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Chapter 5: Viertes Kapitel Ein Nachtgang
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About This Book

An aging Alsatian pastor reflects on homeland, memory, and the ravages of war while wandering vineyard slopes and village paths. He remembers personal tragedies, including his institutionalized wife and a son returned from battle with nervous trauma, and models himself on a former pastoral exemplar as he contends with questions of belonging and cultural strife during the Great War. The narrative blends lyrical landscape description, local conversations, refugee scenes, letters and diary fragments, and episodes in Strasbourg and Heidelberg to examine regional identity, spiritual resignation, and the fraught overlap of private grief and communal upheaval.

Viertes Kapitel
Ein Nachtgang

Mir ist so weh ums Herz,
Mir ist, als ob ich weinen möchte
Vor Schmerz.
Gedankensatt
Gedankensatt
Möcht' ich das Haupt hinlegen in die Nacht der Nächte.

Karl Candidus


Hauptmann Ingo von Stein, der thüringische Freiherr, ahnte nicht, wie verwirrend sein Besuch im Pfarrhause zu Lützelbronn gewirkt hatte.

Als Gustav das neuartige Klavierspiel unter sich vernahm, kam er auf seinen Hausschuhen aus der Einsiedelei heruntergeschlürft. Er streckte den Kopf in die Küche und fragte Schwester Lisy scheu und mißtrauisch, wer denn da drin so toll phantasiere.

»Ein Hauptmann«, ward ihm zur Antwort.

»Hauptmann?!«

Wie ein elektrischer Schlag traf ihn das Wort. Das also war der Hauptmann, von dem ihm der unselige Apotheker ins Ohr geflüstert hatte! Was in der Tiefe geschwelt, schlug als Flamme empor. Und als im selben Augenblick Fanny mit hochrotem Gesicht herausschoß und ihm strahlenden Auges zurief, er solle doch hereinkommen, der Hauptmann spiele ja himmlisch — schmetterte Gustav mit den Worten: »Fällt mir nicht ein!« die Speichertüre zu, riegelte hinter sich ab und sprang mit zwei, drei Sätzen wie gehetzt die Treppe hinauf, oben noch einmal seine Dachkammertüre mit Donnerhall zuschlagend und abschließend.

Fanny stand betäubt. »Was isch denn das gsin?!« Dann stampfte sie zornig auf, glutrot bis zu den Schläfen hinan. »Das muß man sich gefallen lassen, Lisy! Könnt' man sich da nicht gleich die Faust zerbeißen vor Zorn?! Üble Laune ist das Allerwiderwärtigste, was es auf Gottes Erdboden gibt!« Und sie lief in der Küche hin und her, wahrhaft empört, und schalt, während Lisy ihr bekümmertes »ach Gott! ach Gott!« ratlos dazwischenseufzte.

»Jetzt ist mir die Freude an der Musik vergällt«, schloß die zornige Kleine. »Jetzt kann ich mich wieder heimtrollen und Rüben schaben.« Das Weinen war ihr nahe, als sie grimmig davonging.

Gustav blieb den ganzen Abend unsichtbar. Sein Vater hätte ihn gern zu den fesselnden Gesprächen hinzugezogen. Doch kein Pochen hatte Erfolg. Er lag oben und malte sich in unsinnigen Bildern aus, daß ihm doch nur Fannys Mitleid gehöre, daß aber ihre sinnenkräftige Natur schon lang auf den Funken warte, auf den glutvollen, hinreißenden Mann, und daß dieser lebhaft da unten sprechende Hauptmann sie offenbar im Sturm geweckt, begeistert, erobert habe. Denn so hatten ihre stahlblauen Augen noch nie geflammt!

