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Wie wir einst so glücklich waren! cover

Wie wir einst so glücklich waren!

Chapter 11: 10
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About This Book

A first-person narrator reflects on autumnal rain and deep loneliness at a rural estate, preferring bleak weather that matches their mood and awakens memories. Through detailed sensory scenes and literary allusions the narrator recalls a past summer of communal warmth and ardent admiration for a woman, then shifts to recollections of uneasy city school years, social alienation, and moral estrangement from classmates. The narrative alternates present introspection with vivid recollection, exploring themes of solitude, longing, memory's consolations, and the tension between pastoral belonging and urban isolation.

10

Nachdem wir in unsern Zimmern Gesicht und Hände erfrischt hatten, betraten wir die Veranda, um dort zu lunchen.

Nina saß am Tisch. Sie schien sich zu langweilen und benahm sich wie ein kleines Mädchen, das auf seine Mahlzeit wartet.

Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie hatte ein steifes weißes Kattunkleid an. Ihr Hals und ihre Arme waren nackt. Auf ihrer Brust trug sie eine Brillantenbrosche, an der linken Hand, der elfenbeinernen mit den langen schmalen Fingern, leuchteten vier herrliche Saphire von mildem Blau. Das kastanienbraune Haar war eine Pracht, eine Krone, ein Akkord von rauschenden, dunklen Tönen.

‚Mein Gott und dennoch, was ist denn Nina? Ein kleines Mädchen, das sich langweilt! Aber ein Mädchen, das ich liebe? Nun ja, was ist schon dabei? Viele Jungens lieben viele Mädchen. Da ist gar nichts dabei.‘

Ich fühlte mich Nina überlegen.

Ich setzte mich an den Frühstückstisch. Obwohl es sehr heiß war, hatte Nina einen Schnupfen, was mir ganz sonderbar vorkam.

Sie führte ihr Tuch an den Mund und fragte mit einer Stimme, die heute noch näselnder klang als sonst:

„Wo habt ihr denn eigentlich so lange gesteckt?“

In diesem Augenblicke wurde es mir recht deutlich, daß Nina gar nichts anderes war als eine große faule schöne Katze. Ich beugte mich spöttisch vor bis auf die Tischplatte und sagte von unten zu ihr aufblickend:

„Wir haben gearbeitet, – und Sie, was haben Sie getan?“

„Ich habe geschlafen.“

„Ah, Sie haben geschlafen ...“

„Jawohl; ich bin nämlich kein Troubadour, der wie ein Hase mit offenen Augen nachts im Felde schläft.“

Hier betrat Frau Seyderhelm die Veranda. Sie begrüßte mich sehr herzlich, schalt auf das freundlichste, daß ich die Nacht draußen zugebracht hatte, und sprach die Erwartung aus, daß ich nun doch die Ferien auf Wiesenau verleben würde.

Man frühstückte.

Es stellte sich im Lauf des Gesprächs heraus, daß Frau Seyderhelm mir am Tag nach der Gesellschaft einen Brief mit der Einladung nach Wiesenau in die Wohnung geschickt hatte, der nicht mehr in meine Hände gekommen war.

Nina begann mit einer Geschichte, die so komisch war, daß wir alle fürchterlich lachen mußten. Sie sprach lebhaft, mit vielen Gesten, erzählte vorzüglich und ward durch ihren Erfolg so angeregt, daß sich der Schnupfen zu verlieren schien.

Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd Vorwürfe, daß die Gänseleberpastete schon seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit einer kindlich hohen, liebenswürdigen Stimme:

„Ißt du Radieschen gern?“

Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die Gräfin Königsmarck heute morgen dagewesen sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin Königsmarck. Nina schien sie nicht zu lieben. Wolfgang behauptete, diese Dame röche nach wilden Tieren.

„Wolfgang, so spricht man nicht von einer Dame!“ sagte Frau Seyderhelm.

Nina jubelte und begann ohne den mindesten Zusammenhang eine Schilderung zu entwerfen, wie sie auf der Treppe meinen Ranzen gefunden und aufgemacht habe.

„Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm: er reist mit einem zerrissenen Hemde, einer Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem Werther; den Werther hat er in seine Socken gepackt!“

Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem Mal der unbezähmbare Drang, Ninas Hand, die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und der kühlen Haut, zu küssen. Ich bückte mich nach einer Serviette und berührte wie zufällig Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ es ruhig geschehen; sie tat, als habe sie nichts gespürt.

