29. MÄRZ. Kaum war an diesem 29. März mein Protest an das Journal de Genève abgeschickt, als mir eines jener erprobten Warnsignale übler Vorbedeutung, die wie mit Hellebarden mein so ganz auf innere Stimmen angewiesenes Sein umstellt halten, auf einem Rad, als hätte es höchste Eile, entgegensauste.
30. MÄRZ. Schon verschieben sich sachte wie auf einer Wandelbühne die Kulissen: Verstummtes, Unterdrücktes belebt sich aufs neue, findet wieder Farbe und Gestalt.
31. MÄRZ. Eine Antwort. Schon! — „Die vielen Zuschriften, der Raummangel . . . meinen Brief jedoch gedächte man zu bringen.“ Es steht nichts von einem Termin. Aber ins Ungewisse ertrage ich diesen Zwiespalt nicht. Morgen fahre ich nach Genf zu Romain Rolland.
1. APRIL. Sonntag. Unter strömendem Regen bin ich nach Champel gefahren. Rolland wußte schon, warum ich kam. Er war zufällig auf der Redaktion gewesen, als mein Brief dort eintraf, hatte ihn gelesen und war unbedingt für dessen Veröffentlichung.
Ich sprach dann beim Journal de Genève vor und erwirkte, daß der Protest am übernächsten Tage erscheinen würde. Somit war die Sache erledigt, und ich ging.
Das Wetter hatte plötzlich umgeschlagen. Es wehte eine schneidende Luft, aber See und Himmel strahlten in frühlinghafter Bläue. In mir derselbe jähe Szeneriewechsel.
Ein erstickend schwerer Vorhang riß magisch in die Höhe. Nicht der Salève, der sich hier an allen Straßenecken türmte, sondern die bayrischen Berge in ihrem seelenvollen Dunst und ihre Waldungen verstellten mir den Weg, und die betrübten und bestürzten Mienen meiner zurückgelassenen Freunde. Es war die Trennung von ihnen, das Exil. Drüben im Vorgebirge das Schlößchen, das wie eine selige Insel auf dem dunkeln Meer dieser Zeiten träumte, die schöne und musenhafte Freundin, die mich dort erwartete, die dort verbrachten Herbst- und Sommerwochen.
Tausend Erinnerungen setzten sich wie Trauerglocken in Bewegung. Oh teuer erkaufte Ruh!
4. APRIL. Bern. Abigail besucht mich; sehr gespannt. Ich sage ihm, wie Rolland, den er immer anschwärzt, sich verhielt.
5. APRIL. Der Protest ist heute erschienen. Ich kaufe das Blatt, ohne den Mut zu finden, es zu entfalten.
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Ich übergehe die nächsten Tage. Diese Aufzeichnungen sind ja nicht verfaßt, um Gemütsbewegungen zu schildern. Ganz andere Zwecke verfolgt dieses Buch. Auch ist die Zeit nicht mehr, und man wird härter. Nur im Hinblick einer Einsicht, einer Erkenntnis, wo Erfahrungen mit immer verstärkter Deutlichkeit den Charakter des Lebens kennzeichnen und Kommentare stellen zum Schicksal überhaupt, dürfen wir dabei verweilen. Kein größerer Wahn als der, zu glauben, man kenne das Leben, um es ausgekostet, sich mit allen seinen Genüssen, Schrecknissen und Abenteuern vertraut gemacht, viele Männer oder Frauen gekannt oder geliebt zu haben. Es starb so mancher ahnungslos dahin, welcher die ganze Welt bereiste. Auch nicht wer Gefahren überstand, nein, sondern wer die Gefährlichkeit des Daseins, dessen Gefährdetheit durchschaute, die wie ein giftiger Trank sich unablässig bereitet und immer die Hefe zurückläßt, um sich neu zu mischen, nur wessen Auge geschärft wurde für die Schatten, die im Tageslicht aufpassen, nur der weiß über diese Welt Bescheid, und in ihm lebt das Bewußtsein — bitter wie die Aloe —, daß er umsonst gelebt hat, wenn die Schule, durch die er ging, anderen nicht zur Lehre dienen wird.
Das erste war übrigens, daß mich die Fürstin ans Telephon rief: „C’est désastreux! quelle folie!“ sagte sie unverblümt; und als ich sie besuchte: „Je dis ce que je pense, mais est-ce que j’écris, moi? — Pas si bête!“ empfing sie mich und kochte mir mit heftigen Bewegungen Kaffee.
Dann aber kam Besuch: eine offiziöse Engländerin, deren Mann mit atrocités allemandes einen schwunghaften Handel trieb, und ein russischer Diplomat von professioneller Verlogenheit, die mir Komplimente machten und mich einluden. Wie schwül mir da wurde! Nein, so war es nicht gemeint, und ich gehörte nicht hierher! Nicht hierher und nicht dorthin. Bevor die Fürstin mich mit einer ihrer Brüskerien zurückhalten konnte, war ich ausgerissen und die Treppe hinabgeeilt.
Fortunio, der mir auf der Straße begegnete, nahm dieses typische Palaceerlebnis von der komischen Seite und lachte. Wir saßen zusammen, als Telramund im biederen Pelzrock, an seiner Rechten die Menschenfresserin von Hokusai, mit jener so charakteristischen Verleumderwärme, die unbedingt etwas anderes scheinen möchte, auf uns zueilte. Seine Hand weit entgegenstreckend, brachte er mir rückhaltlose Schmeicheleien zu herzhaftestem Ausdruck. Fortunio, welcher fühlte, wie bitter sie mir mundeten, lenkte das Gespräch auf andere Dinge.
13. APRIL. Den Abend mit Fortunio und Abigail verbracht. Wir sprachen von Träumen. Abigails sehr spekulatives Gehirn kann sich in so feinen Windungen verlieren, daß es sich beizeiten von seiner höchst stofflichen Person vollkommen losgelöst darstellt. Plötzlich, mitten in einem Satz, den er sagte, lebte ein geradezu abscheulicher Traum der vergangenen Nacht in mir auf, und schon begriff ich nicht mehr, daß ich mich jetzt erst auf ihn besann, unterbrach aber sofort das Gespräch, um ihn zu erzählen. — „Achtung!“ rief ich, „so etwas Widerliches habt Ihr noch nicht gehört:
Ein Mann, von dessen schwarzem, fettem, unbeschreiblich schmutzigem Haare dichte graue Schuppen auf seinen Anzug regneten, war dicht an meine Seite getreten. Dabei zog er mit einem Kamm durch diese Strähne von nie dagewesener Schmierigkeit, so daß der graue Regen immer dichter fiel. Ich rückte unwillkürlich von ihm weg, da fuhr er weitausholend mit diesem treibenden Kamm in mein eigenes Haar, ich fühlte ihn noch darin stecken und erwachte vor Ekel.“
Fortunio schwieg. Auch der zu Kommentaren schnell bereite Abigail äußerte sich mit keinem Ton.
„Es steht mir natürlich etwas höchst Widerwärtiges bevor!“ nahm ich selber auf. Auch diese Bemerkung weckte kein Echo. — Man ging auf konkrete Dinge über. Es wurde spät. Fortunio erwähnte das neue Blatt, welches Telramund schon in den nächsten Tagen zu starten gedachte und wie jemand, der sich ungern etwas zu sagen entschließt: „Er, beabsichtigt übrigens, eine Übersetzung Ihres Protestes in seiner ersten Nummer abzudrucken.“
„Was fällt ihm ein!“ rief ich. „Das kann er nicht.“
„Er kann es schon“, sagte Fortunio.
„Die Friedenswarte bringt sie.“
„Er will ihr zuvorkommen.“
„Ungefragt? Ohne sie nur zu zeigen?“ fuhr ich im lichterlohen Zorne auf. „Sie sind Zeuge, daß er mir nichts von einer solchen Absicht verriet, als er vorgestern zu uns stieß. Ich figuriere nicht in diesem Blatt.“
„Fassen Sie sich doch!“ sagte Fortunio.
„Nein, ich fasse mich nicht. Oh Fortunio!“ rief ich, „oh mein Traum!“
„Schreiben Sie ihm halt.“
Ich ließ sofort das Nötige herbeischaffen und schrieb zitternd vor Aufregung, was er mir diktierte. Dann brachen wir auf. Der gänzlich verstummte Abigail blieb an unserer Seite. „Die Gefahr ist natürlich,“ bemerkte Fortunio, „daß der Brief zu spät eintrifft.“
Dies sagte genug. Er wußte mehr. Meine Empörung, meine Wut steigerte sich mit jeder Sekunde. Je ungezügelter ich mich über den Charakter des bevorstehenden Blattes ausließ, desto reservierter wurde Fortunio. Je mehr ich sah, daß er sich ärgerte, desto mehr ärgerte ich mich über seinen Ärger. Der meine richtete sich besonders gegen Abigail, dessen Schweigen mir mißfiel. Nicht das Ungestüm, mit welchem ich auf den mir zugedachten Schlag reagierte, sondern die ausgemachte Tücke desselben schien mir das wesentliche, was unbedingt eine Parteinahme für mich verlangte. Auf eine solche ließ jedoch nichts in der, all die letzten Tage so überschwänglich gewesenen Haltung Abigails schließen.
