WeRead Powered by ReaderPub
Wilhelm Tell cover

Wilhelm Tell

Chapter 9: Erste Scene.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Ein dramatisches Schauspiel, das in alpinen Landen spielt, folgt einem meisterhaften Schützen, dessen Weigerung, sich einem arroganten Landvogt zu beugen, eskalierende Spannungen hervorruft. Als der Herrscher einen unmöglichen Probeversuch erzwingt, der das Kind des Schützen gefährdet, zeigt der Schütze virtuose Fertigkeit und moralische Entschlossenheit und tötet später den Landvogt. Diese Tat wird zum Auslöser für die Mobilisierung von Ortsoberen und Dorfbewohnern, die Widerstand organisieren, die Unterdrückung stürzen und Selbstverwaltung zurückgewinnen. Das Stück thematisiert persönliches Gewissen, das Verhältnis von Recht und Tyrannei, gemeinschaftlichen Zusammenhalt sowie die Kosten und Pflichten politischen Widerstands.

Zweiter Aufzug.

Erste Scene.

Edelhof des Freiherrn von Attinghausen.

Ein gothischer Saal, mit Wappenschildern und Helmen verziert. Der Freiherr, ein Greis von fünfundachtzig Jahren, von hoher edler Statur, an einem Stabe, worauf ein Gemsenhorn, und in ein Pelzwams gekleidet. Kuoni und noch sechs Knechte stehen um ihn her mit Rechen und Sensen. — Ulrich von Rudenz tritt ein in Ritterkleidung.

Rudenz.

Hier bin ich, Oheim — Was ist euer Wille?

Attinghausen.

Erlaubt, daß ich nach altem Hausgebrauch
Den Frühtrunk erst mit meinen Knechten theile.

(Er trinkt aus einem Becher, der dann in der Reihe herumgeht.)

Sonst war ich selber mit in Feld und Wald,
Mit meinem Auge ihren Fleiß regierend,
Wie sie mein Banner führte in der Schlacht;
Jetzt kann ich nichts mehr als den Schaffner machen,
Und, kommt die warme Sonne nicht zu mir,
Ich kann sie nicht mehr suchen auf den Bergen.
Und so, in engerm stets und engerm Kreis,
Beweg’ ich mich dem engesten und letzten,
Wo alles Leben still steht, langsam zu.
Mein Schatten bin ich nur, bald nur mein Name.

Kuoni (zu Rudenz mit dem Becher).

Ich bring’s euch, Junker.

(Da Rudenz zaudert, den Becher zu nehmen.)

Trinket frisch! Es geht
Aus einem Becher und aus einem Herzen.

Attinghausen.

Geht, Kinder, und wenn’s Feierabend ist,
Dann reden wir auch von des Lands Geschäften.
(Knechte gehen ab.)

Attinghausen und Rudenz.

Attinghausen.

Ich sehe dich gegürtet und gerüstet,
Du willst nach Altorf in die Herrenburg?

Rudenz.

Ja, Oheim, und ich darf nicht länger säumen —

Attinghausen (setzt sich).

Hast du’s so eilig? Wie? Ist deiner Jugend
Die Zeit so karg gemessen, daß du sie
An deinem alten Oheim mußt ersparen?

Rudenz.

Ich sehe, daß ihr meiner nicht bedürft,
Ich bin ein Fremdling nur in diesem Hause.

Attinghausen

(hat ihn lange mit den Augen gemustert).

Ja, leider bist du’s. Leider ist die Heimath
Zur Fremde dir geworden! Uly! Uly!
Ich kenne dich nicht mehr. In Seide prangst du,
Die Pfauenfeder trägst du stolz zur Schau,
Und schlägst den Purpurmantel um die Schultern;
Den Landmann blickst du mit Verachtung an,
Und schämst dich seiner traulichen Begrüßung.

Rudenz.

Die Ehr’, die ihm gebührt, geb’ ich ihm gern;
Das Recht, das er sich nimmt, verweigr’ ich ihm.

Attinghausen.

Das ganze Land liegt unterm schweren Zorn
Des Königs — jedes Biedermannes Herz
Ist kummervoll ob der tyrannischen Gewalt,
Die wir erdulden — dich allein rührt nicht
Der allgemeine Schmerz — dich siehet man,
Abtrünnig von den Deinen, auf der Seite
Des Landesfeindes stehen, unsrer Noth
Hohnsprechend, nach der leichten Freude jagen,
Und buhlen um die Fürstengunst, indeß
Dein Vaterland von schwerer Geißel blutet.

Rudenz.

