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Wilhelm Tell

Chapter 12: Erste Scene.
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About This Book

Ein dramatisches Schauspiel, das in alpinen Landen spielt, folgt einem meisterhaften Schützen, dessen Weigerung, sich einem arroganten Landvogt zu beugen, eskalierende Spannungen hervorruft. Als der Herrscher einen unmöglichen Probeversuch erzwingt, der das Kind des Schützen gefährdet, zeigt der Schütze virtuose Fertigkeit und moralische Entschlossenheit und tötet später den Landvogt. Diese Tat wird zum Auslöser für die Mobilisierung von Ortsoberen und Dorfbewohnern, die Widerstand organisieren, die Unterdrückung stürzen und Selbstverwaltung zurückgewinnen. Das Stück thematisiert persönliches Gewissen, das Verhältnis von Recht und Tyrannei, gemeinschaftlichen Zusammenhalt sowie die Kosten und Pflichten politischen Widerstands.

Dritter Aufzug.

Erste Scene.

Hof vor Tells Hause.

Tell ist mit der Zimmeraxt, Hedwig mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt. Walther und Wilhelm in der Tiefe spielen mit einer kleinen Armbrust.

Walther (singt).

Mit dem Pfeil, dem Bogen,
Durch Gebirg’ und Thal,
Kommt der Schütz gezogen
Früh am Morgenstrahl.
Wie im Reich der Lüfte
König ist der Weih —
Durch Gebirg und Klüfte
Herrscht der Schütze frei.
Ihm gehört das Weite;
Was sein Pfeil erreicht,
Das ist seine Beute,
Was da kreucht und fleugt.

(Kommt gesprungen.)

Der Strang ist mir entzwei. Mach mir ihn, Vater.

Tell.

Ich nicht. Ein rechter Schütze hilft sich selbst.

(Knaben entfernen sich.)

Hedwig.

Die Knaben fangen zeitig an zu schießen.

Tell.

Früh übt sich, was ein Meister werden will.

Hedwig.

Ach, wollte Gott, sie lernten’s nie!

Tell.

Sie sollen Alles lernen. Wer durch’s Leben
Sich frisch will schlagen, muß zu Schutz und Trutz
Gerüstet seyn.

Hedwig.

Ach, es wird keiner seine Ruh
Zu Hause finden.

Tell.

Mutter, ich kann’s auch nicht.
Zum Hirten hat Natur mich nicht gebildet;
Rastlos muß ich ein flüchtig Ziel verfolgen.
Dann erst genieß’ ich meines Lebens recht,
Wenn ich mir’s jeden Tag auf’s neu’ erbeute.

Hedwig.

Und an die Angst der Hausfrau denkst du nicht,
Die sich indessen, deiner wartend, härmt.
Denn mich erfüllt’s mit Grausen, was die Knechte
Von euren Wagefahrten sich erzählen.
Bei jedem Abschied zittert mir das Herz,
Daß du mir nimmer werdest wiederkehren.
Ich sehe dich, im wilden Eisgebirg
Verirrt, von einer Klippe zu der andern
Den Fehlsprung thun, seh’, wie die Gemse dich
Rückspringend mit sich in den Abgrund reißt,
Wie eine Windlawine dich verschüttet,
Wie unter dir der trügerische Firn
Einbricht, und du hinabsinkst, ein lebendig
Begrabner, in die schauerliche Gruft —
Ach, den verwegnen Alpenjäger hascht
Der Tod in hundert wechselnden Gestalten!
Das ist ein unglückseliges Gewerb’,
Das halsgefährlich führt am Abgrund hin!

Tell.

Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen,
Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft,
Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Noth;
Den schreckt der Berg nicht, der darauf geboren.

(Er hat seine Arbeit vollendet, legt das Geräth hinweg.)

Jetzt, mein’ ich, hält das Thor auf Jahr und Tag.
Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.

(Nimmt den Hut.)

Hedwig.

Wo gehst du hin?

Tell.

Nach Altorf zu dem Vater.

Hedwig.

Sinnst du auch nichts Gefährliches? Gesteh mir’s!

Tell.

Wie kommst du darauf, Frau?

Hedwig.

Es spinnt sich Etwas
Gegen die Vögte — Auf dem Rütli ward
Getagt, ich weiß, und du bist auch im Bunde.

Tell.

Ich war nicht mit dabei — doch werd’ ich mich
Dem Lande nicht entziehen, wenn es ruft.

Hedwig.

