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Chapter 13: Zwölftes Kapitel Heidelberg
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About This Book

An aging Alsatian pastor reflects on homeland, memory, and the ravages of war while wandering vineyard slopes and village paths. He remembers personal tragedies, including his institutionalized wife and a son returned from battle with nervous trauma, and models himself on a former pastoral exemplar as he contends with questions of belonging and cultural strife during the Great War. The narrative blends lyrical landscape description, local conversations, refugee scenes, letters and diary fragments, and episodes in Strasbourg and Heidelberg to examine regional identity, spiritual resignation, and the fraught overlap of private grief and communal upheaval.

Zwölftes Kapitel
Heidelberg

... so möchte man freilich den Weg dahin
richten, wo Freundschaft und Neigung
den reinsten Empfang versprechen.

Goethe an Marianne von Willemer (1817)


Am Eingang des Heidelberger Schloßgartens erhebt sich ein stattlicher, gelb getönter Steinbau.

In steilen Terrassen steigen dort Gärten und Landhäuser längs der gewundenen Straße bis hart an die Schloßmauer heran. Und ihnen entgegen wächst von oben her der Bergwald, der seine Bäume und Büsche tief in die Schloßtrümmer hineinsendet, wo er dann noch mit Efeu alle Ritzen und Gräben der zerbrochenen, doch zärtlich erhaltenen Burg liebevoll einspinnt.

Jenes herrschaftliche Haus entfaltet seine Hauptfront mit Altanen und Steintreppen nach der Nordwestseite. Dort türmt sich das ansehnliche Gebäude aus den Gärten empor und gipfelt zuletzt in einem kleinen Turm, der einer Sternwarte gleicht.

Goethes Lieblingsstätte ist so nahe, daß man aus den Fenstern zu dem daselbst Stehenden hinüberplaudern könnte. Und vom Altan aus hat man dieselbe Aussicht auf den edelgeschwungenen, westwärts in den Rhein dahingleitenden Neckar, wie einst der weimarische Dichter, der jene Stätte an der umsponnenen Mauer um die Zeit seiner freundschaftlichen Liebe zu Marianne von Willemer besonders liebgewonnen hat. Auch der Gingo-Biloba-Baum, der in Lied und Briefworten jener Tage genannt wird, steht noch in den weitläufigen Schloßanlagen. Und zarte Romantik genug wittert überall in den Lüften, die im Mai von Blüten, Bienen und Vogelsang üppig begnadet sind. Niemals auch entschläft hier die immer neu aus der Universitätsstadt heraufquellende Zechromantik Scheffelschen Tones. Und der alte deutsche Wanderdrang fühlt sich oft mit Rucksack und Laute in diesen einst so roh gesprengten, samt der ganzen Pfalz fürchterlich verwüsteten, doch in einzigartiger Ruinenschönheit wohlerhaltenen Schloßbezirk getrieben.

Hier hatte Frau Cäcilie Lobsann-Schultheß, von Zürich kommend, Gatten und Heim erwählt. In ihrem überaus anmutvollen Wesen waltete wieder ein Hauch des weimarischen und des romantischen Geistes deutscher Dichtung und deutscher Fraulichkeit.

Es war in jenen November- und Dezembertagen eine milde, helle Witterung mit nächtlichem Sternenschein und dunstfreiem Vollmond. Zögernd nur wichen die reinen Abendröten hinunter, nachdem sie sich lange im wellenlosen Spiegel des farbenschimmernden Neckarstromes gelabt hatten. Der Bismarckturm drüben am sanft ansteigenden Hügel stand massig unter den abendlichen Farben. Er hatte in mondhellen Sommernächten manchem Fliegerkampf über dem unfernen Mannheim-Ludwigshafen zugeschaut. Oh, wie dann die dumpf donnernde Luft durchzuckt war von ununterbrochenen Schrapnell-Blitzen der heftig abwehrenden Geschütze! Jetzt lag das blutgetränkte Europa in unheimlicher Ruhe; die Dämonen des Weltkrieges schienen entwichen. Oder waren sie, wie jene nordwärts fliegende winterliche Rabenschar, ins innere Deutschland geflogen und hausten dort in den Geistern der Revolution?

In jenem wuchtigen, einem Palazzo der Renaissancezeit vergleichbaren Bau hatte der ausgewanderte Elsässer Arnold im ersten Stockwerk Zuflucht gefunden. Hier atmete er auf. Er konnte sich keine angenehmere Wohnstätte wünschen. Fanny hatte während der rüstig betriebenen Einrichtung den Schmerz betäubt. Behaglich erwuchsen die schmucken Räume unter ihren fest zugreifenden Händen. Die Bücher standen geordnet und warteten auf Benutzung. Das Speisezimmer bildete den Übergang zum großen Steinbalkon, und daneben war noch ein kleineres Zimmer, worin sich Fanny vorläufig niedergelassen hatte.

Nur vorläufig; denn sie war entschlossen, nach vollbrachter Arbeit in das französische Elsaß zurückzukehren. Niemand suchte das willensstarke, vom Schmerz überschattete ernste Mädchen im Trauergewand an ihrem Entschluß zu hindern, da sie erste Versuche dieser Art sofort zurückgewiesen hatte. Alle waren taktvoll genug, ihr in so wichtiger Lebensentscheidung, ob sie fernerhin zur deutschen oder zur französischen Familie gehören wollte, Freiheit zu lassen. Allein mit der ihrer Schweizerart eigentümlichen Zähigkeit wartete Frau Cäcilie seufzend auf eine passende Stunde zu nochmaligem Angriff; und noch geheimer war Arnolds wehmutvolles Bedauern. Die ebenso lebhaft-natürliche wie herzensgute Hausfrau hatte das junge Mädchen rasch ins Herz geschlossen; beide hatten Künstlerblut. Und dem nunmehr amtlosen Einsiedler war es, als ob mit Fanny das letzte Restchen Heimat am Himmel dahin zu schwinden drohte.

Professor Lobsann, Mediziner und Musikfreund, war beglückt, Gastfreundschaft erweisen zu können. Liselottchen, das gesprächig-liebenswürdige Töchterchen, beherrschte hier den Kreis und trat in Wettbewerb mit der Mutter, deren Reichtum an Einfällen sie geerbt, deren warme Braunaugen sie jedoch abgelehnt hatte, um Vaters Blauaugen vorzuziehen.

Die Kleine war ein bestrickendes Persönchen. Sie hatte im ersten Augenblick Fannys ganze Liebe gewonnen, so daß sie sogar den tüchtigen Schwestern Weller ein wenig untreu wurde, die Lobsanns Haus leiteten. Hatte die etwas an den schweizerischen Tonfall der Mutter erinnernde Sprechweise der Elsässerin ihr Ohr erobert und durch das musikempfängliche Ohr das kleine Herz? Oder die rasche, dabei innige Art, wie Fanny zu liebenswerten Menschen Stellung nahm? Oder die noch von Schmerz durchzitterte Seele der verwaisten Jungfrau? Kurz, das zehnjährige Kind, das sonst sein eigenes Setzköpfchen zu bekunden und sich nicht ohne weiteres anzuschmiegen pflegte, warf sich mit erstaunlichem Zutrauen in die Arme der neuen Freundin. Und wohl mochte die verlassene Braut dabei ahnen, daß ihr das Glück eigener Kinder für immer versagt sei.