Oben in meinen sorgfältig geschmückten, aber von Telramund behexten Räumen, in welchen ich noch nicht eine einzige frohe Stunde verlebt hatte, noch fernerhin erfahren würde, brach ich in helle Flammen der Verzweiflung aus. Dies also war das Resultat! Zu diesem Ende also hatte ich die Worte, zu welchen ich glaubte, mich entschließen zu müssen, so bang gewogen, so behorcht. War ich dafür bis an die äußerste Kante einer abschüssigen Stelle vorgetreten, so weit, als mein Fuß noch Boden unter sich fassen konnte, um hinterrücks diesen Stoß zu erhalten? Denn was für eine Übersetzung und zu welchem Zwecke sie fabriziert wurde, wußte ich genau. Am Arme Telramunds, dieses Verräters, sollte ich an die Öffentlichkeit. Ich hatte mich, es ist wahr, vom Anfang des Krieges an zur Opposition geschlagen. Aber sie galt seinen Anstiftern und deren verworfener Gefolgschaft. Das Volk selbst tat mir unabänderlich leid. In meiner, von kalten Wirbelwinden der Abneigung durchsackten und durchkreuzten, aber dabei tiefen Liebe zu Deutschland, lag das Band zwischen Fortunio und mir. Oft sprachen wir davon. Und dünkten uns allein. Gerade unsere gallische Seite setzte uns ja auf Grund unserer Abgerücktheit in Besitz des Spiegels, den die unvermischt Deutschen nicht führen. Ihr Nationalismus ist ja Import, ihr Fremdenhaß unecht, imitiert, immer bereit, wie Mörtel von ihnen abzufallen. Im übrigen ist die Gefahr derjenigen Deutschen, welche Selbstkritik üben, viel eher, daß sie erstarren. Wenn es kein französisches Wort für „Gemüt“ gibt, so gibt es noch weniger ein deutsches Wort für „affectueux“. Die Deutschen — und das ist es, was einem oft an ihnen erbarmt — sind nicht imstande, sich im geringsten zu hegen. Weil jede Nation seine so typischen Unholde hat, war Telramund, allen deutschen Germanophoben voran, gerade in dieser Germanophobie ein so typischer Boche. Jedenfalls durfte der Mann von Glück reden, daß sein und seiner Gesponsin Leben an diesem Abend nicht in meine Hand gegeben war. Statt dessen war es ihr Trick natürlich, welcher aufs beste gelingen mußte, und weit entfernt, daß die beiden verdienterweise und auf meine Order hin vor Sonnenaufgang baumelten, haftete meinem Frühstückstablett am Morgen dieses 14. April die erste Nummer der Telramundschen Zeitung an. Sie umfaßte vier Seiten. Alle Beiträge waren anonym. Nur mein fettgedruckter, im Reporterdeutsch übertragener Protest trug meinen Namen. Ich übergehe den Zorn, mit dem ich diese wüste Revolverprosa las, welche hier als meine eigene stand; wie vortrefflich war dabei ihre Wirkung auf mich selber berechnet! Denn die Feindschaft von Leuten wie Telramund ist wie mit tausend Augen auf uns gerichtet, mit tausend Fühlern in uns verbissen. Sie kennen ja die Ablenkung ins Reich der Ideen nicht! Sie spinnen keine eigenen Gedanken! Ich Törin hatte, wie über einen Witz, lustig darüber aufgelacht, daß Telramund meinen Protest als eine „Manoeuvre allemande“ bezeichnet hatte, ohne zu erwägen, daß er natürlich auf Mittel und Wege sinnen würde, dies zu bekräftigen. So galt es denn, mich gewaltsam über die Linie zu ziehen, die ich mir selbst gesteckt hatte. Dies ergab sich ohne weiteres durch den gehässigen Ton der Übersetzung. Das andere würde ich schon selber besorgen; denn daß ich reagieren, ja mich hinreißen lassen und ihm in die Hände arbeiten würde, wußte niemand so gut wie dieser ausgezeichnete Kenner meiner Person. Ja, es kam noch besser für ihn, als er wohl dachte.
Fortunio, den ich sofort benachrichtigte, ließ mir sagen, er könne mich erst gegen zwölf Uhr sehen. Dies war mir viel zu spät. Gleich, in einer Viertelstunde, bevor noch irgend jemand auf die Gasse trat, mußte meines Erachtens etwas geschehen. Wahn! überall Wahn! In der Redaktion des Bundes bestand ich darauf, daß meine Verwahrung sofort in der nächsten Nummer stehen müsse. Es wurde mir versprochen. Immer noch war es Morgen. Rückte denn heute die Zeit nicht vor? Alle Hauptstraßen meidend, kam ich im Sturmtempo zu Fortunio, ihm das fait accompli mitzuteilen.
Wenn es wahr ist, daß kein Sperling versehentlich vom Dache fällt, nun dann steht gewiß auch ein jeder unserer Tage unter einer bestimmten Konstellation, und mein Unstern feierte gerade seinen Mittag. Fortunia, die auf der Treppe stand, empfing mich mit einem unglücklich gewählten Wort. Schließlich war es ihr Haus, ich konnte sie nicht niederstoßen. An ihr vorbei, geradeswegs in Fortunios Arbeitszimmer, der die Mitteilung von meiner zu erscheinenden Notiz mit einer Kälte aufnahm, die mich unsagbar erbitterte. Hier bin ich fehl am Ort, dachte ich, und nahm eilends Abschied. Auf der Straße war es kalt. Ich sah mich um: sie war leer. „Ich bin verraten“, sagte ich laut. Ich hatte nur ein paar Schritte bis zum Haus, in dem ich wohnte. Die Hand vor den Augen haltend, als sei mir etwas hineingeflogen, eilte ich die Treppe hinauf und schloß mich ein.
15. APRIL. Telramund (immer anonym natürlich) veröffentlicht eine hämische Erwiderung auf die meinige. Meinen französischen Text und seine Übertragung würde die nächste Nummer seiner Zeitung zusammen abdrucken. Der Leser möge sich dann selbst ein Urteil über mich bilden. Ich sofort wie eine Windsbraut, auf Flügeln des Zorns, in die Redaktion mit einer „Schlußerklärung“. Auch diese wollte ich sofort eingerückt sehen.
Daraufhin vertiefte sich das Waldesschweigen um mich her. Fortunio war ohne ein Wort nach Lugano abgereist. Ich begriff es nicht. In meiner Unkenntnis alles dessen, was mit Partei- oder Presseinteressen zusammenhing, wollte mir ein Überblick der besonderen Situation nicht gelingen. Ein paar Dinge sah und erkannte ich mit unbeeinflußbarer Sicherheit, gleichsam durch ein Brennglas, mußte aber jede Einsicht mit einer Unzulänglichkeit überzahlen, jedes Überbieten mit einem Versagen. Wer mich für dumm erklärte, dem hatte ich von jeher meinen Segen gegeben. Es will keine Geographie in meinen Kopf; vergebens starre ich auf einen Globus; ein Morseapparat bleibt mir ein unergründliches Geheimnis; in scheuer Bewunderung starre ich während einer Panne auf die Mechanikerkünste des Chauffeurs, und so teilnahmslos ist gewiß kein Mensch, daß er, ohne mir beizustehen, zusehen könnte, wie ich meine Koffer packe. Durch Vorzüge, wie durch Mängel isoliert, muß ich mich selber auf mich nehmen wie ein Kreuz. Es kann geschehen, daß ich vom Blatt begleite auf eine Weise, die jeden Musiker empfinden läßt, welche Entbehrung es für mich ist, ohne Musik zu leben, und mir selbst wird zumute gewesen sein wie einem plötzlich freigelassenen Pferd, das über eine Ebene voll Sonnenlicht und Schatten fliegt. Nichts kommt seinem Rausche gleich. Von solchen Augenblicken wahren Lebens erwache ich zum Tode des Alltags wie ein Gefangener aus seinem Freiheitstraum. Gerade nach solchen seelischen Abenteuern aber wird es am leichtesten vorkommen, daß ich mit einer aufgeregten Hilflosigkeit, viel eher eines Dorftrottels, als meiner würdig, nach meinen vergessenen oder verirrten Habseligkeiten suche, und keiner der Musiker von vorhin würde mich wiedererkennen.
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21. APRIL. Besuch Abigails. Oh nichts von Komplimenten mehr! Nichts mehr von „femme exquise“. Wir prasselten uns Vorwürfe, groß wie Taubeneier, ins Gesicht. Meine Schlußerklärung sei eine Abschwächung gewesen. Ob dies der Moment wäre, zu sagen, daß es Boches in jedem Lande gäbe.
Es sei die Wahrheit.
In der Tat hätte ich die richtige Gelegenheit ergriffen, dies zu äußern.
„Ihr habt ja meinen Protest als eine manoeuvre allemande angesehen.“
„Cest donc une vengeance“, sagte er, indem er sich zum Gehen anschickte. Ich eilte zur Tür, und, vor ihr aufgepflanzt, gedachte ich das letzte Wort zu haben, als mir plötzlich ein Licht aufging, auch Fortunios wortlose Abreise mir erklärte. „Sie haben das Wort ‚Abschwächung‘ gebraucht“, sagte ich, „und werden dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie mir selbst, geholfen haben, einen Nachsatz aufzusetzen, der jede Möglichkeit einer solchen Auffassung ausschließt. Alles andere ist mir im Augenblick egal.“
Mein Entschluß einer neuen Bekräftigung konnte ihm nur erwünscht sein. Es setzte ihn in den Stand, zum zweiten Male Heu einzufahren, nachdem das erste verregnet war. Zum dritten Male schlug ich nun den Weg in die Redaktion des „Bundes“ ein. Nicht mit Unrecht wurde ich aber dort darauf hingewiesen, daß sich eine Schlußerklärung mit keinen neuen Erklärungen vertrüge. Ich führte mit aller Vehemenz dagegen aus, sie sei für mich Ehrensache, und setzte endlich ihre Veröffentlichung durch. Natürlich mußte sie wieder auf der Stelle her.
Daß hiermit ein Loch an Stelle eines Fleckens trat, war mir zwar klar. Und nach der deutschen Seite hin verschlechterte sich natürlich meine Situation, war eine Herausforderung mehr. Doch auch die formvollendetste Blamage durfte ich in diesem Augenblick riskieren, nur nicht, daß behauptet werden durfte, ich liefe vor meinem eigenen Mute davon. Ich war froh, daß jetzt um mich her eine solche Leere bestand, und niemand in Sicht, der mir einen Rat erteilen konnte. Denn der Fall lag allzu klar. Hier war es nicht le ridicule qui tuait.
23. APRIL. An der Schnelligkeit jedoch, mit welcher jetzt meine Stimmung umschlug, merkte ich den Stoß, den mein Gleichgewicht erfahren hatte: meine Gemütsverfassung war eins mit dem herrschenden Wetter: Regen, Finsternis, zerrissenes Gewölke, Himmelsblau, Sonne und wieder Sturm und Schnee. Kurz entschlossen löste ich eine Karte, um einer Aufforderung A. H. Paxens nach Lugano zu folgen.
Abigail, der sich nachmittags bei mir meldete, war sichtlich erfreut über die inzwischen schon erschienene Notiz. Aber ich hatte jetzt reichlich genug von der leidigen Geschichte, deren dickes Ende ja noch bevorstand, denn bis jetzt hatte noch kein deutsches Blatt auf meinen Vorstoß reagiert.
