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Chapter 11: Zehntes Kapitel Das Grab im Birkenwäldchen
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About This Book

An aging Alsatian pastor reflects on homeland, memory, and the ravages of war while wandering vineyard slopes and village paths. He remembers personal tragedies, including his institutionalized wife and a son returned from battle with nervous trauma, and models himself on a former pastoral exemplar as he contends with questions of belonging and cultural strife during the Great War. The narrative blends lyrical landscape description, local conversations, refugee scenes, letters and diary fragments, and episodes in Strasbourg and Heidelberg to examine regional identity, spiritual resignation, and the fraught overlap of private grief and communal upheaval.

Zehntes Kapitel
Das Grab im Birkenwäldchen

O Himmelskönigin,
Nimm meine Seel' dahin!
Nimm sie zu dir in'n Himmel hinein
Allwo die lieben Englein sein,
und vergiß nicht mein!

Volkslied


Herbstwind weinte über den Wasgenwald. Die zerbrochenen mittelalterlichen Burgen standen fröstelnd auf den Höhen entlang. Zerfetztes Gewölk flog um die drei Rappoltsteiner Schlösser; und ganz in schweren Wolken stand die Hohkönigsburg.

Deutschland ging der Stunde seiner Demütigung entgegen.

Und über die Welt kroch jene Seuche, die man die Grippe nennt. Sie warf oft binnen weniger Tage unter Erscheinungen, die mit der Lungenentzündung vergleichbar waren, junge Menschen auf die Bahre, zumal Mädchen und Kinder. Auch die seelische Seuche des Hasses ging weiter. Und Tag für Tag setzte sich noch der Kampf an der Westfront fort. Europa war voll von Blut, doch arm an nährender Milch. Rot war die Farbe der Welt; das Weiß der Unschuld hatte sich in den Himmel zurückgezogen ...


Im Lützelbronner Pfarrhause war neue Lebensbewegung eingekehrt. Es wurde gepackt und gebündelt. Arnold hatte in Straßburg von seiner kirchlichen Behörde seine Entlassung erbeten und erhalten. Der Vikar, der ihn vertrat, wohnte bereits im Pfarrhause. Auch Fanny war eifrig dabei, ihre Ausstattung in Kisten zu packen. Es ging nach Heidelberg, in eine neue, in eine reinere Welt!

Freund Lobsann hatte auf Arnolds Anfrage auf der Stelle freudig geantwortet. In seiner warmherzigen Art stellte er dem Freunde von ehedem sein Haus zur Verfügung. Wie in alten Zeiten zitierte er im Urtext Horaz und Homer, die er gründlich kannte, und schloß: »Mehercule, mi amice, das obere Stockwerk samt dem großen Altan, den Sie so lieben, freut sich, soweit sich eben Steine freuen können; und wieviel mehr wir lebendigen Menschen! Sie können sogleich einziehen. Es ist Raum genug für das Brautpaar — das ja wohl bis dahin Ehepaar ist — und für Sie selbst. Meine Frau übt ein Dutzend Lieder ein, damit uns diese bitter schwere Zeit nicht unterkriegt. Liselottchen hält ihr schönstes Sonntagslächeln bereit, das ihren zehn Jahren zur Verfügung steht; und was, notabene, die ganze Woche nachzuleuchten pflegt. Also satis de hac re mihi dixisse videtur, sagt Cicero, auf deutsch: Genug geschwätzt! Willkommen!«

Auch Bieler lebte auf. Eines Abends kam er zu Schwester Lisy herüber, mit der er sich ganz besonders gut verstand, schloß die Küchentüre hinter sich zu und teilte ihr angenehm erregt mit, Stürli habe ihm bereits eine ansehnliche Kaufsumme als Anzahlung auf den Tisch gelegt. Woher er denn wohl das Geld habe?

Lisy, die immer Gelassene, die sich noch mehr als Bieler auf das Diakonissenhaus und auf ihre Straßburger Kranken freute, pflegte bei solchen Anlässen verschwiegen zu lächeln.

»Seien Sie doch froh, Papa Bieler, daß sich das so schön macht!« meinte sie.

Aber der Alte witterte weiter und fragte mit pfiffigem Gesicht:

»Ist's wahr, daß der Nachbar« — so nannte er meist den Pfarrer, wobei er mit dem Daumen über die Achsel deutete — »sein Gut Windbühl verkauft hat? An den reichen Mülhäuser?«

»Kann schon so sein«, lächelte Lisy.

Und Bieler nickte:

»Na, dann weiß ich ja alles. Ein gutes Herz hat er halt doch, der Nachbar.«

Die Weinlese war vorüber. Ihr Duft lag noch über dem Dorfe. Und den Winzer überkam, als er nach Hause schritt, ein ganz leises Bedauern, eine unbestimmte Wehmut. Aber er wußte sein Haus in guten Händen.

Schweren Gemütes, das er unter ermunternden Scherzen zu verbergen suchte, schritt nur Arnold selber durch die verödenden Räume. Jeden Tag erwartete Deutschland das Eintreffen der Waffenstillstandsbedingungen. Und was mochte denn nur in Kiel vorgehen? Munkelte man nicht von Meutereien? In solchem furchtbaren Augenblick auch noch Meuterei!

Fanny und Gustav hatten sich mitten unter all der Umsiedelungsarbeit mehrmals unter geheimnisvollen Andeutungen zurückgezogen, um dann laut und vortragend Wechselreden zu tauschen.

»Was treiben sie denn?« hatte Arnold gefragt.

»Geheimnis«, ward ihm zur Antwort.

Aber das angebliche Geheimnis ward rasch enthüllt. Eines Tages kam Fanny zornig-verdrießlich zu Onkel Arnold gelaufen.

»Nun? Wieder einmal Krach? Mit wem denn?« forschte er.

»Verzeih, aber ich bin ganz unglücklich! Eine Überraschung für dich und eine Abschiedsfeier für die Freunde hierzulande ist mir schändlich zu Wasser geworden. Ich habe die Freude dran ganz verloren und will dir's nur gleich heraussagen. Ach, daß es so wenig Freude auf der Erde gibt, so wenig Liebe! Warum er mir nur immer wieder alles verdirbt! Wer? Aber natürlich Gustav!«

Und sie erzählte. Unter Arnolds Papieren hatte sie einen Band »Gespräche« gefunden, meist philosophischer Art, eines aber so schön, so wunderschön, daß sie's gar nicht genug hatte lesen können.

