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Wilhelm Tell

Chapter 18: Dritte Scene.
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About This Book

Ein dramatisches Schauspiel, das in alpinen Landen spielt, folgt einem meisterhaften Schützen, dessen Weigerung, sich einem arroganten Landvogt zu beugen, eskalierende Spannungen hervorruft. Als der Herrscher einen unmöglichen Probeversuch erzwingt, der das Kind des Schützen gefährdet, zeigt der Schütze virtuose Fertigkeit und moralische Entschlossenheit und tötet später den Landvogt. Diese Tat wird zum Auslöser für die Mobilisierung von Ortsoberen und Dorfbewohnern, die Widerstand organisieren, die Unterdrückung stürzen und Selbstverwaltung zurückgewinnen. Das Stück thematisiert persönliches Gewissen, das Verhältnis von Recht und Tyrannei, gemeinschaftlichen Zusammenhalt sowie die Kosten und Pflichten politischen Widerstands.

Dritte Scene.

Die hohle Gasse bei Küßnacht.

Man steigt von hinten zwischen Felsen herunter, und die Wanderer werden, ehe sie auf der Scene erscheinen, schon von der Höhe gesehen. Felsen umschließen die ganze Scene; auf einem der vordersten ist ein Vorsprung mit Gesträuch bewachsen.

Tell (tritt auf mit der Armbrust).

Durch diese hohle Gasse muß er kommen;
Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht — Hier
Vollend’ ich’s — Die Gelegenheit ist günstig.
Dort der Hollunderstrauch verbirgt mich ihm;
Von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen;
Des Weges Enge wehret den Verfolgern.
Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt!
Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen.
Ich lebte still und harmlos — das Geschoß
War auf des Waldes Thiere nur gerichtet,
Meine Gedanken waren rein von Mord —
Du hast aus meinem Frieden mich heraus
Geschreckt; in gährend Drachengift hast du
Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt;
Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt —
Wer sich des Kindes Haupt zum Ziele setzte,
Der kann auch treffen in das Herz des Feinds.
Die armen Kindlein, die unschuldigen,
Das treue Weib muß ich vor deiner Wuth
Beschützen, Landvogt! — Da, als ich den Bogenstrang
Anzog — als mir die Hand erzitterte —
Als du mit grausam teufelischer Lust
Mich zwangst, aufs Haupt des Kindes anzulegen —
Als ich ohnmächtig flehend rang vor dir,
Damals gelobt’ ich mir in meinem Innern
Mit furchtbarm Eidschwur, den nur Gott gehört,
Daß meines nächsten Schusses erstes Ziel
Dein Herz seyn sollte — Was ich mir gelobt
In jenes Augenblickes Höllenqualen,
Ist eine heil’ge Schuld — ich will sie zahlen.
Du bist mein Herr und meines Kaisers Vogt;
Doch nicht der Kaiser hätte sich erlaubt,
Was du — Er sandte dich in diese Lande,
Um Recht zu sprechen — strenges, denn er zürnet —
Doch nicht, um mit der mörderischen Lust
Dich jedes Gräuels straflos zu erfrechen;
Es lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen.
Komm du hervor, du Bringer bittrer Schmerzen,
Mein theures Kleinod jetzt, mein höchster Schatz —
Ein Ziel will ich dir geben, das bis jetzt
Der frommen Bitte undurchdringlich war —
Doch dir soll es nicht widerstehn — Und du,
Vertraute Bogensehne, die so oft
Mir treu gedient hat in der Freude Spielen,
Verlass’ mich nicht im fürchterlichen Ernst!
Nur jetzt noch halte fest, du treuer Strang,
Der mir so oft den herben Pfeil beflügelt —
Entränn’ er jetzo kraftlos meinen Händen,
Ich habe keinen zweiten zu versenden.

(Wanderer gehen über die Scene.)

Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen,
Dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet —
Denn hier ist keine Heimat — Jeder treibt
Sich an dem Andern rasch und fremd vorüber
Und fraget nicht nach seinem Schmerz — Hier geht
Der sorgenvolle Kaufmann und der leicht
Geschürzte Pilger — der andächt’ge Mönch,
Der düstre Räuber und der heitre Spielmann,
Der Säumer mit dem schwer beladnen Roß,
Der ferne herkommt von der Menschen Ländern,
Denn jede Straße führt ans End der Welt.
Sie alle ziehen ihres Weges fort
An ihr Geschäft — und meines ist der Mord!

