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Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen cover

Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen

Chapter 13: Eberjagden
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About This Book

The author recounts two decades spent as a palace official and adviser at Indian princely courts, offering detailed vignettes of ceremonial life, domestic routines, hunting parties, and courtly display. He sketches portraits of rulers, courtiers, servants, and entertainers, and describes religious customs, festivals, animal lore, and practical affairs of state and household. Interspersed are travel episodes and scenes from other ports and cities, alongside reflections on social habits, manners, and material culture, conveyed through anecdote and reportage that balances ethnographic observation with personal reminiscence.

VII.
Anglo-Indisches

Meine Stellung sowohl in Baroda als in Kapurthala als oberster Aufsichtsbeamter der fürstlichen Paläste brachte es mit sich, daß mir ebenfalls die Obhut der Marställe und Gestüte, sowie der für die vielen an den Höfen gehaltenen, zur Jagd abgerichteten Tiere oblag. Damit verbunden war es meine Aufgabe, die großen Jagdveranstaltungen der Fürsten vorzubereiten und zu leiten. Das gleiche galt für die Rennpferde, deren Ankauf oder Aufzucht und Pflege, sowie Training ich zu überwachen hatte.

Daher habe ich über die jagdlichen Verhältnisse wie auch über den leidenschaftlich betriebenen Rennsport in Indien ziemlich eingehende Kenntnisse sammeln können.

Antilopenjagden

Das zahlreichste Wild in der Umgebung von Baroda stellen die Antilopen dar, die in großen Rudeln bis auf eine Wegstunde an die Stadt herankommen. Da die Eingeborenen keine Erlaubnis haben, andere Feuerwaffen, als ganz veraltete Vorderlader, zu benutzen, und die Mehrzahl der Landbevölkerung der Provinz Gutscherat, in der Baroda liegt, der Kaste der Gusurati angehören, denen ihre Vorschriften und ihr Glauben verbieten, irgendein lebendes Wesen, und sei es eine Schlange, zu töten, so sind die Antilopen gegenüber den auf den Feldern arbeitenden Bauern nur wenig mißtrauisch.

Immerhin pflegen sie sich beim Äsen in der Mitte eines ganz ebenen Feldes zu halten, wo weder Bäume noch Sträucher, noch sonst eine Deckung vorhanden ist, die ein unbemerktes Heranpürschen gestatten würde. Die Herde wird von einer alten Antilopen-Kuh bewacht, die bei dem geringsten Anzeichen, das ihre Furcht erregt, Laut gibt, worauf die Tiere mit ihrer außerordentlichen Schnelligkeit im Nu verschwunden sind. Die Böcke weiden stets etwas abseits von der eigentlichen Herde und sind an ihrem Gehörn, sowie an dem dunkelbraunen Rücken und der weißen Farbe des Bauchfelles leicht erkennbar. Der Erfolg einer Jagd auf Antilopen hängt daher ganz davon ab, daß man sich unbemerkt auf Schußnähe heranpürschen kann und daß man mit dem ersten Schuß sein Tier erlegt. Die anderen sind, noch ehe man ein zweites Ziel suchen könnte, längst außer Schußweite. Und ebenso ist ein verwundetes Tier, selbst wenn ihm nur noch drei Läufe zur Verfügung stehen, kaum noch einzuholen.

Trotz der Häufigkeit der Tiere ist daher die Jagd auf Antilopen in Indien nicht einfach. Um in Schußweite zu kommen, benutzt man ihre verhältnismäßige Sorglosigkeit gegenüber einer Annäherung der ihnen gewöhnten bäuerlichen Wagen, in deren Schutz man hoffen darf, sie zu überlisten. Man bedient sich hierbei entweder des landesüblichen Ochsenkarrens oder man benutzt zwei besonders hierzu abgerichtete Büffel, die, im Joch zusammengespannt, einen belaubten Busch zwischen sich tragen, hinter dem der Jäger und der Führer verborgen bleiben.

Diese gegen Weiße sehr scheuen Büffel müssen von einem ihnen vertrauten Eingeborenen gelenkt werden, denn die Leitung ihrer Bewegung auf die grasende Herde zu verlangt große Geschicklichkeit. Sobald man in Schußweite ist, gibt der Führer hinter dem Joch Raum, und man feuert durch das Laub, wobei die feuerfest dressierten „bullocks“, die Ochsen, unerschütterlich stehen bleiben.

Bei der Benutzung des zweirädrigen Ochsenkarrens, der „Tonga“, verbirgt der Jäger sich auf dem Sitz. Der Fahrer, stets ein Eingeborener, hockt auf der Deichselspitze und sucht möglichst ungesehen, nahe an die Herde heranzukommen. Ist es ihm gelungen, bis auf 200 oder 150 Meter heranzulavieren, so führt er die Tonga langsam in dieser Entfernung an der Herde entlang, und der Jäger läßt sich auf einen Wink des Fahrers vorsichtig und leise mit schußfertiger Büchse zur Erde gleiten, während der Wagen ruhig weiterfährt. Ihn behalten die Antilopen etwas im Auge, während es von der Ruhe und Sicherheit des Jägers abhängt, ob sie ihn bemerken und zum Schusse kommen lassen.

Die beste Büchse, die ich für diese Jagd ausprobiert habe, ist die englische Doppelflinte Expreß Point 450, Visier bis 400 Yards (360 Meter). Ein richtigsitzender Schuß aus ihr bringt das Wild unfehlbar zur Strecke, während kleinere Kaliber viel weniger zuverlässig sind.

Diese Pürschjagd wird von den Maharadscha aber nicht ausgeübt. Sie ziehen Treibjagden vor, zu denen ganze Regimenter von Eingeborenen zu Fuß und zu Pferde aufgeboten werden. Die fürstliche Jagdgesellschaft nimmt auf Elefanten Platz und knallt von dort aus das massenhaft aufgescheuchte Wild wahllos nieder, so daß die Jagd zu einer reinen Massenschlächterei wird. Der Gaekwar von Baroda war, seinem ganzen Charakter entsprechend, kein Freund dieser Art von Vergnügungen. Nur wenn die Tiere durch übergroße Vermehrung zur Landplage wurden und unübersehbaren Flurschaden anrichteten, duldete er das Abhalten dieser bluttriefenden Treibjagden.

Andere indische Fürsten haben früher das zusammengetriebene Wild mit Kartätschen zusammenschießen lassen, um das Schauspiel einer solchen Metzelei in besonders kondensierter Form zu genießen.

Eine andere, allerdings sehr kostspielige Art der Jagd auf Antilopen ist die mit „Tschittahs“. Sie kann nur von Fürsten oder reichen Semindaren — Großgrundbesitzern — betrieben werden und findet daher selten anders als zur Ehrung persönlicher Freunde oder hoher englischer Beamter statt.

