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Wilhelm Tell

Chapter 6: Dritte Scene.
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About This Book

Ein dramatisches Schauspiel, das in alpinen Landen spielt, folgt einem meisterhaften Schützen, dessen Weigerung, sich einem arroganten Landvogt zu beugen, eskalierende Spannungen hervorruft. Als der Herrscher einen unmöglichen Probeversuch erzwingt, der das Kind des Schützen gefährdet, zeigt der Schütze virtuose Fertigkeit und moralische Entschlossenheit und tötet später den Landvogt. Diese Tat wird zum Auslöser für die Mobilisierung von Ortsoberen und Dorfbewohnern, die Widerstand organisieren, die Unterdrückung stürzen und Selbstverwaltung zurückgewinnen. Das Stück thematisiert persönliches Gewissen, das Verhältnis von Recht und Tyrannei, gemeinschaftlichen Zusammenhalt sowie die Kosten und Pflichten politischen Widerstands.

Dritte Scene.

Oeffentlicher Platz bei Altorf.

Auf einer Anhöhe im Hintergrunde sieht man eine Veste bauen, welche schon so weit gediehen, daß sich die Form des Ganzen darstellt. Die hintere Seite ist fertig, an der vordern wird eben gebaut, das Gerüste steht noch, an welchem die Werkleute auf und nieder steigen; auf dem höchsten Dach hängt der Schieferdecker — Alles ist in Bewegung und Arbeit.

Frohnvogt. Meister Steinmetz. Gesellen und Handlanger.

Frohnvogt

(mit dem Stabe, treibt die Arbeiter).

Nicht lang gefeiert, frisch! Die Mauersteine
Herbei! den Kalk, den Mörtel zugefahren,
Wenn der Herr Landvogt kommt, daß er das Werk
Gewachsen sieht! — Das schlendert wie die Schnecken!

(Zu zwei Handlangern, welche tragen.)

Heißt das geladen? Gleich das Doppelte!
Wie die Tagdiebe ihre Pflicht bestehlen!

Erster Gesell.

Das ist doch hart, daß wir die Steine selbst
Zu unserm Twing und Kerker sollen fahren!

Frohnvogt.

Was murret ihr? Das ist ein schlechtes Volk,
Zu nichts anstellig als das Vieh zu melken
Und faul herum zu schlendern auf den Bergen.

Alter Mann (ruht aus).

Ich kann nicht mehr.

Frohnvogt (schüttelt ihn).

Frisch, Alter, an die Arbeit!

Erster Gesell.

Habt ihr denn gar kein Eingeweid, daß ihr
Den Greis, der kaum sich selber schleppen kann,
Zum harten Frohndienst treibt?

Meister Steinmetz und Gesellen.

’s ist himmelschreiend!

Frohnvogt.

Sorgt ihr für euch; ich thu’, was meines Amts.

Zweiter Gesell.

Frohnvogt, wie wird die Feste denn sich nennen,
Die wir da baun?

Frohnvogt.

Zwing Uri soll sie heißen;
Denn unter dieses Joch wird man euch beugen.

Gesellen.

Zwing Uri!

Frohnvogt.

Nun, was gibt’s dabei zu lachen?

Zweiter Gesell.

Mit diesem Häuslein wollt ihr Uri zwingen?

Erster Gesell.

Laß sehn, wie viel man solcher Maulwurfshaufen
Muß über ’nander setzen, bis ein Berg
Draus wird, wie der geringste nur in Uri!

(Frohnvogt geht nach dem Hintergrund.)

Meister Steinmetz.

Den Hammer werf’ ich in den tiefsten See,
Der mir gedient bei diesem Fluchgebäude!

Tell und Stauffacher kommen.

Stauffacher.

O, hätt’ ich nie gelebt, um das zu schauen!

Tell.

Hier ist nicht gut seyn. Laßt uns weiter gehn.

Stauffacher.

Bin ich zu Uri, in der Freiheit Land?

Meister Steinmetz.

O Herr, wenn ihr die Keller erst gesehn
Unter den Thürmen! Ja, wer die bewohnt,
Der wird den Hahn nicht fürder krähen hören.

Stauffacher.

O Gott!

Steinmetz.

Seht diese Flanken, diese Strebepfeiler,
Die stehn, wie für die Ewigkeit gebaut!

Tell.

Was Hände bauten, können Hände stürzen,

(Nach den Bergen zeigend.)

Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet.

Man hört eine Trommel, es kommen Leute, die einen Hut auf einer Stange tragen, ein Ausrufer folgt ihnen, Weiber und Kinder dringen tumultuarisch nach.

Erster Gesell.

Was will die Trommel? Gebet Acht!

Meister Steinmetz.

Was für
Ein Faßnachtsaufzug, und was soll der Hut?

Ausrufer.

In des Kaisers Namen! Höret!

Gesellen.

Still doch! Höret!

Ausrufer.

