Zweites Kapitel
Dreierlei Gespräche
Adolf Stöber
Der nächste Tag brachte dem Einsiedler Gustav ein Göttergeschenk, wie er sich jubelnd ausdrückte. Sein Freund Erwin, der junge Straßburger Lehrer, kam jählings angeflogen, um nach kurzem Urlaub Abschied zu nehmen. Denn es ging wieder an die flandrische Front.
»Gott sei Dank, daß du gekommen bist!« rief Gustav. »Dich brauch' ich ja ganz herzbitterlich! Sie lassen mich hier alle so grausam allein! Gott sei Dank, daß man sich endlich wieder einmal aussprechen kann!«
Er zerdrückte dem langen, blonden Feldgrauen, dessen sonnige Blicke durch Brillengläser strahlten, fast die Hand.
»Herrschaft, Güschtel, was isch denn los?«
Die Unterhaltung zwischen den beiden elsässischen Unteroffizieren ward in des Landes alemannischer Mundart geführt, sprang aber oft in Hochdeutsch über.
»Sie verstehn mich nicht! Kein einziger hier versteht mich!«
»Oho! Was fängst du denn wieder für Mücken, Gustav! Dein Vater soll dich nicht verstehen? Und die unvergleichliche Fanny? Babbel doch kein so dumm Dings daher, alter Hypochonder!«
Erwin warf seine Mütze auf den Tisch, schwang sich daneben und begann einen Apfel zu essen, den er im Vorbeigehen auf dem Speicher mitgenommen hatte.
Sie verstanden sich immer vortrefflich, die beiden Vettern oder vielmehr sehr entfernten Verwandten. Erwin nannte Gustav »Cousin«, gab aber auch Fanny den Namen »Cousine«; und irgendwo mochte ja auch eine Verwandtschaft oder Familienfreundschaft stecken, ohne daß man alle die Verschwägerungen oder sonstigen Versippungen nachzurechnen für nötig hielt. Im übrigen aber war der leichtblütige Blondkopf Erwin von außen und innen ein Gegenbild zu dem dunklen Düsterling. Er liebte das Wandern im Wasgenwald und in den Alpen, war Schneeschuhläufer, wie sein Bruder Willy, und ein Freund von Sonnenbädern und Ruderfahrten. Leichten Schrittes pflegte er einherzuschreiten, Sonne verbreitend, wohin er kam, bei Schülern und Amtsgenossen beliebt, nur dem trockenen und etwas grämlichen Schulinspektor verdächtig, weil er vor allem Mensch und dann erst und dadurch Lehrer war.
»Großherzig und giftfrei«, faßte einmal der Philosoph Arnold sein Urteil über ihn zusammen.
Mit seinem sonnigen Gemüt ergänzte Erwin den Grübler und Einspänner Gustav vortrefflich und wirkte lösend und mitreißend auf dessen schwerflüssige Denkart. Der Sterngucker war in seiner Gegenwart immer wie verwandelt und warf in eifriger Mitteilsamkeit seine scheuen Verhüllungen ab.
»Du bist mir immer ein Sonnenbad«, gestand er dem Langen. »Man läuft mit dir gleichsam splitternackt auf den Matten herum und freut sich an Licht und Luft.«
»Was quält dich denn? Rüs mit d'r Sproch'!«
»Acht Monate sitz' ich jetzt da 'rum, Erwin, mit schwachem Gedärm und schlechten Nerven! Zum Verzweifeln!«
»Du hast doch deinen Vater« — —
»Ja, ja, und habe Fanny, ja, schon recht! Aber die sind gesund! Verstehst du? Gesund, viel zu gesund für mich! Unter uns: ich bin ihnen nicht gewachsen.«
»Nanu? Das bissele Nervengezappel?«
»Eintun, es geht nicht, mein Lieber, geht nicht! Fanny, so klein sie ist, sprüht von Kraft und Temperament. Die ist wie Stahl, wie eine Springfeder, wie die Unruh in der Uhr. Die braucht einen anderen Kerl als mich. Sechs Stunden durch Wald und Berg laufen, dann einen Abend lang Klavier, und den Tag wie ein Fest beschließen — das ist's, was sie braucht. Ich bin ein gebrochener Mensch. Zum Verzweifeln! Ich sitze da oft und weine vor mich hin und versteck's vor Fanny und Papa, damit sie nicht mit mir leiden.«
»Herrschaft, wie du mir leid tust!« rief Erwin in hellem Mitgefühl und sprang vom Tisch herunter, um sich aber gleich wieder hinzusetzen. »Geh doch in ein Sanatorium! Tu etwas für deine Gesundheit! Sitz doch nicht so untätig da 'rum!«
»Nützt nichts«, murmelte Gustav. »Das liegt zu tief in mir. Ich hab' schon immer an unüberwindlicher Einsamkeit gelitten. Es ist zu wenig Liebe in der Welt. In München hab' ich manchmal minderwertige Frauenzimmer auf der Straße angesprochen und hab' ihnen Geld geschenkt, nur um ein warmes Wort zu hören, nicht aus Gemeinheit, sicherlich nicht. Wir modernen Menschen sind ja alle herzquälend einsam! Ich möchte manchmal ein Kind streicheln, mich mit Kindern — weißt du, so wie's Ludwig Richter malt — im Grase wälzen, Purzelbaum schlagen, lieb haben — und weiter nichts! Weiter gar nichts!«
»Sapristi noch emol!« schalt der andre. »So tu's doch! Zerbrich doch den Bann der Spießbürgerei! Mach' dumme Streiche, spring' über die Schnur! Mensch, sei genial wie deine Braut!«
Und Erwin erging sich voll Feuer in dem Gedanken, wie heilsam und befreiend ein kühner Entschluß sei, auch wenn er alle Philister verblüffe.