Der „Tschittah“ ähnelt dem Leoparden, er erreicht die Höhe eines ausgewachsenen russischen Barsoj-Hundes, dem er auch im Bau ähnelt, und ist von fabelhafter Schnelligkeit. Fast immer stammt er aus den Dschungeln Zentral-Indiens oder der Provinz Khattiawar, wo er in Fallen gefangen wird. Seine Dressur wird von indischen Jägern — „Schikari“ — berufsmäßig betrieben und erfordert außerordentliche Geduld, wie sie eben nur ein Inder aufbringen kann. Der Tschittah muß so zahm wie ein Jagdhund werden, obgleich er zur Familie der Katzen gehört. Sein Erzieher hängt auch mit ganzer Liebe an ihm, läßt ihn in seinem Schlafraum schlafen und führt ihn wie einen Hund in der Stadt spazieren, um ihn an den Anblick von Menschen zu gewöhnen. Wenn er zur Jagd gebracht wird, trägt der Tschittah anstatt eines Maulkorbes eine schwarze Lederkappe über den Augen. Mir standen in Baroda ein gutes Dutzend dieser Tiere zur Verfügung.

Zur Jagd wird der Tschittah entweder auf einem hochachsigen, zweirädrigen Ochsenkarren, wo er auf einer dünnen Matratze sitzt, gefahren, oder ein berittener Schikari nimmt ihn auf das Pferd. Zu diesem Zwecke wird für ihn am Hinterzwiesel des Sattels ein kleines, indisches Bett angebracht. Bei der Eigenschaft der Antilopen, allem Eingeborenen, sei es nun Pferd oder Bauer oder Karren, nur geringe Beachtung zu schenken, unterscheidet sich das Anschleichen mit dem Tschittah in nichts von dem Anpürschen mit der Büchse. Die in einiger Entfernung folgenden berittenen Zuschauer schwenken vorsichtig auf die Herde ein, sobald der Schikari mit dem Tschittah auf etwa 200 Meter an die äsenden Tiere herangekommen ist. Sein Wärter nimmt ihm die Kappe von den Augen, kettet ihn los, und er schlüpft zur Erde. Unter Ausnützung jeder sich ihm bietenden Deckung schleicht der Tschittah, seiner Natur gemäß, katzengleich bis auf etwa 50 Meter an die Herde heran, wählt sich den stärksten Bock zum Opfer, erhebt sich und springt in einigen gewaltigen Sätzen auf das Beutetier los, so daß es wie gelähmt sekundenlang verwirrt stehen bleibt. Gelingt es dem Tschittah nicht, die angegriffene Antilope für diese kurze Zeit unbeweglich zu halten — was höchst selten vorkommt —, so ist der Bock gerettet. Die anderen sind sofort bei seinem Aufrichten davongejagt und längst über alle Berge. Niemals wird es dem Tschittah gelingen, eine Antilope einzuholen. Er wird auch nie einen Versuch dazu machen, da ihm seine Unterlegenheit im ausdauernden Streckenlauf scheinbar ganz bewußt ist.

Hat er aber den Bock erreicht, so schlägt er ihm mit der Tatze ins Kreuz, so daß das Tier zusammenbricht, und beißt sich sofort an der Kehle fest.

Ein gut dressierter Tschittah wird niemals sich an einer Hindin vergreifen, sondern stets sich einen Bock erwählen, wie es ja in Indien überhaupt für schimpflich gilt, eine Hindin zu schießen, obgleich ihr Fleisch schmackhafter als das der Antilopenböcke ist.

Um den Tschittah von seinem Opfer zu lösen, was stets eine etwas heikle Sache ist, schneidet der Schikari meistens die Schlagader des Bockes unterhalb der Bißstelle durch und fängt das Blut in dem mitgeführten Freßnapf seines Zöglings auf. Der Geruch des frischen Blutes veranlaßt dann den Tschittah, von seiner Beute abzulassen und sich dem Napf zuzuwenden. Er darf das Blut aber nur nehmen, wenn an demselben Tage nicht weiter gejagt wird. Sobald sein Schikari ihm die schwarze Kappe wieder über die Augen gelegt hat, wird er fügsam und folgt ihm willig zu seinem Sitz zurück.

Von den Schikari, die zum Bestande jedes Hofes, wie überhaupt jeder Jagd gehören, ist ein Teil Mohamedaner, ein Teil Hindu. Verschieden wie ihr Glaube ist auch ihre Betätigung. Der gemessene, ruhige, würdevolle Mohamedaner beschäftigt sich vornehmlich mit dem Abrichten der Tschittah, der Liux, des Falken und des Habichts für die Beize. Der Liux, etwas kleiner als der Tschittah, wird selten gefangen, und es kostet unsägliche Mühe, diese starke Katze ihrer Raubtierinstinkte zu entwöhnen. In Baroda waren zwei vorhanden, ohne daß ich sie je zur Jagd hätte verwenden können.

Jagdhunde in Indien

Die Hindu-Schikari, die meistens der Kaste der Bauri angehören, beschäftigen sich vornehmlich mit dem Abrichten der Jagdhunde, wozu der Nepaul- und der Thibethund, auch der wilde Pariahund gebraucht wird. Sie dienen vornehmlich zum Aufstöbern des Wildes, besonders des Wildschweines. Der Versuch, europäische Jagdhunde nach Indien einzuführen, ist stets gescheitert. So schonend sie auch behandelt werden, das Klima zerstört unweigerlich ihren Geruchssinn und ihre Gesundheit. Ich habe als leidenschaftlicher Hundefreund mir die größte Mühe gegeben, europäische Hunde in Indien zu akklimatisieren. Im Sommer sandte ich sie hoch ins Gebirge, in die kühle Bergfrische Mussoorie, um sie vor der glühenden Hitze der Ebene zu bewahren. Am widerstandsfähigsten erwies sich noch der Fox-Terrier und der Bull-Terrier. Letzterer ist vorzuziehen, weil er sich nicht mit jedem Pariahunde herumbeißt, wie dies die Fox-Terrier tun. Da diese Pariahunde fast durchgängig verseucht sind, bringt die kleinste Bißverletzung dem Angreifer die Tollwut. Der Bull-Terrier ist ein stets kampfbereiter Kumpan und, dank seiner Abstammung von der Bulldogge, kräftiger als der Fox-Terrier, aber viel gewandter als die Dogge. Daher behält er im Kampfe leichter die Oberhand, und der Pariahund ist schon erledigt, bevor er überhaupt zum Biß kommen kann. Auch einen deutschen Schnauzerl und zwei belgische Schäferhunde habe ich nach Indien gebracht. Sie lebten fünf Jahre und verendeten dann an Krankheiten, die kein Tierarzt festzustellen vermochte.

