Das Todeslos.[9]
[9] Nach einer wahren Begebenheit, die Carlyle in seinen Letters and Speeches of Oliver Cromwell erwähnt.
M. T.
Es war zur Zeit Oliver Cromwells. Oberst Mayfar, der jüngste Offizier dieses Ranges im Heere des Protektors, war erst dreißig Jahre alt, aber trotz seiner Jugend doch ein Veteran, wetterfest und kriegsgewohnt, denn er hatte schon mit 17 Jahren seine militärische Laufbahn begonnen. In vielen Schlachten hatte er gefochten, war von Stufe zu Stufe gestiegen und hatte sich durch Verdienste im Feld nicht nur die allgemeine Achtung, in der er stand, sondern auch seine Stellung im Heere erworben. Aber jetzt bedrückte ihn große Sorge; ein Schatten war auf sein Glück gefallen.
Der Winterabend war hereingebrochen; draußen stürmte es in der Dunkelheit; drinnen ein melancholisches Schweigen. Der Oberst und sein junges Weib hatten über ihre Not und Sorge gesprochen, hatten ihr abendliches Bibelkapitel gelesen und das Abendgebet gesprochen. Jetzt blieb nichts mehr zu tun übrig, als Hand in Hand ins Feuer zu blicken und nachzudenken und – zu warten. Lange würden sie nicht zu warten haben; das wußten sie, und die Frau schauderte bei dem Gedanken.
Sie hatten ein Kind – Abby, 7 Jahre alt; es war ihr Abgott. Sie wußten, es würde sogleich zum Gute-Nacht-Kuß kommen, und der Oberst sagte:
»Trockne deine Tränen und laß uns glücklich scheinen – ihr zulieb. Wir müssen für den Augenblick vergessen, was uns bevorsteht.«
»Ja, ich will es versuchen. Ich will versuchen, ob ich den Gram in mein Herz verschließen kann, ohne daß es bricht.«
»Und wir wollen auf uns nehmen, was uns zu tragen bestimmt ist, mit Geduld, und nicht vergessen, daß alles, was Er tut, wohl getan ist und zu unserem Besten …«
»Sein Wille geschehe! Ja, ich kann es mit gläubiger Seele sprechen – ich wollte, ich könnte es auch von ganzem Herzen sagen. O, wenn ich das könnte! Aber der Gedanke, daß diese liebe Hand, die ich zum letztenmal drücke und küsse – – –«
»Still, mein Schatz, sie kommt.«
Eine kleine Gestalt mit lockigem Haar kam im Nachtkleid zur Tür herein und sprang auf den Vater zu, der das Kind an seine Brust drückte und leidenschaftlich küßte, ein, zwei, drei Mal.
»Halt, Papa, du darfst mich nicht so arg küssen; du zerzausest mir meine Haare.«
»Ach, das tut mir aber furchtbar leid; vergibst du mir, mein Liebling?«
»Ei natürlich, Papa. Aber ist’s dir wirklich leid? Tust du nicht bloß so, sondern bist du im Ernst traurig darüber?«
»Du wirst’s gleich selber sehen, Abby,« sagte der Oberst, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und tat als ob er schluchzte. Das Kind erschrak über diese tragische Wendung, die es verursacht hatte, fing selber an zu weinen, mühte sich, dem Vater die Hände von den Augen zu ziehen und rief:
»O, nicht weinen, lieber Papa! Abby hat es nicht bös gemeint; Abby will’s nie, nie wieder tun. Bitte, Papa!« Sie zog an den großen Händen und versuchte, sie auseinanderzuschieben. Dabei erspähte sie zufällig ein Auge hinter denselben und rief: »O, du böser Papa, du hast ja gar nicht geweint; du hast mir bloß ’was vorgemacht! Und Abby geht jetzt zur Mama; die behandelt Abby besser.«
Sie wollte von seinem Schoß klettern, aber ihr Vater schlang die Arme um sie und sagte: »Nein, liebes Kind, bleibe bei mir; Papa ist unartig gewesen, aber er gesteht es ein, und es tut ihm leid – komm, laß ihn deine Tränen wegküssen – und er bittet dich um Verzeihung, und will zur Strafe alles tun, was Abby sagt; so, jetzt sind sie alle weggeküßt und keine einzige Locke zerzaust – und was Abby befiehlt – –«
Sogleich trat wieder lachender Sonnenschein auf des Kindes Gesicht; es streichelte seinem Vater die Backen und nannte die Strafe: – »Eine Geschichte, eine Geschichte!«
Horch!