„Es war übrigens gar nicht der Werther,“ sagte ich, als ich wieder aufrecht saß. „Es war die Versuchung des Pescara.“

Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise und war von meinem Abenteuer so aufgeregt, daß ich kaum schlucken konnte.

„Oh, die Versuchung des Pescara,“ sagte Frau Seyderhelm. Und sie fing an, sich des längeren über „Huttens letzte Tage“ auszulassen.

Wolfgang zog ein gelangweiltes Gesicht und schlug Nina für den Nachmittag eine Tennispartie vor. Sobald er mit Nina sprach, war seine Stimme zart und fast unterwürfig.

Frau Seyderhelm hob die Tafel auf.

„Schreiben Sie mir später den Namen Ihrer Wirtin auf, lieber Walter,“ sagte sie. „Man soll uns Ihre Sachen nachschicken.“

Ich küßte Frau Seyderhelm die Hand und verbeugte mich vor Nina.

„Spielen Sie Tennis?“ fragte Nina.

„Ja, ein wenig.“

Sie fuhr mit ihrer Zunge zwischen den Lippen einher.

„Du reitest heute nicht mehr, Wolfgang?“

„Nein; es ist zu heiß.“

Ich spürte plötzlich den Duft von Ninas Körper. Ich sah ihren weißen Hals und erbebte.

Nina lächelte.

„Addio, meine Herren. Ich gehe in den Wald.“

„Addio.“

Wolfgang zog sich in die kühlen Räume zurück.

Ich blieb auf der Veranda und sah in den Park. Nina ging langsam die kiesbedeckte Allee entlang, blieb zuweilen stehen, betrachtete mütterlich ein Blättchen, das sie mit der kühlen Hand liebkoste, pflückte eine Rose vom Blumenbeet und befestigte sie an ihrer jugendlichen Brust. Darauf verlor sie sich – unvergleichlich ebenmäßig ausschreitend – im mittäglichen Gehölz.

Die Gutsglocke schlug ein Uhr. Malatesta, der Hofhund, dehnte sich schläfrig, beroch mißtrauisch seine Pfote und legte sich auf den Rasen. Der Diener räumte den Frühstückstisch ab.

*

Am Nachmittag lag ich irgendwo im Wald auf dem Rücken und träumte in den blauen Himmel hinein. Manchmal streichelte ich den schönen Malatesta, der mich begleitet hatte. Es war sehr heiß. Der Hund hob zeitweise den Kopf, stieß, von Wärme bedrückt, den Atem aus der Kehle, ließ die Zunge hängen und hatte feurige Augen. Mich plagten die summenden und stechenden Mücken. Ich begann unruhig und gestört zu schlafen. Böse Träume von großer Leidenschaft und überquellender Sehnsucht verfolgten mich. Ich sah, wie Nina zu mir, dem Schlafenden, trat, ihr mokantes Lächeln lächelte und mit einem Male mütterlich, mit drängenden Händen und junger weißer Brust sich neigte.

Der nahe Gong, der zum Tee rief, weckte mich auf. Die Sonne war tiefer herabgesunken; unter ihren schrägen Strahlen beruhigte sich die Welt und wurde kühl. Ein Wind ging durch die Bäume, der in den Blättern flüsterte und schluchzte. Der Hund war fortgelaufen. Ich fühlte, daß alles nutzlos sei und ich ewig einsam bleiben müsse.

*

Gegen Abend spielten wir Tennis.

Nina war biegsam, schmal in den Fesseln und schnellfüßig. Ihre Hand war sicher, der Schlag ihres Rackets ruhig.

Wolfgang, ihr Partner, war weißgekleidet, hatte den rechten Ärmel seines Hemdes aufgeschlagen und zeigte einen braungebrannten, schmalen und kräftigen Arm.

Ich gab streng auf das Spiel acht und hatte den brennenden Ehrgeiz, mich gut zu halten. Ich verlor das erste Match, trat beim Wechseln an das Netz, beglückwünschte Nina und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich liebenswürdig, legte einmal beim Gespräch ihre Hand auf meinen Arm und nannte mich Walter. Ich war rasend vor Glück, machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte meine Anstrengungen.