Nur Fürsten und die Offizierkorps englischer Kavallerie-Regimenter können sich den Luxus erlauben, in den Ebenen den Schakal, so wie den Fuchs in England, mit einer großen Meute zu jagen. Infolge des starken Abganges in den Meuten ist ein sehr bedeutender Nachschub aus England notwendig. Hunde, die in diesen Meuten in Indien geworfen werden, degenerieren sehr schnell. Kreuzungen zwischen englischen Fuchshunden und indischen Rampurhunden ergeben zähe, angriffslustige Parforce-Jagdhunde, doch ohne besonders gute Witterung. Die Kreuzung ist äußerst wild und bissig. Sogar die Pariahunde nehmen Reißaus, wenn eine Meute solcher Hunde durch das Dorf rast.

Die einheimischen indischen Pariahunde sind zu tausenden auf den Straßen greifbar. Sie sind für jeden Bissen dankbar und folgen jedem freundlichen Blick. Allerdings sind sie zu nicht viel mehr als dem Aufstöbern des Wildes benutzbar, und wenn sie nicht scharf überwacht werden, fressen sie die halbe Beute auf, ehe man noch hinzukommen kann, ganz gleich ob es sich um eine Wachtel oder einen Büffel handelt.

Bei der Jagd auf Wildschweine, zu der diese Hunde vorzugsweise gebraucht werden, ist schon mancher von ihnen den Hauern des Ebers erlegen. Andererseits habe ich selbst beobachtet, wie drei von ihnen einen Eber durchaus weidgerecht niederhielten, bis er den Fangstoß erhielt.

Doch die besten Spürhunde in Indien sind unstreitig die Hindu-Schikari. Sie haben ein wunderbares Auge für jede Gattung Wild, sind untrüglich auf jede Entfernung und besitzen eine Art Witterung für die Tiere. Ihnen gegenüber hilft keine Schutzfarbe, und sie übertreffen den besten Feldstecher. Dazu besitzen sie eine staunenswerte Ausdauer und sind, im Vergleich zu uns, einfach unermüdlich.

Eberjagden

Trotz allen Erzählungen von und über Tigerjagden in den Dschungeln Indiens ist aber die gefährlichste und aufregendste Jagd unstreitig „Pigsticking“, auf Deutsch: Schweinestechen. Die Schweine jedoch, um die es sich hier handelt, sind die wilden Warzenschweine, und die Jagd findet zu Pferde mit der Lanze als einziger Waffe statt. Es ist die alt-germanische Jagd auf den „mächtigen Eber“ — den starken, blitzschnellen, gewandten und tapferen Keiler.

Eberjagd (Pigsticking)
Strecke einer Jagd in Bahraich
† Maharadscha, †† Rani Kanari, ††† Der Verfasser

Nichts Herrlicheres kann es geben, als an einem frischen, indischen Morgen auf einem Vollbluthengst, der selbst die Jagd liebt, die Lanze in der Faust, zur Jagd auf den wilden Eber aufzubrechen. Der Ritt hinter dem Keiler, der hartnäckige Kampf mit dem wendigen, gelenken Tiere ist mit irgendeiner Parforce-Jagd überhaupt nicht zu vergleichen. Dort fehlt alle Spannung, jede Gefahr, und der Wettstreit zwischen den Reitern, als Erster zum Lanzenstoß auf den wehrhaften Eber zu kommen.

Doch es ist eine Jagd, die nur wenigen in Indien möglich ist. Nur auf Einladung eines Fürsten oder des Offizierskorps eines der vornehmsten Kavallerieregimenter oder aber als Mitglied des Zelt-Klubs — des „tent-club“ — kann man Gelegenheit dazu erhalten. Und Mitglied des Zeltklubs zu werden, ist außerordentlich schwer, ganz abgesehen, daß man den Besitz von wenigstens drei guten, ausdauernden Pferden nachweisen muß.

Denn als erstes und wichtigstes für die Jagd kommt das Pferd in Frage. Es muß so fußsicher sein, wie nur möglich. Das Gelände ist überall stark zerklüftet, uneben, mit Fallen und Löchern besät, besonders wenn die Jagd durch Gestrüpp geht. Das gefährlichste sind die Elefantenspuren, von den schweren Tritten dieser Tiere verursachte, im dichten Gras ganz unsichtbare Löcher, die bis zu zwei Fuß Tiefe haben und die die Elefanten im Dschungel hinterlassen, wenn sie während der Regenzeit zum Grasholen ausgeschickt werden.

Die beste Zeit zur Eberjagd ist die Zeit nach der Ernte, die schon in den Anfang der heißen Jahreszeit fällt. Daher muß man ganz früh aufbrechen, denn nach neun Uhr beginnt die Hitze Mensch und Tier zu erschlaffen. Der Gaekwar von Baroda hielt die Hofjagden von Ende Dezember bis Anfang Februar ab. Während dieser sogenannten kalten Jahreszeit ist es schwieriger, den Eber auf das offene Feld zu bringen, da er sich dann mit Vorliebe in den Dschungeln oder den hohen Baumwoll-, Zuckerrohr- und Getreidefeldern aufhält, aus denen er sich ungern vertreiben läßt. Die Grasdschungel sind große, mit mehr denn zwei Meter hohem, dicht verschlungenen, zu Fuß und zu Pferde beinahe undurchdringlichem Gras bestandene Strecken. Zum Treiben hier eignet sich der Elefant am besten.

In Baroda befanden sich die Eberjagdgründe in der Nähe von Dabkar, unweit der Mündung des Mahiflusses in den Golf von Cambay. Das Gelände dort war mit fast manneshohen, dornigen Büschen besetzt, deren dicke Wurzeln in verschlungenem Gewirr den Boden bedeckten. Man muß ihnen sorgfältig aus dem Wege gehen, und selbst der Eber meidet sie, bieten sie doch auch für ihn natürliche Fallen. Dazwischen stehen vereinzelte Kaktushecken, die die Bauern zum Schutze ihrer Felder vor Wildschaden um die Anpflanzungen ziehen. Sie sind oft bis zwei Meter hoch, und man muß sich hüten, sie als Abschluß eines Jagdgalopps zu wählen. Auch ist verschiedentlich Wasser im Gelände: Bäche, Kanalrinnen, Tümpel und Sumpflöcher. Alle diese Hindernisse tauchen ganz plötzlich auf der Eberjagd auf, und nicht so sehr Vorsicht, als schnellste Entschlossenheit sind erforderlich, sie zu überwinden oder zu umgehen, denn der Eber selbst ist nicht wählerisch in seinem Wege. Einmal aus seiner Ruhe im Dickicht aufgejagt, versucht er zunächst durch dick und dünn nach dem mit Gestrüpp bewachsenen Teile des Jagdgrundes durchzubrechen. Gelingt ihm dies nicht, so schlägt er einen Haken, um, wenn möglich, in dem nächsten Zuckerrohr- oder Baumwollfeld zu verschwinden.