Er lauschte den verhallenden Schritten, als der Spielmann sich spät entfernte; er glaubte zu vernehmen, daß diese Schritte hinter Bielers Haus verstummten. Und weiter fieberte und phantasierte der Nervenkranke, da sei gewiß eine Verabredung getroffen. Fannys Stube ging auf den Garten, an dessen ansteigendem Ende das Birkenwäldchen den Hang krönt, ihr Lieblingsplatz. Ob sie den Hauptmann im Garten erwartet? Denn Fanny ist ein unberechenbares Geschöpf, das sich im großartigen Rausch ergibt, gänzlich moralfrei, nur Natur, nur Weib ...

Er lag und zerwühlte den Kopf; er sprang auf und lief hin und her; er holte sein Tagebuch und schrieb sich das Herz leicht.

Mitternacht schlug. Es duldete ihn nicht mehr. Er schlich auf Fußspitzen die Treppe hinunter und durch das leise knarrende Hintertürchen in den Garten. Alles still. Milde Spätsommernacht; am Himmel strichweise flimmernde Wölkchen, dazwischen feinfunkelnde kleine Sterne. Hinter den Tannen mußte bald der Mond kommen.

Gustav ging am Pfirsichstaket entlang; dort lag das Brett; er stellte es an und stieg geräuschlos auf die Mauer. Hinübergebeugt verharrte er eine lange Weile, lauschend, spähend — regte sich da nicht etwas? War das nicht ein Geflüster? Nein, es war doch wohl nur ein verlaufenes Nachtlüftchen oder vom unteren Dorfe her der immer fließende Brunnen, dessen Ablauf sich ins Waschhaus und von dort in den tiefen Fischteich ergießt. Irgendwo ein Hundegebell. Er blieb in seiner halbliegenden Stellung, bis ihn die Glieder schmerzten. Dann stieg er vorsichtig hinüber und schlich schattenhaft zwischen den Birken hin, den Blick auf Fannys Kammerfenster gerichtet.

Der Mond stieg; der Giebel wurde hell. Die Helligkeit kroch langsam weiter, wandab. Und jetzt schien der Mond in Fannys Fenster. Sieh an — das halbe Fenster stand ja offen! Neu aufzuckende Qual! In jagender Gedankenschnelle fuhr es ihm in den Kopf, daß in der Nähe die Gartenleiter hing; sie mochte ungefähr bis zu jener Höhe reichen. Die schwülsten Ausmalungen peinigten ihn. Ja, jetzt war es ihm unfehlbar gewiß: Fanny war falsch! Fanny, des langen Harrens auf solch siechen Bräutigam müde, hatte sich von einer Minute zur andren dem Fremden an den Hals, in die Arme geworfen! Zwar, allerdings, sie pflegt ja immer mit angelehntem Fenster zu schlafen — das ja wohl — aber — ja, was denn? Das halbe Fenster war ja offen — — und horch!

Nein, nur der Hund knurrte. Der Hund im Hofe hatte etwas gemerkt und wurde unruhig, schlug auch kurz und halblaut an. Gustav überlegte. Sollte er Lärm machen? Sollte er dem ganzen Hause, dem ganzen Dorfe, dem ganzen Erdball ausschreien, was hier vorging? Ein paar Augenblicke überbrauste den Leidenden mit fast unwiderstehlicher Macht eine wilde Blutwelle: »Jawohl, schrei es hinaus, brülle, tobe, tobe, tobe! Schlage den Schlaf und den Frieden dieser Menschen von Lützelbronn in Fetzen und Stücke, da doch dein eignes Glück in Trümmern liegt!« Aber diese brausende Woge verebbte wieder; der Tobsuchtsdrang wich. Wenn Fanny glücklich war, mochte sie halt ohne ihn glücklich sein; lieb behalten wollte er sie dennoch.

Nun empfand er Mitleid mit sich selber. Er schlich weiter, glitt an der andren Seite über die Mauer und ging, bereits mit aufquellenden Tränen kämpfend, hinab an den immerzu plaudernden Brunnen und weiter an den jetzt mondüberschimmerten, schwärzlich glatten Weiher.