»Das wollte ich mit Gustav auswendig lernen und vortragen. Dorothee hat ein feines blaues Gewand dazu geliehen, Gustav hätte eine Art graue Mönchskutte getragen. Pfarrer Wirz mit seinem Weißbart und seiner ruhigen Baßstimme hätte am Schluß den Arzt gesprochen. Weißt du, der hätte hinter den beiden aus dem Vorhang treten müssen und — —«

»Aber, Kind, ich weiß ja gar nicht, wovon du sprichst!«

»Wart' nur — und hätte die beiden gleichsam eingesegnet, verstehst du? Gustav hat auch erst zugesagt. Dann aber, natürlich, wie er ja so ist, wurde er ängstlich und fragte, wer dabei zuhöre. Und dann paßte ihm der nicht — jener nicht — und runzelt die Stirne — und er wolle nicht vor den Leuten Theater spielen in so ernster Zeit, obwohl wir doch unter uns sind und es ein so edler Stoff ist — kurz, er will nicht! Siehst du, und da sitz' ich nun, kann meine Rolle genau — und Gustav streikt! Ach, wie gern hätt' ich dich damit überrascht! Daß er mir das so verpfuschen mußte! Denn mit irgendeinem anderen kann und will ich etwas so Zartes nicht spielen.«

»Aber nun sag' mir doch endlich: Was ist es denn?«

»Das Gespräch zwischen dem armen Heinrich — weißt du, jenem kranken Ritter — und dem Mädchen, das ihn lieb hat und sich für ihn opfern will. Ein so herrlicher Gedanke! Ich hätte so gern dieses Mädchen spielen — und noch mehr sein mögen!«

»Zeig' einmal her!«

Arnold nahm die Blätter in die Hand.

»Sieh an, sieh an! Das glaubt' ich lange schon tot und dahin. Und das lebt noch? Das sollte nun durch dich lebendig werden?«

»Wann hast du das geschrieben, Onkel Arnold?«

»Lange her! Solch ein Mädchen hab' ich mir einst als Frau ersehnt. Es ist dann freilich ein wenig anders geworden.«

»Warum hast du mir nie genauer davon erzählt, Onkel Arnold? Warum schließest du deine letzten Herzkammern vor uns allen zu — auch vor mir?«

»Auch vor dir? ... Du bist Braut. Wenn ich ganz offen sprechen würde, könnte das auf eine Braut entmutigend wirken.«

»Auf mich? Nie und nimmer!«

»Wenn ich dir nun sagte, daß ich an selbstlose, restlose Frauenliebe, an echte, vom Himmel ausgehende und in den Himmel wieder heimkehrende Liebe nicht mehr glaube?«

»Du? Onkel Arnold, das kannst du andren sagen, aber doch nicht mir! Denn ich habe deine Schriften gelesen. Und da steckt ja in aller Philosophie so viel von deinem Herzen drin! Also mir redest du nichts vor!«

Sie machte eine köstlich abwehrende, altkluge Schüttelbewegung mit der kleinen Hand. Und er betrachtete sie lächelnd, wie sie in ihrer blühenden Weiblichkeit vor ihm stand, wobei sich in der Erregung des Gespräches der Busen hob und senkte, so daß ihr goldnes Kettchen am offenen Halse funkelnd tanzte. Sein Auge wurde feucht, er zuckte wehmütig die Achseln und schaute in die Blätter, halblaut murmelnd:

»Ich glaub' nicht mehr an Lieb' und Treue. Erzähl's nicht weiter! Denn es ist eine Schande für mich, eine solche innere Leere verraten zu müssen.«

Und ablenkend fuhr er fort:

»Komm, wollen doch einmal das Gespräch miteinander lesen! Bin neugierig, wie das heute auf mich wirkt — nach so langen Jahren und in so ganz andrer Zeit!«

Und sie lasen.

Mit müder Stimme begann er die Rolle des armen Heinrich zu sprechen. Fanny fiel ein, ohne in das Blatt zu schauen, und sprach mit Innigkeit die Worte der Agnes. Und mehr und mehr gerieten beide in Ausdruck, in Feuer, in tiefe Gemütsbewegung ...

Das Liebesopfer

Ein Gespräch zwischen Agnes und dem armen Heinrich vor dem Hause des Arztes zu Salerno

Heinrich. Hier ist das Ziel ... Hier wohnt der Arzt ... Sind nicht deine Füße wund?

Agnes. Herr, es ist ein Rosenblatt, das auf meine Sandalen fiel. Und wären gleich meine Füße wund, sie schmerzen mich nicht.

Heinrich. Sie schmerzen dich nicht, du gutes, geduldiges Kind! Wie sollten dich wunde Füße schmerzen, da du so Großes zu erleiden willens bist! Dich opfern zu lassen, damit ich gesund werde!

Agnes. Seufzet nicht um meinetwillen, lieber Herr! Sehet, ich bin nicht bange, ich will freudig mein Blut geben, damit Ihr gesundet. Meine Mutter hat mir viel erzählt vom Christuskind, das auf die Erde gekommen ist, um sich opfern zu lassen für die Menschen. Und sie hat mir gesagt: Blut hat Heilkraft.

Heinrich. Blut hat Heilkraft ... Hat sie dir das gesagt, liebes Mädchen?

Agnes. Ja, Blut und Tränen, hat sie gesagt. Ich hab's wohl nicht verstanden, aber ich hab's behalten. Meine Mutter war gut und hat nie gelogen. Doch hat sie viel geweint.

Heinrich. Blut und Tränen ... Viel Blut hab' ich vergossen, doch selber wenig Tränen. Viel getötet, doch wenig lebendig gemacht. Ritter bin ich gewesen und habe dem Kampf und dem Genuß gelebt ... Und nun will dieses holde Kind für mich sterben! Aus Mitleid! Aus Liebe für einen kranken Menschen sterben! ... Nein, nein, das ist übermenschlich ... Nein, du holdes Kind, ich nehme dein Opfer nicht an! Ich will nicht glücklich sein auf Kosten deines blühenden Lebens!

Agnes. Mein guter Herr, ich bin eine arme, unwichtige Magd, Ihr aber könnt noch Großes tun in der Welt.

Heinrich. Und du etwa nicht? Kannst du nicht Gattin sein und einen Mann beglücken? Kannst du nicht Mutter sein und Kinder aus deinem reinen Blut und aus deiner reinen Seele nähren und als herrliche Menschen der Welt schenken? Ist das nicht etwa groß?!

Agnes. Euch nähr' ich mit meinem Blut und Euch mit meiner Seele — und so werdet Ihr ein herrlicher Mensch durch mich — und ich schenke Euch der Welt, lieber Herr! Seht, so bin ich Mutter und tue Großes. Und habt Ihr mich nicht im Scherz oft Euer lieb traut Weib genannt, weil ich Euch von ganzem Herzen gut bin? Seht, so bin ich Gattin — und bin Euch Schwester — und bin dreifach glücklich. Ist das nicht groß?

Heinrich. O wie heilig ist eine Frau! Ich hab' es nie gewußt, daß eine liebende Frau so heilig sein kann. Mir waren die Frauen unheilig, denn sie lockten meine Begierden zutage. Du, Kind, machst mich fromm! Mein herzlieb Schwesterchen, laß mich deine Hände küssen — nein, den Saum deines Gewandes! Wenn du zu Gott kommst, bitte für mich! Denn ich selbst bin unwert, mit Gott zu sprechen.

