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Chapter 8: Siebentes Kapitel Briefe eines Elsässers
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About This Book

An aging Alsatian pastor reflects on homeland, memory, and the ravages of war while wandering vineyard slopes and village paths. He remembers personal tragedies, including his institutionalized wife and a son returned from battle with nervous trauma, and models himself on a former pastoral exemplar as he contends with questions of belonging and cultural strife during the Great War. The narrative blends lyrical landscape description, local conversations, refugee scenes, letters and diary fragments, and episodes in Strasbourg and Heidelberg to examine regional identity, spiritual resignation, and the fraught overlap of private grief and communal upheaval.

Siebentes Kapitel
Briefe eines Elsässers

Muttersprache deutschen Klanges,
O wie hängt mein Sinn an dir!
Des Gebetes und Gesanges
Heil'ge Laute gabst du mir.
Sollt' ich deine Fülle missen,
O mich kränkte der Verlust
Wie ein Kind, das man gerissen
Von der warmen Mutterbrust.

Adolf Stöber


Im Oktober 1918.


... O Gustav, Gustav, mir ist bitter weh ums Herz! Meine Spannkraft ist ganz und gar verpufft. Herrschaft, ich werde wohl in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen! Es ist nicht mein zerschossener Fuß, nicht mein persönliches Leid — nein, nein, das ist alles nichtiges Anhängsel. Doch Deutschlands Canossagang! Wir beugen uns, wir kriechen zu Kreuz, wir küssen Wilsons Pantoffel!

Stell' dir den Briefschreiber vor! In einem niederrheinischen Lazarett, noch des Schlachtfelds Unmelodien in allen Nerven, liegt und leidet der Elsässer Erwin Ehrmann. Zornig und traurig, mit eingeschientem Fuß, von einem unhöflichen Stabsarzt behandelt, liest er in der Zeitung Deutschlands Bittgang. Und er liegt wie verhämmert, wie dumm geprügelt von Kopfnüssen des Schicksals. Dazu also hat man so bitterlich geblutet, gehungert, gefroren! Herrgott im Himmel, sind wir denn schlechter als die andren? Allwaltender, was hast du mit deinen Deutschen vor, daß du sie so erbarmungslos in die Asche wirfst?!

Innen und außen haben wir nirgends ein Genie; das ist unser Unglück. Nur den großen und schlichten Hindenburg. In der Diplomatie Stümper und Monokelschöpse, keinen Meister. Die haben unsren tapferen Soldaten diesen gigantischen Krieg gegen solche Übermacht auf den Buckel geladen wie einen überschweren Tornister. Da muß ja der zäheste Landwehrmann und Krummstiefel zusammenbrechen.

Und unser Elsaß? Nach einem Punkt in Wilsons Programm soll das sogenannte »Unrecht von 1870« wieder gutgemacht werden! Unrecht? Die ehrliche Rückeroberung zweier geraubter deutscher Provinzen? Und das Unrecht von 1681?! Reden nicht 90 Prozent von uns deutsch? Weiß der König des Mammonlandes nicht, daß wir Alemannen sind, die 1681 gewaltsam französisch gemacht wurden? Ist dies nun das Selbstbestimmungsrecht der Völker? Ist das Völkerfrieden?

Tausende von uns Elsässern haben in diesem Weltkrieg mit deutschen Kameraden gegen Frankreich und England gekämpft. Darf und kann man uns nun einfach zu französischen Untertanen umfärben, wie man Militärhosen dunkelblau färbt, um ein paar Zivilhosen draus zu schneidern? Kann man Herzen und Zungen umfärben, Gustav?

Ich lasse mich nicht umfärben. Kommen wird einst ein Tag, da wir das Elsaß zurückerobern, wenn sie's jetzt französisch machen. Nach Jena kam Leipzig. Napoleon durchbrauste Deutschland siegreich bis Tilsit — und Europa bis Moskau — und er wurde doch heruntergeholt. Auch die Stunde der Engländer kommt noch!

Ich lasse mich nicht umfärben. Inniger als je fühl' ich mich mit diesem tapfern und geduldigen Deutschland verbunden; besonders da ich hier im Lazarett einen ganz prächtigen Westfalen gefunden habe, den ich nicht nur Kameraden oder Stubengenossen, den ich Freund und Bruder nennen darf. Werde nicht eifersüchtig, Gustav, und ihr andern geliebten Gefährten! Aber mein Dirk ist mein Freund im reinsten Sinne des Wortes. Beglückwünsche mich, Gustav, und freue dich mit mir!