Dort stand er lang am Ufer, wie eine Weide, immerzu ins Wasser starrend. Er ließ seinen Tränen freien Lauf. Seine geliebte Braut hinter ihm in den Armen des Hauptmanns! Und er — ein gebrochener Mensch!

Sein Weinen ging allmählich in Gebet über. Und immer war es Fanny, der nun auch sein Gebet galt, wie vorher seine Tränen. Gott möge sie doch nicht schlecht werden lassen — so betete der Arme —, nur nicht schlecht werden, nicht ihrer leicht entflammten Sinnlichkeit unedel erliegen lassen. Er wollte selber gern das Opfer bringen, gern entsagen, gern untergehen und sich von der Welt fortstehlen; aber Gott möge doch Fanny segnen, seine geliebte Fanny!

Das Wasser hatte unheimliche Anziehungskraft. Ein Sprung in die Tiefe — und du bist frei! Und Fanny ist frei und kann sich den Mann wählen, der zu ihr paßt. Und diese Welt voll Haß und Kampf, voll Verleumdung und Lüge rollt weiter, ob ein Schwächling spurlos verschwinde oder nicht. Er entwarf Abschiedsbriefe. Da waren einige Menschen, denen er noch gern ein letztes gutes Wort niedergeschrieben hätte ...

Tränen, Gebet und die Gedanken an die Seinen verringerten nach und nach die Seelenspannung. Es floß etwas hinweg. Die Dämonen verließen ihn. Er schaute leichter atmend und nunmehr empfindlich fröstelnd in die kühle Nacht. Ach, war doch am Ende all seine Erregung Unsinn? Hatte nicht Fanny sogar im Winter das Fenster offen? Und dann: unten lag ja der Hofhund; und über ihr schlief Tante Sophie ihren leichten Schlummer; und eine Leiter hätte man doch wohl irgendwo sehen müssen. War doch vielleicht alles nur Einbildung?

Beschämt und müde schlich der Nachtwandler spät nach Hause, legte sich möglichst geräuschlos zu Bett und versank sofort in todähnlichen Schlaf.


Gustavs Nachtgang war bemerkt worden.

Sein Vater lag noch lange Stunden wach, nachdem der thüringische Gast die Gedankenmasse des Elsässers aufgewühlt hatte. Welch eine Wonne und Wohltat ist doch solche Aussprache! Wahrlich, der Mensch braucht den Menschen zur gegenseitigen Belebung; wir alle nähren uns voneinander. Viel Gutes in uns verkümmert, verdorrt, vertrocknet, wenn es nicht durch wechselseitige Elektrizität, durch Gespräche, durch Herzensaustausch zur wärmenden Flamme angefacht wird. Der stille Gelehrte hatte die Empfindung, daß er eine Verjüngung erlebt habe. Er hatte sein Selbstvertrauen wiedergefunden. Und auch das Vertrauen zum deutschen Volke, das er seit Jahren und Jahrzehnten auf ebenso verderblich materialistischen Wegen sah, wie die ganze übrige Welt. Also lebten in Deutschland doch noch Männer, die genau so dachten wie er, sogar im feldgrauen Kriegsgewande? Und also war er nicht allein, nicht ganz allein?! Wie tut es doch bis in das Innerste wohl, sich von einem wertvollen Mitmenschen in seinen eigensten Gedanken und Gesinnungen bestärkt und bestätigt zu fühlen! Es ist eine paradiesische Begegnung, wenn sich zwei Gralsucher die Hände reichen ...

Mitternacht hatte vom Turm geschlagen. Da hörte der Halbwache schleichende Schritte, dann das Knarren der Hintertüre. Jemand ging nach unten, nach dem Garten. Litt Gustav wieder an Schlaflosigkeit? Suchte er nach seiner wunderlichen Weise Mitternachtsstille und lief ein Weilchen im Garten auf und nieder? Der Pfarrer träumte weiter; er drohte einzuschlummern. Da schlug es vom Kirchturm eins — und noch war Gustav nicht zurück.

