Elftes Kapitel
Stille Menschen
Mörike
Dirk an seine Mutter.
Liebe Mutter! Diesen Brief schreibt für mich die Hand eines Kameraden aus dem Elsaß, der mit mir im Lazarett liegt. Nimm demnach an der fremden Schrift keinen Anstoß. Es ist Erwins Hand; aber es ist mein Herz. Ich kann ihm alles anvertrauen. Wir haben Freundschaft geschlossen.
Quäl' dich nicht, Muttchen, daß du mir kein Futterpäckchen schicken kannst! Sieh, was du mir schickst, ist tausendmal mehr wert. Wie herrlich die Worte, die du mir schreibst! Wüßtest du, wie sie mich heimlich begleiten, mir alles vergolden, das Schwere leicht machen! Ich küsse deine lieben Hände, die mir so viel Schönes schreiben, liebes Mutterherz!
Es ist Sonntag. Vor mir steigt unser schöner Garten auf, darin ihr nun in der Laube sitzt. Und vor mir steigen viele, viele solcher deutschen Sonntage aus der Kinderzeit auf. Wie hast du uns doch gut gelehrt, Sonntag zu feiern! Heute danke ich dir dafür. Ich lese zur Nachmittagsfeier deine lieben Briefe, die Auszüge aus Büchern, aus denen du so treu und fleißig schöne Stellen abschreibst, und den Faust! So bin ich im Geiste bei euch, immer, Mutti, immer!
Weißt du, wie du uns einmal sagtest, es läge ein so großer Trost darin, daß der Himmel mit all seinen Sternen sich über die ganze Welt spannt? Denn man ist bei solchem Aufblick in das Weltall niemals allein; man braucht nur abends die Sterne zu grüßen, so schwingt die Seele mit; und von den Sternen her kommen silberne Strahlen, die uns irdisch Getrennte miteinander verbinden. Wie oft habe ich in stillen Sternennächten daran gedacht!
Ach ja, deine Märchen! Wir meinten in unsrer Jugend, du hättest ein großes, großes Märchenbuch, daraus du sie alle wußtest — und es war doch nur dein großes Herz! Wie schade, daß du sie nicht aufgeschrieben hast, all die lieben Märchen! Sie sind aber in meinem Herzen aufgeschrieben und kommen oft zu mir, die vertrauten Gestalten. Mutterchen, das sind Schätze, die mir kein Schicksal rauben kann. Ich meine oft, ich müßte schon deshalb heimkommen, um all die Liebe einigermaßen zurückzahlen zu können, die ich einst als Selbstverständlichkeit gedankenlos von dir hingenommen habe. Aber kann man denn dies alles einer Mutter vergelten? Uralt möcht' ich werden, Mutti, um dir lebenslang Dankbarkeit erweisen zu dürfen.
Stell' dir ja nicht vor, daß ich hier im Bett Trübsal blase vor Heimweh und Angst um das bißchen Leben! Ach nein, dazu neigen weder mein heiterer Erwin noch ich selbst trotz aller Geduldsproben. Wir lesen und lernen immer weiter. Da durchblätterten wir eben Fidus-Bilder und sind entzückt von der leichten Anmut dieser immer jungen, durchgeistigten und beseelten Gestalten. Den Faust freilich, mit dem ich auszog, hab' ich nicht mehr: er ward verschüttet im Trommelfeuer und liegt begraben in Flanderns Erde. Aber deine Abschriften hab' ich auf dem Herzen gerettet. Und mein Erwin ist unermüdlich, mir vorzulesen. Hölderlin und Mörike sind eben der Gegenstand unsrer Liebe. Meister Raabe macht ihn, den Süddeutschen, freilich manchmal ungeduldig. Auch hat er sich jetzt in ein Buch vertieft: »Jesus im Urteil der Jahrhunderte«. Es ist staunenswert, mit welcher Leuchtkraft die Gestalt des Heilands in den Herzen der Menschen immer wieder verjüngt erstanden ist. Ob sie auch in Deutschland und Europa wieder einziehen wird, wenn sich einmal dieser Irrsinn des Völkerhasses ausgetobt hat?