(Setzt sich.)

Sonst, wenn der Vater auszog, liebe Kinder,
Da war ein Freuen, wenn er wieder kam;
Denn niemals kehrt’ er heim, er bracht’ euch etwas,
War’s eine schöne Alpenblume, war’s
Ein seltner Vogel oder Ammonshorn,
Wie es der Wandrer findet auf den Bergen —
Jetzt geht er einem andern Waidwerk nach,
Am wilden Weg sitzt er mit Mordgedanken;
Des Feindes Leben ist’s, worauf er lauert.
— Und doch an euch nur denkt er, liebe Kinder,
Auch jetzt — euch zu vertheid’gen, eure holde Unschuld
Zu schützen vor der Rache des Tyrannen,
Will er zum Morde jetzt den Bogen spannen.

(Steht auf.)

Ich laure auf ein edles Wild — Läßt sich’s
Der Jäger nicht verdrießen, Tage lang
Umher zu streifen in des Winters Strenge,
Von Fels zu Fels den Wagesprung zu thun,
Hinan zu klimmen an den glatten Wänden,
Wo er sich anleimt mit dem eignen Blut,
— Um ein armselig Gratthier zu erjagen.
Hier gilt es einen köstlicheren Preis,
Das Herz des Todfeinds, der mich will verderben.

(Man hört von ferne eine heitere Musik, welche sich nähert.)

Mein ganzes Leben lang hab’ ich den Bogen
Gehandhabt, mich geübt nach Schützenregel;
Ich habe oft geschossen in das Schwarze
Und manchen schönen Preis mir heimgebracht
Vom Freudenschießen — Aber heute will ich
Den Meisterschuß thun und das Beste mir
Im ganzen Umkreis des Gebirgs gewinnen.

Eine Hochzeit zieht über die Scene und durch den Hohlweg hinauf. Tell betrachtet sie, auf seinen Bogen gelehnt; Stüssi, der Flurschütz, gesellt sich zu ihm.

Stüssi.

Das ist der Klostermei’r von Mörlischachen,
Der hier den Brautlauf hält — ein reicher Mann —
Er hat wohl zehen Senten auf den Alpen.
Die Braut holt er jetzt ab zu Imisee,
Und diese Nacht wird hoch geschwelgt zu Küßnacht.
Komm mit! ’s ist jeder Biedermann geladen.

Tell.

Ein ernster Gast stimmt nicht zum Hochzeithaus.

Stüssi.

Drückt euch ein Kummer, werft ihn frisch vom Herzen!
Nehmt mit, was kommt; die Zeiten sind jetzt schwer;
Drum muß der Mensch die Freude leicht ergreifen.
Hier wird gefreit und anderswo begraben.

Tell.

Und oft kommt gar das Eine zu dem Andern.

Stüssi.

So geht die Welt nun. Es gibt allerwegen
Unglücks genug — Ein Ruffi ist gegangen
Im Glarner Land, und eine ganze Seite
Vom Glärnisch eingesunken.

Tell.

Wanken auch
Die Berge selbst? Es steht nichts fest auf Erden.

Stüssi.

Auch anderswo vernimmt man Wunderdinge.
Da sprach ich Einen, der von Baden kam.
Ein Ritter wollte zu dem König reiten,
Und unterwegs begegnet ihm ein Schwarm
Von Hornissen; die fallen auf sein Roß,
Daß es vor Marter todt zu Boden sinkt,
Und er zu Fuße ankommt bei dem König.

Tell.

Dem Schwachen ist sein Stachel auch gegeben.

Armgart kommt mit mehreren Kindern und stellt sich an den Eingang des Hohlwegs.

Stüssi.

Man deutet’s auf ein großes Landesunglück,
Auf schwere Thaten wider die Natur.

Tell.

Dergleichen Thaten bringet jeder Tag;
Kein Wunderzeichen braucht sie zu verkünden.

Stüssi.

Ja, wohl dem, der sein Feld bestellt in Ruh,
Und ungekränkt daheim sitzt bei den Seinen.

Tell.

Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben,
Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.