Jetzt überkam den Vater des jungen Kranken eine unbestimmte Besorgnis. Er stand auf, kleidete sich einigermaßen an, nahm das Taschenlaternchen und ging hinaus. Die Bodentüre stand offen; er begab sich nach oben und klopfte an. Keine Antwort; aber Licht brannte. Er trat ein; das Zimmer war leer; auf dem Tisch unter der Arbeitslampe lag ein offenes Tagebuch, an dem Gustav geschrieben hatte.

Zwischen Vater und Sohn pflegte mit einer selbstverständlichen Natürlichkeit das Briefgeheimnis gewahrt zu werden. Jetzt aber, in der sorgenvollen Ahnung, daß den Sohn irgendeine Seelenqual umhertreibe, beugte sich der Vater über den Schreibtisch und las die frisch beschriebenen Blätter des sonst sorgsam verschlossenen Geheimbuches.

Er war entsetzt. Wilde Worte, wüste Bilder, jagende Buchstaben! Und alles drehte sich um die eine Frage: Mann und Weib! Die Feder hatte gerast, Tinte verspritzt, mitten im Satz abgebrochen und war dann in wirr gekritzelte und durchgestrichene Zeichnungen übergesprungen — — alles ohne Hemmung, weder Sitte noch Anstand achtend, durchgehende Rosse einer krankhaft ausgepeitschten Phantasie!

»... Weibgeheimnis — Waldgeheimnis — man will immer tiefer eindringen — ja, ja, ich verstehe den Mord am Wild, den Mord am Weib — das Geheimnis herauswühlen, das Lustgeheimnis, den Zauber, die Verhexung — wo steckt das im Weib? Wo, wo? Her damit! — Kind und Spielzeug — Lustmörder und Opfer — Wollust des Mordens — Mord und Minne gehören zusammen — Doppelrausch! Das kann der Franzose: mit Geschmack verführen — das will Fanny, das will jedes Weib — und ich Jammerlappen bin zu brav, zu deutsch, zu feig, zu schwach dazu — — — — und dennoch ein lüsterner Schuft!« ...

Dann Bilder von Frauengestalten, ein Hexentanz von Strichen! Doch nach und nach war offenbar Beruhigung eingetreten. In Gustavs wiederum gleichmäßiger, schöner Handschrift kam nun eine Art Trauerlied:

»Nacht, Nacht, Nacht! Und ich bin immer allein! Der Baum hat eine Stimme, wenn der Nachtwind kommt, denn er rauscht, und ihm antwortet ein anderer Baum, ein Busch, ein Halm — und sie klagen miteinander der Mutter Nacht ihr altes Leid. Aber ich bin immer allein.

»Es ist irgendwo ein Land, weitab. Da sind die Leute freundlich und friedlich; da kommt einer zum andren, wenn dieser traurig ist, faßt seine Hand und spricht lieb zu ihm oder weint mit ihm, und sie sind gemeinsam traurig. Aber ich bin immer allein.

»Ach, es weint in mir, wie ein Brunnen in der Tiefe rauscht. Und mir wäre wohl, wenn die Wasser heraufstiegen und aus meinen Augen über die Wangen flössen. Ach, mir wäre wohl, wenn ich ein Dichter wäre und singen könnte, was in mir weint. Doch ich habe kein Saitenspiel, und die Wasser kommen nicht herauf zu mir, und das Weinen bleibt in der Kehle — und ich bin immer allein ... Nacht, Nacht, Nacht!« ...

Tief erschüttert stand der Vater vor diesen Bekenntnissen seines einsamen Sohnes. Das also war die Nachtseite seiner am Tage so scheu verschlossenen Seele! Wie von Scham übergossen schlich der Pfarrer auf den Zehen in sein Zimmer hinunter, verriet durch kein Licht, daß er wachte, und legte sich wieder in sein Bett, um noch lange schlaflos ins Dunkel zu starren.