23. APRIL. In Luzern unterbreche ich meine Fahrt und steige im Hotel Tivoli ab, bei Glasenfrosts.
Warum aber fallen nachts Felsenblöcke über mich hin? Warum sehe ich einen Baum an einem unsichtbaren und doch so verzehrenden Feuer verbrennen, daß er im Nu nur ein Gerippe ist von einem Baum? Ohne Flamme und ohne, daß ein Blitz ihn traf, nur ein gespaltener Stamm?
Warum stürzt von zwei Leuchtern der eine mit herabgebrannter, erloschener und tränender Kerze zu Boden? Eine trübe Bildersprache, die ich in diesem Jahre noch nicht entziffern sollte.
Um Mittag fahre ich weiter. Jenseits des Gotthard gerät der Himmel ins Lachen. Er findet offenbar die Welt noch schön. Tröstlich prangende Blütenhänge und endlich, tief unten, das hingezauberte Blau des Sees, einem verliebten Abendhimmel hingegeben. Und die Bäume stehen hier wie sanfte, begütigende Bräute.
Der Weg nach Paradiso ist holperig genug, auf den Bergen oben leuchten feurige Spieldosen auf. Die Natur ist ein Zwischenakt mit Verwandlungsmusik, und die Nachtluft wird von Amoretten hingetragen. Oh Plansee im bayrischen Gebirg! Du See auf dem Plan, so hoch oben im Wind! Warum schwebst du, Verwunschener, mir vor? Vor mir liegt lächelnde Erfüllung. Du aber bist unbegrenzte Sehnsucht und Verweigerung.
Ein nachgesandter Brief von ihr, die von jenen Bergen spricht, hatte mich in Luzern ereilt. „Bald kommt der Sommer, schreibt sie, rücken wir ihm vor. Der Flügel wird schon in der Halle aufgestellt, die Schwalben fliegen gewiß schon ein und aus.“
Die Droschke rollt jetzt auf glatter Fähre den See entlang.
25. APRIL. Fortunio, welcher von meiner Ankunft bei Paxens erfahren hatte, kommt, verfehlt mich, telephoniert und bittet mich zum Tee.
Ha! denke ich, diesen Tee soll er sich merken bis in sein achtzigstes Jahr. Mit vielem Bedacht staffiere ich mich zu diesem Wiedersehen heraus, um die Meinung, die ich mir von seinen Ritterdiensten gemacht habe, möglichst wirkungsvoll zu unterstreichen.
Wie dem auch sei, ich trug an diesem Tage ein, wenn auch nicht neues, so doch neu beschlagenes Kleid mit halblangen, weit auslaufenden Ärmeln. Weiße Besätze, federleicht und schwarz besäumt, schlossen sie am Ellbogen in zwei Reihen ab. Zwischen ihnen lag wieder eine Spanne Stoffes, den sie ein wenig heruntergezogen, denn so dünn ihr Gewebe war, durch ihre Fülle beschwerten sie ihn doch. Beim Gehen glockten sie ganz leise ab und zu und hingen dann still, bevor sie sich von neuem bewegten. Es war in der Tat ein sehr rhythmisches und geglücktes Ärmelpaar. Vor allen Dingen aber — andere mögen dies gewiß auch schon beobachtet haben — können wir von einer „geistigen Schminke“ angeflogen werden, chimärisch wie jene, welche die Kosmetiker bereiten — denn auch sie, wenn sie von uns fällt, läßt uns fahler, aufgeriebener als zuvor. — Indes gewährte ich den ausgestandenen Nöten der vergangenen Tage ihr beredtes Schattenspiel, ja ein selbstbewußter Schleier chiffrierte noch ein übriges dazu. Also gepanzert, höchst intangibel und durchaus bestechend ging ich, die ihm zugedachte Szene wohl im Kopf, gewandten Schrittes, als hätte ich soeben meine besten Erfolge hinter mir, auf ihn zu.
Es gehört jedoch irgendwie mit zum Leben, daß im geringfügigen, wie im großen die Dinge anders verlaufen, als man sie erwartete.
Zwar in der Tat eilte da Fortunio wie mit neubeschwingter Freundschaft mir entgegen.
Seine Sympathie, erklärte er dabei, hätte nun wirklich die Feuerprobe bestanden.
„Wie meinen?“
Da nicht einmal die desaströse Erklärerei im „Bunde“ vermocht hätte, daran zu rütteln. „Sie kennen die letzte nicht“, erwiderte ich mit der erkünstelten und flackernden Würde einer Überrumpelten.
„Was!?“ schrie er entsetzt und fuhr mit den Armen in die Luft. „Noch eine?!“ Unglücklicherweise mußte ich lachen, und da mir dies seit drei Wochen nicht mehr vorgekommen war, hielt ich nicht sogleich inne, sondern geriet ins lachen, wie einer ins laufen gerät, und ehe Fortunios Arme sich wieder gesenkt hatten, war er angesteckt. Es gab kein Aufhalten mehr. Lachraketen stiegen jetzt in die verblaute Luft, in einer vor Wonne irrsinnigen Natur. Wäre ich zehnmal bedrückter noch gewesen, ich hätte gelacht.
Bald fingen denn auch die Berge wieder an, ihre funkelnden Spieldosen aufzuziehen. Nicht einmal nachts wollte diese Landschaft zum Ernste gelangen; des Krieges selber schien sie zu spotten. Wer hatte denn recht, wenn nicht die Bäume hier am Strand des Sees, die ihre Düfte einander zuhauchten und vertauschten, und wenn sie welkten, wieder erblühten, und wenn sie verdorrten, andere dafür erwuchsen. Es war mir ein Schlag ins Wasser geglückt. Und was dann?
Ich zog Fortunio mit in den Kursaal, sah den Dämchen zu, wie sie tanzten, gewann sechs Franken und verlor deren zwölf.
* *
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Und nunmehr ging ein Tag blitzender als wie der andere auf, und wie in einer leuchtenden Schale der Vergessenheit zerfloß der See. Vergiß! Vergiß!
Es hinderte nicht, daß ich Fortunio bei Gelegenheit das alte Leitmotiv vernehmen ließ, solange Telramunds im Hintergrunde säßen, sei jede Aktion, jeder Versuch, dem Haß entgegenzuwirken, im vornherein eine gescheiterte Sache. Er ist für das „abwirtschaftenlassen“ solcher Elemente, und ich nicht. Denn bis sie abgewirtschaftet haben, ist ja zuviel verdorben, aufgehalten, zugrunde gerichtet. Fortunio, in vielen Dingen weit beschlagener als ich, sieht nicht, wo ich erfahrener bin als er. Gewiß sind ihm die Götter hold. Taucht er unter, so fischt er gleich etwas Schönes, hält’s gegen das Licht, freut sich des Prismas und läßt sich von den Wellen schaukeln.
Die paar Meinungen dagegen, die mir unverrückbar im Kopfe horsten, muß ich zu Markte tragen, und habe keine Ruhe. Muße bleibt Müßiggang für mich, solange ich sie nicht formulierte. Und die Aufgabe ist doch so schwer, daß ich vor jedem Anlauf von neuem zögere. Bis mein Tagewerk gelingt, sofern es mir gelingt, wird der Abend für mich herangebrochen und meine Gastrolle in dieser zweifelhaften Welt ausgespielt sein. Sollten meine Bücher mich überleben und ich selber wiederkommen, so lese ich sie vielleicht, und vielleicht wird mir dabei etwas sonderbar zumute. Ein Dirigent möchte ich dann werden. Regieren möchte ich!
Die erste Katze möchte ich sein, die keine Vögel mordet. Ich bin in diese beiden Tiere vernarrt und wünschte, sie schlössen Frieden.
Um auf Fortunio zurückzukommen: darüber sei man sich vollkommen einig, sagte er, wie Telramunds Verfahren mir gegenüber zu qualifizieren sei.
Warum ergriff denn keiner meine Partei?
Er zuckte die Achseln, wie jemand, der es aufgibt, etwas zu erklären. Gerade dieses Achselzucken aber gab mir endlich voll und ganz zu verstehen, mit welch unsäglich trübem Wasser in Politicis gekocht wurde; so zwar, als müßte es so sein. Diese Notwendigkeit war es gerade, die ich mich anzuerkennen weigerte.
Ich kann gar nicht aussprechen, wie grausam mich der Plan von einem „Zusammenschluß der Geistigen“ anlächert . . . Wie sollte ein Zusammenschluß der Geistigen zustande kommen, da noch ganz und gar kein Zusammenschluß gegen die Ungeistigen besteht? Ach, kennt ihr Geistigen die Welt noch immer nicht? Was redet ihr groß von eurem Zusammenschluß? Sprecht von Aufgebot, von einem Kampfesruf gegen den Zusammenschluß jener, denen alle Waffen zu Gebote stehen, welche die Gemeinheit führt, dem einzigen Zusammenschluß, der sich bisher verwirklichte, denn dort gebietet der Verworfene über den Verworfeneren, und der Verworfenste ist es, der das Zepter schwingt.
Sprecht von Ausschluß, sprecht von Sorge. Davon sprecht, daß es keine gute Sache geben kann, solange schlechte Elemente sich zu ihr bekennen dürfen, um sie zu untergraben, ist doch an ihrer eigenen nichts mehr zu verderben. Zum Zerstören aber sind sie da.
Gelänge es mir, auf diese noch immer nicht genügend beachtete Beschaffenheit der Dinge die Aufmerksamkeit zu lenken, ich hätte nicht umsonst gelebt. Ich weiß ja, wie sehr mein Scharfblick auf Kosten von Kurzsichtigkeiten geht. Welche Pein ist das! Ich stürme nicht voran, ohne über das Nächstliegende zu stolpern. Von ausgemachter Selbstherrlichkeit, wo ich meiner Sache sicher bin, unheilbar blöde, unheimlich schlau, so harmlos, daß man kichert, so gerissen, daß man mir mißtraut . . .