Von den Teilnehmern einer Eberjagd, vielleicht zwölf, wird der erfahrenste zum Jagdmeister — master of the Hunt — gewählt. Seinen Anordnungen ist unbedingt Folge zu leisten. Er teilt die Gesellschaft in Gruppen von je drei Mann, von denen wieder einer zum Führer der anderen beiden bestimmt wird.

Wer mit der Lanze nicht umzugehen versteht, ist für die Jagdteilnehmer wie auch für sein Pferd eine ernste Gefahr. Die Lanze besteht aus einem sehr festen (männlichen) Bambusschaft, auf dem eine haarscharfe Stahlspitze aufgesetzt ist, die in eine dünne Nadel ausläuft. Die Länge hängt von der Größe des gerittenen Pferdes ab. Zum Angehen des Ebers eignet sich am besten eine sieben bis acht Fuß lange Lanze, besonders wenn der Eber angreift, während die kurze Lanze, die oberhalb der Stahlspitze mit Blei beschwert ist, mehr dem wohlgezielten Todesstoße dient. Verliert der Reiter die Lanze, oder zerbricht sie im Kampfe, so bleibt ihm nur übrig, sich von den Treibern eine neue zu holen, denn andere Waffen sind nach den Jagdregeln nicht zulässig.

Es erfordert große Ruhe und Geschicklichkeit, in der ganzen Aufregung der bewegten Jagd richtig mit dieser Eberlanze umzugehen. Einmal habe ich erlebt, wie ein Neuling die Lanze zu Boden gesenkt hielt, ehe er überhaupt an den Keiler heran war. Mitten im Galopp prallte er damit gegen einen harten Gegenstand. Der Schaft brach und das Vorderende schoß aufwärts in den Hinterschenkel des Pferdes, den es bis zum Schweif durchbohrte. Glücklicherweise wurde kein Knochen verletzt, so daß das Tier nach einigen Wochen wieder gesund war.

Sind nun die verschiedenen Gruppen von dem Jagdmeister zusammengestellt, so erhalten sie ihre Plätze in Abständen von etwa einem Kilometer hinter hohen Baumbeständen und Gebüsch angewiesen. In ihrem Rücken liegt die Linie der Treiber, die durch die Dschungeln näherkommen, sobald der Jagdmeister das Zeichen zum Beginn gibt.

In Baroda wurde das Treiben meistens von einem Dutzend Elefanten unterstützt, deren Führer auf Trommeln den notwendigen Lärm machten. Zwischen den Elefanten ritten Sowars des Gaekwar und Schikari. Zahllose freiwillige Fußtreiber aus den Bewohnern der Gegend vervollständigten die Treiberkette. Wenn die Jagd gut ist, sind die Jäger gern zu einem Geschenk bereit, und zehn bis zwanzig Rupien — etwa 15 bis 30 Mark — waren damals schon ein fürstliches Geschenk in dieser bettelarmen Gegend. Und dies nicht etwa für einen Mann, sondern für ein ganzes Dorf. Es wird dem „Patel“, dem Dorfältesten, übergeben, der es dann verteilt. Unsere „Kitmagar“ — Diener — verkauften den Leuten billig die hochgeschätzten leeren Sektflaschen, und in allen Fällen wird ihnen das Fleisch mehrerer erlegter Eber zugestanden. Dann ist der „Riot“ — der Ackersmann —, auf dem fast ausschließlich die ganze Steuerlast Indiens liegt, froh in seiner Armut und hat auch für den Sahib, den Herrn, nur gute Worte.

Sobald nun die lange Reihe der Treiber mit ohrenbetäubendem Lärm sich in Bewegung gesetzt hat, wird es überall im Dschungel lebendig. Zunächst kommt alles mögliche Getier zum Vorschein und flüchtet über die offene Strecke ins nächste Gebüsch. Zuletzt erscheint der Eber mit seiner Familie. Die Bachen mit den Frischlingen in Rudeln zu dreißig Stück und mehr machen die Spitze. Dann erst folgt der „gewaltige Eber“, manchmal auch eine vereinzelte Sau.

Nach den Jagdregeln darf eine Sau oder Bache nicht angegriffen werden. Doch auf große Entfernung ist es oft schwer, eine einzelne Sau von einem Eber zu unterscheiden. Es ist daher üblich, daß der an der Spitze jeder Gruppe reitende Führer die Lanze senkt, sobald er einen solchen Irrtum bemerkt. Die Gruppe bricht dann die aufgenommene Verfolgung ab und kehrt zu ihrem Standplatz zurück, um das Ausbrechen eines Keilers abzuwarten.

Sind die Treiber näher an den Rand des Dschungels gelangt, so steigt die Erwartung auf das äußerste. Ein Eber taucht auf. Erst hält er Umschau, und glaubt er die Luft rein, trottet er gemächlich über das freie Feld. Die Reiter, die er in ihrem Versteck nicht bemerkt hat, lassen ihm einen Vorsprung von 400 bis 500 Meter, ehe sie die Verfolgung aufnehmen.

Zunächst muß die Taktik des Ebers festgestellt werden, um ihn an einem Durchbruch nach rückwärts zu verhindern. Die Gruppe der Jäger teilt sich daher, und ein jeder galoppiert, ohne den Eber aus dem Auge zu lassen, seinen eigenen Weg. Jeder von ihnen hat den Ehrgeiz, den Eber zuerst anzunehmen. Der Keiler selbst galoppiert jetzt mit höchster Kraft. Es ist schwer, einen Begriff von der Behendigkeit und Schnelligkeit eines indischen Ebers zu geben. Beides kommt einem erst zu Bewußtsein, wenn man selbst zu Pferde in gestrecktem Galopp ihn an Geschwindigkeit zu übertreffen sucht.

