Der Finanzminister war viel zu wichtig, als daß Dschagatdschit Singh einen Mißton hätte aufkommen lassen können. Daher folgte der Uhr schnell und geräuschlos die goldene Kette.
All dies, so dachte der Maharadscha, sollte nun aufhören und für immer vorbei sein. Der Kapurthala-Hausorden würde viel billiger kommen, besonders da ja drei verleihbare Klassen zur Verfügung standen, die Verleihung also in gesteigerter Form wiederholt werden konnte.
Um aber seinen indischen Untertanen, die, wie gesagt, der Neuerung etwas skeptisch, um nicht zu sagen ablehnend gegenüberstanden, die Wertschätzung des Ordens selbst bei den höchststehenden Europäern recht deutlich vor Augen zu führen, benutzte der Fürst die erste Gelegenheit, die sich ihm bot, die Verleihung des Ordens an einen vornehmen Franzosen mit großem Zeremoniell vorzunehmen.
Eines Tages trifft in Kapurthala der dem Maharadscha gut bekannte französische Prinz de Broglie mit der Prinzessin und Gefolge ein. Vor diesen hochgeehrten Gästen wird nun ein gewaltiger „Durbar“ (ein öffentlicher Empfang) in dem großen Durbarsaale des Regierungsgebäudes abgehalten. Alle Beamten, Offiziere, Soldaten und was sonst noch irgendwelchen Anspruch auf Beachtung erheben konnte, wurden aufgeboten, und die französischen Gäste sollten bei dieser Gelegenheit mit dem Hausorden von Kapurthala geschmückt werden, was ganz ohne Zweifel seine Rückwirkung auf die Wertschätzung des Ordens selbst durch die Untertanen des Maharadscha nicht verfehlen konnte.
Nach Abspielen der Kapurthala-National-Hymne durch die Kapelle des Kapurthala-Regimentes bat der erste Minister den Prinzen Broglie und seine Freunde, dem Maharadscha, der inmitten der Großen seines Reiches in Pomp und Würde thronte, näherzutreten, und der Fürst hing einem jeden der Gäste die ihm zustehende Klasse des Hausordens am blau-weißen Bande um den Hals.
Mit tiefen Verbeugungen und unter Bezeugung ihrer vollendeten Ehrerbietung nahmen die Franzosen die Auszeichnung an und reisten kurz darauf stolz und befriedigt wieder ab und in ihr Land zurück.
Nun war aber Prinz de Broglie auch Inhaber der Ehrenlegion. Bei irgendeinem Feste, das der Präsident der französischen Republik im Elysée gab, prangte der Kapurthala-Hausorden neben dem Großkreuz der Ehrenlegion auf seiner Brust und verfehlte nicht, es durch die Pracht seiner Brillanten bei weitem zu überstrahlen. Die kostbare Auszeichnung machte Aufsehen, und zum Schluß schien es selbst dem Ordensmeister — neugierig, wie alle Ordensmeister sind — notwendig, sich nach dem Lande zu erkundigen, das diesen, in keinem offiziellen Ordensverzeichnis der Welt aufgeführten, gewaltigen Stern an dem unerhört breiten, wuchtigen blau-weißen Bande verlieh.
Stolz auf seine Reisen in exotischen Ländern, gab der Prinz gern die gewünschte Aufklärung, daß der Orden ihm, in Bewunderung der Leistungen eines Mitgliedes der hohen Aristokratie der „grande Nation“, in ganz besonderer, nur für ihn angeordneter, großer Audienz von dem mächtigen Herrscher des großen indischen Reiches Kapurthala überreicht worden sei.
Der Ordensmeister, das Ordenskabinett, der Minister des Äußeren selbst und das Pariser Auswärtige Amt hielten eine Bereicherung ihrer Kenntnisse in dieser Angelegenheit für wünschenswert. Von dem Drang nach Aufklärung beseelt, wagten sie es, trotz der unendlichen politischen Tragweite der Frage, den englischen Botschafter zu bemühen. Da diesem aber die Tatsache der Existenz des Kapurthala-Hausordens ebenso neu war, gab er die Anfrage nach London weiter, wo sie dem Staatssekretär für indische Angelegenheiten vorgelegt wurde, der sich seinerseits an den Vizekönig von Indien mit dem Ersuchen um Aufklärung wandte. Der Vizekönig von Indien, Lord Curzon, sowieso kein Freund des Maharadscha, beauftragte den Gouverneur des Pundschab, Klarheit in die Sache zu bringen.