Später hörte er den Sohn mit verstohlenen Schritten zurückkommen. Wo war der Junge gewesen? Hatte er, von diesen niederen Vorstellungen gepeinigt, vielleicht seine kindlich-reine Braut aufgesucht? Und war denn vielleicht auch Fanny, diese tagsüber so unbefangene Natur, in ihren Tiefen so wie dieses Tagebuch? Was mochte man wissen! Man konnte ja an allem irre werden!

»Da wollt' ich noch eben mit diesem Hauptmann den Himmel auf die Erde holen — und vermag nicht einmal in meinem Hause Seelenfrieden herzustellen! Da wollt' ich noch eben die elsässische Seele retten — und schaue nicht einmal in meines Sohnes Seele! Weib und Werk sind mir entglitten — jetzt entgleitet mir auch mein Sohn!«

Nur ein Vater vermag es zu ermessen, welche Qualen diesen Mann in der einen Nacht heimsuchten. Er empfand seinen Sohn als ein von Gott ihm anvertrautes Gut; er war von der Gewißheit durchdrungen, daß er am Thron Gottes Rechenschaft über ihn abzugeben hatte. Aber er besaß ja diese junge Seele nicht mehr, die er doch erzogen hatte, er besaß auch nicht Fanny! »Ist denn dies nun das neue Elsaß? Gärt solche heimliche Lebensgier in den Tiefen dieses jungen Geschlechtes? Denken sie denn nur an sich, immer nur an sich, und nicht an des Vaterlandes große Not? Fanny, Fanny, bist denn auch du so von Sinnlichkeit zerfressen wie der unglückliche Zeichner dieser Bilder? In welche Welt der Dämonen bin ich da geraten! Sie toben also nicht nur an der Front, die Dämonen, nicht nur in der Lügen- und Verleumdungspresse — sie vergiften auch meinen allernächsten Bezirk, meine zwei liebsten Menschen.«

Es gibt Nächte so tiefer Qual, daß der Mensch eine Art Vortod durchmacht. Da löst sich alles, was noch an der Erde hängt. Die Seele fühlt sich in ein graues Nichts hinausgestoßen. Sie kann sich an nichts mehr halten, denn es ist zum Halten nichts mehr vorhanden. Überall furchtbare Leere! So ist es beim Sterben, wenn keine Liebe den Menschen begleitet, der den Körper verlassen soll. Liebe jedoch ist wie ein Licht, das den Weg hell und freundlich macht.

Und der Philosoph, wiederum ganz schlichter Mensch geworden, tat dasselbe, was sein Sohn unten am Weiher tat. Seine gramvollen Gedanken gingen in Gebet über. Er bot dem Allwaltenden sein Werk als Opfer an.

»Ich will auf alle persönliche Ehre und auf das letzte Restchen Eitelkeit verzichten; ich will die ganze Summe meines Fleißes verbrennen: wenn ich nur die paar Menschen meines Umkreises, ja nur einen einzigen Menschen vor Verwirrung und Untergang bewahren und einem edlen Leben gewinnen kann ...«

Die Uhr tickte; der Mond stieg. Sein Licht wanderte durch die hohe Nacht. Um den Erdball zuckten Fernfunken der drahtlosen Telegraphie; um den Erdball zuckten Kriegsberichte, Haß und Verleumdung; Raketen, Granaten und Scheinwerfer stellten ihre Flammen in den Dienst des Kampfes; auf dem Meere dröhnte da und dort ein torpediertes Schiff in die Luft; und auf unschuldige Städte fielen mörderische Bomben, während in manchem deutschen Hause die Kinder ungesättigt zu Bett gingen.

Aber aus den Tiefen vieler Menschenherzen quollen Tränen und Träume empor: Träume von einer künftigen edleren Lebensgemeinschaft, wo niemand mehr aus Mangel an Liebe verhungern wird.