Ich habe neulich Uhdes »Flucht nach Ägypten« gesehen. Bilder machen mir überhaupt viel Freude. Da empfand ich ein Stück meiner Lebensaufgabe. Diese traurigen, ganz armen Menschen müssen vor dem Haß flüchten, friedlose, heimatlose Unglückliche, wie sie auch in Deutschland millionenhaft durcheinanderwimmeln, besonders in den Fabrikstädten. Ihnen praktisch helfen, alles andere gering achten, nicht am Zeitgeist herumnörgeln, sondern bei sich selber mit der neueren, reineren Denkart gründlichst beginnen — sieh, das haben Erwin und ich einander gelobt. Es ist furchtbar einfach und furchtbar schwierig. Denn wie soll man in rechter Weise an die Seelen der Menschen herankommen? Ich habe wenig, wenig bisher getan, aber glaube mir, Mutter, Deutschland muß von innen heraus erneuert werden. Und wir müssen alle mitarbeiten, damit recht viele Menschen so werden wie — wie du, mein goldiges Muttchen! Damit ist alles gesagt.
Wenn Hertha kommt, so wird das ein Festtag sein. Ich übe mich inzwischen in der Tugend der Geduld. Es ist eine Folter, hier faulenzend stillhalten zu müssen, während unsere Kameraden sich draußen opfern. Und der Opfergedanke, liebe Mutter, ist doch das Größte, was die Welt kennt.
Ich grüße und küsse euch herzlich
Euer Dirk.
Hertha an ihre Mutter.
Mein liebes Mutterle! Eben habe ich Dirk gesehen, ich komme vom Lazarett. Wie hat sich der Junge gefreut! Du weißt ja, wie er dann ist, er sagt nicht viel, aber er strahlt.
Leider habe ich mich ziemlich unbedacht eingeführt: ich hatte Lilien mitgebracht, ohne zu bedenken, daß sie doch sehr stark duften. Dirks Kamerad, Erwin Ehrmann, der lange Elsässer, von dem wir ja schon wußten, saß gerade bei ihm auf dem Bettrand und las ihm vor. Er war der erste, den ich sah, brach mitten im Wort ab, als ich eintrat, und starrte mich an, als ob er einen Geist sähe. Dabei bin ich doch wahrhaftig nicht blaß zu nennen, und mein hellblaues Kleid sieht auch nicht nach Geisterspuk aus. Dann beugte sich Dirk vor und rief: »Hertha!« Und ich stand mit meinem dicken Lilienstrauß ein Weilchen recht dumm da, bis ich zu einer richtigen Begrüßung Mut und Worte fand. Danach ist es aber wunderschön geworden. Der Elsässer war so taktvoll, aus dem Zimmer hinauszuhumpeln, damit wir ungestört plaudern könnten. Dirk konnte mir nicht genug sagen, was es für ein lieber Mensch sei, dessen natürliche Heiterkeit ihm sehr wohltue. Und ich hatte denselben angenehmen Eindruck.
Mein lieber Dirkbruder ist schmal geworden, aber seine stille Frohnatur ist unverändert. Es geht ein so schönes Leuchten von ihm aus wie immer. Ich habe ein Stündchen an seinem Bett gesessen und ihm unendlich viel von dir erzählt. Hoffentlich darf er bald in unser Lazarett, damit wir ihn in der Nähe haben. Ich werde gleich morgen mit dem Oberstabsarzt sprechen.
Es ist mit Dirk sonderbar; als ob er einen Panzer um sich hätte, durch den nichts Gemeines hindurchdringen kann. Wieviel Häßliches muß man als Jugend- und Armenpflegerin anhören! Aber Dirk und ich sind ja so gut beschützt. Unser Panzer heißt Liebe. Und du, lieb Muttchen, hast ihn geschmiedet. Wir danken dir mit jedem Atemzug.
