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Chapter 9: Achtes Kapitel Ein Tag in Straßburg
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About This Book

An aging Alsatian pastor reflects on homeland, memory, and the ravages of war while wandering vineyard slopes and village paths. He remembers personal tragedies, including his institutionalized wife and a son returned from battle with nervous trauma, and models himself on a former pastoral exemplar as he contends with questions of belonging and cultural strife during the Great War. The narrative blends lyrical landscape description, local conversations, refugee scenes, letters and diary fragments, and episodes in Strasbourg and Heidelberg to examine regional identity, spiritual resignation, and the fraught overlap of private grief and communal upheaval.

Achtes Kapitel
Ein Tag in Straßburg

Zu Straßburg, ja zu Straßburg
Soldaten müssen sein ...

Volkslied


Oberstleutnant von Trotzendorff saß in seinem Straßburger Amtszimmer.

Eine schmucklose Stube zu ebener Erde, ein großer Tisch in der Mitte, Aktenschränke und einige Stühle — das war seine Arbeitswelt. Vor den vergitterten und geschlossenen Fenstern ging die Lebensbewegung der Blauwolkengasse schattenhaft hin und her. Über der Stadt Straßburg lastete eine lauernde und dumpfe Stimmung.

Die deutsche Westfront wich langsam, wenn auch unzerbrochen zurück. Jedoch von hinten her nagte Zersetzung. Siegfriedstellung hieß unsre festeste Linie im Westen. In der Tat: Hagen bereitete sich vor, Siegfried in den Rücken zu stoßen. Und hart, ja hochmütig klang über den Ozean herüber Wilsons Antwort auf das deutsche Friedensangebot. Die Französlinge im Elsaß rieben die Hände. Eine triumphierende Tücke war auf manchen Gesichtern der Straßburger unverkennbar; und oft genug steckte man die Köpfe zusammen und tuschelte. Doch eisern hielt die Kriegsmaschine vorerst noch die Haßgesinnung unter Zwang ...

Trotzendorff hatte den Stuhl zur Seite gedreht. Sein Ellenbogen lag auf dem Tisch; die Hand spielte mit dem sehr großen Blaustift. Äußerlich beherrscht, pflegte er die innere Erregung nur durch das Spiel der Hand zu verraten. In gewohnter Weise saß er kerzengerade, breitschultrig, gut gebaut, immer Soldat. Die graue Litewka mit dem Rosakragen des Generalstäblers saß tadellos. Die buschigen Brauen gaben dem ehrlichen Gesicht Ernst und Strenge, ungemildert durch das graue, knapp geschorene Haar und den kurzen grauen Schnurrbart.

So saß der Preuße im Gespräch mit dem ungefähr gleichaltrigen elsässischen Pfarrer Johann Friedrich Arnold.

Des Pfarrers schwarzgekleidete Gestalt war in der Tiefe des Zimmers vom Fenster her beleuchtet. Er hatte die Hände auf die Krücke seines Schirmes gestützt und hielt zugleich den Zylinderhut. Da er auch dunkle Lederhandschuhe trug, hob sich das ziemlich bleiche, lange Gesicht scharf ab von dem farblosen Ton der Hinterwand.

Zwei tiefernste Männer saßen einander gegenüber.

Sonst klingen um diese Herbstzeit Straßburger Glocken wehmutschön durch die alte Nebelstadt. Besonders die metallenen Stimmen des hohen Münsters haben ihren eigenen Klangzauber. Doch die Töne des Himmels waren im Laufe des Weltkriegs gleichsam eingefroren; aus Besorgnis vor Fliegergefahr hatte man das Geläute eingeschränkt; und viele Glocken waren in Kanonen umgegossen. Nun herrschten nur die nüchternen Geräusche der Straße, gelegentlich scharf unterbrochen vom grellen Geklingel einer elektrischen Bahn.

»Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer, daß sich unsre Zusammenkunft um einige Tage verzögert hat«, sprach Trotzendorff. »Die Gegenseite hat den Vorfall aufgebauscht. Aber ich hoffe die Sache möglichst geräuschlos niederzuschlagen. Den Herrn — wie heißt er doch gleich? — Ihren Nachbarn Huber oder Bieler und ebenso den Hauptmann habe ich auf eine halbe Stunde später bestellt. Es lag mir daran, zuvor mit Ihnen allein zu sprechen, Herr Pfarrer. Wir haben übrigens zwei gemeinsame Bekannte.«

»Zwei?« erwiderte der Pfarrer. »Das sollte mich zwar freuen, aber — ich weiß nicht —«

»Da ist zunächst Baron von Stein, der Sie neulich besucht hat. Sie haben sich ja angefreundet, wie ich höre. Sechs Jahre sind es wohl her, da haben meine Frau und ich mit diesem Freunde Frankreich bereist, die Provence, bis hinaus nach Lourdes, wo es mir freilich zu mittelalterlich geworden ist. Ingo war damals ein wenig Schwärmer, wir nannten ihn Spielmann. Hört er gute Musik, so ist er auch heute noch derselbe und nicht mehr zu halten. Diesem Zuge seines Wesens verdankt er Ihre Bekanntschaft — und verdank' ich Ihren Brief und Besuch. Sie sehen, wie wunderlich unser himmlischer Generalstab seine Menschen lenkt.«

»Ich habe meinerseits«, schob hier Arnold höflich ein, »zu danken, daß ich bei Ihrer übermäßigen Arbeit — —«

»Freilich übermäßige und nicht erfreuliche Arbeit,« warf der Offizier ein, fuhr aber nach einem Blick über den Tisch sogleich fort: »Dann haben wir aber noch einen zweiten gemeinsamen Freund. Dort habe ich zuerst von Ihnen gehört. Entsinnen Sie sich des Professors Lobsann in Heidelberg und seiner prächtigen Frau Cäcilie?«

»Ach, was Sie sagen!« Der Pfarrer blitzte ordentlich empor. Die Amtsstube verklärte sich. Er schaute Goethes Lieblingsplatz am Heidelberger Schloß; er schaute den schön geschwungenen Neckar; er betrat eine nahe Villa und lauschte dem Gesang der damals blutjungen, eben aus der Schweiz nach Heidelberg vermählten Gattin eines seiner Universitätsfreunde. »Mein lieber alter Freund Lobsann! Einer der wenigen, der sehr wenigen, die mich mit Tränen in den Augen scheiden sahen — damals!«

»Ich weiß«, nickte Trotzendorff. »Lobsann hat mir's erzählt. Meine Frau ist mit Frau Cäcilie befreundet.«

Im Nu waren die beiden Männer in Erinnerungen an Heidelberg ausgeflogen und lustwandelten ein Weilchen in studentischen Fernen. Sie hatten im Jahre 1886 die großzügige Festfeier der Hochschule miterlebt.

