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Woge und Wind: Eine Strandnovelle in Versen cover

Woge und Wind: Eine Strandnovelle in Versen

Chapter 31: 30
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About This Book

Ein versonnener Erzähler reist an die Küste, sucht Ruhe und versucht, in Versen das Erlebte festzuhalten, findet aber statt Schreiben das unmittelbare Meer und die Landschaft. In klaren, beobachtenden Szenen schildert er das kleine Dorf, die einfachen Zimmer und die Geräusche von Woge und Wind, zugleich wächst seine Neugier für eine stille, blasse Fremde, die sich zurückzieht. Die Gedichte verknüpfen Naturwahrnehmung, stille Alltagsbeobachtungen und innere Reflexionen über Einsamkeit, Begehren und das Ringen zwischen dichterischer Arbeit und dem Wunsch, das Leben unmittelbar zu erleben.

30

»Mein süsser Freund, seit du mit mir allein,
Hast du zwar viel gelernt, doch eins noch nicht,
So recht von Grund des Herzens wahr zu sein.
Die Wahrheit, mein' ich, die nicht nur so spricht,
Wie sie empfindet, sondern der Geschehen
Erst ganz Erfüllung ist, und Handeln Pflicht.
Wie ich das meine, wirst du schwer verstehen.
Du bist zu anders, als ich selbst. Du wagst
Den Dingen niemals klar ins Aug zu sehen;
Du liebst es allem, was du tust und sagst,
Ein Mäntelchen, ein farb'ges, umzuhängen,
In dessen Putz du dich recht wohl behagst.
Ein andrer suchte darauf hinzudrängen,
Dass, was ihn ganz erfüllt mit inn'rer Wahrheit,
Nach aussen wahr auch werde; ihn beengen
Des Zwiespalts Fesseln und er ringt nach Klarheit.
Du liebst es in der Dämmerung zu bleiben,
Fühlst nicht die Fesseln. Liebenswürd'ge Starrheit

Lässt deine Hände ruhn. Dem andern schreiben
Gefühl und Herz die eignen Taten vor –
Du lässt dein Herz erst vom Gescheh'nen treiben.
Ich seh, du leihst nur ungern mir dein Ohr,
Nicht wahr, zürnst mir sogar? Ich hab's gedacht.
Doch – glaube mir, ich werfe dir nichts vor!
Du hast dich ja nicht selber so gemacht,
Wie du nun bist.« – ›Und wie denn bin ich wohl?‹
»Ein Kind, das einen Apfel stahl und lacht.
Es sah an Nachbars Baum die Zweige voll
Und brach sich einen ab; fragt nicht erst lange
Nach wie? woher? und was nun werden soll –
Es lacht, geniesst die Stunde und die Schlange,
Die hinterm Busche lauert, ahnt es nicht,
Eh' man sie ihm gezeigt. Dann wird ihm bange,
Es schlägt sich schnell die Hände vors Gesicht
Und sagt: ich mag nicht sehn! – Sich so betrügen
Ist klug vielleicht – allein die Kunst gebricht

Mir ganz und gar; ich will mich nicht belügen.« –
›So bitte, sprich, was kann ich, soll ich nun?
Wo fang ich an? Wie mag ich dir genügen?‹
»Nichts! gar nichts sollst du! kannst auch gar nichts tun,
Jetzt ist es schon zu spät! Drum lass und komm,
Ich sehne mich in deinem Arm zu ruhn,
So bin ich wieder stille, gut und fromm,
Wie du mich wünschst! Verzeih, dass Bitterkeit
Mich plötzlich so erfasst. Ein Funke glomm
Noch in der Asche! Doch – ich bin befreit!«