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Chapter 6: Fünftes Kapitel Ein Nachtgang
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About This Book

An aging Alsatian pastor reflects on homeland, memory, and the ravages of war while wandering vineyard slopes and village paths. He remembers personal tragedies, including his institutionalized wife and a son returned from battle with nervous trauma, and models himself on a former pastoral exemplar as he contends with questions of belonging and cultural strife during the Great War. The narrative blends lyrical landscape description, local conversations, refugee scenes, letters and diary fragments, and episodes in Strasbourg and Heidelberg to examine regional identity, spiritual resignation, and the fraught overlap of private grief and communal upheaval.

Fünftes Kapitel
Ein Nachtgang

Im heißen Tiegel liegt mein Vaterland.
Daß ihm die Glut zur Läuterung gereiche,
Daß es verjüngt dem Flammengrab entsteige:
Dies füge des allmächt'gen Schmelzers Hand!

Karl Hackenschmidt


Schmerz reift den Menschen. In einer Stunde der Erschütterung kann die Seele mehr erstarken als in sechs dürren Jahren.

Durchdrungen von der Großartigkeit des Opfergedankens, ging Arnold am andern Morgen an sein Tagewerk. Er war bisher Gelehrter gewesen, zu sehr Gelehrter, auch als Pfarrer; er hatte sich auf einsamen Höhen gefühlt und als verkannt empfunden; er hatte Hochmut beherbergt. Nun wollte er ganz schlichter Mensch sein: liebender Mensch, der aber vielleicht durch Liebe schöpferisch wird. Gedeiht nicht alles Hohe nur durch Opferung? Opfert nicht die Mutter unter Lebensgefahr ihre Kraft und vieler Nächte Schlaf, damit ihre Kinder gedeihen? Bringt nicht der Freund dem Freunde seine Fürsorge und Anteilnahme dar? Taucht nicht das Saatkorn in die Erde und opfert seine Form, damit aus Finsternis vielfältige Frucht ans Licht emporsteige?

»Ich habe auf falschen Wegen Werk und Glück gesucht«, dachte er überm Ankleiden; »ich will meinen Gelehrten-Ehrgeiz opfern und schlicht vom Herzen aus zu leben versuchen, Mensch zu Mensch. Ich will meine Verstandesarbeit verbrennen; denn sie war unbeseelt. Mit diesem Weltkriege — das spür' ich jetzt — donnert eine unbeseelte Zeit zu Ende. Oder sind es schon Geburtswehen? Wird unter Tränen Seele geboren?«

Er trat an den Schreibtisch.

Und nun widerfuhr ihm eine seltsame Überraschung. Er öffnete die untere Schublade zur Rechten. Da pflegte er seit Jahren den Stoß seiner fertigen Handschriften zu verwahren. Aber das Fach war leer. Nur ein vergessenes Heftchen Volkslieder lag darin; das war wohl irgendwie einmal dazwischen geraten. Er zog es hervor und las den Titel: »Rosen und Rosmarin. Auswahl deutscher Volkslieder mit Bildern von Rudolf Schäfer«. War er denn verhext? Lagen die Papiere etwa im linken Fach? Auch nicht. Hatte er sie bereits herausgenommen, als er im Gespräch mit dem thüringischen Gast diese Arbeiten erwähnte? Möglich. Aber er entsann sich dessen nicht. Er wußte, daß er, mit nachdrücklicher Hindeutung, einmal voll stolzen Grimmes von seinen geistgefüllten Schubladen gesprochen hatte, die niemand begehre. Und nun waren beide leer? Er fuhr sich über Augen und Stirn. Hatte er sie denn nachtwandelnd bereits verbrannt?

Bestürzt stand der Gelehrte vor dieser Leere. Er blätterte in den gemütvollen deutschen Volksliedern, die keinerlei Gelehrsamkeit beanspruchten und doch von Leben strahlten.

»Es war ein Markgraf über dem Rhein,
Der hatte drei schöne Töchterlein« ...

Und hier das lange nicht vernommene:

»Wenn ich ein Vöglein wär'
Und auch zwei Flüglein hätt'« ...

Und dann:

»Es waren zwei Königskinder,
Die hatten einander so lieb ...«

Oder »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« — »Ich hört' ein Sichlein rauschen, wohl rauschen durch das Korn« — — Er las sich hinein; er vergaß Ort und Zeit; er ließ die warmherzigen Zeichnungen auf sein Empfinden wirken. »Und wovon singen sie alle, diese Lieder? Was suchen sie alle?« Er gab sich selber Antwort: »Immer nur des andren Seele! Immer nur Liebe!«

Ihm däuchte, da müßte irgendein Zauber walten, ein Elfenspuk. Doch die Tagesarbeit rief. Er warf das Heft auf den Tisch und frühstückte rasch. Dann bewegte sich seine hohe, hagere Gestalt mit den bekannten großen und langsam-würdigen Schritten in etwas wiegender Gangart durch den Ort nach der Schule, wo er fast täglich ersatzweise Unterricht zu geben pflegte.

Unterwegs begegnete ihm der katholische Pfarrer.

»Bonjour, Monsieur Arnold!« rief ihm dieser auf französisch zu. »Avez-vous déjà entendu la dernière nouvelle?« Und ins Elsässische überspringend: »D' Bulgare han Waffestillstand gemacht! A la bonne heure! Gemunkelt het mr's schun lang! Awer 's isch Tatsach'! Do steht's! In zwei Woche isch Fridde im Land! Jetzt isch's mit Ditschland fertig!«

Seine Augen leuchteten vor Triumph.