»Hab' doch fröhliches Gottvertrauen, alter Grämling! Lebt denn der alte Gott nicht mehr? Haben ihn die Engländer abgesetzt? Hat ihn eine Parlamentsmehrheit niedergestimmt? Oder hat der Heuchler Wilson und seine niederträchtige Presse — — Du, den Wilson hass' ich am allermeisten! Der wird uns Deutsche noch alle niederboxen! Verhungert, wie wir sind!«
Erwin lief hinaus, holte einen neuen Apfel und biß kräftig drein.
»Siehst du, Gustav, ich bin als Kriegsfreiwilliger eingetreten, hab' erst an den Vogesen geschanzt, bin dann auf dem Petersberg zu Erfurt gedrillt und bei sonst guten Vorgesetzten zuletzt von einem Hauptmann elendiglich schikaniert worden, weisch, von so 'me Hähä-Kerl mit dem Monokel im Auge, kuranzt und kujoniert, sag' ich dir! Elsässer und Lehrer hat er nicht leiden können — na, hol' ihn der Erzengel Gabriel in den siebenten Himmel, ich gönn's ihm von Herzen, dem ausrangierten Knochen! Dann nach Flandern, gleich in die Schlacht — und die Hälfte der Kompagnie weggeblasen! Wir andern aber in den Schützengräben bis an den Bauch im Wasser! Herrschaft, Güschtel, das schlaucht! Und dann mörderisches Trommelfeuer! Sakerlot, und hab's halt doch durchgebissen, Gustav! Getanzt haben wir wie die Indianer, wenn wir wieder in Ruhestellung waren, und haben Läuse gefangen und Heimatlieder gesungen. Dazu ist man halt jung und Soldat!«
Er lachte unwiderstehlich und warf den Apfelrest durchs Fenster.
»Ja, wenn ich deine Spannkraft hätte!« meinte Gustav, hörte aber doch schon beträchtlich aufgeräumter zu.
»Du hast sie, Gustav! Sie ist nur verschüttet, wie ein Unterstand, in den sich eine blödsinnige Granate verirrt hat. Grab deine Energie wieder heraus! Und dann aufs neu' ans Werk! Herrschaft, was ist im Elsaß aufzubauen! Grad im Elsaß, in der deutschen Westmark! Weißt was, Gustav? Wir müssen einen Bund gründen, wir Jung-Elsässer! Und ich hab' schon einen Namen dafür! Weißt, welchen? Elsaß leit' ich von Edelsassen ab: also Bund der Edelsassen!«
»Freilich, hier ist nach dem Kriege viel zu tun, einfach alles! Wenn's nicht schief geht an der Westfront! Hast du den Tagesbericht gelesen? Immer zurück!«
»Wir müssen eine vornehm gesinnte, ritterliche Jugend erziehen! Wir müssen Elsässer zu Edelsassen formen! Herrliche Aufgabe!«
Erwin war in vollem Feuer und kam aus seinem Lieblingsausruf »Herrschaft« gar nicht mehr heraus. Er steckte seinen akademischen Vetter mit Begeisterung an.
»Ihr Akademiker versimpelt ganz und gar in lauter Kleinwissen! Da haben wir Mittelschullehrer eine ganz andre Einheit. Und du Sammelhans ganz besonders verkrümelst dich in Spitzfindigkeiten. Auch mir macht der Schulinspektor das Leben sauer genug; ich bin manchmal kreidebleich vor Zorn und Scham dag'standen, wenn er mir in der Klasse herumgenörgelt hat, es hat mich wahrhaftig g'fuchst — — Lüej do, e Spätzel!«
Ein Spatz hatte sich in die Dachkammer verflogen. Beide Jünglinge machten sofort Jagd auf den verängsteten Vogel und vergaßen Grimm und Herzeleid. Aber der kleine Gast entwich wieder, und sie setzten ihr Gespräch fort.
»Güschtel, es muß ein andrer Geist ins Elsaß! Freudigkeit fehlt in der Westmark; sie ist erstickt unter Paragraphen! Gustav, wir stecken vom Elsaß aus die ganze deutsche Welt mit einem neuen Feuer an! Wir zeigen's denne Schwowe!«
»Stimmt, stimmt!« rief der andre Elsässer. »Es giftet mich schon lang, wie jetzt wir Elsässer behandelt werden, hüben und drüben! Falsch und feig — so heißt's von uns! So kann's nit fortgehen, Erwin!«
»So isch's, Gustav! Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen! Zusammenhalten, doppelt stramm unsre Arbeit tun, und dem Kerl an d' Gurgel fahren, der aufs Elsaß schimpft!«
»Ich hab' emol a Feldwebel ...«
Jetzt waren die zwei jungen Kriegsmänner, die von ganzem Herzen Deutsche, aber auch von ganzem Herzen Elsässer waren, im vollen Zuge. Gustav erzählte einen siegreichen Zusammenstoß mit einem Feldwebel; er war aufgetaut; seine Schwermut war mit dem Sperling davongeflogen. Dann kamen sie auf tapfere Landsleute zu sprechen, die sich das Eiserne Kreuz erster Klasse geholt hatten.
Und hier gab es plötzlich eine jähe Pause, als das Wort »Landesverräter« fiel. Gustav erblaßte. Beide dachten an Fannys Bruder. Riesenhaft erhob sich wieder der Schatten ...
