Zweite Scene.
Tells Hausflur.
Ein Feuer brennt auf dem Herd. Die offenstehende Thüre zeigt ins
Freie.
Hedwig, Walther und Wilhelm.
Hedwig.
Heut kommt der Vater. Kinder, liebe Kinder!
Er lebt, ist frei, und wir sind frei und Alles!
Und euer Vater ist’s, der’s Land gerettet.
Walther.
Und ich bin auch dabei gewesen, Mutter!
Mich muß man auch mit nennen. Vaters Pfeil
Ging mir am Leben hart vorbei, und ich
Hab’ nicht gezittert.
Hedwig (umarmt ihn).
Ja, du bist mir wieder
Gegeben! Zweimal hab’ ich dich geboren!
Zweimal litt ich den Mutterschmerz um dich!
Es ist vorbei — ich hab’ euch beide, beide!
Und heute kommt der liebe Vater wieder!
Ein Mönch erscheint an der Hausthür.
Wilhelm.
Sieh, Mutter, sieh — dort steht ein frommer Bruder;
Gewiß wird er um eine Gabe flehn.
Hedwig.
Führ’ ihn herein, damit wir ihn erquicken;
Er fühl’s, daß er ins Freudenhaus gekommen.
(Geht hinein und kommt bald mit einem Becher wieder.)
Wilhelm (zum Mönch).
Kommt, guter Mann. Die Mutter will euch laben.
Walther.
Kommt, ruht euch aus und geht gestärkt von dannen.
Mönch
(scheu umherblickend mit zerstörten Zügen).
Wo bin ich? Saget an, in welchem Lande?
Walther.
Seyd ihr verirret, daß ihr das nicht wißt?
Ihr seyd zu Bürglen, Herr, im Lande Uri,
Wo man hineingeht in das Schächenthal.
Mönch (zur Hedwig, welche zurückkommt).
Seyd ihr allein? Ist euer Herr zu Hause?
Hedwig.
Ich erwart’ ihn eben — doch was ist euch, Mann?
Ihr seht nicht aus, als ob ihr Gutes brächtet.
— Wer ihr auch seyd, ihr seyd bedürftig, nehmt!
(Reicht ihm den Becher.)
Mönch.
Wie auch mein lechzend Herz nach Labung schmachtet,
Nichts rühr’ ich an, bis ihr mir zugesagt —
Hedwig.
Berührt mein Kleid nicht, tretet mir nicht nah,
Bleibt ferne stehn, wenn ich euch hören soll.
Mönch.
Bei diesem Feuer, das hier gastlich lodert,
Bei eurer Kinder theurem Haupt, das ich
Umfasse —
(Ergreift den Knaben.)
Hedwig.
Mann, was sinnet ihr? Zurück
Von meinen Kindern! — Ihr seyd kein Mönch! Ihr seyd
Es nicht! Der Friede wohnt in diesem Kleide;
In euren Zügen wohnt der Friede nicht.
Mönch.
Ich bin der unglückseligste der Menschen.
Hedwig.
Das Unglück spricht gewaltig zu dem Herzen;
Doch euer Blick schnürt mir das Innre zu.
Walther (aufspringend).
(Eilt hinaus.)
Hedwig.
(Will nach, zittert und hält sich an.)
Wilhelm (eilt nach).
Walther (draußen).
Wilhelm (draußen).
Tell (draußen).
Da bin ich wieder — Wo ist eure Mutter?
(Treten herein.)
Walther.
Da steht sie an der Thür’ und kann nicht weiter;
So zittert sie für Schrecken und für Freude.
Tell.
O Hedwig! Hedwig! Mutter meiner Kinder!
Gott hat geholfen — uns trennt kein Tyrann mehr.
Hedwig (an seinem Halse).
O Tell! Tell! Welche Angst litt ich um dich!
(Mönch wird aufmerksam.)
Tell.
Vergiß sie jetzt und lebe nur der Freude!
Da bin ich wieder! Das ist meine Hütte!
Ich stehe wieder auf dem Meinigen!
Wilhelm.
Wo aber hast du deine Armbrust, Vater?
Ich seh’ sie nicht.
Tell.
Du wirst sie nie mehr sehn.
An heil’ger Stätte ist sie aufbewahrt;
Sie wird hinfort zu keiner Jagd mehr dienen.
Hedwig.
(Tritt zurück, läßt seine Hand los.)
Tell.
Was erschreckt dich, liebes Weib?
Hedwig.
Wie — wie kommst du mir wieder? — Diese Hand
— Darf ich sie fassen? — Diese Hand — o Gott!
Tell (herzlich und muthig).
Hat euch vertheidigt und das Land gerettet;
Ich darf sie frei hinauf zum Himmel heben.