Arnold achtete die katholische Kirche und lebte mit deren Vertreter in äußerem Frieden. Dieser ziemlich kurze, festgebaute Bauernsohn mit dem vollen Gesicht und der eckigen Stirne war echt alemannischen Gepräges. Aber er hatte einst den französelnden und jetzt landesflüchtigen Abgeordneten von Kolmar gewählt und pflegte dessen französisch geschriebene Zeitung zu lesen. Seine Vorstellungswelt war den Franzosen erlegen. Er bemühte sich, mit den Fabrikanten der Nachbarschaft ein bäuerlich-elsässisches, für Pariser Ohren unerträgliches Französisch zu radebrechen. Durch den Beichtstuhl hatte er Einfluß auf die Frauen, durch diese wieder auf des Dorfes Männer; er hielt seine Gemeinde kirchlich und politisch fest in der Faust. Den Anschluß an den deutschen Katholizismus lehnte er ab. »Qui dit catholique, dit français,« meinte er; »Frankreich und Italien sind die Mütter unsrer heiligen Kirche.« Mit Arnold hatte er nur einen einzigen Strauß gehabt; den aber hatte er spielend gewonnen. Der evangelische Pfarrer hatte seinen Stiefbruder in Christo freundlich gebeten, den Gottesdienst am Sonntagmorgen etwas später zu legen; denn seine Frauen und Männer, durch die schwere Wochenarbeit dieser Kriegszeiten übermüdet, könnten am Feiertag nicht genügend ausschlafen. Der evangelische Gottesdienst pflegte in der gemeinsamen Kirche vor dem katholischen stattzufinden. Doch der klerikale Kollege schlug ab; jene Stunde sei alter Brauch; ein Gesuch an das Straßburger Konsistorium war gleichfalls erfolglos: der Bischof gab seinem Pfarrer recht. Arnold zuckte die Achseln, schwieg und ließ sich fortan auf keine Bitte an den Amtsbruder mehr ein, noch weniger auf einen Streit. Sie waren Nachbarn und grüßten sich; aber keine Brücke der Liebe ging von einem zum andren.

Wie nun die beiden, im äußeren und inneren Bau so verschiedenartigen Vertreter der Religion der Liebe beisammen standen, durchzuckte den langen Forscher und Träumer die Erinnerung an jenen Vorfall. Und nach den Erschütterungen der Nacht empfand er bei dem Blick in diese triumphleuchtenden Augen einen tiefen Schmerz. Sind wir denn wirklich Diener des Meisters von Golgatha? Dann gab er dem andren ganz ruhig, nachdem er sich aus dessen frisch vom Postamt geholter Zeitung unterrichtet hatte, eine kurze Antwort.

»Mein Vater«, sprach er, »war ein Verehrer des Papa Oberlin im Steintal, der in friedloser Zeit als Mann des Friedens gewirkt hat. Ihm zu Ehren erhielt ich die Vornamen Johannes und Friedrich. Ich hänge sehr am Elsaß, aber noch mehr an Deutschland. Und wenn nun nach vier tapferen und geduldigen Kriegsjahren Deutschland der Übermacht unterliegt, so werde ich es erst recht lieben. Denn es ist einfach wundervoll, wie sich unsere deutschen Truppen schlagen.«

Dann zog er vor dem etwas verdutzten Amtsgenossen katholisch-französischer Prägung freundlich den breiten, weichen Filzhut und bog um die Ecke.

Der Tag war mit beträchtlicher Arbeit angefüllt. Der schmalschultrige, wenn auch zähe Philosoph und Pfarrer hatte Nerven und Sinne kräftig zusammenzunehmen.

Sofort nach dem Schulunterricht war ein sterbender Greis zu besuchen. Mit ihm betete der Seelsorger den 121. Psalm, dessen sich der achtzigjährige Alte noch erinnerte und den er mit lallender Stimme laut nachsprach. Dann weiter, zu zwei andren Kranken, den Ärmsten seiner Gemeinde. Da lag ein hinsiechendes Mädchen von kaum achtzehn Jahren; und bei ihm, an Gesichtsrose erkrankt, die Mutter. So groß war hier die Armut, daß Mutter und Tochter in demselben Bette lagen. Und welche Stubenluft! Oft schon hatte ihnen Arnold aus seiner eigenen Tasche ausgeholfen; und Schwester Lisy pflegte ihn bei alledem zu unterstützen wie die freilich sprödere Fanny. Aber woher in diesen Zeiten all die nötigen stärkenden Nahrungsmittel nehmen! Es waren geistig dumpfe Menschen, die ihn da aus trüben Augen anstarrten. Doch schien er in seinen Tröstungen und Gebeten heute den rechten Herzenston zu treffen. Denn heftig atmete die Frau; sie mochte in ihrer verkümmerten Seele zum ersten Male die ganze Lichtlosigkeit ihres geist- und gottfernen Lebens ahnen.

Zu Hause erwartete ihn ein kriegsblinder Theologe, mit dem er bis zum Mittagessen Griechisch trieb.

Gustav kam zur Mahlzeit aus seiner Klause herunter, weich gestimmt, müde und in sich gekehrt. Der Blinde erzählte von seinem Aufenthalt in Marburg. Man besprach die überaus drohende Kriegslage und die bedenkliche innerpolitische Zersetzung. In Palästina hatten australische, neuseeländische und indische Truppen der Engländer die Türken geschlagen und nordwärts über Damaskus zurückgedrängt. Bagdad war vom englischen Feinde längst genommen. Der Engländer saß an der nordrussischen Murmanküste. Von Amerika herüber zogen, wie Dämonenscharen, Mannschaften, Munition und Maschinen in schweren Massen nach Frankreich, um die deutsche Westfront zu übermannen. Deutschland war von der See her blockiert und hungerte: in ungeheurer Einkreisung rückten die Vernichtungsheere näher und immer näher. Nun war, völlig unerwartet, die bulgarische Mauer zerbrochen, derart zerbrochen, daß manche Bataillone ohne einen Schuß ihre Stellungen im Stich ließen und davonliefen. Die bulgarischen Parlamentäre standen im Lager der Saloniki-Armee. In wenigen Tagen war die Verbindung mit der Türkei abgeschnitten. Dann mußte auch dieses müde Volk zusammenbrechen!