Agnes. Wenn ich zu Gott komme, werde ich ihm erzählen, wie sehr Ihr gelitten habt.

Heinrich. Du bist schön, du bist geschaffen, einen Mann zu beglücken, ich muß dich anschauen immerzu.

Agnes. Ich beglücke einen Mann, denn ich beglücke Euch.

Heinrich. Lockt dich nicht die Lust der Welt, du junges Blut?

Agnes. Ich habe Hartes erlebt, und ich habe im Herzen viel Schönes erschaut. Der Wald und die wilden Wasser sind voll von Stimmen; in den Hütten unsrer deutschen Heimat ist viel Wundersames; und meine Mutter erzählte mir von den großen Heiligen, die über die Gebirge wanderten und die wunderbare Stadt Gottes suchten. Lieber Herr, die Leute schelten mich wohl Träumerin, denn mich lockt nicht, was andre lockt. Ich suche ein sehr Schönes, ein sehr Großes. Wollet mir nicht die Pforte versperren, mein trauter Herr; wollet mir gestatten, daß ich aus Liebe zu Euch diese Erde verlasse und heimkehre zu Gott.

Heinrich. Kind, Kind, du überwältigst mich! Kind, schau' seitab, denn in meinen Augen ist etwas, was ich seit Kindertagen nicht mehr kannte: Tränen! Ich möchte dich fragen, glaubst du denn an deine unsterblichen Geister? Aber ich frage nicht, denn du lebst ja mitten unter ihnen! Ich möchte dich fragen: siehst du sie denn, hörst du sie denn? Aber ich frage nicht, denn ich schaue ja ihren Abglanz in deinen Augen! Und so hat sich der Himmel auf dich herniedergelassen, so steht der Himmel gestaltet und lebendig vor mir — in dir, du fremdartig süße Jungfrau, du Kind, du Gattin, du Mutter, du meine bräutliche Schwester Agnes! Siehe, das Wunder der Liebe! Dieses Mädchen will sterben aus Liebe! — Ich wußte bisher nur von einem Genuß aus Liebe — von Begehren, Ergreifen, Besitzen! Siehe das Wunder der Liebe! Zum erstenmal eine Jungfrau, vor der ich betend in Staub sinke — nicht begehrend — geheilt von Begierde — besiegt!

Agnes. Steht auf, mein teurer Herr! Nicht besiegen will ich Euch, ich will Euch frei und gesund machen.

Heinrich. Und du machst mich frei und gesund! Wie ich diesen Mantel abschleudre, so schleudr' ich ab Trotz und Haß, Lust und Gier — so werf' ich ab mein ganzes bisheriges Leben — so werd' ich wieder ein Kind wie du und fahre gereinigt von neuem in die Welt — durch dich, Agnes!

Agnes. Da kommt der Arzt! O Ritter, es ziemt sich nicht, daß Ihr mir geringer Magd die Hände küsset! ... Seht, der Arzt ist außer sich vor Verwunderung! ... Wie sagt Ihr, ehrwürdiger Vater? Der Ritter wäre — dieser Ritter wäre — genesen, sagt Ihr?! Mein Herr ist — wieder gesund?!

Der Arzt. Ja, Mädchen, er ist wieder gesund! Durch dich ist er gesund geworden: durch Gott, der in dir wohnt und der aus dir gesprochen hat zu diesem Beladenen und Kranken! Nicht mehr brauchst du nun zu sterben, liebes Kind, du darfst mit ihm leben. Siehe, in seinen stillen Tränen fließt nun hinweg, was ihn krank gemacht hat. Nicht nur Blut erlöst, auch die heilige Träne der Reue hat erlösende Kraft. Daß er in reiner Reue weinen konnte, das hat ihn gesund gemacht. Und du hast ihm die Träne geschenkt, du hast ihn erlöst, du holdes Herz, dessen Liebe stärker ist als alle Sünden und Wunden der Welt.

Sie waren zu Ende.

Arnold hatte auch des Arztes Worte gesprochen. Seine Hand lag noch segnend auf des Kindes lichtem Scheitel. So stand er ein Weilchen und schaute bewegt in ihr seelenvolles, geradezu fromm und madonnenhaft durchstrahltes Antlitz. Sie hatte, der Rolle entsprechend, die Hände gefaltet und blickte zu ihm empor — zu ihm, der hier Kranker und Arzt zugleich war und mit feuchten Augen auf das holde Gebilde herniedersah.

Die Empfindungen, die zwischen Mann und Weib wie Strahlen hin und her gehen, sind der Vernunft und dem Willen nicht erreichbar. Sie kommen, sie sind da, sie wirken — niemand weiß oder wird je wissen, wie es geschah. Man mag sie beherrschen oder verbergen, aber die Tatsache bleibt dieselbe. Und es kommt nun auf die sittliche Reife und seelische Reinheit an, ob sie veredelnd wirken oder verheerend.

»Ich danke dir, Fanny«, sprach Arnold leise. »Immer wieder werde ich den Weg gewiesen: den Weg der Liebe. Die schönste Darstellung hätte mich nicht reiner beglückt. Kind, nun wollen wir aber Gustav nicht vergessen. Sieh, du darfst ihm die Rolle des armen Heinrich nicht zumuten. Er leidet schon genug unter dem Mitleid. Laß ihm diese edle Scheu!«

»Du hast recht!« fiel Fanny ein, sofort seinen Gedanken erfassend. »Nein, nein, sie sollen mir ihn nicht bemitleiden! Stolz soll er sein! Ich dachte nur an dich und an die Überraschung, auch an meine eigne schöne Rolle, und zu wenig an Gustav. Der liebe, liebe Gustav! Ich laufe gleich zu ihm hinauf und bitt' ihn um Verzeihung.«


Es ziemt uns nicht, irre zu werden an einem Volke, das nach vierjähriger, heldenhafter Geduld und meist siegreicher Gegenwirkung panikartig zusammenbricht.

Vieles wirkt bei solchem Zusammenbruch einer Nation ineinander. Nur schwächliches oder unedles Denken sucht nach einem einzigen Sündenbock, dem man die gesamte Schuld aufbürden könnte. Wenige wissen das Glück mit Maß und den Schmerz mit Würde zu tragen. Auch viele, sehr viele Deutsche haben sich in den Herbsttagen 1918 erbärmlich benommen.

Bulgarien, Türkei und Österreich, unsere bisherigen Verbündeten, lagen entmannt, entwaffnet, wehrlos am Boden.