Mir war, als ständen Nina und Wolfgang in abendrotem Dunst und rosafarbenem Nebel. Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen als nur das Aufschlagen des Balles, das Summen des festgespannten Rackets und zeitweis ein kleiner Ausruf der Überraschung oder des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm trat ans Gitter; wir grüßten flüchtig und spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit einem Gärtner, deutete einmal mit der Hand auf ein Blumenbeet und wandte sich über unsern Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde gewahr, daß sich mein Spiel von Minute zu Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden Set gewann ich alle sechs Spiele und war somit Sieger im Match. Nina sagte uff und fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins Antlitz. Als wir uns die Hände schüttelten, sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren Augen leuchtete mir etwas Verlockendes und Gefährliches entgegen.

„Sie spielen gut,“ sagte Nina. „Reiten Sie?“

„Gewiß.“

„Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.“

„O Nina, rede keinen Unsinn, das hast du schon zehnmal gesagt. Du stehst ja doch nicht um sieben Uhr auf.“

„Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben Uhr aufstehen.“

Sie sah mich wieder mit ihren lockenden Augen an, wobei sie die Lider ein wenig zusammenzog. Mir war, als liebkosten mich die goldfarbenen seidenen Wimpern.

„Was wird Herr Regnitz für ein Pferd reiten?“

O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz!

„Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?“

„Nein, im Gegenteil.“

„Gut, du sollst die Moissi haben. Eine Rappstute, weißt du. Du bekommst den neuen Sattel, den mir Mama geschenkt hat.“

„Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte Gnade.“

O – sie sagte wieder Walter!

Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen Duft von Ninas mädchenhaftem Körper. Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein.

Der Teufel wird mir an diesem Abend wenig anhaben können. Ich habe mein Match gewonnen und morgen reite ich Moissi.

*

Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen zurück.

Wolfgang und ich, wir saßen noch eine Weile auf der Terrasse, fühlten eine angenehme Ermüdung in unsern Gliedern und tranken ein wenig Black and White mit sehr viel Sodawasser gemischt.

Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum reichbesternten Himmel empor und beobachteten die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen Eiskühler neben den Tisch und verschwand.

„Nina reitet gut,“ sagte Wolfgang. „Ich werde ihr mal morgen den ‚Sekt‘ geben. Da kann sie was erleben.“

Und dann, nach einer Weile:

„Mama hat im vergangenen Jahr viel Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du, der Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...“

„So?“

„Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer ging ein. Na, meinetwegen, mir lag nichts an ihm. Ein Wallach.“

Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch den Garten. Wir sahen dem unruhigen Licht nach.

„Komisch,“ sagte Wolfgang plötzlich, „wir kennen uns erst seit sechs Tagen.“

„Ja.“

Eine Stille.

„Du bist immer so hochmütig. Hast du was?“

„Nein. Garnichts.“

Eine Stille.

„Du mußt in den Herbstferien herkommen und hier mit uns jagen.“

„Danke. Ja.“

Mir stieg ein Gedanke auf.

„Jagt Nina auch?“

„Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar keine Angst.“

„Wie schön.“

Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem unvergleichlichen Gang der Kosakenmädchen durch den Wald schreitend, die Büchse in der Hand, mit spähenden Augen und grausamen Lippen.

„Wie schön,“ wiederholte ich.

Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser Bewegung durch den erleuchteten Raum.

„Hast du dir etwas gewünscht?“ fragte Wolfgang.

„Ja.“

„Was denn?“

„Mehr Whisky.“

Wolfgang lachte und schenkte ein.

„Na, Mama wird morgen Augen machen über unsere Sauferei. Prost!“

„Prost!“

Wir schwiegen lange.

„Man muß das Leben mit gesunden Händen anfassen.“

Wolfgang sah mich unsicher an. Dann sagte er verlegen:

„Ja.“

Wir beobachteten zwei Fledermäuse.

„Was denkst du über die Frauen?“ fragte ich.

„Über welche Frauen?“

„Ich meine ... fändest du etwas dabei, wenn Jungens wie wir ... ein Verhältnis haben?“

„Nein ... ja, das heißt ... es kommt darauf an!“

Wolfgang lachte ein wenig hilflos.

Ich stand auf und bot ihm die Hand.

„Wir sollten recht lange Zeit Freunde bleiben,“ sagte ich sehr herzlich.

Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte meine Hand kräftig, und es lag in dieser Bewegung etwas eigentümlich Ritterliches.

„Ja, das sollten wir wirklich,“ erwiderte er in demselben Ton.

„Gute Nacht, Wolfgang.“

„Gute Nacht, Walter, – und danke für alles.“

Ich ging in mein Zimmer.