27. APRIL. Ein Berliner Kriegsgewinnler, den Paxens von Wien her kennen, meldete sich bei ihnen zu Besuch. Der erste, dem ich mit Bewußtsein begegne. Nie habe man bei Hiller so gut gegessen, nie bei Borchard soviel Champagner getrunken. Die Welt habe jetzt die deutsche Faust kennenzulernen. Was Ludendorff befahl, sei unbesehen das Richtige, und keine Kritik gestattet; (das galt mir!) Gott, wie gemütlich man hier beisammen säße, während die Völker einander schlachteten. (Dies sagte er, wie man am warmen Kamin vom Schneesturm spricht, der draußen wütet.) Allen könne es nicht gut gehen, bemerkte er auch. „Schweigen Sie“, rief Frau A. H. Pax. Er guckte etwas verdutzt. „Das ist ja schrecklich mit unserer Valuta“, lenkte er dann ein. „Und mit der geistigen erst!“ fuhr A. H. Pax dazwischen.
Kunstwerk der Zukunft.
28. APRIL. Heute früh bin ich in einer Messe gewesen. Aber welche Messe! In einem sehr alten, dem See gegenüberliegenden und köstlichen Bau: Traumhafte Fresken, das übrige mit roten, langverjährten, rosagewordenen Damasten ausgeschlagen. So gut wie leer. Die Schellen, die der Ministrant in Bewegung setzt, erklingen abgetönt und sind gewiß aus Silber, Weihrauchwolken steigen vom Altar. Dunkel — nein nicht dunkel, von einer lichten Penombra wie eine bedeckte Vollmondnacht, ohne Orgel und Gesang, und dennoch brausend, unendlich groß, ja wie zum Firmament — (wie wurde mir?) weitete sich das stille und verlassene Haus und schwamm im All.
Endlich wieder eine schöne Kirche. Die in Bern hatte ich aufgeben müssen, denn so war die Messe wirklich nicht gemeint. Als ich aber jetzt durch die schwerbehangene Türe ins Freie trat, auf den noch leeren Platz und den besonnten Strand, wo die Platanen ihre eben erschlossenen Kronen so bräutlich dem Licht entgegenhielten, da schien dies alles, diese Natur mit den dekorativ vor und wieder zurücktretenden Wänden ihrer Berge und das gekräuselte, wie in sich selbst verliebt hinziehende Gewässer, selbst der Himmel, der darüber hing, schien nicht so weit wie der eben verlassene, leicht zu umspannende Bau mit den damastenen Wänden von verblaßtem Rot.
2. MAI. Die Pforte, die ins Weglose führt, wurde bisher nur im Vorübergehen angekreidet. Ziemt es sich doch nicht, es zu beschreiten. —
Diejenigen aber, welche solange über die Schiffbarmachung der Luft gegrübelt haben, sind nicht dieselben, welche sich auf Äroplane schwingen, sondern viele Jahrhunderte werfen ihre wilde Brandung zwischen sie. Und doch, und doch . . .
Wie in der nunmehr erkrankten Luft die Menschheit eine infizierte oder jedenfalls, auch ohne es zu merken, eine affizierte ist, wie vielleicht ein Pesthauch so allmählich unseren Planeten umschichtet, daß wir es nicht gewahrten, ebenso glaube ich, daß bei vielen unter uns der innere Sinn dem lautlos tumultarischen drängen und wogen (wo gäbe es Worte?) der so zahllos und so jäh entströmten Leben zugewandter ist, als sie es wissen. Da sind Akzente, da sind Lockrufe, die noch nicht ergingen . . . Da treiben wehe Schwingungen der Wonne von unaussprechlicher Pein, da greifen Klänge ans Herz, zerspringen und ermatten wieder, ohne zu ertönen, und da sind uns Zaubertränke hingehalten, als hätten wir geistige Lippen, sie zu genießen . . .
Es war nicht mehr Nacht, aber der Tag dämmerte noch nicht. Ich schlief nicht mehr und war noch nicht wach. Eine Gestalt, höchst eindrücklich in ihrer Schattenhaftigkeit, erfüllte die Atmosphäre bis an den Rand, als müsse diese wie ein zu voller Becher überfließen, das Zimmer sprengen oder sich entflammen. Und schon war das Unnennbare ungegenwärtig, und es wäre lächerlich unzureichend, wenn ich sagte, es hätte sich entfernt, so ganz außer jeder Beziehung stand es zu Zeit und Raum.
Was aber war inzwischen nochmals vor mir aufgeschimmert? Locken? — von einer Gelocktheit, die es nicht gab, von einer goldenen Blondheit, die nicht vorkommt, ein Licht, das ich nicht kannte, schärfer, und dabei nicht so grell wie das des Tages. Geisterhaft? Aber es war ja von einer schärferen, wärmeren, pulsierenderen Lebendigkeit gewesen, als wir sie kennen. Wir sind nicht lebendig genug, dachte ich bestürzt, und schlug die Augen auf. Draußen hatte sich ein Wind erhoben. Die Fenster sahen auf den Garten; der Himmel ganz blaß, aber im vollen Staat. Kleine Wolken als Vorreiter ausgesandt. Die Bahn war frei, die Vögel vollzählig, Brust heraus, in Positur und einzustimmen bereit. Höchste Spannung in den Bäumen: kommt sie schon? Blumengeflüster: ist sie schon da? — Es war alles wie am ersten Tag.
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3. MAI. Sicher haben die Menschen ihr Hofzeremoniell dem Sonnenaufgang abgelauscht. An sich gewiß eine hübsche Idee. Mit acht Jahren war ich im Kloster Page der schönen Gelmini, die an Epiphania mit dem Beinamen die Gerechte zur Königin ausgerufen wurde. Meine Haare wurden Tage hindurch im Hinblick der zu drehenden Locken mit gezuckertem Wasser gedrillt. Dem Hofnarren fielen sie aus der Schellenkappe tief ins Gesicht. Denn gelockt standen wir alle am Tage unseres Umzugs. Gelmini wurde zweimal gewählt und starb das Jahr darauf. Wie groß war mein Staunen, als ich später erfuhr, eine erwiesene Larve könne ihr Lebtag lang unter Zimbeln und Trompeten als „Majestät“ aufziehen. Und welches Gelächter erntete meine Entrüstung! Aber wie oft hat der verspottete recht! Jede Epoche hat ihren wahren Fürstenkonzern. Wir verkannten dies ganz: darum sind heute unsere goldenen Kutschen remisiert. Großherzogliche Hoflieferanten, Palast- und Schlüsseldamen, wo seid ihr? Terror der Wiener Komtessen, wo bist du? Kurz, kurz ist’s her.
Abends im Kursaal bei Musik geschrieben. A. H. Pax will in der „Friedenswarte“ eine tongetreue Übersetzung meines Protestes bringen, und da er zugleich einen Beitrag für das Maiheft wünscht, setze ich meinen Apparat in Bewegung. Es ist, als träten ungeheure Wasserwerke in Kraft, um einen Fingerhut voll zu kredenzen. Stirnrunzelnd sitze ich inmitten des Hin und Her von Eisschokolade und Tangotänzen, um einige Sätze über die elsässische Frage zu formulieren. Ich begann mit ein paar Anspielungen und zitierte mich aus einem Essay, den ich über die Markgräfin von Bayreuth geschrieben hatte: der Frau fehle es zwar nicht an literarischer Begabung, wohl aber an literarischer Perspektive, und für die Realität des geschriebenen Wortes wohne ihr auch nicht entfernt dasselbe scharfe Gefühl inne wie dem Mann. Heute sei hinzuzufügen, fuhr ich fort, ihr Interesse und ihr Verständnis für Presse- und Parteiwesen sei in der Regel gering, und auf jene allerletzten Endes so gedankenlose Parole: right or wrong my country, wäre die Frau nicht verfallen.
So wird sie denn, erzählte ich von ihr, und meinte mich, nur wenig von bisheriger Politik verstehen, dafür um so mehr von der kommenden. Denn es ist ganz gewiß falsch, zu behaupten, man dürfe Politik nicht mit dem Gefühl treiben. Wie veraltet die ohne Gefühl betriebene sogenannte Realpolitik im Grunde schon war, hätten die zuletzt auf dem Plan erschienenen jugoslawischen Völker sehr wohl erkannt, als sie einst jenen brüderlichen Balkanbund zu gründen beschlossen, welcher dann am Widerstand der europäischen Kabinette gescheitert war.
Es läge auch ein vollkommen richtiger Instinkt einer Versinnbildlichung der Nationen durch überlebensgroße Menschengestalten zugrunde: Marianne, John Bull, Michel, Onkel Sam . . . Von hieraus zieht sich deutlich ein Weg zur Einsicht, daß den Beziehungen zwischen hochstehenden Völkern genau dieselben Grundsätze unterliegen sollten wie zwischen hochstehenden Menschen. Statt sich zu überlisten und brutal zu übervorteilen, suchen sich diese im Gegenteil an Schonung, Großmut und Rücksicht gegenseitig zu überbieten. Der Wetteifer um den Rücksitz hat als Ergebnis, daß man sich darin teilt; statt einander zu berauben, hilft man einander aus. Man gesteht sein Unrecht und wird vernommen, statt verdammt. Wäre somit eine solche Politik nicht auch die praktischere?
Ich hätte mir vorstellen können, fuhr ich fort, daß auf einer solchen Grundlage hin ein Dialog zustande gekommen wäre zwischen Michel und der unversöhnlich von ihm abgewandten Marianne. Ich könnte mir wahrhaftigen Gottes vorstellen, daß er — nach Art der Liebhaber — zu ihren Füßen hingerissen, die elsässische Frage vor ihr zur Sprache brächte; ich könnte mir vorstellen, daß im Laufe dieses Dialogs endlich ein Wendepunkt sich ergäbe, von wo ab beteuert würde, was verneint worden war . . . und in dieser Tonart lange hin und wieder so beharrlich, bis die wunde Frage sich zwischen ihnen isolierte, auf einen höheren Plan gehoben, langsam über ihren Häuptern wie eine Morgengabe schillerte.
Aber den Realpolitikern dünkte die andere Alternative, der wir heute zusehen müssen, die gerissenere. Spätere Europäer werden sich freilich an den Kopf greifen; dann aber wird vermutlich das andere Schlagwort aufkommen vom Antagonismus der weißen und der gelben Rasse; und dann wird sich der Himmel verfinstern von den neuen Schrecknissen; und dann erst werden die Überlebenden nicht mehr bestreiten, daß die europäische Psyche durch Assimilierung der asiatischen die endliche Bereicherung, ja ihre letzte Vollendung erführe.