Nun kam die Reihe an uns. Es war kein Heldenstück mehr, das eingeschnürte Volk zur Übergabe zu zwingen. Nicht durch Waffensieg hat Frankreich vermocht, die Deutschen vom französischen Boden und aus Elsaß-Lothringen zu vertreiben. Nicht einmal mit Hilfe seiner Verbündeten. Das bleibt eiserne Tatsache. Die deutsche Westfront wich langsam, aber unbesiegt.

Einem solchen Heere hätte man, gleich einer tapferen Besatzung, großherzige Bedingungen gestatten können. So war's Brauch, so lange die Menschheit Kriegsgeschichte schreibt.

Aber der Waffenstillstand wurde unmenschlich schmachvoll. Und der November 1918, an dem der französische Generalissimus unserem Heer solche Bedingungen aufzwang, bleibt eingebrannt in die Chronik der Weltgeschichte und in das Schuldbuch Frankreichs.

»Sofortige Räumung von Belgien, Frankreich und Elsaß-Lothringen binnen vierzehn Tagen.

»Abzugeben 5000 Kanonen, 30000 Maschinengewehre, 3000 Minenwerfer, 2000 Flugzeuge.

»Räumung des linken Rheinufers; Mainz, Köln, Koblenz besetzt vom Feinde.

»5000 Lokomotiven, 150000 Wagen, 10000 Kraftwagen abzugeben.

»Im Osten Truppen hinter die Grenze vom 1. August 1914 zurückzunehmen.

»Verzicht auf die Friedensverträge von Brest-Litowsk und Bukarest.

»Rückgabe der Kriegsgefangenen, doch ohne Gegenseitigkeit.

»Abgabe von 100 U-Booten, sechs Dreadnoughts, acht leichten Kreuzern; die übrigen Schiffe entwaffnet und überwacht.

»Blockade bleibt bestehen; deutsche Schiffe dürfen weiter gekapert werden ...«

»... Hündisch!« rief Gustav, als er die Zeitung in zitternden Händen hielt. Die Zornröte schlug dem Unteroffizier, der für sein Vaterland nicht mehr kämpfen konnte, in das blasse Gesicht. »Schamlos! Schamlos! Lassen unsere Frauen und Kinder weiterhungern, machen geordnete Heimführung unmöglich, wissen genau, daß man in vierzehn Tagen den Riesenapparat von drei Millionen Mann nicht heimführen kann, entwaffnen, knebeln uns, behalten unsre Gefangenen — — und das unterzeichnen unsre deutschen Vertreter?! Braust denn nicht eine letzte Zornflamme durch das ganze deutsche Volk?!«

Nein. Es brauste keine letzte Zornflamme durch das deutsche Volk: denn es war bereits von innen zersetzt.

Zwei Tage vor Abschluß des Waffenstillstandes war in Deutschland die Revolution ausgebrochen. Und mit der unheimlichen Schnelligkeit des neuzeitlichen Drahtverkehrs hatte sie sich innerhalb weniger Tage, ja Stunden sämtlicher deutscher Städte bemächtigt. Hagens Speer war wieder einmal in Siegfrieds Rücken gefahren. Das alte deutsche Trauerlied! Parteiwut war mächtiger als die hier allein rettende oder mildernde einmütige völkische Zornflamme. Als Schillers und Luthers Geburtstag über die deutsche Erde ging, lag Bismarcks Reich von außen zerhämmert, von innen unterhöhlt als Trümmerhaufen am Boden.

In Kiel begann es. Die deutsche Marine hatte sich durch einzelne Heldentaten und kühne Fernfahrten ausgezeichnet. Im ganzen hatte sie weniger Blut gelassen als die Kameraden an den Landfronten. Um so mehr Muße war für Zersetzungsarbeit durch Schriften und Flugblätter des Umsturzes. In jenen Herbsttagen sollte die deutsche Flotte durch einen Vorstoß in den englischen Kanal die flandrische Nordfront entlasten. Die Mannschaft meuterte. Die Bewegung dehnte sich auf Kiel aus; die Stadt wurde besetzt; auf den behördlichen Gebäuden wehte die rote Flagge; ein sozialdemokratischer Abgeordneter flog im Luftschiff heran und übernahm die Leitung. Nach russischem Vorbild wurde die Revolution ins Werk gesetzt, wie es kurz zuvor auch in Österreich geschehen war. Ein Arbeiter- und Soldatenrat trat an die Spitze; der Stadtkommandant wurde bei seiner Weigerung, sich abführen zu lassen, erschossen.

Und Ähnliches geschah in Hamburg. Die Bewegung griff nach Berlin über, wohin bewaffnete Matrosen zogen. In allen Städten sah man einzelne Matrosen auftauchen, schüren und führen — und nach derselben Formel waren über Nacht rote Fahnen gehißt, rote Maueranschläge zu lesen, die wichtigsten Gebäude besetzt, sämtliche deutsche Fürsten entthront. Das überraschte Bürgertum sah dem Treiben schweigend zu, erschöpft vom langen Kriege, betäubt vom unerhörten Waffenstillstand — noch mehr betäubt, daß es deutschen Brüdern möglich war, in solchem Augenblick dem kämpfenden Vaterland in den Rücken zu fallen.

Eine Partei, die seit Jahrzehnten planmäßig auf den Umsturz hinarbeitete, die sich nicht in das Reich mit eingefügt hatte, deren Abgeordnete fluchtartig den Saal zu verlassen pflegten, wenn das Hoch auf den Kaiser ausgebracht wurde — diese Partei wählte diesen Augenblick, um ihre freiheitlichen Ideale durchzusetzen. Es fiel niemanden ein, ihr den Sieg streitig zu machen. Man sah zu, wie auf den Straßen den Offizieren die Achselklappen abgerissen wurden, wie das soldatische Grüßen mit einem Schlage aufhörte; ja die Aufrührer rühmten sich, daß sie seit Monaten Fahnenflüchtige und Drückeberger organisiert, mit falschen Papieren ausgestattet und mit Aufklärungsschriften zur Werbearbeit umhergesandt hätten. Und so waren es denn auch besonders wohlgefütterte und gut bezahlte Helden der Etappe, die nach Kundwerdung des Waffenstillstandes sinnlos flohen, wobei zu Schleuderpreisen Wehr und Waffen an die Belgier verkauft wurden. Die Männer der Front freilich, die dem Tod ins Auge geschaut hatten, blieben treu und tapfer bis zum letzten bittern Schluß, in fester Haltung vom Schlachtfeld abrückend ...

Und der Kaiser des Bismarckschen Reiches? Jener Kaiser, der vor achtundzwanzig Jahren als junger Regent den Reichsschmied, zur schmerzlichen Überraschung des deutschen Volkes, kurzerhand entlassen hatte? Man war auf seine freiwillige, großzügige Abdankung gleich nach Wilsons erster Antwortnote gefaßt. Allein der letzte Hohenzoller zauderte. Durch Zugeständnisse an die Demokratie glaubte man die Regierung verhandlungsfähig zu machen. Doch die Antwort von drüben verzögerte sich, die deutschen Nerven versagten mehr und mehr, die Zersetzung griff um sich — und der Kaiser, der sich unter seinen Deutschen nicht mehr sicher glaubte, floh nach Holland. Desgleichen der Kronprinz. Beide entsagten dem Thron.

