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Wilhelm Tell

Chapter 4: Erste Scene.
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About This Book

Ein dramatisches Schauspiel, das in alpinen Landen spielt, folgt einem meisterhaften Schützen, dessen Weigerung, sich einem arroganten Landvogt zu beugen, eskalierende Spannungen hervorruft. Als der Herrscher einen unmöglichen Probeversuch erzwingt, der das Kind des Schützen gefährdet, zeigt der Schütze virtuose Fertigkeit und moralische Entschlossenheit und tötet später den Landvogt. Diese Tat wird zum Auslöser für die Mobilisierung von Ortsoberen und Dorfbewohnern, die Widerstand organisieren, die Unterdrückung stürzen und Selbstverwaltung zurückgewinnen. Das Stück thematisiert persönliches Gewissen, das Verhältnis von Recht und Tyrannei, gemeinschaftlichen Zusammenhalt sowie die Kosten und Pflichten politischen Widerstands.

Personen.

Hermann Geßler, Reichsvogt in Schwytz und Uri.
Werner, Freiherr von Attinghausen, Bannerherr.
Ulrich von Rudenz, sein Neffe.
Werner Stauffacher,
Landleute aus Schwytz.
Konrad Hunn,
Itel Reding,
Hans auf der Mauer,
Jörg im Hofe,
Ulrich der Schmid,
Jost von Weiler,
Walther Fürst,
aus Uri.
Wilhelm Tell,
Rösselmann, der Pfarrer,
Petermann, der Sigrist,
Kuoni, der Hirt,
Werni, der Jäger,
Ruodi, der Fischer,
Arnold vom Melchthal,
aus Unterwalden.
Konrad Baumgarten,
Meier von Sarnen,
Struth von Winkelrieth,
Klaus von der Flüe,
Burkhart am Bühel,
Arnold von Sewa,
Pfeifer von Luzern.
Kunz von Gersau.
Jenni, Fischerknabe.
Seppi, Hirtenknabe.
Gertrud, Stauffachers Gattin.
Hedwig, Tells Gattin, Fürsts Tochter.
Bertha von Bruneck, eine reiche Erbin.
Armgart,
Bäuerinnen.
Mechthild,
Elsbeth,
Hildegard,
Walther,
Tells Knaben.
Wilhelm,
Frießhardt,
Söldner.
Leuthold,
Rudolph der Harras, Geßlers Stallmeister.
Johannes Parricida, Herzog von Schwaben.
Stüssi, der Flurschütz.
Der Stier von Uri.
Frohnvogt.
Meister Steinmetz, Gesellen und Handlanger.
Oeffentliche Ausrufer.
Barmherzige Brüder.
Geßlerische und Landenbergische Reiter.
Viele Landleute, Männer und Weiber aus den Waldstätten.

Erster Aufzug.

Erste Scene.

Hohes Felsenufer des Vierwaldstättersees, Schwytz gegenüber.

Der See macht eine Bucht ins Land, eine Hütte ist unweit dem Ufer, Fischerknabe fährt sich in einem Kahn. Ueber den See hinweg sieht man die grünen Matten, Dörfer und Höfe von Schwytz im hellen Sonnenschein liegen. Zur Linken des Zuschauers zeigen sich die Spitzen des Haken, mit Wolken umgeben; zur Rechten im fernen Hintergrund sieht man die Eisgebirge. Noch ehe der Vorhang aufgeht, hört man den Kuhreihen und das harmonische Geläute der Heerdenglocken, welches sich auch bei eröffneter Scene noch eine Zeit lang fortsetzt.

Fischerknabe (singt im Kahn).

Melodie des Kuhreihens.

Es lächelt der See, er ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade,
Da hört er ein Klingen,
Wie Flöten so süß,
Wie Stimmen der Engel
Im Paradies.
Und, wie er erwachet in seliger Lust,
Da spielen die Wasser ihm um die Brust.
Und es ruft aus den Tiefen:
Lieb Knabe, bist mein!
Ich locke den Schläfer,
Ich zieh ihn herein.

Hirt (singt auf dem Berge).

Variation des Kuhreihens.

