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Wilhelm Tell

Chapter 5: Zweite Scene.
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About This Book

Ein dramatisches Schauspiel, das in alpinen Landen spielt, folgt einem meisterhaften Schützen, dessen Weigerung, sich einem arroganten Landvogt zu beugen, eskalierende Spannungen hervorruft. Als der Herrscher einen unmöglichen Probeversuch erzwingt, der das Kind des Schützen gefährdet, zeigt der Schütze virtuose Fertigkeit und moralische Entschlossenheit und tötet später den Landvogt. Diese Tat wird zum Auslöser für die Mobilisierung von Ortsoberen und Dorfbewohnern, die Widerstand organisieren, die Unterdrückung stürzen und Selbstverwaltung zurückgewinnen. Das Stück thematisiert persönliches Gewissen, das Verhältnis von Recht und Tyrannei, gemeinschaftlichen Zusammenhalt sowie die Kosten und Pflichten politischen Widerstands.

Zweite Scene.

Zu Steinen in Schwytz, eine Linde vor des Stauffachers Hause an der Landstraße, nächst der Brücke.

Werner Stauffacher, Pfeifer von Luzern kommen im Gespräche.

Pfeifer.

Ja, ja, Herr Stauffacher, wie ich euch sagte.
Schwört nicht zu Oestreich, wenn ihr’s könnt vermeiden.
Haltet fest am Reich und wacker, wie bisher.
Gott schirme euch bei eurer alten Freiheit!

(Drückt ihm herzlich die Hand und will gehen.)

Stauffacher.

Bleibt doch, bis meine Wirthin kommt — Ihr seyd
Mein Gast zu Schwytz, ich in Luzern der eure.

Pfeifer.

Viel Dank! Muß heute Gersau noch erreichen.
— Was ihr auch Schweres mögt zu leiden haben
Von eurer Vögte Geiz und Uebermuth,
Tragt’s in Geduld! Es kann sich ändern, schnell,
Ein andrer Kaiser kann ans Reich gelangen.
Seyd ihr erst Oesterreichs, seyd ihr’s auf immer.

Er geht ab. Stauffacher setzt sich kummervoll auf eine Bank unter der Linde. So findet ihn Gertrud, seine Frau, die sich neben ihn stellt und ihn eine Zeit lang schweigend betrachtet.

Gertrud.

So ernst, mein Freund? Ich kenne dich nicht mehr.
Schon viele Tage seh’ ich’s schweigend an,
Wie finstrer Trübsinn deine Stirne furcht.
Auf deinem Herzen drückt ein still Gebresten.
Vertrau’ es mir: ich bin dein treues Weib,
Und meine Hälfte fordr’ ich deines Grams.

(Stauffacher reicht ihr die Hand und schweigt.)

Was kann dein Herz beklemmen, sag’ es mir.
Gesegnet ist dein Fleiß, dein Glücksstand blüht,
Voll sind die Scheunen, und der Rinder Schaaren,
Der glatten Pferde wohlgenährte Zucht
Ist von den Bergen glücklich heimgebracht
Zur Winterung in den bequemen Ställen.
— Da steht dein Haus, reich, wie ein Edelsitz;
Von schönem Stammholz ist es neu gezimmert
Und nach dem Richtmaß ordentlich gefügt;
Von vielen Fenstern glänzt es wohnlich, hell;
Mit bunten Wappenschildern ist’s bemalt
Und weisen Sprüchen, die der Wandersmann
Verweilend liest und ihren Sinn bewundert.

Stauffacher.

Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt,
Doch, ach — es wankt der Grund, auf dem wir bauten.

Gertrud.

Mein Werner, sage, wie verstehst du das?

Stauffacher.