Die Eltern hielten den Atem an und lauschten. Schritte, kaum vernehmbar in dem Sausen des Windes, kamen näher, immer näher … wurden lauter … immer lauter, dann gingen sie vorbei und erstarben in der Ferne. Die beiden Eltern atmeten erleichtert auf, und der Vater sagte: »Also eine Geschichte? Eine lustige?«
»Nein, Papa, eine schreckliche.«
Papa versuchte, sie zu einer lustigen zu überreden, aber die Kleine bestand auf ihrem Recht, daß der Papa alles tun sollte, was sie befehlen würde. Er war ein guter puritanischer Soldat und hatte sein Wort gegeben – er sah, daß er es halten müsse. »Papa,« rief Abby, »wir müssen nicht immer lustige Geschichten haben. Meine Betty sagt, daß die Leute nicht lauter lustige Zeiten hätten. Ist das wahr, Papa? Sie sagt so.«
Die Mutter seufzte, und ihre Angst legte sich wieder schwer auf ihr Herz. Der Vater antwortete freundlich: »Ja, das ist wahr, mein Schatz. Die Sorgen bleiben nicht aus. Das ist leider so.«
»O, dann erzähle davon eine Geschichte, Papa, – eine recht schreckliche, so daß es uns allen gruselt, als ob wir es wären. Komm ganz dicht hierher, Mama, und nimm eines von Abbys Händchen. Weißt du, wenn’s dann zu schrecklich wird, können wir es leichter aushalten, wenn wir alle beieinander sitzen und du meine Hand hältst. So Papa, jetzt kannst du anfangen.«
»Nun also … es waren einmal drei Obersten …«
»O das ist fein! Ich weiß ganz gut was Obersten sind, weil du auch einer bist, und ich kenne ihren Anzug. Bitte weiter, Papa.«
»Und in einer Schlacht hatten sie sich gegen die Disziplin vergangen.«
Das fremde Wort gefiel dem Kind; voll Neugier und Staunen sah es auf und sagte:
»Ist das etwas Gutes zum Essen, Papa?«
Die Eltern lachten beinahe, und der Vater antwortete:
»Nein, Kind, das ist ganz etwas anderes. Sie überschritten ihre Befehle.«
»Ist das etwas – – –«
»Nein, das ist ebensowenig zu essen, wie das andere. Sie hatten den Befehl, in einer unglücklichen Schlacht einen Scheinangriff auf eine feste Stellung zu machen, um den Soldaten den Rückzug zu ermöglichen. Aber in ihrem Eifer überschritten sie ihre Befehle, denn sie machten einen wirklichen Angriff, nahmen die Stellung im Sturm und gewannen die Schlacht. Der Obergeneral war zwar ihres Lobes voll, aber sehr erbost über ihren Ungehorsam und schickte sie nach London, damit dort über ihr Leben vor Gericht entschieden würde.«
»Ist das er große General Cromwell, Papa?«
»Ja.«
»O, den habe ich gesehen, Papa! Wenn er so stolz auf seinem großen Pferd mit den Soldaten bei unserem Hause vorbeikommt, dann macht er ein Gesicht … so … ich weiß selbst nicht recht wie, aber er sieht aus, als ob er unzufrieden wäre, und man kann sehen, daß die Leute Angst vor ihm haben. Aber ich habe keine Angst vor ihm, denn mich hat er nicht so angesehen.«
»O du liebe kleine Plaudertasche! Also die Obersten wurden gefangen nach London gebracht und auf Ehrenwort entlassen, um ihre Familien noch zum letztenmal …«
Horch!
Sie horchten. Wieder Schritte; doch sie gingen abermals vorbei. Die Mutter lehnte ihren Kopf an des Gatten Schulter, um ihre Blässe zu verbergen.
»Sie sind heute morgen angekommen.«
Die Augen des Kindes öffneten sich weit.
