Jeder Kenner Schopenhauers und der von Schopenhauer beschatteten Welt sagt sich mit bitterem Lächeln, daß schon nach einer Viertelstunde das oben gekennzeichnete viereckige Sonnenlicht wieder mit seiner ganzen verletzenden Grelle auf meiner Staffelei grinst. Und so geht mein Kampf mit der Sonne und um die Sonne oft Morgen für Morgen. Das ist halt der Straßburger Himmel. Das liegt so im Schicksal der Elsässer. Wenn ich gegen elf Uhr sämtliche Flüche aus Shakespeare verbraucht habe, etliche zwanzig Male von meinem Sitze aufgesprungen bin und erschöpft zu einem Spaziergang mit darauffolgendem Mittagessen davonwanke, so ist gemeinhin meine Gardine geplatzt oder die Schnur zerrissen. Alsdann benützt meine rüstige Wirtin meine Abwesenheit, um zu den Shakespeareschen Kraftworten, die noch überall in den Gardinen hängen, etliche Dutzend weit überlegener Straßburger Waschpritschen-Koseworte hinzuzufügen, wobei sie mich Wackes nennt, was doch eigentlich verboten ist. Eine wackere Frau!

Es ist traurig, daß man sich über eine Gardine aufregt. Aber ich kämpfe einen Künstlerkampf; ich kämpfe einen Kampf für Harmonie und Gleichmaß, gegen grelle Gegensätze und Überreizung, die ich nun einmal nicht vertrage. Und ich habe seit vorgestern ein Mittel gefunden, jene Gegensätze im Elsaß und am Fenster siegreich zu überwinden: ich bin ihnen einfach aus dem Weg gegangen. Ich habe nämlich kraftvoll meine Staffelei gepackt und bin vom Fenster weggerückt. Und als die Sonne nachkam, bin ich wieder gewandert. Und nun werde ich ganz gemütlich mit meiner Staffelei im Zimmer herumwandern, bei immer offener Gardine. Heute mal' ich zum Beispiel mitten im Zimmer und hohnlache nach dem Fenster hin, wo der Fußboden sich wieder von Minute zu Minute in den oben angedeuteten grellen Gegensätzen bewegt; ich arbeite mit Behagen, rauche meine Zigarette und führe mit Gemütsruhe den Pinsel; denn meine Leinwand wird weder so dunkel noch so grell, daß ich jemals in meinem Schaffen gestört würde.

Im übrigen — was gehen mich die Narrheiten am Himmel an? So wenig wie die am politischen Himmel. Kann ich eine harmonische Lichtverteilung vornehmen? Weder am Himmel noch in Europa.


Nachdem ich mich hiermit als Neutralisten jenseits des europäischen Narrenschiffes vorgestellt habe, lasse ich allerlei Beobachtungen folgen.

Auf meinem Hofe wohnt ein elsässischer Abgeordneter. Rechts, im zweiten Stock. Es ist ein Mann mit vielen Sorgenlinien im Gesicht, ein Mann, der oft einen Zylinderhut und immer einen Gehrock trägt. Er liest ganze Stöße von Zeitungen, hält sehr gern Reden, die reichlich mit »dürfte«, »sollte«, »wollte«, »möchte«, »in der Lage sein« und »nicht umhin können« gespickt sind; denn das klingt gut. Und er hat sich durch viel Übung und lange Gewohnheit eine jetzt nicht mehr zu verändernde Miene tiefsten Nachdenkens angewöhnt; die Gesichtsfalten können tatsächlich nicht mehr in eine andere Lage geraten, er sieht immer wichtig, schlau und nachdenkend aus, auch wenn er den größten Unsinn spricht oder gar nichts denkt.

Das letztere aber ist in der elsässischen Kammer ein guter alter Brauch.