Vor dieser Linde saß ich jüngst, wie heut,
Das schön Vollbrachte freudig überdenkend,
Da kam daher von Küßnacht, seiner Burg,
Der Vogt mit seinen Reisigen geritten.
Vor diesem Hause hielt er wundernd an;
Doch ich erhob mich schnell, und unterwürfig,
Wie sich’s gebührt, trat ich dem Herrn entgegen,
Der uns des Kaisers richterliche Macht
Vorstellt im Lande. Wessen ist das Haus?
Fragt’ er bösmeinend, denn er wußt’ es wohl.
Doch schnell besonnen ich entgegn’ ihm so:
Dies Haus, Herr Vogt, ist meines Herrn des Kaisers
Und eures und mein Lehen — Da versetzt er:
„Ich bin Regent im Land an Kaisers Statt
Und will nicht, daß der Bauer Häuser baue
Auf seine eigne Hand, und also frei
Hinleb’, als ob er Herr wär’ in dem Lande:
Ich werd’ mich unterstehn, euch das zu wehren.“
Dies sagend, ritt er trutziglich von dannen;
Ich aber blieb mit kummervoller Seele,
Das Wort bedenkend, das der Böse sprach.

Gertrud.

Mein lieber Herr und Ehewirth! Magst du
Ein redlich Wort von deinem Weib vernehmen?
Des edeln Ibergs Tochter rühm’ ich mich.
Des vielerfahrnen Manns. Wir Schwestern saßen,
Die Wolle spinnend, in den langen Nächten,
Wenn bei dem Vater sich des Volkes Häupter
Versammelten, die Pergamente lasen
Der alten Kaiser, und des Landes Wohl
Bedachten in vernünftigem Gespräch.
Aufmerkend hört’ ich da manch kluges Wort,
Was der Verständ’ge denkt, der Gute wünscht,
Und still im Herzen hab’ ich mir’s bewahrt.
So höre denn und acht’ auf meine Rede!
Denn, was dich preßte, sieh, das wußt’ ich längst.
— Dir grollt der Landvogt, möchte gern dir schaden,
Denn du bist ihm ein Hinderniß, daß sich
Der Schwytzer nicht dem neuen Fürstenhaus
Will unterwerfen, sondern treu und fest
Beim Reich beharren, wie die würdigen
Altvordern es gehalten und gethan. —
Ist’s nicht so, Werner? Sag’ es, wenn ich lüge!

Stauffacher.

So ist’s, das ist des Geßlers Groll auf mich.

Gertrud.

Er ist dir neidisch, weil du glücklich wohnst,
Ein freier Mann auf deinem eignen Erb,
— Denn er hat keins. Vom Kaiser selbst und Reich
Trägst du dies Haus zu Lehn; du darfst es zeigen,
So gut der Reichsfürst seine Länder zeigt;
Denn über dir erkennst du keinen Herrn,
Als nur den Höchsten in der Christenheit —
Er ist ein jüngrer Sohn nur seines Hauses;
Nichts nennt er sein als seinen Rittermantel;
Drum sieht er jedes Biedermannes Glück
Mit scheelen Augen gift’ger Mißgunst an.
Dir hat er längst den Untergang geschworen —
Noch stehst du unversehrt — Willst du erwarten,
Bis er die böse Lust an dir gebüßt?
Der kluge Mann baut vor.

Stauffacher.

Was ist zu thun?

Gertrud (tritt näher).

So höre meinen Rath! Du weißt, wie hier
Zu Schwytz sich alle Redlichen beklagen
Ob dieses Landvogts Geiz und Wütherei.
So zweifle nicht, daß sie dort drüben auch
In Unterwalden und im Urner Land
Des Dranges müd’ sind und des harten Jochs —
Denn, wie der Geßler hier, so schafft es frech
Der Landenberger drüben überm See —
Es kommt kein Fischerkahn zu uns herüber,
Der nicht ein neues Unheil und Gewalt-
Beginnen von den Vögten uns verkündet.
Drum thät es gut, daß euer Etliche,
Die’s redlich meinen, still zu Rathe gingen,
Wie man des Drucks sich möcht’ entledigen:
So acht’ ich wohl, Gott würd’ euch nicht verlassen
Und der gerechten Sache gnädig seyn —
Hast du in Uri keinen Gastfreund, sprich,
Dem du dein Herz magst redlich offenbaren?