Doch der vorderste und schnellste Reiter hat den Sieg noch nicht in der Tasche. Wird er dem Eber zu gefährlich, so beginnt der Keiler ein verzweifeltes Zickzackspiel, um der Lanze auszuweichen, wechselt plötzlich die Richtung, und bevor das mit dem Aufgebot aller Kraft galoppierende Pferd noch herumgeworfen werden kann, hat schon der rückwärts folgende Reiter Gelegenheit, einen ersten Stich abzugeben. Und nun packt den Keiler die Wut. Er wirft alle Hoffnung auf Sicherheit von sich und ist nur noch der Kampfeber, der sein Leben bis zum letzten Atemzug mit mächtigem Grimme verteidigt und nicht müde wird, immer und immer wieder anzugreifen, bis er den Todesstoß erhält. Dann sinkt er ohne einen Laut zusammen.

Aber nicht jeder Eber ergreift die Flucht, wenn er den Galopp des Verfolgers hört. Es gibt unter ihnen alte, gewitzigte Herren, die schon manchen Kampf bestanden und manche Erfahrungen hinter sich haben. Diese eisgrauen Helden — nach den Jagdregeln darf nie ein Eber unter zwei Fuß Höhe angenommen werden — verstehen, worauf es ankommt. Sie zeigen wenig Lust zum Galoppieren. Sie kennen die Überlegenheit der flinken Pferde. Daher machen sie halt, sobald sie die Angreifer merken, drehen um und gehen selbst sofort zum Angriff über. Mit voller Wucht wirft sich ein solcher Eber dem Reiter entgegen und sucht ihn zu überraschen, in der Hoffnung, das sichere Dschungelversteck wieder erreichen zu können, aus dem ihn dann kein noch so lauter Lärm der Treiber von neuem vertreiben wird.

Sein Angriff muß daher ohne Zögern aufgenommen werden. Er versteht keinen Spaß, erspäht sofort jedes Schwanken, jede Unentschlossenheit des Neulings und weiß blitzschnell, wohin er sich zu werfen hat, um dem Pferd den Leib aufzuschlitzen oder die Fesseln zu zerschneiden. Wehe dem, der zu Falle kommt. Er ist ihm unrettbar verfallen.

Sollte der erste Stich fehlgegangen sein, so muß der Eber ständig umkreist werden, bis man Gelegenheit zu einem neuen Stoß erhält. Dabei ist die Lanze nicht steif in der Hüfte, wie etwa bei der — vergangenen — deutschen Kavallerie, zu halten. Sie wird mit lockerer Schulter und gerecktem Arm geschwungen und mehr wie ein Speer im Abwärtsstoßen gebraucht. Bei der Schnelligkeit, mit der sich ein solcher Zweikampf zwischen Reiter und Keiler abspielt, ist zu einem Zielen nach dem geeigneten Körperteil keine Zeit. Nur Stiche gegen den Kopf müssen vermieden werden, da die Lanze dort abprallen und zersplittern könnte.

So kommt es vor, daß bei dem ersten Angriff die Lanze der Länge nach in die Weichteile des Tieres hineingestoßen wird, dabei im Vorbeigaloppieren der Hand des Reiters entschlüpft und nun zwischen Haut und Fell des Ebers stecken bleibt. Oder der Stoß gelang. Die Lanze steckt fest im Körper des Tieres, das, an dem Reiter vorbei, in entgegengesetzter Richtung davonstürmt. Dabei läßt der Jäger die Lanze nicht aus der Faust. Sie bricht ab, und der Lanzenkopf bleibt in dem verwundeten Keiler stecken.

Die fliehenden Eber sind meist noch nicht ausgewachsene, aber doch über zwei Fuß hohe, muskulöse, sehnige Tiere. Sie galoppieren durch dick und dünn, überspringen schlank meterhohe Kaktushecken, kreuzen Bäche und Kanäle, und, in die Enge getrieben, durchschwimmen sie sogar Flüsse. Doch schnelles Schwimmen ist nur der letzte Ausweg. Sie sind im Wasser zu hastig, greifen mit den Hinterläufen zu weit nach vorn, wobei es geschehen kann, daß sie mit den scharfen Rändern ihrer Hufe sich selbst den Hals auf beiden Seiten aufschlitzen. Sind sie aber einmal durch einen Stich verwundet, dann sucht auch der junge Eber keinen Ausweg zur Flucht mehr, sondern stellt sich zum Kampfe wie ein alter.

So ist der wilde Eber sicherlich der tapferste, zäheste und todesmutigste Gegner, den der beste Reiter sich wünschen kann. Der Kampf mit ihm stellt aber nicht nur die höchsten Anforderungen an den Reiter selbst, sondern ebenso an sein Tier.

Jagdpferde

Das Pferd ist bei der Eberjagd der wichtigste Faktor. Das beste Tier, das ich jemals zu diesem Zwecke besaß, war ein Halbblut, ein australischer Wallach, 15 Hand (1,50 Meter) hoch, ein Abkömmling des sogenannten „Stockhorse“, die von den australischen Viehhirten zum Treiben und Einfangen der großen Herden benutzt werden. Dies erfordert ein hartes, unverwüstliches Tier, legt doch ein solcher Australier — wie der Hengst „at last“ — bis zu 150 Kilometer am Tage ohne übermäßige Ermüdung zurück. Sie sind jedoch kaum zu kaufen, da ihre Besitzer sie meist selbst viel zu nötig brauchen. Am ehesten kann man sie noch als Zugabe bei einem größeren Pferdekauf erhalten, wie es mir bei meinen öfteren Remonteeinkäufen für die Staatsstallungen glückte.

Das nächstbeste Pferd für diese Jagd ist das englische Vollblut oder ein edles Araber-Blutpferd, da die ersteren sehr teuer sind. Die besten und rassereinsten arabischen Pferde stammen aus dem „Nedsch“ genannten Binnenhochlande der arabischen Halbinsel. Sie werden „Nefadi“ oder „Nedschi“ genannt. Zwar ist die Ausfuhr der wirklichen, hochgezüchteten Araberpferde bei Todesstrafe verboten, und solche kommen auch nur als Geschenk an mohamedanische Fürsten außer Landes. Aber schon unter den gewöhnlichen arabischen Wüstenpferden finden sich ganz prachtvolle Tiere.

Der arabische Vollbluthengst benimmt sich sehr ruhig und zurückhaltend. Einige meiner besten arabischen Deckhengste waren vorzügliche Eberjagdpferde. Wenn sie in Bewegung waren, machten andere Pferde, auch Stuten, keinen Eindruck auf sie. Mit Herz und Huf bei der Sache, waren sie voller Aufregung, losgaloppieren zu können.

