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Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen

Chapter 24: Pferdeschau
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About This Book

The author recounts two decades spent as a palace official and adviser at Indian princely courts, offering detailed vignettes of ceremonial life, domestic routines, hunting parties, and courtly display. He sketches portraits of rulers, courtiers, servants, and entertainers, and describes religious customs, festivals, animal lore, and practical affairs of state and household. Interspersed are travel episodes and scenes from other ports and cities, alongside reflections on social habits, manners, and material culture, conveyed through anecdote and reportage that balances ethnographic observation with personal reminiscence.

VIII.
Hindu-Indisches

Diesen mehr von Europäern gepflegten sportlichen Betätigungen, Jagden auf Antilopen, Eberjagden und Pferderennen stellen sich mannigfache Jagdgelegenheiten rein indischen Charakters zur Seite. Eine der interessantesten ist die Falkenbeize auf Enten.

Wildenten

Obgleich zur kalten Jahreszeit große Züge Wildenten, besonders in den Nordwest-Provinzen Indiens einfallen, so ist es doch nicht leicht, zum Schuß auf sie zu kommen. Mit großer Vorsicht suchen sie die Mitte der Gewässer auf oder die Nähe von Ufern, die von jedem Gebüsch entblößt sind. Bei der geringsten Gefahr steigen sie auf und gehen schnell so hoch, daß sie auch für ein Rohr Nr. 4[7] nicht mehr erreichbar sind. Lockvögel, die ich aus Europa kommen ließ, verfehlten ihren Zweck. Die Wildente in Indien schien ihnen nicht zu trauen. Vielleicht auch, weil sie in so großer Zahl zusammenbleiben.

Die einzige Möglichkeit, mit der Aussicht auf eine größere Strecke auf sie zum Schuß zu kommen, bietet der indische Treibfalke. Nachdem die Jäger sich um das Gewässer verteilt haben, läßt der eingeborene Jagdgehilfe einen oder zwei Falken steigen. Sobald die Enten — seltener findet man, und nur auf den großen Flüssen, Gänse — den Raubvogel bemerken, fliegen sie auf und umkreisen in geringer Höhe die Wasserfläche. Bevor nun der Falke sich sein Opfer gewählt hat und darauf niedergestoßen ist, werden die über dem Wasser unruhig durcheinanderfliegenden Tiere von den Jägern beschossen. Während dieser kurzen Zeit können bei der großen Zahl der Züge hunderte von Enten erlegt werden.

Hat der Falke sein Opfer in den Fängen und bereitet sich vor, es zu verzehren, so eilt der Wärter auch schon herbei und streift ihm die Augenkappe über. Manchmal verfehlt der Falke sein Ziel, in welchem Falle er nicht wieder in die Höhe steigt, sondern sich beschämt auf einem benachbarten Felde niederläßt, von wo ihn sein Wärter durch Rufe und unter dem Schwenken eines an einem Strick befestigten Entenflügels herbeilockt. Nur selten geschieht es, daß er diesem Rufe nicht folgt. In diesem Falle muß er eingefangen werden, wobei man die Stelle, an der er sich befindet, an dem Tönen einer kleinen Schelle erkennt, die ihm angeschnallt ist.

Die Kaste der Bauri und ebenso die Bhils, eine arme, verachtete Klasse der Landarbeiter, jagen Enten auf eine einfachere Art. Da in der kalten Jahreszeit die meisten Gewässer nur wenig Wasser haben, macht der Bauri oder der Bhil sich auf, sie mit der Hand zu fangen. Nachdem er die Stelle erkundet hat, wo ein größerer Zug Wildenten eingefallen ist, bewaffnet er sich mit einem großen, irdenen Topf, dessen Seiten von Löchern durchbrochen sind, und befestigt einen Sack an seinem Gürtel. Am Wasserrande angelangt, stülpt er sich den Topf über den Kopf und watet, bis an die Schultern sich im Wasser haltend, langsam und vorsichtig auf die Entenschar zu. Durch Behutsamkeit und Erfahrung gelingt es ihm, mitten unter sie zu gelangen. Dann ergreift er eine nach der andern bei den Füßen, zieht sie mit raschem Griff unter die Oberfläche und erstickt sie lautlos, um sie in den Sack an seinem Gürtel zu stecken. Auf den Märkten der Nordwest-Provinzen erhält er nicht mehr als 2 Anna oder 30 Pfennig für die so gefangene Ente, weil auf diese Art erlegtes Geflügel in Indien nicht besonders geschätzt wird.

Wachteln

Die den Eingeborenen liebste Art, Vögel zu fangen, ist das Fallenstellen. Wachteln werden in großen Scharen durch Lockhähne unter Netzen gefangen. Die Wachteln, die auf indische Art, mit „Curry und Reis“ zubereitet, ganz besonders wohlschmeckend sind, wenn man sie nur nicht zu oft vorgesetzt erhielte, waren so zahlreich, daß man für 5 Rupien oder etwa 7,50 Mark ein ganzes Hundert lebendig kaufen konnte. In einem dunklen Raum bleiben sie lange Zeit am Leben. Der Boden wird leicht mit feinem Sand bedeckt, und die Wachteln werden nur gelegentlich in einen im Freien stehenden Drahtgitterkäfig zum Laufen herausgelassen.

Die Zeit des Wachtelfanges ist der März, wenn das Korn reift. Am Vorabend des Fanges werden in den betreffenden Feldern etwa sechs verhüllte Käfige mit Wachtelhähnen an verschiedenen Bäumen aufgehängt. Bis zum Morgen haben sich mit Sicherheit große Scharen von Wachteln, von dem Schlagen der Hähne in den Käfigen angelockt, versammelt. Zwei bis drei gute Schützen schießen in einigen Stunden mit Leichtigkeit vierzig bis sechzig Paar.

Rebhühner dagegen sind in Indien selten. Dafür gibt es die „sand grouse“; die echte „grouse“ lebt nur im schottischen Hochlande. Ihr indischer Vetter findet sich besonders zahlreich in sandiger Gegend und bietet dem geduldigen Jäger eine ebenso schmackhafte wie zufriedenstellende Beute.

Wilde Elefanten

Das für Indien besonders bezeichnende Tier ist unzweifelhaft der Elefant. Stolz thront sein Ansehen über dem aller anderen Lebewesen. An keinem Fürstenhofe darf er fehlen. Bei allen Paraden und Prunkvorstellungen spielt er die erste Rolle. Auf seinem Rücken reitet der Herrscher unbeweglich, stolz und würdevoll durch die Menge seiner Untertanen, und in einigen Tempeln Hinter-Indiens wird dem Dickhäuter sogar göttliche Ehre erwiesen.

Mir unterstanden in Baroda über dreißig ausgewählte prächtige Tiere. Der Maharadscha von Kapurthala dagegen hatte nur etwa zwölf Elefanten in seinen Ställen.