»Sag’ mal, Papa, ist es denn eine wahre Geschichte?«
»Gewiß, Herzchen.«
»O, wie fein; das ist ja viel viel besser; bitte Papa, wie geht die Geschichte weiter? Ei Mama … liebe Mama, weinst du denn?«
»Komm, laß mich, Kind. Ich dachte nur an die … an die armen Familien.«
»Aber du mußt nicht weinen, liebe Mama; es wird noch alles gut werden, du wirst sehen; das ist immer so bei Geschichten. Bitte Papa, erzähle weiter, bis wo es heißt: Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende. Nicht wahr, Mama, dann weinst du nicht mehr? Papa, bitte erzähle weiter.«
»Zuerst brachte man die Gefangenen in den Tower, ehe man sie nach Hause gehen ließ.«
»Ich kenne den Tower! Wir können ihn von hier aus sehen.«
»Im Tower saß das Kriegsgericht eine Stunde lang über sie zu Gericht und fand sie schuldig. Sie wurden verurteilt, erschossen zu werden.«
»Totgeschossen, Papa?«
»Ja.«
»O wie abscheulich! Liebe Mama, du weinst ja wieder; nicht weinen Mama! Die Geschichte wird gleich an die gute Stelle kommen, du wirst schon sehen. Mach’ schnell, Papa, der Mama zulieb; du erzählst nicht schnell genug.«
»Du hast ganz recht; das kommt wohl daher, daß ich mich so oft besinnen muß.«
»Aber du mußt dich nicht besinnen Papa, du mußt immer weiter erzählen.«
»Ja, mein Kind – diese drei Obersten …«
»Kennst du sie, Papa?«
»Ja, ich kenne sie.«
»O wenn ich sie nur auch kennen würde! Ich habe alle Obersten so gern. Glaubst du, daß sie sich von mir küssen ließen?« Des Obersten Stimme zitterte ein wenig, als er antwortete:
»Einer von ihnen sicher. Komm’, küsse mich statt seiner.«
»Da Papa – – und diese zwei sind für die beiden andern. Ich glaube doch, sie würden sich von mir küssen lassen; ich würde sagen: ›Mein Papa ist auch ein Oberst, und sehr tapfer; er würde ganz ebenso gehandelt haben wie ihr, und so kann es nichts Böses sein, mögen die Leute sagen, was sie wollen. Ihr braucht euch also nicht ein kleines bißchen zu schämen‹. Dann würden sie sich küssen lassen, nicht wahr Papa?«
»Mit Freuden, das weiß Gott, mein Kind!«
»Mama! O nicht weinen, gute Mama; jetzt kommt gleich die Stelle, wo sie alle glücklich werden. Papa, bitte erzähle weiter.«
»Dann waren einige von ihnen traurig – sie alle waren es; ich meine das Kriegsgericht. Und sie gingen zum Obergeneral, und sagten, sie hätten ihre Pflicht getan, – denn weißt du, es war ihre Pflicht – und jetzt bäten sie darum, daß zwei von den Obersten begnadigt würden, und bloß einer erschossen werden sollte. Das würde genügen, um bei der Armee ein Exempel zu statuieren. Aber der Obergeneral war sehr streng und lehnte ihre Bitten ab, denn wenn sie ihre Pflicht getan und nach ihrem Gewissen gehandelt hätten, so wolle er sich seiner Pflicht auch nicht entziehen und seine Soldatenehre nicht beflecken. Sie aber erwiderten, daß sie ihn um nichts gebeten hätten, was sie nicht auch tun würden, wenn sie an seiner Stelle stünden und das hohe Vorrecht hätten, Gnade zu üben. Das machte Eindruck auf ihn, er überlegte eine Weile und die Härte wich etwas aus seinen Zügen. Dann hieß er sie warten und zog sich in sein Zimmer zurück, um sich im Gebet bei Gott Rat zu erholen. Als er wiederkam, sagte er: ›Sie sollen das Los ziehen; einer muß sterben; zwei sollen leben‹.«
»Haben sie gelost, Papa? Und welcher muß sterben? Ach, der arme Mann!«
»Nein, sie haben sich geweigert.«
»Sie wollen es nicht tun, Papa?«
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»Sie sagten, daß derjenige, welcher das Todeslos zöge, sich durch seine eigene freiwillige Handlung zum Tod verurteilte und das sei nichts anderes als Selbstmord, man möge sagen was man wolle. Sie aber seien Christen, und die Bibel verböte ihnen, sich das Leben zu nehmen. Diese Antwort schickten sie dem Obergeneral und ließen ihm sagen, sie seien bereit, man solle das Urteil des Kriegsgerichts vollstrecken.«
»Was heißt denn das, Papa?«
»Daß sie … daß sie alle erschossen werden.«
Horch!