Ein Fels im Meere stand noch Generalfeldmarschall Hindenburg. Sein Generalstabschef Ludendorff hatte schon Wochen zuvor von seinem Platze weichen müssen: Ludendorff, der mit eiserner Willenskraft auch innerpolitisch die Reichsregierung zu stärken versuchte, Ludendorff, der freilich die Bitte um Waffenstillstand aussprach, aber ein so unerhörtes Abkommen wohl niemals unterzeichnet hätte. Mit der ihm eigenen monumentalen Ruhe, wenn auch blutenden Herzens, wandte sich der allverehrte greise Feldmarschall in jenen Tagen des Zusammenbruchs noch einmal an sein Feldheer, nicht mehr zum Kampf ermunternd, nur noch zur Pflichttreue:

»Der Waffenstillstand ist unterzeichnet worden. Bis zum heutigen Tage haben wir unsre Waffen in Ehren geführt ... Bei der wachsenden Zahl unsrer Gegner, bei dem Zusammenbruch der uns bis an das Ende ihrer Kraft zur Seite stehenden Verbündeten und bei den immer drückender werdenden Ernährungs- und Wirtschaftssorgen hat sich unsere Regierung zur Annahme harter Waffenstillstandsbedingungen entschließen müssen. Aber aufrecht und stolz gehen wir aus dem Kampfe, den wir über vier Jahre gegen eine Welt von Feinden bestanden. Aus dem Bewußtsein, daß wir unser Land und unsere Ehre bis zum äußersten verteidigt haben, schöpfen wir neue Kraft. Der Waffenstillstandsvertrag verpflichtet zum schnellen Rückmarsch in die Heimat — unter den obwaltenden Verhältnissen eine schwere Aufgabe, die Selbstbeherrschung und treueste Pflichterfüllung von jedem einzelnen von euch verlangt, ein harter Prüfstein für den Geist und den inneren Halt der Armee. Im Kampfe habt ihr euren Generalfeldmarschall niemals im Stiche gelassen. Ich vertraue auch jetzt auf euch.«

Und das Frontheer machte seinem Hindenburg Ehre. In musterhafter Ordnung marschierten die Massen Tag für Tag nach Deutschland zurück. Es war ein ernstes Wandern in abgeschabtem Waffenrock, ein ernstes Reiten auf hageren Gäulen, nicht vergleichbar dem einst so glänzenden Auszug in jenen blumenreichen Hochsommertagen, als die singenden Truppenzüge nach Westen und Osten rollten ...


Auch Gustav erhielt in diesen Tagen seine Entlassung.

Er weilte zu diesem Zweck in Straßburg.

Seit dem siegreich beendeten Zusammenstoß mit dem Hauptmann waren seine Nerven in einer erstaunlichen Spannung. Er schien völlig genesen. Es war ihm ein Bedürfnis, Menschen aufzusuchen, erregt mit ihnen zu plaudern und sie mit seinen Plänen zu unterhalten. Aber dem genauen Beobachter konnte nicht entgehen, wie sehr ihn jenes Erlebnis in den Tiefen aufgewühlt hatte.

Als seine Papiere geordnet waren, steckte er sich gleich bei einem studentischen Freunde am Schiltigheimer Ring in bürgerliche Kleidung. Dann wanderten sie durch den Contades mit seinen nunmehr unbelaubten Riesenplatanen in die nervös lebendige Stadt.

Sieh da: zwei Plakate werben um Aufmerksamkeit! Schwarz-weiß-rot das eine umrandet: »Elsässer, denkt daran, daß ihr deutschen Stammes seid! Wollt ihr euch einem fremden Volke ausliefern, das euch weder achtet noch liebt?« Daneben jedoch, in blauem Drucke, zweisprachig: »L'heure de la liberté a sonné« — o weh! Und am Schluß: »Vivent la France et l'Alsace-Lorraine réunies à jamais!.«

Ja, da war er wieder, der unglückselige Zwiespalt, der das Elsaß zerriß!

Und daneben ein roter Zettel, die beiden andren überleuchtend: »An die Bürgerschaft der Stadt Straßburg! Wie in allen anderen Städten hat sich auch in Straßburg ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Er hat die öffentliche Gewalt in seine Hand genommen. Die bisherigen reaktionären Mächte sind abgesetzt ...«

Die beiden Freunde wandern nach dem Kleberplatz. Sie sehen die Menge mehr und mehr anschwellen; französische Sprache wird lauter und kecker, oft im Munde von Gassenjungen, die kaum ein paar Worte können. Überall eifriger Redetausch; etwas wie Hohn und Haß, das zutage drängt. Eine Gruppe summt um das Kleberdenkmal; es wagen sich Rufe heraus: »Vive la France!« Einige Jungen klettern empor und hängen dem General einen Lorbeerkranz um die Schulter, schieben ihm zwei blau-weiß-rote Papierlaternen in die Hände. Und da und dort tauchen in frecher Haltung bereits Burschen auf, die im Knopfloch blau-weiß-rote Rosetten tragen ... Es gärt und brodelt in Straßburg ... Kraftwagen mit roten Fähnchen rattern durch die Stadt. Am Münster weht die rote Fahne.

Der letzte Statthalter, vor kurzem noch ein glänzender, um die Stadt hochverdienter Bürgermeister, hat sich zurückgezogen; die Offiziere im Gouvernement bauen ihre Tätigkeit ab. Trotzendorff sucht bis zuletzt zu retten, was zu retten ist. Diese Revolution ist kein Gewaltereignis, kein Gewitter; man bemerkt sie von außen wenig; sie ist der gleichzeitigen tückischen Grippe vergleichbar und verbreitet sich mit der unheimlichen Schnelligkeit und Unfaßbarkeit einer Seuche. Wer regiert eigentlich? Man weiß es kaum. Unbekannte von gestern!

Noch duckt sich der kleine französisch gesinnte Teil der Straßburger Bevölkerung. Die revolutionäre Regierung verbietet das Tragen von Landesfarben. Doch Geduld! Nächste Woche ziehen die Franzosen ein! ...

Und dann?