Nicht allein, daß die grauenvollen Erfahrungen, die geopferten Generationen, die vergeudeten Jahrzehnte, Jahrhunderte notwendig sind, um diese Welt zu Anschauungen zu bekehren, welche sich der einfachen Nachdenklichkeit aufdrängen, sondern all diese Kriege, und die gewesenen sind nur Vorstufen zu einem letzten Kampf, dessen Stunde zugleich mit der Stunde der Vergeltung schlagen wird für jene Elemente, welche von jeher die schlechte Sache in der Welt betrieben oder die gute verdorben haben. Die Leute also, schloß ich meinen Aufsatz, welche auf den ewigen Krieg schwören, mögen zufrieden mit mir sein; denn bevor jene Elemente (und es sind stets überall dieselben) nicht gekennzeichnet und untergeordnet werden, glaube auch ich an keinen dauernden Frieden.
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Um mich von der Anstrengung zu erholen, setzte ich zehn Franken und gewann zwei. Plötzlich taucht der Kriegsgewinnler vor mir auf und fragt, ob er mich nach Hause begleiten dürfe. Es war sehr spät, ja, er dürfe. Er begleitet mich also, ich aber leuchte ihm heim. Und siehe da, in dieser nächtlichen Weile scheinen ihm sehr andere Bilder vorzuschweben als die, mit welchen er noch gestern renommierte. „Es geht uns ja so lausedreckig,“ jammerte er, „warum verfolgt ihr das in den Brunnen gefallene Kind?“ „Also so steht es“, rief ich. Mein fertiger Aufsatz stimmte mich frech. „So steht es, und ihr blufft weiter mit Schwertfrieden und Grenzverbesserungen in Tod und Ruin hinein. Ich sehe schon, was für Argumente ihr schmiedet, falls es schief ausgeht mit eurem Verbrechen!“ Es läßt sich gar nicht sagen, wie weinerlich, wie persönlich gutmütig dieser eingepeitschte Alldeutsche sich herausstellte; wahrscheinlich der beste Gatte und Vater dabei, ein gewissenhafter Arbeitgeber vielleicht.
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Melide. Fortunio hat drei Elsässer getroffen. Im Schein der Windlichter schlage ich ihm die Karten, er dagegen liest mir aus der Hand. Die Edeljüdin hat ein rotes Tuch umgeschlagen, und wir sind vergnügt. Doch oh, die Nachtigall, die wir am Heimweg schlagen hören. Mein Herz hing sich an sie und drang in den Busch zu ihr. Ich hätte mich so gern nicht mehr von der Stelle gerührt.
Der Himmel blieb die ganze Zeit über so blau, daß sich die Wolken in meinem Gemüt angesichts soviel Sonne nicht behaupten konnten. Der erste bedeckte Tag war auch der unserer Abfahrt. Ich nahm den Frühzug mit Paxens und steckte meine Post gerade noch zu mir. Fürs erste galten dann meine Blicke nur dem schwindenden See und den schnell sich verstellenden Bergen.
In Bellinzona trennten wir uns. A. H. Pax wünschte die Mitarbeit der Gräfin Reventlow, und ich sollte sie zu ernsterer Arbeit ermuntern. Es stellte sich aber heraus, daß nur 40 Minuten in Locarno blieben, so depeschierte ich ihr auf gut Glück und fuhr dann durch das breite, lange Tal zum Lago Maggiore. Sie stand am Bahnhof. Wir erkannten einander, ohne uns je gesehen zu haben, und gingen mit einer Art von kalter Vertraulichkeit hinab zum See. Ihr Zynismus kannte keine Grenzen, doch immer alles mit Grazie. Vom Schreiben wollte sie nichts mehr wissen und hatte eine Übersetzung unternommen. Bei jeder Seite freue ich mich, daß ich das nicht selber geschrieben habe, sagte sie. Ich drängte sie zu größerem Fleiß, ohne Anklang zu finden. „Mein Ideal wäre die Leitung eines großen Hotels“, versicherte sie. Ihre Augen waren wunderschön. Ich sprach von ihren Schriften, und daß keine Bücher dieses leichten Kalibers mit ähnlicher Qualität geschrieben worden seien, so blaß, so spöttisch, so geistreich. Aber sie schüttelte den Kopf: es sei zu schwer.
Wir gingen in der Mittagsschwüle den bergigen Weg zur Station zurück. Einige Wochen später sollte sie in Konstanz ihrem Sohn zur Desertion verhelfen. Heute amüsiert sie die Geisterwelt mit ihrem Witz. Schreiben werden wir beide kein zweites Mal.
Ich hatte gerade Zeit, in den Zug zu springen: er bewegte sich schon, wir riefen uns noch einmal auf Wiedersehen zu, bevor wir einander für immer aus den Augen verloren. — Zu lesen hatte ich gar nichts mehr, mit Ausnahme einer französischen Zeitung, die unter meiner Post gewesen war. Sie enthielt auf der zweiten Seite einen Angriff gegen mich: Erbitterte Zeilen mit dem deutlichen Wunsch, mich zu verletzen. Fürwahr, dachte ich, das ist wirklich zu unverdient. Aber der Verfasser täuscht sich: es ist mir egal.
Ich legte die Zeitung weg und sah in die Gegend hinaus. Merkwürdig durchdrang mich da ganz und gar die Weite des Tals. Wie ein prächtiger Festsaal der Natur, gemeint, als sei er auch bei Nacht zu erglänzen. Als fehlten nur die Riesenkandelaber an den gleichmäßigen und feierlichen Wänden der Berge.
Die Lokalbahn hatte Anschluß an den zweiten Zug, der von Lugano kam. Er war schon eingelaufen. Fortunio und der Redakteur der Humanité standen auf dem Perron. Ich reichte ihnen das Blatt, das mir unter Kreuzband zugeschickt worden war, und wollte etwas dazu bemerken, es stellte sich jedoch heraus, daß meine Stimme zwischen Locarno und Bellinzona hängengeblieben war. Hatte die Luft sich abgekühlt? Wie Fanfaren drang das Blau durch die dunstigen Wolken. Dicht vor dem Platz am Fenster, den Fortunio mir gesichert hatte, zogen jetzt die grauen Riesenwände des Gotthard vorüber, durchstrichen von zahllosen Wildbächen, die aus ihren unversiegbaren Gründen senkrecht im hellen Jubel herabschossen. Es war ein Hals über Kopf sich überstürzendes Geglitzer. Ich behielt sie im Auge, diese Flüsse, einen nach dem andern, und zählte sie. Wie eine Rettung war’s, als die table d’hôte ausgerufen wurde und alles in den Speisewagen ging, Fortunio ganz besonders und der Redakteur. Der Wunsch, allein zu bleiben, brannte wie ein Durst. Welchen Auges mag der Hirsch das Laub, das sein Geweih vom Aste schlägt, das Tal, die Tiefe einbegreifen, bevor er sich getroffen weiß? Wir wissen nicht, wie seine Welt da vor ihm aufleuchtet. — Was für ein selbstherrliches Ding ist doch das Herz! Du rufst ihm zu, und es vernimmt kein Wort, als gehörte es sich selber und nicht dir.
Verstrickte und sich selbst widerstreitende Liebesgefühle haben ihre eigentümlichen Reflexbewegungen wie Zerreißungen und Wunden. Ich hatte mich getäuscht: der Angriff in der französischen Zeitung war mir nicht egal. Und wie aber hätte die Erbitterung zwischen den Zeilen mich nicht bewegt? Zwischen den Erbfeinden des Abendlandes stand in Wahrheit reinste und einzigste Erotik am Spiel. Was hier von jeher, was von neuem auf Menschenalter zertreten wurde, war der Keim aller Verjüngung und Erneuerung eines Kontinents, die Blume aller Allianzen. Alle andern sind unfruchtbare Bündnisse dagegen, Geschwisterehen. Sagt mir nicht, daß es anders sei. Ich weiß es besser.
Ach! Grund genug, wenn es jetzt den Augen unaufhaltsam entströmte wie über die grauen Furchen der Gotthardfelsen. Oh! und nichts von bayrischem Gebirg! Was sich da drüben hinter Schleiern spiegelte, das war Paris am lauen Septembertag, der eigenen Erfüllung hingegeben, und einem Himmel, der keine andere Stadt so überhing wie sie. War sie nicht meine eigenste Heimat? War sie nicht die unerreichbarste Geliebte? War sie nicht eine Göttin? Oh mein beraubtes Herz! Jedes Bild, jede Erinnerung an sie zerriß es neu.
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Abends in Bern, wo inzwischen auch der Frühling gekommen, sozusagen ausgebrochen ist, leidenschaftlich abgetrotzt wie etwas, das sich keineswegs von selbst versteht wie im Süden. Ich liebe im Norden nur den Sommer.
4. MAI. Abigail stattete mir eine richtige Sympathievisite ab. Es fehlte nur der Zylinder. Dieser neue Ziegelstein auf mein Dach dünkt ihm entschieden de trop. „Erklären Sie mir nur,“ sage, ich, „liegt denn eine solche Ungerechtigkeit in eurem Interesse?“ „Wir fragen heute nicht nach Gerechtigkeit“, erwidert er. „Wir verlangen alles oder nichts, Sie bieten uns die Hälfte, das ist zu wenig.“
„Sie vergessen, daß ich Deutschland liebe.“
„Es sind Gefühle, die wir zu wenig teilen, als daß sie uns interessieren könnten“, erwiderte er steif.
Wir sprachen dann von anderen Dingen.
6. MAI. Besuch von Frau Karfunkel. Sie fragt mich, ob ich eine Revolutionärin sei, und ich bin im Augenblick zu müde, es zu wissen. Das Wort „gekrönte Republik“ fällt mir ein, das kürzlich vor mir gefallen war. Mochte es herhalten. „Eine gekrönte Republik“, sage ich und gähne.
Daß Frau Karfunkel mich kaum kannte, hinderte sie nicht, mir jetzt eine jener Szenen zu machen, die man wie ein Unwetter über sich ergehen läßt. Die Worte wie krasse Ignoranz gehörten zu den mildesten, die sie mir vorsetzte. Sollte ich ihr sagen, warum? ihr bekennen, in welchen Gedanken sie mich unterbrochen hatte? ihr den Grund jener mangelhaften Kenntnis eingestehen, die sie so richtig erraten hatte?