Fanny hatte im Balkonzimmer den Tisch geschmückt, soweit es in dieser Jahreszeit möglich war. Der Abend schimmerte herüber. Die Teestunde sollte eine Art Einweihungsfeier werden, in einfachsten Formen. Frau Cäcilie war in einem kornblumenblauen Kleid heraufgeeilt und zog Fanny schnell noch zu einem Plauderviertelstündchen neben sich auf das Sofa.

Und da ergab es sich nun, daß sie plötzlich auf Arnolds Heidelberger Anfangszeit zu sprechen kam.

»Ja, und da wollt' ich noch sagen, Fanny,« plauderte sie in ihrer geläufigen, manchmal umständlichen und begründenden Art, »ist Ihnen nicht auch schon an Professor Arnolds Gesicht das schmerzliche Lächeln aufgefallen? Ich habe diesen wehmütigen Zug, der sich ihm tief eingegraben hat, geradezu entstehen sehen. Denn ursprünglich war er nicht so, er war vielmehr heiter und zu Neckereien aufgelegt, so daß wir in jener allerdings nur kurzen Zeit unserer ersten Bekanntschaft manchen Redestrauß miteinander ausgefochten haben. Es endete freilich immer versöhnlich, und zwar meist mit einer Schokoladetafel Lindt und einem unter Blumen versteckten Verschen. Aber die Geschichte mit seiner Frau — —«

»Daß sie geisteskrank wurde?« fragte Fanny gespannt. »Ich habe nie Näheres darüber gehört.«

»Nein, noch früher. Man spricht ungern davon. Sie war immer ein wenig nervös, ein wenig unbefriedigt und leicht gekränkt, in der wirklich törichten Meinung, daß man sie als Elsässerin nicht voll achte, wozu aber sicherlich gar kein Grund vorlag, wenn man auch einmal auf die Französlinge im Elsaß schimpfte. Und dann, ja, es ist halt traurig zu sagen — dann kam die Verirrung mit dem Studenten. Sie hat ihren Gatten und das zweijährige Bübchen einfach sitzen lassen und ist eines Tages mit einem jungen Mann durchgegangen, um freilich nach ein paar Wochen oder Monaten beschämt und gebrochen wieder heimzukehren. Von da ab war eine Störung in ihrem seelischen Wesen. Man hat die Sache möglichst zugedeckt. Aber schließlich hat man sich die Augen nicht mehr verschließen können, daß sie geisteskrank war. Im Irrenhause ist sie dann gestorben. Es hat ihn furchtbar mitgenommen. Seine Stellung hier war unmöglich geworden. Denn nicht wahr: er selbst vertritt ja so etwas wie philosophischen Idealismus und fühlte den Vorgang als eine öffentliche Niederlage, da er nicht einmal in seiner nächsten Umwelt Ordnung schaffen konnte. Er hat Zeiten gehabt, wo er an Gott und an aller Weltordnung irre geworden ist; aber ausgesprochen hat er sich höchstens einmal zu meinem Mann, und der trägt solche Sachen nicht weiter. Nur die Musik bot dem Vereinsamten immer wieder Trost. Da hab' ich ihn mit meinen Liedern oft erfreuen dürfen. Überhaupt, edle Hausmusik — — obwohl, ich muß es Ihnen halt ganz verstohlen gestehen, liebe Fanny, mich drängt's und reißt's doch auch immer wieder nach dem Konzertsaal. Das liegt mir so von Mutter und Großmutter her im Blut. Sich so recht in Formen der Kunst austoben, eine kunstsinnige Zuhörerschaft hinreißen — ach, Fanny, verstehen Sie das?«

Ja, Fanny konnte diesen edlen Ehrgeiz nachfühlen.

»Ist's das vielleicht, was jene unglückliche Frau gesucht hat?« fügte sie nachdenklich ein. »Hat ihr vielleicht die Befreiung durch die Kunst gefehlt? Onkel Arnold sagte mir einmal, sie habe zu Kunst und Musik kein Verhältnis gefunden. Können Sie sich das vorstellen, Frau Cäcilie? Und er so musikalisch! Und sogar ein Stück Poet wie auch Gustav!«

Und Fanny erzählte von jenem Band »Gespräche«, den sie unter den Papieren gefunden. Sie glaubte die Unterhaltung zwischen Agnes und dem armen Heinrich jetzt noch besser zu verstehen. Und bitter brach auch heute wieder die Klage durch, daß ihr selbst dem Verlobten gegenüber keine Erlösungskraft beschieden gewesen.

Frau Cäcilie tröstete.

»Das ist Schicksal, liebe Fanny. Mit wieviel Widerwärtigkeiten im Haushalt und im Künstlerberuf hab' ich zu kämpfen gehabt! Manchmal hab' ich dagesessen, gänzlich mürb und müde, die Hände im Schoß, und hab' mit Tränen im Auge Gott gefragt: Warum denn mir das alles? Was hab' ich denn Schlimmeres getan als die andren? Da haben mir wertvolle Freunde nebst edel gehaltener Dichtkunst, Religion und Musik wiederum Kraft und Gleichmaß gegeben. Vieles hat sich mir nicht erfüllt. Aber das ist Schicksal, Fanny. Manches Leben zerbricht freilich dabei, wie jetzt Deutschland zerbricht und wie Ihr armer Gustav zerbrochen ist. Aber Sie haben mir ein schönes, schlichtes Wort von Professor Arnold an seines Sohnes Grab berichtet: Gott wird seine Seele wiederherstellen. Ja, das wird der Allgütige tun. Gott wird auch die deutsche Seele wiederherstellen. Und wird auch Sie und mich führen, liebe Fanny, wie es zu unsrem Heil gut ist. Nicht wahr? Denn obschon ich so himmelblau und heiter neben Ihrem schwarzen Kleid sitze — auch ich habe manches durchgekämpft. Und ich verstehe Sie — — ach nein, dich, Fanny! Laß uns einander du sagen! Ist es dir recht, Schwesterseelchen?«

Die beiden Frauen küßten sich und saßen fortan umschlungen wie zwei junge Mädchen, die Freundschaft fürs Leben geschlossen haben. Fanny sprach nicht viel, atmete nur heftig; denn ungeklärte Entschlüsse rangen in ihr, die sie erwog, während die Schweizerin von den Festen im Hottinger Lesezirkel zu Zürich, von den Heidelberger Bach-Aufführungen und von eigener edelgeplanter Geselligkeit weitersprach. Hier tat sich eine reichere, leuchtkräftigere Welt auf als im gar zu kleinen Winzerdorf Lützelbronn.