Das Beste an ihm ist sein Sohn. Der kleine Braunkopf heißt Franz oder François und ist in jeder Beziehung das Gegenteil eines Abgeordneten. Man könnte ihn mit Recht einen Ungeordneten nennen. Er macht keine stilisierten Redensarten, sondern sagt zu aller Welt frischweg »du«; er hält keine Reden, wenn er über etwas empört ist, sondern springt seinem Gegner an den Hals, wirft ihn zu Boden und prügelt sich mit ihm herum, daß einem das Herz im Leibe lacht. Die Pförtnersfrau, Bielers Lehrbub und zwei Dienstmädchen kommen dann empört herbeigelaufen und trennen die Kämpfenden; ich aber oben auf meinem Altan zwischen den Lorbeerbäumchen hetze mit Kraft und Geschick auf die Gasse hinunter: »Pack' an, Franz! Hau' em de Buckel voll!«

Ich will offen bekennen, daß ich den Knirps mit Bewußtsein zu einem Raufbold erzogen habe. Obschon oder weil ich selber ein Mann des Friedens bin. Doch um so lieber schaut man Raufereien von ferne zu. Denn es geht elend fad und zimperlich in Bielers Haus und Hofe her. Daß die Mütter mich Ketzer durchschaut haben und mich als wunderlich hassen, brauche ich nicht zu versichern. Den drei heiratsfähigen, im Bon Pasteur gebildeten Töchtern des Abgeordneten bin ich ein Gegenstand des Greuels; der Monsieur Bieler und die anderen betrachten mich mit einem achtungsvollen Mißtrauen, kurz, es ist eine erquickende Nachbarschaft.

Dafür habe ich regelrechte Freundschaft geschlossen mit Kindern, Lehrbuben, Dienstmädchen, Hunden und mit dem sehr zahmen Kater nebst dem Papagei der beiden braven Schwestern Ehrmann.

Die Kinder tragen so ungekünstelte Gesichter zur Schau, babbeln so natürlich und offen hinaus, daß es mir ist, wenn ich in diese Welt schaue, als läse ich mein Lieblingsbuch, die Grimmschen Märchen. Die Gesichter der Erwachsenen in diesem Haus und Hof, besonders der Gebildeten, sind meistens Kitsch; sie glauben nämlich die reine Einfachheit und einfache Reichhaltigkeit des Schöpfers verbessern zu müssen; sie haben sich eine Menge von verlogenen Linien ins Gesicht gewöhnt, sie haben sich einen merkwürdigen Gang und eine ungewöhnliche Kopfhaltung zurechtgemacht; sie wissen, daß sie beobachtet werden, sie richten sich nach der Welt, sie hängen von der Welt ab. Den großen Schöpfer haben sie abgeschüttelt, der Gesellschaft aber haben sie sich unters Joch gebeugt. Nix für mich!

Mit der Mamsell Bieler und den drei jungen Damen ist das eine eigentümliche Geschichte. Ich habe ihre Kinderbildnisse gesehen; da waren sie noch lieb und natürlich. Heute gelten sie alle vier als »Schönheiten«; aber es ist Kunstpoesie, keine Volkspoesie; es ist sogar mehr Kunst als Poesie. Es sind Linien in ihrem Gesicht, die von berechnendem Verstande hineingezeichnet wurden; man liest ihnen Wohlerzogenheit, Pensionat, Höflichkeit, Tantenbelehrung, Konfirmandenunterricht, Salon- und Balleindrücke leicht vom Gesicht ab; ihre Gesichter sind Anschlagzettel und Programme. Leider sucht man in dem reichen und verwickelten Speisezettel vergeblich nach der Glanznummer, nach dem einen Worte, das alle andern auswischt und überflüssig macht. Unbefangenheit heißt das Wort.

Nebenbei radelt nur Lina, Susanne trägt einen Kneifer, und Lucie hat weder Rad noch Kneifer, wird aber beinahe als »Aschenbrödel« behandelt, denn sie muß immer kochen. Gute Lucie, wärst du nur noch viel mehr Aschenbrödel, mit langem Zopf und roten Bäckchen, denen man hinter der Tür einen Kuß gibt, wärst du nur ganz und gar Aschenbrödel! Von der Mamsell Jacqueline Bieler will ich nicht reden — — meineidi vornehm! Wenn ich nur wüßte — es würde mich anatomisch interessieren —, wie sie es macht, um die rückwärtigen Körperteile beim Gehen so entenmäßig zu bewegen! Sie hat natürlich einen modernen Faltenrock und Pariser Stöckelschuhe. Et elle barle français — daß ein Pariser die Wände raufklettert, wenn er sie hört!