Das Land ist schwer bedrängt — Warum, mein Oheim?
Wer ist’s, der es gestürzt in diese Noth?
Es kostete ein einzig leichtes Wort,
Um Augenblicks des Dranges los zu seyn,
Und einen gnäd’gen Kaiser zu gewinnen.
Weh ihnen, die dem Volk die Augen halten,
Daß es dem wahren Besten widerstrebt.
Um eignen Vortheils willen hindern sie,
Daß die Waldstätte nicht zu Oestreich schwören,
Wie ringsum alle Lande doch gethan.
Wohl thut es ihnen auf der Herrenbank
Zu sitzen mit dem Adelmann — den Kaiser
Will man zum Herrn, um keinen Herrn zu haben.

Attinghausen.

Muß ich das hören und aus deinem Munde!

Rudenz.

Ihr habt mich aufgefordert, laßt mich enden.
— Welche Person ist’s, Oheim, die ihr selbst
Hier spielt? Habt ihr nicht höhern Stolz, als hier
Landammann oder Bannerherr zu seyn
Und neben diesen Hirten zu regieren?
Wie? Ist’s nicht eine rühmlichere Wahl,
Zu huldigen dem königlichen Herrn,
Sich an sein glänzend Lager anzuschließen,
Als eurer eignen Knechte Pair zu seyn,
Und zu Gericht zu sitzen mit dem Bauer?

Attinghausen.

Ach, Uly! Uly! Ich erkenne sie
Die Stimme der Verführung! Sie ergriff
Dein offnes Ohr, sie hat dein Herz vergiftet!

Rudenz.

Ja, ich verberg’ es nicht — in tiefer Seele
Schmerzt mich der Spott der Fremdlinge, die uns
Den Bauernadel schelten — Nicht ertrag’ ich’s,
Indeß die edle Jugend rings umher
Sich Ehre sammelt unter Habsburgs Fahnen,
Auf meinem Erb hier müßig still zu liegen,
Und bei gemeinem Tagewerk den Lenz
Des Lebens zu verlieren — Anderswo
Geschehen Thaten, eine Welt des Ruhms
Bewegt sich glänzend jenseits dieser Berge —
Mir rosten in der Halle Helm und Schild;
Der Kriegstrommete muthiges Getön,
Der Heroldsruf, der zum Turniere ladet,
Er dringt in diese Thäler nicht herein;
Nichts als den Kuhreihn und der Heerdeglocken
Einförmiges Geläut vernehm’ ich hier.

Attinghausen.

Verblendeter, vom eiteln Glanz verführt,
Verachte dein Geburtsland! Schäme dich
Der uralt frommen Sitte deiner Väter!
Mit heißen Thränen wirst du dich dereinst
Heimsehnen nach den väterlichen Bergen,
Und dieses Heerdenreihens Melodie,
Die du in stolzem Ueberdruß verschmähst,
Mit Schmerzenssehnsucht wird sie dich ergreifen,
Wenn sie dir anklingt aus der fremden Erde.
O, mächtig ist der Trieb des Vaterlands!
Die fremde, falsche Welt ist nicht für dich;
Dort an dem stolzen Kaiserhof bleibst du
Dir ewig fremd mit deinem treuen Herzen!
Die Welt, sie fordert andre Tugenden,
Als du in diesen Thälern dir erworben.
— Geh hin, verkaufe deine freie Seele,
Nimm Land zu Lehen, werd’ ein Fürstenknecht,
Da du ein Selbstherr seyn kannst und ein Fürst
Auf deinem eignen Erb’ und freien Boden.
Ach, Uly! Uly! Bleibe bei den Deinen!
Geh nicht nach Altorf — O, verlaß sie nicht,
Die heil’ge Sache deines Vaterlands!
— Ich bin der Letzte meines Stamms — Mein Name
Endet mit mir. Da hängen Helm und Schild;
Die werden sie mir in das Grab mitgeben.
Und muß ich denken bei dem letzten Hauch,
Daß du mein brechend Auge nur erwartest,
Um hinzugehn vor diesen neuen Lehnhof
Und meine edeln Güter, die ich frei
Von Gott empfing, von Oestreich zu empfangen!

Rudenz.