Endlich stieß Gustav schweren Atems hervor:
»Jetzt weißt du wohl auch, warum ich ein gebrochener Mensch bin.«
Erwin murmelte ingrimmig vor sich hin; es klang etwas wie »Cerclebrüder« daraus hervor. Die Welschlinge in Straßburg hatten sich vor einem Jahrzehnt und noch länger in einem »Cercle des étudiants« gesammelt; für die gleichgestimmten Frauen und Mädchen gab es einen »Cercle des annales politiques et littéraires«; da wurde nur französisch gesprochen. Planmäßig hatten Franzosen und Französlinge daran gearbeitet, Elsaß-Lothringen in westliche Kultur und Sprache einzutauchen und deutschem Wesen zu entfremden. Die elsässische Luft war vergiftet. Fannys Bruder Georg war in diese Kreise geraten. Seine Flucht war die Folge.
»Weißt du, wo ich ihn zuletzt gesehen habe?« begann endlich Erwin. »Beim Monôme! Als einmal die Cerclebrüder nachts das Kleberdenkmal im Gänsemarsch umschritten, du weißt ja, um sich durch diese stumme Kundgebung zum Franzosentum zu bekennen! Die Simpel! Die Kindsköpf, die! Die haben uns den Weltkrieg eingebrockt, die Revanchemännle, die nichtsnutzigen! Und das haben wir mitangesehen, geduldet in Deutschland! Und dann nennt man die deutsche Regierung noch tyrannisch! Herrschaft, würden die Franzosen einen Wetterlé geduldet haben? Aufgehängt hätten sie ihn, den Falschmünzer!«
Erwin, immer ins Allgemeine strebend, trachtete den Freund vom Persönlichen loszureißen. Dieser aber, obschon zu den flammenden Worten nickend, hing doch unentwegt einem düstren Gedanken nach. Und jetzt faßte er den Freund am Arm und sagte gedämpft, als ob er ein Geheimnis ausplauderte:
»Du, Erwin, und etwas von dem Geist steckt auch in Fanny!«
»Unsinn!« rief der andre. »Sie hat dich lieb!«
»Hat mich lieb, aber hängt auch an ihrem Bruder! Weißt du, dieser Faquin mit dem gewichsten Schnurrbärtchen — Monsieur Bielère — dieser Schwadronneur und Schwerenöter hat alle Cercle-Weiber berauscht! So recht der französisch parlierende Arzt für französisch parlierende alte Jungfern! O nein, da mach' ich nicht mit! Da bin ich viel zu steif, zu still, zu innerlich dazu, um's mit so einem aufzunehmen, denn im Parlieren ist er mir über, mein Französisch ist erbärmlich. Und in sinnlich-eleganten Salonmanieren ist er mir erst recht über. Und das fühlt Fanny! Ich spür's ganz gut, daß sie mich manchmal im stillen mit ihrem flotten Bruder vergleicht« — —
»Unsinn, Gustav! Phrasen dreschen kann jeder Commis-Voyageur oder Zwischenhändler! Bohr' dich nicht in solchen Verfolgungswahn hinein! Die Sache ist traurig genug — aber sie will halt überwunden werden, wie andres Kriegsleid auch! Himmel, wie viele von unsren Kameraden liegen schon im Boden!«
Und Erwin packte den Freund unter den Arm.
»Komm mit, Alter! Jetzt gehn wir 'runter und trinken e Fläschel Ottrotter, oder was ihr sonst Gutes im Keller habt! Hopp, hopp! Und Fanny — siehst du, Gustav, sie ist eine fröhliche Aufgabe, kein Anlaß zur Trauer! Nimm an, Fanny sei das verkörperte Elsaß! Erobere diese hübsche Verkörperung so recht von innen heraus — sei gewinnend, liebenswürdig, bestrickend, unwiderstehlich, kurzum: genial! Herrschaft, wenn ich an deinem Platz wär'!«
Er lachte in seiner gutartig hellen, bezwingenden Art, schritt aufgeräumt mit ihm hinunter und verbarg seine Sorgen um die wankende deutsche Westfront.
Fanny kam herübergelaufen. Auch Schwester Lisy, die den Haushalt führte, in ihrer lächelnden, rosigen Ruhe und Rundlichkeit, setzte sich dazu. Und so schufen sie eine gesellige Nachmittagsstunde, dampfend von Zukunftsplänen, wie sie das Elsaß nach dem Kriege entgiften und mit Frohsinn anstecken wollten. Der fünfzigjährige Philosoph, der tagsüber kräftig in seiner Gemeinde gearbeitet hatte, um dem Bürgermeister über all die Lebensmittelsorgen und tausenderlei Verfügungen ins klare zu verhelfen, ward wieder jung mit den Jungen und schüttelte den Trübsinn ab.
Fanny sprühte von Geniefeuer. Sie stand mit Erwin in einem reizenden Neckverhältnis; sie beflügelten sich gegenseitig und waren wie zwei Falter, die in blauer Luft miteinander spielend, immer höher steigen. Und während Gustav wieder still ward und in sich zusammensank, wurde dort das Funkenwerk fast schon Flamme.
»Er isch halt immer verliebt, der Erwin«, meinte einmal die gutmütig auflachende Lisy, die an dem heitren Jungen gleichfalls Freude hatte.
Aus ihm aber, der nach drei Tagen wieder mit der Übermacht der Franzosen und Engländer zu kämpfen hatte, sprach eine wehmutvolle Glut, ein Heimweh, ein Liebesverlangen. In seinen Worten war eine schwungvolle Poesie. Man hatte von Lenau gesprochen, Fannys Lieblingsdichter. Er nahm das Buch und schlug auf. Und da er ein ausgezeichneter Vorleser war, kamen die melodischen Klänge in der bewölkten Stube wundervoll zur Wirkung:
mit den Schlußworten:
Fanny, diese feinbesaitete Natur, saß nach ihrer Art zusammengekauert im Schaukelstuhl und hatte die graublauen Augen auf den Vorleser gerichtet, regungslos, die Arme um das hochgezogene Knie geschlungen. Sie sah ein Schlachtfeld der flandrischen Ebene, tiefhangende schwarze Wolken, ein schwefelgelbes schmales Abendrot, rauchende Dörfer darin und ragende Fensterhöhlen — und zwischen den schattenhaft hinziehenden Heeren die furchtbaren Flammen einschlagender Granaten ...