Ihr Matten, lebt wohl!
Ihr sonnigen Weiden!
Der Senne muß scheiden,
Der Sommer ist hin.
Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder,
Wenn der Kukuk ruft, wenn erwachen die Lieder,
Wenn mit Blumen die Erde sich kleidet neu,
Wenn die Brünnlein fließen im lieblichen Mai.
Ihr Matten, lebt wohl!
Ihr sonnigen Weiden!
Der Senne muß scheiden,
Der Sommer ist hin.

Alpenjäger

(erscheint gegenüber auf der Höhe des Felsens).

Zweite Variation.

Es donnern die Höhen, es zittert der Steg,
Nicht grauet dem Schützen auf schwindlichtem Weg;
Er schreitet verwegen
Auf Feldern von Eis;
Da pranget kein Frühling,
Da grünet kein Reis;
Und, unter den Füßen ein neblichtes Meer,
Erkennt er die Städte der Menschen nicht mehr;
Durch den Riß nur der Wolken
Erblickt er die Welt,
Tief unter den Wassern
Das grünende Feld.

(Die Landschaft verändert sich, man hört ein dumpfes Krachen von den Bergen, Schatten und Wolken laufen über die Gegend.)

Ruodi, der Fischer, kommt aus der Hütte. Werni, der Jäger, steigt vom Felsen. Kuoni, der Hirt, kommt mit dem Melknapf auf der Schulter; Seppi, sein Handbube, folgt ihm.

Ruodi.

Mach hurtig, Jenni. Zieh die Nane ein.
Der graue Thalvogt kommt, dumpf brüllt der Firn,
Der Mythenstein zieht seine Haube an,
Und kalt her bläst es aus dem Wetterloch;
Der Sturm, ich mein’, wird da seyn, eh’ wir’s denken.

Kuoni.

’s kommt Regen, Fährmann. Meine Schafe fressen
Mit Begierde Gras, und Wächter scharrt die Erde.

Werni.

Die Fische springen, und das Wasserhuhn
Taucht unter. Ein Gewitter ist im Anzug.

Kuoni (zum Buben).

Lug, Seppi, ob das Vieh sich nicht verlaufen?

Seppi.

Die braune Lisel kenn’ ich am Geläut.

Kuoni.

So fehlt uns keine mehr, die geht am weitsten.

Ruodi.

Ihr habt ein schön Geläute, Meister Hirt.

Werni.

Und schmuckes Vieh — Ist’s euer eignes, Landsmann?

Kuoni.

Bin nit so reich — ’s ist meines gnädigen Herrn,
Des Attinghäusers, und mir zugezählt.

Ruodi.

Wie schön der Kuh das Band zu Halse steht.

Kuoni.

Das weiß sie auch, daß sie den Reihen führt,
Und, nähm ich ihr’s, sie hörte auf zu fressen.

Ruodi.

Ihr seyd nicht klug, ein unvernünft’ges Vieh —

Werni.

Ist bald gesagt. Das Thier hat auch Vernunft:
Das wissen wir, die wir die Gemsen jagen.
Die stellen klug, wo sie zur Weide gehn,
’ne Vorhut aus, die spitzt das Ohr und warnet
Mit heller Pfeife, wenn der Jäger naht.

Ruodi (zum Hirten).

Treibt ihr jetzt heim?

Kuoni.

Die Alp ist abgeweidet.

Werni.

Glücksel’ge Heimkehr, Senn!

Kuoni.

Die wünsch’ ich euch.
Von eurer Fahrt kehrt sich’s nicht immer wieder.

Ruodi.

Dort kommt ein Mann in voller Hast gelaufen.

Werni.

Ich kenn’ ihn, ’s ist der Baumgart von Alzellen.

Konrad Baumgarten athemlos hereinstürzend.

Baumgarten.

Um Gotteswillen, Fährmann, euren Kahn!

Ruodi.

Nun, nun, was gibt’s so eilig?

Baumgarten.

Bindet los!
Ihr rettet mich vom Tode! Setzt mich über!

Kuoni.

Landsmann, was habt ihr?

Werni.

Wer verfolgt euch denn?

Baumgarten (zum Fischer).

Eilt, eilt, sie sind mir dicht schon an den Fersen!
Des Landvogts Reiter kommen hinter mir;
Ich bin ein Mann des Tods, wenn sie mich greifen.

