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Wilhelm Tell

Chapter 13: Zweite Scene.
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About This Book

Ein dramatisches Schauspiel, das in alpinen Landen spielt, folgt einem meisterhaften Schützen, dessen Weigerung, sich einem arroganten Landvogt zu beugen, eskalierende Spannungen hervorruft. Als der Herrscher einen unmöglichen Probeversuch erzwingt, der das Kind des Schützen gefährdet, zeigt der Schütze virtuose Fertigkeit und moralische Entschlossenheit und tötet später den Landvogt. Diese Tat wird zum Auslöser für die Mobilisierung von Ortsoberen und Dorfbewohnern, die Widerstand organisieren, die Unterdrückung stürzen und Selbstverwaltung zurückgewinnen. Das Stück thematisiert persönliches Gewissen, das Verhältnis von Recht und Tyrannei, gemeinschaftlichen Zusammenhalt sowie die Kosten und Pflichten politischen Widerstands.

Zweite Scene.

Eine eingeschlossene wilde Waldgegend, Staubbäche stürzen von den Felsen.

Bertha im Jagdkleid. Gleich darauf Rudenz.

Bertha.

Er folgt mir. Endlich kann ich mich erklären.

Rudenz (tritt rasch ein).

Fräulein, jetzt endlich find’ ich euch allein.
Abgründe schließen rings umher uns ein;
In dieser Wildniß fürcht’ ich keinen Zeugen,
Vom Herzen wälz’ ich dieses lange Schweigen —

Bertha.

Seyd ihr gewiß, daß uns die Jagd nicht folgt?

Rudenz.

Die Jagd ist dort hinaus — Jetzt oder nie!
Ich muß den theuren Augenblick ergreifen —
Entschieden sehen muß ich mein Geschick,
Und sollt’ es mich auf ewig von euch scheiden.
— O, waffnet eure güt’gen Blicke nicht
Mit dieser finstern Strenge — Wer bin ich,
Daß ich den kühnen Wunsch zu euch erhebe?
Mich hat der Ruhm noch nicht genannt; ich darf
Mich in die Reih’ nicht stellen mit den Rittern,
Die siegberühmt und glänzend euch umwerben.
Nichts hab’ ich, als mein Herz von Treu und Liebe. —

Bertha (ernst und streng).

Dürft ihr von Liebe reden und von Treue,
Der treulos wird an seinen nächsten Pflichten?

(Rudenz tritt zurück.)

Der Sklave Oesterreichs, der sich dem Fremdling
Verkauft, dem Unterdrücker seines Volks?

Rudenz.

Von euch, mein Fräulein, hör’ ich diesen Vorwurf?
Wen such’ ich denn, als euch, auf jener Seite?

Bertha.

Mich denkt ihr auf der Seite des Verraths
Zu finden? Eher wollt’ ich meine Hand
Dem Geßler selbst, dem Unterdrücker, schenken,
Als dem naturvergessnen Sohn der Schweiz,
Der sich zu seinem Werkzeug machen kann!

Rudenz.

O Gott, was muß ich hören?

Bertha.

Wie? Was liegt
Dem guten Menschen näher, als die Seinen?
Gibt’s schönre Pflichten für ein edles Herz,
Als ein Vertheidiger der Unschuld seyn,
Das Recht der Unterdrückten zu beschirmen?
— Die Seele blutet mir um euer Volk;
Ich leide mit ihm, denn ich muß es lieben,
Das so bescheiden ist und doch voll Kraft;
Es zieht mein ganzes Herz mich zu ihm hin;
Mit jedem Tage lern’ ich’s mehr verehren.
— Ihr aber, den Natur und Ritterpflicht
Ihm zum geborenen Beschützer gaben,
Und der’s verläßt, der treulos übertritt
Zum Feind und Ketten schmiedet seinem Land,
Ihr seyd’s, der mich verletzt und kränkt; ich muß
Mein Herz bezwingen, daß ich euch nicht hasse.

Rudenz.

Will ich denn nicht das Beste meines Volks?
Ihm unter Oestreichs mächt’gem Scepter nicht
Den Frieden —

Bertha.

Knechtschaft wollt ihr ihm bereiten!
Die Freiheit wollt ihr aus dem letzten Schloß,
Das ihr noch auf der Erde blieb, verjagen.
Das Volk versteht sich besser auf sein Glück;
Kein Schein verführt sein sicheres Gefühl,
Euch haben sie das Netz um’s Haupt geworfen —

Rudenz.

Bertha! Ihr haßt mich, ihr verachtet mich!

Bertha.

Thät’ ich’s, mir wäre besser — Aber den
Verachtet sehen und verachtungswerth,
Den man gern lieben möchte —

Rudenz.

Bertha! Bertha!
Ihr zeiget mir das höchste Himmelsglück
Und stürzt mich tief in einem Augenblick.

Bertha.

Nein, nein! das Edle ist nicht ganz erstickt
In euch! Es schlummert nur, ich will es wecken;
Ihr müßt Gewalt ausüben an euch selbst,
Die angestammte Tugend zu ertödten;
Doch, wohl euch! sie ist mächtiger, als ihr,
Und trotz euch selber seyd ihr gut und edel!