Plötzlich fuhr sie zusammen. Eine Stimme klang nahe an ihr Ohr: »Was krieg' ich fürs Vorlesen?« Und Erwins Gesicht beugte sich lachend und keck-verlegen zu ihr herab.
Fanny sprang auf und wollte ihn unbefangen auf die Wange küssen; doch er drehte sich ein wenig und nahm den Kuß voll und unmittelbar von ihrem Munde.
Bald darauf verabschiedete sich der junge Krieger mit etwas übertriebener Lustigkeit. Onkel Arnold und Gustav beschlossen, ihm eine Strecke das Geleit zu geben. Im Hausflur, als die andern schon draußen waren, packte Fanny den zuletzt gehenden schwermütigen Verlobten rasch von hinten her um den Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich hab' dich doch ganz allein lieb!«
Als Fanny durch die Seitentür des Hofes in ihr väterliches Haus zurückkehrte, ward sie Zeuge eines eigenartigen Vorganges.
War das nicht der lahme Schauli? Wollte er wieder einmal die etwas einfältige alte Salome necken?
Der krumme Kellermeister, der neben dem Taubenschlag sein Stübchen hatte und seit einem Jahrzehnt zum Hauswesen gehörte, rollte eben ein leeres Faß unter die Fenster der Wohnstube. Und nun war er wahrhaftig im Begriff, hinaufzuklettern!
Drinnen ging's hitzig her. Und zwar — es war kein Zweifel — in französischer Sprache. Im Dorf lag bayerische Einquartierung; vor der nahen Schmiede lungerten Feldgraue herum. Wurde jenes politische Gespräch in Bielers Wohnstube noch lauter, so konnte die ganze Gasse das unpolierteste elsässische Französisch vernehmen. Und dann — dachte Schauli mit Recht — war »der Teufel los«.
So rollte denn der krumme Schalk sein Fäßchen heran, nahm erst eine Prise aus der Birkendose und verfügte sich mit seinen Säbelbeinen etwas mühsam auf den Faßboden. Und plötzlich sich erhebend, streckte er den schnauzbärtigen und buschigen Graukopf mit der zerknitterten Hausmütze ins Fenster.
»Messieurs!« rief der alte Zuave. »Excusez, awer 's isch vun dr ditsche Rejeerung verbotte, franzehsch ze redde!«
Sprach's und verschwand wieder schmunzelnd in die Tiefe, die französisch parlierenden Brüder Bieler ihrem Staunen überlassend.
»Wer isch denn drinne, Schauli?« rief Fanny herüber.
Schauli drehte den Kopf aus dem Kellereingang zurück und legte einen Ton komischer Hochachtung in seine Antwort.
»Dr Herr Charles üs Stroßburi!«
»Sunsch nix?«
Es klang nicht gerade entzückt.
»Nee, Mamsell Bieler, sunscht wüßt' ich jetzt im Aueblick juscht net viel Nejes«, meinte der alte Spaßvogel ernsthaft und humpelte in seinen Keller.
»Was isch des jetzt do gsin, Jean?« fragte drin der ältere der beiden Brüder, der Straßburger Kaufmann und Kirchenälteste Charles Bieler.
»Dr krumm Schauli, der alt' Narr!« brummte der Winzer Johann Bieler und schenkte ein. Aber die Brüder sprachen fortan elsässisch und dämpften ihre Stimmen. Und überdies schloß Charles das eine Fenster und Jean das andre. Dabei schnellten einige Weinranken zurück, die sich in den Fensterflügel klemmen wollten; und Papa Bieler, dessen Käppchen schief saß, machte eine ärgerliche Bewegung, als scheuchte er verspätete Wespen hinweg. Er war sichtlich verstimmt.
Sie hatten sich über den Preis des Weines, den Herr Bieler aus Straßburg zu kaufen gekommen war, noch nicht geeinigt. Sein Bruder setzte ihm erfolglos auseinander, welche Lasten jetzt den Winzer zu Boden drückten. Er war empört über Kriegswirtschaft und Zwischenhändler; der Weinbau mache ihm längst keine Freude mehr. Er werde sich zurückziehen.
Dann brachen sie ab; und der Straßburger fragte plötzlich nach Fannys entflohenem Bruder.
Der ältere Bieler war ein ansehnlicher Herr, mit wohlgeübten, bedächtigen Bewegungen, die einen kühlen Abstand gegen seine Angestellten bedeuten sollten. »Der Herr Bieler« — seine Waschfrau sprach das Wort mit ebensoviel Hochachtung, die Hände am Schürzenzipfel abtrocknend, wie der Lehrjunge, wenn er schnell ein paar gestohlene Rosinen hinunterschluckte und eine respektvolle Haltung annahm. Für Madame Bieler war er nur in vertrautem Kreise »d'r Charles«; vor allen andren war er auch in ihrem Munde »d'r Herr«; und der Lehrbub wußte, was sie meinte, wenn sie ihm zurief: »Voyons donc, Schosef, wart' nur, wenn d'r Herr heimkummt!«
»D'r Herr« — da lag Würde drin. Zumal wenn er den Kneifer auf die Nasenspitze setzte, obwohl nicht sehr kurzsichtig, und dann, über die Gläser hinüberschauend, mit seinen Leuten sprach: da spürte man den reichen Mann, die alte Familie. Diesen Kneifer hatte er an einer schwarzen Schnur immer erreichbar in der oberen Westentasche, spielte oft damit und gab seinen Worten Nachdruck, indem er mit der Rechten den flachen Kneifer auf und ab bewegte: »Voila! So isch d' affaire!«
Sein Bruder, Fannys Vater, war mehr ländlicher Art, gutmütig und natürlich, weniger kühl und weniger hoffärtig. Papa Bieler trug einen kurzen grauen Spitzbart, ein Sammetkäppchen auf dem fast kahlen Kopf und eine blaue Schürze, in deren oberem Teil ein großes buntes Taschentuch zu stecken pflegte. Er schnupfte ebenso leidenschaftlich wie sein Gehilfe Schauli und fuhr häufig, besonders in erregten Augenblicken, mit dem Taschentuch über die Nase. Wenn er recht ungeduldig oder ärgerlich war, wie heute, so rückte er das bestickte Käppchen fortwährend von einem Ohr zum andern und kratzte sich bald links, bald rechts. Und während sich der abgearbeitete Mann etwas gebückt hielt, stand der beleibte Straßburger aufrecht mit seinen langen Rockschößen und hatte gern die linke Hand hinter dem Rücken, während die Rechte mit dem Kneifer belehrte. Straßburg beherrschte das Feld; Lützelbronn kam nicht dagegen auf.
