Ich bin noch einige Tage so gewandert, aber ich wurde nicht mehr fröhlich. Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern zur Kirche gehen, trat mit ihnen ein und hörte die Predigt, ich sah die Burschen und Mädchen hernach in ihren übermütigen Tänzen und empfand am Abend auf der Straße die feierliche Stille des scheidenden Sonntages. Aber das alles freute mich nicht. Der verworrene Geist war von der Liebesleidenschaft erfaßt und kannte nur noch Trauer, Eifersucht, Haß und Träumerei. Ich wollte nicht mehr an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie mehr an sie denken. Ich sagte mir Gedichte auf, hielt als ein Prinz vor der Versammlung von Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode an den Kaiser, – aber selbst das erhabene Gewand der Majestät verwandelte sich mir bald, ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken ...
Am vierten Abend meiner Wanderung zog ich mutloser denn je meine Straße entlang. Ich wollte an diesem Tage noch eine größere Stadt erreichen, dort einige Zeit verweilen, um dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig winkender Kirchturm hätte genügt, mich von meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt fragte danach, ob ich einen Nachmittag unter schattigem Gesträuch verträumte und den „Pescara“ las oder irgendwo auf staubbedecktem Wege schritt?
Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir zur Seite in das offene Land hindeutete. Da war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach Wiesenau 4,5 km. Ich las die Worte gedankenlos. Irgend etwas lockte mich, von meiner Straße abzubiegen. Was aber war es? Strelow? Ich hatte diesen Namen nie gehört. Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ... Wie? ... Eine Erinnerung ... Wiesenau ... Wiesenau ... da war schon wieder alles entwichen ... ich schüttelte den Kopf. Wohl zwanzigmal sprach ich nun das Wort Wiesenau aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte mich noch einmal erleuchten. Doch jede Mühe war vergebens: es war ein totes Wort.
Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen. Es hatte wohl die Wochen vorher geregnet, denn überall standen kleine schwarze Teiche, aus denen einzelne Bäume, Fichten und Birken, hervortauchten. Endlos langgezogene violette Abendwolken spiegelten sich in diesen Teichen und gaben ihnen von ihrer Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich nichts anderes als bunte, prächtige Wiesen mit großen Blumen und die schwarzen und violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen. Krähen flogen zuweilen schreiend darüber hin, um noch vor Nacht die fernen Wälder zu erreichen.
Als ich durch Strelow kam, läutete die Glocke den Abend ein. Ich blickte durch ein Fenster; ein alter Bauer saß da, hatte die Brille auf der Nasenspitze und las in einer Zeitung. Eine Frau trug eine Bank in ihr Haus. Der Pfarrer ging durch den Ort und ward von allen gegrüßt; auch ich grüßte. Ein Trupp Jungens lief zu Gott weiß welchem Abendstreifzug ...
In einigen Zimmern brannte ein Licht. Sollte ich hier rasten? Es begann zu dunkeln. Draußen konnte ich nicht gut schlafen, der Boden schien feucht, auch war es ein wenig kühl. Aber die Lichter in den Häusern machten mich traurig, und ich fühlte, daß mich im Zimmer wieder meine Angst ergreifen würde.
Ich eilte zum Dorf hinaus. Allein bei den letzten Häusern blieb ich beklommen stehen: über die Landschaft hatte sich die Dämmerung gesenkt und mit tiefem, dunklem Blau die gespenstischen Bäume, das Weidengesträuch an den blinkenden Teichen und die Getreidefelder umhüllt; von oben leuchteten durch blaues Licht einige Sterne; nichts unterbrach die Stille als das trostlose Quaken der Frösche und das Flüstern des Kornes, wenn der Wind darin rauschte.
Ich ging durch die Dämmerung und fühlte mich liebevoll von der Straße fortgelockt, umsponnen mit einem blauen Netz. Ein Traum von großer Innigkeit berührte mich, mir war, als sei er alt und von jedermann zu irgendeiner Zeit geträumt. Um meine Augen legte sich ein Flor, meine Füße strauchelten oft ...
‚Könnt’ ich doch viele Stunden dieses blaue Licht durchschreiten! Wenn nur die Füße nicht ermüden wollten ...!‘
Aber ach, schon winkten ja am Wegesrand nächtliche Kastanien zu Schlummer und Traum! ... Ein Park begann, umgittert, ... eine Allee ... Und hier, – waren hier nicht bronzene Löwen, die in dreifach geteilte Becken silbernes Wasser spieen? War es nicht einschläfernd und süß?
Wie, stand dort nicht ein Haus vor mir, ein Schloß, mit einer erleuchteten Altane und bläulich schimmernden Stufen?
Bin ich nicht neugierig herangeschlichen, ... leise, ... ganz leise, ... und sah ich dort nicht all die Menschen, die ich liebte? ... Die Mutter ... mit dem Sohn ... und meine schöne Freundin Nina?