Nachdem nun die Wellenschläge dieser hochwichtigen diplomatischen Aktion sich bis an den Felsen Kapurthala fortgepflanzt hatten, begannen sie sich zu überstürzen und den armen Dschagatdschit Singh mit dem Tosen ihrer Brandung zu betäuben. Es wurde ihm auf das dringlichste nahegelegt, Einfälle, wie den vorliegenden strahlenden Ordensstern, die so komplizierte und für die überlasteten Behörden so arbeitsreiche Folgen nach sich ziehen könnten, in Zukunft unter allen Umständen zu unterlassen, besonders wenn sie, wie der in Frage stehende, nur zu geeignet wären, das Ansehen seiner Bruderfürsten und das des „Sirkar“ in so gefährlicher Weise zu untergraben.
Nun hatte Dschagatdschit Singh es vorgezogen, keiner Menschenseele, auch mir nicht, etwas von diesen peinlichen Folgen seines Sparsamkeits-Einfalles mitzuteilen, bis eines Tages der Prinz Louis von Bourbon-Braganza mit seinem Freunde, dem Prinzen de la Tour d’Auvergne, in Kapurthala eintraf. Auch sie hatten von dem sagenhaften Glanz des Kapurthala-Hausordens gehört, doch da sie die Reise nach Indien über Land gemacht hatten, waren ihnen die von ihm ausgelösten diplomatischen Verwicklungen nicht bekannt geworden.
Während der Jagd fragte mich nun der Prinz von Bourbon, ob ich dem Maharadscha nicht nahelegen könnte, auch ihn in gleicher Weise wie den Prinzen Broglie auszuzeichnen.
„Nichts leichter als das“, antwortete ich ihm leichten Herzens. „Sie können bestimmt darauf rechnen, ebenso wie Ihr Freund, Kapurthala im Glanze seines Sternes zu verlassen.“
Als ich aber Dschagatdschit Singh das Anliegen der beiden Franzosen vortrug und erwartete, daß er mit Freude die Gelegenheit ergreifen werde, die hohe Wertschätzung seiner Ordensschöpfung von neuem in das helle Licht eines feierlichen Durbar zu setzen, erfuhr ich, daß der Stern von Kapurthala erloschen sei und wie diese Katastrophe sich zugetragen habe.
An mir war es nun, den hohen Herren aus Frankreich die Ablehnung ihres Wunsches mit viel Takt und noch mehr Lügen beizubringen. Zum Trost erhielt jeder von ihnen einen sehr wertvollen Kaschmirschal, doch der Maharadscha hatte noch lange Zeit ein schmerzliches Lächeln, wenn der Hausorden von Kapurthala am blau-weißen Bande in vier Klassen erwähnt wurde.
„Ab ke bas hai“
Die Mißstimmung Dschagatdschit Singhs, den ihm von so glanzvoller Seite, wie dem Prinzen von Bourbon, nahegelegten Wunsch haben abschlagen zu müssen, hatte aber einen tieferen, mehr indischen Grund als den Schmerz über den untergegangenen Stern.
Es ist in Indien uralte Sitte, daß der Gastgeber alles das, was ein hoher und geehrter Gast bei ihm bewundert, ohne weiteres ihm als Geschenk überreicht, gerade so wie der Maharadscha von Patiala dies mir gegenüber mit meinem Rennpferde „Foxy“ getan hatte. Für den Fürsten von Patiala war dies Geschenk damals eine Kleinigkeit gewesen, und er hatte ohne irgendeinen bedauernden Gedanken das übliche: „Dumara ke bas hai!“ — Es sei dein — gesprochen[13].
Anders aber verhält es sich, wenn der Gast irgendeinen besonders wertvollen Gegenstand oder irgend etwas, an dem der Gastgeber mit besonderer Liebe hängt, mit seiner Bewunderung beehrt und dies ausspricht. Auch dann muß der alten Sitte Genüge getan und mit freundlicher Würde selbst die teuerste und liebste Sache dem Bewunderer ausgehändigt werden.
Hierin liegt auch einer der Gründe, weshalb die indischen Fürsten sich gegenseitig nicht so oft besuchen. Binnen kurzem hätte einer den anderen ruiniert. Da nun aber diese Besuche nicht zu umgehen sind, erfordert es im Hinblick auf diese Sitte der indische Anstand, niemals irgend etwas, das dem Gastgeber gehört, zu loben oder, sei es auch noch so schön, zu bewundern. Bei einem Besuche, den ich einst dem Nawab von Bahawalpur abstattete, erzählte er mir, hieran anschließend, ein Erlebnis vornehmlich zum Beweis, wie minderwertig doch die englische Erziehung sei und wie sie auch geborene Inder dazu verleite, die vornehmen Sitten ihrer Väter zu vergessen.