»Ein unvergeßliches Fest!« rief der Pfarrer. »Nicht nur das Schloß in seiner bengalischen Beleuchtung, nicht nur der glühende Neckar — mehr noch der Geist des Ganzen, die überschäumende Festfreude in jenen vier, fünf Tagen. Es ist dabei merkwürdig, wie man auf solchen Hintergründen Einzelheiten behält. So kann ich z. B. nie vergessen, wie ein Kind, ein kleiner blonder Lockenkopf, in der festlichen Menschenmasse unter die Pferde einer vorüberfahrenden Kutsche geriet —«

»Sahen Sie das auch?« Trotzendorff ward lebhaft. »Und haben Sie gesehen, daß einige Studenten und Offiziere den Pferden in die Zügel sprangen? Nun, darunter war auch ich. Da haben wir also damals in derselben Straße Schulter an Schulter gestanden, Herr Pfarrer, und vielleicht gar miteinander gesprochen! Vorzüglich!«

»Lieber Gott, und in wie andrer Stimmung!«

Der Pfarrer seufzte. Man war wieder in der Gegenwart.

»Sie haben wohl inzwischen meinen ausführlichen Bericht gelesen, Herr Oberstleutnant?«

Trotzendorff nickte.

»Genau gelesen. Mit Wehmut gelesen. Ja, ich kann wohl sagen: mit Ergriffenheit. Ich bin schon einige Zeit hier in der Verwaltung und arbeite täglich bis zum Umfallen. Aber Sie haben in diesem Bericht aus dem besonderen Fall soviel Allgemeingültiges herausgeschlagen, daß ich Ihnen dankbar bin. Ich habe die Elsässer dadurch besser verstehen gelernt. Manches, was für unsern preußischen Ordnungssinn sachliche Verfügung ist, wirkt auf diese Leute wie bösartige Absicht. Und sie pflegen das dann unter dem Fremdwort ›Schikane‹ anzufeinden. Das tut mir recht leid.«

»Diese Bemerkung in Ihrem Munde freut mich«, versetzte der Pfarrer. »Unsereins kommt mit Volk wie mit Regierung gleicherweise in Fühlung. Wieviel Bitterkeit müssen wir da allerdings bekämpfen! Es steht leider nicht gut um die deutsche Sache im Elsaß, das muß ich offen sagen. Das Kriegsgebiet spürt den Krieg doppelt. Und da wird von der politisch unreifen Bevölkerung gewohnheitsmäßig sofort der deutschen Regierung in die Schuhe geschoben, was doch Gebot der Zeit überhaupt ist. So verwirrt und verdummt ist unsre Volksseele. An allem Übel in der Welt sind nun einmal die Deutschen schuld. Was soll man gegen diese Seuche anfangen?«

Der Pfarrer war erregt geworden. Er fuhr, da Trotzendorff nach seiner Art schweigend gradaus blickte, sogleich fort:

»Aus meiner Eingabe haben Sie ungefähr die Welt kennen gelernt, in der ich selber lebe. Nehmen Sie zur Musik und Orgelkunst, die mir teuer sind, noch etwa Plato und das Neue Testament, Kant und Schleiermacher hinzu, so haben Sie meinen geistigen Bezirk. Und in dieser Luft habe ich auch meinen einzigen Sohn erzogen, also in gut deutscher Geisteskultur. Sie können daraus ermessen, wie mich der neuliche Fall verletzen mußte, mich, den deutschgesinnten Elsässer. Und so erzog ich zum Teil auch seine Braut, die Tochter dieses unglückseligen Bieler, der dort in Lützelbronn ein großes Weingut trotz aller Kränklichkeit recht schön imstande hält. Das Mädchen ist ganz herrlich veranlagt. Aber die Politik, natürlich, hat unser harmonisches Bildungsideal beträchtlich gestört. Und mein Junge hat leider von seiner Mutter her ein zartes Nervengeflecht, von mir selbst aber ein nicht allzu starkes Herz. Lassen Sie nun diese Menschen unter den so schwierigen Verhältnissen mit einer derben Natur zusammenstoßen — — nun, und es läßt sich denken, daß es Scherben gibt.«

Trotzendorff schaute vor sich hin und nickte nachdenklich:

»Ja, ja, ich bin vollkommen im Bilde.«

Und der Pfarrer, der im Zuge war, setzte seine Herzensentlastung fort:

»Schauen Sie nur hinaus: was ist das für ein drückender Nebeltag! Ist es nicht, als ob alle Menschen dieses Landes wie Schatten und Gespenster ihrer Vergangenheit umherschlichen? Das Elsaß hat heimliche Melodien, hat wundervolle Herzen — aber sie können nicht los, nicht heraus und haben alle Freudigkeit verloren. Denn es gibt doch schließlich auch einen freudigen Trotz, wenn er einer guten Sache dient. Aber die elsässische Sache ist nicht gut, sie macht ihre französelnden Vertreter tückisch oder zum mindesten zweideutig. Das ist unsre Lage. Die ersten Kriegswochen — ein hinreißendes deutsches Aufjauchzen bis zum letzten Eckensteher! Nach und nach freilich kam wieder der Nebel. Doch im Herzensgrunde haben unsre edelsten Elsässer eine ganz besonders tiefe Sehnsucht nach schön gestimmtem Leben voll Gastlichkeit und Brüderlichkeit. Pöbel gibt's natürlich überall. Ich spreche von der Minderheit der edlen Seelen. Und zu den Edlen rechne ich, das darf ich mit Vaterstolz aussprechen, auch meinen Sohn. Er ist weich, und jetzt nervenleidend, aber nicht weichlich. Eine gewisse Gedämpftheit paßt übrigens in unsre elsässische Wesensart.«

Hier konnte sich Trotzendorff die Bemerkung nicht versagen: »Na, wir Norddeutschen möchten denn doch dem Elsässer manchmal mehr Härte wünschen. Der Vogesensandstein ist zu weich; er verwittert leicht, wie Ihr Münster beweist, das man ja kaum ohne Baugerüst sieht.«

»Bitte: wir haben auch Granit«, erwiderte der Pfarrer lächelnd.

»Wie dem auch sei,« lenkte der Oberstleutnant ab, »ich war in jungen Jahren hier, bin aber erschrocken, wie sich später die geistige Luft verändert hat. Sagen Sie mir, wie ist denn das gekommen? Hat das mit der Einkreisungspolitik eingesetzt?«

»Planmäßig von Frankreich aus geschürt«, bestätigte der Pfarrer. »Und von der Regierung nicht mit Geschick bekämpft. Sehen Sie, da ist mein Sohn in bitterste Tragik geraten. Der Bruder seiner Braut war einst sein Schulfreund. Dann, als Student, geriet jener junge Bieler in den sogenannten Cercle des étudiants —«

»Aha! Eine höchst gehässige Sippschaft. Wir haben hier die Liste seiner sämtlichen Mitglieder. Das war ja ein ganz gefährlicher Geheimbund! Unbegreiflich, daß die Regierung diese Französelei geduldet hat! Ich habe die Akten durchgesehen: das war schon im Frieden längst kein Frieden mehr. Das war ja wie der Mord in Serajewo, der den Krieg eingeleitet hat: das war ein planmäßiges Töten des deutschvölkischen Empfindens.«

»Weshalb man das geduldet hat? Weil Freisinn und Zentrum sofort der Regierung in den Rücken fielen, sobald sie im Interesse nationaler Würde Ordnung schaffen wollte. So wurde die Regierung unsicher. Aber die Unterminierung ging weiter. Jedenfalls haben wir das Elsaß innerlich nicht erobert, wir Deutschen, leider, leider! Mein Sohn holte sich das Eiserne Kreuz, aber der junge Bieler — und manch andrer noch — brannte nach Frankreich durch. Elsässer beide! Und nun bringen Sie das unter einen Hut!«

»Und der alte Bieler?« fragte Trotzendorff.