Jetzt ist ein wundervoller Abend. Ich sehe durch das Fenster des Gasthofes auf einen schlanken Kirchturm, hinter dem ein erster Stern sichtbar wird. Nennst du mich nicht oft dein Sternenkind, lieb Mutterle, weil ich Sterne so lieb habe? Aber die Sterne im Himmel des Menschenherzens habe ich noch lieber. Unser größter Reichtum ist doch der Mensch. Und wenn ich einen liebenswerten Menschen kennen lerne, so empfinde ich das wie ein Gottesgeschenk. Herzensmuttchen, das hast du uns gelehrt in deiner stillen, besinnlichen und so unaufdringlich feinen Art!
Meine Reise verlief herrlich; ich habe gelesen, geplaudert, geträumt — verzeih, das tu' ich nun einmal so gern! — und habe den Text zur Schlußandacht meines nächsten Unterhaltungsabends durchdacht: »Gott wird abwischen all' ihre Tränen« (Offenb. 7, 17). Der Betrieb auf der Bahn war furchtbar. Aber ich sage mit meinem Schiller: »In des Herzens heilig stille Räume mußt du fliehen aus des Lebens Drang«. Dieses innere Reich kann uns niemand nehmen.
Unterwegs, in meiner vierten Klasse, wo man bekanntlich den Mitmenschen näher kommt als in der zweiten, dachte ich über mein Ziel nach. Die gebildete weibliche Jugend zurückgewinnen für Gott, ihr helfen in ihren Zweifeln, ihr die Augen öffnen für soziale Hilfe; die erwerbende Jugend erziehen zu freudiger, beseelter Berufsauffassung, zu mütterlichen Menschen; den Arbeiterinnen das Formgefühl für die Gestaltung des Lebens verfeinern in edlen Erholungsstunden — was für Aufgaben! Ich saß neben einem nett gekleideten alten Herrn und las von Zeit zu Zeit in meinem Buch. Da kam ein Kriegskrüppel herein und verkaufte Postkarten. Ich fragte ihn, wo er seine Wunden erhalten und dergleichen mehr. Da streifte der Mann seine Hosen auf und zeigte seine schweren Narben (manche Gans hätt' es vielleicht unschicklich gefunden), und wir sprachen hin und her. Dem Ärmsten tat unsere Teilnahme wohl. Als er weiter gehinkt war, kam ich mit meinem Nachbarn ins Gespräch. Er freute sich, daß sein ältester Sohn unterm Rasen lag und kein Bettelbrot suchen müsse. Und da war sie wieder, die schöne Erfahrung des Krieges: das gemeinsame Leid schlug eine Brücke von Seele zu Seele. Wir berührten tiefste Fragen; wir sprachen über das Leid, den Tod, das Fortleben der Seele, über Gebetserhörung und solche stillen, tiefen Dinge. Er bekannte sich als Katholiken und gestand, daß er bezüglich Seelenmesse und Fegfeuer viele Kämpfe durchgemacht habe. Ich sagte, was ich vom Wert des Leides zu sagen wußte, und bat ihn, seinem noch ungefestigten jüngeren Sohn, der auch Soldat ist, recht viel und warm zu schreiben, damit der starke Strom der Elternliebe dort eine Kraft bleibe. Denn ich weiß ja, wie deine Briefe, Muttchen, für Dirk Freude und Kraft sind.
Mutterle, es reisen jetzt viele Hetzer und Schimpfer in den Eisenbahnen; man sagt, sie seien bezahlt. Warum reisen keine Boten Gottes, um unauffällig das Gute zu wecken und das Edle zu ermutigen? Auf jedem Bahnhof kann man zotige Sachen kaufen: warum sammelt man keine edelmenschlichen Züge und schickt sie mit dem allerschönsten Bilderschmuck in die verarmte Menschheit hinaus?