Stauffacher.

Der wackern Männer kenn’ ich viele dort
Und angesehen große Herrenleute,
Die mir geheim sind und gar wohl vertraut.

(Er steht auf.)

Frau, welchen Sturm gefährlicher Gedanken
Weckst du mir in der stillen Brust! Mein Innerstes
Kehrst du ans Licht des Tages mir entgegen,
Und, was ich mir zu denken still verbot,
Du sprichst’s mit leichter Zunge kecklich aus.
— Hast du auch wohl bedacht, was du mir räthst?
Die wilde Zwietracht und den Klang der Waffen
Rufst du in dieses friedgewohnte Thal —
Wir wagten es, ein schwaches Volk der Hirten,
In Kampf zu gehen mit dem Herrn der Welt?
Der gute Schein nur ist’s, worauf sie warten,
Um loszulassen auf dies arme Land
Die wilden Horden ihrer Kriegesmacht,
Darin zu schalten mit des Siegers Rechten,
Und unterm Schein gerechter Züchtigung
Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen.

Gertrud.

Ihr seyd auch Männer, wisset eure Axt
Zu führen, und dem Muthigen hilft Gott!

Stauffacher.

O Weib! ein furchtbar wüthend Schreckniß ist
Der Krieg; die Heerde schlägt er und den Hirten.

Gertrud.

Ertragen muß man, was der Himmel sendet;
Unbilliges erträgt kein edles Herz.

Stauffacher.

Dies Haus erfreut dich, das wir neu erbauten.
Der Krieg, der ungeheure, brennt es nieder.

Gertrud.

Wüßt’ ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt,
Den Brand wärf’ ich hinein mit eigner Hand.

Stauffacher.

Du glaubst an Menschlichkeit! Es schont der Krieg
Auch nicht das zarte Kindlein in der Wiege.

Gertrud.

Die Unschuld hat im Himmel einen Freund!
— Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich!

Stauffacher.

Wir Männer können tapfer fechtend sterben:
Welch Schicksal aber wird das eure seyn?

Gertrud.

Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen:
Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei.

Stauffacher (stürzt in ihre Arme).

Wer solch ein Herz an seinen Busen drückt,
Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten,
Und keines Königs Heermacht fürchtet er —
Nach Uri fahr’ ich stehndes Fußes gleich.
Dort lebt ein Gastfreund mir, Herr Walther Fürst,
Der über diese Zeiten denkt, wie ich.
Auch find’ ich dort den edeln Bannerherrn
Von Attinghaus — obgleich von hohem Stamm,
Liebt er das Volk und ehrt die alten Sitten.
Mit ihnen Beiden pfleg’ ich Raths, wie man
Der Landesfeinde muthig sich erwehrt —
Leb wohl — und, weil ich fern bin, führe du
Mit klugem Sinn das Regiment des Hauses —
Dem Pilger, der zum Gotteshause wallt,
Dem frommen Mönch, der für sein Kloster sammelt,
Gib reichlich und entlaß ihn wohlgepflegt.
Stauffachers Haus verbirgt sich nicht. Zu äußerst
Am offnen Heerweg steht’s, ein wirthlich Dach
Für alle Wandrer, die des Weges fahren.

Indem sie nach dem Hintergrunde abgehen, tritt Wilhelm Tell mit Baumgarten vorn auf die Scene.

Tell (zu Baumgarten).

Ihr habt jetzt meiner weiter nicht vonnöthen.
Zu jenem Hause gehet ein, dort wohnt
Der Stauffacher, ein Vater der Bedrängten.
— Doch sieh, da ist er selber. — Folgt mir, kommt!

(Gehen auf ihn zu; die Scene verwandelt sich.)