Die letzte Unterrichtsstunde vor den großen Ferien war beendet. Plötzlich, ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang begann man ungeheuer laut und angeregt zu reden, man lachte, sah einander in die Augen, schüttelte sich die Hände, und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden und überaus herzlichen Zurufen einen fröhlichen Sommer.
Ich stand wie immer abseits. Mir ward bei all dieser Freude, die wie ein heller Strom an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute.
Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom Kleiderriegel und betrachtete mit Interesse meine Stiefelspitzen.
‚Jawohl,‘ dachte ich, ‚ich kann mir gut heute Nachmittag ein Paar neue Schuhe kaufen. Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In meine Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt mit seiner Jacht auf den nordischen Gewässern in Begleitung der schönen Anny Döring, und er hatte in seinem letzten Brief die Einladung für mich wohl vergessen, ... eigentlich hatte er einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen höflichen, zurückhaltenden und etwas frivolen Brief, und beigefügt war eine Bankanweisung von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein Vater. Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.‘
Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor zu verlassen, als ein blonder, vornehm gekleideter Knabe auf mich zutrat.
Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte, blieb er zögernd stehen und senkte die Augen. Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut über sein Antlitz, gleich als sei er über die eigene Schüchternheit belustigt.
„Meine Mutter und ich, wir würden uns sehr freuen, ... das heißt, wenn du Lust hast ...“
Eine Stille.
„Ich verstehe nicht, – wie?“
Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und begann sehr herzlich und sehr laut zu lachen.
„Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!“
Er legte ungezwungen und weltmännisch seine Hand auf meinen Arm.
„Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag bei uns eine Gesellschaft. Es wird vermutlich ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ... Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter liebt das sehr, ... willst du uns das Vergnügen machen?“
Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel mir außerordentlich. Aber ich hatte es mir bislang in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die Schulkameraden abweisend und hochmütig zu behandeln, daß ich auch jetzt nicht vermochte, mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren zu vertauschen.
„Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige mich, ich habe deinen Namen vergessen.“
„Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.“
„Ich danke dir sehr für deine Einladung, Wolfgang Seyderhelm. Leider ist es mir nicht möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits eingeladen bin.“
Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot.
„Sehr schade,“ sagte er.
Er steckte eine Hand in die Hosentasche und wies mit der andern höflich auf die Schultreppe:
„Wir haben denselben Weg.“
Wir gingen die Stufen hinunter.
„Dein Bruder war Militärattaché in Athen, nicht wahr?“ fragte Wolfgang. „Meine Mutter glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.“
„Jawohl, er war Militärattaché in Athen.“
Ich sah zur Seite.
„Was ist’s mit ihm?“ fragte Seyderhelm, der mich beobachtete.
„Er fiel in Südwest gegen die verdammten Schwarzen.“
„Oh.“
Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter eleganter Wagen mit zwei lebhaften Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin; sie trug einen silbergrauen Schleier, der den weichen großen Hut an den Seiten niederbog und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen war. Ihre schmalen Hände waren mit dänischem Leder bekleidet, und ihre von den Wimpern tief beschatteten Augen sahen etwas mokant zu Wolfgang hin.
„Ah, der Wagen!“ sagte Wolfgang Seyderhelm, der zögernd stehen blieb.
„Ah, deine Schwester!“ sagte ich beklommen.
„Nein, nicht meine Schwester.“
„Nicht deine Schwester?“
„Eine junge Dame unserer Bekanntschaft. Adieu, Walter Regnitz.“
Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte nicht, sondern sah auf den Wagen. Der Kutscher legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach lächelnd einige Worte, warf seine Schulmappe auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke um die Ecke ...
Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach Haus.