Ihr sehet diesen Hut, Männer von Uri!
Aufrichten wird man ihn auf hoher Säule,
Mitten in Altorf, an dem höchsten Ort,
Und dieses ist des Landvogts Will’ und Meinung:
Dem Hut soll gleiche Ehre, wie ihm selbst, geschehn.
Man soll ihn mit gebognem Knie und mit
Entblößtem Haupt verehren — Daran will
Der König die Gehorsamen erkennen.
Verfallen ist mit seinem Leib und Gut
Dem Könige, wer das Gebot verachtet.

(Das Volk lacht laut auf, die Trommel wird gerührt, sie gehen vorüber.)

Erster Gesell.

Welch neues Unerhörtes hat der Vogt
Sich ausgesonnen! Wir ’nen Hut verehren!
Sagt! Hat man je vernommen von dergleichen?

Meister Steinmetz.

Wir unsre Kniee beugen einem Hut?
Treibt er sein Spiel mit ernsthaft würd’gen Leuten?

Erster Gesell.

Wär’s noch die kaiserliche Kron’! So ist’s
Der Hut von Oesterreich; ich sah ihn hangen
Ueber dem Thron, wo man die Lehen gibt!

Meister Steinmetz.

Der Hut von Oesterreich! Gebt Acht, es ist
Ein Fallstrick, uns an Oestreich zu verrathen!

Gesellen.

Kein Ehrenmann wird sich der Schmach bequemen!

Meister Steinmetz.

Kommt, laßt uns mit den Andern Abred nehmen.
(Sie gehen nach der Tiefe.)

Tell (zum Stauffacher).

Ihr wisset nun Bescheid. Lebt wohl, Herr Werner!

Stauffacher.

Wo wollt ihr hin? O eilt nicht so von dannen.

Tell.

Mein Haus entbehrt des Vaters. Lebet wohl.

Stauffacher.

Mir ist das Herz so voll, mit euch zu reden.

Tell.

Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht.

Stauffacher.

Doch könnten Worte uns zu Thaten führen.

Tell.

Die einz’ge That ist jetzt Geduld und Schweigen.

Stauffacher.

Soll man ertragen, was unleidlich ist?

Tell.

Die schnellen Herrscher sind’s, die kurz regieren.
— Wenn sich der Föhn erhebt aus seinen Schlünden,
Löscht man die Feuer aus, die Schiffe suchen
Eilends den Hafen, und der mächt’ge Geist
Geht ohne Schaden spurlos über die Erde.
Ein Jeder lebe still bei sich daheim;
Dem Friedlichen gewährt man gern den Frieden.

Stauffacher.

Meint ihr?

Tell.

Die Schlange sticht nicht ungereizt.
Sie werden endlich doch von selbst ermüden,
Wenn sie die Lande ruhig bleiben sehn.

Stauffacher.

Wir könnten viel, wenn wir zusammen ständen.

Tell.

Beim Schiffbruch hilft der Einzelne sich leichter.

Stauffacher.

So kalt verlaßt ihr die gemeine Sache?

Tell.

Ein Jeder zählt nur sicher auf sich selbst.

Stauffacher.

Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.

Tell.

Der Starke ist am mächtigsten allein.

Stauffacher.

So kann das Vaterland auf euch nicht zählen,
Wenn es verzweiflungsvoll zur Nothwehr greift?

Tell (gibt ihm die Hand).

Der Tell holt ein verlornes Lamm vom Abgrund
Und sollte seinen Freunden sich entziehen?
Doch, was ihr thut, laßt mich aus eurem Rath!
Ich kann nicht lange prüfen oder wählen;
Bedürft ihr meiner zu bestimmter That,
Dann ruft den Tell, es soll an mir nicht fehlen.

(Gehen ab zu verschiedenen Seiten. Ein plötzlicher Auflauf entsteht um das Gerüste.)

Meister Steinmetz (eilt hin).

Was gibt’s?

Erster Gesell (kommt vor, rufend).

Der Schieferdecker ist vom Dach gestürzt.

Bertha stürzt herein. Gefolge.

Bertha.

Ist er zerschmettert? Rennet, rettet, helft —
Wenn Hülfe möglich ist, rettet, hier ist Gold —

(Wirft ihr Geschmeide unter das Volk.)

Meister.

Mit euerm Gold — Alles ist euch feil
Um Gold: wenn ihr den Vater von den Kindern
Gerissen und den Mann von seinem Weibe,
Und Jammer habt gebracht über die Welt,
Denkt ihr’s mit Golde zu vergüten — Geht!
Wir waren frohe Menschen, eh’ ihr kamt;
Mit euch ist die Verzweiflung eingezogen.

Bertha (zu dem Frohnvogt, der zurückkommt).

Lebt er?

(Frohnvogt gibt ein Zeichen des Gegentheils.)

O unglücksel’ges Schloß, mit Flüchen
Erbaut, und Flüche werden dich bewohnen!
(Geht ab.)