Rudenz.

Ihr glaubt an mich? O Bertha, Alles läßt
Mich eure Liebe seyn und werden!

Bertha.

Seyd,
Wozu die herrliche Natur euch machte!
Erfüllt den Platz, wohin sie euch gestellt!
Zu eurem Volke steht und eurem Lande,
Und kämpft für euer heilig Recht!

Rudenz.

Weh mir!
Wie kann ich euch erringen, euch besitzen,
Wenn ich der Macht des Kaisers widerstrebe?
Ist’s der Verwandten mächt’ger Wille nicht,
Der über eure Hand tyrannisch waltet?

Bertha.

In den Waldstätten liegen meine Güter,
Und, ist der Schweizer frei, so bin auch ich’s.

Rudenz.

Bertha, welch einen Blick thut ihr mir auf!

Bertha.

Hofft nicht durch Oestreichs Gunst mich zu erringen;
Nach meinem Erbe strecken sie die Hand,
Das will man mit dem großen Erb’ vereinen.
Dieselbe Ländergier, die eure Freiheit
Verschlingen will, sie drohet auch der meinen!
— O Freund, zum Opfer bin ich ausersehn,
Vielleicht, um einen Günstling zu belohnen —
Dort, wo die Falschheit und die Ränke wohnen,
Hin an den Kaiserhof will man mich ziehn;
Dort harren mein verhaßter Ehe Ketten;
Die Liebe nur — die eure kann mich retten!

Rudenz.

Ihr könntet euch entschließen, hier zu leben,
In meinem Vaterlande mein zu seyn?
O Bertha, all’ mein Sehnen in die Weite,
Was war es, als ein Streben nur nach euch?
Euch sucht’ ich einzig auf dem Weg des Ruhms,
Und all mein Ehrgeiz war nur meine Liebe.
Könnt ihr mit mir euch in das stille Thal
Einschließen und der Erde Glanz entsagen —
O, dann ist meines Strebens Ziel gefunden;
Dann mag der Strom der wildbewegten Welt
Ans sichre Ufer dieser Berge schlagen —
Kein flüchtiges Verlangen hab’ ich mehr
Hinaus zu senden in des Lebens Weiten —
Dann mögen diese Felsen um uns her
Die undurchdringlich feste Mauer breiten,
Und dieß verschloßne sel’ge Thal allein
Zum Himmel offen und gelichtet seyn!

Bertha.

Jetzt bist du ganz, wie dich mein ahnend Herz
Geträumt, mich hat mein Glaube nicht betrogen!

Rudenz.

Fahr hin, du eitler Wahn, der mich bethört!
Ich soll das Glück in meiner Heimat finden.
Hier, wo der Knabe fröhlich aufgeblüht,
Wo tausend Freudespuren mich umgeben,
Wo alle Quellen mir und Bäume leben,
Im Vaterland willst du die Meine werden!
Ach, wohl hab’ ich es stets geliebt! Ich fühl’s,
Es fehlte mir zu jedem Glück der Erden.

Bertha.

Wo wär’ die sel’ge Insel aufzufinden,
Wenn sie nicht hier ist, in der Unschuld Land,
Hier, wo die alte Treue heimisch wohnt,
Wo sich die Falschheit noch nicht hingefunden?
Da trübt kein Neid die Quelle unsers Glücks,
Und ewig hell entfliehen uns die Stunden.
— Da seh’ ich dich im echten Männerwerth,
Den Ersten von den Freien und den Gleichen,
Mit reiner, freier Huldigung verehrt,
Groß, wie ein König wirkt in seinen Reichen.

Rudenz.

Da seh’ ich dich, die Krone aller Frauen,
In weiblich reizender Geschäftigkeit,
In meinem Haus den Himmel mir erbauen
Und, wie der Frühling seine Blumen streut,
Mit schöner Anmuth mir das Leben schmücken
Und Alles rings beleben und beglücken!

Bertha.

Sieh, theurer Freund, warum ich trauerte,
Als ich dies höchste Lebensglück dich selbst
Zerstören sah — Weh mir! Wie ständ’s um mich,
Wenn ich dem stolzen Ritter müßte folgen,
Dem Landbedrücker, auf sein finstres Schloß!
— Hier ist kein Schloß. Mich scheiden keine Mauern
Von einem Volk, das ich beglücken kann!

Rudenz.

Doch wie mich retten — wie die Schlinge lösen,
Die ich mir thöricht selbst ums Haupt gelegt?

Bertha.

Zerreiße sie mit männlichem Entschluß.
Was auch draus werde — steh zu deinem Volk!
Es ist dein angeborner Platz.

(Jagdhörner in der Ferne.)

Bertha.

Die Jagd
Kommt näher — fort, wir müssen scheiden — Kämpfe
Fürs Vaterland, du kämpfst für deine Liebe!
Es ist ein Feind, vor dem wir alle zittern,
Und eine Freiheit macht uns Alle frei!

(Gehen ab.)