Ruodi.

Warum verfolgen euch die Reisigen?

Baumgarten.

Erst rettet mich, und dann steh ich euch Rede.

Werni.

Ihr seyd mit Blut befleckt, was hat’s gegeben?

Baumgarten.

Des Kaisers Burgvogt, der auf Roßberg saß —

Kuoni.

Der Wolfenschießen! Läßt euch der verfolgen?

Baumgarten.

Der schadet nicht mehr, ich hab’ ihn erschlagen.

Alle (fahren zurück).

Gott sey euch gnädig! Was habt ihr gethan?

Baumgarten.

Was jeder freie Mann an meinem Platz!
Mein gutes Hausrecht hab’ ich ausgeübt
Am Schänder meiner Ehr’ und meines Weibes.

Kuoni.

Hat euch der Burgvogt an der Ehr’ geschädigt?

Baumgarten.

Daß er sein bös Gelüsten nicht vollbracht,
Hat Gott und meine gute Axt verhütet.

Werni.

Ihr habt ihm mit der Axt den Kopf zerspalten?

Kuoni.

O, laßt uns Alles hören, ihr habt Zeit,
Bis er den Kahn vom Ufer losgebunden.

Baumgarten.

Ich hatte Holz gefällt im Wald, da kommt
Mein Weib gelaufen in der Angst des Todes.
„Der Burgvogt lieg’ in meinem Haus, er hab’
Ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüsten.
Drauf hab’ er Ungebührliches von ihr
Verlangt, sie sey entsprungen, mich zu suchen.“
Da lief ich frisch hinzu, so wie ich war,
Und mit der Axt hab’ ich ihm ’s Bad gesegnet.

Werni.

Ihr thatet wohl, kein Mensch kann euch drum schelten.

Kuoni.

Der Wütherich! Der hat nun seinen Lohn!
Hat’s lang verdient um’s Volk von Unterwalden.

Baumgarten.

Die That ward ruchbar; mir wird nachgesetzt —
Indem wir sprechen — Gott — verrinnt die Zeit —

(Es fängt an zu donnern.)

Kuoni.

Frisch, Fährmann — schaff den Biedermann hinüber!

Ruodi.

Geht nicht. Ein schweres Ungewitter ist
Im Anzug. Ihr müßt warten.

Baumgarten.

Heil’ger Gott!
Ich kann nicht warten. Jeder Aufschub tödtet —

Kuoni (zum Fischer).

Greif an mit Gott! Dem Nächsten muß man helfen;
Es kann uns allen Gleiches ja begegnen.

(Brausen und Donnern.)

Ruodi.

Der Föhn ist los; ihr seht, wie hoch der See geht;
Ich kann nicht steuern gegen Sturm und Wellen.

Baumgarten (umfaßt seine Knie).

So helf euch Gott, wie ihr euch mein erbarmet —

Werni.

Es geht ums Leben. Sey barmherzig, Fährmann!

Kuoni.

’s ist ein Hausvater und hat Weib und Kinder!

(Wiederholte Donnerschläge.)

Ruodi.

Was? Ich hab’ auch ein Leben zu verlieren,
Hab Weib und Kind daheim, wie er — Seht hin,
Wie’s brandet, wie es wogt und Wirbel zieht
Und alle Wasser aufrührt in der Tiefe.
— Ich wollte gern den Biedermann erretten;
Doch es ist rein unmöglich, ihr seht selbst.

Baumgarten (noch auf den Knien).

So muß ich fallen in des Feindes Hand,
Das nahe Rettungsufer im Gesichte!
— Dort liegt’s! Ich kann’s erreichen mit den Augen,
Hinüberdringen kann der Stimme Schall,
Da ist der Kahn, der mich hinübertrüge,
Und muß hier liegen, hülflos und verzagen!

Kuoni.

Seht, wer da kommt!

Werni.

Es ist der Tell aus Bürglen.

Tell mit der Armbrust.

Tell.

Wer ist der Mann, der hier um Hülfe fleht?

Kuoni.