Ganz erstaunlich ist die Fußsicherheit des arabischen Pferdes. Selbst im schärfsten Galopp über schwieriges, mit natürlichen Hindernissen bestreutes Gelände ist es wendig und von katzengleicher Sicherheit. Höchstens durch gänzlich versteckte Fallen, wie die von den schweren Fußtritten der Elefanten verursachten, im dichten Grase ganz unsichtbaren Löcher, oder plötzlich auftauchender, unerkannter Sumpfsand können es zum Stürzen bringen. Auf ebener Straße dagegen läßt seine Aufmerksamkeit nach, und es neigt zum Stolpern und stürzt gegebenen Falles. Daher ist es gut, ihm sogleich nach dem Aufsitzen Gelegenheit zu einem harten Galopp zu geben, was es ermuntert und anregt.

Im Stalle ist das arabische Pferd die Sanftmut selbst. Auch zum Scheuen sind sie meistens zu klug. Wenn sie etwas noch nie Gesehenes bemerken, etwa einen Elefanten oder einen Kraftwagen, so treibt sie eher die Neugierde, näher heranzukommen und das Ungewohnte zu besehen, als in wildem Seitensprung auszubrechen.

Es ist bekannt, wie sehr der Araber sein Pferd liebt, das er mehr pflegt als sich selbst. Was mir aber stets besondere Hochachtung abnötigte, war die Beobachtung, daß sie das so empfindliche Maul des Tieres schonend behandeln. Unter meinen arabischen Pferden befand sich keins, das nicht bequem auf Trense zu reiten war.

Die Inder dagegen gebrauchen grausame Gebisse, schon weil sie so ungeschickte Hände haben. Selbst das beste Pferd, das man einem Inder auch nur für kurze Zeit anvertraut, kann durch dessen rohe Zügelhandhabung vollständig verdorben werden. Damit soll nicht gesagt sein, daß der indische Sowar — Reiter — nicht vorzüglich zu reiten verstehe. Zum Einbrechen der wilden, bockigen Australier ist er gut geeignet, schon weil er, mit stoischer Ruhe begabt, außerordentliche Geduld besitzt und wie mit dem Pferde verwachsen im Sattel sitzt.

Die indischen Pferde — country bred — sind selten gute Eberjagdpferde, außer sie sind von besonderer Zucht, etwa aus einer Kathiawari-Stute von einem englischen, arabischen oder australischen Hengst. Im allgemeinen aber sind diese Mischlinge zu nervös und brechen im entscheidenden Augenblick vor dem anstürmenden Keiler aus.

Unter meinen eigenen Pferden befand sich ein arabischer Goldfuchs, „Foxy“, der in jeder Hinsicht vollkommen war. Er gelangte durch Zufall in meinen Besitz. Als ich zum Einkauf von Poloponies — Polo ist ein in Indien sehr beliebtes Rasenball-Spiel für Reiter, in seinen Regeln dem „Hockey“ verwandt — in Bombay war, machte mich ein mir bekannter englischer Tierarzt auf ein Tier aufmerksam, das, mit einer arabischen Pferdesendung zu Schiff eingetroffen, beim Verladen unglücklich gestürzt war und sich große Abschürfungen an den Knien zugezogen hatte. Ich erwarb Foxy für die Summe von 350 Rupien, etwa 550 Goldmark. Seine Verletzungen heilten bald, und ich ließ ihn vom offiziellen Messer des Poloklubs messen.

Rennpferde

In Indien muß jedes Pony, das in die Polo- oder Rennregister eingetragen werden soll, von dem Beamten des indischen „Turf-Club“ gemessen werden. Ist es nur zwei Jahre alt, so muß die Messung bis zu seinem fünften Jahre jährlich wiederholt werden. Dann gilt es als ausgewachsen. Alles kommt darauf an, daß das Tier nicht höher als 14½ Hand (145 cm) ist. Größere Pferde dürfen nicht mehr an den Rennen und Polowettspielen teilnehmen. Das Maß bestimmt auch die Gewichtsbelastung. Allerhand zum Teil direkt tierquälerische Praktiken werden angewandt, die Pferde so klein wie möglich erscheinen zu lassen. Die Hufe werden bis zur äußersten Grenze beschnitten, so daß das Tier nur unter großen Schmerzen stehen kann. Oder man legt ihnen vor der Messung tagelang schwere Säcke auf oder hindert sie am Schlafen, damit sie, dem Messer vorgeführt, mit eingebogenen Knien stehen und dadurch kleiner erscheinen. Der offizielle Messer ist ebenso unbestechlich wie scharfäugig und kann zur Vergewisserung über die Rennfähigkeit des Ponies einen Probegalopp verlangen. Allzu extreme Täuschungsmittel können also nicht in Anwendung kommen.

Nun maß mein „Foxy“ nur 13½ Hand. Hätte er eine Hand mehr gemessen, wäre seine Belastung im Rennen um 42 (englische) Pfund höher gewesen, was sehr viel ausmacht. Außerdem war Foxy schon fünf Jahre alt, brauchte also dem Messer nicht nochmals vorgeführt zu werden.

Damals, Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, war einer der großzügigsten und reichsten Rennstallbesitzer Indiens der Maharadscha von Patiala. Selbst einer der besten Herrenreiter und Polospieler, war ihm für ein gutes Pferd kein Preis zu hoch. Er war gleichzeitig mit dem Maharadscha von Kapurthala, in dessen Begleitung ich mich befand, 1899 zu den Rennen nach Simla gekommen, wo ich „Foxy“ für alle Hauptrennen hatte nennen lassen, und in denen auch die Pferde des Maharadscha von Patiala liefen. Jedoch „Foxy“ ging stets als erster durchs Ziel, sehr zum Verdruß des Maharadscha von Patiala und sehr zur Freude des von Kapurthala. In Simla gibt es außer Geldpreisen auch noch wertvolle, vom Vizekönig, irgendeinem Gouverneur, dem Höchstkommandierenden oder einem indischen Fürsten gestiftete Pokale.

Der Maharadscha von Patiala legte nun alles darauf an, weiteren Siegen „Foxys“ über die Pferde seines eigenen Rennstalles vorzubeugen und sandte mir seinen Trainer, Scott, einen Australier, um mit mir über den Verkauf „Foxys“ zu verhandeln. Da es mir nicht erlaubt war, zu meinem eigenen Ruhme Pferde und Ponies laufen zu lassen, machte ich mir diese Gelegenheit zunutze und verlangte 20000 Rupien (über 30000 Mark) für das Pferd, welche Summe mir anstandslos bewilligt wurde, denn zwischen den indischen Fürsten herrscht eine unglaubliche Eifersucht auch in den kleinlichsten Dingen. Dem Maharadscha von Patiala war es, ganz abgesehen von seinem eigenen Rennstall, ein unerträglicher Gedanke, daß ein Beamter des Maharadscha von Kapurthala ein Pferd besitze, dem er nichts Gleichwertiges an die Seite stellen konnte. „Foxy“ lief ein einziges Rennen für den neuen Stall — um zum erstenmal geschlagen zu werden.