Und plötzlich, wie ja oft die Gedanken und Gefühle vertrauter Freunde insgeheim zusammenklingen und gleichzeitig auf die Lippen treten, sprach es die Hausfrau zaghaft aus:

»Schade, Fanny, wirklich sehr schade, daß mein Liselottchen dich nicht immer um sich hat. Das Kind wird Heimweh nach dir bekommen, wenn du weggehst — und ich halt auch es bizzli.«

Das ward treuherzig und lächelnd, zuletzt in Züridütsch, aber doch recht wehmütig gesagt. Und sie schaute die junge Freundin so liebreizend dabei an, daß Fanny abermals den Arm um sie schlang. »Wie gut ihr alle zu mir seid!« Es tat der Elsässerin unendlich wohl, solche innige Teilnahme zu spüren.

»Was gedenkst du denn in Straßburg zu tun?« beharrte Frau Cäcilie.

»Ich werde meinem Bruder Georges den Haushalt führen«, erwiderte Fanny etwas kleinlaut. »Und überhaupt — ich werde arbeiten, arbeiten und vergessen.«

Jetzt kam das jüngere Fräulein Weller, eine rotwangige Blondine, eilig herauf und meldete einen Besucher, der Fräulein Bieler zu sprechen wünsche.

»Es ist ein Sanitäter aus Straßburg und hat ein Paket von Schwester Lisy.«

Fanny schnellte empor.

»Aus Straßburg? Aber die Grenzen des besetzten Gebietes sind ja abgesperrt!«

»Der Sanitäter ist doch durchgekommen. Da ist er!«

Ein großer, hagerer Mann im feldgrauen Mantel, mit runder Hornbrille trat schweren Schrittes ein und blieb in soldatischer Haltung stehen, ein längliches Paket in der linken Hand.

Hatte bei den Frauen alle Rede in zarten, hellen Schwingungen das Zimmer belebt, so erklang hier eine wortknappe, männliche Baßstimme, die fast rauh und rostig wirkte. Man spürte, daß dieser Soldat dem Tod ins Angesicht geschaut hatte und auf Redensarten des Salons nicht gestimmt war. In kurzen, schlichten Worten berichtete er, daß er bis zuletzt im Kunstschul-Lazarett zu tun gehabt.

»Das war uns erlaubt. Wir mußten nur aus den Hosen das Rot abtrennen und eine bürgerliche Mütze aufsetzen, auch alle Abzeichen entfernen. So hab' ich den Einzug der Franzosen mitangesehen. Hier sind Zeitungen, hier Bildkarten und hier ein Brief von Schwester Lisy.«

Er entnahm den Taschen die zerknitterten, stark nach Tabak duftenden Papiere und gab auch das verschnürte Paket ab.

Auf einige Fragen, woher und wohin, kam schlichte Antwort. Es war Fernblick in den Augen dieses Mannes, der während des Sprechens gradaus nach dem Fenster in den Abendhimmel schaute. Er hatte eine Farm im inneren Afrika, am Kilimandscharo. Von dort war er bei Ausbruch des Krieges nach Deutschland gereist, um mitzukämpfen. Man sprach mit Achtung vom tapferen Lettow-Vorbeck, der Deutsch-Ostafrika vier Jahre hindurch unbesiegt verteidigt hatte. Dann fragte man nach den Zuständen in Straßburg.

»Erbärmlich! Hätte nie vermutet, daß im schönen Elsaß so viel Gemeinheit haust. Wenn Altdeutsche oder Deutsch-Elsässer ausgewiesen werden, muß das innerhalb vierundzwanzig Stunden geschehen. Dann sammelt sich der Pöbel am Desaix-Denkmal bei der Kehler Rheinbrücke. Die Ausgewiesenen, Männer von Bildung und Pflichttreue, werden truppweise bis dorthin gefahren; von dort müssen sie zu Fuß über die Rheinbrücke gehen und werden dabei beschimpft, verhöhnt, ja oft mißhandelt und mit Schmutz beworfen. So geht's auch in Kolmar und Mülhausen. Auf militärischen Lastautos, wie Tiere, führt man sie auch dort dem Pöbel zur Schau durch die Straßen nach der Grenze. In höheren und Volksschulen ist französische Sprache befohlen; die Marseillaise wird eingedrillt. Beim Einzug der Franzosen schwangen die Kinder französische Fähnchen und schrien wie besessen ›vive la France!‹ Die ganze Bevölkerung war berauscht. Frankreich bringt ihnen ja den Himmel auf Erden: Schokolade, Milch, Mehl, Rotwein — alles im Überfluß! Aber nach jedem Rausch kommt der Kater. Es wird auch im Elsaß katern.«

Der Soldat räusperte sich rauh und schwieg. Er hatte nicht viel Zeit und machte Anstalt, sich zu verabschieden. Noch am Abend hoffte er zu seinen alten Eltern nach Sachsen weiterfahren zu können.

»Und Lisy! Wie geht's denn Schwester Lisy?«

»Sehr gut. Das heißt, sie hatte einen Grippe-Anfall. Es wird wohl alles im Briefe stehen. Besonders erschüttert hat sie die Schändung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Nichtsnutzige Burschen, Elsässer leider und französische Soldaten, haben das Bronze-Reiterstandbild unseres ehrwürdigen alten Kaisers Wilhelm I. vom Sockel gerissen, in Stücke geschlagen und den Kopf an Seilen vor das Denkmal des Generals Kleber geschleift.«

»Was haben sie getan?!« rief Fanny entsetzt.

»Es wird im Briefe stehen«, wiederholte der Sachse. »Es waren Mitglieder eines Cercle von elsässischen Studierenden. Daß aber einer von Ihren Verwandten dabei war, Fräulein Bieler, der eben aus Frankreich zurückgekehrt ist, das hat Schwester Lisy ganz besonders zusammengeschmettert.«

»Doch nicht mein Bruder?!«

Fanny zitterte am ganzen Körper, als sie die Frage stellte.

Der Erzähler verwies mit ausgestrecktem Zeigefinger abermals auf das Schreiben und sprach gleichsam tröstend: »Das steht alles da drin.«

Dann schritt der Afrikaner in die beginnende Nacht hinaus, von Frau Cäcilie verabschiedet, die Fanny allein ließ, damit sie den Brief lesen könne.


Im großen Arbeitszimmer des ausgewanderten Elsässers waren bereits etliche Gäste mit Lobsann angekommen. Die beiden Freunde Ingo von Stein und Oberstleutnant Richard von Trotzendorff hatten sich im nahen Schloßhotel durchreisend auf wenige Tage einquartiert. Sie waren hocherfreut, in diesem neuen Lebensbezirk den ehemaligen Pfarrer von Lützelbronn so vortrefflich untergebracht zu finden. Beide trugen bürgerliche Kleidung. Die Revolution hatte ihnen persönliche Ungelegenheiten nur wenig bereitet. Den Versuch freilich eines unreifen Burschen, dem Oberstleutnant auf offener Straße die Achselstücke abzureißen, hatte dieser mit einer so wuchtigen und wirksamen Ohrfeige beantwortet, daß der Rekrut an eine Laterne taumelte. Dann hatte Trotzendorff die Hand an den Revolver gelegt, die Umstürzler durchbohrend angeschaut und unbehindert seinen Weg fortgesetzt, wenn auch hinter ihm geschimpft wurde. Der Schmerz über das schmachvolle Betragen deutscher Truppen hatte in diesem Altpreußen ebenso großartige Formen angenommen, wie sein Ingrimm, der in verzehrenden Flammen unter seinen buschigen Augenbrauen hervorschoß. Er hatte schon früher nicht viel gesprochen; während des Krieges und dieser furchtbaren Herbsttage war er schweigsamer geworden als je zuvor. Er litt unendlich. Doch in den Tiefen hofften er und Ingo trotzdem auf ein neues Erwachen der deutschen Seele.