»Weisch, Jean,« stellte der Herr Bieler aus Straßburg fest, »dü bisch allewil e bissel e schwacher Charakter gsin. Awer was de Georges anbelangt — er het absolument recht!«
Und er verteidigte seines Neffen Fahnenflucht.
Die Brüder sahen sich selten, zumal während des Krieges. Es war die erste gründliche Aussprache. Im alten Bieler wollte der Kummer und Verdruß ob des Sohnes Tat nicht zur Ruhe kommen. Aber der Straßburger billigte die Flucht; ja, er hatte sie angeregt.
»Ich bin früher bei der Regierung geachtet gewesen,« erwiderte Papa Bieler, »jetzt bin ich geächtet. Der Herr Kreisdirektor ist oft zu mir gekommen, der Herr Bezirkspräsident hat mich wie 'en alte ami behandelt. Jetzt gehen sie mir alle aus dem Wege. Aber der Gendarm streicht ums Haus herum; und wenn der Bezirkshauptmann kommt, so macht er ein paar Augen — na, du kannst dir's denken! Ich bin nichts mehr, ich gelt' nichts mehr. Und das hab' ich meinem Sohn zu verdanken.«
Fanny war während der Erörterungen eingetreten, hatte den Oheim kurz begrüßt und einen Teller voll Trauben auf den Tisch gestellt. Schweigend setzte sie sich auf einen Stuhl. Und als sie eine Weile zugehört hatte, ging sie ebenso stumm wieder hinaus.
»Und ihr zwei habt nicht an die dort gedacht, an Fanny,« fuhr Papa Bieler fort, »sonst hättet ihr's euch besser überlegt. Du weißt, daß sie mit dem Gustav da drüben verlobt ist. Und du weißt, daß sie im Pfarrhaus deutsch sind bis auf die Knochen!«
Das brachte den Herrn Bieler aus Straßburg plötzlich in Aufruhr. Eine Flutwelle von angestautem Zorn und Haß ergoß sich aus dem sonst so gehaltenen Städter:
»So ein Professor, der kein rechter Pfarrer, und so ein Pfarrer, der kein Professor ist! Der Halbschwob ist euer Unglück! Den hat die Regierung da hergesetzt, daß er aufpassen soll! Ein bezahlter Regierungsagent! Glaubst du denn, der tut sich nur so aus Mitleid um die Gemeinde kümmern? Der wird wissen, was er für sein Aufpassen bekommt! Und du bist so dumm und gibst dem Schwob deine Tochter! Die hätt' in Straßburg die brillantesten Partien machen können! Und da hängt sie jetzt an dem Schwowe-Trottel!«
Der Herr Bieler aus Straßburg verlor alle Fassung. Er wurde gehässig. Ihm waren allerlei Heiratsabsichten, die er mit seiner Nichte geplant hatte, zu Wasser geworden. Und auf einmal schrie er: »Der da drüben wird wissen, ma foi, woher das Geld stammt, mit dem er sein Gut instand hält, während er da den Pfarrer spielt! Aber wart' nur: d' Franzose komme wieder ins Land! No paß uff!«
Ein Weilchen ließ der Winzer seinen empörten Bruder toben. Dann aber packte ihn selber, den gutartigen Alten, jene Wut, die selten, aber um so furchtbarer aus dem biederen Alemannen herausbrach. Ein Faustschlag donnerte auf den Eichentisch.
»Halt's Mül, Charles! Jetzt haw ich, zum Dunderledder noch emol, din daub Gebabbel satt! Müeß denn glich jeder e bezahlter Spion sin, wenn er Achtung het vor Ditschland?! So e hirndumms, simpelhaftes, nixnutziges Cercle-Gebabbel! Dü hesch mine Büe uff'm Gewisse, dü, ja dü mit dine Hetzrede!«
Vater Bieler schrie es dem verdutzten Straßburger mit Zorn und Schmerz ins Gesicht, dann schritt er stracks hinaus und schmetterte die Tür dermaßen hinter sich zu, daß die farbigen Luxteller an der getäfelten Wand tanzten. Und der erschrockene Bruder stand allein.
»Allons donc! Allons donc!« sagte Herr Bieler, legte die Hände auf den Rücken und war bestürzt. So hatte er den Jean noch nie gesehen. Mit dem war's verschüttet. Er ging hin und her, legte sich einige versöhnliche Wendungen zurecht und lauschte nach der Tür. Aber der andre gab ihm keine Gelegenheit, seine einlenkenden Redensarten anzubringen. Papa Bieler war in den Keller gegangen und klopfte mit Schauli wahrhaft erbost an den Fässern herum.