Vergebens widerstreben wir dem König.
Die Welt gehört ihm: wollen wir allein
Uns eigensinnig steifen und verstocken,
Die Länderkette ihm zu unterbrechen,
Die er gewaltig rings um uns gezogen?
Sein sind die Märkte, die Gerichte, sein
Die Kaufmannsstraßen, und das Saumroß selbst,
Das auf den Gotthardt ziehet, muß ihm zollen.
Von seinen Ländern wie mit einem Netz
Sind wir umgarnet rings und eingeschlossen.
— Wird uns das Reich beschützen? Kann es selbst
Sich schützen gegen Oestreichs wachsende Gewalt?
Hilft Gott uns nicht, kein Kaiser kann uns helfen.
Was ist zu geben auf der Kaiser Wort,
Wenn sie in Geld- und Kriegesnoth die Städte,
Die untern Schirm des Adlers sich geflüchtet,
Verpfänden dürfen und dem Reich veräußern?
— Nein, Oheim! Wohlthat ist’s und weise Vorsicht
In diesen schweren Zeiten der Parteiung,
Sich anzuschließen an ein mächtig Haupt.
Die Kaiserkrone geht von Stamm zu Stamm,
Die hat für treue Dienste kein Gedächtniß.
Doch, um den mächt’gen Erbherrn wohl verdienen,
Heißt Saaten in die Zukunft streun.

Attinghausen.

Bist du so weise?
Willst heller sehn, als deine edeln Väter,
Die um der Freiheit kostbarn Edelstein
Mit Gut und Blut und Heldenkraft gestritten?
— Schiff nach Luzern hinunter, frage dort,
Wie Oestreichs Herrschaft lastet auf den Ländern.
Sie werden kommen, unsre Schaf’ und Rinder
Zu zählen, unsre Alpen abzumessen,
Den Hochflug und das Hochgewilde bannen
In unsern freien Wäldern, ihren Schlagbaum
An unsre Brücken, unsre Thore setzen,
Mit unsrer Armuth ihre Länderkäufe,
Mit unserm Blute ihre Kriege zahlen —
— Nein, wenn wir unser Blut dran setzen sollen,
So sey’s für uns — wohlfeiler kaufen wir
Die Freiheit als die Knechtschaft ein!

Rudenz.

Was können wir
Ein Volk der Hirten, gegen Albrechts Heere!

Attinghausen.

Lern dieses Volk der Hirten kennen, Knabe!
Ich kenn’s, ich hab’ es angeführt in Schlachten,
Ich hab’ es fechten sehen bei Favenz.
Sie sollen kommen, uns ein Joch aufzwingen,
Das wir entschlossen sind nicht zu ertragen!
— O, lerne fühlen, welches Stamms du bist!
Wirf nicht für eiteln Glanz und Flitterschein
Die echte Perle deines Werthes hin —
Das Haupt zu heißen eines freien Volks,
Das dir aus Liebe nur sich herzlich weiht,
Das treulich zu dir steht in Kampf und Tod —
Das sey dein Stolz, des Adels rühme dich —
Die angebornen Bande knüpfe fest,
Ans Vaterland, ans theure, schließ dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen.
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft;
Dort in der fremden Welt stehst du allein,
Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt.
O, komm, du hast uns lang nicht mehr gesehn,
Versuch’s mit uns nur einen Tag — nur heute
Geh nicht nach Altorf — hörst du? heute nicht;
Den einen Tag nur schenke dich den Deinen!

(Er faßt seine Hand.)

Rudenz.

Ich gab mein Wort — Laßt mich — Ich bin gebunden.

Attinghausen

(läßt seine Hand los, mit Ernst).

Du bist gebunden — Ja, Unglücklicher,
Du bist’s, doch nicht durch Wort und Schwur,
Gebunden bist du durch der Liebe Seile!

(Rudenz wendet sich weg.)

— Verbirg dich, wie du willst. Das Fräulein ist’s,
Bertha von Bruneck, die zur Herrenburg
Dich zieht, dich fesselt an des Kaisers Dienst.
Das Ritterfräulein willst du dir erwerben
Mit deinem Abfall von dem Land — Betrüg dich nicht!
Dich anzulocken, zeigt man dir die Braut;
Doch deiner Unschuld ist sie nicht beschieden.

Rudenz.

Genug hab’ ich gehört. Gehabt euch wohl.
(Er geht ab.)

Attinghausen.

Wahnsinn’ger Jüngling, bleib! Er geht dahin!
Ich kann ihn nicht erhalten, nicht erretten —
So ist der Wolfenschießen abgefallen
Von seinem Land — so werden Andre folgen,
Der fremde Zauber reißt die Jugend fort,
Gewaltsam strebend über unsre Berge.
— O unglücksel’ge Stunde, da das Fremde
In diese still beglückten Thäler kam,
Der Sitten fromme Unschuld zu zerstören!
Das Neue dringt herein mit Macht, das Alte,
Das Würd’ge scheidet, andre Zeiten kommen,
Es lebt ein andersdenkendes Geschlecht!
Was thu’ ich hier? Sie sind begraben Alle,
Mit denen ich gewaltet und gelebt.
Unter der Erde schon liegt meine Zeit;
Wohl dem, der mit der neuen nicht mehr braucht zu leben!
(Geht ab.)