»Der alte schwache Bieler rückt ratlos sein Käppchen von einem Ohr aufs andre. Und Fanny, die Braut, steht zwischen Bruder und Bräutigam in peinvollem Zwiespalt.«

Wieder ein Nicken: »Echt elsässisch!«

»Aber der Krieg klärt. Und so entscheidet sich's jetzt auch im Hause Bieler — das heißt: es hätte sich zugunsten Deutschlands auch dort entschieden, trotz alledem, wenn jetzt nicht das fatale Friedensangebot und Wilsons Antwort uns wiederum ins Unsichere zurückwürfen. Wie denken Sie denn, Herr Oberstleutnant, über die Lage?«

Der Pfarrer richtete den Blick fragend auf den Offizier. Dieser wandte mit kurzem Ruck den Kopf, an Schweigen gewöhnt, und schaute aus dem Fenster. Es entstand eine ernste, fast düstere Pause, so daß Arnold selbst wieder das Wort nahm und seinen Besorgnissen Ausdruck gab.

Plötzlich begann Trotzendorff selbst seine angestaute Bitterkeit zu enthüllen: »Sie betrachten als vertraulich, was ich Ihnen sage, Herr Pfarrer. Wir sind innerlich zersetzt. Wer und was uns zersetzt hat, das ist eine Frage für sich. Tatsache ist: die Heimat fällt der Front in den Rücken. Wir könnten noch aushalten, wenn im eignen Lande nicht der Feind nagte. In den ersten Jahren hatte der Generalstab mit preußischer Willenskraft das Ganze fest in der Hand. Aber die Helden liegen unter dem Rasen, die Händler sitzen in den Klubsesseln! Das ist die sogenannte Demokratie!«

Es klang kurz, scharf, bissig. Dann fuhr er mit zornig erhobener Stimme fort:

»Aber glauben Sie nicht, daß ich damit jenen Hauptmann entschuldige! Ihnen darf ich sagen: das ist jenes Zerrbild von Deutschtum, das auch mir, dem Altpreußen, ganz verflucht auf die Nerven fällt und das aus dem deutschen Wesen raus muß.«

»Sehr richtig! Das uns verhaßt macht im In- und Ausland!« stimmte der Elsässer kräftig bei.

»Das weder Zucht noch Innerlichkeit kennt«, fuhr der Preuße fort.

»Das in Gasthöfen mit Kellnern umspringt wie mit Lakaien des achtzehnten Jahrhunderts«, klang es vom Pfarrer her.

»Das sich abends den Bauch voll Bier pumpt und um Mitternacht Türen schmettert«, bestätigte der andre.

»Das laute, schnarrende Deutschland, das die innere Stimme betäubt!«

»Das seelenlose Deutschland der Wucherer, Kriegsgewinnler und Etappenschweine!«

So sprang es hin und her zwischen dem Altpreußen und dem Altelsässer. Und hier erhoben sich beide. Trotzendorff streckte die Hand aus und schlug in seines Besuchers Hand: »Wir verstehen uns, Herr Pfarrer!«

»Ich danke Ihnen, Herr Oberstleutnant!«

Der Pfarrer verbeugte sich leicht und nahm wieder Platz.

Dann wiederholte er seine Frage und formte sie genauer:

»Nehmen Sie mir die Sorge vom Herzen, soweit Ihnen der Dienst Offenheit gestattet! Was für Aussichten hat das deutsche Friedensangebot? Wie steht's um unser Elsaß?«

Der Oberstleutnant war sogar innerhalb seiner Familie in Dienstsachen von peinlicher Verschwiegenheit. Er hatte darin, wie in seinem ganzen Wesen überhaupt, etwas Starres. Jetzt sah er sein Gegenüber eine Weile scharf und schweigend an; der Blaustift pochte auf die Papiere. Endlich sagte er langsam: »Es würde Freund Lobsann und seine Frau gewiß freuen, wenn Sie wieder Fühlung mit ihm nehmen würden. Sein oberes Stockwerk steht leer. Sollten Sie einmal« — und er betonte nun jedes Wort — »in die Lage kommen, sich aus dem Elsaß zurückzuziehen, so würden Sie dort gewiß schöne deutsche Gastfreundschaft finden.«

Weiter sagte er nichts. Er schaute nur dem Pfarrer ernst und unverwandt in die Augen. Und der Pfarrer verstand ...

Arnold senkte den Kopf, hob ihn dann wieder und fragte: »So brauchen wir auch über den Offenen Brief an Wilson, den ich Ihnen entwurfsweise mitsandte, heut' abend in unsrer deutsch-elsässischen Gesellschaft nicht zu beraten? Hat er noch Zweck?«

»Das sind Dinge, die mich amtlich nicht kümmern dürfen. Wenn Sie mich persönlich fragten, so würde ich etwa sagen: Einige rosenrote Politiker wagen noch an die Möglichkeit eines Pufferstaates oder dergleichen zu glauben. Ich nicht. Haben Sie übrigens Dank für die freundliche Übermittlung!«

Und er legte das Schriftstück, einen von Arnold entworfenen Brief an den Präsidenten Wilson, wieder in des Verfassers Hand zurück.

Jetzt meldete ein Unteroffizier unmittelbar hintereinander den Winzer Bieler und den Hauptmann.

Trotzendorff war wieder ganz Soldat und Beamter. Die Rücksprache wurde knapp und sachlich. Papa Bieler fand nach anfänglicher Verlegenheit seinen unbefangenen Ton, ja einen schlichten Freimut.