Die Kinder der Welt machen sich oft lustig über die Kinder Gottes, als ob fromme Menschen Trottel wären. Wir sind aber weder dumm noch trottelhaft, wohl aber häufig feig. Das Laster hat eine Art Mut, denn es hat Frechheit. Hätten die Guten doch denselben ruhigen Mut, sich zum Göttlichen zu bekennen!
Es ist inzwischen Nacht geworden, ich beende diesen Brief und den reichen Tag. Meine Lilien hab' ich wieder mitgenommen; aber es sind nur noch drei: eine hat sich Dirk auserbeten, eine andre sein Freund Erwin. Der letztere scherzt und neckt gern, er hat mich gleich Lilienfee oder Lilofee getauft.
Gut' Nacht, Mutterle! Könnt' ich doch morgen Dirk losbekommen und in sein Heimatlazarett mitbringen! In die Sterne schauend, grüßt dich innig
Dein Sternenkind Hertha.
Erwin an Dirk.
Mein Dirk, seit du fort bist, hat mich eine gute Kraft verlassen. Kein Buch schmeckt mir mehr, keine Zigarette, keine Mahlzeit. Nie hat wohl ein holderer Bote einen lieberen Freund entführt, als deine blonde Schwester meinen lieben Dirk. Ich werde sie künftig von Lilien nicht mehr trennen können, und muß auch immer gleich an Mörike denken, dessen Gedicht ich dir grade vorlas: »Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt, mich stumm an deinem heil'gen Wert vergnüge« — als die blaue Gestalt eintrat und mit den Lilien an der Tür stand wie eine Erscheinung aus einer andren Welt. Gott sei Dank, daß es kein Todesengel war! Aber geholt hat sie dich doch. Wie ich ohne dich den Kummer über das Elsaß verwunden hätte, Dirkbruder, weiß ich nicht. Nun rollen wieder die Wolken über mein Gemüt. Schreibt mir doch bald ein Wort, zwei Worte, viele Worte! Grüße dein herrliches Mütterlein und, mit ein bißchen Groll, daß sie dich entführt hat, deine Schwester Hertha!
In Herzenstreue
Dein Erwin.
Hertha an Erwin.
Lieber Herr Ehrmann! Der Todesengel ist nun doch gekommen. Dirk ist soeben der Grippe erlegen. Es ist mir unmöglich, mehr zu schreiben. Er hat noch kurz vor seinem Sterben von Ihnen gesprochen. Wir danken Ihnen innig für alle Güte, die Sie meinem lieben Bruder so reichlich erwiesen haben. In namenlosem Schmerz
Hertha Maria Schütz.
Erwin an Dirks Mutter.
Verehrte gnädige Frau!
Welch eine Nachricht! Ich bin betäubt vor Kummer und Schmerz. Herr im Himmel, warum müssen unsere Besten so dahingehen! Die Kunde hat mich wie ein Donnerschlag getroffen. Wenn ich nicht durch Dirk mein Gottvertrauen so vertieft hätte, ich würde verzweifeln. Da liegt man mit seinem Klumpfuß, muß dieses alles über sich ergehen lassen und kann sich nicht wehren, kann nur knirschen, fragen, immer wieder fragen, was denn Allvater mit seinem deutschen Volke vor hat, daß er uns im einzelnen und im ganzen so furchtbar prüft. Ihr Sohn Dirk war der reinste und bei so jungen Jahren reifste Mensch, den ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Wir hatten uns schon in Flandern, in den heillosen Schlachten um Ypern, kurz berührt; doch wahrhaft befreundet haben wir uns erst im Lazarett. Seine Freundschaft war das Glück dieser Leidenszeit, in der ich ja auch meine elsässische Heimat verloren habe. Dirk hat mich wieder fromm gemacht. Wir hatten schon davon gesprochen, daß ich das Weihnachtsfest mit ihm bei seiner über alles geliebten Mutter und bei seiner nicht minder teuren Schwester verleben dürfte. Ach Gott, wir träumten beide, daß wir dann gesund seien und mitarbeiten wollten, das schwergebeugte Deutschland wieder instand zu bringen. Nun ist es dahin! Verehrte Frau, Sie dürfen auf diesen Sohn im edelsten Sinne stolz sein. Wir jungen Leute haben einander ganz vertraulich das Herz geöffnet, auch mit unsren Kämpfen und, meinerseits, Irrungen; ich habe in diese reine Seele schauen dürfen — oh, es war ein ganz entzückendes Kunstwerk! Und dieses Kunstwerk ist Ihr mütterliches Verdienst. Gott segne Sie dafür und stärke Sie in Ihrem großen Schmerz!
