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Wie wir einst so glücklich waren! cover

Wie wir einst so glücklich waren!

Chapter 7: 6
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About This Book

A first-person narrator reflects on autumnal rain and deep loneliness at a rural estate, preferring bleak weather that matches their mood and awakens memories. Through detailed sensory scenes and literary allusions the narrator recalls a past summer of communal warmth and ardent admiration for a woman, then shifts to recollections of uneasy city school years, social alienation, and moral estrangement from classmates. The narrative alternates present introspection with vivid recollection, exploring themes of solitude, longing, memory's consolations, and the tension between pastoral belonging and urban isolation.

6

Am nächsten Tage wachte ich um fünf Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd ans Fenster. Die Straßen waren leer, aber auf den Dächern lag warmes Morgenlicht und in den Bäumen am Rande des Bürgersteiges zwitscherten die Spatzen.

O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte Ferien, ich hatte fünf Wochen Ferien!

Ich eilte in das Badezimmer und öffnete dort die Brause. Da fiel mir mitten im kalten Wasser etwas ein ... Was war denn gestern geschehen? ... War nicht gestern etwas Besonderes vorgefallen? ... Ich war auf einer Gesellschaft gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm, ... dort befand sich eine junge Dame ... mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ... eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß doch gleich diese Dame? ... Nun, wir wollen keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina hieß sie, ... und dann war ich aus der Gesellschaft weggelaufen ... und hatte mich blamiert, ... O weh! o weh!

Verwirrt streckte ich die Arme nach dem Kelch der Brause aus, ließ mir das Wasser ins Gesicht laufen und rief beglückt in das Geplätscher hinein: Süße Nina, süße Nina.

Ich sprang in das Badetuch und zog mich an. Ich sah das Sonnenlicht sich langsam über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht jung? Meine Heimat, – ach, meine Heimat war überall da, wo es warme Landstraßen gab mit schönem weißem Staub, Kirschbäume, schwere Kornfelder. Nina, – ach, Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk, ein Ding ohne Zusammenhang mit meinem Leben ...

Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden, Strümpfe, die „Versuchung des Pescara“, Taschentücher, zwei alte Brötchen hinein und lief die Treppe hinunter.

Noch waren die Straßen leer. Hier und da zeigte sich ein verschlafen aussehender Bäckergeselle mit listigem Gesicht, ein mürrischer Arbeiter auf dem Rad, ein von der Nachtkälte durchfrorener Polizist, sonst niemand. In den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang meiner Schritte und meines Stockes.

Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht und sah meine Felder sich im Sommermorgenlicht ausbreiten.

Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem Herzen die Landstraße hinunter. Es kamen Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt fuhren, und neben den Kutschern saßen eifrig bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine Mädchen, die sich an der Hand hielten und mit putziger Eilfertigkeit in ihre Schule trabten; eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit Eiern auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin aus dem Bilderbuche aus; darauf eine Horde Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße und geflickte Hosen hatten, und endlich auch ein Mann mit einer Kuh und einem Hündchen.

Schon war ich im ersten Dorf. Dort war bereits jedermann auf den Beinen. Ein Fuhrmann kam mit der Peitsche in der Hand aus der Schenke, wischte sich den Bart und kletterte mit vielen unverständlichen Worten auf den Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich zu, – als ich ihm ein Stück meines Brots zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte irgendwo, und ich wanderte weiter.

Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen Dörfer mit Kirchtürmen und leuchtend weißen Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen Hügeln.

In einem schönen Kirchdorfe machte ich Halt. Ich ging zu einem Bäcker, der am Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir Brot und Kuchen.

„Wohin geht’s, junger Herr?“

„Nach Fürstenau und immer weiter.“

„Und immer weiter – das ist ein gutes Stück Wegs. Na, wenn man junge Beine hat!“

Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte, schüttelte ihm die Hand, sprang an den Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende Wasser und marschierte weiter.

Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden im Schatten eines Baumes und wanderte dann in den schönen Nachmittag hinein. Über das weite hügelige Land glitten zeitweis tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein ganz leichter Wind erhob sich und kühlte mich wunderbar. Mir war, als trügen mich die Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte und beschattete Gefilde. Lag ich nicht auf einer weichen Wolke und trug mich diese Wolke nicht in entferntere und schönere Gebiete?

Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel entschwunden war und mit einem Mal die des Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in einem ungeheueren Schrecken zu erbleichen, ja zu sterben schien, erblickte ich, der ich auf einem Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein alter Turm ragte in die starr-silberne Luft hinein, und seine Wächter schienen silbergraue Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage ihn umkreisten. Flache Hügel umgaben die Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben lag der umgitterte Friedhof. Meinem Auge gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt verlassend, nach Westen, lief an den hellen Bergen entlang und durch gläserne Wälder, stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor sich in der offenen Landschaft, andere Städte mit neuen Türmen und späterem Lichte zu erreichen. Zwischen Kornfeldern und gleißenden Wiesen, die der zweiten Mahd harrten, sah ich Erntewagen der Stadt zustreben. Eine Glocke läutete, läutete unablässig, und es war, als sei diese Stadt, diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft wie überschwemmt von schwellenden, sich auflösenden und wieder schwellenden Tönen.

Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu mir herauf. Er trug einen schwarzen, eng anliegenden Taillenrock und eine graue großkarrierte Hose, die weit über die bestaubten Schuhe fiel. Er schien dem steilen Weg gram zu sein.

Ich lüftete den Hut.

„Ist dies da Fürstenau?“

Der alte Mann trocknete sich mit einem roten Tuch, einer Art Fahne, die Stirn.

„In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so ist es ganz bestimmt Fürstenau.“

Er lächelte böse und ging weiter.

‚Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!‘ dachte ich. ‚Spricht man so in unserer Zeit? „In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so ist es ganz bestimmt Fürstenau.“ So spricht man in einem Shakespeareschen Lustspiel!‘

Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei die Freude eines Wanderers, der von der Höhe das Ziel seines Tages sieht.

Als ich durch das Tor in die Stadt trat, war mit einem Mal der silberne Zauber wie zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen. Hochbepackte Erntewagen, in der golden durchleuchteten Fülle leise schwankend, fuhren darüber hin und zeitweis bog einer von ihnen in den Hof ein. Auf den Pferden saßen hübsche, nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen knallten, an den Häusern emporsahen und nachlässig zu den offenen Fenstern hinaufnickten, zu den Mädchen ...

‚War es vor tausend Jahren hier anders?‘ dachte ich. ‚Ernte und Glockengeläut und Menschen? ... Die vor tausend Jahren waren, mich trennt nur ein weniges von ihnen, nur die Zeit ... Ach, was ist Zeit! ... Ich will hier bleiben! ...‘

*

Bald saß ich in einem Garten vor meinem Abendbrot und erfreute mich, sobald ich den Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen und den tiefer beleuchteten Gassen. Ein Mädchen mit braunen, zum Kranz geflochtenen Strähnen schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte dazu mit frischem Munde ... Ein Gedanke kam mir ... fort damit ... Gespenster! ...

Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine Kammer für die Nacht und ging nachlässig, die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt. Ich wünschte jedem Mädchen einen guten Abend, und begann mit einigen von ihnen dadurch ein Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen erkundigte, die mir völlig gleichgültig waren, – wo der Schmied wohne, ob die Heuernte dieses Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem Abend ziemlich frech ...

Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein Gasthaus zurück. Als ich die Stiege hinaufschritt, die von einem Windlicht schwach erhellt war, begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln um die frischen, feuchten Lippen. Ich gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh am Morgen aufbrechen wollte, und ging in mein Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe Traurigkeit über mich, ich wußte nicht, woher. Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter mir der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich der Sommerhimmel voll von Sternen. Noch hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander sprechen, noch hörte ich eine Tür im Haus und einen späten Wagen auf der Gasse, dann ward es still um mich.

In dieser Stille breitete die Liebe ihre Flügel aus. Sie drückte mich an ihre Brust. Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie zuvor.

*

Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen war. Ich weiß nur, daß ich plötzlich an Nina dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte. Ich sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen, ihren Gang, ihre Hände, sah sie tanzen, mit Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte Angst, ... das Zimmer war so eng und heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock, Hut und Ranzen und stürzte hinaus in die dunkle Luft. Die Haustür war noch offen. Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm schnell. Ich rannte durch die Gassen, durch das Stadttor, die Straße entlang, dann einen Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf, ... ich keuchte sehr, ... ich fiel zu Boden und blieb liegen.

... Ich war müde und gehetzt, ich war so müde! Ich fühlte meine Jugend von mir gleiten und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch, daß ich einmal im Halbschlaf emporfuhr: da lag unter mir die Stadt und das dunkle Land, der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht auf, ... um meinen Hügel ging ein leichter Wind, ... ich sank zurück ... in Traum und Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer wieder das dunkle Land mit der Stadt, die silbernen Stücke des Baches, ... Sterne, viel Sterne ... und Nina ...