Der Wind? Nein. Trapp – trapp – trapp – r-r-rumbledibum, r-r-rumbledibum – – –
»Im Namen des Obergenerals, macht auf!«
»Papa, sieh’ nur, es sind Soldaten! Ich habe die Soldaten so gern! Darf ich ihnen aufmachen? Bitte, bitte, Papa!«
Sie sprang herunter, lief zur Tür und machte sie auf, indem sie vergnügt rief: »Kommt nur herein, kommt nur herein! Abby macht euch auf. Hier sind sie, Papa! Grenadiere! Die Grenadiere kenn’ ich zu gut!«
Die kleine Abteilung marschierte herein und stellte sich in Linie auf, Gewehr in Arm; ihr Offizier grüßte, der verurteilte Oberst stand aufrecht da und erwiderte den Gruß, sein Weib stand neben ihm, totenbleich und mit schmerzdurchwühlten Zügen – aber sonst verriet sie durch kein Zeichen ihren trostlosen Jammer. Das Kind sah auf die Szene mit leuchtenden Augen …
Eine lange Umarmung von Vater, Mutter und Kind; dann der Befehl »zum Tower – Marsch!« Mit fester Haltung und militärischem Schritt verließ der Oberst sein Haus, gefolgt von der Abteilung. Dann schloß sich die Tür.
»O Mama, war das nicht wunderschön! Ich habe dir’s ja immer gesagt, daß die Geschichte so ausgehen würde. Und jetzt gehen sie zum Tower, und da kann er die Obersten sehen. Er – – –«
»Komm in meine Arme, du armes unschuldiges Ding! …«
Am andern Morgen war die unglückliche Mutter nicht imstande, das Bett zu verlassen. Aerzte und barmherzige Schwestern saßen bei ihr und flüsterten ab und zu miteinander; Abby durfte nicht ins Zimmer kommen; man hatte ihr gesagt, sie solle auf die Straße gehen und spielen – Mama sei sehr krank. Ganz eingepackt in dicke Wintersachen ging das Kind vors Haus und spielte eine Weile; dann kam ihr der Gedanke, es sei doch sonderbar und eigentlich unrecht, daß Papa so lange im Tower bliebe, während Mama so krank war. Sie wollte mal nach Papa sehen.
Eine Stunde später trat das Kriegsgericht vor den Obergeneral. Aufrecht, mit finsterer Miene, die Fingerknöchel auf den Tisch gestützt, stand er da und bedeutete dem Wortführer durch eine Gebärde, zu sprechen. Dieser sagte: »Wir haben sie dringend ersucht, sich die Sache noch einmal zu überlegen; wir haben sie beschworen, allein sie bleiben bei ihrer Weigerung, das Los zu ziehen. Sie sind willens, zu sterben, aber nicht die Vorschriften ihrer Religion zu übertreten.«
Der Protektor machte ein finsteres Gesicht, jedoch er schwieg. Eine Zeitlang blieb er in Gedanken versunken, dann sprach er: »Sie sollen nicht alle sterben; das Los soll für sie gezogen werden.« Die Anwesenden vernahmen es voll Dankbarkeit. »Holt sie her! Führt sie in dieses Zimmer hier! Dort sollen sie sich aufstellen. Mit dem Gesicht nach der Wand, die Hände hinter sich gekreuzt. Meldet mir, wenn sie da sind.«
Als Cromwell wieder allein war, setzte er sich und gab einem Adjutanten den Befehl: »Bringen Sie mir das nächste beste kleine Kind herein, das draußen vorbei geht!«
Kaum hatte sich die Tür hinter dem jungen Offizier geschlossen, als er auch schon wieder zurückkam, mit Abby an der Hand, auf deren Kleidern der Schnee schimmerte. Die Kleine ging ohne Scheu auf das Staatsoberhaupt zu, bei dessen bloßem Namen Fürsten und Könige zitterten; sie kletterte ihm auf den Schoß und sagte:
»Dich kenne ich; du bist der Obergeneral; ich habe dich schon gesehen, als du einmal an meinem Haus vorbeigekommen bist. Alle hatten Furcht vor dir, aber ich nicht, weil du mich nicht so bös angesehen hast. Nicht wahr, das weißt du noch! Ich hatte mein rotes Kleid an – das mit den blauen Dingern vorne. Weißt du das nicht mehr?«
Ein Lächeln ging durch die harten Züge des Protektors, und er zögerte diplomatisch mit der Antwort.