Welchen Kriegsbericht hatte ich zu Ende gelesen? Von welcher Phase des Krieges mir auch nur einigermaßen ein Bild gemacht? Über die erdrückende Tatsache, daß er herrschte und kein Friede kommen konnte, sah ich nicht hinaus. Für seinen Verlauf, seine Geschichte blieb mein Interesse ungefähr.
Was wollte die Frau bei mir?
Sie hatte mich aus der Arbeit gerissen, und ich war froh um die Unterbrechung gewesen; so mühselig war die Pein, daß ihr Stigma sich den Schläfen aufdrückt, und daß sie einsinken wie zermürbt. Oder gleicht eine geistige Not der immerwährenden Welle vielleicht und die Schläfen dem Stein, der von ihr zernagt und bearbeitet wird? Von den Dingen selbst ist mein Verständnis so karg! Der Kommentar zu ihnen ist meine Sparte: ihn stets von neuem, zergliederter, ausgreifender zu formulieren, ist der Stachel, der mir keine Ruhe läßt, meine Einzelhaft mitten im Leben. Denn über die Vielfältigkeit unserer Wege hin, sehe ich die Einfältigkeit der Gefahr; die ewig selbe Fratze, die jeder edlen Bestrebung wie eine verruchte Karikatur noch immer auf dem Fuße folgte. So schmal, schwankend und immerzu gefährdet zieht unser Weg empor! Aber naiver als ein Soldat, der mitten im Treffen nicht weiß, wo er steht, führte der Mensch bisher seinen Kampf. Auch ihn trafen die Geschosse, ohne daß er sah, aus welchem Hinterhalt sie stammten, und von der unheimlichen Geschäftigkeit, mit welcher in den Niederungen sein Verderben betrieben wurde, merkte er nur das Resultat. Unermüdlich und nahezu ungestört dürfen die Untermenschen, von Herrschsucht besessen, in der Familie, dem Staat, der Gemeinde, der Partei ihre zersetzende Arbeit verrichten. Aus Tausenden von Schlagwörtern sind ihre Netze gewoben, der ganze ungeheure Nationalitätenschwindel hält seit Jahrhunderten den Zusammenschluß der Vollwertigen auf. Notsignale zu geben, bin ich hier. Unvernommen? Gleichviel! Ohnmächtig wie im Traum hinauszurufen: Richtet Wälle auf! Seht euch vor! Achtet der Stufen! Schützt eure Häuser! Mit unschuldiger Miene, ja mit dem Antlitz eines Engels vielleicht, kauert das Unheil an euerm Herd. Oh Brüder, Freunde, nehmt es nicht in eure Arme, wie ihr den Fuß nicht auf die sanft beschneite Stelle setzt, ihr hättet sie zuvor geprüft.
„Ich glaube,“ schreibt René Schickele, „daß der Sozialismus kommen muß mit einer großen, tiefen Flut von Licht, die alle Menschen durchdringt.“
Und ich sehe, wie emsig die Schatten sich sammeln, welche danach dürsten, dies Licht zu verschlingen.
8. MAI. Abigail klopft wieder an meine Türe. Er trägt sein breitestes Lächeln, reicht mir die Münchner Zeitungen und lacht noch stärker. Sie enthalten meinen Protest in der Telramundschen Übertragung, wahrscheinlich von ihm selbst eingesandt.
„Und das sind die Leute, mit welchen Ihr Euch einlaßt“, brach ich aus. „Ihr seid mir schöne Richter!“
Doch Abigail war in einer nicht zu verderbenden Laune. „Einigen wir uns,“ sagte er, „mag er denn Telramund heißen, unter einer Bedingung, verlangen Sie nicht, daß wir Sie Elsa nennen.“
Die „Pressestimmen“ ließ er mir zum Geschenk. Ich las u. a., daß ich „ein hysterisches Weib von abgrundtiefer Gemeinheit sei“.
9. MAI. Beim bayrischen Gesandten; er kannte mich von Kind auf. Er empfing mich. Aber der Verwirrtere, der Trostbedürftigere schien durchaus er. Es war bei ihm wie bei den Hähnen der modernen Waschtische, die gleichzeitig heißes und kaltes Wasser ausströmen: zwei Sprachen wie zwei Denkungsarten entflossen da immer zugleich: seine eigene und die anbefohlene.
„Vous êtes déshonorée!“ jammerte er.
„So schlimm ist es nicht“, redete ich ihm zu. „Kommen Sie, lassen Sie Gras wachsen über die Geschichte.“
„Gras? Da wächst kein Gras. Je vous supplie ne rentrez pas en Allemagne; on vous jettera dans les fers; je ne pourrai rien faire pour vous. Bleiben Sie um Gottes willen da.“
„Ich bleibe schon da.“
„Ja, bleiben Sie da. Was wollen Sie in München? Es ist ja alles verpreußt. Diese entsetzlichen Preußen haben uns ja alle aufgefressen. Ich bin der letzte Bayer.“
„Ich auch.“
„Sie sind gar nichts. Vous êtes une criminelle. Ce n’est pas moi, qui vous condamnerai, je suis votre ami. Vous êtes une criminelle“, unterbrach er sich laut. „Oh, so viel Phantasie zu haben und so wenig Verstand! Sie sind erledigt. Wir sind gefressen.“
Damit entließ er mich.
Daß dem alten Herrn der Krieg so über den Kopf wuchs, machte ihn mir nur sympathisch. Es wäre jedoch hartherzig gewesen, ihn praktisch in Anspruch zu nehmen. Ich hatte es gar nicht versucht.
MITTE MAI. Gerade in diesen Tagen lud mich Frau v. Schreckenburg, ohne mich zu kennen, zu sich ein. Engländerin von Geburt, trug sie dabei den gefürchtetsten deutschen Namen. Ihr Mann, von dem die Franzosen sagten: „Heureusement qu’il n’en a pas l’air“, und die Engländer: „He is worth a better name“, stand an der Spitze der Gefangenenfürsorge. Durch seinen unzeitgemäßen Mangel jeglichen Strebertums fiel er gänzlich aus dem Rahmen. Still, unermüdlich und geschickt verrichtete er sein humanitäres Werk.
Es nahte Felix Mottls Todestag. Ich wollte die Münchner erinnern, daß ich es nicht von ihnen verdiente, unvernommen und mit Knüppeln vor das Stadttor gewiesen zu werden, denn ich habe sie einmal vor einer großen Weltblamage bewahrt. Einige Redakteure waren damals meinetwegen geflogen, und ich hatte gesiegt. Waren solche Reminiszenzen angetan, den Herrn Chefredakteur zu rühren? Er sandte mir meine Eingabe, obwohl durch Schreckenburg übermittelt, mit dem Vermerk zurück, daß er sich für die Beiträge einer Hochverräterin heute wie fernerhin bedanke.
An jenem Abend ging ich lange die beiden Brücken auf und nieder. Die Jungfrau hatte eine Schärpe übergeworfen. Ein kalter Wind trieb von den Gletschern herüber. Ich ging und ging. Es war wieder bei Fortunio viel von einem Zusammenschluß der Geistigen gesprochen worden, und wieder ließ keiner das Ausschließen seine Sorge sein. Was aber ging aus dem ungeheuren Trugwerk dieses Krieges hervor, wenn nicht der vollendete und riesenhafte Triumph des Sklaven über den Freien, wenn nicht die immer drohendere Forderung, uns selbst jenes letzte Gericht erstehen zu lassen, von dem geschrieben steht, daß es auf immer die Scheidung zwischen den Menschen, die guten Willens sind und den anderen bestimmen soll? Ja, nicht die große Einigung, den großen Bruch gilt es zuerst zustande zu bringen: die herrische und heilige Offensive der menschenwürdigen Menschen, gegen jene „Untermenschen“, welche Villiers de l’lle Adam als erster mit so großem Nachdruck kennzeichnete. Erst gilt es, jenen allzulange geduldeten Elementen das Stimmrecht zu entreißen. Sahen wir nicht alle großen und bahnbrechenden Ideen in Verwirrung ausarten, das Christentum selbst unter die Räder geraten und eine Sache um so sicherer verderben, je edler sie war, weil Unzulänglichkeit und Niedertracht das große Wort zu führen in der Lage sind; Solange diese Gattung ihre Gleichberechtigung behält, hat die Menschheit nichts zu hoffen. Sie wird wie ein Kranker sein, der sein Übel zu betäuben sucht, indem er sich auf seinem Schmerzenslager dreht und wendet, oder hochaufgerichtet nach Atem ringt, um doch nur eine illusorische Erleichterung zu finden. Sie wird alle Regierungsformen, eine nach der andern, erproben, und ob sie auch ihre Könige gegen Republiken eintauscht — es werden doch nur falsche Republiken sein, und auch die Anarchie wird sich als nichts anderes herausstellen als einen Mißbrauch der Macht.
Und wie könnte die einzig wirkliche Freiheit entstehen, wenn nicht durch die Knechtung desjenigen Pöbels, der allerorts alle Klassen, von den höchsten bis zu den sogenannten niedrigsten verheert. Hierarchien aber sind es ja gerade — weniger rudimentär und kindisch nur als diejenigen, welche man sich aufoktroyieren ließ — Hierarchien aber sind es, die auf neuer und gerechtfertigter Basis zu errichten sind: geben wir uns keinen Täuschungen hin: die Klasse der Könige, der Fürsten und Herren, ja der ganze Troß der kleinen Gentry sogar, er ist vorhanden (nur so anders!), und alle wahren Adelsbriefe, die sich in unendlichen Fluktuationen aus der menschlichen Würde ergeben, existieren auch. In allen Kreisen aber und durch alle Zeiten hindurch wurde die wahre Elite gepeinigt, geopfert oder zur Ohnmacht verdammt, weil urteilslose oder niedriggesinnte Elemente, die sich weder in Gleichheit, noch in Brüderlichkeit zu ihr verhalten, dasselbe Stimmrecht genießen.
