Wiese bei Altorf.
Im Vordergrunde Bäume, in der Tiefe der Hut auf einer Stange.
Der Prospekt wird begränzt durch den Bannberg, über welchem ein
Schneegebirg emporragt.
Frießhardt und Leuthold halten Wache.
Frießhardt.
Wir passen auf umsonst. Es will sich Niemand
Heran begeben und dem Hut sein’ Reverenz
Erzeigen. ’s war doch sonst wie Jahrmarkt hier;
Jetzt ist der ganze Anger wie verödet;
Seitdem der Popanz auf der Stange hängt.
Leuthold.
Nur schlecht Gesindel läßt sich sehn und schwingt
Uns zum Verdrieße die zerlumpten Mützen.
Was rechte Leute sind, die machen lieber
Den langen Umweg um den halben Flecken,
Eh sie den Rücken beugten vor dem Hut.
Frießhardt.
Sie müssen über diesen Platz, wenn sie
Vom Rathhaus kommen um die Mittagsstunde.
Da meint’ ich schon, ’nen guten Fang zu thun,
Denn Keiner dachte dran, den Hut zu grüßen.
Da sieht’s der Pfaff, der Rösselmann — kam just
Von einem Kranken her — und stellt sich hin
Mit dem Hochwürdigen, grad’ vor die Stange —
Der Sigrist mußte mit dem Glöcklein schellen;
Da fielen All’ aufs Knie, ich selber mit,
Und grüßten die Monstranz, doch nicht den Hut.
Leuthold.
Höre, Gesell, es fängt mir an zu däuchten,
Wir stehen hier am Pranger vor dem Hut;
’s ist doch ein Schimpf für einen Reitersmann,
Schildwach zu stehn vor einem leeren Hut —
Und jeder rechte Kerl muß uns verachten.
— Die Reverenz zu machen einem Hut,
Es ist doch, traun, ein närrischer Befehl!
Frießhardt.
Warum nicht einem leeren, hohlen Hut!
Bückst du dich doch vor manchem hohlen Schädel.
Hildegard, Mechthild und Elsbeth
treten auf mit Kindern und stellen sich um die Stange.
Leuthold.
Und du bist auch so ein dienstfert’ger Schurke
Und brächtest wackre Leute gern ins Unglück.
Mag, wer da will, am Hut vorübergehn,
Ich drück’ die Augen zu und seh’ nicht hin.
Mechthild.
Da hängt der Landvogt — habt Respect, ihr Buben!
Elsbeth.
Wollt’s Gott, er ging’ und ließ’ uns seinen Hut;
Es sollte drum nicht schlechter stehn ums Land!
Frießhardt (verscheucht sie).
Wollt ihr vom Platz! Verwünschtes Volk der Weiber!
Wer fragt nach euch! Schickt eure Männer her,
Wenn sie der Muth sticht, dem Befehl zu trotzen.
(Weiber gehen).
Tell mit der Armbrust tritt auf, den Knaben
an der Hand führend; sie gehen an dem Hut vorbei gegen die vordere Scene,
ohne darauf zu achten.
Walther (zeigt nach dem Bannberg).
Vater, ist’s wahr, daß auf dem Berge dort
Die Bäume bluten, wenn man einen Streich
Drauf führte mit der Axt —
Tell.
Walther.
Der Meister Hirt erzählt’s — Die Bäume seyen
Gebannt, sagt er, und, wer sie schädige,
Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe.
Tell.
Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit.
— Siehst du die Firnen dort, die weißen Hörner,
Die hoch bis in den Himmel sich verlieren?
Walther.
Das sind die Gletscher, die des Nachts so donnern
Und uns die Schlaglawinen niedersenden.
Tell.
So ist’s, und die Lawinen hätten längst
Den Flecken Altorf unter ihrer Last
Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht
Als eine Landwehr sich dagegen stellte.
Walther (nach einigem Besinnen).
Gibt’s Länder, Vater, wo nicht Berge sind?
Tell.
Wenn man hinunter steigt von unsern Höhen
Und immer tiefer steigt, den Strömen nach,
Gelangt man in ein großes, ebnes Land,
Wo die Waldwasser nicht mehr brausend schäumen,
Die Flüsse ruhig und gemächlich ziehn;
Da sieht man frei nach allen Himmelsräumen,
Das Korn wächst dort in langen, schönen Auen
Und wie ein Garten ist das Land zu schauen.
Walther.
Ei, Vater, warum steigen wir denn nicht
Geschwind hinab in dieses schöne Land,
Statt daß wir hier uns ängstigen und plagen.