Derselbe Ernst lag über allen Damen und Herren des erlesenen kleinen Kreises.

Ein schlanker, feingebauter Generalstabsoffizier mit durchgeistigten Zügen erzählte aus eigener Anschauung von des Kaisers letzten Tagen im Hauptquartier zu Spaa.

»Wir glaubten die Verantwortung für des Monarchen persönliche Sicherheit nicht mehr übernehmen zu können. Die Memmen von der Etappe flohen ja kopflos. Ein Unteroffizier des Kraftwagenparks in unserem Großen Hauptquartier ist im Kraftwagen mit der gesamten Löhnung durchgegangen. Durch solche feigen Flüchtlinge sind uns Milliardenwerte an Heeresgerät und Stoffen aller Art verloren gegangen. Befehle wurden nicht mehr ausgeführt, die Offiziere waren machtlos. Da sah ich den sonst so selbstsicheren Kaiser zum ersten Male unsicher. Er wußte nicht, was tun; er schämte sich, zu fliehen und zögerte lange; zu einer frühen und freiwilligen Thronentsagung konnte er sich auch nicht entschließen, denn er glaubte dann erst recht den Zusammenbruch zu beschleunigen. Endlich, an einem schmutzig-grauen Regentage, ging's fort nach der holländischen Grenze.«

»Und unser Hindenburg?«

»Ihn sah ich zuletzt, wie er den Bahnsteig betrat, gebrochen in seiner äußeren Haltung, begleitet von einem Mann in Soldatenuniform mit roter Armbinde. Ein zweiter Zug stand in der Nähe; dort stiegen Mannschaften ein; niemand beachtete den Sieger von Tannenberg. Der Feldmarschall bestieg den Wagen, an dessen beiden Enden eine Wache mit roten Binden am Arm Platz nahm. Inzwischen entwürdigten sich deutsche Soldaten, den ersten Feinden Hurra zuzurufen; es waren französische Offiziere von der Waffenstillstandsgruppe. Diese hatten mehr Würde im Leib: sie blickten gradaus und dankten nicht.«

Trotzendorff knirschte. Er stand mit gekreuzten Armen und stieß zwischen den Zähnen hervor:

»Die Franzosen haben uns bisher gehaßt, jetzt verachten sie uns.«

»Sie wollten noch vom Kaiser erzählen«, warf Ingo hin, um die dumpfe Pause zu unterbrechen.

Der Offizier erzählte.

Es war ein trauriger Regentag, als der lange Eisenbahnzug mit dem letzten Hohenzollern und seinem Gefolge in die kleine niederländische Station bei Schloß Amerongen einfuhr. Überall Schlamm, Pfützen, nasse letzte Blätter und weithin graue, flache Landschaft. Unter Regenschirmen warteten einige Dutzend Berichterstatter und allerlei neugieriges Volk nebst holländischen Soldaten und Gendarmen. Langsam krochen die schwarzen Wagen heran, mit heruntergelassenen Gardinen, ein Leichenzug. Der Kaiser, in feldgrauer Generalsuniform, mit Mütze und Pelzmantel, steigt mit seinen Leuten aus. Er begrüßt in seiner raschen alten Weise seine Gastgeber. Die Zeitungsherren schweigen; ein paar Zurufe ertönen; er will in gewohnter Freundlichkeit militärisch danken, doch die Hand zuckt wieder vom fahlen Gesicht zurück: denn schrille Pfiffe fahren darein. So geht er schnell zum Auto. In einem Kraftwagen unmittelbar dahinter nimmt ein niederländischer General Platz, der Leiter des Internierungsdienstes. Und nun ein peinliches Warten bei strömendem Regen und ungehemmt herandrängender Menge, die den Monarchen anstarrt. Einem alten General in des Kaisers Gefolge rollen die Tränen aus den Augen. Endlich sind die zahlreichen Koffer auf Lastautos umgeladen. Der Zug der Kraftwagen setzt sich unter schwachen Zurufen in Bewegung und verschwindet zwischen herbstnassen Büschen und emporspritzendem Schlamm in der Richtung nach Amerongen.

Der Offizier schwieg.

Es ging eine Bewegung der Teilnahme wie von einem inneren Weinen durch die Versammelten. Sie alle waren freiheitlich gestimmt, wie das ja dem Süddeutschen und zumal dem Badenser im Geblüt liegt; aber sie hatten auch Verständnis für Ehrfurcht. Besonders der bewegliche, in Gebärden und Sprechweise jugendlich wirkende Professor Lobsann lief einige Male hin und her, angeblich um Streichhölzer zu suchen, in Wahrheit um eine Träne zu verbergen.

»Und im Berliner Schloß«, stellte einer der Anwesenden fest, »hält ein wahnsinniger Hetzer aus demselben Fenster Ansprachen, aus dem bei Kriegsbeginn der Kaiser gesprochen — der Kaiser, dem auch die Sozialdemokratie zugejubelt hat! Und in den Schloßräumen hausen die meuterischen Matrosen, denen grade dieser Monarch seine ganze Liebe geschenkt hatte. Man möchte ausspucken, wenn man auf der Straße eine Matrosenuniform sieht.«

So suchten sich die Herzen zu erleichtern. Bitter gebrandmarkt wurde besonders die ungeheuerliche Verschwendung der nunmehrigen Parteiherrschaft, unter der auch die Soldaten für ihre Wachen gut bezahlt wurden, während gleichzeitig die Arbeiter durch Streikdrohungen geradezu unerhörte Löhne erpreßten. Mammon, überall der fluchwürdige Götze Mammon!

Ein anwesender höherer Beamter mit abgearbeiteten Zügen bekam einen Zornanfall.