Nach dem Essen nahm der Geistliche den Blinden an den Arm und wanderte mit ihm und einem leidenden Schulmädchen in das Städtchen zum Augenarzt. Das Kind mit dem dick verbundenen Auge an der linken Hand, den Mann mit der schwärzlichen Brille am rechten Arm — so zog er durch die gelblichen Weinberge dahin. »Dienen will ich,« dachte er, »nur dienen. Wer bin ich in diesem allgemeinen Zusammenbruch, daß ich mit meinem Schicksal zu hadern wage? Kannst du in deinen Bücherhimmeln selig sein, Famulus Wagner, wenn draußen so viel Herzen und Völker leiden? Ich will das Leid der Gesamtheit mittragen. Ich will wenigstens einigen helfen; ich will mit dem Rettungsboot auf das Wrack hinausfahren und ein paar Leute an Land holen.«

So empfand er. Und von seinen Gesprächen strömte Kraft und fürsorgende Liebe aus.

Abends nach der Heimkehr war noch eine Sitzung: er hatte den Aufsichtsrat der Landwirtschaftskasse zu sich gebeten, die er vor einigen Jahren gegründet hatte. Wohl hätte diese nüchternen Dinge auch ein Gemeindeschreiber besorgen können; doch der war längst gefallen.

Drüben bei Bielers, im Waschhaus, stand und schaffte tagsüber die kleine, straffe, kräftige Fanny, mit Leidenschaft an ihre Arbeit hingegeben. Und abends eilte sie trotz großer Müdigkeit noch an die Schreibmaschine. »Logos und Eros« war der Titel der gelehrten Untersuchung, die sie abschrieb. Jenes griechische Wort hat im Bezirk des Apostels Johannes besonderes Gewicht erlangt und bedeutet ewige Weisheit; das andere war Platos geistigen Gefilden entnommen und heißt Liebe. Sie wunderte sich, daß Onkel Arnold über so schlichtmenschliche Dinge so gewunden und gelehrt schrieb. Aber sie klapperte wacker und gewandt eine ganze Stunde lang, bis ihr das Köpfchen auf die Tasten zu sinken drohte. Worauf sie ihr Lager aufsuchte und schon in der Mitte des Nachtgebetes fest entschlief.


In Rauchgebilden, die sie mit dem Munde formten und in die Luft entließen, saßen Offiziere, Beamte und bürgerlicher Anhang in der Hinterstube des städtischen Gasthofes. Auch ihre Gespräche waren Rauchgebilde, aufsteigend aus den Gehirnen und Worte formend, womit sie ihre letzte Meinung voreinander verbargen.

Unter ihnen saß ein norddeutscher Hauptmann. Seine genauere Berufsart ist für die Gesamtheit des großen Geschehens ebenso belanglos wie sein Name. Einer von vielen. In allem ungefähr das Gegenteil des Hauptmanns Ingo von Stein. Von außen ein Scharfmacher; innerlich haltlos. Der junge Apotheker an seiner Seite war im Innern ein entschiedener Französling, nach außen gemütlich und von geduckter Höflichkeit; auch stets bereit, mit sich Spaß treiben zu lassen, ohne es scheinbar übelzunehmen, da er selber voll Schnurren steckte. Zwischen beiden gab es Abstufungen, anständige, nüchterne Menschen, wie sie in jeder Stadt der Westmark zu finden sind: Altdeutsche und deutschgesinnte Eingeborene, Halbelsässer und Französlinge. Aber keine warme innere Einheit.

Am besten verstanden sich Hauptmann und Apotheker. Rosig und rund gediehen beide in der allgemeinen Nahrungsnot. Sie liebten scharfgewürzte Speisen und scharfgewürzte Späße. Und wenn die anderen verduftet waren, saßen sie noch im dicken Rauch und vergnügten sich an den allersaftigsten Geschichten, wobei selbst die Kellnerin beinahe errötete und beide Gesellen duzend und scherzend ohrfeigte. Der Hauptmann blieb bei alledem wiehernd laut und derb; der Apotheker beschränkte sich auf ein niederträchtiges Schmunzeln.

»Sagen Se mal, Dicker!« pflegte dann der Hauptmann seinen Gesinnungsgenossen anzureden. Der Dicke zwar hätte das Kosewort mit ebensoviel Recht zurückgeben können; aber als Sohn eines immer verbindlich lächelnden Gastwirtes war er auf nichtssagende Höflichkeit eingeübt und nahm sich auch im angetrunkenen Zustande zusammen. Die Spitzen, die er gesprächsweise dem »Schwob« dennoch versetzte, im Bunde mit unechten Schmeicheleien, verstand nur die elsässische Kellnerin. Er wußte immer irgendwie durch Hintertüren Schaumwein, Gänseleberpasteten und ähnliche Kostbarkeiten zu ergattern, wozu er dann den Hauptmann gastfrei einlud. Dieser glaubte sich mit den Eingesessenen bereits vortrefflich angefreundet zu haben, obwohl er erst wenige Monate im Lande war. Er hielt sich für unwiderstehlich; hätte man Leute wie ihn früher gerufen, meinte er selbstgefällig, die Rasselbande der Landesverräter hätte die Knochen ganz anders zusammengenommen. Vom wahren Wesen der Elsässer hatte er keine Ahnung.

Da er zudem ein wenig mit der Zunge anstieß oder sich beim schnellen und schnarrenden Reden verhudelte, so war es dem Apotheker ein leichtes, seine Sprechweise mit stärkstem Lacherfolg nachzuahmen, sobald der andre den Rücken gedreht hatte.

»Woher haben Sie denn nu eigentlich Ihr blaues Auge, Dickerchen?« fragte der Hauptmann. »Sie wollten heut' abend, als die Herren darauf anspielten, nicht recht mit der Sprache heraus. Na nu los!«

Gustavs Schulkamerad zog die Brauen hoch und blinzelte schalkhaft, als ob es sich da um ein ganz besonderes feingewürztes Abenteuer handelte.