»Ja, doch … ich muß mich besinnen, … es war …«
»Ich stand gerade vor dem Haus, vor meinem Haus, weißt du.«
»Hm! … du liebes kleines Ding, es ist ja eine Schande, aber ich weiß wirklich …«
Das Kind unterbrach ihn vorwurfsvoll:
»Ach, du hast es doch vergessen. Aber ich nicht.«
»Ich schäme mich auch wirklich darüber, aber jetzt will ich dich gewiß nicht mehr vergessen, auf mein Wort. Nicht wahr, du vergibst mir, und wir wollen von jetzt an immer gute Freunde sein?«
»O, natürlich, obgleich ich nicht verstehe, wie du mich hast vergessen können. Du mußt recht vergeßlich sein, aber das bin ich auch manchmal; meine Betty hat es mir gesagt. Doch, ich verzeihe dir, denn ich glaube, du bist doch gut, ebenso gut wie … aber du mußt mich besser auf deinen Schoß setzen, und in den Arm nehmen, so wie Papa – es ist kalt.«
»Komm’, schmieg dich nur ordentlich an, du kleine neue Freundin; von jetzt ab bist du dann meine alte Freundin, nicht wahr? Du erinnerst mich an mein kleines Mädchen – jetzt ist es freilich schon lange nicht mehr klein – aber es war ein liebes, süßes, zierliches kleines Dingelchen und hatte denselben Zauberreiz wie du, du kleine Fee. Mit deinem holdseligen Vertrauen zu jedermann, ob Freund oder Fremder, machst du alle zu willigen Sklaven, auf die dein Zauberbann fällt. So wie du jetzt, lag sie auch früher in meinen Armen, vertrieb mir die Müdigkeit und Sorge aus dem Herzen und gab ihm Frieden, gerade so, wie du jetzt. Und wir zwei waren Freunde und Spielkameraden. Es ist lange, lange her, daß dieser Himmel voller Freuden für mich verschwunden ist im Dunkel der Zeit, und du bringst ihn mir jetzt wieder; – nimm dafür den Segen eines Mühseligen und Beladenen, du kleines Ding, das mir Last und Sorge für England abnimmt, dieweil ich ruhe.«
»Hast du sie arg, arg, arg gerne gehabt?«
»Das kannst du daran sehen: Sie brauchte nur zu befehlen, und ich gehorchte!«
»Du bist so gut! Willst du mich küssen?«
»Von ganzem Herzen … ich bin sogar stolz darauf. Da – der ist für dich … und der ist für sie. Du hast mich darum gebeten, und du hättest es mir befehlen können, denn du vertrittst jetzt ihre Stelle, und was du mir befiehlst, muß ich ausführen.«
Das Kind klatschte in die Hände vor Freude über diese neue Machtstellung, dann schlug ein Geräusch an ihr Ohr: der gleichmäßige Schritt marschierender Männer.
»Soldaten! Soldaten! Abby möchte sie so gerne sehen.«
»Du sollst sie sehen, mein Kind; aber warte einen Augenblick, ich habe einen Auftrag für dich.«
Ein Offizier trat ein, grüßte und sprach: »Die Verurteilten sind zur Stelle, Sir.« Dann grüßte er wieder und ging.
Das Staatsoberhaupt gab Abby drei kleine Kugeln aus Siegelwachs. Zwei davon waren weiß und eine rot; diese sollte den Oberst, der sie erhielt, zum Tod verurteilen. »O, was für eine schöne rote! Sind die alle für mich?«
»Nein, Herzchen, sie sind für andere Leute. Die Türe dort, die der Vorhang verdeckt, ist offen, gehe hindurch in das anstoßende Zimmer; dort wirst du drei Männer in einer Reihe stehen sehen, mit den Händen auf dem Rücken, – so – und jeder hält eine Hand offen, wie eine Schale. In jede von den drei offenen Händen lege eine von diesen Kugeln und komme dann zurück zu mir.«
Abby verschwand hinter dem Vorhang und der Protektor blieb allein. Er sagte mit heiliger Ehrfurcht: »In meiner Verwirrung kam mir dieser Gedanke gewiß von Ihm, der eine allgegenwärtige Hilfe ist denen, die bedrängt sind und seinen Beistand suchen. Er weiß, auf wen die Wahl fallen soll, und hat mir diesen sündenreinen Boten geschickt, damit sein Wille geschehe. Wir Menschen können irren, aber Er irret nie. Wunderbar sind Seine Wege und unergründlich Seine Weisheit … gelobet sei sein heiliger Name!«
