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Wie wir einst so glücklich waren! cover

Wie wir einst so glücklich waren!

Chapter 13: 12
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About This Book

A first-person narrator reflects on autumnal rain and deep loneliness at a rural estate, preferring bleak weather that matches their mood and awakens memories. Through detailed sensory scenes and literary allusions the narrator recalls a past summer of communal warmth and ardent admiration for a woman, then shifts to recollections of uneasy city school years, social alienation, and moral estrangement from classmates. The narrative alternates present introspection with vivid recollection, exploring themes of solitude, longing, memory's consolations, and the tension between pastoral belonging and urban isolation.

12

Wir fuhren am Abend mit einem leichten Jagdwagen ins Gebirge. Frau Seyderhelm war im Schloß geblieben, da sie Besuch erwartete.

Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen und einsam am Fluß gelegenen Hotels. Vor unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen Abhänge und goldenen Bergeshäupter, die ein unaufhörlich gleitendes Licht belebte.

Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet war, im Stalle bei den Pferden und sorgte dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf war benommen, und meine Augen brannten. Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben, den Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen ihren Knieen nahe zu sein und ihrem duftenden Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich innig an den Körper schmiegende Sommerkleid berührte, und mit verwirrten Sinnen zu ahnen, vieles zu ahnen, – ah, das alles war nicht ganz leicht zu ertragen.

Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet. Ich stieg die steinerne Treppe der Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich wechselnden Farben des Abends quälten mich; ein drohendes Verhängnis war in dieser Bewegung, eine Unruhe ohnegleichen, eine süße und unsäglich schmerzliche Hast, eine Flucht und ein Jammer ohne Trost ...

Als ich oben angelangt war, sah ich, wie Nina ihre Hand auf Wolfgangs Arm gelegt hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er beantwortete Ninas Frage, und sein Gesicht bekam den überaus liebenswürdigen und ritterlichen Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches, verhaltenes Schluchzen stieg in mir empor.

Ich setzte mich an den Tisch, Nina und Wolfgang sahen mich an.

„Na Lieber? Wie gehts?“ fragte Wolfgang.

„Danke, die Pferde fressen.“

Nina lachte und blickte fort.

Ich wurde rot.

Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln.

„Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt es gefüllte Trüffel. Raffiniert – nicht?“

„Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,“ sagte Wolfgang, wandte mir sein Gesicht schräg zu und fragte in seinem kindlichen Ton:

„Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?“

Wir aßen danach Forellen. Nina verstand es gut, das zarte rosige Fleisch der Fische von den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der Seele beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos zu uns herauf. Nur um die Mäuler lag ein böser Zug, der von Todespein und letztem Kampf erzählte.

Um die Zeit der späten Dämmerung trat ein Hirsch aus dem Wald des gegenüberliegenden Berges hervor, äugte mit einer kühnen Gebärde des Kopfes nach dem Hotel hin und trank aus dem Fluß.

Der Geruch von Bergwasser und nassem Sand stieg zu uns empor. Allmählich entfaltete der dunkelnde Himmel die Schönheit der beginnenden Nacht vor unsern Augen. Die stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer urweltlichen Starrheit wichen die wechselnden Farben des Abends besiegt zurück. Das Gebirge ward im funkelnden Schein groß und ehern.

Wir standen nach beendetem Mahle auf und gingen über die hölzerne Brücke des Flusses dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll von ihrer Kühle und besänftigte mich wunderbar. Nina schien mir schöner denn je, aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und meinem undeutlichen Verlangen entfernt. Sie ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig durch die Nacht dahin. Auf ihren Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch. Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein wenig im Nachtwind.

Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in den Wald. War es eine Flöte oder eines Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft entschwindenden und dann wieder genäherten Musik.

Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz der Tiere, machten wir Halt. Wir sahen die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen Bäumen einhergehen, wir sahen ihn in seine Schürze greifen und – einem Sämann gleich – Eicheln und Kastanien mit einer weiten Bewegung seines Armes über den Waldboden streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine kleine, sentimentale, unbeholfene und doch unendlich rührende, süße, zärtlich lockende Melodie. Nach einer Weile schien es, als bewege sich der Wald. Unhörbar, aber mit großzügigen Bewegungen und bei jedem Schritt ein wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie aus einem dunkel gewebten Teppich Hirsche und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich zu Boden und näherten sich langsam dem lockenden Freund der Tiere. Allmählich entfernte sich der Mann, umdrängt von seinen zärtlichen Geschöpfen, ferner und ferner klang die Musik seines Mundes und löste sich endlich auf im Rauschen des Waldes.

*

Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die Pferde anzuschirren. Es zeigten sich Wolken am Himmel.

Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten Waldweg entlang. Nina hatte wieder ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch oftmals an den Mund.

„Walter.“

„Ja.“

„Wie alt sind Sie?“

„Siebenzehn Jahre.“

„Siebenzehn Jahre,“ wiederholte Nina.

Eine Stille.

„Walter.“

„Nina?“

„Sie werden morgen fortreisen, – nicht wahr?“

Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend die bittenden Hände empor und sagte in unvergleichlich rührendem Ton:

„Walter, – Sie sind siebenzehn Jahre!“

Ich hatte wieder solche Angst.

Ich werde mich töten, dachte ich.

Eine lange Stille.

„Sie werden reisen, Walter?“

„Ja.“

„Danke.“

Ich werde mich töten. Es wird noch diese Nacht geschehen.

*

Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte, wobei er manchmal einige Worte mit Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der Break. Nina sprach viel und war nervös.

Es erhob sich ein Wind und trieb große, von den Sternen erhellte Wolken über den Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze.

Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen verursachte, und bat, man solle die Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt, die Pferde stampften ängstlich auf dem undeutlichen Feldwege, und Hans spannte die leinenen Gardinen auf.

Wir waren nun von den andern durch eine Wand getrennt und sahen die Welt einzig durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten von irgendwoher kleine Bäche rauschen, den Wind im Korn und in entfernten Wäldern blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend nach irgend einem wohlgeborgenen Teiche zogen.

„Sie frieren, Walter?“

„Nein. Danke.“

Nina hüllte sich fester in das weiche blaue Gewebe ihres Tuches.

Ein Blitz zuckte.

„Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?“

„Ja.“

Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz dröhnte.

„Sie haben noch einen Vater, Walter?“

„Ja.“

„Wo ist er?“

„In Skandinavien.“

„Allein?“

„Anny Döring ist bei ihm.“

„Wie? – Die Soubrette?“

„Ja.“

„Ach –!“

Nina blickte mich verwundert und ängstlich an.

Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen Vater. O Nina, Nina!

Ich sah lange Zeit hinaus und träumte. Ich fühlte, daß mich Nina unausgesetzt betrachtete. Später vergaß ich es.

Eine Hand lag auf der Decke. Es war Ninas Hand.

„Darf ich sie küssen?“ fragte ich.

Nina lachte mit einem hellen Ton. Es klang, als fiele ein kleiner silberner Hammer schnell auf Metall.

Ich küßte die Hand und dachte dabei an den Förster, der durch den Wald ging und Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine lebendige Haut, sondern Wildleder, dänisches Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch einige Male und ließ die Hand dann fahren. Ich empfand kein besonderes Vergnügen dabei und wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich dies alles nur, sonst wäre ich doch wohl anders gewesen. Ich hätte vielleicht geschrieen ...?

Es begann langsam zu regnen. Ich streckte die Hand hinaus. Große warme Tropfen fielen hernieder.

„Wir werden morgen nicht Tennis spielen können,“ sagte ich schläfrig.

„Ja,“ erwiderte Nina verwundert.

Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich. Wie ungeschickt!

Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und Bäume vorbeieilen; oben sprach Wolfgang irgend etwas, was ich nicht verstand, und der Donner wurde stärker, immer stärker.

Nein, ich werde morgen nicht fortreisen. Ich werde mich heute Abend töten.

Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten sich ... Sieh da, Schafe ... „Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude ...“ wie schön, – siehe, ich verkünde euch große Freude! Mir war mit einem Male, als sei mein Körper durchströmt von gutem warmem Blut. Es war ja alles gar nicht so schlimm! Denn ich verkünde euch große Freude ...

Da – was war das? Eine bebende Hand griff nach meiner. Mein Traum zerriß – –

„Nina!“

Ich schrie.

„Sei still, um Gottes willen ...“

„Hallo, was gibt’s?“ fragte Wolfgang.

„Nichts. Ninas Haar im Wind ...“

Ich riß Nina an mich, überflutete ihr Antlitz mit Küssen, umarmte ihre Kniee und biß in ihre Lippen und Hände ...

„Laß ... Laß ... Du bist verrückt.“

Sie stöhnte.

Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden Lippen auf ihren Lippen, auf ihren Händen, ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen, jungen Brust ...

O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens, der verschlungenen Finger, der wirren, in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden!

Und dann dieses wunderbare, einzigartige Ermatten, diese tränenreiche, gütige Müdigkeit, ... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ... und endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe Ruhe! ...

Wie wir einst so glücklich waren!

*

Um Mitternacht stürmten die gepeitschten nassen Pferde mit rasselndem Wagen in den Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in der Türe. Sie war ein wenig müde, aber freundlich und besorgt.