Gustav und sein Freund wandern bangen Gemütes am Kaiserplatz entlang. Sie kommen an das Kaiser-Wilhelm-Denkmal: das bronzene Reiterstandbild ist durch ein häßliches Holzgerüst verdeckt; auch der tote Kaiser ist also abgesetzt! Einige elsässisch und französisch redende junge Leute stehen davor und ermuntern sich offenbar wechselseitig in einem zunächst scherzhaft hingeworfenen Plan, der aber ekle Wahrheit werden sollte. »M'r hole 'ne 'runter!« versteht Gustav. Und jäh erschrickt er und nimmt seinen Freund unter den Arm, gleichsam Schutz suchend: denn da steht ja wahrhaftig auch der Apotheker, rund und vergnügt, in flottem bürgerlichem Kleid! »Die sind vom Cercle des étudiants«, wirft Gustavs elsässischer Begleiter verächtlich hin; »komm, sonst kribbelt's mich, einem oder dem andren den Stock über den Schädel zu hauen. Das kriecht jetzt wieder aus allen Löchern heraus und über die Grenze herüber!«

Sie entfernen sich raschen Schrittes. Gustavs Herz pocht zum Zerspringen. Jetzt wird auch Georges Bieler bald wieder im Lande sein! Herr im Himmel, nur fort aus dem Elsaß! Hier wartet ja überall die Hölle!

In der Kaiser-Friedrich-Straße holt sie ein befreundeter Arzt ein. »Woher? Wohin?« fragt man sich. — »Ich? Das werden Sie schwerlich erraten. Ich habe mir eben vom Arbeiter- und Soldatenrat eine Wache vors Haus erbeten. Man hat mich bedroht, und ein Anschlag ist mir verraten worden.« — »Aber Sie sind doch Alt-Elsässer?!« — »Gewiß! Mein Verbrechen ist unser Telegramm an Wilson oder meine deutsche Gesinnung. Sie glauben nicht, was für ein gemeiner Haß in den Tiefen unsres Volkes schwelt — nicht ehrlicher, nicht begründeter, nein, heimtückischer Haß, Freude am Gemeinen als solchem! Bei unseren Feinden entlädt sich dieses Gift gegen Deutschland schon lange; auch der Waffenstillstand ist ja von niedrigstem Haß diktiert. Bei den Roten bekundet er sich im Haß gegen die Reichen. Und hier in Straßburg wirkt beides zusammen. Die Welt ist krank an der Haß-Grippe. Und wir haben keinen Spezialisten für diesen unheimlich schweren Fall ...«

So häuften sich die Erfahrungen in Straßburg.

Gustav eilte wie gehetzt nach Lützelbronn zurück. Ihn überkam eine ungeheure Angst. Nur jetzt fort! Aus dem Elsaß fort! Aber — — nach Heidelberg? War denn nicht auch dort Revolution?

Zu Hause erfuhr er von der verstörten Lisy, daß dem Pfarrer Drohbriefe aus dem eigenen Dorfe zugegangen waren: man werde ihn noch totschlagen, ehe er das Dorf verlasse.

Dann kam ein Lehrer aus dem hinteren Vogesental durchgewandert; seine Gattin stammte aus Altdeutschland. Auch er war im Begriff, zu seiner bereits in Sicherheit gebrachten Familie über den Rhein zu flüchten.

»Und stellen Sie sich vor,« berichtete er bekümmert, »ich war Soldat, ließ mein Schulhaus im Schutz der Gemeinde zurück — und wie find' ich's wieder? Meine kostbare Bücherei beschmutzt und zerfetzt, meine einzigartige Briefmarken- und Schmetterlingsammlung gestohlen, meine Möbel und Bilder verschandelt! So verdirbt man mir mein sauer verdientes Eigentum! Als ein halber Bettler zieh' ich jetzt über den Rhein, ich, ein deutschgesinnter Elsässer! Merken Sie aber die Hauptsache: es war deutsche Einquartierung, die mir das angetan hat!«

Der Mann schied von seiner Heimat, in seinem Rucksack etliche Habseligkeiten davontragend, um sich jenseits des Rheines ein neues Leben zu zimmern. Viele sollten ihm noch folgen ...

Und nun marschierten heimziehende Soldaten durch Lützelbronn, tapfre Mannschaften, die bis zuletzt ihre Stellungen in den Südvogesen verteidigt hatten.

Unter ihnen tauchte ein Leutnant auf, der mit Gustav von der Universität her bekannt war.

»Ach, Freund, Freund,« rief der gutherzige Schwabe mit Tränen in den Augen, als er seinem gepreßten Innern Luft machte, »kein Neckar und kein Rhein waschen diese Schmach von Deutschland ab. Ich habe nächtelang nicht geschlafen. Meine Mutter ist Tirolerin. Und nun hocken die italienischen Katzelmacher in jenen herrlichen Bergen! Südtirol von der Salurner Klause bis zum Brenner ist seit Beginn des Mittelalters von Deutschen bewohnt. Die Bevölkerung hat einstimmig erklärt, nicht von Nordtirol abgetrennt werden zu wollen. Dennoch, diesem klaren Entschluß und dem Wilsonschen Programm zum Trotz, hausen jetzt dort die Italiener, denken Sie sich, und wollen das Land bis zum Brenner von uns losreißen, gut deutsches Land, das ich durch meine Mutter lieb habe wie mein Heimatland! Und über München regiert ein Galizier! Diesen Unfug lassen sich die derben Bayern gefallen! Und überall in diesem Elsaß so viel Gehässigkeit — es erwürgt mich, Freund! ... Ach, das liebe Elsaß! Seit Mai 1915 bin ich hier an der Front. Ich hab' euer Ländle unendlich liebgewonnen. Und mehr als das: ich hab' ein wundervolles, reines Mädle hier gefunden, das mich lieb hat. Aber ich bin halt evangelisch — und sie ist katholisch. Wir haben uns trotzdem ewige Liebe geschworen, obschon ihr Pfarrer — ein übrigens wahrhaft guter Mann — seine Bedenken hat. Was dieses Weib mir in all den schweren Seelenkämpfen gewesen ist, kann ich nicht in Worte fassen. Gestern hab' ich ihr ade gesagt. Ich werde dieses Gesicht und diese Tränen nie vergessen. Sie ist der Kirche gehorsam; sie will bleiben. Aber sie weiß — sobald sie zu mir nach Stuttgart kommt, ist sie vor Gott und Menschen meine Frau. Ich dränge sie nicht; ich hab' kein Wort über die Lippen gebracht; Kuß und Tränen war alles. Nennen Sie mich weichlich, lieber Freund, meinthalb, aber — es ist halt zu viel, gar zu viel, was jetzt auf ein treues deutsches Herz einstürmt!«

So kummervoll schied dieser Schwabe, der letzte der vielen deutschen Soldaten, die während des vierjährigen Weltkrieges im Pfarrhause von Lützelbronn Einkehr gehalten hatten.

Unmittelbar nachher war auch Gustav verschwunden.