Als die kleine Elfe den Vorhang hinter sich fallen ließ, betrachtete sie einen Augenblick mit lebhafter Neugier das Zimmer, die unbeweglichen Gestalten der Soldaten und die drei Gefangenen. Dann glitt ein Leuchten über ihr Gesicht und sie dachte bei sich: »Einer davon ist Papa; ich kenne ihn von hinten. Er soll die schönste haben!« Vergnügt lief sie hinzu und legte die Wachskugel in die offenen Hände; dann wandte sie, unter dem Arm ihres Vaters hindurchguckend, diesem ihr lachendes Gesicht zu und rief:
»Papa, Papa! Sieh’ nur, was du bekommen hast. Ich habe es dir gegeben!«
Der Oberst warf einen Blick auf die unheilvolle Gabe, sank in die Kniee und drückte, überwältigt von Liebe und Leid, die unschuldige kleine Vollstreckerin seines Todesurteils an die Brust. Soldaten, Offiziere, die beiden begnadigten Obersten, alle standen einen Augenblick wie gelähmt von der Ungeheuerlichkeit dieser Tragödie, dann aber übermannte sie die Rührung über den jammervollen Auftritt; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie schämten sich nicht zu weinen. Ein feierliches, tiefes Schweigen herrschte während der nächsten Minuten, dann ging der Offizier der Wache mit Widerstreben auf seinen Gefangenen zu, berührte ihn an der Schulter und sagte in sanftem Ton:
»So leid es mir tut, Sir … aber meine Pflicht gebietet mir.«
»Gebietet was?« fragte das Kind.
»Ich muß ihn wegführen …«
»Wegführen? Wohin denn?«
»Nach … nach … Gott stehe mir bei! … nach einem anderen Teil der Festung.«
»Aber das geht jetzt wirklich nicht. Meine Mama ist krank und ich hole ihn nach Haus.«
Sie wand sich los und kletterte ihrem Vater auf den Rücken, indem sie ihre Arme um seinen Hals schlang: »Komm, Papa, wir wollen jetzt gehen.«
»Mein ärmstes Kind, ich kann nicht. Ich muß mit ihm gehen.« Das Kind sprang zu Boden und sah verwundert um sich. Dann lief es auf den Offizier zu, stampfte mit dem kleinen Fuß ärgerlich auf den Boden und rief:
»Ich habe dir doch gesagt, daß meine Mama krank ist, und du hast es wohl gehört. Laß’ ihn gehen – du mußt!«
»Armes Kind, wollte Gott, ich könnte es, aber ich kann nicht anders, ich muß ihn wegführen. Achtung, Wache! … das Gewehr über! …«
Wie ein Blitz war Abby davongeschossen. Im nächsten Augenblick kam sie wieder, den Obergeneral an der Hand hinter sich herziehend. Bei dieser gefürchteten Erscheinung rafften sich alle zusammen, die Offiziere grüßten und die Wache salutierte.
»Befiehl du es ihnen! – Meine Mama ist krank und braucht meinen Papa; ich hab’s ihnen gesagt, aber sie hören gar nicht auf mich und wollen ihn fortführen.«
Der Obergeneral schien wie vom Schlag gerührt.
»Dein Papa, Kind? Ist das dein Papa?«
»Natürlich! Das war immer mein Papa. Würde ich wohl sonst die hübsche rote Kugel ihm und keinem andern gegeben haben, wenn ich ihn nicht so lieb hätte? Gewiß nicht!«
Bestürzung malte sich in des Protektors Zügen, und er sagte:
»Gott helfe mir! Durch des Satans Tücke habe ich das Grausamste begangen, das je ein Mensch tat – und keine Hilfe, keine Hilfe! Was soll ich, was kann ich tun?«
Ungeduldig und betrübt zugleich rief Abby: »Du kannst ihnen doch befehlen, daß sie ihn gehen lassen!« und sie begann zu schluchzen. »So sage es ihnen doch! Du hast mir versprochen, ich dürfe nur befehlen, und jetzt, das erste Mal, daß ich sage, du sollest etwas tun, tust du es doch nicht!«
Ein milder Schimmer breitete sich über das rauhe Gesicht des alten Kriegers. Er legte seine Hand auf das Haupt der kleinen Tyrannin und sprach: »Gott sei Lob und Dank für den rettenden Zufall dieses gedankenlosen Versprechens; und Heil dir, daß du, von Ihm geleitet, mich daran erinnert hast. Gottes Auge ruht auf dir, mein Kind! Wache! Gehorcht ihrem Befehl, – sie spricht durch meinen Mund. Der Gefangene ist begnadigt; gebt ihn frei!«