Man rede mir also nicht von Zusammenschlüssen, sondern vorerst von neuen Gesetzbüchern und neuen Statuten. Auf einen treibenden Sumpf, einer Welt wie sie ist, Ringmauern aufzurichten, daran glaube ich nicht. Wozu führte der vielgehegte voto pietoso Deutschland und Frankreich zu einigen? Statt der stolzesten aller Galleonen ein Wrack, beiden nahezu unnennbar geworden. Dieses Wrack ist mein eigenster Boden, ich verlasse ihn nicht. Die paar Einsichten aber, die mich sehr bestimmte Erfahrungen lehrten mit der Persistenz des Marktschreiers zu verkünden, ist mein Beruf.
Ich lehnte über der Brücke von Kirchenfeld. Hat die Nacht ihre eigene Helle, daß sie uns die Dinge mit größerer Schärfe zeigt? Sie deckte jetzt den Fluß, der unten den Bergen zurauschte. Von den Häusern in der Tiefe, so eng geschart, fast ein Gerümpel, auf zartesten Säulenarkaden gehoben, und wie edel! leuchteten jetzt munter die tagsüber so verschlossenen Fenster. Wie wenig löste schließlich und endlich unsere zufällige Existenz von unserem wirklichen Wesen aus! Vielleicht war sie nur eine Jahreszeit unseres weitverästeten Seins. Wozu sich alterieren, redete ich mir zu, wozu die Hast, wozu die Ungeduld? — Es wurde zuletzt ein Spazieren mit der Nacht, statt in die Nacht hinein, und ich war um eine größere Fassung, etwas mehr Gleichgültigkeit für meine persönlichen Geschicke aus allen Kräften bemüht.
Zweiter Teil.
Sie sah bezaubernd aus; ihre Achseln schienen der Ansatz zu Flügeln, und da sie sozusagen zwischen zwei Fingern hochzuheben war, nannten wir sie mit Fortunio das Zirkuspferdchen oder der Seidenaff. Wenn sie ernst zu sein wünschte, waren wir grausam genug, sie auszulachen, doch nicht, um sie zu verspotten, sondern weil ihr alles so gut stand. Ihr Gatte war San Cividale, der Longobarde, wir hatten uns angefreundet, und es wurde ein richtiger Anschluß.
Von den Ärzten ins Bad geschickt, depeschierte mir der Seidenaff aus Rheinfelden, und nie kam eine Einladung gerufener. Ich suchte einen Mieter für meine Zimmer und hatte ihn schnell. Bern war mir verleidet, ich hatte dort vieles zu vergessen, Geldsorgen besaß ich auch. Nur die Mozartaufführungen, welche unter Richard Straußens Leitung bevorstanden, wartete ich noch ab. Sein schöpferisches Erschöpfen eines Werkes ist sicherlich ein neues und interessantes Moment in der Kunst des Dirigierens. Einem Don Juan, der ein großer Erfolg war, folgte jedoch eine Zauberflöte, welche einige Kritik hervorrief; mich entzückte letztere weit mehr, so zwar, daß sie einem ersten Eindruck gleichkam. Strauß hatte eine Pamina mitgebracht, welche gesanglich und darstellerisch und durch eine merkwürdig schöne Erscheinung der Partie so wohl entsprach, daß Symbolik wie Illusion des Fabelreiches durchweg bestanden, bis der Vorhang vor dieser besseren und geordneteren Welt endgültig fiel. Was bedeuteten Regiestörungen (tags darauf hieß es, sie sei einem Engländer zu danken, der sich zu diesem Zweck als Maschinist für den Abend verdingte) vor dem unvergleichlich hohen Niveau dieser Vorstellung?
Am lautesten wurde am Schluß von jener Sorte Deutscher Beifall gespendet, welche ihren schimpflichen Spitznamen so recht aus dem vollen verdienten. Diese wandelnden Erreger des Deutschenhasses gingen mit dem deutlichen Gepräge von Leuten einher, welche zwar rechneten und berechneten, aber nicht mehr dachten, dafür seit einer Generation zuviel gegessen hatten. Sie waren die Regisseure und Leugner des großen Kindersterbens, das jetzt in ihrem Lande hinter den Kulissen um sich griff, und Scharen Deutscher, würdig dieses Namens und liebenswert, gingen um jener Boches willen zugrunde. Doppelt verrucht erschienen sie im Lichte der eben erfolgten herrlichen Darbietung. Ich ersticke! sagte ich zu Fortunio, denn ein Knäuel dieser wohlbestallten Patrioten schlenkerte vor uns über den Platz. Auch im Dunkeln sah man ihnen an, daß sie jetzt schmausen gingen.
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Rheinfelden.
21. JUNI. Mußte da dicht vor meinem Fenster hochgewölbt der Rhein vorüberrauschen? Eine Brücke mit Schilderhäuschen in der Mitte legt schon im Badischen an; freudlos, wie mit erblindeten Scheiben, sehen von dort die Häuser herüber.
Heiterer war der Park. Wir lagen in Korbstühlen und schwatzten. Doch Erinnerungen kamen nicht zur Ruhe. Aufgescheuchten Vögeln gleich schwirrten sie hierher und dorthin und kehrten zurück . . . Der Sommer war im Land. Das Schlößchen der schönen Marguerite, das selbst mitten im Kriege Zauberkreise zog, wartete unser, und die Schwalben nisteten längst im flachen Strohhut, der in der Halle von der Decke hing. Jetzt standen auch ihre Koffer gepackt; . . . es türmten sich wohlgefaltet ihre schönen Kleider . . . Die Unrast der Verbannten trieb mich aus dem Park ins Städtchen hinunter, wo von der viereckigen Plattform des Turmes aus die Störche ins Blaue steuerten. Was gab es schöneres wie ihren Flug? Klein erschien mir die Schweiz. Wie ein herrlicher, aber für mich nach allen Seiten hin verbarrikadierter Garten. Ich ging den Weg zurück, der ganz umwachsen unter Bäumen führt. Wer nicht wollte, brauchte weder Fluß noch Land zu sehen. Im Hotel aber lag eine Depesche für mich. Ich floh entsetzt auf mein Zimmer. Die Freundin war tot. Mochte das Schlößchen am Berg Tür und Tor sperrangelweit offen halten und warten, solange es stand, ins Leere starrte fortan sein breitschrötiges Türmchen. Sie zog die Straße nie mehr herauf, kutschierte nie mehr aufmerksamen Auges ihr Wägelchen in den Wald. Fort von Rheinfelden, dachte ich, nur fort!
Es traf sich, daß die Kur nahezu beendet war. Wir fuhren nach Wengen. Der Seidenaff durfte nicht steigen, ich kletterte drauflos. Hier waren alle Höhen zur Hand. Hinter der kleinen Scheidegg setzten sie von neuem ein. In weiten Senkungen kreiste ein Tal. Ich saß in einer Nische aus Fels und Gras, die Füße hingen ins Leere.
Plötzlich, wie auf einen geheimnisvollen Anruf, ein lauter Stoß, ein Gegenruf des Herzens. Denn es hat ja Arme, ich sagte es schon, und Flügel, schwerausgebreitete und leichte, es hat sein geheimnisvolles Dasein für sich allein. Vom Tode weiß es so wenig wie wir, nur dies hat es erkundet: daß, wenn er uns nicht austilgt, der Lebende dem Toten zu Anfang mehr sein kann, als dieser ihm. Dann wäre unser Eingedenken der Halt vielleicht, an dem er seine ersten Schritte geht, und unsere Trauer sein Gewand.
Es war für die Verstorbene ein Gedenkbuch geplant, und ich hatte versprochen, mich daran zu beteiligen.
Mag es noch so mannigfache Welten geben, sicherlich gebietet über alle eine einzige Natur, ein allmähliches Sprießen, eine Reife, von trüben Himmeln die sie aufzuhalten scheinen nur gezeitigt. Vor allen Dingen aber jenes letzte und sehr tragische Zurückbleiben des Erreichten hinter dem Gewollten. Wie ein letzter Same, der sich wieder in die Erde senkt, um einer nächsten Ernte zu gedeihen.
Ich schrieb auf meinem hohen Sitz angesichts des kelchartigen Tales mit den sanftanschwellenden Rändern. Die Sonne war gestiegen. Wie ein zieres Band umschlang ein Pfad den ganzen Berg und lockte mich unwiderstehlich in die Höhe. So kam ich zu einem kleinen Gasthaus und stapfte dann auf die Spitze des „Männlichen“ hinauf. Dort fing sich der Wind und wehte kreuz und quer; dann aber stürzte ein Steig, schmal wie ein Strich, so pfeilartig hinab, daß man, von einem Taumel erfaßt, zu rennen anfing und zu fliegen verlangte. Von dem Tempo erfaßt, das von hier oben gesehen, die Jungfrau entfaltete, die mit mächtiger Schulter die ganze Kette der Alpen mit sich riß. Unglaublich schnell griffen jetzt die Schatten in dem verströmenden Gold dieses Tages um sich; schon profilierte sich diese oder jene Bergeskante zu einem grotesken, dort zu einem erhabenen Riesenhaupt, schlafend, offenen Mundes zurückgeworfen, oder wie entseelt mit beschneiten, eingesunkenen Schläfen zur Seite gekehrt, die Luft darüber wie ein unendliches Gewölbe.
Auch manche Felsenburg tat jetzt entbrannte Zacken auf; kurz, eine andere Welt als die des Tages stand schon gerüstet. Plötzlich hielten mich zwischen zwei scharf vorspringenden Felsen zahllose Schafe auf, die mächtig wie ein Volk auf halber Höhe den Berg belagerten. Mit ihnen zog eine Anzahl Widder, die innehielten, als sie mich kommen sahen, und mich aufmerksam, wenn auch stolz, betrachteten. Nirgends ein Hirt zu sehen, als wären sie die Führer. Ihre geschneckten Hörner abwartend mir zugekehrt, versperrten sie den Weg. Um weiterzukommen, mußte ich halb quer hindurch, halb mit der Herde laufen. Eine überwältigende Ruhe, ja ein Glück ging von ihr aus, daß man, am liebsten auf vieren gestellt, eins mit ihr geworden wäre.
