Mit pochendem Herzen und heißen Wangen stand ich im Dunkeln und blickte auf die Veranda. Nina arbeitete an einer festgespannten Stickerei und sprach dabei mit Wolfgang, der die Hände um ein Knie geschlungen hatte, eine Zigarette rauchte und zeitweise aus einem Glase trank. Frau Seyderhelm schrieb einen Brief. Manchmal hob sie den Kopf und warf einige Worte in die Unterhaltung der beiden ein. Ich konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde.
Ich sah Ninas Profil und ihre Hände. Wie zart sie war! Ja, war sie nicht anbetungswürdig? Süße Nina! ... Ich machte eine Bewegung.
Da rief Nina laut:
„Wolfgang, ich bitte dich, – draußen steht jemand.“
Ich hielt den Atem an.
‚Wenn ich hier entdeckt werde, ersteche ich mich.‘
Wolfgang beugte sich hinaus und rief:
„Es ist niemand hier ... Du bist recht schreckhaft!“
O – gerettet!
Frau Seyderhelm hatte ihren Brief beendet, man plauderte angeregt. Ich sah, wie die Mutter einmal ihrem Sohne lächelnd mit dem Finger drohte. Nach einer Weile legte Nina ihren Stickrahmen fort, packte ihre Nähsachen in einen Pompadour und stand auf. Sie gab erst Frau Seyderhelm die Hand, dann wechselte sie einige Worte mit Wolfgang, – sie schienen etwas zu verabreden, – ließ ihre Hände auf seinen Schultern ruhen, gab ihm einen leichten Backenstreich und trat in die Zimmer hinein. Wolfgang küßte seine Mutter, die ihm über das Haar strich; mir war, als sprächen sie von Nina, denn sie sahen nach der Türe; dann gingen beide hinaus. – Eine Magd erschien einige Augenblicke später auf der Veranda, räumte die Sachen auf, zog die Markise in die Höhe und stellte die Gartenmöbel zur Seite. Sie nahm die Lampe und verschwand.
Alles war finster um mich herum. Oben im Schloß sah ich mehrere erleuchtete Fenster. Ich hörte zuweilen Schritte, dann wurde alles still.
Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung und ging durch den Park. Ich empfand nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig Schmerz, ein wenig Müdigkeit und ein wenig Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was sollte ich hier? Niemand würde mir glauben, daß ich zufällig hierher gekommen sei, ... aber da hörte ich wieder die süße, einschläfernde Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos legte ich mich nieder, zu Füßen eines bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände hinter dem Kopf und blickte in den Himmel, wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über das Firmament spannte. Ich fühlte, daß der Schlaf mich übermannen würde, und wollte doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig und erinnerte mich der Worte des Herrn: „Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?“ – Noch einmal sah ich zu den erleuchteten Fenstern im Schloß, dann fiel ich in Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der Nacht und zog mein Cape eng um mich. Und in meinen Traum drang immer wieder das Plätschern des Wassers, ... das Plätschern des Wassers.