In der folgenden kalten Jahreszeit wurde ich vom Maharadscha von Patiala zur Eberjagd eingeladen. Eigene Pferde brauchte ich nicht mitzubringen. Da ich aus einem anderen Fürstenstaat kam, stand mir die Auswahl unter den hunderten des Maharadscha frei. Ich erbat mir nun kein anderes Pferd als eben „Foxy“, und wir feierten ein frohes Wiedersehen.

Die Eberjagd, zu der der Maharadscha einen schönen Pokal gestiftet hatte, sollte nach den Regeln des „Tent-Club“ abgehalten werden. 64 Jäger, die Höchstzahl, die teilnehmen darf, werden zu 32 Gruppen zusammengegeben. Ein jedes Gruppenpaar jagt einen Eber. Wer zuerst Schweiß an der Lanze ausweisen kann — mehr braucht der erste Stich nicht zu ergeben —, bleibt in der Jagd, der andere scheidet aus. Der Jagdmeister bestimmt, welches der zusammengelosten Paare den ausbrechenden Eber verfolgt. Ein Schiedsrichter begleitet jede Gruppe. Auch die Art und Weise des Stiches wird durch bestimmte Punktzahlen bewertet. Mit dem ersten Gang scheiden so 32 Bewerber aus; aus dem Rest werden neue Gruppenpaare gebildet und so fort, bis das letzte Paar um den Pokal kämpft.

Der Zufall nun wollte es, daß dieses letzte Paar aus dem Maharadscha selbst und mir bestand. Selbstverständlich ließ ich ihn siegen und damit seinen eigenen Pokal gewinnen, denn wie hätte ich mir erlauben dürfen, über einen Maharadscha zu triumphieren, noch dazu auf seinem eigenen Pferde!

Er mochte wohl meine absichtliche Ungeschicklichkeit bemerkt haben, denn als wir zusammen ins Lager zurückritten, machte er eine Andeutung über meinen Fehlstich, der ihn bei einem so erfahrenen Jäger wie mir erstaune. Zu genau mit den indischen Sitten vertraut, wehrte ich bescheiden ab und rühmte dagegen seine eigene Reitkunst, die ohne allen Zweifel sehr beträchtlich war, und sein Können als Eberjäger.

Da nun der Pokal von ihm selbst gestiftet war, blieb nichts anderes übrig, als ihn mir, dem zweiten Sieger, zuzuerkennen. Ich hielt einen entsprechenden Dankspruch und schloß mit dem Hinweis auf das gute Pferd, das er mir zu reiten erlaubt habe. Der Maharadscha, der das Tier natürlich nicht mit Namen kannte, erwiderte auf indische Art mit großer Geste: „Dumara ke bas hai“ — es ist dein!

So kam „Foxy“ wieder nach Kapurthala. Dem Trainer Scott hatte ich versprochen, das Pferd keine Rennen mehr laufen zu lassen. Im folgenden Jahre kam „Foxy“ dann als Deckhengst nach Australien und damit zur wohlverdienten Ruhe.

Foxy übertraf sogar das berühmte Pony „Mite“ (spr. Mait = Kleinchen), das derselbe Maharadscha von Patiala von dem früheren Militärsekretär des Vizekönigs, Lord William Beresford, für 25000 Rupien gekauft hatte. Der Lord war ein in allen Sätteln gerechter Sportsmann, der auch über die gerade beim Pferdehandel so notwendige Gerissenheit verfügte. „Mite“ mag die vom Maharadscha für ihn gezahlten 25000 Rupien wohl wert gewesen sein, doch Lord William Beresford war billiger zu ihm gekommen.

Ein Parsi-Sportsmann in Poona besaß einen kleinen Rennstall, in den sich einmal ein außergewöhnlich schnelles Pony unbekannter Herkunft verirrte, das Sieg auf Sieg gewann. Daher meldete es der Parsi als „Mite“ für das bedeutendste und meistgewettete Ponyrennen Indiens, für den „Civil Service Cup“, das in Lucknow gelaufen wird. Für das gleiche Rennen hatte Lord William Beresford ein Pferd, „Malice“ genannt, eintragen lassen, das mit viel Geld und Wetten gegen ihn bei den Buchmachern stand. Sollte nun „Mite“ das Rennen machen, so wäre dies der Ausfall einer recht bedeutenden Summe für den edlen Lord gewesen.

Als vorsichtiger Mann bot er daher dem Parsi noch vor dem Rennen an, ihm „Mite“ abzukaufen und zwar für 5000 Rupien, und falls „Mite“ gewönne, ihm die Hälfte des Preises, der 10000 Rupien betrug, zu überlassen. Hochgeehrt über das Anerbieten einer so bekannten Persönlichkeit, wie Lord William Beresford es damals war, nahm der Parsi an. Nun ging aber „Malice“ als erster durchs Ziel, und der Parsi war „Mite“ für nur 5000 Rupien losgeworden. Später gewann er noch zwei Rennen für seinen neuen Herrn, war dann aber zu berühmt geworden, als daß durch Wetten auf ihn noch Geld zu verdienen gewesen wäre. Als Wunderpferd jedoch war er gerade recht, um im Stalle des Maharadscha von Patiala zu glänzen.

Haben Pferderennen in Europa nur noch einen recht losen Zusammenhang mit dem angegebenen Ziele einer Verbesserung der Pferdezucht und dienen sie vornehmlich der Spielsucht und der Wettleidenschaft einer Menge, deren Pferdekenntnis erschöpft ist, wenn sie einen Rappen von einem Schimmel unterscheiden kann, so ist dies in noch viel größerem Ausmaße in Indien der Fall. Dort sind die Rennen nur und einzig eine Gelegenheit, Geld zu verdienen — oder zu verlieren. Das Gewinnen besorgen dort, wie anderswo, die „des inneren Ringes“, während das Verlieren zu den Vorrechten der Außenstehenden gehört.

So hatte derselbe Lord William Beresford, der „Mite“ auf so billige Weise zu erwerben gewußt hatte, ein gutes Vollblutpony, „Mulberry“, nach Indien gebracht. Es war nicht höher als 13 Hand, entwickelte aber im Galopp eine Schnelligkeit, die nicht zu schlagen war.

Vielbegehrt wanderte es von Stall zu Stall, bis es endlich in die Hände eines Syndikats geriet, das die Pferde stets unter Pseudonymen laufen ließ, so daß man der Ansicht war, es bestände wahrscheinlich aus Buchmachern.