»Herr Oberstleutnant,« sprach er treuherzig, »daß ich's nur gradheraus sag': mich trifft viel Schuld, mich trifft die allermeist' Schuld. Ich hab' die Dummheit gemacht, Herr Oberstleutnant, ich hätt' den Herrn Hauptmann nicht in den Keller führen sollen. Mehr brauch' ich nicht zu sagen.«

»Ihr Keller spielt dabei allerdings eine verhängnisvolle Rolle.«

»Herr Oberstleutnant, ich bin ein einfacher Bürgersmann und ein alter Soldat von Anno siebzig. Hand uffs Herz, Herr Oberstleutnant: ich für mein' Person hab' nie agitiert gegen die Rejierung, aber ich steh' halt von wegen meinem Sohn auf der schwarzen Liste. Soll ich's dann in solchem Fall mit dem Herrn Hauptmann verderben? Man wird charakterlos, Herr Oberstleutnant, ich sag's und g'steh's ganz offen: man wird ein schwacher Charakter.«

»Danke, Herr Bieler. Angenehm für Ihren Ruf ist die Geschichte freilich nicht.«

Trotzendorff wandte sich zum Hauptmann; seine Stimme hatte äußerst kalten Klang, wenn auch der Unwille beherrscht war: »Die Sache ist für mich bereits geklärt. Ich bedaure, daß wir mit solchen Dingen in solchem Augenblick unsre Zeit verlieren mußten. Es ist kein Grund zu einem gerichtlichen Einschreiten. Ich möchte nur in Gegenwart dieser Herren von Ihnen hören: was ist es mit der deutschfeindlichen Gesinnung, deren sich angeblich alle, auch der Unteroffizier Arnold, schuldig gemacht haben?«

»Durchaus, Herr Oberstleutnant, durchaus!«

Ungeduldig klopfte der Blaustift.

»Was heißt das: durchaus? Wollen Sie sich nicht freundlichst etwas genauer ausdrücken?«

»Gestatten mir Herr Oberstleutnant, daß ich von einer Tatsache ausgehe, die hier entscheidend ins Gewicht fällt.«

»Die wäre?«

»Bei den ersten Kämpfen im Oberelsaß wurde bekanntlich aus den Häusern geschossen —«

»Na, na, was haben denn diese peinlichen Dinge hier zu tun?«

»Wenn ich mir gestatten darf, Herr Oberstleutnant: mein bester Freund wurde dabei erschossen, infam, aus dem Hinterhalt. Also von Einwohnern dieses Landes.«

Unwillig warf Trotzendorff den Bleistift hin.

»Wie können Sie so was behaupten, wenn Sie keine genauen Beweise haben?! Ist das einwandfrei festgestellt? Sie wissen doch, daß französische Soldaten bürgerliche Kleider im Rucksack hatten. Und daß allerlei bedauerliche Mißverständnisse und Aufregungen vorgekommen, wie sie bei der ungeheuren Erregung erster Kriegswochen leider nicht zu vermeiden sind. Wir wollen lieber auf diesem Wege nicht fortfahren, Herr Hauptmann. Die Elsässer leiden ohnedies genug unter dem Verhalten einzelner Landsleute. Ich habe selbst sehr viele Elsässer kennen gelernt, die sich äußerst tapfer gehalten haben. Also gut, ich lasse Ihre Meinung insofern gelten: sie erklärt Ihr Vorurteil. Waren Sie schon früher im Lande?«

»Niemals, Herr Oberstleutnant.«

»Nun ja. Aber jetzt die Gegenfrage: Wenn Ihnen dieses Haus Bieler als — wie sagen Sie in Ihrer Eingabe? — als ›Brutstätte deutschfeindlicher Gesinnung‹ verhaßt war, weshalb ließen Sie sich dennoch im Keller bewirten? — Sie schweigen. Auch eine Antwort.«

»Allerdings — immerhin — ich — wie gesagt, ich will meine menschlichen Schwächen nicht entschuldigen, Herr Oberstleutnant. Aber die Tatsache, daß alle drei Beteiligten in französischer Sprache auf mich eindrangen — —«

Des Hauptmanns Stimme war wieder scharf und nasal geworden.

»Das stimmt nicht!« rief Bieler.

»Unmöglich!« fiel auch der Pfarrer ein. »In meinem Hause wurde nie französisch gesprochen.«

»Kurz, ich fühlte mich plötzlich unter lauter Feinden.«

Bieler bekam Mut.

»Ich bin der Meinung, Herr Hauptmann, Ihr einziger Feind sind nicht wir drei gewesen — excusieren Sie mich —, sondern vielmehr der Rappoltsweiler Riesling von Anno neunzehnhundertundelf. Und daß im Pfarrhaus immer nur elsässisch oder hochdeutsch gesprochen wird, das kann ich bezeugen.«

»Können Sie das auch von Ihrem Hause behaupten?« fiel der Hauptmann ein.

Aber der Pfarrer sprang zu Hilfe.

»Das Haus Bieler zu begreifen, muß man sich lang und liebevoll mit dem Elsaß beschäftigt haben, Herr Hauptmann.«

Dem Oberstleutnant waren Wolffsche Depeschen gebracht worden, die er während dieser Hin- und Herreden durchblätterte. Dann stellte er noch einige kurze Fragen und beendete die Unterredung. Alle erhoben sich.

»Herr Oberstleutnant,« sagte Bieler, als er sich verabschiedete, und der gebeugte Mann in seinem langen Sonntagsrock war nicht ohne Würde, »sehen Sie, ich hab' dazumal Frankreich gedient und hab' meiner Regierung Treue gehalten, wie sich's für einen Ehrenmann schickt. Aber mein Sohn hat seiner Regierung keine Treue gehalten. Das ist mein heimlicher Kummer, ihr Herren. Andre Eltern verlieren ihren Sohn draußen im Krieg; ich hab' halt meinen Sohn auf dem Schlachtfeld der elsässischen Ehre verloren.«

Trotzendorff reichte dem Alten die Hand. Und in seinem festen Händedruck war Wärme.

»Gehen Sie ruhig nach Hause, Herr Bieler! Die Sache ist erledigt.«

Die Bürger gingen. Der Hauptmann blieb noch einen Augenblick, um unter vier Augen eine kurze, aber eindrucksvolle Ansprache des Oberstleutnants in Empfang zu nehmen.


Dem Weihnachtsfeste fliegen Engel der Liebe voraus. Es sind die Engel der Überraschungen, des liebevollen Versteckspiels. Wochen hindurch ist manche Seele auf Heimlichkeiten bedacht. Schon in den langen Spätherbstabenden sitzen Mütter oder Töchter mit der unendlichen Geduld der Frauen über irgendeiner Arbeit und sticken, stricken, nähen oder malen, um zum Feste der Liebe mit einem erfreuenden Geschenk unter den Weihnachtsbaum zu treten. Nur die Absicht des Freudemachens ist mit solchen heimlich vorbereiteten Gaben verbunden. Und so ist um die nahende Wintersonnenwende viel Herzlichkeit in der Lufthülle des Erdballs wirksam.

An jenem Tage, als Arnold und der Winzer bei Trotzendorff ihre Sache verfochten, saßen Madam Bieler und ihre Tochter Jacqueline vor einem Korb mit Stoffresten, deren farbige Fülle sich um die beiden Straßburgerinnen ausbreitete.