»Arbeiter! Arbeiter!« rief er mit rotem Gesicht und geschwollener Stirnader. »Sind wir denn nicht alle Arbeiter?! Haben wir denn nicht für das Staatsganze gearbeitet bis zum Umfallen?! Erhält eine Munitionsarbeiterin nicht dreimal so viel Gehalt als wir alten, abgeschafften Aktenmenschen? Welcher Teufel und Dämon hat denn dem deutschen Volke seit Jahrzehnten dieses Wahnsinnsgedudel vom unterdrückten Arbeiter vorgesungen? Wurde nicht die Arbeiterschaft verhätschelt und verpäppelt, seit der Kaiser zur Regierung kam? Hat er nicht ihretwegen Bismarck weggejagt?! Und das ist nun ihr Dank! Stellen Sie sich einmal unter die Leute beim Milchholen oder beim Bäcker, wenn unsre braven Hausfrauen in dieser Dienstbotennot dort mitwarten müssen — und hören Sie das unflätige, freche Reden der Arbeiterfrau mit an! Diese Menschen hat der Satan geführt seit Jahrzehnten, aber nicht der liebe Gott. Mag unser pflichttreuer Hohenzoller gefehlt haben — diese Bande ist nicht berufen, wahrlich nicht, ein um Preußen so hochverdientes Königsgeschlecht abzusetzen!«

So machte sich dieser Gerichtsbeamte Luft.

Und die Anwesenden stimmten kräftig bei. Auch Ingo. Doch immer auf Ausgleich bedacht, streifte der Thüringer die Asche von seiner Zigarette und sagte wie im halben Selbstgespräch:

»Wohl wahr! Immerhin ... Als ich zuletzt durch Weimar kam — vor einigen Monaten —, sah ich ein paar junge Damen der gebildeten Stände aus einer dortigen Teestube in die Dämmerung heraustreten, trällernd, frech und Zigaretten rauchend. In der Schillerstraße ähnliche moderne Erscheinungen: blecherne, laute, leere Stimmen, Faltenröcke, Gamaschen, dreister Blick. Das ist weibliche Jugend mancher besseren Stände. Wohlgemerkt: in Weimar, nicht in der berüchtigten Berliner Tauentzienstraße! Wenn man als vielgereister Europäer den Blick für diese Dinge übt, so entgeht einem nicht eine wichtige Tatsache: die Roheit der unteren Stände ist nur die Widerspiegelung des Seelentiefstandes der oberen. Das, Herr Geheimrat, möchte ich als Ergänzung zu Ihren durchaus richtigen Beobachtungen hinzufügen. Und du, Richard: weißt du noch, wie wir einmal auf meinem Gut Waldeck an einem Winterabend beisammen saßen und vom unbeseelten Deutschland sprachen? Das war schon ein bis zwei Jahre vor dem Weltkrieg. Ich habe mich merkwürdig oft mit dem Kaiser im Traum beschäftigt; ich fühlte, daß er mit seinen unruhigen Reisen und Festen auf falschem Wege war, denn ich selbst hatte lange mit solchem Reisedrang zu kämpfen gehabt. Freund Trotzendorff« — Ingo fügte das lächelnd hinzu — »hatte übrigens den freundschaftlichen Ehrgeiz, mich auf Grund meines Werkes über Heldentum und Friedrich den Großen persönlich mit Seiner Majestät zusammenzubringen. Nun, es ist ihm ja auch gelungen, und zwar auf der Wartburg. Ich hatte gar viel auf dem Herzen, was ich dem Kaiser sagen wollte, besonders über sein Nicht-Verhältnis zu Kunst und Dichtung. Aber ich bin gar nicht zu Worte gekommen. Majestät wußte schon alles, wenn nicht mehr. So war denn die Unterredung kurz, schmerzlos und nichtssagend. Ich denke mit Wehmut daran zurück.«

»Leider!« nickte der Geheimrat. »Majestät wußte immer alles, wenn nicht mehr. Er redete nur, er fragte nicht. Und in Wahrheit, meine Herren, war er im Innern oft recht unsicher: er hat es nur durch forsche Reden verdeckt.«

Nun wob Lobsann eine feine Bemerkung ein:

»Sie wissen, meine Herrschaften, in der nordischen Edda ist vom Weltbrand die Rede. Alle Asen-Götter gehen unter. Einer jedoch überlebt und tötet die Midgardschlange. Dieser eine ist Widar. Und ihn, den sonst wenig bekannten, fast geheimnisvollen Gott, nennen die Sänger den ›schweigsamen Asen‹. Widar der Schweigsame überlebt. Wo mag er stecken, unser Widar, der nicht viel redet, sondern handelnd den neuen Himmel und die neue Erde heraufführen hilft?«

Ingo war entzückt von diesem Gedanken. Er schüttelte dem nicht gern vortretenden, doch manchmal sehr sinnig eingreifenden Gastherrn in seiner liebenswürdigen Weise die Hand.

Jetzt trat mit leichten, zierlichen Schritten Frau Cäcilie ein und brachte Mozartsche Stimmung in den schweren Gesprächston. Und zugleich mit ihr einige neue Gäste: ein Stadtpfarrer und ein Musikdirektor mit ihren Frauen. Sie hatte die elsässischen Zeitungen und Bildpostkarten mit herübergebracht. Und sogleich nach dem Begrüßungsaustausch spann sich das Gespräch in dieser neuen Richtung weiter.

Was für ein Anblick für den Elsässer Arnold, als er die »Straßburger Neue Zeitung« vom 22. November entfaltete! In fetten Buchstaben obenan ein »Vive la France!« Das Blatt hatte jetzt einen französischen Untertitel und französische Aufsätze vor den deutschen. Und sieh an: Als verantwortlicher Direktor zeichnete da noch immer derselbe Maler und Mundartdichter, dem einst der Kaiser persönlich den Roten Adlerorden mit schmeichelhaften Worten überreicht hatte! Jetzt aber — was für Anhimmelungen Frankreichs! Ein andres Blatt war die sozialdemokratische »Freie Presse«, äußerlich und innerlich noch übler anzusehen. Da wurden die Beschauer gleich von einer Riesenüberschrift »Wilhelm die Memme« angefunkelt. »Feig wie ein Hund« — »bei Wilhelminchen Schutz und Hilfe suchen« — »Großmaul« — so spie dieses Gewürm, dieser Elsässer!

Dann die Bildkarten, die von Hand zu Hand gingen: Parademarsch der Franzosen vor dem Kaiserpalast — Festgewimmel um das fahnenumwogte Kleberdenkmal — jauchzendes Volksgedränge, fahnenschwingende Jugend — hier ein begeisterter junger Mensch, der dem französischen General das Pferd am Zügel führt — —

So also sah es jetzt in Straßburg aus.

»Was sagt Fanny dazu?« fragte Arnold. »Und wo bleibt sie?«

Frau Lobsann erzählte von dem Besuche des durchreisenden Lazarettgehilfen, der Paket und Brief von Schwester Lisy gebracht, und von der Schändung des Kaiserdenkmals. Arnold horchte hoch auf, als er vernahm, ein Verwandter Fannys habe sich an dem häßlichen Vorgang beteiligt.

»Ein Verwandter?« fragte er mit fast erschrockenem Staunen. »Das kann doch nur ihr Bruder sein —?«

»Dem sie den Haushalt führen will«, setzte Cäcilie bedeutsam hinzu. Und ein höchst gespannter Zug trat auch in ihr Antlitz.