Zu Besuch bei dem Maharadscha von Rewa im Gebiete Teraj an den Grenzen von Nepaul hatte ich einmal Gelegenheit, am Einfangen von wilden Elefanten mit Hilfe zahmer Jagdelefanten teilzunehmen. Trotzdem ich an Jagdstrapazen aller Art gewöhnt war und gern jede sportliche Möglichkeit benutzte, so würde ich es mir sehr überlegen, diese besondere Art von Jagd nochmals zu unternehmen.

Durch Treiber war eine Herde wilder Elefanten ermittelt worden. Es kam nun darauf an, ein besonders starkes, mit vollen Stoßzähnen versehenes Tier von der Herde zu trennen. Sechs von „Mahout“ — Elefantenführern — geführte zahme Tiere stehen bereit, den von seinen Gefährten abgetrennten wilden Elefanten einzuholen und einzukreisen. Es muß gelingen, ihn von allen Seiten so einzuschließen, daß er zwischen den Leibern und Stirnen der anderen wie eingemauert steht und trotz allen Widerstandes dorthin gebracht werden kann, wo man ihn haben will.

Auf dem Rücken der zahmen Elefanten liegt nur eine dünne Matte, notdürftig mit ein paar Seilen befestigt. Mehr hängend als sitzend befinden sich je zwei der Jäger, denen ich mich zugesellt hatte, auf jedem Elefanten und führen als einziges Jagdwerkzeug Ketten und Stricke mit.

Das Tier, auf dem ich voller Spannung Platz genommen hatte, war eins der besten und schnellsten aus dem Stalle des Maharadscha von Rewa. Das durch die Treiber von der Herde abgesonderte Tier wurde von unseren sechs zahmen Elefanten in weitem Abstande umstellt. Und nun begann die Jagd. Der wilde Elefant bot alle seine Schnelligkeit auf, die die eines galoppierenden Pferdes übertrifft, und raste davon. Gebüsch, Bäume, Sträucher knickten wie Streichhölzer vor ihm zusammen. Ohne jedes Besinnen brach er sich durch das Dschungel Bahn. Unsere Tiere, aufgeregt und voll Eifer, jagten in gleichem Rasen hinter ihm her, suchten ihm den Weg abzuschneiden, stürmten durch peitschende Zweige, abgerissene Äste, splitternde Bäume dem wilden Bruder nach.

Wie von der brausenden Hand des Sturmes gepackt, schwankten wir auf dem Rücken unseres Tieres durch das Dschungel, über offene Stellen, durch Gebüsch und Baumbestand. Von Sitzen oder Liegen ist keine Rede. Mühsam, mit dem Aufgebot aller Energie, hielt ich mich krampfhaft an irgendeinem der dicken Stricke geklammert, welche die Matte auf dem Rücken des galoppierenden zahmen Elefanten befestigten. Im Freien, in „höchster Fahrt“ schwankte er wie ein Fischkutter im Nordseesturm. Nur nicht loslassen! Bald wurde der Körper nach oben geworfen, wenn man an irgendeinem Baume einen Ast streifte, bald fiel man in plötzlichem Sturze an der Seite des Elefanten hinab, um im nächsten Augenblick wieder nach oben geworfen zu werden. Jetzt verfing sich ein Zweig unter dem Kinn und riß einem fast den Kopf ab. Dann wieder schwamm man, nur die Hände an dem Strick festgeklammert, in einem grünen Blättermeer, das einen über den Rücken des Elefanten hob, um irgendwie wieder darauf zurückzufallen. Und ständig schwebte mir dabei die Gefahr vor Augen, an irgendeiner abgebrochenen Astspitze aufgespießt, zwischen dem Leibe des mächtigen Tieres und einem Baumstamm wie eine Fliege zerquetscht oder bei irgendeiner Wendung ganz oder teilweise zerschmettert zu werden.

Und diese Hetzjagd auf den wilden Elefanten dauerte über eine Stunde; eine Stunde, wohl die längste meines irdischen Daseins, in der ich zu jeder Sekunde, ohne daß der dahinstürmende zahme Elefant es auch nur bemerkt haben würde, das Leben verlieren konnte, und das auf Arten, die selbst den überzeugtesten Selbstmordkandidaten einiges Bedenken einflößen dürften.

Endlich waren wir an den wilden Elefanten herangekommen. Wie auf Kommando lenkten die zahmen auf ihn ein, umringten ihn von allen Seiten und drängten ihre Leiber hart an den seinen. Starr und gewaltig wie Felsen schlossen die sechs riesigen Tiere des Maharadscha von Rewa ihren nicht minder mächtigen Bruder ein. Die eingeborenen Jagdgehilfen glitten zur Erde. Hin und her schwankte der Block der sieben Elefantenleiber. Wie sehr auch der Eingeschlossene drängte, sich zu befreien, die Zahmen hielten unerschütterlich stand. Zwischen den Beinen der Tiere arbeiteten die Gehilfen mit Ketten und Stricken, um die Füße des wilden Elefanten zu binden. Als dies geschehen war, wurde er langsam bis nach dem „Kedah“ — der Umzäunung — geschoben und dort bis zu seiner völligen Unterwerfung an einen starken Baum gefesselt.

Diese Stunde Elefantenhetze werde ich nie vergessen. Mein Anzug war selbstverständlich nur noch eine Erinnerung. Die Haut hing mir in Fetzen vom Gesicht, von Händen und Armen, und ich weiß nicht, von wieviel anderen Körperstellen. Ich blutete aus allen möglichen Rissen und Schrammen, und die blaue Oberfläche des Restes meines Körpers ließ nur an einzelnen Stellen erkennen, daß ich noch immer der weißen Rasse angehörte. Doch ich hatte festgehalten! Daß im wilden Dahinstürmen mir manchmal die Arme fast aus den Schultern gerissen worden waren, war mir gar nicht zu Bewußtsein gekommen. Ich hatte festgehalten! und fragte mich voller Freude, wieviel Weiße wohl jemals eine solche Urwaldfahrt mitgemacht haben mochten?

Die eingeborenen Jäger hatten wohl auch Verletzungen, Risse und Schrammen erhalten, doch viel weniger als ich. Ihre größere Geschicklichkeit, sich den Bewegungen des Elefantenkörpers anzupassen, gestattete ihnen, den Zweigen und Ästen leichter aus dem Wege zu gehen, indem sie sich, dicht an den Hals und Rücken des Dickhäuters geschmiegt, fest an ihn klammerten.

Zahme Elefanten

Der gezähmte Elefant im Stalle ist dagegen im normalen Zustande, das heißt, wenn er nicht krank oder in Aufregung ist, das ruhigste und friedlichste Tier, das man sich denken kann. Die den Elefantenwärtern, den „Mahout“, zugeteilten Jungen treiben die ganze Elefantenherde der Stallungen mühelos auf die Weide, wo sie die Tiere meistens sich selbst überlassen und ihre Zeit mit Spielen und Schlafen verbringen, bis die Herde abends wieder zurück in die Ställe muß.