Langhin auf dem Stubenboden lag eine Fahnenstange. Das große Tuch war jedoch losgeschnitten; es waren die elsässischen Farben Weiß und Rot. Die Damen wühlten in ihren Vorräten, maßen und verglichen, ob sich nicht zu den beiden Farben ein gleich großes Stück Tuch finden möchte. Auch dies war eine geheimnisvolle Arbeit. Doch es sollte keine Weihnachtsüberraschung werden. Sie suchten die Farbe Blau.

Diese Suche war gar nicht so leicht. Die meisten blauen Stoffreste waren zu klein; oder der Stoff war Seide und paßte nicht zu dem übrigen Tuch. Die Damen parlierten halb elsässisch, halb französisch. Jacqueline, eine schlanke Brünette, saß zu den Füßen ihrer Mutter, die mit der Brille auf der Nasenspitze matronenhaft im Lehnstuhl thronte.

Endlich kam die Tochter auf den Einfall, sie wolle einmal zu den Schwestern Ehrmann in den Oberstock hinauflaufen und sich nach Stoff erkundigen. Aber die Mutter hatte Bedenken. Wenn nun die zwei Mamselle Ehrmann fragen würden, was sie mit dem Tuch anfangen wolle, was sollte man denn da antworten?

»Tu sais, maman,« erwiderte die Tochter, »ich saa, mr welle e comédie mache, e Theaterstückel.«

Und schon war sie aufgestanden; die Mutter solle sie nur machen lassen. Und mit der niedlichen Lüge auf der Lippe verschwand die Holde nach oben.

Erwins Schwestern lebten im Oberstock des Hauses Bieler ihr stilles Dasein allbeliebt dahin. Henriette war als Lehrerin tätig und brachte das nötige Geld in den Haushalt, den Dorothee leitete. Außer ihrem Nachbarn, dem Kunstmaler Kaspar Speckel, sahen sie wenig Menschen in ihrer hohen und heimeligen Wohnung mit den vielen Bildnissen an den Wänden und den noch zahlreicheren Nippsachen auf den Altväter-Möbeln. Ein Papagei und ein Kater gehörten zum Haushalt. Manchmal kamen Kinder, lärmten ein bißchen und verschwanden wieder; manchmal auch gab es einen Altjungferntee, soweit der entbehrungsreiche Krieg solche Ausschreitungen gestattete. Sie lasen einander vor; sie spielten auch gern auf einem betagten Tafelklavier. Es war eine behagliche Stille in diesem Heim, an dem Krieg und Kriegsgeschrei fernab am Horizont vorüberzogen.

Die hochnäsige Jacqueline kam eigentlich nur dann zu ihres Vaters Mietern herauf, wenn sie etwas brauchte. Und so betrat sie auch heute nach kurzem festem Anpochen ohne viel Umstände das Stübchen der alternden Jungfrauen.

Allein sie traf es recht ungeschickt. Der Maler und Junggesell stand mitten im Zimmer, Palette und Pinsel in der Hand, in seinem beschmierten langen Graukittel. Er war auf einen Augenblick herüberspaziert und erzählte grade mit dem ihm eignen erzschalkhaften Gesichtsausdruck der Jungfer Dorothee eine Schnurre. Mitten im Wort brach er ab, verbeugte sich mit komischer Übertreibung vor Jacqueline und trat einen Schritt zurück. Aber er machte keinerlei Miene, in sein Atelier zurückzukehren. Des Hausherrn Töchterchen mit ihren zwanzig flotten Jahren war sonst nicht auf den Mund gefallen; diesmal aber verhaperte sie sich unter den Blicken dieses unausstehlichen Kasperle, wie sie ihn zu nennen pflegte, so sehr, daß sie ihre Bitte kaum zu stammeln vermochte. Und bei der harmlosen Frage Dorothees, wozu sie das Tuch brauche, verwirrte sich das Räderwerk ihres Sprachvermögens erst recht. Kasperle legte tiefsinnig die Hand an den ergrauenden Spitzbart und meinte, wenn Mamsell Jacqueline etwa ein altes Hemd opfern wolle, so würde es seinem Pinsel eine Freude sein, mit Preußischblau darüberzustreichen — aber da war Jacqueline auch schon verschwunden und hatte die kleine Tür kräftig hinter sich zugeschmettert.

Zornig kam sie wieder zu ihrer Mutter hinunter.

»Maman, do hilft halt nix, jetzt mueß doch min Unterrock dran!«

Sie erzählte kurz ihr Mißgeschick und hatte schon die Schere in der Hand. Ein hübscher blauer Unterrock wurde der Länge nach aufgeschnitten, und nun wurde geprobt. Die schwere, stattliche Frau Bieler erhob sich, spannte das blaue Tuch mit ausgebreiteten Händen vor sich hin, und Jacqueline hielt die bereits fertigen Fahnenstücke Weiß und Rot darunter. Das schönste Blau-Weiß-Rot leuchtete als ein hocherfreuliches Ergebnis in die Straßburger Stube.

Aber das Mißgeschick des Tages war noch nicht voll. Die Damen waren so sehr in ihre Arbeit vertieft, daß sie das leise Klopfen ihres ewig unbelehrbaren Mädchens vom Lande überhörten. Sofort ging auch schon die Türe auf — und plötzlich stand, ohne weiteres vom Dienstmädchen freundlich hereingeschoben, Fanny Bieler in der Stube.

Die beleibte Matrone, die mit ihrer Brille grade noch über das blaue Tuch hinübergucken konnte, war so erstarrt, daß sie noch ein Weilchen in ihrer Stellung verharrte. Jacqueline merkte in ihrem Eifer erst überhaupt nicht, daß sie Zuschauer hatte, sondern hielt von unten her Weiß und Rot ebenso beharrlich fest und rief einmal über das andere entzückt: »G'fitzt! 's isch g'fitzt! Maman, ça y est!«

Gustavs Braut durchschaute sofort den Hergang. Und in ihr Herz rann ein eisiger Strom. Sie erbleichte und stand wortlos. Dann gab es ein bestürztes Aufspringen der Tochter, dem eine übertrieben-freundliche Begrüßung folgte. Auch die Mutter ließ die Arme sinken, nahm die Hornbrille ab und gab Fanny die Hand. Danach packte sie schleunigst ein, während Jacqueline ablenkend sehr eifrig mit der Cousine plauderte, und gab der Magd Befehl, die Fahnenstange hinzubringen, wohin sie gehöre; worauf es in der Küche noch ein besonderes Donnerwetter setzte, des Inhalts: sie, das Käthel von Grafenstaden, sei nicht nur die uneinsdümmste, sondern die allerdümmste in Gottes Gänsestall.