Noch zwei schlaflose Augen hatten Gustavs Nachtgang beobachtet. Als der Hund knurrte und unwillig anschlug, wurde Tante Sophie in ihrem Giebelstübchen aufmerksam. Ihr Bett stand nahe an der Fenstergardine. Sie reckte den äußerst hageren Leib und spähte hinaus; denn ihre Phantasie war immer mit Einbrechern und Spionen beschäftigt. Und wahrhaftig: ein Mensch ging durch den Garten, kletterte über die Mauer und sprang jenseits hinab!

Nun aber auf! Die halblahme Alte knipste Licht an, hüpfte mit ungewohnter Lebendigkeit in den Morgenrock und in die Wollschuhe — und dann humpelte, schlürfte, ächzte sie über den Speicher hinüber an die andre Giebelstube und klopfte mit knochigem Finger der knurrigen Salome: »Sälmele, vite, vite! Mach Sie schnell uff! Awer schnell! Es isch e Inbrecher am Hüs!«

Salome schlüpfte zunächst unter die Bettdecke. Dann endlich, nach längerem Klopfen und Winseln, entschloß sie sich, aus den Federn zu kriechen und der verängsteten Tante Sophie zu öffnen. Diese schoß sofort ans Fenster: »Do, do geht er, gück, do! Do geht einer an de Brunne!« Und erzählte flüsternd und entsetzt ihre Beobachtungen. »Was für griserlichi Zitte! Sälmele, Sälmele! Mr isch sines Lewes nimmeh sicher! Vous verrez, es gibt noch Revolution im Land! Jerum, jerum, wär' ich nur schon im Spital oder im Totebaum!«

Die beiden ältlichen Jungfrauen lebten sonst in fortwährendem Kleinkampf. Aber Not schweißt Herzen zusammen. So pflegten sie denn auch manchmal bei schweren nächtlichen Gewittern einander an die Tür zu pochen und rasch ihre geliebtesten Sachen zu packen; dann setzten sie sich, auf das Schlimmste gefaßt, zitternd und seufzend auf die unterste Stufe der Bodentreppe, die eine mit ihrer eisernen Kassette und einigen Kleidungsstücken, die andre mit Hutschachtel, Käfig und Kanarienvogel. So warteten sie alsdann, bis das Wetter vorüber war. Worauf sie wieder in ihre Stuben und Besonderheiten entwichen, um sich gegenseitig am andren Morgen doppelt unfreundlich und mißtrauisch zu behandeln.

Also standen sie denn auch heute nacht Schulter an Schulter spähend am Fenster, in mangelhaften Gewändern, und schauten über die Geranien hinunter nach der Gespenstergestalt, die an den stillen, glatten Weiher ging und dort lange, lange stand ...

Als aber am andren Morgen Salome, mit der nächtlichen Neuigkeit geladen, schnellfüßig nach unten in die Küche lief und sich das erstaunte Gesicht der Haustochter ausmalte, wurde sie enttäuscht. Denn zunächst kam Fanny sehr spät in die Küche. Wo blieb sie denn nur immer so lang in den letzten Tagen? Was machte sie denn in ihrem Zimmer? Gab es so viel Post zu beantworten? Und verdrießlich wirtschaftete Salome zwischen ihrem Geschirr herum, bis sie Schaulis habhaft wurde, dem sie dann umständlich und mit schmückenden Zutaten das nächtliche Abenteuer erzählte.

Fanny hatte allerdings an diesem Morgen einen Brief erhalten, und zwar von Erwin. Sie war heute nicht auf seinen Ton gestimmt; denn sie war Feuer und Flamme für eine ganz andre Arbeit, die sie vor kurzem begonnen hatte und der sie jede freie Minute widmete. Immerhin wirkte Erwins Schreiben für den Augenblick aufheiternd, wenn es auch ernst ausklang.