Tell.
Das Land ist schön und gütig, wie der Himmel;
Doch, die’s bebauen, sie genießen nicht
Den Segen, den sie pflanzen.
Walther.
Wohnen sie
Nicht frei, wie du, auf ihrem eignen Erbe?
Tell.
Das Feld gehört dem Bischof und dem König.
Walther.
So dürfen sie doch frei in Wäldern jagen?
Tell.
Dem Herrn gehört das Wild und das Gefieder.
Walther.
Sie dürfen doch frei fischen in dem Strom?
Tell.
Der Strom, das Meer, das Salz gehört dem König.
Walther.
Wer ist der König denn, den Alle fürchten?
Tell.
Es ist der Eine, der sie schützt und nährt.
Walther.
Sie können sich nicht muthig selbst beschützen?
Tell.
Dort darf der Nachbar nicht dem Nachbar trauen.
Walther.
Vater, es wird mir eng im weiten Land;
Da wohn’ ich lieber unter den Lawinen.
Tell.
Ja, wohl ist’s besser, Kind, die Gletscherberge
Im Rücken haben, als die bösen Menschen.
(Sie wollen vorüber gehen.)
Walther.
Ei, Vater, sieh den Hut dort auf der Stange.
Tell.
Was kümmert uns der Hut! Komm, laß uns gehen.
(Indem er abgehen will, tritt ihm Frießhardt mit
vorgehaltener Pike entgegen.)
Frießhardt.
In des Kaisers Namen! Haltet an und steht!
Tell (greift in die Pike).
Was wollt ihr? Warum haltet ihr mich auf?
Frießhardt.
Ihr habt’s Mandat verletzt; ihr müßt uns folgen.
Leuthold.
Ihr habt dem Hut nicht Reverenz bewiesen.
Tell.
Frießhardt.
Fort, fort ins Gefängniß!
Walther.
Den Vater ins Gefängniß! Hülfe! Hülfe!
(In die Scene rufend.)
Herbei, ihr Männer, gute Leute, helft!
Gewalt! Gewalt! Sie führen ihn gefangen.
Rösselmann, der
Pfarrer, und Petermann, der Sigrist,
kommen herbei, mit drei andern Männern.
Sigrist.
Rösselmann.
Was legst du Hand an diesen Mann?
Frießhardt.
Er ist ein Feind des Kaisers, ein Verräther?
Tell (faßt ihn heftig).
Rösselmann.
Du irrst dich, Freund! Das ist
Der Tell, ein Ehrenmann und guter Bürger.
Walther
(erblickt Walther Fürsten und eilt ihm entgegen).
Großvater, hilf! Gewalt geschieht dem Vater.
Frießhardt.
Walther Fürst (herbeieilend).
Ich leiste Bürgschaft, haltet!
— Um Gottes willen, Tell, was ist geschehen?
Melchthal und Stauffacher kommen.
Frießhardt.
Des Landvogts oberherrliche Gewalt
Verachtet er und will sie nicht erkennen.
Stauffacher.
Das hätt’ der Tell gethan?
Melchthal.
Leuthold.
Er hat dem Hut nicht Reverenz bewiesen.
Walther Fürst.
Und darum soll er ins Gefängniß? Freund,
Nimm meine Bürgschaft an und laß ihn ledig.
Frießhardt.
Bürg du für dich und deinen eignen Leib!
Wir thun, was unsers Amtes — Fort mit ihm!
Melchthal (zu den Landleuten).
Nein, das ist schreiende Gewalt! Ertragen wir’s,
Daß man ihn fortführt, frech, vor unsern Augen?
Sigrist.
Wir sind die Stärkern. Freunde, duldet’s nicht!
Wir haben einen Rücken an den Andern.
Frießhardt.
Wer widersetzt sich dem Befehl des Vogts?
Noch drei Landleute (herbeieilend).
Wir helfen euch. Was gibt’s? Schlagt sie zu Boden!
(Hildegard, Mechthild und Elsbeth kommen zurück.)
Tell.
Ich helfe mir schon selbst. Geht, gute Leute.
Meint ihr, wenn ich die Kraft gebrauchen wollte,
Ich würde mich vor ihren Spießen fürchten?
Melchthal (zu Frießhardt).
Wag’s, ihn aus unsrer Mitte wegzuführen!
Walther Fürst und Stauffacher.
Frießhardt (schreit).
(Man hört Jagdhörner).
Weiber.
Frießhardt (erhebt die Stimme).
Stauffacher.
Schrei, bis du berstest, Schurke!
Rösselmann und Melchthal.