Endlich sagte er:

»Das hab' ich Ihnen zu verdanken, Herr Hauptmann!«

»Nanu, wieso denn? Hab' ich Sie in der Bezechtheit verhauen?«

»Das nicht, aber die Sache ist nämlich so. Es ist hier in der Nachbarschaft einer auf Sie eifersüchtig.«

Und nun erzählte der eine Dicke dem andern den Vorfall im Giebelstübchen zu Lützelbronn. Wobei er freilich die Tatsachen boshaft umfärbte. Er vergaß nicht die Fahnenflucht des jungen Bieler und verweilte bei dessen »apart netten« Schwester; er stellte schnalzend fest, der alte Bieler habe einen wohlgefüllten Weinkeller, dessen Geheimnisse eine Untersuchung verlohnten.

»Kenne den Fall ganz genau«, prahlte der Hauptmann, spitzte jedoch die Ohren und stieß Rauchkringel in die Luft. »War schon dort, reiches Haus, sah freilich weder die Kleine noch die Weine — hübscher Reim, was? Sagen Se 'mal, Dicker, Sie kennen ja das Terrain hierzulande: kann man da 'rankommen?«


Tags darauf stand der Hauptmann in Bielers Wohnstube.

Fanny war aus der Küche herausgeschossen, als sie das Auto vorfahren hörte. Sie war hochrot vom Herdfeuer, trocknete rasch die Hände ab und erregte des Hauptmanns vollkommenes Entzücken. In schneidigen Formen hatte er die anmutige Kleine begrüßt, die aber ihrerseits den Vater rief und wieder an ihre Arbeit ging.

Papa Bieler, mit dem Käppchen in der Hand, war die Höflichkeit selber. Ihm pochte seit seines Sohnes Flucht jedesmal aufs neue das Herz, wenn ein Kraftwagen in sein Hoftor rasselte und Offiziere absetzte.

Er schenkte, nach einigen einleitenden Worten, dem Gast sofort einen kristallklaren Schnaps ein. Und der Hauptmann sah sich mit Behagen in der wohlgetäfelten Bürgerstube um.

»Noch e Schnäpsel, Herr Hauptmann? 's isch e Quetsch.«

»Mit Vergnügen, Herr Bieler! Wie nennen Sie das? Quetsch?«

»Von Zwetschgen gebrannt, verstehn Sie!«

»Ach so, natürlich! Zwetschgenwasser! Famos! Wissen Sie, Herr Bieler, man hat mir Ihre geradezu musterhaften Kellereien gerühmt. Aber ich sehe, Sie verstehen sich auch auf Schnapsbrennerei. Überhaupt: eine urgemütliche Gastfreundschaft hier im Elsaß! Und ein schönes Land, Herr Bieler, ein sehr schönes Land!«

»Ja, ja, Herr Hauptmann, unser Sprüchel hat schon recht:

»Das Elsaß, unser Ländel,
Es isch meineidi schön,
M'r hewe 's fescht am Bändel
Un lonn 's bi Gott nit gehn« ...

Der Hauptmann mußte sich das Mundart-Sprüchlein erst verhochdeutschen lassen, stimmte dann aber lebhaft bei.

»Alle Wetter, ja, stimmt! Hören Sie da oben am Hartmannsweiler Kopf unsre Batterien? Fest am Bändel! Stimmt! Und wenn alle andren Fronten zusammenkrachen, ich sage Ihnen, hier kommen sie nicht durch! Hören Sie, wie das da oben pocht?«

Der Hauptmann spielte auf den Geschützdonner an.

»Ja, ja,« sagte der Weinsticher ernst, »wie Hammerschläge auf einen Sargdeckel.«

»Nicht übel!« nickte der Hauptmann. »Unter Ihrem Käppchen stecken ja anscheinend ganz gute Einfälle. Sargdeckel: die Revanche-Idee wird zugenagelt! Von wem sind denn diese hübschen Teller?«

»Vom Maler Lux.«

»Elsässische Motive?«

»Da die Schlösser von Rappschwihr — ich mein': von Rappoltsweiler — da die Burgruine Girbaden — dort Kaysersberg — Reichenweier — nett gemacht! 's isch e Elsässer, der Lux.«

»Und das hübsche Mädel da in der Bauernkappe? Ist das nicht Ihr reizendes Töchterchen, das ich vorhin leider nur auf einen Augenblick zu begrüßen die Ehre hatte?«

»Joh, 's isch 's Fanny. Schad', daß die netten Trachten fast ganz verschwunden sind. Es isch halt nimmer so viel Freud' auf der Welt, Herr Hauptmann.«

»Ein Prachtsmädel! Zum Anbeißen! Wenn man so 'was sieht, möchte man sich ja gleich Knall und Fall in so 'ne hübsche Elsässerin verlieben.«

Bieler lachte kurz auf, stieß das Käppchen auf das linke Ohr und kratzte hinter dem rechten, ging aber auf den Ton ein.

»Ha, jetzt, wissen Sie halt: ein Preuß' als Schwiegersohn« —

»Würde Ihnen ausgezeichnet bekommen! Und das Bild da, der französische Soldat —?«

»So hab' ich einmal ausgesehen. Ich hab' siebzig bei Fröschwiller mitgemacht.«

»Aha, Wörth?«

»Sehen Sie da: den Finger hat mir ein Bayer weggeschossen, Herr Hauptmann. Ich bin Zuave gewesen — vous savez: caporal! Und eine zweite Kugel da in den linken Arm. Am Kirchhof zu Fröschwiller bin ich gelegen bis in die Nacht und fascht gar verblutet — ah, bigre! Na, aber es hat sich wieder gemacht. Mein Handwerk als Winzer oder Winsticher, wie man hierzuland sagt, kann ich auch mit einem halbsteifen Arm besorgen. Lang mach' ich's freilich nimmer; ich verpachte meine Reben; es paßt mir nicht mehr recht, man wird alt. A propos wollen Sie meinen Keller sehen, Herr Hauptmann?«

»Sehen Sie, jetzt werden Sie warm, Herr Kriegskamerad! Da braucht man also nur auf den Knopf Fröschweiler zu drücken — was? Nu sagen Se mal, ist's denn wirklich wahr, daß ihr Elsässer wieder französisch werden wollt? Sprechen Sie mal frisch von der Leber weg! Ich las da neulich, der Maire eines von den Franzosen besetzten Dorfes im Sundgau hätte beim Empfang Poincarés vor Rührung geweint —«

Bieler lachte.