(Tell sieht oft mit unruhiger Erwartung nach der Höhe des Weges.)

Stüssi.

Gehabt euch wohl — Ihr wartet hier auf Jemand.

Tell.

Das thu’ ich.

Stüssi.

Frohe Heimkehr zu den Euren!
— Ihr seyd aus Uri? Unser gnäd’ger Herr,
Der Landvogt, wird noch heut von dort erwartet.

Wandrer (kommt).

Den Vogt erwartet heut nicht mehr. Die Wasser
Sind ausgetreten von dem großen Regen.
Und alle Brücken hat der Strom zerrissen.

(Tell steht auf.)

Armgart (kommt vorwärts).

Der Landvogt kommt nicht?

Stüssi.

Sucht ihr was an ihn?

Armgart.

Ach freilich!

Stüssi.

Warum stellet ihr euch denn
In dieser hohlen Gass’ ihm in den Weg?

Armgart.

Hier weicht er mir nicht aus, er muß mich hören.

Frießhardt

(kommt eilfertig den Hohlweg herab und ruft in die Scene).

Man fahre aus dem Weg — Mein gnäd’ger Herr,
Der Landvogt, kommt dicht hinter mir geritten.
(Tell geht ab.)

Armgart (lebhaft).

Der Landvogt kommt!

(Sie geht mit ihren Kindern nach der vordern Scene. Geßler und Rudolph der Harras zeigen sich zu Pferd auf der Höhe des Wegs.)

Stüssi (zum Frießhardt).

Wie kamt ihr durch das Wasser,
Da doch der Strom die Brücken fortgeführt?

Frießhardt.

Wir haben mit dem See gefochten, Freund,
Und fürchten uns vor keinem Alpenwasser.

Stüssi.

Ihr wart zu Schiff in dem gewalt’gen Sturm?

Frießhardt.

Das waren wir. Mein Lebtag denk’ ich dran —

Stüssi.

O, bleibt, erzählt!

Frießhardt.

Laßt mich, ich muß voraus,
Den Landvogt muß ich in der Burg verkünden.
(Ab.)

Stüssi.

Wär’n gute Leute auf dem Schiff gewesen,
In Grund gesunken wär’s mit Mann und Maus;
Dem Volk kann weder Wasser bei noch Feuer.

(Er sieht sich um.)

Wo kam der Waidmann hin, mit dem ich sprach?
(Geht ab.)

Geßler und Rudolph der Harras zu Pferd.

Geßler.

Sagt, was ihr wollt, ich bin des Kaisers Diener
Und muß drauf denken, wie ich ihm gefalle.
Er hat mich nicht ins Land geschickt, dem Volk
Zu schmeicheln und ihm sanft zu thun — Gehorsam
Erwartet er; der Streit ist, ob der Bauer
Soll Herr seyn in dem Lande oder der Kaiser.

Armgart.

Jetzt ist der Augenblick! Jetzt bring’ ich’s an!

(Nähert sich furchtsam.)

Geßler.

Ich hab’ den Hut nicht aufgesteckt zu Altorf
Des Scherzes wegen, oder um die Herzen
Des Volks zu prüfen; diese kenn’ ich längst.
Ich hab’ ihn aufgesteckt, daß sie den Nacken
Mir lernen beugen, den sie aufrecht tragen —
Das Unbequeme hab’ ich hingepflanzt
Auf ihren Weg, wo sie vorbeigehn müssen,
Daß sie drauf stoßen mit dem Aug’, und sich
Erinnern ihres Herrn, den sie vergessen.

Rudolph.

Das Volk hat aber doch gewisse Rechte —

Geßler.

Die abzuwägen, ist jetzt keine Zeit!
— Weitschicht’ge Dinge sind im Werk und Werden;
Das Kaiserhaus will wachsen; was der Vater
Glorreich begonnen, will der Sohn vollenden.
Dies kleine Volk ist uns ein Stein im Weg —
So oder so — es muß sich unterwerfen.

(Sie wollen vorüber. Die Frau wirft sich vor dem Landvogt nieder.)

Armgart.

Barmherzigkeit, Herr Landvogt! Gnade! Gnade!

Geßler.

Was dringt ihr euch auf offner Straße mir
In Weg — Zurück!