Es kam keine rechte Unterhaltung zwischen den drei Damen in Fluß. Madam Bieler hatte gönnerhaft recht viel zu fragen; und fast alle Fragen enthielten eine kleine Spitze. Zögernd gab Fanny über die Ladung in das Gouvernement und die Begleitumstände Auskunft; Mutter und Tochter warfen sich Blicke zu. Dann wurde Tee gereicht. Fanny hatte die Empfindung, daß sie unter verlarvten Feinden sei, nicht unter Verwandten. Und als sie endlich, endlich den Vater die Treppe heraufhusten hörte, sprang sie ihm entgegen:

»Wie steht's?« Er gab beruhigende Antwort. Das gefolterte Mädchen atmete tief auf. Und nun war sie nicht mehr zu halten. Sie hatte Einkäufe zu besorgen, verabschiedete sich von den Damen und lief noch einige Augenblicke zur Jungfer Immergrün hinauf, wie sie Erwins Lieblingsschwester zu necken pflegte.

Da oben war mehr Wärme. Da gab's ein herzhaft Händeschütteln, die üblichen Wangenküsse und ein schnelles, gedrängtes, überfließendes Erzählen von Erwin und von Gustav.

Und wie unser Dasein oft mit allerliebsten Neckereien durchflochten ist, so geschah es auch hier. Fanny hatte gleichfalls ein Anliegen, das Jacquelines Bitte überraschend ähnlich sah.

»Ihr habt doch einmal mit Erwin ein so hübsches Weihnachtsspiel aufgeführt. Sag', Dorothee, habt ihr vielleicht noch die Kostüme? Ich brauche nämlich ein weißes oder blaues Frauengewand. Pfarrer Redslob, unser ehemaliger geistlicher Inspektor im Städtchen, feiert nächste Woche seinen achtzigsten Geburtstag und zugleich seine goldene Hochzeit. Du weißt, es sind so liebe, alte Leute. Da stellt man ihnen lebende Bilder. Und ich habe — es ist eine kleine geladene Gesellschaft — eine besondere Überraschung vor. Alles ganz ernst und still, wie es ja in dieser Zeit selbstverständlich ist.«

Und voll Feuer plauderte sie weiter, daß sie unter Onkel Arnolds Papieren einige »Gespräche« gefunden habe; darunter eine reizende Unterhaltung zwischen jenem Ritter, den man den »armen Heinrich« zu nennen pflegt, und dem Mädchen, das sich für ihn opfern will. Das wolle sie mit Gustav aufführen und Onkel Arnold ebenso damit überraschen wie die anderen Gäste des kleinen Kreises.

Dorothee erzählte lachend den mißglückten Versuch Jacquelines, in den Besitz eines blauen Tuches zu kommen. »Weiß der Kuckuck, wozu sie's braucht!« Fanny wußte Bescheid und fand ihre Heiterkeit wieder, als sie Speckels Vorschlag vernahm. Dann aber holte Dorothee in der Tat ein feines blaues Gewebe hervor, das sie der jungen Freundin anvertraute.

Und mit ihrem Paket lief die Kleine unter dem großen Hut in die nebligen Gassen hinaus und war heilfroh, das Haus ihrer Verwandten hinter sich und das blaue Tuch sicher im Arm zu haben.

Papa Bieler hatte das alte Bürgerhaus nur höchst ungern betreten; das Lützelbronner Gespräch mit dem Straßburger wirkte noch unangenehm in ihm nach. Aber es war ein Geschäft zum Abschluß zu bringen; sein Bruder war ihm noch Geld schuldig. Er traf im Kontor einen gutgelaunten Handlungsreisenden, der sich als Vertreter von Weil, Blum & Co. vorstellte, witzig bemerkend, seine Firma sei leicht zu behalten, man brauche nur an Blumenkohl zu denken. Und in der üblichen Straßburger Mundart, die er mit französischen Brocken spickte, fuhr dieser rundliche Blumenkohl fort, seine Späßchen zu machen, wobei er mit zwinkernden Augen den Winzer zu föppeln begann, was er denn wohl anfange, wenn man den Liter Rotwein demnächst für zehn Sous trinken werde?

Bieler antwortete erst ziemlich unbeholfen, er werde sich ohnedies bald vom Geschäft zurückziehen, und steckte seine Banknoten ein. Als aber Weil, Blum & Co. nicht abließ, wurde der alte Mann bissig. Er habe, sprach er, vorhin in der Münstergasse einen Bekannten aus dem Württembergischen getroffen, der habe ihm erzählt, daß aus seinem Städtchen von sechshundert jüdischen Wehrpflichtigen zwei Mann umgekommen seien: der eine durch Krankheit, der andre durch einen Sturz aus dem Wagen. Aber im Nachbarstädtchen seien von siebenhundertundfünfzig christlichen Wehrpflichtigen hundertundzwanzig den Heldentod gestorben, ohne die Vermißten. »Wie kommt das, he?« schloß er ingrimmig.

Der Geschäftsreisende war beleidigt, aber nicht aus der Fassung gebracht; er blinzelte ihn an, steckte beide Hände in die Hosentaschen und antwortete ganz einfach und unverfroren: »Warum sin se so dumm?«

Und Bielers Bruder nickte kühl: »Sich für die Schwowe totschießen zu lassen!«

Der ehrliche Winzer schaute hilflos von einem zum andern. Dann nahm er ohne weitere Gegenrede seinen Hut: »Bonjour, ihr Herren«, und entfernte sich.

Im Treppenhause erhielt der in sich versunkene, mißmutige Alte zunächst einen tüchtigen Stoß auf die Magengegend. 's Käthel von Grafenstaden kämpfte mit der Fahnenstange herum. Was sie denn vorhabe, fragte Bieler verdrießlich, es sei ja gar keine Fahne dran. Das schon, meinte Käthel, die recht gekränkt und ärgerlich aussah, aber man sei doch nicht so »taub«, wie d' Madam immer sage, man wisse ganz genau, daß die Herrschaften eine französische Fahne machen und daß d' Mamsell einen schönen blauen Unterrock dazu zerschnitten habe ...

»So, so, so«, summte der Weinsticher nachdenklich vor sich hin, als er seiner Wege ging. Und er bewunderte nicht wenig die Opferfreudigkeit seiner Nichte Jacqueline.


Im Oberstock eines Kaffeehauses am Broglieplatze saßen sie abends beisammen, die Mitglieder der Gesellschaft für elsässisch-deutsche Kultur. Professoren, Pfarrer und Lehrer, Beamte, Buchhändler und Kaufleute — jeder Stand war vertreten. Mit Altelsässern plauderten Altdeutsche, Eingewanderte mit Eingesessenen, alle in den Rauch ihrer Zigarren und ihrer gemeinsamen Sorgen eingehüllt, lebhaft der Erörterung hingegeben über den peinlichen Notenwechsel zwischen bittender deutscher Regierung und befehlendem amerikanischem Präsidenten.

Alle diese Elsässer erwarteten irgend eine unbestimmte Hilfe, ein befreiendes Wort, einen Eingriff der göttlichen Macht ...