Die Elefanten, die große Liebhaber von Zuckerrohr sind, beobachten die ganze Zeit über verstohlen ihre jugendlichen Hüter, um sich, sobald sie glauben, dies unbemerkt tun zu können, einer nach dem anderen vorsichtig „seitwärts in die Zuckerrohrbüsche“ zu schlagen. Sie sind aber viel zu klug, um dort zu bleiben, sondern fassen mit dem Rüssel nur so viel Zuckerrohrpflanzen, wie sie erraffen können, und beeilen sich, wieder mit der unschuldigsten Miene auf die Weide zurückzukehren. Wenn einer der Jungen den Elefanten auf seinem verbotenen Ausflug abfaßt, so läuft er mit viel Geschrei hinter ihm her, ruft ihm aus der in den indischen Sprachen so ausgebildeten Schimpfwörtersammlung die schönsten zu und schwingt weiter nichts als eine kleine Gerte, deren Hieb das Tier überhaupt nicht fühlen würde. Schuldbewußt macht der riesige Dickhäuter kehrt und eilt, seinen Platz auf der Weide wieder einzunehmen, von dem neben ihm winzigen Hütejungen angetrieben, den er, wenn er wollte, wie ein Insekt zertreten könnte.

Wenn nun auch der zahme Elefant im allgemeinen das gutmütigste und folgsamste Tier ist, so wird er unter gewissen Umständen doch zur rachsüchtigsten und gefährlichsten Bestie der Welt. Auch den in zu hohem Alter eingefangenen Elefanten ist nicht immer zu trauen, und es gibt selbst nach jahrelanger Abrichtung und Eingewöhnung bösartige und faule unter ihnen. Manche haben auch auf der Jagd eine unheilbare Verletzung erlitten, die sie dauernd in einer hochgradigen Reizbarkeit hält und zu jeder Beschäftigung unbrauchbar macht. Ich hatte im Staatsstall zu Baroda einen Elefanten, dem ein Tiger auf der Jagd das Ende des Rüssels abgebissen hatte. Seitdem war er nicht mehr zu benutzen. Jahraus, jahrein blieb er angekettet. Das Futter wurde ihm an einer langen Stange ins Maul geschoben, sonst wäre er verhungert. Doch trotz seiner Verstümmelung war er stets zum Kämpfen bereit und war an Gestalt und Kraft eins der stärksten Tiere des Stalles, das zu meiner Zeit kein Gegner in den Zweikämpfen bezwingen konnte, die an indischen Höfen zwischen Elefanten veranstaltet werden.

Dem gesunden Tiere kommt die Lust zum Kampfe nur in der Paarungszeit, die nicht vor dem vierzigsten Jahre eintritt. Man erkennt das Herannahen dieses Zustandes an einer wässerigen Flüssigkeit, die aus einem kleinen Riß zwischen Ohr und Auge zu sickern beginnt. Sobald dies bemerkt wird, muß der Elefant aus dem Stalle entfernt, muß in „Schutzhaft“ genommen werden, denn es überkommt ihn dann eine Art von Raserei, die man bei dem sonst so klugen und ruhigen Tiere fast als temporären Irrsinn ansprechen könnte. Der Elefant erkennt dann seinen eigenen Wärter nicht mehr. Zur Verhütung von Unfällen muß er fest angeschlossen werden, und sein Futter wird ihm auf einer langen Gabel gereicht. Von selbst nimmt er nichts zu sich.

In einem so großen Stalle, wie dem zu Baroda, tritt es öfter ein, daß mehrere Tiere zu gleicher Zeit „mousty“ werden, wie der Inder diesen Zustand nennt. Um sie für das Schauspiel eines Elefantenzweikampfes zur Hand zu haben, werden sie an einen der großen Bamiabäume, die überall gepflegt werden, in der Nähe der für diese Schaustellungen bestimmten Arena gefesselt.

Soll ein solcher Zweikampf zwischen den Tieren stattfinden, so werden sie mit gelockerten Ketten, die es ihnen gestatten, mit Vorder- und Hinterfüßen kurze Schritte zu machen, in die Arena getrieben, wobei der Wärter in respektvoller Entfernung von dem Rüssel bleibt. Die hölzernen Riegel der Tore werden vorgeschoben und, an die Mauer gelehnt, stehen sich die Gegner auf etwa 200 Schritt gegenüber. Schmale Öffnungen in der aus starken Holzplanken bestehenden Umzäunung, durch die ein Mann gerade noch schlüpfen kann, gestatten, sie von den letzten Fesseln zu befreien. Sobald die Tiere dies fühlen, stürzen sie zum Angriff. Mit lautem Krachen prallt Stirn gegen Stirn. Und schon ist über die Kräfteverteilung entschieden. Der Besiegte sinkt halbbetäubt in die Vorderknie. Kurze Zeit liegt er so unbeweglich, während der Sieger sich bemüht, ihm die Stoßzähne in die Seite zu bohren. Schwer verletzen kann er ihn nicht, denn die Spitzen der Zähne sind abgesägt.

Und ehe er in seiner blinden Kampfwut wirklichen Schaden anrichten kann, springen die Wärter mit ihren Gehilfen — jeder Elefant hat einen Mahout und etwa acht bis zwölf Diener — auf das Kampfpaar zu, schießen an lange Bambusstöcke befestigte Raketen vor ihren Köpfen ab und trennen so den Sieger von seinem unterlegenen Gegner. Die behendesten schlüpfen ihm zwischen die Beine und lähmen seine Bewegungen durch das Anlegen von breiten Ringen, die innen mit scharfen Eisenspitzen versehen sind, bis es gelingt, die Hinterfüße in Ketten zu legen.

Damit ist der Kampf beendet und meistens auch der „mousty“-Zustand des Tieres. Kurze Zeit darauf zeigt der Elefant wieder sein gewöhnliches Gebaren, ist wieder ruhig, phlegmatisch und fügsam, so daß nichts mehr an ihm an den wilden Berserker der Kampfarena erinnert.

In Baroda ereignete es sich, daß einmal ein Elefant, wohl in der Erinnerung an die bitteren Erfahrungen einer früheren Niederlage, sich weigerte, den Kampf aufzunehmen. Ohne den Angriff seines Gegners abzuwarten, stürzte er furchterfaßt auf die mit schweren Balken verschlossene Toröffnung zu und sprang mit den Vorderfüßen auf den obersten Riegel. Da erreichte ihn der andere. Im wuchtigen Anprall versetzte er ihm einen solchen Stoß, daß er mitsamt den geborstenen Balken ins Freie flog. Nun konnte nichts mehr die beiden wutentbrannten Tiere halten, die, blind vor Erregung, der Stadt zustürmten. In den engen Straßen entstand eine unbeschreibliche Verwirrung, als die beiden gewaltigen Tiere durch die dichte Menge der Menschen rasten, hier einen Hindu mit dem Rüssel in die Höhe warfen und dort andere mit den Füßen zerstampften. Trümmer, Fetzen und formlose, zu einer unkenntlichen Masse zertretene Körper bezeichneten den Weg der beiden Ausgebrochenen. Erst nach Tagen gelang es, sie mit Hilfe anderer Elefanten wie in einer Jagd auf wilde wieder einzufangen.