Bahawalpur liegt an der Grenze Belutschistans in Nordwest-Indien und stößt im Osten an den Pundschab. Einer der im südöstlichen Teile der Provinz regierenden fünf Sikhfürsten, der Radscha von Farikot, hatte seinen Sohn Tika Bolan Singh auf der vornehmen englischen Schule in Aligarh erziehen lassen. Nach Beendigung der Studien sandte er ihn nun zu den Nachbarfürsten auf Besuch, damit alle sein Wissen, seine Bildung und sein gutes Benehmen bewundern sollten.
Auf dieser Rundreise kam der junge Thronfolger von Farikot auch nach Bahawalpur, und der Nawab, ein mohamedanischer Fürst, hielt ihm zu Ehren ein großes Durbar ab, wobei er, um den Eindruck zu erhöhen, sich in aller Pracht seiner Staatsgewänder und im Schmucke seiner schönsten Juwelen zeigte. Der neben ihm sitzende Tika Bolan Singh machte dabei in Gegenwart aller Gäste eine bewundernde Bemerkung über den prachtvollen Rubinring, den Nawab am Finger trug.
Obgleich dieser Ring dem Fürsten ganz besonders teuer war, war ihm doch die Wahrung der alten indischen Sitten noch teurer. Ohne eine Miene zu verziehen, nahm er den Ring vom Finger und überreichte ihn dem jungen Hinduprinzen: „Ab ke bas hai!“ — Er sei dein —, der ihn gelassen annahm und sich ansteckte.
Die Taktlosigkeit des jungen Mannes erzürnte den Nawab fast noch mehr, als der Verlust des Ringes selbst. Doch er, als alter mohamedanischer Fürst, wäre eher gestorben, als sich vor einem ungläubigen Hindu eine Blöße zu geben. Jedoch er beschloß, dem so englisch erzogenen jungen Prinzen eine Lehre zu geben und ihm den Wert der überlieferten indischen Sitten recht eindringlich vor Augen zu führen.
Als der Radscha von Farikot nicht lange darauf starb und Tika Bolan Singh seinem Vater auf den Thron des Sikh-Fürstentums folgte, erhielt auch der Nawab von Bahawalpur eine Einladung zu den Festlichkeiten des Regierungsantrittes. Damit bot sich ihm die ersehnte Gelegenheit, seinen Vorsatz auszuführen, und er nahm die Einladung an.
Zunächst erschien er in Farikot mit einem riesigen Troß. Eine Kamelleibwache und ein Bataillon Sipahi-Soldaten begleiteten ihn. Der junge Maharadscha Bolan Singh überschlug die Ausgaben, die der Unterhalt dieser Gäste ihm verursachen würde, und fühlte sich etwas bedrückt. Doch seinem hohen Gast mußte er mit Freundlichkeit und Gastlichkeit begegnen. Er verzog also ebenfalls keine Miene und verpflegte den Nawab und dessen zahlloses Gefolge auf das beste.
Unter den Festvorstellungen, die zu Ehren der eingeladenen Gäste angesetzt waren, war auch eine große Treibjagd auf Antilopen vorgesehen. Dabei konnte es nicht ausbleiben, daß zusammen mit den Antilopen ganze Herden von „Nilgaus“, die eine Zwischenstufe zwischen Hirsch und Kuh vorstellen, in den Kreis der Jäger getrieben wurden. Da nun die Nilgaus der Kuh verwandt ist, wird sie von den Hindu ebenso heilig wie das Rind gehalten. Sie tritt daher in den Nordwest-Provinzen Indiens äußerst zahlreich auf. Der Nawab von Bahawalpur aber war ein mohamedanischer Fürst, dem weder Kuh noch Nilgaus heilig scheinen. Anstatt Antilopen zu schießen, schoß er nun nur Nilgaus!