Dirk lebt im jenseitigen Reiche. Immer stärker glaube ich an dieses unsichtbare Land. Es wandern so viele Tüchtige dahin aus, die unsre Gedanken und Gefühle unwillkürlich nachziehen. Der Tod hat seine Schrecken verloren. Und mir geht ein gewaltiger Gedanke durch Kopf und Herz: ob der Herr über Leben und Tod grade die hinüberruft, die er drüben braucht? Denn leuchtendes Leben, Liebe, Schaffen ist doch gewiß auch dort! Und mein Freund Dirk ist nun unter diesen Leuchtenden und Liebenden, die von drüben her an der Menschheit, an unsrem armen Deutschland mitschaffen.
Grüßen Sie die Dirkschwester, die ich herzlich bitte, mir ausführlicher über ihn zu schreiben, und seien Sie meiner innigsten Teilnahme nebst lebenslanger Dankbarkeit versichert!
Ihr tiefbetrübter
Erwin Ehrmann.
Hertha an Erwin.
Lieber Herr Ehrmann!
Über Dirk soll ich Ihnen schreiben. Ach, wie gern tu' ich das! Wir denken, fühlen, reden und schweigen ja nichts andres Tag und Nacht als Dirk.
Sein Leben war Schönheit, stille Freudigkeit und strahlende Reinheit. Um uns beide, die wir frühe den Vater verloren haben, waren die starken, schützenden Kräfte der Mutter. Und hinter der Mutter mit ihrer gesammelten Kraft und Wärme standen höhere Mächte, Schutzgeister, die wir in oft geradezu wunderbarer Weise an der Arbeit fühlten. Wir sind in den Wuppertaler Formen der Frömmigkeit erzogen, ohne engherzig zu sein, auf werktätige Liebe eingestellt. Aber auch die Kunst, besonders Malerei, und die Natur sind uns Erzieher geworden. Dirk und ich schauten gern gute Bilder, und Blumen sind immer auf meinem Tische; auch hatte er an den neuerdings wieder aufgekommenen Reigentänzen und Volksliedern ebensoviel Freude wie ich. Und wie sind wir miteinander gewandert in Sturm und Regen, in Frühlingslust und Sommersonne, am Meer, in Wald, Heide, Bergen! Wir haben mit allen Poren Natur eingetrunken. Und mit dieser Sonne im Herzen, braungebrannt von Luft und Wind, ist dann Dirk zur sozialen Arbeitsgemeinschaft nach Berlin-Ost gegangen und hat seine Lebensfrische den Arbeitern gebracht. Es ging ein Zauber von ihm aus. Das haben mir viele gesagt. Wer nicht mehr an den reinen deutschen Menschen glauben konnte, der brauchte nur diesen sonnigen Jungen anzusehen.
Auch für alle ähnlichen modernen Bewegungen, die auf Beseelung ausgehen, so für Johannes Müller, die Neulandgruppe in Eisenach, Euckens Philosophie, sogar die Steinersche Theosophie hatten Dirk und ich offene Augen. Aber wir haben uns nie aus dem Geheimnis unsrer eigentlichen Kraft herausreißen lassen. Und dieses Geheimnis hatte uns die Mutter eingepflanzt. Es ist das schlichte werktätige Christentum, wie es uns besonders im Johannes-Evangelium verkündet wird.