Doch nicht nur eine Jagd auf Elefanten, auch eine Jagd mit Elefanten bietet Aufregung genug. In Kapurthala war mir gemeldet worden, daß sich ein Panther in die Nähe der Stadt verirrt habe. Sofort ließ ich vier der standhaftesten Jagdelefanten satteln, und lud zwei Freunde zur Jagd auf dieses doch immerhin seltene Raubtier ein.

Der Panther war in einem von ziemlich hohem Getreide bestandenen Felde aufgespürt worden. Als wir den Rand des Feldes erreicht hatten, erblickte ich von meinem hohen Sitz auf dem Rücken „Luxmis“, des weiblichen Elefanten, den ich ritt, die Schultern des Panthers in der Mitte des Getreidefeldes. Er glich an Größe einem Tiger. Die Entfernung war etwa 50 Meter. Ich legte sofort an und feuerte aus meiner .450 Expreßbüchse, dem Mahout bedeutend, auf die Stelle, wo der Panther liegen mußte, zuzuhalten.

Doch ehe ich meine Worte noch zu Ende gesprochen hatte, sprang der Panther vor uns auf und erreichte in gewaltigem Satz den Kopf meines Elefanten, beide Vorderpranken tief in die Ohren „Luxmis“ verkrallend. Entsetzt fiel der Mahout von seinem Sitz. Der Elefant war ohne Führer. Hundert andere Elefanten hätten sofort kehrt gemacht, und wären davongestürmt. Doch ich kannte „Luxmi“ und sie mich. Ich rief ihren Namen, um sie zu beruhigen, und spornte sie mit „Samalo“[8] und „Karero“[9] zur Tapferkeit an. Ihre Haltung war prachtvoll. Kein erschrecktes Zittern durchlief ihren schweren Körper. Mit aller Heftigkeit ihren Kopf schüttelnd, gelang es ihr, den Panther abzuwerfen, trotz der Risse, die die Krallen des Raubtieres dabei ihren Ohren zufügten. Kaum lag der Panther am Boden, als ich erneut zum Schuß kam und ihn durch eine Kugel in den Hals tot niederstreckte.

Abgestiegen, sah ich mir die Beute an und fand, daß mein erster Schuß fehlgegangen war. Ganz gegen jede Erfahrung hatte der Panther darauf uns angegriffen, denn Tiger sowohl wie Panther, die freies Feld zum Entweichen haben, ziehen fast stets vor, zu fliehen, sobald sie sich entdeckt sehen.

Luxmi, die sich bei dem fürchterlichen und überraschenden Angriff der gewaltigen Katze so überaus tapfer gehalten hatte, sah voller Genugtuung auf den toten Feind herab. Mit schrillem Trompetenton verkündete sie ihren Triumph, und es kostete Mühe, ihren Vorderfuß davon abzuhalten, den toten Panther zu zerstampfen. Trotz ihrer blutenden und in Fetzen gerissenen Ohren richtete sie sich zufrieden auf, als die erlegte Beute auf ihren Rücken gelegt wurde, und zog, den Panther allen sichtbar tragend, stolz durch die Straßen der Stadt Kapurthala, mit hocherhobenem Kopfe und sieghaften Schritten jedermann auf ihre Heldentat aufmerksam machend.

Glücklicherweise gelang es, ihre Verwundungen schnell und gründlich zu reinigen. Denn da sich zwischen den Krallen der großen Katze oft faulende Fleischreste eines früheren Opfers und andere Verunreinigungen finden, sind auch leichte Wunden, die sie verursachen, nicht ungefährlich. In dem heißen Klima Indiens ist eine Infektion des Blutes von besonders schweren Folgen und führt fast stets zum Tode.

Die Tollwut in Indien

Mangelhafte Reinlichkeit ist auch mit der Grund, weshalb trotz der englischen sanitären Vorschriften es nie möglich gewesen ist, und bei der erschreckenden Indolenz der Bevölkerung auch wohl nie möglich sein wird, die jährlich unzählige Opfer fordernde Tollwut in Indien auszurotten.

Ihre Hauptträger sind überall die herrenlosen Pariahunde, die in unzähligen Mengen die Straßen jeder Stadt und jedes Dorfes bevölkern. Außer den Bauris, der verachteten Kaste, aus der die Hindu-Schikari stammen, und den kastenlosen Straßenfegern, tötet kein Hindu einen von Tollwut befallenen Hund.

Die Tiere infizieren sich an dem Unrat, den sie fressen, oder sie werden von Schakalen gebissen, unter denen diese Krankheit wohl deshalb so verbreitet ist, weil sie sich fast ausschließlich von Aas nähren.

Im April, dem Beginn der heißen Jahreszeit, tritt die Krankheit am stärksten auf. Die erkrankten, um sich schnappenden Tiere laufen durch die Menge der nur dünn bekleideten Eingeborenen und beißen naturgemäß eine ganze Anzahl. Da der Biß oft nur eine leichte, kaum schmerzhafte Rißwunde hinterläßt, beachtet die unglaubliche Stumpfsinnigkeit des Inders ihn nicht weiter, bis nach einiger Zeit die Krankheit zum Ausbruch kommt. Die britische Regierung hat wohl seit verschiedenen Jahren schon Anstalten für das Pasteursche Heilverfahren in Indien errichtet, doch die Inder, besonders die abseits der Städte wohnenden glaubens- und kastenstrengen Landbewohner, suchen sie selten auf. Schon einen Kranken ins Krankenhaus zu bringen ist schwer. Er schreckt vor den unbekannten Gefahren der Eisenbahnfahrt zurück. Seine Familie und Kastengenossen raten ab. Die Priester sind dagegen. Jeder fürchtet das Teufelswerk der Einspritzungen. Auch gibt es ja den „Garun ke Hakim“ — den Dorfdoktor —, der alles weiß! Er ist dagegen. Er weiß sicherlich, was zu tun ist. Und da er keine große Meinung von der Kunst der weißen Ärzte hat — und dies aus guten und für ihn sehr wichtigen Gründen —, so weiß er die Kranke zu bestimmen, sich seiner Geschicklichkeit anzuvertrauen. Soll man an der Tollwut sterben, so ist es eben so bestimmt. Weshalb sich gegen das Schicksal auflehnen?!

Unbekümmert über die religiösen Anschauungen seines Volkes, wenn es sich um seine eigene Person handelte, gab mir der Maharadscha von Kapurthala, der sehr große Angst vor der Hydrophobia, der Tollwut, hatte, unbeschränkte Schießerlaubnis gegen die Pariahunde innerhalb und außerhalb der Stadt. Auch erteilte er mir den Auftrag, durch die Bauri möglichst stark unter den Pariahunden in Kapurthala aufräumen zu lassen, ganz gleich, ob toll oder nicht. Sie wurden mit Knüppeln totgeschlagen, und für jede eingelieferte Schwanzspitze wurden zwei Anna, oder 30 Pfennig, gezahlt, so viel, wie für eine unter Wasser erstickte Ente.

