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Wilhelm Tell

Chapter 20: Erste Scene.
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About This Book

Ein dramatisches Schauspiel, das in alpinen Landen spielt, folgt einem meisterhaften Schützen, dessen Weigerung, sich einem arroganten Landvogt zu beugen, eskalierende Spannungen hervorruft. Als der Herrscher einen unmöglichen Probeversuch erzwingt, der das Kind des Schützen gefährdet, zeigt der Schütze virtuose Fertigkeit und moralische Entschlossenheit und tötet später den Landvogt. Diese Tat wird zum Auslöser für die Mobilisierung von Ortsoberen und Dorfbewohnern, die Widerstand organisieren, die Unterdrückung stürzen und Selbstverwaltung zurückgewinnen. Das Stück thematisiert persönliches Gewissen, das Verhältnis von Recht und Tyrannei, gemeinschaftlichen Zusammenhalt sowie die Kosten und Pflichten politischen Widerstands.

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.

Oeffentlicher Platz bei Altorf.

Im Hintergrunde rechts die Veste Zwing Uri mit dem noch stehenden Baugerüste, wie in der dritten Scene des ersten Aufzugs; links eine Aussicht in viele Berge hinein, auf welchen allen Signalfeuer brennen. Es ist eben Tagesanbruch, Glocken ertönen aus verschiedenen Fernen.

Ruodi, Kuoni, Werni, Meister Steinmetz und viele andere Landleute, auch Weiber und Kinder.

Ruodi.

Seht ihr die Feu’rsignale auf den Bergen?

Steinmetz.

Hört ihr die Glocken drüben überm Wald?

Ruodi.

Die Feinde sind verjagt.

Steinmetz.

Die Burgen sind erobert.

Ruodi.

Und wir im Lande Uri dulden noch
Auf unserm Boden das Tyrannenschloß?
Sind wir die Letzten, die sich frei erklären?

Steinmetz.

Das Joch soll stehen, das uns zwingen wollte?
Auf, reißt es nieder!

Alle.

Nieder! nieder! nieder!

Ruodi.

Wo ist der Stier von Uri?

Stier von Uri.

Hier. Was soll ich?

Ruodi.

Steigt auf die Hochwacht, blast in euer Horn,
Daß es weitschmetternd in die Berge schalle,
Und, jedes Echo in den Felsenklüften
Aufweckend, schnell die Männer des Gebirgs
Zusammenrufe!

Stier von Uri geht ab. Walther Fürst kommt.

Walther Fürst.

Haltet, Freunde! Haltet!
Noch fehlt uns Kunde, was in Unterwalden
Und Schwytz geschehen. Laßt uns Boten erst
Erwarten.

Ruodi.

Was erwarten? Der Tyrann
Ist todt; der Tag der Freiheit ist erschienen.

Steinmetz.

Ist’s nicht genug an diesen flammenden Boten,
Die rings herum auf allen Bergen leuchten?

Ruodi.

Kommt Alle, kommt, legt Hand an, Männer und Weiber.
Brecht das Gerüste! Sprengt die Bogen! Reißt
Die Mauern ein! Kein Stein bleib’ auf dem andern.

Steinmetz.

Gesellen, kommt! Wir haben’s aufgebaut,
Wir wissen’s zu zerstören.

Alle.

Kommt, reißt nieder!

(Sie stürzen sich von allen Seiten auf den Bau.)

Walther Fürst.

Es ist im Lauf. Ich kann sie nicht mehr halten.

Melchthal und Baumgarten kommen.

Melchthal.

Was? steht die Burg noch, und Schloß Sarnen liegt
In Asche, und der Roßberg ist gebrochen?

Walther Fürst.

Seyd ihr es, Melchthal? Bringt ihr uns die Freiheit?
Sagt, sind die Lande alle rein vom Feind?

Melchthal (umarmt ihn).

Rein ist der Boden. Freut euch, alter Vater!
In diesem Augenblicke, da wir reden,
Ist kein Tyrann mehr in der Schweizer Land.

Walther Fürst.

O, sprecht, wie wurdet ihr der Burgen mächtig?

Melchthal.

Der Rudenz war es, der das Sarner Schloß
Mit mannlich kühner Wagethat gewann.
Den Roßberg hatt’ ich Nachts zuvor erstiegen.
— Doch höret, was geschah. Als wir das Schloß
Vom Feind geleert, nun freudig angezündet,
Die Flamme prasselnd schon zum Himmel schlug,
Da stürzt der Diethelm, Geßlers Bub, hervor
Und ruft, daß die Bruneckerin verbrenne.

Walther Fürst.