Soll unser Elsaß Spielball sein zwischen zwei Nationen? Hat man uns nicht Autonomie versprochen? Darf man über uns verhandeln, ohne uns zu fragen? Das Unrecht von 1870 soll wieder gutgemacht werden? Welches Unrecht? Daß Deutschland in ehrlichem Krieg deutsches Land zurückerobert hat? Und das Unrecht von 1681? Hat nicht Ludwig der Vierzehnte in jener Septembernacht des Jahres 1681 die freie Reichsstadt Straßburg mitten im Frieden überfallen und geraubt? Weiß das Präsident Wilson nicht? Himmel, und wie hat Deutschland am Lande gearbeitet in diesen vier Jahrzehnten! Wie ist Straßburg mit seinem Rheinhafen und seiner Universität eine blühende deutsche Stadt geworden! Weiß das Wilson nicht? Wir müssen ein Telegramm an Wilson senden. Wir wollen Autonomie, wir wollen Volksabstimmung. Wir müssen hier in Straßburg eine große Volksversammlung einberufen. Schwander ist Statthalter, wir haben eine freisinnige Regierung, man kann sich nun regen und offen reden — los! ...

So schwirrten die Gespräche und verdichteten sich zu einer allgemeinen Erwartung.

Der Vorsitzende, ein vollbärtiger, schmaler, mittelgroßer Professor mit einer kahlen Denkerstirne, klopfte ans Glas. Und er sprach. Er sprach klug und gehaltvoll; er sprach scharfsinnig. So hatte er oft gesprochen; er war ein ausgezeichneter Theoretiker; aber er war keine aufrüttelnde, ansteckende oder mitreißende Kraft. Warm und schön, mit wohltuender Ruhe, sprach auch ein altelsässischer katholischer Universitätsprofessor, ein temperamentvoller Arzt, ein Gymnasiallehrer. Und alle Reden gipfelten in dem Wunsche, man möge, nach dem Vorbilde der Reichsregierung, Telegramm und Sendschreiben an den Präsidenten Wilson richten, daß Elsaß ein deutsches Land sei und ein deutsches Land bleiben wolle.

Arnold saß bei einem seiner Freunde, dem blondbärtigen Pfarrer des Diakonissenhauses, paffte Rauchkringel in die Luft und schwieg. Die Augen halb geschlossen, schaute er in die Vielzahl dieser durch Hunger und Sorgen abgemagerten Gesichter und sah sie von unzähligen fließenden und immer wechselnden Rauchschlangen umringelt, die sich mit höhnischen Fratzen über die aussichtslose Erörterung lustig machten. Die Straßburger Luft war voll von bösen Dämonen; die Geister der Revolutionszeit hatten Erlaubnis erhalten, sich ein Weilchen wieder auf der Erde umzutreiben. Hatte nicht diesem Hause gegenüber, beim Bürgermeister Dietrich, einst Rouget de l'Isle die Marseillaise gesungen? Und wenige Häuser weiter, in der Blauwolkengasse, hatten St. Just und Eulogius Schneider gehaust; und nicht weit war es zum Kleberplatz, wo einst die fahrbare Guillotine am Ostersonntag 1793 erste Blutarbeit getan hatte.

Die Dämonen von damals huschten schon lange wieder durch Straßburgs Gassen und Schenken, tuschelten, zischten, reizten den Pöbel unten und oben, die Stunde begierig erwartend, wo sie herausbrechen könnten ...

Das sah Arnold. Und es schien ihm nicht der Mühe wert, seinen Briefentwurf herauszuziehen und vorzulesen. Die gute deutsche Sache war verloren.

Plötzlich aber erscholl sein Name. Er erwachte, sah sich um und bemerkte viele Blicke auf sich gerichtet; und der Vorsitzende bat ihn, seinen Offenen Brief an Wilson vorzulesen.

Arnold erhob sich langsam. Und er sprach zu seinen aufmerksam horchenden Freunden:

»Wagen Sie denn immer noch an Gerechtigkeit und an Autonomie oder dergleichen zu glauben, meine Herren? Hoffen Sie noch immer auf einen Rechtsfrieden? Sehen noch immer nicht, daß diese Phrasen im Munde der Feinde nur Machtmittel sind, um uns und die Neutralen irre zu führen? England will uns niederknütteln — und weiter nichts; Frankreich will Elsaß-Lothringen, vielleicht das ganze linke Rheinufer, und will sich weiden an einem zusammengebrochenen Deutschland — und weiter nichts. Völkerbund? Nein, nein. Das sagen sie nur, aber das wollen sie nicht ... Weshalb aber gelingt ihnen diese unerhörte Vergewaltigung? Sie, meine Herren, sagen gewiß: weil sie mehr Kapital, Menschen, Munitionsmassen haben. Ich sage: weil sie mehr Leidenschaft haben. Ja, diese Völker haben mehr Leidenschaft, wenn auch in Formen des Hasses. Sie sind zäher Willen, gefühlbelebter Willen. Wir aber, wir Deutschen? Wir tragen das Malzeichen des Verstandes. Der verbürgt zwar Ordnung und Methode, aber er verbürgt keine schöpferische Kraft und Beharrlichkeit. Die Leute da drüben hinter den Bergen wollten etwas mit der zähen Leidenschaft eines Liebenden. Hat man sich in Altdeutschland mit ähnlicher Liebesleidenschaft um uns Elsässer gerissen? Selbst die nichtswürdigen Tschechen und Slowaken setzen nun ihren Staat durch, weil sie's mit Gefühl und Leidenschaft wollen. Was wollen wir? Wo ist unser Ideal? Uns behaupten? Das ist nur negativ, ist selbstverständlich, aber kein Ideal.«

Es ging eine unbehagliche Bewegung durch die Köpfe, die in den Rauch eingezeichnet waren. Eine solche Rede hatte man nicht erwartet. Das schmeckte nach Bußpredigt. Dieser Träumer von Lützelbronn! Da sang er also glücklich wieder sein Liedlein vom vergessenen deutschen Idealismus!

»Nennen Sie mich keinen Unheilsraben,« fuhr Arnold fort, »aber machen Sie sich bereit auf die Wanderung durch die Wüste! Deutschland muß jetzt durch die Wüste wandern, um nach Kanaan zu kommen. Es ist der alte Mysterienweg. Sie mögen sagen: das spricht ein Ästhet oder Ethiker, aber kein Politiker. Nun, ich breche auch ab. Meinen Brief an Wilson will ich Ihnen aber doch wenigstens vorlesen, wenn auch mit dickem Blaustift ein ›Zu spät‹ quer darüber geschrieben ist.«

Er las:

Offener Brief an den Präsidenten Wilson


Herr Präsident! Hinter uns stehen Tausende von freien elsässischen Männern und Frauen, die genau so denken wie wir.