(Mönch macht eine rasche Bewegung, er erblickt ihn.)
Hedwig.
Ach, ich vergaß ihn!
Sprich du mit ihm, mir graut in seiner Nähe.
Mönch (tritt näher).
Seyd ihr der Tell, durch den der Landvogt fiel?
Tell.
Der bin ich, ich verberg’ es keinem Menschen.
Mönch.
Ihr seyd der Tell! Ach, es ist Gottes Hand,
Die unter euer Dach mich hat geführt.
Tell (mißt ihn mit den Augen).
Ihr seyd kein Mönch! Wer seyd ihr?
Mönch.
Ihr erschlugt
Den Landvogt, der euch Böses that — Auch ich
Hab’ einen Feind erschlagen, der mir Recht
Versagte — Er war euer Feind, wie meiner —
Ich hab’ das Land von ihm befreit.
Tell (zurückfahrend).
Ihr seyd —
Entsetzen! — Kinder! Kinder, geht hinein!
Geh’, liebes Weib! Geh’, geh’! — Unglücklicher!
Ihr wäret —
Hedwig.
Tell.
Frage nicht!
Fort, fort! Die Kinder dürfen es nicht hören.
Geh’ aus dem Hause — weit hinweg — Du darfst
Nicht unter einem Dach mit diesem wohnen.
Hedwig.
Weh mir, was ist das? Kommt!
(Geht mit den Kindern.)
Tell (zu dem Mönch).
Ihr seyd der Herzog
Von Oesterreich — Ihr seyd’s! Ihr habt den Kaiser
Erschlagen, euern Ohm und Herrn.
Johannes Parricida.
Er war
Der Räuber meines Erbes.
Tell.
Euern Ohm
Erschlagen, euern Kaiser! Und euch trägt
Die Erde noch! Euch leuchtet noch die Sonne!
Parricida.
Tell, hört mich, eh’ ihr —
Tell.
Von dem Blute triefend
Des Vatermordes und des Kaisermords,
Wagst du zu treten in mein reines Haus?
Du wagst’s, dein Antlitz einem guten Menschen
Zu zeigen und das Gastrecht zu begehren?
Parricida.
Bei euch hofft’ ich Barmherzigkeit zu finden;
Auch ihr nahmt Rach’ an eurem Feind.
Tell.
Unglücklicher!
Darfst du der Ehrsucht blut’ge Schuld vermengen
Mit der gerechten Nothwehr eines Vaters?
Hast du der Kinder liebes Haupt vertheidigt?
Des Herdes Heiligthum beschützt? das Schrecklichste,
Das Letzte von den Deinen abgewehrt?
— Zum Himmel heb’ ich meine reinen Hände,
Verfluche dich und deine That — Gerächt
Hab’ ich die heilige Natur, die du
Geschändet — Nichts theil’ ich mit dir — Gemordet
Hast du, ich hab’ mein Theuerstes vertheidigt.
Parricida.
Ihr stoßt mich von euch, trostlos, in Verzweiflung?
Tell.
Mich faßt ein Grausen, da ich mit dir rede.
Fort! Wandle deine fürchterliche Straße!
Laß rein die Hütte, wo die Unschuld wohnt!
Parricida (wendet sich zu gehen).
So kann ich, und so will ich nicht mehr leben!
Tell.
Und doch erbarmt mich deiner — Gott des Himmels!
So jung, von solchem adeligen Stamm,
Der Enkel Rudolphs, meines Herrn und Kaisers,
Als Mörder flüchtig, hier an meiner Schwelle,
Des armen Mannes — flehend und verzweifelnd —
(Verhüllt sich das Gesicht.)
Parricida.
O, wenn ihr weinen könnt, laßt mein Geschick
Euch jammern; es ist fürchterlich — Ich bin
Ein Fürst — ich war’s — ich konnte glücklich werden,
Wenn ich der Wünsche Ungeduld bezwang.
Der Neid zernagte mir das Herz — Ich sah
Die Jugend meines Vetters Leopold
Gekrönt mit Ehre und mit Land belohnt,
Und mich, der gleiches Alters mit ihm war,
In sklavischer Unmündigkeit gehalten.
Tell.
Unglücklicher, wohl kannte dich dein Ohm,
Da er dir Land und Leute weigerte!
Du selbst mit rascher, wilder Wahnsinnsthat
Rechtfertigst furchtbar seinen weisen Schluß.
— Wo sind die blut’gen Helfer deines Mords?
Parricida.
Wohin die Rachegeister sie geführt;
Ich sah sie seit der Unglücksthat nicht wieder.
Tell.
Weißt du, daß dich die Acht verfolgt, daß du
Dem Freund verboten und dem Feind erlaubt?
Parricida.