’s ist ein Alzeller Mann; er hat sein’ Ehr
Vertheidigt und den Wolfenschieß erschlagen,
Des Königs Burgvogt, der auf Roßberg saß —
Des Landvogts Reiter sind ihm auf den Fersen.
Er fleht den Schiffer um die Ueberfahrt;
Der fürcht’t sich vor dem Sturm und will nicht fahren.

Ruodi.

Das ist der Tell, der führt das Ruder auch,
Der soll mir’s zeugen, ob die Fahrt zu wagen.

(Heftige Donnerschläge, der See rauscht auf.)

Ich soll mich in den Höllenrachen stürzen?
Das thäte Keiner, der bei Sinnen ist.

Tell.

Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt.
Vertrau auf Gott und rette den Bedrängten.

Ruodi.

Vom sichern Port läßt sich’s gemächlich rathen.
Da ist der Kahn, und dort der See! Versucht’s!

Tell.

Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen.
Versuch es, Fährmann!

Hirten und Jäger.

Rett ihn! Rett ihn! Rett ihn!

Ruodi.

Und wär’s mein Bruder und mein leiblich Kind,
Es kann nicht seyn; ’s ist heute Simons und Judä,
Da rast der See und will sein Opfer haben.

Tell.

Mit eitler Rede wird hier nichts geschafft;
Die Stunde dringt, dem Mann muß Hülfe werden!
Sprich, Fährmann, willst du fahren?

Ruodi.

Nein, nicht ich!

Tell.

In Gottes Namen denn! Gib her den Kahn!
Ich will’s mit meiner schwachen Kraft versuchen.

Kuoni.

Ha, wackrer Tell!

Werni.

Das gleicht dem Waidgesellen!

Baumgarten.

Mein Retter seyd ihr und mein Engel, Tell!

Tell.

Wohl aus des Vogts Gewalt errett’ ich euch!
Aus Sturmes Nöthen muß ein Andrer helfen.
Doch besser ist’s, ihr fallt in Gottes Hand
Als in der Menschen!

(Zu dem Hirten.)

Landsmann, tröstet ihr
Mein Weib, wenn mir was Menschliches begegnet.
Ich hab’ gethan, was ich nicht lassen konnte.

(Er springt in den Kahn.)

Kuoni (zum Fischer).

Ihr seyd ein Meister Steuermann. Was sich
Der Tell getraut, das konntet ihr nicht wagen?

Ruodi.

Wohl bess’re Männer thun’s dem Tell nicht nach,
Es gibt nicht Zwei, wie der ist, im Gebirge.

Werni (ist auf den Fels gestiegen).

Er stößt schon ab. Gott helf dir, braver Schwimmer!
Sieh, wie das Schifflein auf den Wellen schwankt!

Kuoni (am Ufer).

Die Flut geht drüber weg — Ich seh’s nicht mehr.
Doch, halt, da ist es wieder! Kräftiglich
Arbeitet sich der Wackre durch die Brandung.

Seppi.

Des Landvogts Reiter kommen angesprengt.

Kuoni.

Weiß Gott, sie sind’s! Das war Hülf’ in der Noth.

Ein Trupp landenbergischer Reiter.

Erster Reiter.

Den Mörder gebt heraus, den ihr verborgen!

Zweiter.

Des Wegs kam er: umsonst verhehlt ihr ihn.

Kuoni und Ruodi.

Wen meint ihr, Reiter?

Erster Reiter (entdeckt den Nachen).

Ha, was seh’ ich! Teufel!

Werni (oben).

Ist’s der im Nachen, den ihr sucht? — Reit zu!
Wenn ihr frisch beilegt, holt ihr ihn noch ein.

Zweiter.

Verwünscht! Er ist entwischt.

Erster (zum Hirten und Fischer).

Ihr habt ihm fortgeholfen.
Ihr sollt uns büßen — Fallt in ihre Heerde!
Die Hütte reißet ein, brennt und schlagt nieder!
(Eilen fort.)

Seppi (stürzt nach).

O meine Lämmer!

Kuoni (folgt).

Weh mir, meine Heerde!

Werni.

Die Wüthriche!

Ruodi (ringt die Hände).

Gerechtigkeit des Himmels!
Wann wird der Retter kommen diesem Lande?
(Folgt ihnen.)