Seine Mutter ist Holländerin. Daher der sonderbare Vorname Dirk. Im übrigen heißt er Schütz und ist Sohn eines Arztes, der vor kurzem gestorben ist. Er selber Ingenieur oder Techniker, blond, blauäugig, gut und fromm. Es gibt ein Jugendbildnis von Albrecht Dürer, mit einer Distel oder dergleichen in der Hand, sehr ausdrucksvoll geschnittene Lippen — dem gleicht er. Reiner Charakter; war in der Berliner inneren Mission praktisch tätig und ist mit Arbeitern stromernd und missionierend im Betrieb gewesen; Wandervogel; ganz Vollendungsdrang. Und eine so stille, stille Art! Er ist viel ruhiger als ich. Ein Granatsplitter hat ihm den rechten Arm übel zerrissen; doch geht von seinem Leidenslager so wohltuende Ruhe aus, daß ich die Stunde segne, in der man mich in diese Stube zu diesen katholischen Schwestern getragen hat.

Bei uns ist noch ein Heidelberger Student, der sehr im Banne moderner Literatur befangen ist. Da las ich denn auch allerlei, las die im Nordland Geborenen Knut Hamsun, Hermann Bang, Strindberg, las die Pariser Anatole France und — ich weiß nicht, was alles! Ahasverische Unruhe dort und hier! Maskentanz! Das pendelt zwischen Gehirn und Unterleib, zwischen Verstand und Sinnlichkeit. Aber sie finden nicht den Ruhepunkt dazwischen: das Herz. So täuschen sie sich und uns mit stilistischen Reizen, Kunststücken und Einfällen über den mangelnden Mittelpunkt hinweg. Nein, nein, ich bin selber lebhaft genug und brauche nicht noch Aufpeitschung. Das ist Wirbel, aber kein Ziel, kein Ideal, kein Gott! Erst ist man von dem Mummenschanz gefesselt und von all den Einzelheiten überrascht — und immer wieder überrascht — bis man diese Überraschungen gelangweilt an die Wand wirft. Seele her! Und rote Wangen!

Dirk hat Seele; Dirk hat Mittelpunkt. Dort sind Kometen, hier ist Sonne. Ein Frommer, kein Frömmler. Schlichte, deutsche, warme Frömmigkeit, die keine Worte macht, die sich durch Ausstrahlung mitteilt. Der Herzschlag wird ruhig in seiner Nähe. Ein Blick seiner stillen Augen — ein Klang seiner tiefen, langsamen Glockenstimme — Gustav, und ich bin ganz voll Frieden. Er ist ein Choral von Bach. Ich sah niemals in so frühem Alter solche Reife. Wenn Deutschland nur ein Dutzend solcher Menschen hat, wird es nicht untergehen. Und es hat sie, mein Gustav, verlaß dich drauf, es hat sie!

Ich lasse mich nicht umfärben. Ich halte Dirks Landsleuten die Treue. Und wenn ich mit zerschossenem Knöchel oder Klumpfuß wieder in die Westmark einhinke — paß auf, Herzensfreund! Dann gründen wir erst recht den Elsaß-Bund! Dann tun wir, was uns die Französlinge vor dem Kriege gelehrt haben, nur umgekehrt: wir halten unter französischer Herrschaft deutsche Sprache und Art hoch, in einem Geheimbund herzlich und heimelig hoch, bis uns ein erstarktes Deutschland wieder zum Mutterlande zurückholt.

Leb' wohl für heute! Die schönste Stunde des hiesigen Tages naht: Dirk will mir wieder einen Brief an seine Mutter diktieren. Heil!

Dein Erwin.



Selig sind, die da Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen! Ich habe Heimweh, Fanny. Aber hab' ich denn noch eine Heimat? Wenn das Elsaß französisch wird — ist dieses Land dann noch meine Heimat?

Tagsüber bin ich tapfer, liebes Cousinchen. Doch kaum fallen mir die Augen zu, so wandert mein Geist, wandert durch mein geliebtes Elsaß. Beim Wasgenstein, wo Walther um Hildegunde gekämpft hat, und bei der Ruine Fleckenstein fang' ich an. Oben winken Ritter und Landsknechte: »Herauf zu uns, Landsmann!« Unten aber, am Fuße der Felsmassen, zwischen wilden Hecken, legt eine modern-französische Schildwache das Gewehr an: »Qui vive?« Ich streiche dann in bangem Bogen rund herum — überall diese Stahlhelme, die ich nur zu gut kenne! Also weiter — durchs Steinbachtal nach den Burgen Falkenstein und Neu-Winstein, nach dem Hanauer Weiher mit seinen Seerosen, nach Wörth und Fröschweiler, nach Reichshofen und Niederbronn, nach Lichtenberg, Dagsburg, Lützelburg und Hohbarr, nach dem Odilienberg und der Hohkönigsburg! Wie der wilde Wandrer streich' ich den Wasgenwald hinauf und hinab, hinab und hinauf die ganze Nacht — und finde nirgends Obdach!