Was tun? Sollte man zur »Tante Sophie« hinaufgehen, die im Giebelstübchen hauste, halb gelähmt an den Beinen, ganz und gar nicht an der Zunge? Nun ja, einen »Bonjour« mußte man ihr sagen, kurz und höflich. Tante Sophie war die Schwester der beiden Bieler, sehr auf den braven Winzer gestimmt, wenig aber auf den »Hochmutszipfel«, wie sie den Straßburger zu nennen pflegte.
Dieser stand verdrießlich am Fenster. Es lag ein wohltuend warmer und reiner Himmel über Haus und Garten, über Dorf und Weinberg nebst dunklem Bergwald. Und in der Luft war dieses verheißungsvolle unterirdische Pochen in manchen Kellern, und fernher irgendein Knabenruf oder schnatternde Enten am Dorfteich. Alle Laute, auch das Hähnekrähen, waren klar und nahe. Nur gedämpft, fast träge, klang heute der altgewohnte Kanonendonner durch die Stille ...
»Die Welt wär' schön,« dachte plötzlich Herr Bieler, »wenn's keine Politik gäb'.«
Er schenkte sich unbehaglich sein Weinglas voll. Das Gold funkelte in der Sonne. Er hob das Glas gegen das Licht. Mit wem nun anstoßen? Und auf was? Auf Frankreich? Man war schließlich doch kein Franzose; und Elsässer zu Tausenden bluteten jetzt gegen den welschen Nachbarn. Sollte man ihnen Niederlage und Untergang wünschen? »Ma foi, non, sell geht net.« Auf Deutschland? Na, das hatte auch so seine Mucken. Aufs Elsaß? Ja, aber man war ja nicht einmal im Ländel einig!
Ohne zu trinken setzte der sonst so sichere Herr Bieler das Glas wieder ab. Ihn durchschauerte zum erstenmal das äußerst ungewohnte Gefühl der Vereinsamung. Fannys stummes Kommen und Gehen mitten in dem politischen Gezänk ward ihm auf einmal, in der blauen Stille dieses wehmutschönen Herbsttages, schmerzlich bewußt. Das Ehrenmitglied des Straßburger Cercle ahnte da ein Frauenleid, an dem bisher seine politische Verbohrtheit blind und stumpf vorübergegangen war.
Langsam trank er endlich den ausgezeichneten Rappoltsweiler Riesling allein aus. Dann nahm er Hut, Mantel und Schirm, wechselte in der Küche einige Worte mit Fanny und Salome, sagte im Giebelstübchen der unwirschen Tante Sophie »Bonjour« und zog seines Weges, ohne den beleidigten Bruder noch einmal gesehen zu haben.
Als der Straßburger verschwunden war, tauchte erst der alte Schauli zwischen den Oleanderbüschen des Eingangs aus dem Keller auf und streckte den Kopf empor wie ein Dachs aus dem Bau. Er witterte, schnoberte nach allen Seiten in die Luft und winkte dann seinem Patron und Arbeitgeber. Nun erst hinkte, stöhnte und schimpfte der Weinsticher selber in Hof und Stube hinauf und begab sich nachher bald zu Bett. Sein rheumatisches Leiden hatte ihn wieder gepackt.
»Mais dis-donc, papa!« rief die besorgt herbeieilende Fanny, »warum bisch denn in de Keller gange?«
»Tais-toi!« rief der verärgerte Alte zurück. »Schilt dü nit au noch! Do dran isch der Stroßburjer Giftnickel schuld.«
Und er machte seiner Leber Luft. Er passe nicht mehr in die Zeit und er vertrage den Keller nicht mehr. Man solle ihm seine Ruh' lassen. Wenn doch nur die Tochter unter der Haube und die Tante Sophie in Pfalzburg bei der Schwester oder am Nordpol bei den Eskimos säße! Er selber aber freue sich auf den Moment, wo er mit seinem einzig wahren Ami, seinem Jugendfreund Sorgius, im Spital oder im Diakonissenhause in der Sonne sitze oder in der Taverne sein Schöppele trinke. Mehr wolle er nicht.
»Lisy, verstehst du, daß man sich einmal ausweinen muß?« rief die stürmische Fanny, indem sie in Schwester Lisys stilles Stübchen trat, sich vor sie hinwarf und fassungslos zu schluchzen begann. »O Lisy, ich kann und kann und kann's nicht mehr aushalten!«
»Um Gottes willen!« rief die erschrockene Lisy, legte die Stickerei beiseite und streichelte das blonde Köpfchen in ihrem Schoße. »Was isch denn g'schehn, Kind?«
»Ich hab' Georges lieb und hab' Gustav lieb und hab' Erwin lieb — und Onkel Arnold und alle hab' ich lieb! Ich sterbe an zu viel Liebe! Und mich hat keiner lieb!«
Das holde Kind in seinem hellgrauen Gewand lag weinend vor den Knien der immer dunkel gekleideten Freundin, deren Schattenriß sich breit vom Fenster abhob.
Schwester Lisys reife Ruhe wirkte auf diese heißherzige Natur immer sehr wohltuend. Über zwanzig Jahre älter als Fanny, ziemlich zur Fülle neigend, war sie in Reden und Bewegungen von angeborener, durch den Umgang mit Leidenden verstärkter Bedachtsamkeit. Ein Dutzend Jahre war sie Krankenpflegerin gewesen und hatte sich hernach der Massage gewidmet. Sie besaß dazu eine geheimnisvolle Begabung. Genesungskraft entströmte ihren weich-warmen Händen. Sie betrachtete diese Tätigkeit als eine Art Gottesdienst; ein stilles, von keinem gemerktes Gebet für die Kranke pflegte ihre Arbeit zu begleiten. Von sich selbst machte sie nicht viel Wesens; allen Dank der Genesenen brachte sie ihrem himmlischen Vater dar, mit dem sie sich in inniger Einfalt verbündet wußte. Ungern hatte sie sich kurz nach Kriegsbeginn, nach einer schweren Typhuserkrankung, bereden lassen, Vetter Arnold den Haushalt zu führen. Sie war dann, immer als »Schwester Lisy« in Lützelbronn geblieben, sehnte sich aber nach ihren Straßburger Lazaretten und Kranken, nach ihrem eigentlichen Berufsfeld.