Fanny kam herüber und brachte einen zornflammenden Brief Erwins; sie legte ihn schweigend auf Onkel Arnolds Tisch. Der wunde Krieger in seinem fernen Lazarett war empört über all die Vorgänge; und er schrieb betrübt, daß er nun allein liege, voll Weh um das Elsaß, voll neuerwachter Sehnsucht nach Fanny und den Freunden, mutterseelenallein, trotz der vielen Leute um ihn her — denn der Sonnenschein sei auch aus diesem Hause verschwunden, wie aus der ganzen Zeit: Dirk und Hertha seien nach ihrer westfälischen Vaterstadt abgereist.

Eine Weile stand Fanny am Fenster und schaute den abziehenden deutschen Truppen nach. Marschierende Männer, endloses Fuhrwerk, bis in die beginnende Nacht, ausgestoßen vom Elsaß, eingeschluckt vom inneren Deutschland ... Wasser, die sich verliefen ...

Dann fragte sie nach Gustav. Aber er war nirgends zu finden.

Man wartete, ward unruhig, fragte in der Nachbarschaft umher; man lief auf seine nächsten Lieblingswege hinaus und rief seinen Namen.

Endlich kam Fanny auf den Gedanken, in seinem Studierzimmer genauer Umschau zu halten.

Es lag deutlich sichtbar ein Brief auf dem wohlgeordneten Schreibtisch. »An meine Lieben«, stand auf dem Umschlag. Mit bebenden Knien öffnete die Braut, las den Inhalt und sank mit einem Wehlaut zu Boden.

Der Brief enthielt nur die wenigen Worte:

»Ich kann das Schreckliche nicht ertragen, das über mein deutsches Vaterland und über mein armes Elsaß hereingebrochen ist. Sucht mich im Teich und begrabt mich im Birkenwäldchen!

Euer unglücklicher Gustav.«



Auf der Höhe des herbstlich leeren Gartens standen die blätterlosen Birken weiß und still.

Man schaut von dort weit hinaus in das elsässische Land.

In diesem Birkenwäldchen grub man Gustavs Grab.

Das Kreuz darauf war gleichfalls aus lichtem Birkenholz. Die runde Holztafel in der Mitte, nach Art der Kriegergräber, enthielt nur Namen und Datum.

Das Grab war von Kränzen, Blumen und Immergrün gänzlich zugedeckt. Ein Stechpalmenkranz — ein Dornenkranz — hing am Kreuz. So lag dieser Tote, den sie aus den Wasserrosen emporgezogen hatten, allein und abseits, wie er im Leben scheu und einsam gewesen war.

Fanny war in einem furchtbaren Zustand. Sie weinte nicht, sie sprach nicht. Sie irrte wie ein Schatten umher oder schloß sich ein. An nichts mehr legte sie Hand an; für nichts mehr hatte sie Teilnahme. Kaum aß sie das Nötige auf ihrem Zimmer.

Die Bewohner von Lützelbronn waren erschüttert; auch die ungünstig gesinnten Dörfler verkrochen sich beschämt. Viel ehrliche Teilnahme wagte sich zum Abschied heraus und gab sich in unbeholfenen Worten und manchem Händedruck dem Pfarrer kund, der in einer ergreifenden Grabrede seinen Schmerz entladen hatte.

Schon war der Möbelwagen abgefahren; Arnold selbst wollte am nächsten Morgen folgen. Fanny hatte auf Lisys besorgte Frage, was sie zu tun gedenke, nur mit wegwerfender Handbewegung und bitter gekräuselten Lippen kurz geantwortet: »Ich bleib', wo ich bin — oder geh' zu Georges nach Frankreich!« Mehr war aus ihrem verschlossenen, ja verkrampften Zustand nicht herauszubringen. Man sah nur, daß sie entsetzlich litt.

Arnold hatte nach seiner Gewohnheit das schauerliche Erlebnis in der Stille verarbeitet. Jetzt wollte er versuchen, Fanny vor dem Äußersten zu bewahren. Man fürchtete ernstlich für ihren Verstand. Er ging ihr nach. Aber sie war bisher jeder Unterredung ausgewichen.

An jenem letzten Abend jedoch traf er sie im Birkenwäldchen an seines Sohnes Grab. Wieder suchte sie mit nervöser Hastigkeit zu entfliehen. Doch er trat ihr in den Weg, breitete beide Arme aus und bat in so schlichten, zu Herzen gehenden, eindringlichen Worten, ihm endlich zu gestatten, ihr wenigstens in der Stille Ade zu sagen, daß sie mit hängenden Armen vor ihm stehen blieb, wie ein gefangenes Wild.

»Sieh, Fanny,« sprach er, und der ganze Schmerz der letzten Tage zitterte noch in der Stimme nach, »so dürfen wir beide nicht auseinandergehen. Willst du denn auch mich zusammenbrechen sehen, wenn du dich so gegen mich verstockst und verbitterst? Ich habe keine Tränen, so wenig wie du. Wo soll man denn anfangen zu weinen — und wo aufhören? Zwischen euch beiden Kindern zu wandern, das war meines Lebens letztes Glück und einzige Freude. Und jetzt? Heimat und Kinder sind mir genommen. Und das Deutschland meiner Liebe dazu! Denn das Deutschland, in das ich jetzt auswandre, ist nicht das Land meiner Liebe. Ich bin grauenhaft einsam. Und doch — mein Leid um die Menschheit ist noch größer. Und ich würde tausend Opfer bringen, wenn ich nur der Menschheit helfen könnte.«

Fanny hatte sich auf ein Bänkchen gesetzt. Sie fröstelte, zog den Lodenmantel um die Schultern, stützte das Köpfchen in beide Hände und starrte schweigend vor sich hin.

Wie im Selbstgespräch fuhr der Pfarrer fort, dem es Wohltat war, sich durch Aussprache zu erleichtern.

»Es ist mir wie ein schwerer Traum, daß ich da vorgestern gestanden, im schlichten Rock, und meinem Sohn die Grabrede gehalten habe. Mein letzter Gottesdienst im Elsaß! Was für ein Abschluß! Dort die Leute — und vom Turm kein Glockenklang! Und der Text aus Jeremias: O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! Mit Posaunenstößen möcht' ich's der ganzen Westmark ins Herz dröhnen: O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! Elsaß, du hast die Liebe verloren! Menschheit, du hast keine Liebe mehr!«

Er atmete heftig, ging hin und her und blieb wieder vor Fanny stehen, doch gleichsam in sich hineinsprechend.

»Sieh, Fanny, ich habe zu Saarburg in Lothringen auf dem Schlachtfeld ein Christusbild gesehen, das mir tiefen Eindruck gemacht hat. Das Kreuz ist zerschossen, der Heiland scheint frei in der Luft zu schweben und die Arme auszubreiten über das Weh der Welt. Segnet er? Flucht er? Ach, Fanny, wir wollen groß sein, wir wollen es dennoch als Segen deuten und nicht als Fluch. Denn aus diesem grenzenlosen Haß muß ja doch, muß eine neue Liebe kommen. Sie muß kommen, denn wir verhungern sonst auch seelisch, wie wir leiblich ausgehungert sind.«

Wieder ging er hin und her, seine Gefühle und Gedanken waren jetzt in mächtiger Bewegung, lösten sich und drängten hinaus. Er rang schweren Atems die Hände und blieb vor dem geschmückten frischen Grabhügel stehen. Der Herbstabend dunkelte; weit irgendwo her aus hohen Lüften klang der Schrei der Wandergans. Eine unendliche Wehmut schwoll über des Vaters Herz.