Sie werden dich hinstellen, wo Gefahr ist;
Das Schwerste wird dein Antheil seyn, wie immer.

Tell.

Ein Jeder wird besteuert nach Vermögen.

Hedwig.

Den Unterwaldner hast du auch im Sturme
Ueber den See geschafft — Ein Wunder war’s,
Daß ihr entkommen — Dachtest du denn gar nicht
An Kind und Weib?

Tell.

Lieb Weib, ich dacht’ an euch;
Drum rettet’ ich den Vater seinen Kindern.

Hedwig.

Zu schiffen in dem wüth’gen See! Das heißt
Nicht Gott vertrauen! Das heißt Gott versuchen!

Tell.

Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.

Hedwig.

Ja, du bist gut und hülfreich, dienest Allen,
Und, wenn du selbst in Noth kommst, hilft dir Keiner.

Tell.

Verhüt’ es Gott, daß ich nicht Hülfe brauche!

(Er nimmt die Armbrust und Pfeile.)

Hedwig.

Was willst du mit der Armbrust? Laß sie hier!

Tell.

Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt.

(Die Knaben kommen zurück.)

Walther.

Vater, wo gehst du hin?

Tell.

Nach Altorf, Knabe,
Zum Ehni — Willst du mit?

Walther.

Ja, freilich will ich.

Hedwig.

Der Landvogt ist jetzt dort. Bleib weg von Altorf.

Tell.

Er geht, noch heute.

Hedwig.

Drum laß ihn erst fort seyn.
Gemahn’ ihn nicht an dich, du weißt, er grollt uns.

Tell.

Mir soll sein böser Wille nicht viel schaden.
Ich thue recht und scheue keinen Feind.

Hedwig.

Die recht thun, eben die haßt er am meisten.

Tell.

Weil er nicht an sie kommen kann — Mich wird
Der Ritter wohl in Frieden lassen, mein’ ich.

Hedwig.

So, weißt du das?

Tell.

Es ist nicht lange her,
Da ging ich jagen durch die wilden Gründe
Des Schächenthals auf menschenleerer Spur,
Und, da ich einsam einen Felsensteig
Verfolgte, wo nicht auszuweichen war,
Denn über mir hing schroff die Felswand her,
Und unten rauschte fürchterlich der Schächen,

(Die Knaben drängen sich rechts und links an ihn und sehen mit gespannter Neugier an ihm hinauf.)

Da kam der Landvogt gegen mich daher,
Er ganz allein mit mir, der auch allein war,
Bloß Mensch zu Mensch, und neben uns der Abgrund.
Und, als der Herre mein ansichtig ward
Und mich erkannte, den er kurz zuvor
Um kleiner Ursach willen schwer gebüßt,
Und sah mich mit dem stattlichen Gewehr
Daher geschritten kommen, da verblaßt’ er,
Die Knie versagten ihm, ich sah es kommen,
Daß er jetzt an die Felswand würde sinken.
— Da jammerte mich sein, ich trat zu ihm
Bescheidentlich und sprach: Ich bin’s, Herr Landvogt.
Er aber konnte keinen armen Laut
Aus seinem Munde geben — Mit der Hand nur
Winkt’ er mir schweigend, meines Wegs zu gehn;
Da ging ich fort, und sandt’ ihm sein Gefolge.

Hedwig.

Er hat vor dir gezittert — Wehe dir!
Daß du ihn schwach gesehn, vergibt er nie.

Tell.

Drum meid’ ich ihn, und er wird mich nicht suchen.

Hedwig.

Bleib heute nur dort weg! Geh lieber jagen!

Tell.

Was fällt dir ein?

Hedwig.

Mich ängstigt’s. Bleibe weg.

Tell.

Wie kannst du dich so ohne Ursach quälen?

Hedwig.

Weil’s keine Ursach hat — Tell, bleibe hier.

Tell.

Ich hab’s versprochen, liebes Weib, zu kommen.

Hedwig.

Mußt du, so geh — nur lasse mir den Knaben!

Walther.

Nein, Mütterchen. Ich gehe mit dem Vater.

Hedwig.

Wälty, verlassen willst du deine Mutter?

Walther.

Ich bring dir auch was Hübsches mit vom Ehni.

(Geht mit dem Vater.)

Wilhelm.

Mutter, ich bleibe bei dir!

Hedwig (umarmt ihn).

Ja, du bist
Mein liebes Kind, du bleibst mir noch allein!

(Sie geht an das Hofthor und folgt den Abgehenden lange mit den Augen.)