Doch man konnte noch so viele töten. Die Schwanzspitzen der erschlagenen Köter konnten sich zu Haufen türmen, der Hunde in Kapurthala wurden nicht weniger. Ihre Vettern vom Lande strömten, die Gefahr nicht achtend, in Scharen herbei, um die Lücken in der Menge der Stadthunde aufzufüllen.

Dazu kam die Unredlichkeit und die vollständige Verständnislosigkeit des mit der Rechnungsführung betrauten Beamten, der auch die Prämien auszahlte. Obgleich er ein orthodoxer Hindu war, denen das Töten jedes lebendigen Wesens verboten ist, nahm er keinen Anstand, sich an dem Hundemord in Kapurthala, den der Maharadscha befohlen hatte, „gesund zu machen“.

Auch einer meiner „Tschaprassi“ — Torhüter — wurde im Schlafe vor seiner Türe von einem tollen Hunde gebissen. Ich versuchte alles, ihn zu bewegen, nach der nächsten Pasteurstelle in Dalhousie im Himalaja zu gehen. Er weigerte sich aber hartnäckig, seinen Posten zu verlassen, der zwar von keiner großen Bedeutung war und ihm viel Zeit zum Schlafen ließ, den er aber seit Jahren zu meiner Zufriedenheit ausgefüllt hatte. Da er der Kaste der Brahminen angehörte, einer höheren Kaste, ließ er sich von seinem „Hakim“ behandeln mit dem selbstverständlichen Erfolge, daß er eines Morgens zu mir kam — die kleine Bißwunde war längst verheilt — und mir sagte, er habe ständig einen unwiderstehlichen Drang zum Beißen, und bitte mich, sich auf sein Bett legen zu dürfen. Als ich ihm dies gestattet hatte und ihn, vielleicht eine Stunde später, aufsuchte, fand ich ihn, von seinen Kameraden, die wohl ahnen mochten, was bevorstand, so auf seinem Bett festgebunden, daß er sich nicht bewegen konnte. Als ich zu ihm trat, war die Tollwut eben ausgebrochen, Schaum stand ihm vor dem Munde. Er gab kurze, bellende und knurrende Laute von sich, fletschte mit den Zähnen, kurz, bot einen grausigen Anblick.

Von Zeit zu Zeit kehrte das Bewußtsein zurück, und er erkannte mich. In einer solchen Pause bat er mich um irgendeinen Gegenstand zum Hineinbeißen, und ich ließ ihm ein Säckchen mit Kokosfasern zwischen die Kiefern schieben, in das er sich festbiß. Gegend Abend war er tot.

Und wie er, sterben jährlich viele Tausende in Indien; aus Stumpfsinn, Unwissenheit und, für uns, lächerlichen Vorurteilen. Nichts vermag diese Leute zu rationellen Heilmethoden, die ihnen auf allen Seiten zu ganz geringen Sätzen, oft sogar umsonst, von der anglo-indischen Regierung geboten werden, zu bekehren.

Als die Beulenpest Indien mehr als dezimierte, gab es unter den über dreihundert Millionen Eingeborenen sicherlich kein halbes Prozent, das sich impfen oder von weißen Ärzten behandeln ließ.

Hungersnot

Ebenso wie mit den Epidemien, verhält es sich auch mit den Hungersnöten, die Millionen dahinraffen. Wenn der Inder wollte, brauchte die durch das Ausbleiben des Monsunregens verursachte Dürre nicht stets die Form einer ausgesprochenen Hungersnot anzunehmen. Er will aber nicht. Lieber als auch nur eins seiner Kastenvorurteile aufzugeben, läßt er die Felder ohne Bewässerung; lieber sieht er sein Vieh auf den trockenen Weiden vor Durst und Hunger umkommen, als daß er es tötete, um von seinem Fleisch zu leben. Gegen den Fatalismus des Hindu — der nicht mit dem des Mohamedaners verwechselt werden darf —, gegen seinen bösen Willen, sich jeder Vernunft zu verschließen, ist auch der allmächtige „Sirkar“ ohnmächtig.

Die Regen hängen von dem Wechsel der „Monsun“ genannten stetigen Winde ab und werden in Indien durchschnittlich zur Mitte des Juni erwartet, hier etwas früher, dort etwas später. Überall aber ist die Zeit des Regenbeginns ziemlich genau infolge der Erfahrung bekannt. Für die Insel Ceylon liegt sie am frühesten, um, nach Norden fortschreitend, einen Teil Vorderindiens nach dem anderen zu erquicken.

Sollte der erwartete Regen auch nur vierzehn Tage ausbleiben, so wird die Lage des von der Hand in den Mund lebenden bettelarmen Inders, worunter wohl neunundneunzig Prozent der Landbevölkerung gerechnet werden müssen, äußerst kritisch, und zwar ganz besonders in Gegenden, die von der Bahn entfernt liegen und wo die Heranschaffung von Lebensmitteln mühevoll und zeitraubend ist.

Sicherlich tut die anglo-indische Regierung in solchen Fällen ihr Äußerstes, und sie ist stets darauf bedacht, den notleidenden Eingeborenen Hilfe zu bringen, indem sie die Bewohner der von der Dürre betroffenen Gebiete zu bewegen sucht, an den zu ihrer Unterstützung in die Wege geleiteten Notstandsarbeiten — Famine relief works — zu arbeiten, die zum überwiegenden Teil in der Anlegung von Bewässerungskanälen und Staubecken bestehen.

Doch der kastengläubige Hindu trennt sich nur äußerst schwer von seiner Scholle. Die Vorurteile seiner Religion stehen dem schroff entgegen, und manche ziehen es vor, buchstäblich Hungers zu sterben, als daß sie die Vorurteile ihres Glaubens opfern.

Dann aber kommt für die kastenlosen und gewissenlosen „Bania“ und „Schroff“ — die Getreidehändler und Geldverleiher — die Zeit der Ernte. Meistens sind sie beides in einer Person. Sie schließen ihre Lager und warten mit dem Verkauf des Getreides, bis der Preis um das zehnfache gestiegen ist. Als man einen von ihnen fragte, wann er denn seine Speicher den Hungernden öffnen werde, antwortete er unbewegt: „Erst, wenn sie anfangen, sich gegenseitig aufzufressen.“

Als nun dieser Zeitpunkt eintrat und er sich bereithielt, sein Getreide gegen Gold einzutauschen, waren die geschlossen gehaltenen Speicherräume leer. Die Ratten hatten sich schon das letzte Getreidekorn ohne Bezahlung angeeignet.

Wenn die anglo-indische Regierung sich bemüht, diesen Notständen entgegenzuarbeiten, so zeigen die einheimischen Vasallenfürsten wenig Verständnis für solche Maßnahmen. Sie lieben es nicht, überhaupt etwas davon zu hören. Und die einheimischen Beamten sorgen gern und mit Hingebung dafür, daß der Maharadscha keinen Einblick in diese für die Masse der Armen unerträglichen Zustände erhält. Auch ist die Bevölkerung viel zu unwissend, als in dem von allen Sorgen leiblicher Not vollständig unberührten Herrscher etwas anderes, denn den von den Göttern Auserkorenen zu erblicken und die Berechtigung seiner vollkommenen Gleichgültigkeit ihnen gegenüber irgendwie anzuzweifeln.