Wir hatten jedes unsre kräftige Eigenart; und doch erinnere ich mich aus unsrer nicht leichten, mit Arbeit tüchtig ausgefüllten Jugend keines Zankes zwischen uns. Wie oft hat mich seine Hand auf dem Spaziergang gefaßt: Du bist müde, Schwesterlein, wir wollen nicht so schnell gehen! Seine Briefe an mich waren voll von kleinen eingeklebten Bildern, die das Geschriebene launig belebten. Und häufig hat mich ein Strauß oder sonst eine Aufmerksamkeit von ihm auf meinem Tisch überrascht. Sein Wesen war Güte und in der Güte still beherrschte Kraft.
So denk' ich mir die kommenden Seelen im gereinigten, durch Schmerz gereiften deutschen Vaterlande. Ich habe jetzt oft ein Gefühl wie vor Sonnenaufgang in den Alpen. Wir sehen die Spitzen der Berge sanft erglühen, den Himmel lichter und goldner werden, die Wolken in einem tiefen Feuer aufleuchten. Ob der Weltkrieg, der unsren irdischen Augen Vernichtungsflamme scheint, in höherem Sinne das Morgenrot einer neuen Zeit ist?
Unsere Weihnachtsfeiern waren immer so schön. Für das nächste Fest hatten wir schon unsre Pläne gemacht. Ich wollte in weißem Kleide durch die Tür kommen und wie der Sternsinger in den alten Dreikönigspielen, mit dem Stab, an dem der goldne Stern funkelt, auf das Kind und Maria blickend, sprechen:
Ist nicht eine geradezu Rembrandtsche Beleuchtung in diesen einfachen alten Worten? Wie haben wir zu Weihnachten immer gesägt, gemalt, gepappt, vergoldet und versilbert! Wir bauten manchmal aus Moos, Feldsteinen, hölzernen Schafen, Hirten und dergleichen das halbe Zimmer in eine Weihnachtslandschaft um. Wie einsam wird diese Weihnacht werden!
Doch ich bin müde. Heute war ich in einer Sitzung des städtischen Arbeitsnachweises; mehrere tausend Frauen wurden hier aus der Rüstungsindustrie entlassen; welche wirtschaftliche Umwälzung! Und auf allen Gassen schreit man nach größerem Lohn. Aber wenige rufen nach ewigen Dingen. Meine Mutter und ich fühlen uns oft wie Fremdlinge in dieser wild erregten Welt, wenn wir so miteinander durch die Straßen gehen.
Nächstens ist ein Bachkonzert. Das habe ich mit Dirk nie versäumt. Bach und Beethoven waren seine Lieblinge. Wir haben da so eine liebe alte Kirche, Weiß und Gold, wunderschöne heimatliche Schnitzereien; wenn ich da sitze, wo ich oft mit Dirk und Mutter saß, weiß ich: Hier ist Heimat. Da fühl' ich Dirk neben mir. Wenn wir manchmal zu lang irgendwo blieben und ich ins Träumen kam, vernahm ich plötzlich seine gute tiefe Stimme leis am Ohr, und er mahnte mich mit den Worten des alten Volksliedes: »Schwesterlein, Schwesterlein, wann gehen wir nach Haus?«
Ach, daß ich diese Stimme nie mehr höre!
Seien Sie herzlich gegrüßt!
Hertha.
Dirks Mutter an Erwin.
Lieber Herr Ehrmann!
Wir wissen durch Dirk, ein wie treuer Freund Sie ihm gewesen sind. Wollen Sie seiner Mutter und Schwester eine Freude bereiten? Elsaß ist jetzt von den Franzosen besetzt. Sie werden also wohl vorläufig nicht nach Hause können. Wenn es Ihr Gesundheitszustand erlaubt und wenn Sie durch keine andren Absichten oder Pflichten verhindert sind, kommen Sie doch bitte zu uns beiden Vereinsamten und feiern Sie mit uns das stille Fest des Lichtes und der Liebe! Dann wollen wir von Dirk sprechen, dessen Geist gewiß bei uns sein und sich mit uns freuen wird in seinen verklärten Höhen.
Mit herzlichen Grüßen Ihre
Paula Schütz.