Fanny, ich bin deutscher Lehrer, Wandersmann und Schneeschuhläufer, ich habe meine Kinder für die Natur und für deutsches Lied, deutsche Kunst, deutsches Dichten und Denken begeistert. Jetzt wollen Wildschweine in meinen Weinberg brechen und alles verwüsten. Denk' ich ans Münster, denk' ich an unsren Sängersaal, wo ich so oft im Männergesangverein mitgesungen, so schießen mir die Tränen in die Augen. Du fühlst das nicht so nach, Fanny, unsereins aber geht daran zugrunde.

Das heißt — zugrunde? Nein, Cousinchen, den Gefallen tun wir ihnen nicht! Ich stelle mich vielmehr auf Kampf ein. Wie das zu geschehen hat, weiß ich noch nicht, aber ich weiß, daß es geschieht. Du fühlst meinen Seelenzustand nicht nach, geliebte Fanny, verzeih, daß ich's wiederhole! Denn deine Erziehung im Pensionat zu Nancy und eure französischen Brocken im elsässischen Gespräch haben deinem Vaterhause, trotz Onkel Arnolds Nachbarschaft, einen andren Ton gegeben. Mir nicht. Und das ist neben den sämtlichen neunundneunzig herrlichen Dingen, die ich an dir liebe, der einzige Schatten. Aber der Schatten wird nun riesengroß. Verzeih, mein Frohmacherle von einst, mein Freudenbringerle, daß ich das offen ausspreche!

Ich hab' Heimweh, Fanny. Ich möchte in irgend etwas, in irgend jemandem ausruhen. Immerzu war ja Krieg, immerzu Haß! Schon als Kind hab' ich die Mutter, als Knabe den Vater verloren. So sehr ich meine zwei Schwestern liebe — ich weiß nicht — ich hab' halt Heimweh.

Mein Fuß heilt, mein Herz nicht. Behalt lieb

Deinen Erwin.



... Aus deinem Briefe bin ich nicht recht klug geworden, lieber Gustav. Krach gehabt mit einem Hauptmann? Was für ein Hauptmann? Einquartierung oder Etappe oder Garnison? Einerlei. Daß du dich deiner Haut gewehrt — wacker! Im übrigen, lieber Gustav, was für ein Schauspiel! Wir sind eingekeilt zwischen zwei Völkern. Von Frankreich vergewaltigt — von Deutschland angeschnauzt! Wohin soll man auswandern?

Ich will dir etwas Schönes erzählen. Dirks Schwester ist jetzt hier in der Stadt und besucht jeden Tag ihren Bruder. Wie soll ich sie schildern? Sie ist sein Ebenbild. So etwas Goldblondes hab' ich in meinem Leben nicht gesehen. Das gibt's nur noch im Märchen. Hertha ist ein rechtes liebes deutsches Mädchen — das sagt alles. Sie ist jünger als Dirk, doch ebenso stiller Art wie er, und voll Mütterlichkeit. Wandervogel auch sie. Hat gestern ihre Laute mitgebracht und uns Lieder vorgesungen. Ach, diese alten deutschen Lieder im »Zupfgeigenhansl«, vom rosigsten Munde der Welt gesungen! Die »Königskinder« klingen in ihrer niederdeutschen Mundart ganz anders:

»Et wassen twe Künigeskinner,
De hedden enanner so lef« —

— so ungefähr. Und zum Anbeten schön ihre Marienlieder:

»Ufm Berge, da geht der Wind,
Da wiegt die Maria ihr Kind
Mit ihrer schlohengelweißen Hand,
Sie hat dazu kein Wiegenband.
Ach Joseph, lieber Joseph mein,
Ach hilf mir wiegen mein Kindelein« — —