Seit fast fünfzig Jahren sind wir staatlich wieder deutsch, wir Elsaß-Lothringer. Wir waren nach Art und Sprache deutsch, solange es eine deutsche Geschichte gibt: seit dem Niedergang des Römerreiches, seitdem der germanische Stamm der Alemannen und der germanische Stamm der Franken das Land am Oberrhein besiedelt haben. Also seit anderthalb Jahrtausenden! Die Sprache unseres Landes ist zu neun Zehnteln deutsch; die Namen unserer Dörfer und Städte, unserer Fluren und Flüsse, unserer Burgen und Berge sind deutsch. Es ist eine Fälschung zu sagen, daß wir ›geraubte französische Provinzen‹ seien. Das Umgekehrte ist der Fall! Wir sind deutsches Land, einst in den Reunions- und Revolutionskriegen von Frankreich dem Deutschen Reiche geraubt, dann von Deutschland im offenen Kriege des Jahres 1870 zurückerobert. Wir Elsaß-Lothringer sind also durch den Frankfurter Friedensvertrag vom 10. Mai 1871 zum deutschen Mutterlande zurückgekehrt. Das ist der Tatbestand.

Und nun wollen die Völker der Entente, nun wollen Sie, Herr Präsident, ein deutsches Land gewaltsam wieder französisch machen? Nun wollen Sie den künftigen Völkerbund mit einem Bruch des Frankfurter Friedensvertrages beginnen?

Wir Elsaß-Lothringer empfinden das nicht als Befreiung, sondern als Vergewaltigung.

Und wir protestieren dagegen im Namen der Wahrheit und der Gerechtigkeit.

Sie hatten, Herr Präsident, eine wahrhaft erhabene Sendung. Sie hatten die Aufgabe, den Völkern Europas den Frieden zu bringen. Sie haben es vorgezogen, den Feinden Deutschlands Munition zuzuführen; aber die Zufuhr von Lebensmitteln an deutsche Frauen und Kinder haben Sie nicht durchzusetzen für nötig gehalten. Eine bleiche Parade hungernder und durch Unterernährung dahingeschiedener Gestalten zieht anklagend an Ihrem Weißen Hause vorüber. Und um Deutschland vollends zu brechen, griffen Sie an der Seite unserer Feinde in den Kampf ein. Sie sind es, dem Deutschland neben innerer Zersetzung nunmehr den Zusammenbruch verdankt.

Und mit diesem Zusammenbruch unseres deutschen Vaterlandes brechen auch wir Elsaß-Lothringer zusammen. Wir sollen nun wieder hinübergeschleudert werden zu Frankreich. Wir protestieren. Wir wollen uns durch Schweigen nicht mitschuldig machen an diesem ungeheuerlichen Verbrechen. Wir halten treu zu unsrem deutschen Vaterlande. Und wir schreiben diesen Brief nicht aus irgendwelchem Haß gegen irgendwelche Nachbaren, mit denen wir vielmehr im Frieden zu leben wünschen, sondern nur im Interesse der Menschlichkeit und der Wahrheit.

Allgemeiner Beifall umwogte diesen Brief. Man trank dem Verfasser zu, man schüttelte ihm die Hände. Und sofort setzte die Erörterung ein. Es wurde vorgeschlagen, den Brief ins Englische zu übersetzen und in Tausenden von Flugblättern über den englisch-amerikanischen Truppen durch Flieger abwerfen zu lassen. Die Einberufung einer Volksversammlung in das Sängerhaus ward beschlossen; man müsse von Wilson Volksabstimmung verlangen. Der Abschnitt, der des Präsidenten unfreundliche Stellungnahme angriff, die Hungerparade, wurde beanstandet; denn dergleichen könnte verletzen. Andere jedoch riefen: »Sagt's ihm nur, denn es ist die Wahrheit!« Und so bekundete sich an diesem bewegten Abend viel guter Wille dieser treuen Söhne ihrer elsässischen Heimat und ihres deutschen Vaterlandes.

Doch die Dämonen kicherten: Zu spät! Und Arnold schied aus dem Rauch in den Nebel hinaus mit dem schmerzlichen Gefühl: die Sache der Deutsch-Elsässer ist verloren.

»Eine Handvoll Französlinge hat mit Hilfe der feindlichen Truppenmassen dieses kerndeutsche Land vergewaltigt«, schloß er ein Gespräch mit einem befreundeten Bibliothekar, der ihn nach dem Gasthofe begleitete. »Die Lüge herrscht in der Welt wie nie zuvor. Und das Gemeine lauert auch hierzulande auf den Augenblick, wo es deutsche Ordnung wie einen lästigen Tornister abwerfen und sich nach all der Kriegsspannung schamlos austoben kann. Ich spüre das. Gute Nacht, lieber Freund! Ich sah im Geiste die entflohenen elsässischen Landesverräter im Schutze französischer Soldaten wieder einmarschieren und mit einer schwarzen Liste von Haus zu Haus ziehen, ihr Werk fortsetzend: den Verrat. Halten Sie Ihr Bündel geschnürt! Wenn der Franzos einrückt, werden Ihnen die Straßburger Wackes die Fenster einwerfen!«

»Und Sie?« fragte der andre.

»Je nun, ich! Mit dem Elsaß hab' ich abgeschlossen. Ich ziehe aus und suche. Ich suche ein Deutschland, das durch den Schmerz reif wird, das an der Stirne das Malzeichen der Gottheit trägt, das sich um den Altar der Seele versammelt, wo ein Gott der Weisheit und der Liebe verehrt wird: — ein Deutschland also, das es noch nicht gibt, an dem wir aber vielleicht bauen dürfen.«


»Bist du's?«

Eine weibliche Stimme flüsterte es, als Arnold oben im Gasthof seine Zimmertüre aufschloß. Und Fanny schlüpfte aus der Türe gegenüber und huschte zu ihm herein. Es war spät. Sie hatte auf ihn gewartet.

»Ich muß dir doch noch schnell Gutenacht sagen, ich hätte ja sonst gar nicht schlafen können«, sagte sie hastig und halblaut, um die Nachbarschaft nicht zu stören. »Ich hab' heute gleich ein Telegramm an Gustav geschickt. Ach, ich bin ja so froh, so froh, daß alles gut gegangen ist!«

Eine warme Welle überrieselte den Mann, der vor ihr stand und aus dem schweren Pelzmantel lächelnd auf das leichte anmutige Wesen herabsah. Starr erschien ihm die Pflichtwelt eines Trotzendorff, schattenhaft die fruchtlosen Pläne seiner politischen Freunde — doch siehe, hier war ein lebenatmendes, der Herzensleidenschaft fähiges und nur vom Herzen aus die Welt erfassendes reines Geschöpf, das ihn kindlich lieb hatte!

»Aber, Kleine, noch auf? Schnell, schnell zu Bett! Wir wollen ja morgen ganz früh abfahren! Gutenacht, mein Seelchen!«

Zwei Wangenküsse nach gewohnter Art, eine herzliche Umarmung — und schon verschwand sie wieder lautlos, schalkhaft noch durch ihre Türspalte den Finger an den Mund legend:

»Gute Nacht!«