»Was haben sie dir denn wieder einmal angetan, Kind?« Sie pflegte die Kleine meist »Kind« zu nennen in ihrer mütterlichen Freundschaft. »Ist die Tante ungattig? Setzt der Papa 's Käppel zu viel aufs link' Ohr? Wo fehlt's denn?«
»Lisy,« rief Fanny jäh, warf die Arme empor und riß der Freundin Kopf zu sich herab, »hast du denn gar keine Augen, siehst du denn nicht, daß wir alle umeinander herumgehen? Siehst du denn nicht, daß wir alle so schrecklich einsam sind?!«
Und sie erzählte in hastigen Worten den bösen Zusammenstoß zwischen den Brüdern; und Papa habe so »gekrischen«, wie sie ihn noch nie schreien gehört habe; und der Onkel sei ganz kreideweiß gewesen; und die Tante sei unausstehlich giftig, humple in der Küche herum und mache ihr und Salome das Leben schwer.
»Ja, ja,« sagte Lisy bekümmert, »dein Bruder hätt's halt doch nicht tun sollen.«
»Gel, ja, alles Unglück kommt nur von da her, nur von da!« stimmte Fanny leidenschaftlich bei. »Denn seit jener Zeit — ich fühl's genau — traut mir auch Gustav nicht mehr ganz. Es ist etwas zwischen uns zweien. Und, Lisy, ich will dir's nur gestehen« —
Das ehrliche Kind zögerte einen Augenblick und flüsterte dann, wie im Beichtstuhl, der Freundin ins Ohr:
»Gustav hat recht! Ein Teil meiner Phantasie ist nicht immer bei ihm, ist oft bei meinem Bruder in Frankreich. Lisy, ich sag's nur dir, dir ganz allein! Ich male mir's oft aus, wie sie's dort wohl schwer haben, da doch so ein großer Teil von Frankreich verwüstet ist, wie sie aber doch so tapfer weiterkämpfen. Und daß sie doch eigentlich feinere Manieren haben als die Deutschen — weißt du, ich mal' mir's halt nur so aus. Und daß Georges nun für immer drüben bleiben muß und ich hier ...«
Sie brach zögernd ab, mit dem fragenden Blick eines Kindes, und schaute fast ängstlich in Lisys Gesicht, ob sie denn nun nicht ganz und gar verurteilt werde.
Das rosige, volle Gesicht der milden Freundin wurde ungewöhnlich ernst.
»Liebes Kind,« sprach sie, »bist du drüben gewesen? Nein. Aber ich. Du malst dir aus, was sich viele Elsässer ausmalen. Ich kenne die Franzosen, hab' liebe Freunde unter ihnen, kenne aber auch ihre Fehler. Stell' dir ja nicht vor, daß hinter den Bergen, wo das Abendrot den Himmel so schön goldig färbt, alles eitel Licht und Farbe sei! Das ist falsche Romantik. Sieh dir dort einmal das Bild meines Bruders an, des Lehrers, den sie als Geisel verschleppt und schauerlich mißhandelt haben! Ein so stiller, braver Mensch! Freilich könnten die Deutschen von den Franzosen auch lernen, vor allem, daß man auf seine Nation stolz sein muß. Denn das sind sie drüben; sie haben darin mehr Charakter als wir hierzulande. Aber wir haben Ordnung, Ernst und Tiefe. Und im Grund auch viel mehr Liebe, Fanny. Es ist nur jetzt überall so viel Haß und Kälte in der Welt, daß wir alle frieren. Nein, nein, mal' dir über die Franzosen nichts Romantisches aus! Die Religion hat dort einen schweren Stand. Ich wünsch' ihnen und uns den Frieden — aber französisch werden? Gott möge das Elsaß vor dem Unglück bewahren!«
»Lisy,« sagte Fanny, in ihrer sprunghaften Art plötzlich von einem anderen Gedanken durchzuckt und die Tränen aus den Augen wischend, »hast du denn eigentlich nie geliebt? Ich habe nie eine so selbstlose Person gesehen wie dich.«
Schwester Lisy lächelte ihr unsagbar gütiges Vollmondlächeln, nahm das schmale Gesichtchen der Kleinen in beide Hände und fragte mütterlich:
»Kind, was verstehst du denn eigentlich unter Liebe? Sag' mir doch einmal das zuerst!«
»Nun, daß dich ein Mann ganz besonders und vor allen andren Menschen dich ganz allein lieb hat und du ihn.«
Lisy schaute mit einem eigentümlichen Blick durchs Fenster in eine weite Ferne.
»Weißt, Fanny, das sind so junge Mädchenträume. Die macht man einmal durch in deinem Alter, aber man bleibt nicht dabei stehen. Man will anfangs freilich besitzen, nach und nach aber will man etwas anderes: nämlich helfen. Mir liegt das Helfenwollen im Blut; denn als Tochter eines Arztes bin ich schon in Kinderjahren an den Operationstisch gewöhnt worden. Siehst du, und so frag' ich halt immer zuerst, was andre leiden ... Entschuldige nur, ich muß von Zeit zu Zeit aus dem Fenster schauen: Vetter Arnold sitzt jetzt schon wieder stundenlang bei einer Kranken, hat das Essen versäumt und kommt, scheint's, nicht mehr nach Hause. So macht er's immer. Und wenn er heimkommt, geht's gleich wieder an den Schreibtisch bis Mitternacht. Und die vielen Lebensmittelsorgen, die Mißstimmung im Volke, die sittlichen Verwilderungen in der vaterlosen Jugend und alles das — es reibt ihn vor der Zeit auf. Denn er gehört in geistig vornehme Luft, nicht in so kleinliche Verhältnisse. Er gehört überhaupt nicht ins Elsaß. Denn hier ist alles vergiftet. Sieh dir doch nur einmal sein Gesicht an, wie sich da Wehmut eingegraben hat!«
Fanny stützte den Kopf in beide Hände und lauschte nachdenklich.