Arnold verstand diesen fragenden Blick. Er nickte ihr zu und entschuldigte sich bei der Gesellschaft: »Ich will zu ihr hinübergehen. Ich fühle, sie macht eine wichtige Entscheidung durch.«

Und er begab sich zu seiner Leidensgenossin.


»Du hast einen Brief von Lisy bekommen, Fanny?«

Gedankenlos hatte sie auf Arnolds Pochen »entrez!« gerufen nach ihrer elsässischen Gewohnheit. Und als er ins Zimmer trat, bot sich ihm ein sonderbarer Anblick, der ihn wie ein schwermutvolles Gleichnis durchdrang.

Fanny stand im letzten goldbronzenen Winterlicht, das sich bereits mit dem Schimmer des Mondes mischte, am Fenster und hatte das Paket auszupacken begonnen, wobei sie gerade eine fast armslange, schneeweiße Gipsfigur betrachtend in die Höhe hob. Diese Figur war eine überaus schlanke Frauengestalt mit entzückenden Biegungen des hohen Leibes und nicht minder bewundernswertem Faltenfluß des Gewandes; der Stab in ihrer Rechten war zerbrochen, der gesenkte Kopf trug eine feine Binde über den Augen, und in der lang und matt herunterhängenden Linken war eine Schriftrolle. Die ganze Figur atmete Trauer.

»Was hast du denn da?«

»Das schickt dir Lisy«, erwiderte die Elsässerin.

Mit einem leisen Ausruf des Entzückens erkannte er jetzt die Gestalt.

»Wie lange schon habe ich mir diese beiden Figuren gewünscht! Die gute Lisy! Es ist wohl auch die zweite dabei?«

Fanny stand schon über das Paket gebeugt und entnahm der Holzwolle auch die zweite Statuette.

Diese Gestalt trug eine Krone auf dem Haupt, einen unzerbrochenen Stab mit dem Kreuz in der Rechten, in der Linken aber einen Kelch; sie wirkte weniger schlank als die biegsam-anmutige andere, dafür aber priesterlich und königlich: ein breiter Mantel wallte von den Schultern. Freundlich und tröstend schaute diese Siegerin hinüber zu der Verblendeten und Besiegten.

Es war ein Gipsabdruck jener beiden bewundernswerten Standbilder, die am Seitenportal des Straßburger Münsters jeden Besucher entzücken. Die sieghafte Gestalt mit Kreuzesfahne und Gralskelch pflegt man als die christliche Kirche zu bezeichnen, die andre als die Synagoge. Aber für Arnold erhob sich aus den weißleuchtenden Figuren, die fortan seinen Schreibtisch zieren sollten, eine andre Symbolik.

»Das zerbrochene, blinde, schmerzvolle Elsaß!« rief er aus und hob die Trauergestalt mit beiden Händen ins Licht empor. »Nein, mehr noch: die ganze unerlöste Seele der Menschheit überhaupt, die sich noch nicht durchgerungen hat zur Liebe! Sieh, Fanny, und hier das Kreuz der opfermütigen Liebe und der Gralskelch der Weisheit, aus dem der Gottsucher Mut des reinen Lebens trinkt! O wie sinnig von Lisy, wie schön, wie schön, mir dies als letzten Gruß aus dem Elsaß nachzusenden! Die treue Seele!«

Auch Fanny hatte Gutes erhalten: feinste, weiche Wolle und mehrere Tafeln ihrer Lieblingsschokolade, die sie schon so lange vermißt hatte, nebst andren angenehmen Kleinigkeiten des Haushaltes.

Dann übergab sie ihm mit ernstem Gesicht Lisys Brief.

Er las:

Meine liebe, liebe Fanny!


Durch einen braven Menschen, den ich kürzlich im Lazarett kennen gelernt habe, erhältst du diesen Gruß aus dem nun so ganz andren Elsaß. Stell' die Figuren auf den Schreibtisch meines lieben Vetters und eigne dir selbst das übrige an. Was soll ich euch schreiben? Wenn ich's nicht erlebt hätte, ich hätt's nie geglaubt, daß so viel Haß und Gemeinheit in unseren Leuten steckt. Einige Tage war ich im oberen Elsaß. Dort predigte ein evangelischer — merk' wohl, kein katholischer — Geistlicher, daß wir achtundvierzig Jahre Knechtschaft hinter uns hätten; ein andrer stellte in seiner Predigt Betrachtungen über Blau-Weiß-Rot an: daß man lange sehnsüchtig gewartet, ob sich das Blau des Himmels und der Hoffnung oder das Schwarz der Trauer mit dem Weiß-Rot der Elsässer verbinden würde. Im Gotteshause hing die Trikolore! Kindern hat man Naschereien gegeben, damit sie ja recht mit Straßenschmutz auf die ausgetriebenen Altdeutschen werfen. Der einziehende französische General hat in seiner öffentlichen Rede wohl fünfmal das Wort ›Boche‹ benutzt. So unritterlich ist diese einst ritterliche Nation geworden. Aber das Schändlichste hab' ich in Straßburg erlebt. Denk' dir nur, sie haben das Standbild des alten Kaisers Wilhelm in Stücke geschlagen! Und mich mußte mein Schicksal grade am Platz in später Stunde vorüberführen — ach, Fanny, um wen und was wohl zu sehen und zu hören? Daß dein eben aus Frankreich mit den ersten Truppen eingezogener Bruder bei den Cercleleuten war, die das getan haben! Ich hab' ihm zugerufen, aber sie haben mich nicht beachtet. Mein Herz hat Tränen geweint, und ich hab' kaum noch den Weg in meine Finkweilerecke gefunden. Ich bin noch schwach von der Grippe. Alice, die treue Freundin, hat mich gepflegt. Ihr Vater ist interniert, Gott mag wissen, warum! Sobald es angeht, wandern auch sie über den Rhein. Mich zwingt es innerlich, hier zu bleiben und zu sehen, wie weit ich meiner unglücklichen und verblendeten Heimat dienen kann. Aber für Vetter Arnold ist hier allerdings keine Luft mehr. Gott behüt' euch! Bleibt mir gut, wie euch immerdar aus tiefstem Herzen lieb behält

eure Lisy.


Arnold hatte gelesen.

Fanny stand derweil am Fenster zwischen den beiden weißen Figuren und hatte die Stirn an die Scheibe gedrückt.

Jetzt wandte sie sich um.

Sie schauten sich voll ins Gesicht.

»Onkel Arnold,« sprach sie mit der so oft aus ihr herausbrechenden offenen, tiefernsten Wahrhaftigkeit, »kannst du dir vorstellen, daß ich meinem Bruder den Haushalt führe? Kannst du dir vorstellen, daß ich in ein solches Elsaß zurückkehre und dich allein lasse?«

Er faßte aufleuchtend ihre beiden Hände.