Gerechter Gott!

(Man hört die Balken des Gerüstes stürzen.)

Melchthal.

Sie war es selbst, war heimlich
Hier eingeschlossen auf des Vogts Geheiß.
Rasend erhob sich Rudenz — denn wir hörten
Die Balken schon, die festen Pfosten stürzen
Und aus dem Rauch hervor den Jammerruf
Der Unglückseligen.

Walther Fürst.

Sie ist gerettet?

Melchthal.

Da galt Geschwindseyn und Entschlossenheit!
— Wär’ er nur unser Edelmann gewesen,
Wir hätten unser Leben wohl geliebt;
Doch er war unser Eidgenoß, und Bertha
Ehrte das Volk — So setzten wir getrost
Das Leben dran und stürzten in das Feuer.

Walther Fürst.

Sie ist gerettet?

Melchthal.

Sie ist’s. Rudenz und ich,
Wir trugen sie selbander aus den Flammen,
Und hinter uns fiel krachend das Gebälk.
— Und jetzt, als sie gerettet sich erkannte,
Die Augen aufschlug zu dem Himmelslicht,
Jetzt stürzte mir der Freiherr an das Herz,
Und schweigend ward ein Bündniß jetzt beschworen,
Das fest gehärtet in des Feuers Glut
Bestehen wird in allen Schicksalsproben —

Walther Fürst.

Wo ist der Landenberg?

Melchthal.

Ueber den Brünig.
Nicht lag’s an mir, daß er das Licht der Augen
Davontrug, der den Vater mir geblendet.
Nach jagt’ ich ihm, erreicht’ ihn auf der Flucht
Und riß ihn zu den Füßen meines Vaters.
Geschwungen über ihn war schon das Schwert;
Von der Barmherzigkeit des blinden Greises
Erhielt er flehend das Geschenk des Lebens.
Urphede schwur er, nie zurück zu kehren;
Er wird sie halten; unsern Arm hat er
Gefühlt.

Walther Fürst.

Wohl euch, daß ihr den reinen Sieg
Mit Blute nicht geschändet!

Kinder

(eilen mit Trümmern des Gerüstes über die Scene).

Freiheit! Freiheit!

(Das Horn von Uri wird mit Macht geblasen.)

Walther Fürst.

Seht, welch ein Fest! Des Tages werden sich
Die Kinder spät als Greise noch erinnern.

(Mädchen bringen den Hut auf einer Stange getragen; die ganze Scene füllt sich mit Volk an.)

Ruodi.

Hier ist der Hut, dem wir uns beugen mußten.

Baumgarten.

Gebt uns Bescheid, was damit werden soll.

Walther Fürst.

Gott! Unter diesem Hute stand mein Enkel.

Mehrere Stimmen.

Zerstört das Denkmal der Tyrannenmacht!
Ins Feuer mit ihm!

Walther Fürst.

Nein, laßt ihn aufbewahren!
Der Tyrannei mußt’ er zum Werkzeug dienen;
Er soll der Freiheit ewig Zeichen seyn!

(Die Landleute, Männer, Weiber und Kinder stehen und sitzen auf den Balken des zerbrochenen Gerüstes malerisch gruppirt in einem großen Halbkreis umher.)

Melchthal.

So stehen wir nun fröhlich auf den Trümmern
Der Tyrannei, und herrlich ist’s erfüllt,
Was wir im Rütli schwuren, Eidgenossen!

Walther Fürst.

Das Werk ist angefangen, nicht vollendet.
Jetzt ist uns Muth und feste Eintracht noth;
Denn, seyd gewiß, nicht säumen wird der König,
Den Tod zu rächen seines Vogts, und den
Vertriebnen mit Gewalt zurück zu führen.

Melchthal.

Er zieh’ heran mit seiner Heeresmacht!
Ist aus dem Innern doch der Feind verjagt;
Dem Feind von Außen wollen wir begegnen.

Ruodi.

Nur wen’ge Pässe öffnen ihm das Land,
Die wollen wir mit unsern Leibern decken.

Baumgarten.

Wir sind vereinigt durch ein ewig Band,
Und seine Heere sollen uns nicht schrecken.

Rösselmann und Stauffacher kommen.

Rösselmann (im Eintreten).

Das sind des Himmels furchtbare Gerichte.

Landleute.

Was gibt’s?

Rösselmann.

In welchen Zeiten leben wir!

Walther Fürst.

Sagt an, was ist es? Ha, seyd ihr’s, Herr Werner?
Was bringt ihr uns?

Landleute.

Was gibt’s?

Rösselmann.

Hört und erstaunt!