Lisy schaute immerzu durchs Fenster. Wolkenschatten zogen über ihr mildfreundliches Gesicht, als sie nun wie zu sich selber mit ihrer angenehm leisen Stimme plauderte:
»Ich kenne ihn seit meinem zehnten Jahre. Er ist ja älter als ich. Ein merkwürdiger Sonderling schon als Knabe! Durch meinen Stiefvater sind wir Verwandte geworden und haben uns eigentlich immer gut leiden können. Heute schaut man auf die Gefühle jener Zeit zurück wie auf — nun, wie soll ich sagen — wie auf welke Albumblätter und vergilbte Briefe. Ach, und es hat doch damals recht weh getan, bis es überwunden war!«
Sie wandte ihr Gesicht plötzlich wieder dem immer noch vor ihr knienden Mädchen zu.
»Geliebt, Fanny? Ob ich geliebt habe? Ich habe immer geliebt. Erst war's ein einzelner Mann, später wurden es sehr viele Männer und Frauen. Ja, Kind, ich hab' mich auch einst manche Nacht in den Schlaf geweint und habe Gott angefleht, er möge mir eines bestimmten Mannes Liebe schenken. Aber Gott hat etwas Besseres vorgehabt; er hat's später erhört, nur ganz anders. Er hat mir Liebe über Liebe gegeben; Tränen der Dankbarkeit, ja Küsse dankbarer Liebe auf diese zwei Hände sind mir geschenkt worden. Fanny, und das ist so heilig-schön, daß es jenes andre wahrscheinlich übertrifft. Mein Liebesvermögen ist nicht ärmer geworden, sondern reicher. Sollen wir Frauen denn immer erst Weibchen sein und dann erst Menschen?«
Fannys blaue Augen waren größer als je. Sie erhob sich, setzte sich auf Lisys Schoß, legte den Arm um den Hals der Freundin und den Kopf an ihre Schulter. Und mit einem Seufzer und bebender Stimme sagte sie leise:
»Du bist besser als ich, Lisy, und bist größer. Wenn ich deinen einsamen Weg gehen müßte — es wäre mir grauenhaft!«
Sie schüttelte sich.
»Nein, ich darf nicht dran denken, nein, nein, nicht dran denken! Es würde mir die Kraft nehmen, es würde mich umbringen!«
Sie schloß die Augen. Ahnungen schüttelten ihren empfindlichen Körper, und ihre Seele schauderte vor Wüsteneien, die sie in der Ferne zu sehen glaubte.
Die ruhige Freundin küßte des erregten Mädchens glühende Wange und sagte liebkosend: »Liebs kleins Fannjele« — als ob sie zu einem hilflosen Kinde spräche. So saßen sie ein Weilchen aneinandergeschmiegt, bis sich Fannys heißes, volles Herz am gleichmäßig atmenden Busen der reiferen Vertrauten beruhigt hatte.
»Vergiß doch eins nicht,« schloß dann Lisy das Gespräch ab, in ihrer gedämpften, behutsamen Art immer wieder ablenkend, »nämlich, daß eigentlich Vetter Arnold am einsamsten ist von uns allen und am schwersten zu leiden hat. Bedenk' doch schon das Unglück mit seiner Frau! Und was für literarische Pläne hat er gehabt, wie viel ungedruckte Papiere verschimmeln in seiner Schublade, wieviel Hoffnungen hat er eingesargt! Mußt nicht nur an dich denken, kleine Fanny. Ihr alle wißt ja gar nicht, was für Feuer noch in dem scheinbar so abgeklärten Manne glüht, denn ihr kennt ihn nicht so wie ich ihn kenne. Und auch ich — ach, er schließt seine letzte Tür nicht auf! Er verheimlicht seine Tiefen; es hat niemand den Schlüssel zu seiner Seele. Auch mich braucht er nicht; und sobald ich Ersatz habe, gehe ich wieder nach Straßburg. Dich aber haben sie ja alle lieb, Fanny, auch Erwin, auch Onkel Arnold. Und du willst über Einsamkeit klagen?«
Fanny hatte schweigend den nicht bitteren, doch sehr wehmütigen Ton dieser Worte in sich aufgenommen. Jetzt sprang sie von Lisys Schoß herunter, packte der Freundin Kopf und schaute ihr mit jähem Verstehen in die ruhig ihren Blick aushaltenden braunen Augen. Es wurde kein Wort weiter zwischen ihnen gewechselt. Doch das junge Mädchen bedeckte das Gesicht der Überwinderin mit leidenschaftlichen Küssen.
Dann flog sie davon. Und Schwester Lisy griff mit einem leisen Seufzer wieder nach ihrer Arbeit.
Und sie dachte einem ebenso erhabenen wie einfachen Gedanken nach. Liebe verbindet, Haß trennt. In diesem Lande waren einst Männer der Liebe und der edlen Menschlichkeit wie Spener, Oberlin und Pfeffel geboren. Gediehen denn heute nur noch Menschen des Hasses? Und doch, wie sich auch der Verstand der Verständigen und der Wille der Titanen anstrengen mögen: nur die Liebe hat erlösende Kraft.