Als 1896 und 1900 die Hungersnot auch Kapurthala heimsuchte, begab sich der Maharadscha auf Anraten seiner Minister schleunigst auf Reisen. Es war doch auch viel wichtiger, bei der Weltausstellung in Paris anwesend zu sein, als sich mit Regierungsgeschäften zu langweilen. Daraufhin mischte sich die anglo-indische Regierung ein, um den einheimischen Fürsten und Beamten nachdrücklich vor Augen zu führen, wohin ihr nachlässiges Tun und Treiben sie führe. Ein englischer Beamter übernahm die Leitung der Staatsgeschäfte in Kapurthala unter völliger Ausschaltung sowohl des Maharadscha, wie seiner Minister und Beamten während eines vollen Jahres, was natürlich für die letzteren einen recht beträchtlichen Einnahmeausfall ergab und auch noch allerhand Unannehmlichkeiten mit sich brachte.

Viererzug am Schlosse von Kapurthala
Finanzministerium zu Kapurthala
Indische Verkehrsmittel. Oben: Ochsenfuhrwerk. Unten: Postwagen

Eine Reise durch eine von Hungersnot betroffene Gegend ist für jeden Weißen mehr als eine Tortur. Die zum Gerippe abgemagerten Menschen schwanken wie bewußtlose Schatten in dem heißen, hellen Sonnenlicht oder liegen teilnahmslos in irgendeiner Ecke, am Rande der Straßen, im Schatten der Häuser, und doch ist es nicht möglich, ihnen zu helfen. Viele von ihnen gehen lieber zugrunde, als ein Stück Brot aus der Hand eines kastenlosen Europäers anzunehmen, da ihre Kastenvorschriften es ihnen verbieten, Nahrung zu genießen, die Menschen außerhalb der Kastengemeinschaft berührt haben.

Mag dieser Charakter des Inders auch noch so sehr durch die Umstände seines Landes bestimmt und durch die Geschichte in seiner ganzen Unzulänglichkeit verstärkt worden sein, die Lasten, die er beklagt, hat er selbst geschaffen. Die Leiden, unter denen er seufzt, sind von seinen eigenen Händen sorgsam und liebevoll mit sonderbaren Verzierungen und verschlungenem Rankenwerk hergestellt worden. Und wer einmal Einblick in die geistige Beschränktheit, die nackte Selbstsucht und Gewinngier der großen Masse in Indien getan hat, kann der von den Engländern überall den Indern gegenüber zur Schau getragenen Überhebung, nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern ganz objektiv durchaus nicht eine gewisse Berechtigung absprechen.

Pferdeschau

Wie Selbstsucht und Gewinngier von oben bis unten in allen Schichten der Bevölkerung vorhanden sind, konnte ich wie in einem Brennpunkt in Kapurthala beobachten.

Alljährlich fand dort eine landwirtschaftliche Ausstellung statt, bei der unter anderen auch den Besitzern des besten Pferdematerials Prämien zuerkannt wurden, die der Maharadscha in höchsteigener Person nicht zu verteilen, sondern äußerst würdevoll den ihm genannten Preisträgern in einem Leinewandsäckchen vor die Füße zu werfen pflegte.

Am Anfang meiner Tätigkeit gehörte ich, sowie zwei englische Tierärzte, zu dem Preisrichterkollegium dieser Pferdeschau. Jedoch, wir mußten uns sehr bald überzeugen, daß die Prämien niemals den Besitzern der von uns prämiierten Pferde übergeben wurden, sondern stets irgendeinem Anverwandten der Beamten des Maharadscha. Sie verstanden es, ohne daß wir es zu hindern vermochten, ihre Leute, die oft überhaupt kein Tier besaßen, dem Maharadscha im Augenblick der Verteilung vorzuführen, der das Geld, ohne die Empfänger auch nur anzusehen, ihnen zuwarf.

Trotz entschiedener Vorstellungen, die ich bei Dschagatdschit Singh erhob, und die ihn auch dazu brachten, mir bessere Beachtung unserer Preisurteile zuzusichern, spielte sich dieselbe Szene jedes Jahr in aller Lächerlichkeit ab. Der Maharadscha glaubte, sich durch die wegwerfende Behandlung seiner Untertanen in den Augen der anwesenden europäischen Gäste, die ihn auf seinem Zeltsessel, im Glanze seines indischen Herrschertums, bewunderten, ganz besonders eindrucksvoll zu benehmen. Zum Schluß hielten die englischen Tierärzte es für unter ihrer Würde, diese Komödie weiter mitzuspielen, und blieben der Schau fern. Ich als Deutscher sah keinen Grund, trotzdem ich Beamter des Maharadscha war, ihrem Beispiel nicht zu folgen.

Selbstverständlich verursachte dieses unser Nichterscheinen endlosen Klatsch unter der klatschlustigen Bevölkerung des Städtchens, was den anderen Beamten des Maharadscha, die nun allein mit ihren Kenntnissen Preisrichter spielen mußten, aus vielen naheliegenden Gründen wenig lieb war. Daher verfiel man auf einen kleinen, echt indischen Streich, mit dem man mich bei Dschagatdschit Singh unmöglich zu machen gedachte.

Ich war während der Tage der sogenannten Pferdeschau von Kapurthala nach Amballa zum Rennen gefahren. Diese Gelegenheit wurde benutzt, um zwei meiner eigenen Pferde den Richtern vorzuführen. Da sie natürlich an Rasse und Pflege die Tiere der armen Landbevölkerung weit überboten, wurden ihnen die höchsten Preise zuerkannt.

Seiner Gewohnheit getreu, nur auf seine orientalische Potentatenwürde zu achten, bemerkte der Maharadscha nicht, wer den Preis einheimste und kümmerte sich überhaupt nicht darum, wem er die ihm überreichten Leinwandsäckchen zuwarf. So konnte ein Bengale, ein Babu, der als Beamter in meinen Diensten stand, sich der Preise bemächtigen. Man beabsichtigte, dem Maharadscha die Angelegenheit so darzustellen, als ob ich selbst, um der Preise willen, meine Pferde ausgestellt habe und mich aus diesem Grunde nicht als Preisrichter blicken ließe. Zum Glück erhielt ich gleich nach meiner Rückkehr aus Amballa Kenntnis von dem Anschlag und konnte mich bei dem Maharadscha über die Angelegenheit beklagen, ehe noch die ehrenwerten Preisrichter Gelegenheit hatten, den wohleingefädelten Plan zu vollenden und ihre Darstellung des Vorfalles dem Fürsten glaubhaft zu machen.

Um einiger Rupien willen wurde so der ganze Staatsapparat von Kapurthala in Bewegung gesetzt; alle, vom Maharadscha in seiner pomphaften Würdesucht bis zu den niedrigsten Stallburschen, waren mittelbar oder unmittelbar daran beteiligt, eine in ihren wirklichen Zwecken durchaus nützliche und richtige Angelegenheit, wie die Pferdeschau, in ihr gerades Gegenteil zu verkehren. Echt indisch muß alles der Geldgier und der Eitelkeit dienen, ohne jede Rücksicht oder Verständnis für die wirklichen Erfordernisse des Landes.

Die Prämien, die den armen und bedrückten Bauern zugute kommen sollten, und die trotz ihrer verhältnismäßig geringen Höhe für diese Leute ganz bedeutende Summen vorstellten, wurden irgendeinem nichtsnutzigen faulen Beamten in die Hände gespielt.

Heilige Tiere

Inwieweit die unglaubliche Unwissenheit der Inder und ihr jeder rationellen Vernunft entbehrender Charakter — an Verstand, um die Ziele ihrer eigenen kleinen Selbstsucht mit Schlauheit und Gerissenheit zu verfolgen, fehlt es ihnen nicht — mit der dem Europäer ganz unverständlichen Tierverehrung zusammenhängt, habe ich, abgesehen von dem Glauben an die Seelenwanderung, nie ergründen können. Oft zwar schien es mir, als sei das eine von dem anderen bedingt.

Von der Heiligkeit der Kuh und allem Rindvieh überhaupt habe ich schon gesprochen, und mein Unverständnis mag entschuldbar scheinen, wenn die Verehrung dieser Tiere soweit geht, daß die Hindufrauen einer auf der Straße ihr Wasser lassenden Kuh von allen Seiten zueilen, um sich in dem heiligen Naß Gesicht und Hände zu waschen.

Kurz nach meiner Ankunft in Baroda war ich eines Morgens nicht wenig erstaunt, den stolzen und selbstbewußten Gaekwar in zeremonieller Gewandung seine Gemächer verlassen zu sehen, um mit tiefen Kultverbeugungen vier, auf dem Innenhofe des Palastes wartende Brahminen der Dschain-Sekte zu begrüßen. Jeder dieser Priester trug einen wenigstens zwölf Pfund schweren Sack mit Streuzucker in den Händen.

Unter dem Gemurmel einiger Sprüche berührte der Maharadscha jeden der Säcke mit der Hand, worauf die vier Brahminen in die vier Richtungen der Windrose aufbrachen, um den Zucker überall dort auf ihrem Wege zu verstreuen — wo sie auf Ameisen trafen.

In Baroda gab es auch eine Menge heiliger Affen. Eine gewisse Kaste hält sie für ebenso verehrungswürdig wie die Kuh. Diese, der Hulmanart angehörenden Affen bevölkerten in großen Herden den Palastpark, wo sie auf den vielen, schönen, großen Tamarindenbäumen lebten.

Der von mir damals bewohnte Bungalow stand mitten im Park, und als Neuling in Indien fand ich an dem Treiben der Tiere reges Gefallen. Ich begann, auf meiner Veranda sitzend, die Affen mit Brot zu füttern. Bald wurden sie zutraulich und fraßen mir aus der Hand. Nur ein altes, großes Tier, anscheinend der Anführer, wurde unmanierlich und versuchte ständig, die anderen kleineren Affen durch Kratzen und Beißen zu verdrängen. Eines Tages wurde er so frech, mir einen halben Laib Brot aus der Hand zu reißen und mich zähnefletschend anzugrinsen. Um die anderen nicht zu verscheuchen, wollte ich ihn nicht schlagen, beschloß aber ihn zu bestrafen und ihm eine Lehre zu geben, ohne daß die anderen es merkten.

Zu diesem Zwecke legte ich am nächsten Tage meine Luftbüchse unter meinen Sitz, so daß sie nicht auffiel, und als der Herr Ober-Affe wieder in seiner unverschämten Art zudringlich wurde, berührte ich den Abzug, um ihm mit der kleinen Kugel einen gehörigen Schrecken einzujagen. Doch anscheinend ist das Fell dieser Tiere sehr dünn, denn die Kugel mußte ihm in die Brust gedrungen sein und das Herz verletzt haben. Er griff nach der Stelle des Einschlages, schwankte dann mühsam die Stufen der Veranda hinab, gefolgt von der ganzen Schar der anderen. Es gelang ihm noch, einen der Bäume in der Nähe zu erklettern, doch nach wenigen Minuten fiel er herunter.

Die anderen hockten sich im Kreise um ihn herum, ohne einen Laut von sich zu geben. Nach einigen Zuckungen war das so unglücklich getroffene Tier tot. Nun kamen die anderen alle, einer nach dem anderen, und befühlten den Toten. Man hätte meinen können, daß sich in ihren Mienen und ihrem Gebahren Betrübnis ausdrücke. Zum Schluß zog sich einer der größeren Affen, wohl der, der ihm in der Anführerschaft folgte, zurück, und die ganze Schar schloß sich ihm an, ohne sich um den Toten weiter zu bekümmern, der von den Gartenwärtern am nächsten Morgen mit ausgekehrt und fortgeschafft wurde.

Trotz meiner damaligen Unerfahrenheit war mir die Angelegenheit sehr unangenehm, denn ich wußte wohl, was diese Affenherden für die Eingeborenen bedeuteten. Glücklicherweise aber waren nur mein „Boy“, mein Dienerjunge, und mein Koch Zeugen des Vorfalls gewesen. Ihre Angst war noch größer als meine Besorgnis vor möglichen Unannehmlichkeiten.

Da von der Angelegenheit aber nicht gesprochen wurde, hielt ich sie für erledigt, bis einige Wochen später der Gaekwar mich fragte, ob es wahr sei, daß ich einen heiligen Affen getötet habe. Ich schilderte ihm den ganzen Vorgang, und er versicherte mir, ihm als Maharatten würde es nur angenehm sein, wenn das ganze Affengesindel aus dem Parke verschwände. Doch da er selbst Rücksicht auf die Gefühle der Eingeborenen in Baroda nehmen müsse, warne er mich, etwas gegen diese Tiere zu unternehmen.

Irgendwie mußten die heimtückischen Brahminen, die den Maharadscha und seine Gemahlin so ziemlich in der Hand hatten, die Todesursache des Affen in Erfahrung gebracht haben und bei dem Fürsten vorstellig geworden sein.

Das eigentümlichste aber war das Verhalten der Affen selbst, die sich seit jenem Tage, während der fünf Jahre meines Aufenthaltes in Baroda, nie mehr in der Nähe meines Bungalows blicken ließen, dafür aber des Nachts auf dem Dache des Hauses den größten Lärm vollführten und möglichst viele Ziegeln loszubrechen suchten, um die Stücke auf den Weg zu werfen. Wenn ich irgendwo im Park spazieren ging und sie mich bemerkten, eilten sie von allen Seiten herbei und begleiteten mich, von Baum zu Baum kletternd, unter großem Geschrei.

Wie weit in Indien das Vorurteil, kein Tier zu töten, geht, brachte mir eine Begebenheit zum Bewußtsein, die von meinen brahminischen Feinden am Hofe zunächst in jeder Weise gegen mich zu verwerten versucht wurde.

Bei einem Spazierritt fand ich in einem Straßengraben einen Esel liegen, der das Bein gebrochen hatte und dort seinem langsamen Tod achtlos überlassen worden war. Obgleich er noch lebte, waren schon die Aasgeier und Krähen an der Arbeit, dem wehrlosen Tiere die Augen auszuhacken. Ich stieg vom Pferde und erlöste den armen Esel durch einen Schuß von seinen Leiden.

Die Brahminen aber klagten mich an und beschuldigten mich, das Tier aus Freude am Töten ermordet zu haben. Ein anwesender Buddhist ging so weit, mir vorzuhalten, daß ich so vielleicht einen Mord an meinem eigenen Großvater begangen habe. Erst als ich ihm antwortete, daß ich genau wisse, mein Großvater habe genügend Verstand besessen, um mir in einer solchen Lage, wie die, in der ich den Esel fand, nur herzlich für meine Tat zu danken, und daß ich bei den hohen Geistesgaben der Anwesenden nur annehmen könne, auch ihre verehrten Großväter wären nicht weniger verständig als der meine gewesen, gaben sie, in dieser Sache wenigstens, Ruhe.

Auch Schlangen werden als heilige Tiere verehrt. In Baroda werden an bestimmten Festtagen der Hindufrauen zwei bis drei Körbe mit Brillenschlangen — Kobras — in einen Saal des Tempels gestellt, wo die Frauen, hinter durchsichtigen Vorhängen versteckt, dem Schauspiel zusehen. Inmitten des Raumes stehen große, flache Schalen mit Milch, zwischen denen die Körbe Platz finden und geöffnet werden. Während die Schlangen hervorkriechen und von der Milch trinken, rufen die Frauen ihre Götter an, die der Anblick der Schlangen besonders günstig stimmen soll.

Den priesterlichen Schlangenbeschwörern ist es ein leichtes Spiel, die dick mit Milch vollgepumpten Tiere wieder in ihre Körbe zurückzubringen. Eigentlich sollen sie, gemäß den Vorschriften der heiligen Bücher, nach beendeter Feier wieder in Freiheit gesetzt werden, doch für die Brahminen ist es einträglicher, sie an herumziehende Gaukler zu verkaufen, die dem Volke ihre Schlangenbeschwörerkünste zeigen.

Gaukler

Diese gewöhnlichen Schlangenbeschwörer unterliegen aber bei ihren Künsten größeren Gefahren, als ihre priesterlichen Berufsgenossen. So hatte einst ein alter, sehr bewährter Mann dieser Sippe im Garten des Maharadscha von Baroda eine große Kobra gefangen. Er bat, dem Fürsten und seinem Gefolge die Kunst zeigen zu dürfen, mit einem so giftigen und gefährlichen Tier ohne jede Dressur umzugehen. Als wir uns alle eingefunden hatten, handhabte er die Schlange in der verschiedensten Weise. Plötzlich aber erhielt er von dem Tier einen Biß in den Unterarm. Er schleuderte die Kobra zu Boden, wo sie schnell von den Umstehenden zertreten wurde. Er selbst jedoch bat flehentlich, der Maharadscha möge doch einem der Leibwächter gestatten, ihm mit seinem scharfen Krummsäbel den Arm am Ellbogen abzuschlagen. Der Gaekwar nickte, und eine Sekunde später lag der Unterarm des Mannes auf dem Teppich, das einzige Mittel, dem unvorsichtigen Schlangenbeschwörer das Leben zu retten.

Pythonschlange

Mit dem früheren Emir von Afghanistan, Jakub Khan, der eine sichere Pension der anglo-indischen Regierung dem unsicheren Throne in Kabul vorgezogen hatte, dessen Inhaber, ob gut oder schlecht, ob grausam oder wohlwollend, durchgängig ermordet enden, war ich eines Tages auf einem Jagdausflug in den Dschungeln von Dehra Dun, am Fuße des Himalajagebirges, begriffen, als plötzlich unser Mahout entsetzt rief: „Eh Schaitan utter hai! — Dort ist der Teufel!“

Der Emir und ich saßen zusammen in einer Jagd-Howdah auf dem Rücken eines Elefanten. In dem Dämmerlicht, unter dem dichten Laubbestand der Bäume, konnten wir nicht sogleich feststellen, was den Schrecken des Führers, der vor uns auf dem Nacken des Dickhäuters saß, veranlaßt hatte. Den Mann mit guten Worten beruhigend, damit er in seiner Furcht vor dem Teufel nicht seinen Sitz verließe und uns so ziemlich hilflos den Launen eines führerlosen Elefanten ausliefere, gelang es uns endlich, zwischen den Baumstämmen die Ursache seines Ausrufes zu entdecken.

Von einem schräg ragenden starken Ast hing ein ungeheuer dickes, geschwollenes Etwas herab, das sich mit einer zweiteiligen braunen Kralle an dem Baume festhielt und in den wunderbarsten Schwingungen und Verrenkungen einen lautlosen Tanz in der Luft vollführte. Sonderbar glänzende Schatten, gelbbraun, schwarz und dunkelgrün, liefen über die lange, runde Form der gliedlosen Gestalt.

Wir ließen den Elefanten vorsichtig näherschreiten, der, den erhobenen Rüssel aufgeregt hin und her bewegend, leise Töne des Unbehagens ausstieß. Plötzlich sah ich, daß das, was uns als Kralle erschienen war, verzweifelte Ähnlichkeit mit dem gekrümmten Gehörn eines Antilopenbockes hatte, und gleichzeitig bemerkte ich, daß dies Gehörn, mit einem Teil des dazugehörenden Kopfes, aus dem Rachen einer Schlange ragte. Es war eine „Python“, eine Riesenschlange, die beim Verschlingen des Antilopenbockes bis zu dem Kopf ihres Opfers gelangt war und nun, wegen des großen Gehörnes, die Beute sich nicht weiter einzuverleiben vermochte. Sie war daher auf einen Baum gekrochen, hatte die hakenförmigen Hörner der Antilope zwischen zwei starke Äste geklemmt und sich mit ihrer ganzen Last herunterfallen lassen, um die Hörner, die sie am restlosen Verschlingen der Beute hinderten, abzubrechen oder doch soweit zu lockern, daß sie sie im Rachen vom Kopfe des Tieres abbrechen konnte.

Ein Kopfschuß ließ die Schlange sich aufbäumen, und mit dem Gehörn im Rachen fiel sie tot zu Boden. Sie war über fünf Meter lang und bot, mit dem bis zum Hals verschlungenen Antilopenbock im Leibe, sicherlich einen furchterweckenden Anblick, der im ersten Augenblick so unerklärlich erschien, daß der Ausruf unseres Mahout wohl berechtigt war. Wenn der Teufel so aussieht, wie diese Antilopenhörner tragende Pythonschlange, muß er allerdings ein recht wenig angenehmer Geselle sein!