Seitdem nun Mulberry aus Lord William Beresfords Händen war, fiel es stark ab. Ganz gewöhnliche Außenseiter liefen an ihm vorbei, so daß die Rennbehörde alle Rennen, in denen es auftrat, insgeheim scharf überwachen ließ. Bei einem Rennen in Lucknow nun gelang es, festzustellen, daß der australische Jockey, der das Pferd ritt, es stark verhalten hatte, um es durch zu kurze Zügel absichtlich um den Sieg zu bringen. Die Untersuchung ergab den üblichen Tatbestand. Mulberry war im Publikum heftig gewettet worden. Also sollte er nicht gewinnen. Daher wurde, ebenfalls wie üblich, „Mulberry“ disqualifiziert. Der Trainer wurde vorgeladen, doch der Name des Besitzers war nicht zu ermitteln. Das Pferd selbst erhielt vorläufig im Stalle eines pensionierten englischen Obersten in Amballa Unterkunft.

Von dort aus wurde „Mulberry“ zum Verkauf angeboten. Auch ich trat mit dem Oberst in Verbindung, da ich es im Dog-cart gehen lassen wollte. Rennen waren ihm verschlossen und als Wallach kam es für die Zucht nicht in Frage. Ich nahm an, das Tier um wenig Geld erstehen zu können. Während die Verhandlungen noch schwebten, finde ich eines Tages zu meiner Verwunderung in der Kalkuttaer Sportzeitung meinen Namen als Käufer „Mulberrys“ mit einer langen Erklärung, weshalb, wozu und warum ich das Pferd erwerben wolle.

Kurz darauf war ich mit dem Oberst über den Preis handelseinig geworden und wollte einen Stallburschen nach Amballa — nicht so sehr weit von Kapurthala — senden, um „Mulberry“ holen zu lassen, als mir gedrahtet wurde, das Pferd sei einem Schlangenbiß erlegen — ein trauriges Ende für das schnellste Pferd Indiens.

Etwa zwei Monate später war ich in Ägypten und besuchte das Rennen in Alexandrien. Der Sieger im Hauptrennen dort erinnerte mich stark an das so rasch verstorbene Vollblut „Mulberry“, und ich sah mir das Tier etwas genauer an. Ich war sicher, es mit dem toten „Mulberry“ oder aber mit seinem Geist zu tun zu haben.

Als ich nach Indien zurückkam, suchte ich den Herrn Oberst auf. Er wagte zwar meine Behauptung, daß ich „Mulberry“ in Alexandrien gesehen habe, nicht zu bestreiten, versicherte aber, es einem reichen Ägypter verkauft zu haben, mit der ausdrücklichen Bedingung, das Pferd in keinem Rennen laufen zu lassen.

Nun gilt Disqualifizierung durch den Kalkutta Turf Club ebenso wie in Indien auch in Australien und in Ägypten. Um sie zu umgehen, war der Verkauf an mich mit allen Einzelheiten veröffentlicht worden. Dann kam der so glaubhafte Schlangenbiß, der durch meine, eines völlig Unbeteiligten, Vermittlung unter meinen vielen Turf-Bekannten auf völlig unauffällige Weise verbreitet wurde. Der Weg war frei, und der tote „Mulberry“ konnte für den „inneren Ring“ wieder auferstehen, um nach einigen überlegenen Siegen durch Zügelverhalten und ähnliche Leistungen die Taschen seiner unauffindbaren und unbekannten Besitzer zu füllen. Ob der englische Oberst außer Dienst zu ihnen gehörte, konnte ich nicht entscheiden. Und ob ich seine Geschichte glaubte oder nicht, war meine Sache. Aber ändern ließ sich an der Schiebung nichts, es sei denn, ich setzte ganz Indien in Bewegung. „Mulberry“ wäre dann möglicherweise zum zweiten Male gestorben und hätte mir als einziges Beweisstück für meine Behauptung recht gefehlt.

Jockeys

Für alle solche Sachen sind die indischen Jockeys nur allzu leicht zu haben. Englische Berufsjockeys verirren sich recht selten jenseits Suez. Die australischen Bundesbrüder und Berufsgenossen sind zu wenig entgegenkommend. Um ihre eigenen Kreise nicht stören zu lassen, dulden sie nur Australier auf den indischen Rennplätzen. Sie wissen, daß sie sich auf ihre Landsleute aus Australien in allen dunklen Renn-Machenschaften verlassen können! Sollte jemals ein nicht australischer Jockey es wagen, in Indien in den Sattel zu steigen, so scheuen die Braven aus Australien auch nicht vor einem Mord zurück. Im Flachrennen drängten sie einen englischen Berufsgenossen, der es gewagt hatte, nach Indien zu kommen, so an den Hang, daß er mit seinem Pferde zu Tode stürzte. Natürlich konnte man den Übeltätern nichts beweisen.

Eher gestatteten sie noch indische Jockeys als Mitreiter, denn mit ihnen ist immer eine Verständigung möglich. Auch sind sie keine Spielverderber, wenn es sich um einen Gewinn handelt. Dabei machen die Inder keine großen Ansprüche und sind im schlimmsten Falle unschwer einzuschüchtern.

In Bombay und Poona sind von arabischen und indischen Rennstallbesitzern Inder als Jockeys angestellt, meistens Mohamedaner, für arabische Pferde. Doch der Turf-Klub hat stets große Bedenken, einem Inder das Patent als Rennjockey auszustellen. Sie sind stets bestechlich und immer für unlautere Tricks zu haben. Außerdem sind sie Stümper. Sie haben weder den Verstand noch die feinen Nerven, die unerläßlich für einen Rennreiter sind. Vor allem aber haben sie kein Handgelenk. Ihre harte Faust reißt den Pferden viel zu sehr ins Maul.

So ist das indische Rennleben, von welcher Seite man auch mit ihm in Berührung kommen mag, eine recht indische Angelegenheit, erfüllt mit Lug und Trug, mit Intrigen und Geldgier. Mögen sich nun vizekönigliche Sekretäre mit Renngeschäften befassen oder mögen unwissende Inder als gelehrige Schüler bei den durch und durch verrohten Abkömmlingen früher nach Australien deportierter englischer Diebe, Mörder und Totschläger in die Schule gehen.

Nur die Pferde bleiben stets dieselben. Treu und anhänglich dem, der sie gut behandelt und ihnen mit Verstand und Freundlichkeit entgegenkommt, ob sie nun in Indien geboren sind oder aus England stammen, oder ob die freie Wüste Arabiens die Heimat ihrer Jugendjahre war. Allein die aus Australien eingeführten Tiere geben durch ihr Benehmen von der hohen Kultur seiner Bewohner Zeugnis, und es dauert stets lange, ehe sie begreifen lernen, daß es auch andere Menschen als ihre heimatlichen Rohlinge auf Erden gibt.