Sie grollen mir alle drei bis vier, besonders die zwei ältesten. Ich bin natürlich Junggeselle. Und nachdem wir uns einmal gesprächsweise in der Aubette ein wenig angebiedert hatten — sie saßen zufällig neben mir, ich lebe sonst zurückgezogen wie eine Kirchturmdohle — wurde ich eingeladen. Das ist aber schon acht Jahre her. Es war ein glänzender Abend. Lina erzählte von ihrem Rad, und Susanne spielte Klavier und sang erbärmlich dazu; ich war taktlos genug, zu gähnen, mit dem kleinen Franz zu plaudern und weder Spiel noch Radfahren zu loben. Was soll ich mir Zwang antun? Kurz, sie grollen mir seit acht Jahren. Meine Ehrlichkeit ist ein Grund zu törichter Feindschaft geworden in dieser verkehrten Welt. Und wenn sie mir begegnen und eben noch einigermaßen natürliche Gesichter zeigten — einigermaßen! —, so treiben sie sich sofort eine ganze Expressionisten-Ausstellung von Unnatur ins Gesicht, halten den Kopf steif, schieben die Unterlippe vor, legen sich zwei strenge Falten an beide Seiten der Nase und nicken von oben herab. Ich bin ja weder körperlich noch geistig groß, muß aber doch die Lippen pressen, um nicht herauszuplatzen über diese närrische Gesichtsfälschung der zwei säuerlichen Jungfern.

Da spricht man immer von der Frauenfrage. Das Mitleid mit der armen unterdrückten Frau und der unverheirateten Jungfrau ist Mode geworden und Sport, wie das Mitleid mit dem Arbeiter. Warum spricht man denn nicht von der Junggesellenfrage? Wenn ich elend müde bin vom Wochentag und will einen rechten Sonnentag behaglicher Gemütsfülle und herziger Unbefangenheit aufsuchen, so werde ich — vor dem Kriege wenigstens, jetzt ist man ja vernünftiger — in eine »Soiree«, auf einen Ballabend und dergleichen eingeladen, wo unverheiratete Weibchen Jagd machen. Und als ich der Frau Geheimrat antwortete: »Verehrteste Frau Geheimrat! Entschuldigen Sie mich nachsichtig, ich bin weder krank noch verhindert, aber solche Abende sind mir zu langweilig« — da wurde mir die Dame komischerweise böse. Soll man denn lügen? Ich kann euch versichern, wenn meine Freunde — ach Gott, leider von der sogenannten Gesellschaft abhängige Referendare und junge Ärzte, die sich um solche Abende nicht drücken können — nachher zurückkommen und mich beim Gläschen Wein in einer versteckten Schenke treffen, so wettern sie auf den Tisch, atmen tief und rufen: »Gott sei Dank! Endlich einmal gemütlich!«


Ein paar Studienjahre hab' ich im oberbayrischen Bergland gemalt. Ein Bauernhäuschen gab mir Unterkunft. Weißgetünchte Wände, Heiligenbilder, ein einziger Stuhl, ein Schrank, ein Bett stellten mein Zimmerchen dar. Nicht einmal ein Tisch stand darin, die Tinte war vertrocknet; mit Bleistift schrieb ich meine paar Ansichtskarten auf dem Fensterbrett. Aber drüben, jenseits eines grillendurchsungenen Hochtales, wuchsen die malerisch köstlichsten Berge aus dem blühenden Gelände. Wunderbar ging dort die Sonne unter! Die Schneefelder waren Purpur, die Zacken erglühten wie die Zinnen einer Himmelsstadt. Am Berg hin säuselte ein Abendglöckchen, ein heimkehrender Hirte sang von der Höhe. Da war die Welt schön, groß und farbig ... Von Politik hat kein Mensch gesprochen.