Von Gott wurde mir diese Dirkschwester gesandt, Herzensfreund, denn ich wäre schwermütig geworden trotz Dirk. Herthas Augen sind ein deutscher Waldsee bei blauem Himmel; und ihre Stimme — du brauchst nur einen Buchstaben zu ändern: Waldfee. Nicht stark, gar keine besondere Stimme, sogar ziemlich leise, aber melodisch und seelenvoll und so jungfräulich rein. Alles Leid schwindet, man wird wunschlos, wenn diese Waldfee im blauen Gewand, goldne Zöpfe rund um den Kopf gebunden, auf Dirks Bettrand sitzt. Um den Hals hat sie ein Muschelkettchen, das ovale Gesichtchen ist von rosiger Farbe; sie ist ziemlich groß, doch von schmalem Brustbau, nicht so voll und fest wie unsre kleine Fanny und auch viel ruhiger und bedachtsamer in allen Bewegungen. Schweigend sitzen die beiden holden Geschwister manchmal da, Hand in Hand, und sehen sich nur innig an; oder sie erzählen halblaut von zu Hause, von der Mutter. Wie haben sie ihre Mutter lieb! Gustav, daß du und ich ohne Mutter aufgewachsen sind! Dirks Mutter hat eine grippenkranke junge Schwester zu pflegen, sonst wäre die Witwe selber aus ihrer westfälischen Heide hergereist.

Mir wird jetzt erst bewußt, wenn ich in dieses Mädchens Augen schaue, was für Tiefe in dem einen Worte steckt: deutsches Gemüt. Laß dir von einem solchen lieblichen Wesen nach all den Kriegsscheußlichkeiten unsre alten deutschen Lieder halblaut singen, schwermütiger Herzensfreund, und du weißt, was ich meine.

Mit diesen Menschen möcht' ich wohl gern Weihnachten feiern — ich würde weinen vor Glück!

Gustav, wir Heimatlosen grüßen einander. In inniger Freundschaft

Dein Erwin.



Mein lieber, verehrter Onkel Arnold!

Hier hab' ich zwei Adelsmenschen kennen gelernt, einen Kriegskameraden und seine Schwester. Wollt' ich nicht einen Bund der Edelsassen gründen? Hier hab' ich zwei Edelinge gefunden. Gustav wird dir davon erzählt haben. Die Spiegel dieser Blauaugen sind für mich Mimirs Quell geworden: ich habe Weisheit getrunken. Und noch viel mehr. Das sind Herzen, aus denen Licht und Wärme der Ewigkeit quillt!

Onkel Arnold, ich habe leider sehr viel Christen gesehen, die keine Christen sind. Ich wäre irre geworden an der christlichen Religion, ja, ich wäre wohl aus der Kirche ausgetreten; denn lieblose Gesichter im Bunde mit biblischen Redensarten sind mir das Widerwärtigste auf Gottes Erdboden. Da kamen Dirk und seine Schwester. Die haben mir die christlichen Formen in unaufdringlicher Art wieder verklärt. Ihnen könnt' ich den Kopf wieder vertrauensvoll an die Schulter legen und in Glück und Dankbarkeit einschlafen wie das Kind an der Mutterbrust. Der Krieg hat mich arg mitgenommen. Ich brauche Liebe, keine Redensarten.

Sieh, Onkel Arnold, nicht nur daß man uns das Elsaß nehmen will, tut mir so weh; aber daß so viel gemeine Gehässigkeit mit diesem Raub verbunden ist. Was sind denn jener Kolmarer Priester und die andren alle schon vor dem Kriege anders gewesen als Diener des Hasses? Sie höhnten, schimpften und schürten gegen angebliche deutsche Unterdrückung — oh, laßt aber einmal sie und ihre Franzosen ins Land kommen! Da wird man Drangsalierung erleben!

Ich wäre irre geworden an der ganzen Menschheit, wenn ich nicht Dirk und Hertha gefunden hätte. Die aber hab' ich lieb. Ihr Dogma ist mir gleichgültig: ich hab' sie lieb, denn sie sind gut. Gutsein ist Christentum.

Nun weicht es wie Nebel von meinen Augen und zieht wie Sonne ein. Nicht das Hirn erlöst, nur das Herz. Hirn ohne Herz ist des Teufels. Gut sein, Onkel Arnold, lieb haben! Habt ihr mich nicht oft genug den immer verliebten Erwin genannt? Gott sei Dank, daß ich's war! Ich will's bleiben bis an mein seliges Ende — und will im Himmel erst recht lieben.