Frießhardt (ruft noch lauter).
Zu Hülf, zu Hülf den Dienern des Gesetzes!
Walther Fürst.
Da ist der Vogt! Weh uns, was wird das werden!
Geßler zu Pferd, den Falken auf der Faust, Rudolph der
Harras, Bertha und Rudenz, ein großes Gefolge von
bewaffneten Knechten, welche einen Kreis von Piken um die ganze
Scene schließen.
Rudolph der Harras.
Platz, Platz dem Landvogt!
Geßler.
Treibt sie auseinander!
Was läuft das Volk zusammen? Wer ruft zu Hülfe?
(Allgemeine Stille.)
Wer war’s? Ich will es wissen.
(Zu Frießhardt.)
Du tritt vor!
Wer bist du, und was hältst du diesen Mann?
(Er gibt den Falken einem Diener.)
Frießhardt.
Gestrenger Herr, ich bin dein Waffenknecht
Und wohlbestellter Wächter bei dem Hut.
Diesen Mann ergriff ich über frischer That,
Wie er dem Hut den Ehrengruß versagte.
Verhaften wollt’ ich ihn, wie du befahlst,
Und mit Gewalt will ihn das Volk entreißen.
Geßler (nach einer Pause).
Verachtest du so deinen Kaiser, Tell,
Und mich, der hier an seiner Statt gebietet,
Daß du die Ehr’ versagst dem Hut, den ich
Zur Prüfung des Gehorsams aufgehangen?
Dein böses Trachten hast du mir verrathen.
Tell.
Verzeiht mir, lieber Herr! Aus Unbedacht,
Nicht aus Verachtung eurer ist’s geschehn.
Wär’ ich besonnen, hieß ich nicht der Tell.
Ich bitt’ um Gnad’, es soll nicht mehr begegnen.
Geßler (nach einigem Stillschweigen).
Du bist ein Meister auf der Armbrust, Tell,
Man sagt, du nehmst es auf mit jedem Schützen?
Walther.
Und das muß wahr seyn, Herr, ’nen Apfel schießt
Der Vater dir vom Baum auf hundert Schritte.
Geßler.
Ist das dein Knabe, Tell?
Tell.
Geßler.
Tell.
Geßler.
Und welcher ist’s, den du am meisten liebst?
Tell.
Herr, beide sind sie mir gleich liebe Kinder.
Geßler.
Nun, Tell! weil du den Apfel triffst vom Baume
Auf hundert Schritt, so wirst du deine Kunst
Vor mir bewähren müssen. — Nimm die Armbrust —
Du hast sie gleich zur Hand — und mach dich fertig,
Einen Apfel von des Knaben Kopf zu schießen —
Doch, will ich rathen, ziele gut, daß du
Den Apfel treffest auf den ersten Schuß;
Denn, fehlst du ihn, so ist dein Kopf verloren.
(Alle geben Zeichen des Schreckens.)
Tell.
Herr — welches Ungeheure sinnet ihr
Mir an? — Ich soll vom Haupte meines Kindes —
— Nein, nein doch, lieber Herr, das kommt euch nicht
Zu Sinn — Verhüt’s der gnäd’ge Gott — Das könnt ihr
Im Ernst von einem Vater nicht begehren!
Geßler.
Du wirst den Apfel schießen von dem Kopf
Des Knaben — ich begehr’s und will’s.
Tell.
Ich soll
Mit meiner Armbrust auf das liebe Haupt
Des eignen Kindes zielen? — Eher sterb’ ich!
Geßler.
Du schießest oder stirbst mit deinem Knaben.
Tell.
Ich soll der Mörder werden meines Kinds!
Herr, ihr habt keine Kinder — wisset nicht,
Was sich bewegt in eines Vaters Herzen.
Geßler.
Ei, Tell, du bist ja plötzlich so besonnen!
Man sagte mir, daß du ein Träumer seyst
Und dich entfernst von andrer Menschen Weise.
Du liebst das Seltsame — drum hab’ ich jetzt
Ein eigen Wagstück für dich ausgesucht.
Ein Andrer wohl bedächte sich — du drückst
Die Augen zu, und greifst es herzhaft an.
Bertha.
Scherzt nicht, o Herr, mit diesen armen Leuten!
Ihr seht sie bleich und zitternd stehn — So wenig
Sind sie Kurzweils gewohnt aus eurem Munde.
Geßler.
Wer sagt euch, daß ich scherze?
(Greift nach einem Baumzweige, der über ihn herhängt.)
Hier ist der Apfel.
