Wir reiten zu dritt im abgekürzten Galopp – von Hans Kietschmann gefolgt – über eine jüngst gemähte Wiese, deren Heu naß und ohne Duft ist. Wir reiten Schulter an Schulter und achten streng darauf, daß die Linie eingehalten wird. Jeder von uns beschäftigt sich schweigend mit seinem Pferde, beobachtet den gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck den Gegendruck der Schenkel aus.
Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das feurige Haar lodert wie eine Flamme, wie ein Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die weißen Kinderzähne beißen auf die feuchte Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger Kraft. Unausgesetzt richtet Nina die verliebten Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger Bewegung galoppiert. Ich sehe mit Vergnügen, daß der schlanke Körper mit den säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen weichen Brust sich entzückt der Bewegung des schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt und niemals die Verbindung mit ihm verliert.
Es geschieht einige Male, daß Sekt sich nahe an meine Stute drängt und Ninas Fuß den meinen berührt.
Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen Minute geträumt, in der Nina ihren Fuß auf meine Hand setzen würde, um das Pferd zu besteigen? Und war ich nicht, als sie es wirklich getan, verwirrt und mit pochendem Herzen davongestürzt?
Sekts Gangart wird von Augenblick zu Augenblicke länger. Der Schimmel und seine Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes, der morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche des Feldes.
Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der immerfort mit tiefer Stimme auf den Schimmel einspricht:
„Ruhe! – Sekt! – Ruhe! – Ohlala – Ohlala!“
Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs nicht so belebtem Fuchs wird es schwer, die Linie einzuhalten.
„Ruhe, Fräulein Nina!“ sage auch ich jetzt. „Bitte abgekürzter Galopp!“
Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt, mit nassem, erregtem Munde und blinkenden Augen auf den Schimmel und beißt mit den weißen Zähnen auf die Lippe.
„Gib auf die Sporen acht!“
In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend etwas erschreckt hat, einen kleinen Sprung, Nina kommt mit den Sporen an die Weichen, der Schimmel wirft den Kopf mit einer schmerzlichen Gebärde in die Höhe und geht durch.
Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans Kietschmann bleiben zurück.
*
„So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe, nur Ruhe!“
Die Pferde rasen über das Feld. Die Morgensonne erhebt sich gelbstrahlend über einem Hügel und blendet uns.
„Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!“
Nina richtet das Tier mit allen Kräften nach rechts.
Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein, sie ist ruhig. Es geschieht ihr nichts.
„Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort vom Stall! ...“
Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben dieser einzigartigen Geschwindigkeit, dieser goldenen Flucht durch den Morgendunst.
„Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein Nina! Noch mehr!“
Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve.
„Reitpeitsche fortwerfen!“
Nina läßt die Peitsche fallen.
Ich bekomme über meine Stute Gewalt, meine Knie und Schenkel sind unausgesetzt an den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen an Nina heran.
„Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ... Noch einmal! ... Ah, er läßt nach ...“
Ich beuge mich vor und greife in Ninas Zügel. Der Schimmel erschrickt, bäumt sich, – ich packe den Halfter und der Schimmel steht.
Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes Lachen.
Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend zu beruhigen. Ein unerklärlicher Gram erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina nicht an und bebe vor Schmerz und Zorn ...
Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht.
„Bravo Nina! – Nichts geschehen?“
Nina schüttelt den Kopf.
„Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit Sporen reiten zu lassen!“ sage ich scharf und böse.
Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht.
„Nehmen Sie die Sporen ab!“ herrsche ich Nina an, ohne hinaufzusehen.
Wolfgang und Hans steigen von den Pferden.
„O – Sie sind zornig, Walter!“ ruft Nina.
Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber sie ist blaß, sehr blaß, und ihre Lippen zittern nervös.
„Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.“
Hans befreit Nina von den Sporen und reitet zurück, um auf der Wiese die Reitpeitsche zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine Tasche.
Wir reiten im Schritt weiter und erreichen ein belichtetes Gehölz. Unsere Tiere sind ermüdet und zufrieden. Sie gehen in großen Schritten durch den Wald und spähen an den stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei. Wir sind schweigsam und schlecht gelaunt.
Mit einem Male streckt Nina die Hand nach mir hin. Da ich nicht in ihrer Nähe bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum. Ich nehme ihre Hand, beuge mich tief nach unten und küsse sie lange.
Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß Nina mit lächelndem Antlitz und feuchten goldenen Wimpern nach der andern Seite blickt. Wolfgang ist blaß geworden und hält die Augen gesenkt. Hans reitet irgendwo hinterher.
Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen, nach einer Stunde den Gutshof. Die Pferde sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße Nina mit dem Hut und gehe ins Haus.