»Fanny! Liebste Fanny!«

»Du kennst mich genug«, fuhr sie fort. »Du weißt, daß ich wohl immer Liebe gesucht, niemals Liebesgeschichten. Und du wirst mir die Kraft zutrauen, daß ich auch unvermählt bei dir bleiben kann — als deine Tochter und Pflegerin und, wenn's gelingt, vielleicht ein wenig Mitarbeiterin. Traust du mir das zu?«

»Aber Erwin — und wer sonst etwa Anspruch auf dich erheben könnte von all den tüchtigen jungen Männern in Deutschland, die sich jetzt nach Weib und Heim sehnen?«

»Erwin wird seine Hertha finden. Und die andern jungen Männer finden Mädchen genug. Aber du bist einsam. Du schließest dich viel zu schwer an jemand an. Doch falls du mich brauchen könntest — — Vater, ich habe keine Heimat mehr als dich. Behalt mich bei dir!«

Die letzten Worte klangen so innig, daß er sich zu dem unaussprechlich hold vor ihm stehenden Mädchen hinabneigte und nach alter zarter Weise ihren Mund küßte. Er konnte kaum seine Tränen zurückhalten, als er in das blasse, bittende Gesichtchen sah. Sie hatte ihn zum ersten Male Vater genannt.

»Wir wollen einander Heimat sein, liebes Kind«, sagte er leise.

Dann nahm er die weiße Trauerfigur vom Fensterbrett, Fanny die sieghafte andre — und so gingen sie miteinander hinüber zur Gesellschaft.


Die seelisch verarmte und viel umhergetriebene moderne Menschheit sucht lange schon nach einer edlen Lebensgemeinschaft. Aber es blieb vor dem Kriege meist bei pflichtmäßigen Abfütterungen oder bei dem üblichen Vereinswesen. Dazwischen sammelten sich da und dort stille Inseln, heilige Haine, wo sich beseelte Menschen in festlichen Zwiesprachen miteinander austauschten.

Erst der Weltkrieg führte die Herzen näher zusammen.

Man hatte auch im Hause Lobsann jene schöne Form der Geselligkeit gewählt, wo nicht mehr Mahlzeit und Rangordnung, sondern die zwanglose Aussprache die Hauptsache war. Es wurde Wein nebst Zigarren für die Herren, Tee und Gebäck für die Frauen herumgereicht; und es fehlte nicht an ehrlich bewunderten belegten Brötchen. Aber zumeist erfreute das herzlich belebte, geistig hochgestimmte, künstlerisch verschönte Gespräch.

Ein dem Hause befreundeter Dichter trug nach ungezwungenen Einleitungsworten etliche Verse vor. Dann sang Frau Lobsann deren Vertonung, wobei der Musikdirektor begleitete. Leicht knüpfte sich eine Unterhaltung darüber an, inwiefern der Tonkünstler dem Dichter gerecht worden war oder aus Eigenem Stimmungen hineingetragen hatte. Weitere Lieder folgten, Präludien von Bach, Tonstücke von Liszt, Schubert und Schumann flochten sich ein. Sowohl Fanny als auch Ingo und Arnold hielten heute ihr laienhaftes Temperament zurück und spielten nicht; der Gatte der Künstlerin und der Musikdirektor, ein ausgezeichneter Lisztkenner, widmeten sich dem Klavier.

Fanny war in so großem und neuem Kreise zunächst scheu. Als sie mit ihrem väterlichen Freunde eintrat, knüpfte das Gespräch naturgemäß an die eigenartigen Statuetten an. Da erst entdeckte Arnold auf dem Rücken der beiden Bilder eingegrabene Worte. Auf der Siegergestalt las er den Satz: »Mit Jesusblut überwind' ich dich«; und zwischen den schmalen Schultern der abgewandten Trauernden fand er die Worte: »Dasselbig Blut erblendet mich«.

Das gab ihm Anlaß, mit unerwartet ausbrechendem Feuer über die Aufgabe der deutschen Zukunft zu sprechen.

»Unsere elsässische Freundin, die dort zurückbleibt, schickt uns da eine großartige Mahnung aus dem Eliland, aus dem nunmehrigen Fremd- und Elend-Land. Wir sollen durch verstärkte Liebe, durch opferfreudige Liebe — denn das ist Jesu Blut — dem bisherigen Zeitgeist den Speer zerbrechen, die Augen erblenden und die anklagende Schriftrolle aus der Hand ringen. Der Theosoph würde sagen: wir sollen Luzifer und Ahriman in Christus umwandeln oder Bosheit in Güte. Der Apostel hat es ausgedrückt: Überwindet Böses mit Gutem! Sehen Sie, da hab' ich meine ganze künftige Lebensaufgabe in sichtbaren Zeichen vor mir auf meinem Schreibtisch stehen! Haß wird nicht durch Haß überwunden, nur durch schaffende Liebe!«

Ingo von Stein, der sich nach den Zerrüttungen des Weltkriegs auf verinnerlichte symbolische Lebensbetrachtung freute, ging mit Verständnis auf diese Gedanken ein. Er fühlte sich von den durchgeistigten Zügen des hochgewachsenen Pfarrers und Professors immer wieder angezogen und erzählte ihm von seinen eigenen, durch den Krieg unterbrochenen Arbeits- und Bauplänen.

»Lobsann besitzt hier ein eigenartiges Haus, nicht wahr?« sprach der Spielmann. »Dieser Monumentalbau hat ja da unten geradezu Katakomben. Ich könnte mir ausmalen, daß man hier Grotten und einen Geheimtempel in den Berg hineinbauen und eine auserwählte Geisterschaft zu einem Geheimbund versammeln könnte, etwa wie in Goethes Wanderjahren.«

»Einen Orden der Entsagenden?« bemerkte Arnold lächelnd. »Sehr fein, wenn sie Irdischem entsagen und Höheres gewinnen, also zugleich Schaffende sind.«

Ingo war es auch, der neben Frau Cäcilie und dem gastlichen Hausherrn allvermittelnd und feinfühlig die Verbindung zwischen den einzelnen Gästen herstellte. So schleppte er seinen zugeknöpften, an Vertrutzung leidenden Trotzendorff zu Fanny am Arm heran, damit er — wie er scherzend bemerkte — Zeuge werde einer regelrechten Liebeserklärung.

»Verargen Sie mir's nicht, mein gnädiges Fräulein,« sprach er, »ich gestehe hiermit eine alte Schwäche für Elsässerinnen. Einmal bin ich einer Landsmännin von Ihnen bis nach Barcelona in Spanien nachgereist. Und eine meiner Urahnen stammt aus dem oberen Elsaß. Obschon ich sehr, sehr glücklich verheiratet bin, ich kann's nun einmal nicht lassen, mich an jungen Mädchen zu freuen — nebenbei mit gütiger Erlaubnis meiner ganz von Eifersucht freien Herrin —, so recht zu freuen, wie man sich an schönen Bildern und guter Musik ergötzt. Zu meinen Lieblingsdichtern gehört Herr Walther von der Vogelweide; und ich selber singe gern zur Laute. Gnädiges Fräulein, was will ich mit alledem sagen? Es ist die verblümte Form für eine Einladung nach Haus Stein-Waldeck in Thüringen. Sie wären die erste nicht — wie meine Ahne Octavie beweist —, die den Weg vom Elsaß nach Thüringen zu rechter Zufriedenheit zurücklegen würde.«

Es war nichts Besonderes, was er sagte; doch spürte man sein Bemühen, der Vereinsamten einige ritterliche, herzlich gemeinte Artigkeiten zu verabreichen.