Stauffacher.

Von einer großen Furcht sind wir befreit —

Rösselmann.

Der Kaiser ist ermordet.

Walther Fürst.

Gnäd’ger Gott!

(Landleute machen einen Aufstand und umdrängen den Stauffacher.)

Alle.

Ermordet! Was? Der Kaiser! Hört! Der Kaiser!

Melchthal.

Nicht möglich! Woher kam euch diese Kunde?

Stauffacher.

Es ist gewiß. Bei Bruck fiel König Albrecht
Durch Mörders Hand — ein glaubenswerther Mann,
Johannes Müller, bracht’ es von Schaffhausen.

Walther Fürst.

Wer wagte solche grauenvolle That?

Stauffacher.

Sie wird noch grauenvoller durch den Thäter.
Es war sein Neffe, seines Bruders Kind,
Herzog Johann von Schwaben, der’s vollbrachte.

Melchthal.

Was trieb ihn zu der That des Vatermords?

Stauffacher.

Der Kaiser hielt das väterliche Erbe
Dem ungeduldig Mahnenden zurück;
Es hieß, er denk’ ihn ganz darum zu kürzen,
Mit einem Bischofshut ihn abzufinden.
Wie dem auch sey — der Jüngling öffnete
Der Waffenfreunde bösem Rath sein Ohr,
Und mit den edeln Herrn von Eschenbach,
Von Tegerfelden, von der Wart und Palm
Beschloß er, da er Recht nicht konnte finden,
Sich Rach’ zu holen mit der eignen Hand.

Walther Fürst.

O, sprecht, wie ward das Gräßliche vollendet?

Stauffacher.

Der König ritt herab vom Stein zu Baden,
Gen Rheinfeld, wo die Hofstatt war, zu ziehn,
Mit ihm die Fürsten Hans und Leopold
Und ein Gefolge hochgeborner Herren.
Und, als sie kamen an die Reuß, wo man
Auf einer Fähre sich läßt übersetzen,
Da drängten sich die Mörder in das Schiff,
Daß sie den Kaiser vom Gefolge trennten.
Drauf, als der Fürst durch ein geackert Feld
Hinreitet — eine alte große Stadt
Soll drunter liegen aus der Heidenzeit —
Die alte Veste Habsburg im Gesicht,
Wo seines Stammes Hoheit ausgegangen —
Stößt Herzog Hans den Dolch ihm in die Kehle,
Rudolph von Palm durchrennt ihn mit dem Speer,
Und Eschenbach zerspaltet ihm das Haupt,
Daß er heruntersinkt in seinem Blut,
Gemordet von den Seinen auf dem Seinen.
Am andern Ufer sahen sie die That;
Doch, durch den Strom geschieden, konnten sie
Nur ein ohnmächtig Wehgeschrei erheben;
Am Wege aber saß ein armes Weib,
In ihrem Schooß verblutete der Kaiser.

Melchthal.

So hat er nur sein frühes Grab gegraben,
Der unersättlich Alles wollte haben!

Stauffacher.

Ein ungeheurer Schrecken ist im Land umher;
Gesperrt sind alle Pässe des Gebirgs;
Jedweder Stand verwahret seine Gränzen;
Die alte Zürich selbst schloß ihre Thore,
Die dreißig Jahr lang offen standen, zu,
Die Mörder fürchtend und noch mehr — die Rächer.
Denn, mit des Bannes Fluch bewaffnet, kommt
Der Ungarn Königin, die strenge Agnes,
Die nicht die Milde kennet ihres zarten
Geschlechts, des Vaters königliches Blut
Zu rächen an der Mörder ganzem Stamm,
An ihren Knechten, Kindern, Kindeskindern,
Ja, an den Steinen ihrer Schlösser selbst.
Geschworen hat sie, ganze Zeugungen
Hinabzusenden in des Vaters Grab,
In Blut sich, wie in Maienthau, zu baden.

Melchthal.

Weiß man, wo sich die Mörder hingeflüchtet?

Stauffacher.

Sie flohen alsbald nach vollbrachter That
Auf fünf verschiednen Straßen auseinander
Und trennten sich, um nie sich mehr zu sehn —
Herzog Johann soll irren im Gebirge.

Walther Fürst.

So trägt die Unthat ihnen keine Frucht!
Rache trägt keine Frucht! Sich selbst ist sie
Die fürchterliche Nahrung, ihr Genuß
Ist Mord, und ihre Sättigung das Grausen.

Stauffacher.