Daß ich hier im Lazarett, sitzend, den verbundenen Fuß auf einem Schemel, einen Vortrag über das Elsaß gehalten habe — mit Erstaunen merk' ich, daß es mir jetzt erst einfällt. Und ich spüre auf einmal, daß mir etwas anderes anfängt, wichtiger zu werden: eben die Herzensgüte, die wahre Liebe. Ich war noch bis gestern entschlossen, im Elsaß den Kampf aufzunehmen. Ob ich aber in ein gehässiges Elsaß zurückkehre und ob mir ein Land der Verhetzung noch Heimat sein und Sauerstoff für die Seele liefern kann — wahrhaftig, ich weiß es nicht. Ich will wohnen, wo Dirk und Hertha leben und lieben — —

Und sieh, Onkel Arnold, in diesem Zusammenhange hab' ich mir auch über dich, Gustav und Fanny Gedanken gemacht. Es liegt ein Bann über euch, verzeih, wenn ich das ausspreche! Ich seh' euch aus der Ferne mit neuen Augen an. Nicht daß ich euch etwa weniger liebte, o nein! Nur mein' ich oft, das Beste in dir hätte sich in andrer als der elsässischen Luft viel mehr entfalten können. Und Gustav weint ja erst recht nach innen. Da versteh' ich nun plötzlich eure geplante Auswanderung. Es ist nicht die örtliche Veränderung an sich, es ist das Aufsuchen einer reineren Luft. Ja, jetzt versteh' ich das. Und ich spreche die Bitte aus: nehmt mich mit — und nehmt auch Dirk und Hertha in euren Bund auf!

Und noch eins! Da schoß es mir heut' in den Kopf: soll das Elsaß vielleicht Opfer für uns sein? Sollen wir äußerlich heimatlos werden, um dafür von dem gerechten Weltenlenker eine seelische Heimat der Liebe einzutauschen? Mein väterlicher Freund, dann will ich das Opfer mit Dank und Wehmut bringen, will meine elsässische Heimat, an der meine ganze Seele hängt, nie mehr schauen — dafür aber eintreten in das Land der Liebe.

Sei in herzlicher Verehrung gegrüßt!

Dein Erwin.



Arnolds Antwort


Mit herzlichem Dank, mein guter Erwin, bestätige ich den Empfang deines Briefes. Du bist auf rechtem Wege, den bevorstehenden Verlust unserer engeren Heimat — denn wir werden Elsaß-Lothringen verlieren — durch Vergeistigung zu überwinden. Bring' das Opfer, lieber junger Freund, bring' es freudig! Gott hat dir dafür dort zwei wertvolle Menschen geschenkt. Du siehst, daß du aus der unsichtbaren Welt geschützt und geleitet bist. Vertraue dieser Leitung!

Der peinliche, ja angesichts der großen und schweren Zeit doppelt widerliche Vorfall mit dem Hauptmann, wovon dir Gustav geschrieben hat, wird sich hoffentlich schadlos beilegen lassen. Morgen erwartet uns in Straßburg zu einer persönlichen Aussprache der hierin bestimmende Oberstleutnant; er ist mit dem thüringischen Baron befreundet, der uns neulich hier besucht hat. In seinem Schreiben nimmt er in liebenswürdiger Weise auf Gustavs Zustand Rücksicht und bittet nur Bieler und mich nach Straßburg. Fanny soll mitkommen und sich zur Verfügung halten, falls die Sache sich verwickelt; doch hofft er, alles in der Stille abzumachen. Daß man sich überhaupt in solcher Zeit mit solchen niedrigen Dingen auch nur einen Augenblick befassen muß, nicht wahr, lieber Erwin! Siehst du, das ist unser Elsaß.

Doch noch etwas Gutschönes, etwas Schlichtmenschliches muß ich dir erzählen, mein Lieber. Im Gespräch mit jenem Baron von Stein wies ich neulich auf meine mannigfachen Arbeiten und Aufsätze hin, die ich seit meinen Heidelberger Jahren in meinem Schreibtisch verschließe. Gesprächsweise hatte ich wohl einmal Lisy oder Fanny davon Erwähnung getan. Kurz, nach einer schweren Nacht suchte ich danach, aus einem Grunde, der weiter nicht hieher gehört. Ich suche — und finde nicht. Zunächst geh' ich an meine Tagesarbeit, suche dann aber wieder und ziehe endlich Lisy zu Rate. Diese wird rot, verlegen, weicht aus. Tags darauf, mit dem lang erwarteten Brief des Oberstleutnants Trotzendorff, der uns nach Straßburg bestellt, zu Fanny eilend — was entdecke ich? Das liebe Kind sitzt an der Schreibmaschine und schreibt mir schon seit Tagen heimlich meine Handschriften ab, oft halbe Nächte über der Arbeit verwachend! Du kennst ihre holdselige, kindliche Art, wenn sie bei solchen anmutigen Streichen ertappt wird. Ich habe nach einer Gewohnheit aus älteren übermütigen Zeiten sie wieder einmal wie ein Kind auf die Arme genommen und ihr von Herzen gedankt.

Gott nimmt uns die Heimat, lieber Erwin, aber er schenkt uns Menschen.

Behalt lieb deinen väterlichen Freund

J. F. Arnold.