Allein Frau Lobsann kam dazu und wehrte sich scherzend: »So, so, Sie wollen uns Fanny weglocken? Da wird nichts draus! Wir stehen der Romantik näher als dem Klassizismus, Goethe ausgenommen. Und die Romantik gehört in das blühende Heidelberg, nicht in das dürftige Thüringen.«

Jetzt raffte sich sogar der Preuße Trotzendorff auf, überwand seine wuchtende Sorge und Bitternis und mischte sich in den Wettkampf der Worte und der Herzen.

»Erlauben Sie mir zu sagen, daß Elsaß immer noch Reichsland ist, demnach mehr zu Berlin-Potsdam als zu Heidelberg und Thüringen gehört. Ich spreche also auch meinerseits eine Einladung aus. Deutschland hat zwei Seelen: die eine heißt Weimar, gnädiges Fräulein, da kann Ihnen mein Freund Stein Führer sein, gehen Sie aber weiter nach Potsdam und Sanssouci — da werden meine Frau und ich Ihnen gern unsre bescheidene Gastlichkeit bieten.«

Arnold saß schweigend daneben. Er rauchte seine Zigarre und dachte manches; aber er sprach es nicht aus; denn das lag hinter ihm. Er dachte: Sieh an, wie man sich da um die elsässische Seele bemüht! O ihr lieben Deutschen, hättet ihr doch das ein wenig früher getan!

Lobsann hatte einige befreundete Professoren eingeladen. Er wollte sachte anpochen und lauschen, ob sein elsässischer Freund sich wieder in den Lehrkörper der Universität einfügen ließe. Doch Arnold winkte ab.

Es gibt vornehme, schicksalbelastete Menschen, zu deren Lebensleid eine feine seelische Einsamkeit gehört; sie sind einmal in entscheidender Stunde zu kurz gekommen, weil der ihnen nötige Vorrat von liebendem Verständnis ausgeblieben; da hat sich etwas in ihnen zugeschlossen. Sie bleiben auf Erden heimatlos; und sie sprechen wenig über ihre himmlische Heimat, weil sie auch über dieses Heiligste nur wieder Mißverständnis und Gleichgültigkeit befürchten müssen.

Arnold war in diesen Zustand eingetreten.

»Wieder Professor?« sprach er mit herb ablehnendem Lächeln. »Nein, Freund, ich bin mit meiner professoralen und pastoralen Weisheit gleichermaßen zu Ende. Es soll übrigens, sagen einige, auch an den deutschen Universitäten Nährboden vorhanden sein für den Bazillus des Neides. Und mir persönlich scheint, daß es just das Professorentum oder der Papier-Verstand ist, was wir überwinden müssen. Deutschland braucht Seele. Sehen Sie, lieber Freund, dort liegen Stöße von schriftstellerischen Arbeiten, die alle aus der Gelehrsamkeit in die Schlichtmenschlichkeit übersetzt sein wollen. Ich gestehe Ihnen, daß ich von dem lauten, würdelosen, meuternden und streikenden Deutschland angewidert bin. Dieses hadernde Volk ist auch geistig keine Einheit mehr. Alles haben sie in Geschwätz und Vernünftelei aufgelöst, auch Christus und das Reich Gottes. Sie gehorchen nicht Gott, sondern dem Zeitgeist. Daher sind sie auch von Gott als Großmacht verworfen worden. Wie hat dieses gegenwärtige Deutschland seine Genies behandelt, einen Richard Wagner, einen Bismarck! Nein, nein, dieses Land der lauten Mittelmäßigkeit, nur durch Drill zusammengehalten, hat schon lange keine Ehrfurcht mehr. Nun hoffe ich noch auf eine Auslese, auf das heimliche Deutschland, auf jene Großmacht des Herzens, deren Weisheit aus Märchen, Mythos und einzelnen Meistermenschen uns entgegenleuchtet. Dieser Großmacht will ich in aller Stille zu dienen suchen. Nicht also dem Papier, sondern dem königlichsten Stoff, den dieser Planet beherbergt: der gottsuchenden Menschenseele.«

Und über seine Züge verbreitete sich ein warmes Leuchten, als er nun, mit einer Wendung zu der nahe sitzenden Hausfrau, auf Fanny deutete und eine Hauptsache aussprach, die bis jetzt noch nicht gesagt war: »Sie bleibt!«

»Sie bleibt?!«

Die Künstlerin in ihrem warmherzigen Rokoko-Naturell sprang lebhaft auf, packte Fannys Köpfchen und küßte sie.

Man wurde aufmerksam und unterbrach das Gespräch.

»Sie bleibt?«

So ging es fragend und flüsternd von Mund zu Ohr.

»Wer? Wieso?«

Und Ingo fügte hinzu:

»Werden hier von schönen Frauen Küsse ausgeteilt, wenn man bleibt?«

Jetzt klopfte Professor Lobsann frohgemut ans Glas.

»Sie bleibt! Meine Damen und Herren, sie bleibt! Sie alle beginnen einen Rundgesang und fragen, was das heißt. Sie wissen es nicht, deshalb muß ich es Ihnen erklären. Wir haben unser Elsaß verloren; von allen Seiten hören wir mit Bitterkeit, wie deutsche Brüder unter Drangsalen von dort ausgejagt werden oder durch Auswanderung dieser Schmach zuvorkommen. Zwei dieser wertvollen Menschen, die durch großes Leid gegangen sind, haben wir hier in unsrer Mitte. Es war meiner Frau und mir eine Herzensfreude, ihnen dieses Haus zur Verfügung zu stellen. Aber unsre liebe Elsässerin wollte schon in den nächsten Tagen in die Heimat zurückkehren. Das war uns schmerzlich, doch wir ehrten ihren Entschluß. Nun hören wir, daß sie aus irgendeinem Grunde — ich vermute, der Zauber hängt mit diesen beiden Figuren zusammen — sich entschlossen hat, hierzubleiben für immer. Daher, meine Damen und Herren, unser freudiger Ruf: sie bleibt! Und so hält unser Herz dennoch das Elsaß fest. Denn viele Gute von dort kommen zu uns. Und gemeinsam wollen wir, die ausgewanderten Edelsassen und die im Reiche wohnenden Edeldeutschen, durch Leid geläutert die deutsche Seele bauen. Es ist Elsässer Wein, den ich Ihnen hier vorgesetzt habe, meine Herren! Stoßen Sie mit mir an! Unsere liebe, nie zu vergessende deutsche Westmark — und das beseelte Reich!«

Die Gläser klangen.

Fanny und Arnold standen Hand in Hand.

Und der Schimmer der zusammenklingenden, mit goldgelbem Wein gefüllten Pokale fiel auf das Straßburger Münster, das groß und still an der Wand hing.

Ende.