»Liebste Kussy — verzeih, da verschreib' ich mich gleich zu Beginn, denn ich wollte natürlich Cousine Fanny schreiben, zog es aber in ein Wort zusammen, denn mir tanzt noch dein Kuß vor den Augen, auf den Lippen, in der Feder herum! Und wen die Mussy geküßt — verzeih, ich wollte natürlich Muse schreiben, aber meine Muse heißt Fanny, und so zog ich's wieder in ein Wort zusammen! Wen also die Muse geküßt, den hat Apollo am Ohrläppchen, und er reimt fortan Kuß und Schuß. Hat dich nicht deine verstorbene Mutter ma douce‹ oder ›ma doucie‹ genannt? Also deutsch: Duß und Dussy! Und habt ihr mir nicht manchmal gesagt, ich sei ein ›Schöute‹ oder ›Schussele‹, das heißt ein fahriger, närrischer Bursche? O Dussele, Kussele, Mussele — wie würden wir zwei uns reimen! Aber das ist doch alles nur papierlich, nicht natürlich, mithin ein erbärmlicher Kriegsersatz für mündlichen Bericht! Schuß tötet, Kuß belebt — hol's der Kuckuck, daß ich zu ersterem verdammt bin! Lieb Schussinchen — nein, halt — kurzum, es schusselt, kusselt, dusselt mir unter der Hirnschale herum, daß ich keinen Brief zusammenkriege. Leb' wohl für heute! In einer Stunde wieder im Feuer! N.B. Beinschuß, nicht schwer, liege im Lazarett. Gedenket mein! Erwin.«

Fanny las diesen Brief zwei- und dreimal. Und sofort tippte sie Antwort. Denn sie saß bereits an der Schreibmaschine, die mit Leichtigkeit und Anmut von ihr gehandhabt wurde.

»Dein Schusselebrief, lieber Erwin, klingt ja so ernst aus, daß ich aus dem Lachen in jähes Erschrecken geriet, als ich deine Schlußworte las. Hoffentlich doch nicht schlimm? Schreib' ja recht bald wieder! Ich bin an der Schreibmaschine, daher diese ungewöhnliche Schrift, die ich sonst für Briefe nicht mag, weil sie so unpersönlich ist. Aber neben mir liegen Stöße von beschriebenem Papier. Und weißt du, was ich tue? Es ist mir durch ein Gespräch mit Lisy so recht bewußt geworden, wie einsam Onkel Arnold ist. Da liegen seine ziemlich schlecht geschriebenen Arbeiten in seinen Schubladen. Er würde sie gern dem oder jenem Kollegen oder Verlagsbuchhändler vorlegen, kann sich aber nicht zu einer Abschrift entschließen, mag sie auch nicht einem Abschreiber anvertrauen. Es ist so eine tiefe Gleichgültigkeit über ihn gekommen. Weißt du, was ich nun mit Lisys Hilfe getan habe? Wir haben ihm den ganzen Stoß aus dem Schreibtisch gestohlen! Und ich sitze und schreib' sie ihm heimlich ab! Nun verrat mich aber nicht! Es soll eine Überraschung werden. Und schreib doch auch Gustav einen recht, recht lieben, ermunternden Brief! Gott behüte dich, du Schussele! Fanny.«

Als hernach Fanny in die Küche kam und händereibend an die ganz andersartige Arbeit ging — es war Wäschetag —, hatte sie für Salomes spukhaften Bericht gar kein Ohr. »Dumm Dings, Salome! Ihr zwei alti Jungfere han do owe G'spenschter g'sehn!«

Alte Jungfer ließ sich aber die bäuerlich kräftige Salome gar nicht gern nennen, auch nicht im Scherz, und selbst nicht von der Mamsell Fanny. Sie habe noch recht scharfe Augen, meinte sie, und war sehr verschnupft. Da sie ohnedies nicht an Gesprächigkeit litt, so gab es ein schweigsames Arbeiten.

Doch das innere Lächeln verschwand nicht von Fannys wunderhübschem Gesichtchen, das unter dem weißen Arbeitskopftuch womöglich noch reizender aussah.