Den Mördern bringt die Unthat nicht Gewinn;
Wir aber brechen mit der reinen Hand
Des blut’gen Frevels segenvolle Frucht.
Denn einer großen Furcht sind wir entledigt:
Gefallen ist der Freiheit größter Feind,
Und, wie verlautet, wird das Scepter gehn
Aus Habsburgs Haus zu einem andern Stamm;
Das Reich will seine Wahlfreiheit behaupten.

Walther Fürst und Mehrere.

Vernahmt ihr was?

Stauffacher.

Der Graf von Luxemburg
Ist von den mehrsten Stimmen schon bezeichnet.

Walther Fürst.

Wohl uns, daß wir beim Reiche treu gehalten;
Jetzt ist zu hoffen auf Gerechtigkeit!

Stauffacher.

Dem neuen Herrn thun tapfre Freunde noth;
Er wird uns schirmen gegen Oestreichs Rache.

(Die Landleute umarmen einander.)

Sigrist mit einem Reichsboten.

Sigrist.

Hier sind des Landes würd’ge Oberhäupter.

Rösselmann und Mehrere.

Sigrist, was gibt’s?

Sigrist.

Ein Reichsbot bringt dies Schreiben.

Alle (zu Walther Fürst).

Erbrecht und leset.

Walther Fürst (liest).

„Den bescheidnen Männern
Von Uri, Schwytz und Unterwalden bietet
Die Königin Elsbeth Gnad’ und alles Guts.“

Viele Stimmen.

Was will die Königin? Ihr Reich ist aus.

Walther Fürst (liest).

„In ihrem großen Schmerz und Wittwenleid,
Worein der blut’ge Hinscheid ihres Herrn
Die Königin versetzt, gedenkt sie noch
Der alten Treu’ und Lieb der Schwytzerlande.“

Melchthal.

In ihrem Glück hat sie das nie gethan.

Rösselmann.

Still! Lasset hören!

Walther Fürst (liest).

„Und sie versieht sich zu dem treuen Volk,
Daß es gerechten Abscheu werde tragen
Vor den verfluchten Thätern dieser That;
Darum erwartet sie von den drei Landen,
Daß sie den Mördern nimmer Vorschub thun,
Vielmehr getreulich dazu helfen werden,
Sie auszuliefern in des Rächers Hand,
Der Lieb gedenkend und der alten Gunst,
Die sie von Rudolphs Fürstenhaus empfangen.“

(Zeichen des Unwillens unter den Landleuten.)

Viele Stimmen.

Der Lieb’ und Gunst!

Stauffacher.

Wir haben Gunst empfangen von dem Vater;
Doch wessen rühmen wir uns von dem Sohn?
Hat er den Brief der Freiheit uns bestätigt,
Wie vor ihm alle Kaiser doch gethan?
Hat er gerichtet nach gerechtem Spruch
Und der bedrängten Unschuld Schutz verliehn?
Hat er auch nur die Boten wollen hören,
Die wir in unsrer Angst zu ihm gesendet?
Nicht Eins von diesem Allen hat der König
An uns gethan, und, hätten wir nicht selbst
Uns Recht verschafft mit eigner muth’ger Hand,
Ihn rührte unsre Noth nicht an — Ihm Dank?
Nicht Dank hat er gesät in diesen Thälern.
Er stand auf einem hohen Platz, er konnte
Ein Vater seiner Völker seyn; doch ihm
Gefiel es, nur zu sorgen für die Seinen.
Die er gemehrt hat, mögen um ihn weinen!

Walther Fürst.

Wir wollen nicht frohlocken seines Falls,
Nicht des empfangnen Bösen jetzt gedenken,
Fern sey’s von uns! Doch, daß wir rächen sollten
Des Königs Tod, der nie uns Gutes that,
Und die verfolgen, die uns nie betrübten,
Das ziemt uns nicht und will uns nicht gebühren.
Die Liebe will ein freies Opfer seyn;
Der Tod entbindet von erzwungnen Pflichten!
— Ihm haben wir nichts weiter zu entrichten.

Melchthal.

Und weint die Königin in ihrer Kammer,
Und klagt ihr wilder Schmerz den Himmel an,
So seht ihr hier ein angstbefreites Volk
Zu eben diesem Himmel dankend flehen —
Wer Thränen ernten will, muß Liebe säen.

(Reichsbote geht ab.)

Stauffacher (zu dem Volk).

Wo ist der Tell? Soll er allein uns fehlen,
Der unsrer Freiheit Stifter ist? Das Größte
Hat er gethan, das Härteste erduldet.
Kommt Alle, kommt nach seinem Haus zu wallen,
Und rufet Heil dem Retter von uns Allen.
(Alle gehen ab.)