»Oh lala, Plän' von Paris! Wissen Sie, wie das G'schichtel passiert ist? Der Maire hat kein Französisch gekonnt, da hat seine Frau zu ihm gesagt: Dummer Kaib, du fängst an zu weinen — und richtig: ›Monsieur le Président‹, hat er hinausgeschmettert — so viel hat er nämlich behalten von der Rede, als er den Präsidenten empfangen sollte — dann ist er stecken geblieben, hat's Nastuch herausgezogen und erbärmlich geweint. Und der Präsident hat ihn umarmt: ›Embrassez-moi, Monsieur le maire!‹ und die Pariser Zeitungsleut' han Purzelbaum g'schlagen über den gerührten Maire! Aber sehen Sie, so sind die Franzosen! Sie machen aus allem e comédie

Der Hauptmann stimmte schallend in Bielers Lachen ein und fuhr dann in seiner etwas gönnerhaft-jovialen Tonart fort: »Aber von den Schwoben wollt ihr auch nicht viel wissen, was? Nu geben Sie mal Ihrem Herzen einen Stoß und sprechen Sie deutsch heraus: was ist denn eigentlich für euch eingesessene Elsässer, für euch widerspenstige, bockbeinige und doch wieder urgemütliche Alemannen ein Schwob? Ihr habt ja selber einmal zum Herzogtum Schwaben und Alemannien gehört! Ihr seid ja selber dickköpfige Schwaben! Also los!«

»Soll ich Ihnen emol e G'schichtel verzählen?«

»Immer los!«

»Unser junger Lehrer — er ist leider bei Ypern gefallen — hat einmal in der Dorfschule seine kleinen Kneckes gefragt: Kinder, was ist denn ein Schwob? Da hebt einer den Finger und sagt: Ein Schwob, das ist einer, der als sagt: ›geh' mal weg da!‹ Sehen Sie, das ist für uns Elsässer ein Schwob!«

Die Worte »geh' mal weg da« hatte der Winzer in schneidigstem Kasernenton hinausgedonnert. Der Hauptmann prustete vor Lachen und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. »In Ihnen steckt ja ein tadelloser Feldwebel, Herr Bieler! Na, 's ist aber auch manchmal ganz verdammt nötig, euch Elsässer anzuschnauzen. Lieber den farnesischen Stier zum Rekruten drillen!«

Der Horizont drohte sich zu verfinstern; das Gespräch wurde heikel. Papa Bieler beeilte sich, seine Einladung auf das allerfreundlichste zu wiederholen. Und beide wanderten miteinander in den weitläufigen Keller.


An demselben Tage bat Arnold seinen Sohn um eine Unterredung.

Gustav sah ihn erstaunt an. Vater und Sohn, beide lang und schmal, feldgrau der Junge, dunkel der andre, wanderten wie Schatten im großen Zimmer auf und ab.

»Sieh, Gustav,« begann der Vater mit bewegter Stimme und gütigem Ernst, »wir zwei gehen immer umeinander herum, und unsere Herzen kommen nicht zusammen. Soll ich denn das Trauerspiel, das ich einst mit deiner Mutter erlebt habe, nun auch mit dir auskosten? Du kannst doch das gewiß nicht wollen.«

Gustav wußte nicht recht, worauf der Vater anspielte. Er brachte die einleitenden Worte mit dem neulichen Abend in irgendeine unbestimmte Beziehung.

»Ich habe«, fuhr Arnold fort, »nach dem Besuche des thüringischen Freiherrn eine schwere Nacht durchgemacht. Dieser Mann hat meine Gedankenkräfte aufgewühlt. Ich bin mir vollends bewußt geworden, daß ich auf einem toten Punkt sitze. Wir alle drei sind auf einem toten Punkt, du und Fanny und ich. Wir müssen uns neu beleben und erwärmen, sonst geht unser Seelenleben zugrunde. Am besten wär's, wir wanderten aus, in ein Land, wo man große Gedanken und ein reines Herz ungestört auswirken kann. Hier im Elsaß ist das unmöglich. Hier ist zu viel Haß.«

»Aber wohin?« warf Gustav müd' und schmerzlich ein. »Ist die moderne Welt nicht überall gleich herzlos?«

»Was geht uns die moderne Welt an, Gustav! Hindert sie uns drei, wenigstens untereinander herzlich zu sein? Geben wir einander wirklich, was wir uns geben könnten? Diese Frage habe ich mir neulich in bittrer Nacht vorgelegt. Und ich bin bei dieser Prüfung erschrocken, wie wenig wir uns gegenseitig vor seelischer Einsamkeit schützen. Du hast Fanny durch dein Benehmen tief gekränkt, als sie dich einlud, dem Spiel des Hauptmanns zuzuhören« — —

»Das war eine Verwechslung, Papa«, beeilte sich Gustav zu versichern.

»Hast du ihr das gesagt? Hast du um Verzeihung gebeten? Nein. Vielmehr verspinnst du dich erst recht in deine Einsamkeit und erwartest, daß wir, immer nur wir dich wieder herausbetteln. Doch wie es in uns aussieht, das kümmert dich nicht. Grenzenlose Ichsucht, Gustav! Doch ich will nicht schelten. Ich möchte dich nur vor dem Irrweg deiner Mutter bewahren. Immer war sie die Gekränkte; immer suchte sie die Ursache ihres inneren Unfriedens in der Umgebung. Nie wird jemand erfahren, wie ich unter ihren Launen gelitten habe. Und wenn sie mich mit pfeilspitzen Worten aufs tiefste verwundet hatte — ins Schlafzimmer, Tür hinter sich zu, eingeriegelt! Genau wie du! War der Anfall dann vorüber, so weinte sie und schlich beschämt wieder heraus. Ich blieb über Menschenkraft rücksichtsvoll; doch etwas in mir erstarb. Ungern sag' ich das alles; denn es ist ja auch für mich immerdar eine Beschämung, daß ich da nicht helfen konnte. Sie glaubte sich als Elsässerin in Heidelberg verkannt und verfolgt; weil sie Verwandte in Frankreich hatte — oder was weiß ich weshalb! Aber hier im Elsaß hielt sie's auch nicht aus. Unser altes Grenzlandschicksal: Hans im Schnakenloch! Spürte sie den kommenden Weltkrieg? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß Mangel an Liebe und Mangel an Vertrauen tatsächlich die Wurzeln aller Friedlosigkeit sind.«