Armgart.

Mein Mann liegt im Gefängniß;
Die armen Waisen schrein nach Brod — Habt Mitleid,
Gestrenger Herr, mit unserm großen Elend?

Rudolph.

Wer seyd ihr? Wer ist euer Mann?

Armgart.

Ein armer
Wildheuer, guter Herr, vom Rigiberge,
Der überm Abgrund weg das freie Gras
Abmähet von den schroffen Felsenwänden,
Wohin das Vieh sich nicht getraut zu steigen —

Rudolph (zum Landvogt).

Bei Gott! ein elend und erbärmlich Leben!
Ich bitt’ euch, gebt ihn los, den armen Mann!
Was er auch Schweres mag verschuldet haben,
Strafe genug ist sein entsetzlich Handwerk.

(Zu der Frau.)

Euch soll Recht werden — Drinnen auf der Burg
Nennt eure Bitte — Hier ist nicht der Ort.

Armgart.

Nein, nein, ich weiche nicht von diesem Platz,
Bis mir der Vogt den Mann zurückgegeben!
Schon in den sechsten Mond liegt er im Thurm
Und harret auf den Richterspruch vergebens.

Geßler.

Weib, wollt ihr mir Gewalt anthun? Hinweg!

Armgart.

Gerechtigkeit, Landvogt! Du bist der Richter
Im Lande an des Kaisers Statt und Gottes.
Thu deine Pflicht! So du Gerechtigkeit
Vom Himmel hoffest, so erzeig sie uns!

Geßler.

Fort! Schafft das freche Volk mir aus den Augen.

Armgart (greift in die Zügel des Pferdes).

Nein, nein, ich habe nichts mehr zu verlieren.
— Du kommst nicht von der Stelle, Vogt, bis du
Mir Recht gesprochen — Falte deine Stirne,
Rolle die Augen, wie du willst — Wir sind
So gränzenlos unglücklich, daß wir nichts
Nach deinem Zorn mehr fragen —

Geßler.

Weib, mach Platz
Oder mein Roß geht über dich hinweg.

Armgart.

Laß es über mich dahin gehn — Da —

(Sie reißt ihre Kinder zu Boden und wirft sich mit ihnen ihm in den Weg.)

Hier lieg’ ich
Mit meinen Kindern — Laß die armen Waisen
Von deines Pferdes Huf zertreten werden!
Es ist das Aergste nicht, was du gethan —

Rudolph.

Weib, seyd ihr rasend?

Armgart (heftiger fortfahrend).

Tratest du doch längst
Das Land des Kaisers unter deine Füße!
— O, ich bin nur ein Weib. Wär’ ich ein Mann,
Ich wüßte wohl was Besseres, als hier
Im Staub zu liegen —

(Man hört die vorige Musik wieder auf der Höhe des Wegs, aber gedämpft.)

Geßler.

Wo sind meine Knechte?
Man reiße sie von hinnen oder ich
Vergesse mich und thue, was mich reuet.

Rudolph.

Die Knechte können nicht hindurch, o Herr!
Der Hohlweg ist gesperrt durch eine Hochzeit.

Geßler.

Ein allzu milder Herrscher bin ich noch
Gegen dies Volk — die Zungen sind noch frei,
Es ist noch nicht ganz, wie es soll, gebändigt —
Doch es soll anders werden, ich gelob’ es;
Ich will ihn brechen, diesen starren Sinn,
Den kecken Geist der Freiheit will ich beugen,
Ein neu Gesetz will ich in diesen Landen
Verkündigen — Ich will —

(Ein Pfeil durchbohrt ihn; er fährt mit der Hand ans Herz und will sinken. Mit matter Stimme.)

Gott sey mir gnädig!

Rudolph.

Herr Landvogt — Gott! Was ist das? Woher kam das?

Armgart (auffahrend).

Mord! Mord! Er taumelt, sinkt! Er ist getroffen!

Rudolph (springt vom Pferde).

Welch gräßliches Ereigniß — Gott — Herr Ritter —
Ruft die Erbarmung Gottes an! Ihr seyd
Ein Mann des Todes!

Geßler.

Das ist Tells Geschoß.

(Ist vom Pferde herab dem Rudolph Harras in den Arm gegleitet und wird auf der Bank niedergelassen.)

