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Wie wir einst so glücklich waren! cover

Wie wir einst so glücklich waren!

Chapter 5: 4
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About This Book

A first-person narrator reflects on autumnal rain and deep loneliness at a rural estate, preferring bleak weather that matches their mood and awakens memories. Through detailed sensory scenes and literary allusions the narrator recalls a past summer of communal warmth and ardent admiration for a woman, then shifts to recollections of uneasy city school years, social alienation, and moral estrangement from classmates. The narrative alternates present introspection with vivid recollection, exploring themes of solitude, longing, memory's consolations, and the tension between pastoral belonging and urban isolation.

4

An diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren. Ich schritt unruhig in meinem Zimmer auf und ab. Ich hatte weder Lust zu arbeiten noch zu lesen. Immer wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung in den Sinn. Und mit einem Male trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle ein leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht nach Gesprächen, nach scherzhafter Rede und Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und nach einer gewissen jungen Dame mit einem silbergrauen Schleier und mokanten, von den langen Wimpern tief beschatteten Augen.

Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum Schuldiener und ließ mir Wolfgang Seyderhelms Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der Stadt vor einer großen, mitten in einem Park gelegenen Villa. Ich schellte, ward vom Diener ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im Eßzimmer.

Eine stattliche Anzahl von Knaben und Mädchen, unter ihnen einige Erwachsene, saßen an drei runden Tischen, vollführten den heitersten Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade, wozu sie ungeheuer viel Kuchen aßen. Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang Seyderhelm. Die Herrschaften verstummten allmählich, man begann mich zu bemerken. Da sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang sich erheben, der mich verwundert anstarrte. Von einem andern Tisch her rief eine Dame:

„Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen Gast begrüßen?“

Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt ein Zug von unendlicher Liebenswürdigkeit und fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf mich zu:

„Wie lieb, daß du kommst!“

Ich erwiderte kein Wort, drückte aber stürmisch und begeistert seine Hand. Er faßte mich am Arm und führte mich zu der Dame, die ihm vorhin zugerufen hatte. Glücklicherweise begann man an den Tischen sich wieder zu unterhalten.

„Dies hier ist mein Schulkamerad Walter Regnitz.“

Die Mutter, eine noch junge Frau von schlankem Wuchs, heiteren italienischen Augen und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft.

„Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind. Wolfgang hat mir viel von Ihnen erzählt.“

Wolfgang errötete.

„Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich neben mich. Hier ist noch ein Stuhl frei.“

Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig umnebelt.

„Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz, der vor zwei Jahren in Athen Attaché war?“

„Das war mein Bruder, gnädige Frau.“

„Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!“

Und sie sprach von meinem Bruder, den sie in Athen vor zwei Jahren kennen gelernt hatte.

„Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!“ klang eine singende Stimme neben mir, während ich mich mit Frau Seyderhelm über meinen Bruder unterhielt, der in Athen vor zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich wandte mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher diese Stimme kam und ob sie mir galt. Ich sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte, sobald er den meinen traf. Ich empfand es sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten nicht allzu ungeschickt benommen hatte und nun in ungezwungenem Tone mit Wolfgangs Mutter redete.

„Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?“

„Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.“

„Oh wie traurig! Als Offizier?“

„Jawohl, als Offizier.“

„Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!“ sang irgendwo eine Stimme.

„Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen, um das Abiturium zu machen?“

„Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande, nun will ich hier das Abiturium machen.“

„Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.“

„Ich will mit der Schule schnell zu Ende kommen.“

„So –?“

Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach einer anderen Richtung, da sie von dort gerufen wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen.

Neben mir saß eine junge Dame, die auf ihrem hellblauen Kleid Schokoladenflecke mit der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete Augen, kastanienbraunes Haar, einen spöttisch verzogenen Mund und lange schmale Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte des Winters erinnerten, an Elfenbein und an die Heiligtümer indischer Völker.