»Das liegt so in der ganzen Zeit«, bemerkte Gustav. »Eiskalt alles! Was soll man tun, Papa? Weißt du einen Rat? Ich weiß keinen!«

»Abschütteln die Zeit! Bist du einverstanden, wenn wir drei eine Art Trutzbund gegen die Zeit schließen? Wir wandern in eine kleine Universitätsstadt aus, du, Fanny und ich. Ein Mülhauser Fabrikant will mir schon lang mein Gut Windbühl abkaufen; das bringt ein paar Hunderttausend. Du heiratest Fanny, baust deinen Doktor, tust dich als Privatdozent auf. Unser Geld reicht. Ein Kandidat wartet auch schon auf meine Pfarrei Lützelbronn« — —

»Und das Elsaß?« unterbrach Gustav erregt. »Unser Elsaß im Stich lassen, Papa?«

»Wichtiger sind mir mein Sohn und seine Braut, jawohl, Gustav! Ich bin Ketzer genug, das zu sagen. Ihr geht mir hier an den Verhältnissen zugrunde. Und dann das Entscheidende, lieber Junge: seit dem bulgarischen Zusammenbruch müssen wir mit Deutschlands Niederlage rechnen. Dann aber wird hier aus allen Ritzen Gesinnungslumperei den einziehenden Franzosen entgegenkriechen. Dann kann der Arbeiter für etliche Sous seinen Liter Rotwein trinken und sein Weißbrot essen, schwingt also nach so langem Hunger begeistert die Trikolore und hat, was er will. Das machen wir nicht mit, Gustav. Wir halten zu dem tapfer erliegenden Deutschland.«

Gustav schritt lebhaft hin und her. Stand es schon so weit mit der deutschen Westmark?

»Das Elsaß im Stich lassen, Papa?!«

»Hätt' ich einen entscheidenden Berufsposten, der für Religion, Sprache, Sitten wichtig wäre, glaub' mir, Gustav, ich bliebe, ich kämpfte! Aber —«

»Erwin wollte einen Elsaß-Bund gründen —«

»Erwin — das ist etwas anderes. Ja, das soll er tun! Erwin ist jung und spannkräftig. Der beißt es durch. Ja, diese neuelsässische Jugend soll hier deutsche Art und Sprache wachhalten, was auch kommen mag. Aber nicht du, nicht Fanny und nicht mehr ich. Euch beiden will ich leben, meine Kinder, und zwar in reiner Luft! Hier ist Luzifer zu mächtig; hier kann Christi Reich jetzt nicht aufgebaut werden.«

Und Arnold deutete an, daß sich ihm durch den Freiherrn von Stein eine wertvolle Beziehung zu dessen nahem Freunde, dem Oberstleutnant von Trotzendorff in Straßburg, eröffnet habe. Das seien deutsche Menschen, denen das Herz auf dem rechten Fleck sitze. Er werde alles Nötige in die Wege leiten.

So sprachen sie mehr als eine Stunde lang.

Gustav wurde immer wärmer und ging mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit auf seines Vaters Pläne ein. Die Herzen fanden sich. Vater und Sohn schüttelten sich die Hände. Jetzt spürte der Junge, wie tief der Vater sich um ihn sorgte, derart sorgte, daß er auch das heißgeliebte Elsaß zu verlassen willens war, um nur seinen Kindern in reiner Lebensluft Führer zu sein. Noch nie waren sich die beiden so nahe gekommen. Gustavs Krankheitsgefühl war verflogen; die Aussicht, aus all der dumpfen Enge herauszukommen, hatte ihn umgewandelt.

»Und nun will ich dir etwas vorschlagen, Gustav«, schloß der gleichfalls belebte Pfarrer und legte dem Jungen beide Hände auf die Schultern. »Jetzt läufst du stracks zu Fanny hinüber und sagst ihr einige recht, recht gute Worte, gel? Sie ist ja ein so liebes, ein so grundvornehmes Geschöpf! Man kann ihr ja gar nicht genug dankbar sein, wie sie all das Schwere hell und heiter trägt. Ach, Gustav, eine so lebendig liebe Menschenseele ist mehr wert als alle Politik Europas!«

»Du hast recht, Vater! Ich danke dir für diese Stunde. Du glaubst nicht, wie mir diese Aussprache gut getan hat! Ich bin ein ganz neuer Mensch. Und jetzt geh' ich zu Fanny.«

»Setzt gleich den Hochzeitstag fest!« rief ihm der Vater nach.

Der feldgraue Unteroffizier eilte stürmischen Schrittes davon.

Und Arnold schritt noch lange in seinem Zimmer auf und ab, glühend bewegt. Er hatte einen Sturmangriff auf seines Sohnes Herz gewagt; und der Sturm war gelungen.

»Menschen gewinnen« — das waren die Gedanken, die ihn durchgluteten — »Herzen in Flammen versetzen, damit sie zu Entschlüssen fähig werden! Ich verstehe den Flammenspender von Golgatha nun auf neue Weise: er hat Wolken hinweggerissen, die uns von der Sonne der Liebe getrennt haben; nun kann die göttliche Wärme wieder herein. Ach, was war ihm das ganze riesige Römerreich mit seiner Weltpolitik! Schattengebilde! Aber die unsterblichen Seelen, die er dem Reich Gottes gewann, die waren ihm alles. Das ist der Sinn der Kreuzigung: wir sind der äußeren Welt gekreuzigt, doch um so funkelnder lebt, liebt, leuchtet das Herz, das ewig ist, das aus dem Kosmos kommt und den schattenhaft dahinrollenden Planeten samt Geburt und Tod sieghaft überdauert« ...

Er nahm den Hut und ging auf Krankenbesuche.