Man mache Raum — er nehme seine Weite,
Wie’s Brauch ist — achtzig Schritte geb’ ich ihm —
Nicht weniger, noch mehr — Er rühmte sich,
Auf ihrer hundert seinen Mann zu treffen —
Jetzt, Schütze, triff, und fehle nicht das Ziel!
Rudolph der Harras.
Gott, das wird ernsthaft — Falle nieder, Knabe,
Es gilt, und fleh’ den Landvogt um dein Leben!
Walther Fürst
(beiseite zu Melchthal, der kaum seine Ungeduld bezwingt).
Haltet an euch! ich fleh’ euch drum, bleibt ruhig!
Bertha (zum Landvogt).
Laßt es genug seyn, Herr! Unmenschlich ist’s,
Mit eines Vaters Angst also zu spielen.
Wenn dieser arme Mann auch Leib und Leben
Verwirkt durch seine leichte Schuld, bei Gott!
Er hätte jetzt zehnfachen Tod empfunden.
Entlaßt ihn ungekränkt in seine Hütte,
Er hat euch kennen lernen; dieser Stunde
Wird er und seine Kindeskinder denken.
Geßler.
Oeffnet die Gasse — Frisch, was zauderst du?
Dein Leben ist verwirkt, ich kann dich tödten;
Und, sieh, ich lege gnädig dein Geschick
In deine eigne kunstgeübte Hand.
Der kann nicht klagen über harten Spruch,
Den man zum Meister seines Schicksals macht.
Du rühmst dich deines sichern Blicks. Wohlan!
Hier gilt es, Schütze, deine Kunst zu zeigen;
Das Ziel ist würdig, und der Preis ist groß!
Das Schwarze treffen in der Scheibe, das
Kann auch ein Andrer; der ist mir der Meister,
Der seiner Kunst gewiß ist überall,
Dem ’s Herz nicht in die Hand tritt, noch ins Auge.
Walther Fürst (wirft sich vor ihm nieder).
Herr Landvogt, wir erkennen eure Hoheit;
Doch lasset Gnad’ für Recht ergehen, nehmt
Die Hälfte meiner Habe, nehmt sie ganz!
Nur dieses Gräßliche erlasset einem Vater!
Walther Tell.
Großvater, knie nicht vor dem falschen Mann!
Sagt, wo ich hinstehn soll. Ich fürcht’ mich nicht.
Der Vater trifft den Vogel ja im Flug,
Er wird nicht fehlen auf das Herz des Kindes.
Stauffacher.
Herr Landvogt, rührt euch nicht des Kindes Unschuld?
Rösselmann.
O, denket, daß ein Gott im Himmel ist,
Dem ihr müßt Rede stehn für eure Thaten.
Geßler (zeigt auf den Knaben).
Man bind’ ihn an die Linde dort!
Walther Tell.
Mich binden!
Nein, ich will nicht gebunden seyn. Ich will
Still halten, wie ein Lamm, und auch nicht athmen.
Wenn ihr mich bindet, nein, so kann ich’s nicht,
So werd’ ich toben gegen meine Bande.
Rudolph der Harras.
Die Augen nur laß dir verbinden, Knabe!
Walther Tell.
Warum die Augen! Denket ihr, ich fürchte
Den Pfeil von Vaters Hand? Ich will ihn fest
Erwarten und nicht zucken mit den Wimpern.
— Frisch, Vater, zeig’s, daß du ein Schütze bist!
Er glaubt dir’s nicht, er denkt uns zu verderben —
Dem Wüthrich zum Verdrusse schieß und triff!
(Er geht an die Linde, man legt ihm den Apfel auf.)
Melchthal (zu den Landleuten).
Was? Soll der Frevel sich vor unsern Augen
Vollenden? Wozu haben wir geschworen?
Stauffacher.
Es ist umsonst. Wir haben keine Waffen;
Ihr seht den Wald von Lanzen um uns her.
Melchthal.
O, hätten wir’s mit frischer That vollendet!
Verzeih’s Gott denen, die zum Aufschub riethen!
Geßler (zu Tell).
Ans Werk! Man führt die Waffen nicht vergebens.
Gefährlich ist’s, ein Mordgewehr zu tragen,
Und auf den Schützen springt der Pfeil zurück.
Dies stolze Recht, das sich der Bauer nimmt,
Beleidiget den höchsten Herrn des Landes.
Gewaffnet sey Niemand, als wer gebietet.
Freut’s euch, den Pfeil zu führen und den Bogen,
Wohl, so will ich das Ziel euch dazu geben.
Tell
(spannt die Armbrust und legt den Pfeil auf).