Der Weg nahm gar kein Ende. Meine Schuhe gingen in Stücke. Meine Füße waren zerschunden. Schwer hinkend erreichte ich endlich das schon a giorno beleuchtete Wengen. Aus der Halle des Hotels trat der Seidenaff im Tuchbrokat von silberigem Weiß, hoch mit Zobel verbrämt. Doch der Jugend kommt alles zugute; kostbare Gewänder unterstreichen sie nur. Die leichte Gestalt wird durch den schweren Staat gehoben, nicht gedrückt. Lang und gewichtig hing die Perlenschnur herab. Das Haar war braun. Gerade seinem weichen Schimmer schmeichelte die Härte des diamantenen Reifs. In Treibhäusern wird heute die gefüllte, immer gefülltere Nelke gezogen. Mit solchen gefüllten Nelkenaugen, gut und klug, doch fern dem Ziele, blickte der Seidenaff.
Tags darauf fuhren wir zu Tale, San Cividale, dem Longobarden entgegen. Fortunios schrieben aus Beatenberg, wo ich mich denn herumtriebe, und fürs erste blieb ich jetzt in Interlaken, um meinen Nachruf zu beenden. Da mir keine Seele des Ortes bekannt war, verbrachte ich meine Tage ohne zu sprechen, und schon lebte ich eingesponnen und wie unter Glas, als die Lektüre eines Zeitungsartikels mich ganz aus der Stimmung riß. Es war ein Aufruf von Andreas Latzko, der wesentlich aus Vorwürfen, und zwar sehr berechtigten Vorwürfen an die Frauen bestand. Nun haben diese ja im Kriege versagt und die härtesten Dinge zu hören verdient, doch nur ihnen selbst kann es zustehen, sie zu äußern, dem Manne heute mit keinem Wort. Ihre Unzulänglichkeiten sind sein Werk, von ihm gezüchtet und beabsichtigt, selbst sein Überdruß an ihr war als Triumphgasse für seine Eitelkeit gedacht, was er vollends ihre Ungleichheit nannte, war seine Politik. Wie stark seine Krone zerzaust ist, ahnen beide noch nicht. Die „Penalty of the war“, von der soviel die Rede ist, wird noch eine ganz andere sein, als man im allgemeinen glaubt. Die Frau wird ihre Chance haben. Mag der Mann noch auf Jahrhunderte das Überragende leisten, ihr Aufstieg wird sich unaufhaltsam als eine Folgeerscheinung seines Bankrotts vollziehen. Bilder schwebten mir vor . . . . war sie nicht schon im Begriff, mit jedem Jahrgang schöner, individueller zu werden? Erhob sich ihre Gestalt nicht freier, knabenhafter, mehr auf sich selbst gestellt, von Jahr zu Jahr?
Schlimmstenfalls konnte ihr Regime zu keinem ärgeren Chaos führen, als das, welches wir unter der ausschließlichen Führerschaft der Männer und ihrer Gesetzbücher erleben. Oh diese Gesetzbücher! Sie forderten, daß man vom Tag eines Krieges an nurmehr mit seinem Vater verwandt sei.
In meiner Aufregung, meiner Bedrücktheit, lief ich in der Mittagshitze den Brienzer See entlang, bis zur Erschöpfung. Und mit einem Male wurde mir das Karthäuserschweigen viel zu viel; da zudem schwere Regentage einsetzten, brach ich auf und fuhr nach Beatenberg.
Beatenberg.
AUGUST. Ich wohnte eine halbe Stunde von Fortunios entfernt, und mein Hotel stand zu Anfang der breiten Straße, die über tausend Meter hoch ganz eben dahinläuft, den großen Rat der Gletscher stets im Angesicht. Wie zu einer Riesenpolonäse aufgestellt, schienen sie, je nach der Beleuchtung, zurückzutreten oder loszuschreiten bereit. Nur der Regen sprengte den Bund. Dann verschwand jeder einzeln in seinem Zelt und wußte nichts mehr vom andern. Wusch sich aber nachts der Himmel wieder rein, so hielt beim Morgengrauen die Jungfrau entgeistert Cercle, als harre sie nur des Zauberrufes, um der Sonne bei ihrem ersten Strahl ekstatisch entgegenzutanzen. Leider kam auch hier die Arbeit nicht in Fluß; das sehr geräuschvolle Haus bot keine Möglichkeit, sich abzusondern. Unmittelbar daran grenzte der Wald und führte sogleich sehr steil ins Weglose hinab. Und hier nun entdeckte ich eines Morgens, ganz hinter Tannen versteckt und der Tiefe zugewandt, ein kleines, verlassenes Blockhaus. Ich rannte ins Hotel zurück, forschte nach dem Schlüssel und erlangte ihn. So gehörte das Chalet mir, da ich es beziehen durfte. Den Schlüssel ans Herz gedrückt, eilte ich zurück. Im Raum des Erdgeschosses verbrachte ich nun meine Tage. Die Läden blieben herabgelassen. Nur durch die Türe, die ins Freie führte, drang das Licht; auch die Bäume hielten es auf. Nur Tannen, Wald und Moos und keine Aussicht außer sie. Hier hatte man vor den ewigen Gletschern Ruh. Und keinen Laut als den der Vögel.
Oh Sommersmitte! Oh göttlicher Augenblick des Innehaltens, du ohne Zeitmaß, ohne Intervall, mitten ins Jahr gesetzter Orgelpunkt!
Groß aber blieb die Not der unterbrochenen Arbeit.
Zwischen Tür und Fenster lief eine Ruhebank mit daraufgeschütteten Kissen die Bretterwand entlang. Ich warf mich hin; ächzend. Es roch nach Tannen, Blumen, des Morgens im Walde gepflückt, hingen schon ermattet im Glase. In diese holde Schwüle tanzte ein geflammter Schmetterling herein. Mein rechter Arm hing herab, ich war zu lässig, ihn zu heben. Vor Wonne fielen mir die Augen zu. Hält die Einsamkeit der Gemeinschaft Letztes, die wir Lebende ersehen? Was war geschehen? Verloren blickte ich auf. Der Falter? War er als Bote hereingeflogen? — Wer war gegangen? —
Flüchtig ist kein Wort. Und doch . . Von welcher Gegenwart und welch durchdringendem Ton vibrierte nunmehr auf immer die Luft dieser Hütte? War sie, deren Bild ich festzuhalten suchte, ein Elf? Denn der Griff einer Hand von elfenhafter Feinheit hatte deutlich die meinige erfaßt. In unbeschreiblicher Rührung hob ich den Arm, sprang auf, saß wieder vor dem Tisch, das Gesicht in den Händen vergraben, und fuhr nun endlich wie in einen Schacht tief in meine Arbeit ein.
Da fiel ein Schatten — jemand trat unter die Türe. Es war Fortunio. Ich stieß einen Schrei aus, als sei er ein Gespenst, und fühlte Nervenstränge, deren Vorhandensein mir jetzt erst zum Bewußtsein kamen, zerreißen. „Wissen Sie, wie spät es ist?“ lachte er. Seltsam. Sogar seine Stimme erfüllte den Raum mit Schrecken. Das Ganze war zu arg, es zu erörtern. So machte ich mich denn bereit, das Chalet zu verlassen, warf aber, die Türe abschließend, noch einen Blick zur Ruhebank zurück, zum Tisch mit den Blumen im Glase, zu diesen Wänden, in welchen ich eins geworden war mit der Luft und der Seele dieses Tages.
Was war noch immer kurzatmiger als wie mein Flug? Nicht von Schwingen durfte da die Rede sein, die ausgebreitet und aus eigener Kraft die Höhen beherrschen und sie behalten. Eher einer Rakete vergleichbar, die, wenn das Glück es will, emporschnellt und höher! höher! ruft, weil sie doch gleich verstiebt. Da ist es Pech natürlich, wenn man sie herunterholt.
Wir gingen nun zum Hotel hinauf und setzten uns auf die Veranda. In der Tat, der Abend war sehr vorgeschritten. Beschaulich hing Fortunio an der Gegend. Die eben noch umglühten Gletscher traten jetzt, als sei die Sonne auf immer von ihnen geschieden, von Blässe wie erschöpft, zurück. Welch ein Tag! — Und schon faßte mich Grauen bei dem Gedanken, ihn einsam beschließen zu müssen oder ins Chalet zurückzugehen. Stand es noch? War’s nicht versunken? Oder nur erträumt? So zog ich denn mit Fortunio die lange Bergstraße zurück. Endlos dehnte sich hier der Ort. Ganze Strecken zeigte sich kein Haus. Und siehe, schon herrschte der Mond. In seiner ganzen Fülle und unerschöpflich überfließend, umschlang er streitsüchtig jeden Schatten und brachte seine Schwärze ans Licht, kroch unter jeden Baum, durchquillte alle Wälder und stieg und stieg in immer geharnischterem Glanz, bis eine trunkene Erde, von ihm umsponnen und ganz mit ihm vermählt, mit allen Pulsen zum Himmel schlug. Voll Entzücken hatte sich die Jungfrau aufgerichtet — Mönch und Eiger an der Hand, loszutanzen bereit.
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Tags darauf fuhren San Cividale, der Longobarde und der Seidenaff die steile Höhe herauf. Von weitem schwang sie als Erkennungszeichen ihren Schirm rundum. Jungfer und Kofferbestände hatte sie unten gelassen und trug eine äußerst gerissene Sportjacke, in der ihre Figur zu zergehen schien, und eine zwischen mausgrau und mauve spielende Hemdbluse aus japanischer Seide, deren perfide kleine Männerkrawatte das ultrafeminine ihres Gesichtes zu letzter Wirkung erhob. Die gefüllten Nelkenaugen, die das alles sehr wohl wußten, blickten unbeteiligt flüchtig und beschattet. Es war nur ein kurzer Besuch. Das Bähnchen trug sie bald wieder davon. Und mit einem Male waren mir diese ewig hingerissenen Gletscher, die nie marschierten, verleidet. Herrlich in der Tat war auch der Mantel der Vorberge, der in so tiefen Falten über sie hinschlug, und herrlich war’s, wie er — von oben gesehen — den See nachschleifte, gleich einem köstlichen Saum. Beseelter aber blickte dennoch das Gebirge am Säntis, Jura oder Engadin, als in dem gewaltigen und dekorativen, aber fast überall stark abgekehrten Oberland. Ich sehnte mich nach mehr brüderlichen Weiten, und sehr plötzlich, ohne das Chalet wieder betreten zu haben, fuhr ich hinab. In Spiez schrieb ich meinen Nachruf ins reine.