»Fort vom Elsaß?«

Das waren Fannys erste freudig-bange Worte, als Gustav seines Vaters Vorschlag stürmisch vor der Geliebten ausschüttete. Den Vater im Stich lassen, in fremde Umwelt auswandern, in die ungewisse Ferne — und zwar bald, in wenigen Wochen?! Ihr schoß es heiß in beide Schläfen. Und doch! Und doch war es mehr Glück als Bangigkeit.

Denn wie angenehm verändert war Gustav!

Beide junge Menschenkinder waren allein in der Wohnstube. Unter ihnen, im Keller, probten und tranken der Hausherr und sein Gast. Salome hatte im Garten zu tun; Schauli und sein Schwiegersohn Stürli pochten an den Fässern im Schuppen rüstig herum, denn die Weinlese nahte heran. Es war bedeckter Himmel und ging bereits dem frühen Abend zu.

Der Braut schlug das Herz bis an den Hals hinan vor Freuden über Gustavs zuversichtliche Sprechweise.

»Ja, fort vom Elsaß, Fanny! Wir ersticken hier. Wir müssen in reine Luft. Papa hat recht. Nur diese sogenannte elsässische Frage ist meine Krankheit — und weiter gar nichts. Wenn ich von hier ganz weg bin, wirst sehen, dann bin ich sofort kerngesund! Das sind ja doch alles nur politische Kleingeister hier, die uns seit Jahrzehnten die Kehle zugeschnürt haben mit ihrer tückischen Französelei. Die haben uns verbittert und vergiftet. Gehst du mit, Fanny? Papa schickt mich geradewegs zu dir herüber, ich soll dich fragen: wir alle drei wollen zusammengehen! Was sagst du dazu?«

Die kleine Fanny schlug mit Kraft beide Arme um den langen Geliebten, überselig in ihrem liebevollen Herzen. Und innig sprach sie zu ihm die Worte der Ruth:

»Wo du hingehst, da will ich auch hingehen!«

Mit stürmischer Nervosität umarmte Gustav das holde Geschöpfchen, neigte sich zu ihr, und sie küßten sich glühend. Fanny konnte sich kaum von dem lang entbehrten Munde trennen. »Lieber, lieber, lieber Gustav« — so stammelte, so küßte sie — »du weißt ja, wie ich dich lieb habe! Ich gehe mit dir bis ans Ende der Welt!«

Er tastete nach dem Stuhl, setzte sich und zog die Geliebte auf den Schoß; sie behielt die Arme um seinen Hals, als wollte sie ihn nie mehr loslassen. Es war eine Liebesstunde, glühender als je zuvor; denn Freiheit und Erfüllung schienen nahe wie noch nie.

»Ja, Fanny, ja, das weiß ich, daß du mit mir gehst bis ans Ende der Welt! Und wenn der Stall hier rein ist, dann kommen wir zurück, vollgesogen mit deutscher Kultur und erwärmt durch viele Freundschaften. Ja, dann kommen wir zurück in die Heimat und arbeiten an der elsässischen Volksseele! Aber nicht mit Paragraphen, sondern von innen heraus!«

»Ach, hast du mich denn noch e bissele lieb, sag' doch, mein Gustav? Ach sag' doch, sag' doch! Ich hab' dich ja so lieb, so lieb! Ach, was liegt mir denn am Elsaß und an der ganzen Welt — ich babbel hochditsch und chinesisch und hottentottisch, was du willst — awer lieb han soll mich min Gustav, gel?!«

»Liebe Fanny, keinen Spaß machen! Mir ist mein Vaterland heilig, und Deutschlands Not ist groß« — —

»Ich mach' auch gar keinen Spaß, Liebster, will dich ja nur e bissel zum Lachen bringen! Gelt, bist wieder ganz mein? Gelt, hast mich wieder ganz arg lieb?«

Sie suchte nach den innigsten, eindringlichsten Worten und Kosenamen.

»Von Kind an hab' ich dich lieb, ja Fanny, ja, du gutes, heißes Herz! Nur dich von Kind an! Und wenn ich eingesperrt oben in meiner Dachkammer g'sessen bin, hab' ich dich erst recht lieb gehabt, Fanny, unter heimlichen Tränen lieb! Weißt noch, wie ich zu dir g'sprungen bin über die Gartenmauer? Fanny, ich muß dich ja um Verzeihung bitten, Liebste, ich hab' da neulich so dumme Sachen von dir gedacht, wie der Hauptmann da g'sin isch — es sin d'Nerve, nur d'Nerve, ich mein's nit so« — —

»Red' nit davon, Gustav! Ach weißt denn noch, wie wir als oben im Wald hinter den Rosenhecken g'sessen sin? Und du hast mir ein Kränzel gemacht aus Heckenrosen, weißt noch? Und jetzt darf ich bald 's Kränzel aufsetzen« —

»'s Myrtenkränzel, ja, Fanny! Kriegstrauung! Papa hat mich direkt beauftragt: wir sollen den Tag festsetzen. Deine Ausstattung ist ja fix und fertig; und dein Vater will sich schon lang ins Diakonissenhaus zu seinem Freund Sorgius zurückziehen und das Haus dem Stürli verpachten; und Tante Sophie geht zu ihrer Schwester nach Pfalzburg — das haben wir ja hundertmal besprochen. Und jetzt wird's Wahrheit! Fanny, dann schaffen wir zusammen. Du tippst mir auf der Schreibmaschine meine Arbeiten ab und« —

»Ja, Gustav, ja, und weißt, was ich in diesen Tagen schon immer tu'? Ich sitz' oben und — aber sag's keinem Menschen, gel, ja nicht! — und schreib' deines Vaters Handschriften ab. Er weiß es selber nicht, Lisy und ich haben die Papiere gemaust. Und zu Weihnachten leg' ich sie ihm unter den Tannenbaum!«

