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Wie wir einst so glücklich waren! cover

Wie wir einst so glücklich waren!

Chapter 3: 2
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About This Book

A first-person narrator reflects on autumnal rain and deep loneliness at a rural estate, preferring bleak weather that matches their mood and awakens memories. Through detailed sensory scenes and literary allusions the narrator recalls a past summer of communal warmth and ardent admiration for a woman, then shifts to recollections of uneasy city school years, social alienation, and moral estrangement from classmates. The narrative alternates present introspection with vivid recollection, exploring themes of solitude, longing, memory's consolations, and the tension between pastoral belonging and urban isolation.

2

Ich schauderte, als ich zum ersten Mal mit einem Wagen durch die Straßen dieser Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten Jahre meiner Schulzeit verbringen sollte. Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck einer nur auf die Nützlichkeit gerichteten Baukunst verziert waren, wandte sich der gekränkte Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln durch ihren Prunk aufgeblasen, durch ihre ärmliche Umgebung unschicklich, ja frech erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses, führte sein dünnes, unruhiges und stets getrübtes Wasser durch das Weichbild der Stadt. In den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen jahrhundertalte ängstliche Giebelhäuser, die einer seelenvollen und klaräugigen Vergangenheit entstammten.

Der Knabe hatte seine erste Jugend auf einer Landschule zugebracht und war dort von erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar unermüdlicher und redlicher Jungen erzogen worden. Nun stand er, einem begründeten Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser Stadt, ohne daß ihn irgend ein freundliches Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu von einer auf dem Lande erlernten und geübten Sittlichkeit beschwert, die den Verkehr mit den leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot. So verschloß er sich nicht ohne einen gewissen Starrsinn den Freuden der Geselligkeit, gedachte mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein großes Gefallen daran, den alten Freunden in langen Briefen seine augenblickliche Lage mit den trostlosesten Worten zu schildern. Seine Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert, daß der Vater ihm Geldmittel von bedeutender Höhe zur Verfügung stellte, die weder dem Alter noch dem Verdienst des Sohnes ziemten.

Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen und immer strengen Zügen die Lehrer und Schulkameraden des Gymnasiums und sprach mit keinem von ihnen mehr, als die Stunde verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf das heftigste und stießen ihn ab. Er, nur er allein war edlen, bis zu den Sternen erhobenen Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit so reger Seele die donnernden Strophen engländischer Königsdramen, die knabenhaften und verwegenen Reden eines jungen Prinzen vor der Versammlung von Lancasterschen Herzögen oder den aufrührerischen Hohn der französischen Herolde? Wer ward beseligt durch das tönende Gold der achäischen Panzer, durch den silbernen Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter und durch das blaue, blaue Griechenland?

Wie sehnte sich der bislang an Freiheit gewöhnte Knabe nach den Nachmittagen, die ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich denke besonders an gewisse regnerische Nachmittage des Herbstes. In einen trotzigen, der Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt, eine phantastische Mütze tief in das Gesicht gezogen, mit hohen schweren Stiefeln bekleidet, verließ er seine Wohnung und wanderte zum Stadttor hinaus. Bald gelangte er an den armseligen, im Regen blinden Fluß, an dessen Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige Birkenwäldchen geradeaus schritt, um endlich die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und doch geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der Sturm das Wasser in das emporgerichtete Antlitz, dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig genähert war. Er warf die Kleider von sich, breitete den schützenden Mantel über sie und badete im kalten Fluß, während der Himmel seine frischen Regenstrahlen herniedersandte; vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf einen Baum, um von dort in einer großartigeren als der gewöhnlichen Stellung Cassius in den verhängten Himmel zu heulen:

Und so umgürtet, Casca, wie ich bin,

Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt,

um endlich mit geschundenem Körper, blau und naß in die Kleider zu steigen und gedrückt, traurig und fast ein wenig weinerlich über die eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag seinem Hause zuzuwandeln. In seinem Zimmer fand er dann bereits die Dämmerung vor, die vom Laternenschein am Fenster in zerrissenen Stücken erhellt war. Während vom unteren Stockwerk eine musikstudierende junge Dame ihre gleichmäßigen und süßen Variationen und Fugen erklingen ließ, schickte er sich an, den Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu bringen. Von wundervollen Gefühlen überschlichen ließ er sich in einen Sessel nieder, eine angenehme Wärme durchströmte seinen Körper und seine Augenlider wurden schwer von Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner Sinn richtete ihn bald aus seinen Träumen empor. Er setzte sich an den Schreibtisch, schlug seine Schulbücher auf und arbeitete, ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu gestatten, ernst und streng bis zum Abend.