Darum vermeid’ ich alle offne Straßen;
An keine Hütte wag’ ich anzupochen —
Der Wüste kehr’ ich meine Schritte zu;
Mein eignes Schreckniß irr’ ich durch die Berge
Und fahre schaudernd vor mir selbst zurück,
Zeigt mir ein Bach mein unglückselig Bild.
O, wenn ihr Mitleid fühlt und Menschlichkeit —
(Fällt vor ihm nieder.)
Tell (abgewendet).
Parricida.
Nicht, bis ihr mir die Hand gereicht zur Hülfe.
Tell.
Kann ich euch helfen? Kann’s ein Mensch der Sünde?
Doch stehet auf — Was ihr auch Gräßliches
Verübt — Ihr seyd ein Mensch — Ich bin es auch;
Vom Tell soll Keiner ungetröstet scheiden —
Was ich vermag, das will ich thun.
Parricida.
(aufspringend und seine Hand mit Heftigkeit ergreifend.)
O Tell!
Ihr rettet meine Seele von Verzweiflung.
Tell.
Laßt meine Hand los — Ihr müßt fort. Hier könnt
Ihr unentdeckt nicht bleiben, könnt entdeckt
Auf Schutz nicht rechnen — Wo gedenkt ihr hin?
Wo hofft ihr Ruh zu finden?
Parricida.
Tell.
Hört, was mir Gott ins Herz gibt — Ihr müßt fort
Ins Land Italien, nach Sankt Peters Stadt;
Dort werft ihr euch dem Papst zu Füßen, beichtet
Ihm eure Schuld und löset eure Seele.
Parricida.
Wird er mich nicht dem Rächer überliefern?
Tell.
Was er euch thut, das nehmet an von Gott.
Parricida.
Wie komm’ ich in das unbekannte Land?
Ich bin des Wegs nicht kundig, wage nicht
Zu Wanderern die Schritte zu gesellen.
Tell.
Den Weg will ich euch nennen, merket wohl!
Ihr steigt hinauf, dem Strom der Reuß entgegen,
Die wildes Laufes von dem Berge stürzt —
Parricida (erschrickt).
Seh’ ich die Reuß? Sie floß bei meiner That.
Tell.
Am Abgrund geht der Weg, und viele Kreuze
Bezeichnen ihn, errichtet zum Gedächtniß
Der Wanderer, die die Lawine begraben.
Parricida.
Ich fürchte nicht die Schrecken der Natur,
Wenn ich des Herzens wilde Qualen zähme.
Tell.
Vor jedem Kreuze fallet hin und büßet
Mit heißen Reuethränen eure Schuld —
Und seyd ihr glücklich durch die Schreckensstraße,
Sendet der Berg nicht seine Windeswehen
Auf euch herab von dem beeisten Joch,
So kommt ihr auf die Brücke, welche stäubet.
Wenn sie nicht einbricht unter eurer Schuld,
Wenn ihr sie glücklich hinter euch gelassen,
So reißt ein schwarzes Felsenthor sich auf —
Kein Tag hat’s noch erhellt — da geht ihr durch,
Es führt euch in ein heitres Thal der Freude —
Doch schnellen Schritts müßt ihr vorüber eilen;
Ihr dürft nicht weilen, wo die Ruhe wohnt.
Parricida.
O Rudolph! Rudolph! Königlicher Ahn!
So zieht dein Enkel ein auf deines Reiches Boden!
Tell.
So immer steigend kommt ihr auf die Höhen
Des Gotthardts, wo die ew’gen Seen sind,
Die von des Himmels Strömen selbst sich füllen.
Dort nehmt ihr Abschied von der deutschen Erde,
Und muntern Laufs führt euch ein andrer Strom
Ins Land Italien hinab, euch das gelobte —
(Man hört den Kuhreihen von vielen Alphörnern geblasen.)
Hedwig (eilt herein).
Wo bist du, Tell?
Der Vater kommt! Es nahn in frohem Zug
Die Eidgenossen alle —
Parricida (verhüllt sich).
Weh mir!
Ich darf nicht weilen bei den Glücklichen.
Tell.
Geh’, liebes Weib. Erfrische diesen Mann!
Belad’ ihn reich mit Gaben, denn sein Weg
Ist weit, und keine Herberg findet er.
Eile! Sie nahn.
Hedwig.
Tell.
Forsche nicht!
Und wenn er geht, so wende deine Augen,
Daß sie nicht sehen, welchen Weg er wandelt!
Parricida geht auf den Tell zu mit einer raschen Bewegung;
dieser aber bedeutet ihm mit der Hand und geht. Wenn Beide zu
verschiedenen Seiten abgegangen, verändert sich der Schauplatz, und
man sieht in der