Ich hatte nach der Arbeit meine Gitarre auf dem Schoß und griff Akkorde. Es war ein tiefer Genuß, in dieser erhabenen Welt voll großartiger Einfachheit zu malen und zu träumen. Ein hübsches Mädchen der Nachbarschaft, aus dem Försterhause, das allabendlich in unserer kleinen Küche Milch holte, hatte mir einige Griffe auf der Gitarre beigebracht. Ein rosiges liebes Mädchen, das nur immer meinte: »Ach, ich bin gar zu dumm!« und dabei hatte sie doch eine so feine Seele und das niedlichste Gesichtchen der Welt. Wir saßen dann, das alte Hutzelweiblein, das mich bewirtete, und des Försters Mädchen, in der kleinen Küche beisammen. Ich half Kaffee mahlen, wir plauderten und erzählten; ich war ungeschickt im Gitarrespiel, und sie verbesserte mich — das war ein »Gesellschaftsabend«, wie ich sie liebe. Manchmal kamen auch noch sonstige Burschen und Mädchen aus den Gehöften, oft prächtige Gestalten, Gesichter und Köpfe. Da war Rasse! Und wir hatten bei einigen Glas Bier einen unterhaltsamen Abend, bis draußen der funkelnde Mond über den Kuppen stand, so um elf. Ich selbst saß in Hemdärmeln wie die andern und hatte nur Filzpantoffeln an den nackten Füßen; sie saß auf dem kleinen Schemel, der Großvater im Lehnstuhl; und die andern hatten sich Holzblöcke aus Winkeln hervorgeholt. Wir sprachen über alles, über Gott und Welt, Stadt und Land, über Elsaß, Deutschland und Frankreich, über Norwegen und andre Länder, die ich bereist; denn wenn man nur die richtigen, schlichten, herzlichen Worte wählt, so läßt sich über alles sprechen mit diesen schlichten Leuten aus dem Volke.

Wenn sie dann alle fort waren und ich stand wieder allein an meinem Fenster und schaute noch einmal hinaus in diese wunderbare Mondnacht, so habe ich niemals mit einem »Gott sei Dank! Endlich gemütlich!« aufs Fensterbrett geschlagen. Wohl aber bin ich manchmal noch in den Garten hinuntergesprungen und habe mit Leni allein gekost und geküßt — sie war nebenbei die einzige, die ich jemals wahrhaft geliebt habe ... Vor fünfundzwanzig Jahren!

Seitdem ist die ganze Welt vergiftet. Ich kann mich nicht mehr zu Leni flüchten. Sie wird zwischen einem Rudel Kinder sitzen und bereits im Kriege gefallene Söhne beweinen ...


Ich habe zuweilen merkwürdige Anfälle. Vor einer Viertelstunde zum Beispiel sprang ich auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Tisch. Auf dem Tisch kreuzte ich die Arme und überschaute die Welt.

Ich hatte nämlich eine Schrift gelesen, die mich ganz außerordentlich ärgerte. Und in solchen Fällen fängt mein Blut so bedenklich an zu sieden, daß ich auf ungewöhnliche Weise die Harmonie meiner Seele wiederherstellen muß. Ich schmeiße dann die Schrift, Zeitung oder Zeitschrift — es handelt sich meist um Kunstkritik — mit Kraft und Schwung an die ziemlich hohe Atelierdecke; breit auseinanderflatternd und klatschend schlägt alsdann, nach dem natürlichen Gesetz der Schwere, das Papier wieder auf den Fußboden auf. Ich kreuze die Arme und gehe nun etliche Male mit Stampfen über den knisternden Wisch hinweg; und meine Seele hohnlacht über die Afterweisheit auf dem Fußboden. Bin ich einigermaßen beruhigt, so hebe ich den zerknitterten Schwätzer, der die Flügel lappen läßt wie ein toter Sperling, mit verächtlichem Mitleid wieder auf, halte ihn mit zwei vorsichtigen Fingern hoch und werfe ihn vollends in den Papierkorb. Dann bin ich wieder harmonisch und hab' die ganze, nunmehr gesäuberte Welt wieder leidlich lieb.

Vor einer Viertelstunde hatte mich eine hochnäsige Schrift über die moderne Kunst geärgert; der Mann sprach mit einem Obenherab von den Unsterblichen Michelangelo, Raffael und Leonardo, mit einer modernen Frechheit über Schwind und Richter, bewies so wenig Sinn für Abstände und so ganz und gar keine Ehrfurcht vor dem Großen, dieser Wurm und Werktagslehrbub — daß ich ihn mit wahrer Wut an die Decke sauste. Leider fiel er auf den Tisch, und da er auf dem Tisch passende Gesellschaft fand, eine Nummer des »Vorwärts«, genudelt mit Haß und Gift, eine Nummer einer konservativen Monatsschrift, triefend von Langeweile, und einen wirren Haufen von Kunstzeitschriften —, so bestieg ich ganz einfach den langen Tisch, reckte mich, schaute aufatmend ins Zimmer und trampelte eine Weile mit gekreuzten Armen auf dem gesamten Druckpapier hin und her. Napoleon bei Austerlitz! Die Sonne kam gerade um die Ecke und grinste dazu. Und Spitzwegs Geist streckte den Kopf mit einer weißen Zipfelmütze behutsam über die Fensterkakteen und kicherte vernehmlich.