»Ja, mein Sohn, mein lieber, lieber Sohn,« sprach er, mit Tränen kämpfend, »ich will dennoch, dennoch nicht irre werden im Glauben an das Gute, an das Göttliche hier auf Erden, wenn auch deine liebe Seele zusammengebrochen ist. Ich will trotz dieser Niederlagen, die Deutschland und die ich persönlich erlitten habe, die Waffen an ein neues Geschlecht weiterzugeben versuchen. Das gelob' ich dir hier an deinem Grabe. Dir ist kein Heldentod draußen bei deinen Brüdern auf dem Schlachtfeld beschieden gewesen; im Nebel, einsam und verirrt, hast du dich von uns fortgeflüchtet. Gott wird deine Seele wiederherstellen — —«

Seine Stimme brach. Die Wohltat der Tränen ward ihm zuteil. Er tastete nach Fannys Hand und hielt sie fest. Sie zuckte auf, kämpfte eine Weile mit sich selbst und stieß plötzlich hart, heiß, aus gequälter Brust die Worte heraus: »Ich kann nicht weinen wie du — und will nicht weinen — und will nicht beten — und will nicht an Gott glauben — und an nichts. Geh nur, Onkel Arnold! Laß mich allein — auch du!«

Sie riß die Hand los und sprang auf. Aber in ihrem leidenschaftlichen Herzen begann es zu tauen. Sie hatte die Rede wieder gefunden. Mit heißen, trockenen Augen starrte sie ins Leere. Und ein angestauter, zorniger Schmerz ergoß sich in wilde Anklagen gegen Gott und Welt, und vor allem in Verwünschungen gegen Deutschland.

»Nein, an nichts mehr glaub' ich — an nichts! Am wenigsten an euer Deutschland, an das er so geglaubt hat. Diese würdelose Nation, die erst mit dem Säbel rasselte und jetzt um Frieden winselt! Läßt sich von hergelaufenem Gesindel regieren! Wieviel brave junge Menschen liegen tot — und Lumpenpack regiert! Ist das euer Deutschland? Nein, nein, ich will nichts hören von biblischen Redensarten und Land, Land! — Alles falsch! Ich fahre nach Frankreich zu Georges — ich bleibe bei Georges! Der nimmt die Welt, wie sie ist, der hat mir nie idealistische Phrasen vorgelogen wie ihr! Jetzt zeigt sich's, daß er recht hat! Die Franzosen sind Sieger — und ihr unfruchtbaren Träumer und Phrasendrescher seid zusammengebrochen! Nein, ich will nicht zu den Deutschen. Wie unstolz sind diese Leute, beschimpfen ihren Kaiser, sind feig und schieben die Schuld auf diesen Sündenbock ab! Wie grundgemein! Wo ist denn da Liebe? Wo Vornehmheit? Wo Ehrgefühl? Wo, wo, wo?! Das hat diesem guten Gustav das Herz gebrochen! Das allein! Ihr Deutschen habt ihn umgebracht!«

So entlud sich das leidenschaftliche Kind.

»Großer Gott, ja,« seufzte der Pfarrer, »ich kann dir nicht widersprechen, Fanny. Wo aber mögen Liebe und Ehre hingezogen sein? Etwa nach Frankreich, zu den schwarzen und braunen Völkerschaften, die man gegen uns herangehetzt hat? Und war denn nicht auch Gustav ein Deutscher?«

»Nein! Ein Elsässer!«

»Hat er nicht Schulter an Schulter mit deutschen Kameraden den gemeinsamen Feind bekämpft?«

»Weil er mußte! Innerlich ein Abgrund! Er war immer einsam, weil er zu vornehm war. Er hatte dich und mich — ach, und selbst uns kaum — er hatte kein Volk, kein Vaterland. Er ist nur auf die Erde gekommen, um zu leiden. Und auch ich habe ihn nicht erlösen können — und niemand! Ach, die ganze Menschheit ist voll Gift und Galle und niedriger Gesinnung. Am meisten aber Deutschland. Und Deutschland ist am schuldigsten, denn es hat immer die größten Phrasen gemacht von Idealismus und deutschem Gemüt und gar von der berühmten deutschen Treue! Treue? Hahaha! Ich lache! Ich geh' nach Frankreich, werf' mich dem ersten besten — — nein, ich geh' in die Lazarette und pflege Franzosen gesund, daß sie wieder schießen können — auf Deutschland!«

»O Fanny, Fanny! Also Revanche? Rache? Auch du?! Und hast du dann den Vorrat von Liebe und Güte in der Welt vermehrt? Glaubst du, daß deine Absicht im Sinne des grundguten Menschen ist, der hier unter dem Rasen liegt?«

»Grundgut, ja, das war er!« Es klang weicher, wie von einem Aufschluchzen begleitet. »Gut war er. Ach, Onkel Arnold, da liegt der letzte gute Mensch begraben. Ja, gut, gut! Und ich bin schlecht genug, keine Tränen zu finden. Ach Gott im Himmel droben, gib mir Schlaf, gib mir Tränen und Gebet — denn ich halt's nimmer aus! Ich werde wahnsinnig!«

Sie schrie fast vor Schmerz und preßte beide Schläfen. Arnold legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.

Jetzt fühlte er den Augenblick gekommen, wo ihr Inneres zugänglich wurde.

»Fanny, ich hab' einen letzten Gruß von ihm an dich.«

Er zog ein Blatt hervor. Sie fuhr auf.

»Etwas Geschriebenes? Hat er noch etwas hinterlassen?«

»Ein unvollendetes Gedicht —«

»Gib, gib!«

»Darf ich dir's vorlesen? Es ist kaum noch hell genug. Doch komm, wir setzen uns hier ans Grab. Morgen früh fahr' ich nach Heidelberg. Du bist die Letzte, mit der ich mich aussprechen wollte. Lisy soll mich nicht begleiten; sie spricht geläufig Französisch und wird sich auch unter fremder Besetzung mit ihren geliebten Kranken zurechtfinden. Dich aber wollte ich nicht in solcher Bitterkeit zurücklassen. Und erst recht nicht will ich dich bereden, mich etwa zu begleiten, du hast ja deinen Entschluß bereits gefaßt — —«

»Lies, lies!«

Und er las im letzten Dämmerlicht mühsam seines Sohnes letztes Gedicht: