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Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen

Chapter 34: Eitelkeit
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About This Book

The author recounts two decades spent as a palace official and adviser at Indian princely courts, offering detailed vignettes of ceremonial life, domestic routines, hunting parties, and courtly display. He sketches portraits of rulers, courtiers, servants, and entertainers, and describes religious customs, festivals, animal lore, and practical affairs of state and household. Interspersed are travel episodes and scenes from other ports and cities, alongside reflections on social habits, manners, and material culture, conveyed through anecdote and reportage that balances ethnographic observation with personal reminiscence.

IX.
Indische Menschen

Als der berühmte amerikanische Schriftsteller Mark Twain Indien besuchte, traf ich mit ihm in Gwalior zusammen. Auf den humorvollen Spott, der seine Bücher besonders charakterisiert, anspielend, fragte ich ihn im Laufe unserer Unterhaltung, wie er wohl glaube, den indischen Verhältnissen und den indischen Menschen in dieser seiner besonderen Weise gerecht werden zu können; denn trotz meiner langjährigen Anwesenheit in Indien und meines ständigen Verkehrs mit Indern wäre mir noch nie irgend etwas, das mit Humor auch nur verwechselt werden könne, zur Kenntnis gekommen.

Mark Twain überlegte meine Worte in seiner ruhigen Art und gab mir dann zu, daß er selbst noch keinen Weg sehe, die indische Welt irgendwie in humorvollen Darstellungen dem europäischen oder amerikanischen Verständnis näher zu bringen. Aus den Erzählungen von Leuten, die wie ich viele Jahre in Indien gelebt hätten, und aus den Beobachtungen seines eigenen Aufenthaltes habe er so viel Unergründliches gesehen und wahrgenommen, daß er es nicht wagen würde, die so sonderbaren Umstände und die von der unseren so ganz verschiedene Auffassung und Denkweise auf seine Art zu schildern. Ihm selbst beginne klar zu werden, daß, je länger man in Indien lebe und je enger man mit der eingeborenen Bevölkerung in Berührung komme, man destomehr begreifen lernen müsse, wie auch in dem seltsamsten Tun und Treiben dieser Menschen, von ihrem eigenen Standpunkte aus, sicherlich nichts Außergewöhnliches zu finden sei. Alles Sonderbare dort, was unserem Gefühl und unserer Ansicht nach oft kaum noch mit dem Maßstab gesunder Vernunft gemessen werden könne, werde, im Winkel indischer Verhältnisse gesehen, wenn auch nicht für uns natürlich, so doch verständlich, da die ganzen Grundlagen des indischen Lebens uns beständig neue, fremdartige und unbegreifliche Ausblicke erschlössen.

Allgemeines

Ich bin trotz meiner zwanzig Jahre in Indien, die mir Einblicke in das einheimische Leben und in die Verhältnisse von Land und Leuten gestatteten, wie sie wohl nur wenigen Europäern vor mir möglich waren, nicht in der Lage, ein irgendwie abschließendes Urteil oder auch nur eine vollständig objektive, wahrheitsgetreue Darstellung dieser Dinge zu geben. Auch bei den sonderbarsten Vorfällen, über deren Ursprung, Verlauf und Ende mir alle Einzelheiten bekannt waren, mußte ich immer wieder sehen, daß letzten Grundes stets wieder eine Tatsache, eine Anschauung, ein Begriff, ein Glaube mitspielte, deren Vorhandensein mir unbekannt geblieben war. Dieses Unergründliche der tausendfachen Verschlingungen und Verästelungen des indischen Lebens, die heterogene Mannigfaltigkeit des Daseins dieser Hunderte von Millionen Menschen, ihre vieltausendjährige, unbekannte und in der seltsamsten Weise verwischte Geschichte, die außerordentliche Verschiedenheit der geographischen Bedingungen, unter denen sie leben und deren Auswirkungen in der unverständlichsten Weise sich kreuzen, durcheinanderlaufen oder sich überlagern, machen das Leben der einheimischen Inder zu einem dem Europäer vollständig unentwirrbaren Irrgarten. Nur Einzelbilder, Ausschnitte können gegeben werden und auch diese Schilderungen bleiben stets unvollständig, weil ihre wirklichen Ursachen und ebenso ihre mittelbaren Folgen im Dunkel des Unbekannten sich verlieren.

Es ist mir daher stets unbegreiflich geblieben, wie so viele Weltreisende, die sechs oder zwölf Monate auf das „Studium“ Indiens verwenden oder das Land zum Vergnügen durchquert haben, in den Schilderungen ihrer Reiseerlebnisse gewissenhaft auch die Sitten und Gebräuche, die Moral und Ethik seiner Bewohner ausführlich behandeln. Selbst so berühmte Schriftsteller wie Rudyard Kipling oder die vielgelesene Marion Crawford geben in ihren Büchern oft genug schiefe Bilder auch der Einzelheiten des indischen Lebens.

So erwähnt zum Beispiel Kipling in seinem Buche „Kim“, wie ein gewisser, von ihm Surkan Sahib genannter Mann, auf den ich später noch zurückkommen werde, der indischen Regierung als Geheimagent die größten Dienste geleistet habe. Dieselbe Person hat Marion Crawford zum Vorbild des herrischen Helden ihres Buches „Mister Isaacs“ genommen. In Wirklichkeit war dieser Mann, den ich selbst gekannt habe, ein armenischer Eunuch aus Konstantinopel, ebenso häßlich wie habsüchtig, dessen Gerissenheit in Indien nicht ausreichte, ihn davor zu schützen, von der Höhe eines ergaunerten Reichtums wieder zurück in das tiefste Elend zu sinken.

Wenn ich daher im folgenden einige Erzählungen aus dem Leben indischer Menschen gebe, so sind die sich daraus ergebenden Rückschlüsse eines Europäers niemals die, die ein Inder aus ihnen ziehen würde. Was uns lächerlich, abstoßend, oft auch wohl direkt dumm und kindisch erscheint, hat für den Inder nichts Auffälliges, da es sich für ihn als natürliche Folge ganz selbstverständlicher Umstände ergibt. Ja, in gewissen Fällen ist das, was uns wie ein mehr oder weniger guter Witz berührt, dem Inder höchste Tragik.

Alle Vorkommnisse in Indien sind enger oder weiter stets mit dem komplizierten Kastenwesen verbunden. Selbst mir nun, der ich als Beamter in den Vasallenstaaten gezwungen war, mich so eingehend wie nur durchführbar damit vertraut zu machen, um die religiösen Begriffe der mich umgebenden Menschen, Vorgesetzte, wie Diener und Untergebene, nicht zu verletzen, ist es nicht möglich, auch nur einigermaßen verständliche Überblicke über diese verwickelten Verhältnisse zu geben. Nur eins kann ich sagen: von allem, was ich in Indien gesehen habe, haben mir die Kastenvorschriften den Inder am verächtlichsten gemacht. Dies nicht so sehr deshalb, weil ich als Christ Vorschriften ablehnend gegenüberstehe, die aus der Gleichheit aller Menschenkinder vor den grundlegenden Pflichten des inneren Selbst eine Phantasmagorie der unmöglichsten zwischen-menschlichen Beziehungen machen, sondern besonders deshalb, weil sie meiner Überzeugung nach nur berechnete und berechnende Heuchelei sind, um die Armen, die Unwissenden und die Ungebildeten bis aufs Blut auszusaugen. Vielleicht mag ich Unrecht haben, doch meine vieljährige Erfahrung hat mir die Meinung aufgezwungen, daß der Hinduglaube dem Durchschnitt seiner Anhänger jedes Gefühl für Ehre, für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit raubt und ihn in Heuchelei, Lüge und Falschheit versinken läßt.

Kriegerische Inder

Die Inder, die mir durch Mut und Frische noch am meisten Achtung abgezwungen haben, sind die Radschputen, die Sikh, und die den Radschputen am nächsten stehenden Dogra; dann die Maharatten, allerdings nur im Sport, und vor allem die Mohamedaner. Unter den Letzteren wieder zeichnen sich besonders die Rohilla, die Afghanen, die verschiedenen Stämme der Nordwestprovinzen, die Afridis, die Tschitrali und einige Belutschi durch männliche Eigenschaften aus. Die Gurkha, von den Indern „Goralog“ — Soldateska — genannt, sind keine eigentlichen Inder. Sie sind Buddhisten und ähneln in den Gesichtszügen und der Gestalt mehr den Tataren. Ihre Heimat ist Nepaul, von wo sie entgegen dem Willen ihres Herrschers, des Maharadscha Schamser Yang, über die Grenze nach Indien wandern, um sich in der britisch-indischen Armee anwerben zu lassen. Die englisch-indischen Militärbehörden stellen diese unerschrockenen, tapferen Leute gern in die besonders gebildeten Gurkharegimenter ein. Ohne die Hilfe dieser Truppen wäre es den Engländern oft schlecht ergangen. Schon bei dem so weit zurückliegenden großen indischen Aufstand 1857/58 und während der verschiedenen afghanischen Kriegszüge bildeten die Gurkharegimenter den festen Kern der Eingeborenentruppen.

Diese Tatsache ist den Gurkhakriegern wohlbekannt, und sie beanspruchen, den weißen, englischen Soldaten gleichgestellt zu werden. Daher ist der englische Generalstab darauf bedacht, sie der Führung von nur ausgesucht tüchtigen englischen Offizieren zu unterstellen, gehört doch viel Takt und Erfahrung dazu, mit ihnen auf die richtige Art und Weise umzugehen. Da die Gurkha ebenfalls aus dem Hochgebirge stammen, machen sie Anspruch darauf, mit den schottischen Hochländern, die als englische Elitetruppe gelten, gleichgestellt zu werden. Deshalb ist die Armeeleitung stets darauf bedacht, in den ständigen Grenzkriegen mit den fanatischen, mohamedanischen Stämmen, die in der Gegend des Kyberpasses wohnen, die Gurkharegimenter stets Seite an Seite mit Abteilungen der schottischen Hochländer anzusetzen, um die gegenseitige Eifersucht der beiden auszunützen, die sich in draufgängerischer Tapferkeit zu überbieten suchen.

Die Lieblingswaffe der Gurkha ist der „Kukri“, ein schweres, großes, krummes Messer, das sie meisterhaft zu handhaben verstehen, um dem Gegner den Leib aufzuschlitzen.

Brahminen

Unter den schlauen, skrupellosen und geriebenen Indern ist der schlaueste, skrupelloseste und geriebenste sicherlich der der höchsten Priesterkaste angehörende Brahmine. Außer dem einträglichen Geschäft eines Hindupriesters stehen den Angehörigen dieser Kaste auch die höchsten Staatsämter offen. In den Vasallenstaaten sind die meisten Minister Brahminen. Und auch in den, der britischen Verwaltung unterstehenden Gebieten wissen sie es oft zu der Stellung von Richtern und Steuerkommissaren zu bringen, die ihrer Habsucht ebenfalls gute Aussichten bieten. Auch unter den eingeborenen Lehrern und den Angestellten der großen Handelshäuser findet man nicht selten Brahminen.

Sie verachten jede Handarbeit als gemein. Jedoch das ebenfalls recht einträgliche Geschäft des Bettelns ist ihnen nicht verwehrt. Wer würde es auch wagen, den von den Göttern geliebten Angehörigen der hohen Brahminenkaste eine Gabe zu verweigern? Ihr Fluch würde den Frevler sehr bald erreichen.

Ein Brahmine darf nichts essen, was Leben gehabt hat.[10] Seine Mahlzeiten muß er zu bestimmten Zeiten einnehmen, und kein Angehöriger einer anderen Kaste darf zugegen sein. Die Speisen selbst darf nur jemand der eigenen Kaste zubereitet haben, und er darf Wasser nur aus solchen Brunnen trinken, die für seine Kastengenossen bestimmt sind und aus denen es von solchen geschöpft worden ist. Hierzu aber treten noch eine große Menge ähnlicher Vorschriften, die sich in gleicher Sorgfalt mit allen anderen Lebensverhältnissen des Brahminen befassen. Trotzdem aber haben nicht wenige hohe Beamte, die dieser Kaste angehören, an meinem Tisch, ganz ohne Rücksicht auf irgendwelche Vorschriften, es sich wohl sein lassen.

Zwar ist der Brahmine von den übrigen Hindu ebenso gehaßt wie gefürchtet. Doch die in der Hauptsache von ihnen verfaßten Hinduvorschriften verbieten es wohlweislich, das Blut eines Brahminen zu vergießen. Dies hindert jedoch die anglo-indische Regierung nicht, auch einen Brahminen bei Gelegenheit aufzuhängen. Ein früherer Holkar von Indore half sich in der Weise, wenn ihm einer seiner Brahminen-Minister zu lästig wurde, daß er, um nicht an den Hinduvorschriften seiner Maharattenkaste zu freveln, ihn in ölgetränkte Tücher einwickeln und verbrennen ließ.

Der Geiz der Brahminen, wie überhaupt des Inders — ausgenommen die Fürsten — ist unersättlich. Lieber läßt er sich unter den größten Qualen töten, als daß er das Versteck angäbe, in dem er sein Vermögen verborgen hält.

Minister

In Kapurthala war ein brahminischer Minister, Duma Mall. Er hatte sich auf Rechnung des Fürsten und der Bevölkerung so bereichert, daß es ganz allgemein hieß, er verheimliche mehr Geld als der Maharadscha je gesehen habe. Trotzdem pflegte er am Morgen unter dem Bamia-Baume vor seinem Hause zu sitzen und mit einem Rasiermesser Streichhölzer zu spalten, um anstatt eines deren zwei zu haben.

Eines Tages überfiel ihn nun eine schwere Krankheit, und er schloß sich in dem dunkelsten Zimmer seines Hauses in der Stadt Kapurthala ein, wo er sich von dem eingeborenen Doktor, dem „Hakim“, behandeln ließ. Obgleich er niemanden vorließ, konnte er meinen Besuch, den ich ihm im Auftrag des Maharadscha abstattete, nicht gut abweisen. Als ich das Loch, das er als Krankenzimmer gewählt hatte, betrat, begann er sofort, sich zu beklagen, daß der Fürst die treuen Dienste seines treuesten Dieners anscheinend ganz vergessen habe.

Berühmtes indisches Baudenkmal: Shatrunjai-Tempel in Palitana: Balabhai-Tempel
(Original-Photographie: Eigentum des Museums für Völkerkunde in Leipzig)
Bhulavani-Mittelschrein im Shatrunjai-Tempel zu Palitana
(Original-Photographie: Eigentum des Museums für Völkerkunde in Leipzig)

Als ich ihm entgegnete, daß gerade mein Besuch das Gegenteil beweise und daß Dschagatdschit Singh das größte Interesse an seiner baldigen Genesung nähme und ihm deshalb riete, diesen dumpfen Platz zu verlassen und sich an die Meeresküste zu begeben, um dort in frischer Luft und unter guter ärztlicher Pflege bald wieder gesund zu werden, versprach er, diesen Rat zu befolgen.

Vorher, sagte er, müsse er aber von einem Zahnübel geheilt werden. Seine Zähne nämlich begännen alle sich zu lockern, und dazu müsse der englische Zahnarzt aus Lahaur nach Kapurthala kommen. Doch dies koste viel zu viel für einen so armen Mann, wie er es sei, und ich möchte doch dem Maharadscha vorschlagen, diese Kosten zu tragen.

Als ich Dschagatdschit Singh über meinen Besuch bei Duma Mall Bericht erstattete und ihm den Wunsch des kranken Brahminen-Ministers vortrug, gab er mir zur Antwort, daß er gar nicht daran denke, auch nur eine Anna für diesen elenden Geizhals auszugeben, der ihn sicherlich ganz ausreichend bestohlen habe.

Als nun Duma Mall diese Absage des Fürsten erfuhr, verfiel er in so tiefen Gram, daß er am folgenden Tage starb. So wenigstens berichteten die Erben, die aber die größte Mühe hatten, das hinterlassene Vermögen aufzuspüren. Erst nach und nach kamen ganze Kisten mit Rupien und Kostbarkeiten aller Art aus den sonderbarsten und unwahrscheinlichsten Verstecken zum Vorschein. Der Maharadscha gedachte nun, einen Teil dieses ihm gestohlenen Reichtums für seine Privatschatulle zu beschlagnahmen. Aber die Kniffe der Erben, die sich mit den anderen Staatsbeamten zu „verständigen“ wußten, vereitelten die Maßnahmen Dschagatdschit Singhs, und es gelang den Erben, den ganzen Schatz auf britischem Gebiet in Sicherheit zu bringen.

Der Versuch des Maharadscha, auf diese Weise wieder in den Besitz von Summen zu gelangen, um die man ihn bestohlen hatte, veranlaßte aber seine anderen Beamten, die wohl Grund hatten, gleiche Maßregeln aus gleichen Gründen befürchten zu müssen, ihre unterschlagenen oder sonstwie auf unehrliche Weise zusammengescharrten Gelder schleunigst über die Grenzen zu schaffen. Sie legten sie in Landgütern und Grundstücken auf britischem Gebiet an, wo der Maharadscha von Kapurthala keine Macht oder Gerichtsbarkeit mehr besaß. In Banken setzen die Inder wenig Vertrauen, was bei dem allgemeinen Mangel an Ehrlichkeit und dem berechtigten Mißtrauen, das ein jeder dem anderen entgegenbringt, auch nicht verwunderlich ist.

Sonst ist es bei den indischen Fürsten die Regel, ihren Untertanen nicht zu erlauben, sich in ihren Vermögensverhältnissen über einen bescheidenen Durchschnitt zu erheben.

Bei dem unglaublichen Geiz der Inder kommt es oft vor, daß sie das Geheimnis des Verstecks ihrer vergrabenen oder sonstwie verborgenen Schätze mit ins Grab nehmen. Kein Suchen, keine Nachforschung der Hinterbliebenen hilft, der Erbschaft auf die Spur zu kommen. Die Lehmwände der Häuser werden eingerissen, die Gärten umgegraben, doch nirgends ist eine Spur des in der Einbildung der jammernden Erben immer größer werdenden Schatzes zu finden. Zu gut ist das Versteck gewählt, zu abgelegen der Ort, den der Tote bei seinen Lebzeiten mit dem Aufgebot seines ganzen Scharfsinns ausgewählt hat.

Auf diese Weise verschwinden in Indien jährlich nicht unbedeutende Summen, die mit den ganz allgemein in sicherem Versteck aufbewahrten Schätzen, die im Lande in Umlauf befindliche Menge an Gold und Silber stark vermindern, welcher Umstand wiederum nicht ohne Einfluß auf die Rupienwährung bleibt. Der Geiz der Inder hat also auch seine volkswirtschaftlichen Folgen, und trägt dazu bei, die Armut der großen Masse der Bevölkerung noch ausgesprochener zu machen.

Doch bei der allgemeinen Unwissenheit und bei der Unfähigkeit auch der sogenannten gebildeten Inder, in anderen Formeln als rein persönlichen, selbstsüchtigen zu denken, worin ihnen allerdings auch ein recht bedeutender Teil der weißen Bevölkerung in Europa und Amerika ziemlich nahe kommt, ist es nicht wahrscheinlich, daß sie, um ihnen so fern liegender allgemeiner Vorteile willen, jemals davon abgehen werden, ihre Gold- und Silbermünzen als das zu behandeln, was sie sind oder doch sein sollten, nämlich als Tauschmittel.

Und wenn schon im Praktischen der Inder sich so stark von den Grundlagen fortschrittlicher europäischer Wirtschaft entfernt, wie sollte er sich dann westlichen Anschauungen gefühlsmäßiger Art zu nähern vermögen?

Lebensalter

So wie ich in meinem langjährigen Aufenthalt in Indien den indischen Charakter kennengelernt habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß ihm die grundlegenden menschlichen Leidenschaften, von denen in Europa in so großem Maßstab das Glück oder Unglück der Menschen bestimmt wird, fremd sind. Die Liebe, sowohl die der aufrichtigen, ruhigen, gegenseitigen Form, wie als Leidenschaft, die das ganze Schicksal eines Menschen in ihren Bann schlägt, ist ihm vollständig fremd. In ähnlicher Weise sind auch Ehrgeiz und Ruhmsucht, Streben nach ideellen Gütern um ideeller Werte willen, Selbstlosigkeit, Aufopferung und alle die in tausend verschiedenen Abstufungen das Leben europäischer Menschen bestimmenden Einflüsse für den Inder ohne jede Bedeutung. Die Empfindungen, die ihn bewegen, unterliegen für den Inder ganz anderen Voraussetzungen.

Der Durchschnitts-Inder ist von einer trägen Indifferenz beherrscht. Das hindostanische Sprichwort: „Es ist besser zu sitzen als zu stehen, — besser zu liegen als zu sitzen, — besser zu schlafen als zu wachen“, drückt vielleicht am klarsten und verständlichsten die für den größten Teil der indischen Bevölkerung gültige Lebensweisheit aus.

Selten erreicht ein Inder ein hohes Alter, was wohl besonders mit dem frühen Heiraten zu tun haben mag. Kann man doch schon zwölfjährige Kinder als Mütter sehen. Im achtzehnten Lebensjahr sehen viele weibliche Wesen schon verlebt aus, und eine Frau von fünfundzwanzig ist in Indien nicht selten Großmutter. Der männliche Inder steht ebenfalls mit dreißig Jahren schon an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit, und es ist selten, daß er sechzig Jahre alt wird. Hierzu kommt die außerordentlich sinnliche Veranlagung des Inders, die sich, ohne jede Schranken zu kennen, auslebt. Von den jungen Männern, die ich gekannt habe, gab es nur wenige, die mit 16 und 17 Jahren nicht schon geschlechtskrank waren, wobei noch zu beachten ist, daß derartige Krankheiten in Indien von den damit Behafteten mehr als eine Auszeichnung, denn als gesundheitsschädigende Leiden empfunden werden.

So sind die Heiraten in Indien fast durchgängig Vernunftheiraten. Auch wenn der Maharadscha von Kapurthala sowie eine Anzahl anderer Vasallenfürsten es zu bewerkstelligen verstanden, ihre Zenana durch eine weiße Frau zu bereichern, oder wenn sie sich bemühen, auf ihren Reisen mit weißen Frauen anzuknüpfen — wobei sie in den meisten Fällen doch betrogen werden —, so geschieht dies vielmehr, um gegenüber ihren Stammesgenossen mit ihren Eroberungen prahlen zu können, als daß irgendeine persönliche Neigung dabei in Frage käme. Auch bezwecken sie damit vor allem, den Engländern zu zeigen, welche Erfolge sie, die verachteten „dreckigen Neger“, bei dem weißen weiblichen Geschlecht zu erringen verstehen. Nichts machte dem Maharadscha von Kapurthala mehr Vergnügen, als wenn er dem allmächtigen britischen Sirkar auf diese Weise seine Überlegenheit beweisen zu können glaubte, besonders, wenn er aus irgendeinem Grunde wegen Mißgriffen in seinen Regierungsangelegenheiten zur Rede gestellt worden war.

Eitelkeit

Er wurde deshalb auch von der englischen Gesellschaft recht nachlässig behandelt, ausgenommen man konnte sich auf seine Kosten bereichern. Großen Verdruß bereitete es ihm jedoch stets, wenn, was oft geschah, ein eingebildeter junger englischer Leutnant in Gegenwart aller Eingeladenen mit dem Hut auf dem Kopf auf ihn, den hohen indischen Fürsten, zutrat und ihm mit einem nachlässigen: „How do you do, Rajah?“ (Wie steht’s Radscha?) die Hand schüttelte. Dschagatdschit Singh empfand dies stets als einen groben Schimpf und fühlte sich schwer beleidigt. Wenn er mir dann des langen und breiten sein Leid klagte und ich ihm riet, doch bei der ersten Gelegenheit ein so ungehöriges Benehmen zurückzuweisen, so nahm er sich wohl stets vor, meinen Ratschlag zu befolgen, ohne doch auch nur einmal den Mut dazu aufbringen zu können.

Eine Staatskarosse

Um in dieser Hinsicht den Engländern möglichst gleichzukommen und sie, oder wenigstens doch seine Standesgenossen, zu übertreffen, war dem Maharadscha von Kapurthala nichts zu teuer. Teilweise aus diesem Grund und dann auch, um dem Kaisar-i-Hind zu beweisen, wie sehr er der britischen Regierung ergeben sei, sandte er mich einige Monate vor den Krönungsfeierlichkeiten des Königs Eduard VII. nach Paris, um dort eine dem Ansehen seiner Würde entsprechende Staatskarosse zu erstehen, die während der Abhaltung des Krönungs-Durbar alle anderen an Glanz und Pracht übertreffen sollte. Er gab mir den Auftrag, besonders darauf zu achten, daß mit dem Anbringen des fürstlichen Wappens, das oben eine siebenzackige Krone hatte, nicht gespart würde. Dieses Wappen sollte, in besonders großen Schildern, an allen dazu geeigneten Plätzen an dem Wagen wie am Geschirr angebracht werden. Ich ließ diesen Wagen in Paris bei der Firma Rothschild bauen, und das Gefährt fiel zur vollsten Zufriedenheit aus. Es übertraf in der Tat alle anderen Wagen durch seine elegante und geschmackvolle Ausstattung. Nebenbei hatte mir der Maharadscha noch einen Auftrag erteilt. Mit Hilfe eines ihm befreundeten Marquis, der zur Zeit als Vize-Präsident dem Concours hippique vorstand, sollte ich vier oder sechs Pferde zur Bespannung der neuen Staatskarosse kaufen. Diese Pferde sollten ebenfalls etwas ganz Außergewöhnliches sein, etwas, was man in Indien vorher noch nie gesehen habe.

Nun hätte ich auf Grund meiner langjährigen Praxis in Pferdesachen sehr wohl meinen eigenen Erfahrungen in der Auswahl von geeigneten Pferden, die dem verräterischen Klima Indiens zu widerstehen vermochten, vertrauen dürfen, um das richtige Material auch ohne Hilfe ausfindig zu machen. Seine Hoheit der Maharadscha glaubte aber, daß seine Beziehungen zu der französischen Aristokratie so intim und herzlich seien, daß er dabei in ganz freundschaftlicher und uneigennütziger Weise beraten werden würde. Ich fand aber bald heraus, daß der französische Marquis in Sachen Pferdehandel auch nicht besser war, als die verschiedenen englischen Lords, die sich mit derartigen Geschäften abgeben. In seinem Klub am Place de la Concorde gab er mir zu verstehen, daß man dort, wo Pferde in Betracht kämen, weder den eigenen Vater noch die eigene Mutter, noch die Geschwister schonen dürfe, um wieviel mehr wäre es daher selbstverständlich, daß ein so reicher Mann wie der Maharadscha daran glauben müsse! Folglich müßten wir unbedingt an dem Geschäft 50% als Provision verdienen, das heißt, diese Summe auf den wirklichen Kaufpreis aufschlagen. Da ich Befehl hatte, die von dem Maharadscha gewünschten Pferde unbedingt mit diesem Herrn zusammen zu kaufen, und keinen Grund sah, den Moralisten zu spielen, ging ich auf seinen Vorschlag ein, war aber fest entschlossen, dem Maharadscha von dem Überpreis nach meiner Rückkehr Kenntnis zu geben. Der Kauf kam denn auch zustande, und sechs gewaltige Apfelschimmel der Percheron-Rasse, die in Indien noch nie eingeführt worden war, kamen zur Verschiffung. Mit dem edlen Marquis teilte ich die Provision, die für jeden dreitausend Franken ausmachte.

Als ich, in Kapurthala angekommen, dem Maharadscha Bericht über den abgeschlossenen Pferdekauf erstattete und ihm die 3.000,— Franken, die mir in Paris ausbezahlt worden waren, auf den Tisch legte, war er aufs Tiefste entrüstet,; nicht über die Gaunerei seines Freundes, sondern, daß ich mir erlaubte, über einen so hochstehenden Herrn ihm etwas Derartiges mitzuteilen. Wahrscheinlich, äußerte er, wäre ich als Deutscher gegen die so außerordentlich ritterliche und hochstehende Nation der Franzosen gehässig gesinnt und habe deshalb versucht, seinen aristokratischen Freund in dieser Weise bei ihm in Mißkredit zu bringen. Seine Entrüstung ging so weit, daß er sich absolut weigerte, die fraglichen 3.000,- Franken zurückzunehmen, und ich hatte unter solchen Umständen keinen Grund, sie nicht zu behalten.

Der Galawagen, die Pferde und das Geschirr landeten wohlbehalten in Kapurthala. Da die Pferde die lange Überfahrt gut ausgehalten hatten — denn 4 bis 5 Wochen auf dem Dampfer in enge Boxen eingepfercht, verlangen eine wirkliche „Pferdenatur“ —, hatte ich schon Hoffnung, daß die Tiere sich doch vielleicht an das ungesunde indische Klima gewöhnen möchten. Jedoch war dies leider nicht der Fall; trotz aller Pflege und Vorsicht waren alle sechs nach zwei Jahren eingegangen.

Der Wagen und das Gespann indessen bereiteten beim Krönungs-Durbar in Delhi dem Maharadscha sehr große Freude. Sein Wagen wurde ganz allgemein als der schönste und eleganteste des ganzen Zuges anerkannt. Doch die Freude war nicht von langer Dauer. Der allmächtige britische Sirkar führte sich in vieler Hinsicht dem indischen Fürsten gegenüber oft recht kleinlich, ja sogar kindisch auf. Der geringste Verstoß gegen eine der bestehenden Verordnungen, oder eine Überschreitung der den Vasallenfürsten zustehenden Rechte, wird von einem engherzigen Vizekönig oft als ein Staatsverbrechen angesehen, und der „Schuldige“ wie ein dummer Junge bestraft.

Nun war in diesem Falle die Führung einer siebenzackigen Krone am Wagen, am Geschirr und auf den Uniformen der reitenden Kutscher und der hintenauf stehenden Diener ein Verstoß gegen die vizeköniglichen Vorschriften. Sie gaben Anlaß zu langwierigen Beratungen im vizeköniglichen Staatsrat. Schon nach der ersten Galaausfahrt des Maharadscha in seiner prunkvollen Staatskarosse traf tags darauf eine Mahnung vom Gouverneur der Provinz Pundschab ein, in der mitgeteilt wurde, daß ihm „nur fünf Zacken“ an der Krone zuständen und er daher in Zukunft davon abzusehen habe, den am Tage vorher benutzten Wagen nochmals auf britischem Gebiet in Gebrauch zu nehmen. Dschagatdschit Singh, der sich diesen Wagen besonders hatte machen lassen, um den britischen Machthabern seine unfehlbare Ergebenheit durch Glanz und Pracht bei den Krönungsfeierlichkeiten zu beweisen, war trostlos, in einer so schroffen Art und Weise abgefertigt zu werden. Selbstverständlich war es unmöglich, ohne den Wagen und das Geschirr gänzlich zu ruinieren, die Ärgernis erregenden überzähligen Zacken an den Kronen zu entfernen. So war er denn gezwungen, von seiner alten Staatskalesche Gebrauch zu machen und die neue nur in den Grenzen seines eigenen Landes zu besteigen.

Maharadscha

Der Maharadscha von Kapurthala war einer der ersten Fürsten, der sich einen Kraftwagen kaufte. Als er dieses damals in Indien noch unbekannte Gefährt einem der alten Schule angehörenden Bruderfürsten, dem Radscha von Nabha, zeigte und ihn zu einer Spazierfahrt einlud, gab ihm dieser mit Abscheu zur Antwort, wie er, Dschagatdschit Singh, sich nur soweit vergessen könne, das Pferd, das edelste und dem Menschen treueste Tier, soweit zu verachten, um in einem solchen Scheusal von Karren in der Welt herumzufahren. Er, Nabha, ziehe es vor, seinen Palankin zu benutzen, denn wenn er irgendwo hingelangen wolle, so nehme er sich nicht nur, sondern er habe auch die dazu nötige Zeit. Niemals solle ein Radscha seine Würde durch Eile erniedrigen. Der Radscha von Nabha hatte noch nie einen Eisenbahnzug bestiegen. Wenn er Reisen auf größere Entfernung unternahm, so stand ihm die Wahl frei, auf einem Elefanten zu reiten, sich in einem Palankin tragen zu lassen oder in einem von Pferden oder Ochsen gezogenen Wagen den Weg zurückzulegen. Dieser alte Fürst war einer von denen, die nicht geneigt sind, sich um Haaresbreite der abendländischen Kultur zu nähern. Er galt deshalb auch bei den Engländern als besonders loyal und stand aus diesem Grunde in hohem Ansehen.

Ein Gegenstück zu ihm war der schon in einem der vorhergehenden Kapitel erwähnte Maharadscha von Patiala. Als ich einst bei ihm zu Besuch war, frug er mich, was denn eigentlich sein Bruderfürst von Kapurthala daran finde, so oft nach Europa zu reisen? Ihm scheine es, als ob er dort nur Gelegenheit zu Abenteuern mit weißen Frauen suche. Natürlich war es meine Pflicht, das Ansehen meines Fürsten zu verteidigen, wobei ich dem Maharadscha von Patiala vorschlug, doch selbst einmal Europa aufzusuchen, wo es Anregung und Sport und allerlei Veranstaltungen gäbe, die Indien nicht biete.

„Ja,“ erwiderte mir der Maharadscha, „wie Sie ja selbst wissen, Captain, besitze ich hier in meinem Heimatlande alles, was das Herz eines Sportsmanns nur wünschen kann. Ich habe die beste Jagd der Welt, die schnellsten Rennpferde, den anerkannt vorzüglichsten Polo team und in meiner Zenana die schönsten Frauen. Warum soll ich dieses Paradies verlassen, um mich ins Ungewisse zu begeben?“

Als ich ihm auseinandersetzte, daß, ungeachtet aller dieser Vorzüge, er als Sportsmann in Europa doch mehr sehen und lernen könne, als in Indien, und daß sich ihm auf alle Fälle doch auch Neues bieten werde, was von Interesse für ihn sei, gab er mir zur Antwort:

„Sie mögen ja recht haben, aber eben deshalb, weil es mir in Europa vielleicht zu gut gefallen würde, wage ich es nicht, die Reise zu unternehmen. Es könnte mir einfallen, mich nicht mehr davon zu trennen. Ich kenne meine eigene Schwäche. Jedoch die Schmach, nicht mehr in mein Land zurückzukehren, will ich weder meiner fürstlichen Würde, noch meinen Untertanen zufügen, und deshalb unterlasse ich es, mich nach dem mir so oft geschilderten, gelobten Lande Europa zu begeben.“

Leider ist dieser vortreffliche Sportsmann, trotz seiner guten Vorsätze, nicht lange darauf an den Folgen seiner indischen Ausschweifungen gestorben.

Daulet Ram

Unter den an den eingeborenen Fürstenhöfen diensttuenden Beamten sind die mit den Finanzgeschäften der Fürsten betrauten Minister wohl die einflußreichsten. Diwan Daulet Ram, wie der diese Stellung in Kapurthala bekleidende Herr hieß, hatte es verstanden, sich dem Maharadscha unentbehrlich zu machen. Schon sein Vater hatte den Posten vor ihm inne gehabt. Auch hatte die Familie besonderen Anspruch auf das Wohlwollen des Fürsten, weil der Vater Daulet Rams Dschagatdschit Singh mit zu seinem Aufstieg auf den Thron verholfen hatte. Er war es gewesen, der seinerzeit mit dem Steueraufseher, dem wirklichen Vater des Maharadscha, den Übergabevertrag abgeschlossen hatte.

Als junger Mann hatte Daulet Ram einige Jahre in England studiert und dort das juristische Examen bestanden. Neben dieser Errungenschaft der Zivilisation hatte er sich, wie üblich, alle schlechten Eigenschaften des Abendlandes angeeignet, ohne doch die mannigfaltigen Laster des Orients abzulegen. Nach dem Tode seines Vaters wurde ihm vom Maharadscha der verantwortungsreiche Posten des Diwan (Hoffinanz-Minister) übertragen, wozu ihn seine Ausbildung in England besonders befähigte. In europäischer Gesellschaft benahm er sich wie ein englischer Gentleman, was einen ganz besonders großen Eindruck auf den Maharadscha ausübte, bei dem er daher auch in sehr hoher Gunst stand. Die Richtschnur seines Tun und Denkens bestand darin, keine Rupie aus dem fürstlichen Schatz auszugeben, ohne daß ein guter Teil davon den Weg in seine eigene Tasche fand. Um diesem Prinzip ständig treu bleiben zu können, wandte er alle denkbaren Mittel an, wobei er vor keiner noch so unehrlichen Art und Weise zurückschreckte, wenn es ihm nur gelang, dieser Lebensregel gemäß zu leben.

Als der Maharadscha die erste Reise nach Europa unternahm, zeigte sich der Fürst sehr freigebig, oft sogar verschwenderisch. Da Daulet Ram während dieser Reise das Amt des Zahlmeisters innehatte, so kam er bedeutend reicher nach Indien zurück, als er es verlassen hatte. Unterwegs jedoch war der Maharadscha von den ihn begleitenden englischen Offizieren auf die sehr unverständlichen hohen Ausgaben aufmerksam gemacht worden, wie sie die Hotelrechnungen aufwiesen. Er beschloß infolgedessen, die ihm von Daulet Ram vorgelegten Belege, besonders die Hotelrechnungen, etwas genauer zu prüfen. Doch Daulet Ram kannte ganz genau die schwache Seite seines Herrschers und ließ sich in seinen Bereicherungsabsichten dadurch nicht beirren noch beeinträchtigen. Er wußte, daß der Fürst vom Addieren keine Ahnung hatte. Daher richtete er es mit dem Direktor oder Kassierer des Hotels, in dem die Gesellschaft für längere Zeit Aufenthalt genommen hatte, auf folgende Weise ein: außer der richtig stimmenden Rechnung wurde jedesmal noch eine zweite, zugunsten Daulet Rams falsch zusammengerechnete ausgestellt, die für den Maharadscha bestimmt war. Auf dieser letzteren wurden etwa 40-50% aufgeschlagen. Um aber ja den Verdacht des Maharadscha einzuschläfern oder abzulenken, standen unter dieser Rechnung als „Extra“ ein oder zwei Soupers mit verschiedenen Flaschen Sekt, und dies so, daß sie dem Maharadscha bei der Durchsicht besonders in die Augen fallen mußten. Der Zweck dieser „Extras“ war, daß der Fürst daran Anstoß nehmen und der großen, falsch zusammengezählten Summe keine Beachtung schenken solle. Wurde nun der Sekretär über die Extras zur Rede gestellt, so entschuldigte sich Daulet Ram damit, daß die Summe auf seine Privatrechnung hätte geschrieben werden müssen, und durch ein Versehen der Hotelleitung auf die Rechnung des Maharadscha gekommen wäre; er werde sofort die nötigen Schritte unternehmen, um die Umbuchung ausführen zu lassen. Der Maharadscha, stolz auf seine Schlauheit, dieser Unregelmäßigkeit auf die Spur gekommen zu sein, erklärte, daß er nicht mehr als die Hälfte der Ausgaben für derartige Schlemmereien seines Gefolges bezahlen werde, da er vorher nicht um Erlaubnis gefragt worden sei. Die andere Hälfte müßten die, die an dem Gelage teilgenommen hätten, aus ihrer eigenen Tasche begleichen.

Da nun diese Extras sowieso nur fingiert waren, kam es Daulet Ram und seinen Genossen nicht darauf an, nur die Hälfte dieser Beträge, außer den 40-50% der Überaddition, einzustecken. Der begleitende englische Offizier sah bald ein, daß es sein Dasein in keiner Weise verschönere, wenn er sich mit der ihm übrigens gar nicht zustehenden Kontrolle der fürstlichen Ausgaben beschäftigte, und unterließ es in Zukunft, dem Maharadscha in dieser Hinsicht Vorhaltungen zu machen.

Doch nicht nur aus den Hotelrechnungen erwartete Daulet Ram einen Zufluß in seine eigene Tasche zu finden. Überhaupt sollten alle Ausgaben des Fürsten für ihn tributpflichtig gemacht werden. Nun hatte der Maharadscha die Absicht, sein neuerbautes Schloß in Mussoorie im Himalajagebirge durch die weltbekannte Firma Waring & Gillow in London in der luxuriösesten Weise mit Möbeln und Teppichen ausstatten zu lassen. Daulet Ram aber hatte schon vor der Abreise von Indien, unter Empfangnahme einer hohen Provision, einer Firma in Kalkutta versprochen, daß diese Bestellung auf seine Befürwortung hin ihr übertragen werden würde. Als der Fürst den Wunsch aussprach, mit der Londoner Firma in Verbindung zu treten, sandte Daulet Ram einen Vertrauensmann zu ihrem Direktor, um zu erfahren, wieviel man ihm, als dem Finanzminister des Maharadscha, an Provision zahlen würde, wenn es seinen Bemühungen gelänge, daß der Maharadscha die Möblierung seines indischen Schlosses der Firma Waring & Gillow in Auftrag gäbe? Dabei stellte er kaltblütig die Forderung, daß man, wenn er sich überhaupt darum bemühen solle, zunächst einmal tausend Pfund Sterling im voraus an ihn zahlen müsse.

Samuel Waring war über diese Forderung des Ministers ebenso erstaunt wie entrüstet und machte dem Vertrauensmann Daulet Rams klar, daß er wohl bereit sei, eine ansehnliche Provision zu bezahlen, nachdem seine Firma in den Besitz des Gegenwertes der gelieferten Gegenstände gekommen sei, daß er aber keinen Penny im voraus zahlen würde, um schon jetzt einen der Beamten des Maharadscha zu bestechen, damit seiner Firma der Auftrag des Maharadscha erteilt werde. Der Fürst habe persönlich die Pläne und Kostenanschläge geprüft und ihm die Erteilung des Auftrages in Aussicht gestellt. Er rechne daher sicher darauf, daß der Kontrakt regelrecht von ihm unterschrieben werde.

Dies paßte jedoch nicht in die Geschäftsprinzipien Daulet Rams, der für Versprechungen nichts übrig hatte. Gerissen, wie er war, und als Günstling des Maharadscha, wußte er seinen Herrn zu überreden, den Vertrag nicht zu unterschreiben. Er stellte ihm vor, daß die Möbel nicht eher bezahlt werden dürften, als bis sie fix und fertig im Schlosse aufgestellt wären.

Auf diese Forderung konnte selbstverständlich eine erstklassige europäische Firma nicht eingehen, weil es keinen Klageweg gegenüber einem indischen Fürsten gibt. Die anglo-indische Regierung ist der Ansicht, daß, wer immer sich auf Verträge mit indischen Fürsten einläßt, dies auf sein eigenes Risiko tut, denn sie unterstehen in dieser Hinsicht nicht dem englischen Gesetz.

Für die Firma Waring & Gillow war das Nichtzustandekommen des Vertrags ein ziemlicher Schlag, denn durch das Möblieren des Schlosses des Maharadscha von Kapurthala in Mussoorie hatte sie gehofft, eine gute Kundschaft in Indien zu erwerben. Diwan Daulet Ram aber genoß die Erfolge seiner Lebensregel nicht allzulange, denn er starb selbst für indische Verhältnisse als noch recht junger Mann.

Im Laufe seiner Krankheit kam, trotz seiner abendländischen Erziehung, wieder der wahre indische Charakter zum Vorschein. Der Maharadscha ließ ihn, um ihm die beste Pflege zu verschaffen, durch einen anerkannt tüchtigen englischen Arzt behandeln. Ohne dessen Wissen jedoch wurde von den Familienangehörigen ein indischer Hakim (Eingeborenen-Doktor) herangezogen, der die Verordnungen des weißen Arztes durch seine Pfuschereien zunichte machte. Dem englischen Arzt war die Erfolglosigkeit seiner Behandlung unbegreiflich, doch er hatte immer noch Hoffnung, den Kranken zu retten. Kurz nach seinem letzten Besuch aber erfuhr er, daß der Patient gestorben sei. Als ich ihm mitteilte, daß Daulet Ram auf den Rat des Hakim als einziges Mittel, das ihn wiederherzustellen vermöge, einen Liter Ganges-Wasser getrunken habe, wurde ihm jedoch die Ursache der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen verständlich.

Vielleicht daß die lieben Verwandten mit Rücksicht auf die Erbschaft etwas Gift unter das Gangeswasser gemischt hatten, um den Kranken von seinen Schmerzen zu befreien! Immerhin, ein Liter des schmutzigen Gangeswassers sollte genügen, den gesündesten und robustesten Menschen von seinem irdischen Leben zu erlösen. Festgestellt konnte nichts werden, da schon vier Stunden nach dem Tode der Körper verbrannt war.

Ebenso wie Dschagatdschit Singh über die Unehrlichkeit des oben erwähnten Duma Mal sich keiner Illusion hingegeben hatte, so wußte er auch, daß Diwan Daulet Ram stets zuerst für seine eigene Tasche besorgt gewesen war. Auf die Dauer fand er es aber etwas kostspielig, auch in Europa überall mit „fürstlichen“ Trinkgeldern standesgemäß auftreten zu müssen, wie seine indischen Beamten sie ihm in so virtuoser Weise abzunehmen wußten.

Der Hausorden

Er beschloß daher, nach einem billigeren Mittel zu suchen, das denselben Zweck zu erfüllen geeignet sei. So kam er auf den Gedanken, den Kapurthala-Hausorden zu stiften. Wenn man eine größere Menge davon einer leistungsfähigen Fabrik zur Anfertigung in Auftrag gab, mußte dies nicht unbedeutende Ersparnisse bringen. Und die Ehrung des Empfängers, von der erlauchten Hand eines leibhaftigen indischen Herrschers die Auszeichnung angeheftet oder um den Hals gehängt zu erhalten, war in Geldwerten überhaupt nicht auszudrücken.

Es wurde also eine Stufenfolge des Kapurthala-Hausordens in vier Klassen geschaffen:

Erstens das Großkreuz, für den Maharadscha und seine Nachfolger oder besonders erhabene Mitglieder seiner Familie;

dann das Offizierskreuz I. Klasse, für leibhaftige Prinzen und ähnliche hohe Standespersonen;

weiter dasselbe, aber II. Klasse, für höhere Beamte und Offiziere, und schließlich:

das Ritterkreuz, für Hoflieferanten, Hoteldirektoren, Oberkellner, Lakaien und für die Soldaten des Kapurthala-Regiments.

Und der Gedanke des Fürsten war wirklich ausgezeichnet. So lächerlich die menschliche Natur auch oft erscheint, sie bleibt sich überall gleich. Sobald bekannt wurde, daß Seine Hoheit der Maharadscha Orden verteile, nahm die Gewissenhaftigkeit in der Bedienung, von manchem Hoteldirektor an bis zum Liftjungen, zusehends zu. In ihren Augen war erst jetzt der Maharadscha ein wirklicher Fürst. Nach vier oder sechs Wochen Aufenthalt zog Dschagatdschit Singh jetzt eine Handvoll von Ritterkreuzen aus der Tasche, statt der früher notwendigen teuren Brillantnadeln, goldenen Uhren und Zigarettendosen. Es kam dies ganz bedeutend billiger und hatte außerdem noch den erwähnten Vorteil besserer Bedienung.

Nur den indischen Staatsbeamten in Kapurthala war der Orden weniger angenehm. Sie zogen solide, recht massive Geschenke bei weitem dem allerdings höchst dekorativ wirkenden Bande des Kapurthala-Hausordens, in den Staatsfarben blau-weiß, vor. Doch gerade für indische Verhältnisse schien dem Fürsten die Ordensauszeichnung ganz besonders praktisch.

Geschenke in Indien zu geben, ist ein recht undankbares Unternehmen. Wenn einem der Staatsminister ein Pferd als Zeichen der fürstlichen Huld und Anerkennung übersandt wird[11], so beeilt sich der Empfänger, seinen Dankesbesuch abzustatten und dabei dann recht klar und deutlich darauf hinzuweisen, daß zunächst ein solches Tier die unangenehme Eigenschaft habe, zu fressen, ja daß es ohne die entsprechende Nahrung überhaupt nicht zu viel nütze sei. Daher müsse er doch den Maharadscha bitten, auch seinen Gehalt entsprechend zu erhöhen, damit der Empfänger für den Unterhalt des herrlichen Tieres sorgen könne.

War nun dieses Anliegen zur Zufriedenheit des Beschenkten erledigt, wobei natürlich die Gehaltsaufbesserung ausreichend sein mußte, um wenigstens zehn Pferde bis zur Erreichung des Schlachtgewichtes eines Ochsen füttern zu können, so wurde die Frage aufgeworfen, wie es wohl möglich sei, das edle Roß ohne Sattel und Zaumzeug zu reiten? Der Empfänger sei der Annahme, daß der Maharadscha Wert darauf lege, durch die Vorführung des geschenkten Pferdes in den Straßen Kapurthalas die Bevölkerung seiner Haupt- und Residenzstadt von seiner Großmut in der Belohnung geleisteter Dienste zu überzeugen.

Doch nicht nur geschenkte Pferde, die übrigens meistens nur noch zur Verarbeitung als Katzenfutter zu gebrauchen waren — die Auswahl der zu verschenkenden Pferde war glücklicherweise mir überlassen —, lösten so eine Bitte nach der anderen aus. So schenkte eines Tages Dschagatdschit Singh seinem Finanzminister Sirdar Assis Buksch eine wirklich schöne goldene Uhr. Der Minister nahm sie schweigend an und wog sie nachdenklich in der Hand, bis dies Gebaren selbst der unerschütterlichen Ruhe des Maharadscha zu viel wurde, und er frug, ob das Geschenk dem Minister keine Freude bereite.

„Husur![12] Das ist es nicht“, versicherte der Sirdar, dem Fürsten als Zeichen seiner Unterwürfigkeit den Turban in den Schoß legend. Er sei voller Freude über das so schöne Geschenk und besonders darüber, daß der Maharadscha seine Verdienste um das Wohl des Staates in so großmütiger Weise anzuerkennen geruhe. Er sei nur soeben in seinen Gedanken mit der Frage beschäftigt gewesen, einen Weg zu finden, wie er diese herrliche und kostbare Uhr nun auch wohl tragen könne. Soviel ihm bekannt wäre, würden diese Gegenstände an einer Kette getragen, und ..., nun, er, der Sirdar, habe zwar keine, und er wisse auch nicht, wie er sich eine solche beschaffen solle, arm und bescheiden wie er sei. Dies wäre der Grund seiner unhöflichen Befangenheit und seines Nachdenkens gewesen.