Es ist das ein wenig verrückt. Indes, wir Junggesellen haben ja kein liebevolles, in nützlicher Nähe bescheiden an einer Stickerei sitzendes Weib zur Hand, dem wir unsere Gefühle in den Schoß schütten können. Wir müssen also unsere Zornanfälle etwas eigentümlicher entleeren. Wir plaudern mit Stühlen, werfen mit Tintenfässern nach dem Teufel, kämpfen mit Papier, schließen mit Kindern Kameradschaft oder bemalen Leinwand ... So hilft man sich halt in dieser bösen, bösen Zeit.

Manche meiner Freunde, ich gesteh' es, steigen nicht auf den Tisch, sondern setzen sich dran und schreiben Gegenartikel. Diesem Gewimmel von Knirpsen, die heutzutage das Papier bedrucken, gönnen sie Gegenartikel! Ich zucke die Achseln; meine Methode ist einfacher.


Man wird sich ohne anstrengendes Nachdenken sagen können, wie ich zu jener Völkerkeilerei stehe, die man jetzt Weltkrieg nennt.

Daß der Tabak schlechter und spärlicher wird, ist bedauerlich. Daß es eine Vorsehung gibt, wie mein Freund, der Vikar von Jung St. Peter behauptet, davon hab' ich Beweise. Denn dieses Gemetzel hat erst begonnen, als ich das dienstpflichtige Alter eben hinter mir hatte. Ich blieb auf meiner neutralen Höhe. Täglich wanderte ich an den Rhein, suchte mir ein nettes Landschäftel heraus und malte. Was soll man anders tun? Auch noch Leute umbringen? Das geschieht schon ohne mich mit allen Maschinenkünsten der Neuzeit. Oder ich porträtiere elsässische Stadtbürger und Offiziere der Generalität. Während der Sitzungen schimpft der eine auf die Preußen; mit dem plaudre ich über meine Studienjahre in Paris und Fontainebleau. Der andre hat gegen die Franzosen allerlei auf der Leber; den unterhalt' ich von meinem Aufenthalt in München und Oberbayern. In beiden Fällen rauch' ich meine Zigaretten weiter oder streife nach alter schlechter Gewohnheit den beschmierten Daumen am Kittel ab. Es gibt hüben wie drüben interessante Köpfe. Politik interessiert mich nicht.

Ich hab' ein paar tausend Bilder in meinen drei Zimmern und im Atelier aufgespeichert. Das ist meine Bibliothek und meine ganze Freude. Verkaufen tu' ich nicht. Nur wenn ich Geld brauche; und auch dann nur an Leute, die mir gefallen. Aber zeigen tu' ich gern. Da sperren sie dann die Augen auf, die Herrschaften aus Philistäa!

Wenn freilich der Redakteur vom »Elsässer« (e bissel giftig) und der von der »Straßburger Post« (ein gemütlicher Düringer) in meinem Atelier zusammenkommen, so gibt's Krach. Beide sind Kunstkenner und meine guten Freunde, können sich aber gegenseitig nicht schmecken. Der eine ist ein klerikaler Alt-Elsässer, der andre hat preußisch-protestantische Auffassungen. Da hilft man sich halt, wie's eben geht: wenn der Klerikale bei mir ist, häng' ich zur Warnung für den andern ein schwarzes Fähnchen ans Fenster. Und besucht mich der Preuße, so warnt solange Schwarz-Weiß-Rot. Beim ersteren Fähnchen sagen die Philister: Der Herr Speckel hat Trauer; beim andren fragen sie: Steht wieder ein Sieg in der Zeitung?

Soll ich mich in den Völkerhändel einmischen? Werden meine Landschaften dadurch duftiger? Oder meine Bildnisse ähnlicher?

Ich hab' eine närrische Anhänglichkeit an die Rheinlandschaft. Das Wasser, die Weiden, der Duft, das Licht, die Enten, das ferne Münster und die zärtliche Linie der noch ferneren Berge, ob nun Schwarzwald oder Vogesen — ich sitz' drin, wie die Spinne im Netz. Ich rauche wie ein Schlot; häng' auch am Rhein draußen die Angel manchmal ins Wasser — und kann mir nicht denken, was sich an dieser Landschaft und an meinen Malereien ändern sollte, ob nun am Münsterzipfel die deutsche Fahne hängt oder die Trikolore ...