»Ach, Fanny, Fanny, neben all deiner Arbeit?! Du goldiges, kleines Fannjele du!«

Sie saßen in trautester Umarmung. Das Abendlicht schimmerte durch verschleierndes Gewölk noch einmal herüber. Die Ebereschen im Hofe mit ihren glutroten Beeren schienen aufzuleuchten. Und die Braut flüsterte ihrem Geliebten zu, nach dem Innigsten suchend, was sie ihm sagen könnte:

»Gustav, ich bet' jede Nacht zum lieben Gott, er soll dich g'sund machen. Wenn ich deine Frau bin — dann gibt's nimmer so viel Tränen auf der Welt. Ach, ich weiß ja allein, wie mein Papa heimlich unter alledem leidet. Und er versteckt's vor allen und macht ein freundlich G'sicht. Gustav, wir wollen uns recht lieb haben, gelt! Arg lieb! Doppelt so lieb als alle andren Menschen. Es ist ja so viel Haß in der Welt.«

Tränen stiegen ihr in die lieben Augen. Er küßte die Tränen fort. Und von den Augen suchte sein Mund weiter Wangen und Lippen der Braut. Sie vergaßen die ganze Welt.

In diesem Augenblick geschah etwas Furchtbares.

An die folgenden Minuten erinnerte sich nachher niemand mehr genau.

Eine schnarrende Stimme dröhnte plötzlich in diese süßeste aller Stunden: »Reizend! Ei, ei! Ein Idyll mitten im Kriege! Hübsch! Reizend!«

Der Hauptmann war eingetreten; hinter ihm Bieler, der den Unseligen vergeblich abzuhalten suchte. Jener hatte Fannys Stimme vernommen, schon bereit, ins Auto zu steigen, und war seiner Witterung gefolgt, in angetrunkenem Zustande nicht mehr abzulenken.

»Herr Hauptmann,« stotterte der Winzer, »es ist halt — Sie müssen exküsieren« —

»Einquartierung im Dorf, versteh' schon, Herr Bieler! Bitte Platz zu behalten, meine Herrschaften! Ich ziehe mich verschämt wieder zurück!«

Das Liebespaar war so erstarrt, daß Fanny zwar mit einem Ruck von Gustavs Knien abgesprungen war. Aber sie stand noch in naher Umarmung, gleichsam ängstlich den Geliebten umschlingend.

»Was denken Sie denn von mir?!« sprühte sie jetzt empört heraus.

»Nur was ich sehe, schönes Kind!« scholl es zurück. »Ist mir aber scheußlich interessant, dies pikante tête-à-tête

Jetzt ermannte sich Gustav und sprang auf.

»Herr Hauptmann — mein Name ist Arnold — Unteroffizier Arnold — ich habe die Ehre, hier im Hause — Fräulein Bieler hat die Ehre — — ich habe« —

Der Ärmste stotterte und kam ins Zittern; sein Herz hämmerte; seine Nerven und Gedanken und Worte — alles ward ein Irrwischtanz — es flimmerte vor seinen Augen.

»Ja, wer hat denn nu eigentlich die Ehre?« scherzte der verärgerte Hauptmann unbarmherzig weiter. »Wenn einer ein hübsches Mädel auf dem Schoß hat, so ist das allerdings eine ganz verdammt angenehme Ehre! Und ein kolossales Vergnügen dazu. Im übrigen sammeln Sie Ihre sieben Knochen, Unteroffizier, und machen Sie wenigstens die vorschriftsmäßige Ehrenbezeugung! Mein Fräulein, ich ziehe mich zurück und überlasse Ihrem schlotternden Liebhaber das Feld« —

Jetzt war es mit Gustavs Fassung gänzlich zu Ende.

»Es ist mein Bräutigam!« rief Fanny zornig und stampfte mit dem Fuß auf.

Und Gustav außer sich vor Wut:

»Herr Hauptmann, ich bin Kandidat der Philologie, ich bin kein schlotternder Liebhaber, ich verbitte, verbitte, verbitte mir diese unverschämte Beleidigung!«

Bieler zitterte am ganzen Körper und versuchte einen Schnaps einzuschenken, was endlich gelang.

»E Schnäpsel, Herr Hauptmann! Gustav, tais-toi

»Babbe, qu'est-ce que tu fais? Dü schenksch dem Mann au' noch e Schnaps in?« rief Fanny.

Und der Hauptmann, der schon in der Türe stand: »Nu auch noch französisch?! Das fehlt gerade noch! Nur heraus mit eurem wahren Gesicht, ihr Franzosenköppe! Euch kenn' ich nun! Erst führt ihr einen ehrlichen Kerl in den Keller und macht ihn besoffen — und unterdessen sitzt die hübsche Tochter irgendeinem Unteroffizier auf dem Schoß!«

Gustav sprang mit geballter Faust auf ihn zu:

»Ich bin kein Franzosenkopf! Ich ersuche Sie, mein Eisernes Kreuz zu achten! Ich hab' an der Somme für mein Vaterland geblutet — und Sie, Sie, Sie?! Ich kenne Sie jetzt ganz genau! Mein Vater ist der Pfarrer hier im Ort — der kennt Sie, der weiß, wie Sie's da drüben im Städtchen treiben! Das ist die Sorte, die in einer Minute mehr verdirbt im Elsaß, als zehn Jahre Kulturarbeit wieder gutmachen! Eine Affenschande sind Menschen wie Sie für den deutschen Namen — eine Affenschande!«

So tobte er auf den Hauptmann ein und trieb ihn mit geballten Fäusten geradezu vor sich her. Wie es kam, daß der Betrunkene draußen fiel, war nicht zu erkennen; er hatte Besinnung genug, einige Leute von der Einquartierung, die im Dorf lag, herbeizurufen; er ließ den Unteroffizier abführen und seine Personalien feststellen, stieg dann in den Kraftwagen und fuhr mit sausendem Hirn davon an die Stätte seines Wirkens.

Hinter ihm blieb eine händeringende Braut. Und bei ihr der gänzlich verstörte Papa Bieler, der sein freundlich einladendes »Noch e Schnäpsel, Herr Hauptmann?« noch einmal gestammelt hatte — worauf er in Grimm und Schmerz Gläschen samt Inhalt in die Stube schleuderte.