Tell

(erscheint oben auf der Höhe des Felsen).

Du kennst den Schützen, suche keinen andern!
Frei sind die Hütten, sicher ist die Unschuld
Vor dir, du wirst dem Lande nicht mehr schaden.

(Verschwindet von der Höhe. Volk stürzt herein.)

Stüssi (voran).

Was gibt es hier? Was hat sich zugetragen?

Armgart.

Der Landvogt ist von einem Pfeil durchschossen.

Volk (im Hereinstürzen).

Wer ist erschossen?

(Indem die Vordersten von dem Brautzug auf die Scene kommen, sind die Hintersten noch auf der Höhe, und die Musik geht fort.)

Rudolph der Harras.

Er verblutet sich.
Fort, schaffet Hülfe! Setzt dem Mörder nach!
— Verlorner Mann, so muß es mit dir enden;
Doch meine Warnung wolltest du nicht hören!

Stüssi.

Bei Gott, da liegt er bleich und ohne Leben!

Viele Stimmen.

Wer hat die That gethan?

Rudolph der Harras.

Rast dieses Volk,
Daß es dem Mord Musik macht? Laßt sie schweigen!

(Musik bricht plötzlich ab, es kommt noch mehr Volk nach.)

Herr Landvogt, redet, wenn ihr könnt — Habt ihr
Mir nichts mehr zu vertrauen?

(Geßler gibt Zeichen mit der Hand, die er mit Heftigkeit wiederholt, da sie nicht gleich verstanden werden.)

Wo soll ich hin?
— Nach Küßnacht? Ich versteh’ euch nicht — O, werdet
Nicht ungeduldig — Laßt das Irdische!
Denkt jetzt, euch mit dem Himmel zu versöhnen.

(Die ganze Hochzeitgesellschaft umsteht den Sterbenden mit einem fühllosen Grausen.)

Stüssi.

Sieh, wie er bleich wird — Jetzt, jetzt tritt der Tod
Ihm an das Herz — die Augen sind gebrochen.

Armgart (hebt ein Kind empor).

Seht, Kinder, wie ein Wütherich verscheidet!

Rudolph der Harras.

Wahnsinnige Weiber, habt ihr kein Gefühl,
Daß ihr den Blick an diesem Schreckniß weidet?
— Helft — leget Hand an — Steht mir Niemand bei,
Den Schmerzenspfeil ihm aus der Brust zu ziehn?

Weiber (treten zurück).

Wir ihn berühren, welchen Gott geschlagen?

Rudolph der Harras.

Fluch treff’ euch und Verdammniß!

(Zieht das Schwert.)

Stüssi (fällt ihm in den Arm).

Wagt es, Herr!
Eu’r Walten hat ein Ende. Der Tyrann
Des Landes ist gefallen. Wir erdulden
Keine Gewalt mehr. Wir sind freie Menschen.

Alle (tumultuarisch).

Das Land ist frei!

Rudolph der Harras.

Ist es dahin gekommen? —
Endet die Furcht so schnell und der Gehorsam?

(Zu den Waffenknechten, die hereindringen.)

Ihr seht die grausenvolle That des Mords,
Die hier geschehen — Hülfe ist umsonst —
Vergeblich ist’s dem Mörder nachzusetzen.
Uns drängen andre Sorgen — Auf, nach Küßnacht,
Daß wir dem Kaiser seine Veste retten!
Denn aufgelöst in diesem Augenblick
Sind aller Ordnung, aller Pflichten Bande,
Und keines Mannes Treu ist zu vertrauen.

Indem er mit den Waffenknechten abgeht, erscheinen sechs barmherzige Brüder.

Armgart.

Platz! Platz! Da kommen die barmherz’gen Brüder.

Stüssi.

Das Opfer liegt — die Raben steigen nieder.

Barmherzige Brüder

(schließen einen Halbkreis um den Todten und singen im tiefen Ton).

Rasch tritt der Tod den Menschen an;
Es ist ihm keine Frist gegeben;
Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
Es reißt ihn fort vom vollen Leben.
Bereitet oder nicht, zu gehen,
Er muß vor seinen Richter stehen!

(Indem die letzten Zeilen wiederholt werden, fällt der Vorhang.)