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Wie wir einst so glücklich waren! cover

Wie wir einst so glücklich waren!

Chapter 2: 1
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About This Book

A first-person narrator reflects on autumnal rain and deep loneliness at a rural estate, preferring bleak weather that matches their mood and awakens memories. Through detailed sensory scenes and literary allusions the narrator recalls a past summer of communal warmth and ardent admiration for a woman, then shifts to recollections of uneasy city school years, social alienation, and moral estrangement from classmates. The narrative alternates present introspection with vivid recollection, exploring themes of solitude, longing, memory's consolations, and the tension between pastoral belonging and urban isolation.

1

Auf meinem Lande ist es Herbst geworden. Ungefähr um drei Uhr morgens beginnt ein kalter Regen nieder zu gehen, der erst um fünf Uhr nachmittags aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich und kampflos die Sonne hervor; ein leichtes Blau webt mit einem Male in den herbstlichen Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne farbenreich durchleuchtet werden. Am Spätabend ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin, die des Nachts die verblassenden, leise rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht; goldene und silberne Wolken fließen unaufhörlich durch das Dunkel dahin, bis es zu einem nassen und schleichenden Morgen tagt.

Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den Regen meinen anmutigen Herbstabenden vor. Während des ganzen Tages bleiben meine Fenster fest geschlossen, und ich finde ein Vergnügen darin, stundenlang im Zimmer auf und ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen, meine und meines Vaters Tagebücher zu lesen und immer wieder in hundertfachen Pausen dem Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen zuzusehen. Keine Stimme redet zu mir aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen den Dichtern geschieht, und belustigt mich durch ihre Geschichten, – vielleicht durch kleine rührende Märchen, die meine Brust mit süßen Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz trostlos endigen, ... o nein, was mich unwiderstehlich zu dem erbarmungslosen Freunde dieser Tage hinzieht, ist nichts anderes als die nackte, von jeder Kunst entblößte Trauer und ihr schwermütiges Gefolge.

Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der Vesperstunde nicht Halt macht, sondern in die finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen mag. Dann kommt die Zeit meiner tiefsten Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die ich längst vergessen wähnte: Meine vollkommene, durch keine Gunst des Schicksals je gestörte Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit und meine tödliche, tödliche Sehnsucht.

*

Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß ich dies erst jetzt fühle, bereitet mir eine gewisse Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß es Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer Einsamkeit leiden.

Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es eingetreten, daß ich in den Regen schaue, eine ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke mich zu Boden schmettert, daß es auf der ganzen Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage oder in der dunklen Nacht je vertraut wäre.

O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso wie ich zu sprechen pflegen, – aber bedenken diese auch, daß sie noch von der Kindheit her eine alte, gebrechliche Haushälterin besitzen, die sie rührend eifrig bedient und mit mürrischer Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund, einen kranken vielleicht, der mit guten, getrübten Augen zu ihnen emporsieht? Aber ich, ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die Geschöpfe des unteren Daseins, mein Eigen nennen. Meine Haushälterin versieht ihren Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde des Gutes lieben meinen Inspektor, nicht mich.

Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag und freundlichen Blick gewechselt, habe Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen getauscht und bin in vieler Herren Dienst gestanden, – was blieb mir von alledem? Das Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und seine undeutliche Erinnerung. Denn meinem Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner Scheunen.

*

Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und Gefüge der Natur, das sei zugestanden, auch trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um ihren Gang zur Schau. Ich befinde mich außerhalb der Kreise, die von der Natur um die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere, Blumen, ja, um die starre Öde des Gesteins gezogen ward und – ich will es nur aussprechen – ich befinde mich dort nicht allzu wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von der mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann meine tiefste Sehnsucht erweckt, wenn sie den andern nur grausam und sinnlos erscheint. Ich zöge es vor, als ihr niedrigster Knecht in Ketten zu schmachten, als, ach – so frei zu sein, wie ich bin ...

*

Ich gehe an meine Bibliothek und nehme die römischen Elegien heraus. In dem Kupferstich auf der ersten Seite finde ich die Worte: „Wie wir einst so glücklich waren.“

Ich lese es und habe Tränen in meinen Augen.

„Wie wir einst so glücklich waren,

Müssen’s nun durch Euch erfahren.“

Es war auf einem deutschen Rittergut im Sommer, in einem Sommer voll gesegneter Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches Heu lag auf den Wiesen; der Himmel war am Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel über den Scheunen, und nachts leuchteten viel Sterne wie aus einem dunkeln, reichen und kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen und ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft eine gewisse Dame an, – vielleicht war es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich habe dies alles nie vergessen, ich entsinne mich sehr gut. Ich will diese Geschichte aufschreiben und sie dann einem Mädchen vorlesen, das irgendwo in der Welt lebt, einem schlanken Mädchen etwa von blondem Haar und weißen, milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas unendlich Beruhigendes für mich. Ich erinnere mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über die sanften Felder eines deutschen Rittergutes, an gewisse zärtliche und gütige Nächte und an die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der in der Dunkelheit den Hof erreichte und seine Pferde beim Schein der Laterne aus der Deichsel führte.