Der Radscha Bolan Singh, der neben ihm auf einem Elefanten ritt, machte ihm Vorstellungen. Doch der Nawab sagte trocken, daß es in seinem Lande Sitte sei, diese unnützen, den Ackerbau verwüstenden Tiere zu vertilgen. Auch liebe sein Gefolge das sehr wohlschmeckende Fleisch. Er fuhr also ruhig fort, die Strecke um eine immer wachsende Zahl der heiligen Nilgaus zu bereichern, die seine Leute mit großem Geschrei sammelten, um sich zum Entsetzen der Hindubewohner von Farikot den Magen mit ihrem heiligen Fleisch zu füllen.
Doch diese kleine Lehre genügte dem Nawab von Bahawalpur noch nicht. Der Rubin, den er dem jungen Radscha hatte geben müssen, war ihm zu teuer gewesen, und der Verstoß gegen die indischen Sitten, der ihm den Ring gekostet hatte, war durch eine Verletzung der Hindugefühle in Farikot noch nicht wettgemacht.
Daher fing der Nawab an, von seiner Seite zu loben. Er begann mit dem Elefanten, den er ritt. Er war der beste des Radscha. „Ab ke bas hai!“ — er ist dein — konnte dieser nur sagen. Bei dem Besuche des Marstalls wußte der Nawab sehr wohl die besten Pferde zu entdecken — und zu bewundern: „Ab ke bas hai!“ mußte der Maharadscha von Farikot antworten. Doch er hütete sich wohl, dem Gast die Schatzkammer zu zeigen und ließ sich vor dem Nawab nicht im Schmucke irgendwelcher Juwelen sehen.
Er hatte das sonderbare Verhalten seines Gastes wohl verstanden und hoffte nur, er würde kein Stück der so leicht erworbenen Tiere mitnehmen.
Doch der Nawab vergaß weder den Elefanten noch eins der Pferde, die seine Bewunderung erregt hatten. Alle wurden von den Leuten aus Bahawalpur sorgsam mit nach Hause geführt, bis ihr Herr seinen Besuch am Hofe zu Farikot genügend eindrucksvoll gestaltet zu haben glaubte, um dem jungen Radscha vor Augen zu führen, daß auch die beste englische Erziehung doch nicht genüge, sich mit Anstand unter Indern zu bewegen.
Fürstliche Kaufgewohnheiten
Immerhin ist diese Art der Erwerbung von Gegenständen nicht die unter indischen Fürsten allgemein übliche. Im Gegenteil, sie lieben es, zu kaufen, und wenn sie kaufen, kaufen sie großzügig. So erschien einmal der schon verschiedentlich erwähnte Maharadscha von Patiala in dem großen Glasgeschäft von Osler & Co. in Kalkutta. Es ist Brauch, daß bei so hohem Besuch die Verkaufsräume von allen anderen Besuchern geräumt werden und während der Zeit der Anwesenheit des indischen Fürsten für gewöhnliche Menschen gesperrt bleiben.
Der Maharadscha ging durch die großen Räumlichkeiten und fand viel Gefallen an den meisten Dingen. Besonders schön erschienen ihm die großen Kristall-Kronleuchter, die überhaupt in Indien hoch in Ansehen stehen. Nicht nur haben sie als Beleuchtungskörper einen gewissen Wert, so fraglich dieser auch vom Zweckmäßigkeitsstandpunkt aus eingeschätzt werden mag, sondern sie wirken vor allen Dingen höchst eindrucksvoll. Daher können auch gar nicht genug dieser klingelnden Strahlenbrecher an der Zimmerdecke aufgehängt werden.
Nachdem der Maharadscha mit Interesse alles, was es zu sehen gab, besichtigt hatte, beschloß er einzukaufen. Er wendete sich also an den ihn führenden Inhaber des Hauses und fragte, wieviel er wohl für die Hälfte aller vorhandenen Gegenstände fordere.
Schnell wurden die Bücher eingesehen, Preise ausgezogen, Summen zusammengezählt und endlich der Preis für eine Hälfte der vorhandenen Waren genannt. Der Maharadscha, der annahm, daß in dieser einen Hälfte wahrscheinlich alle die Dinge eingeschlossen wären, die weniger Wert hätten, glaubte äußerst geschickt und klug zu handeln, indem er antwortete:
„Nun gut! Ich biete Ihnen die gleiche Summe, aber für die andere Hälfte ihrer Warenbestände, unter der Bedingung, daß die Sachen sofort an meine Residenz in Patiala gesandt werden.“
Da es sich um etwa zwei Lakh Rupien oder rund dreimalhunderttausend Mark (Gold) handelte, nahm die Firma diesen Vorschlag sofort an.
Kurz nach dem einige Jahre später erfolgten Tode des Maharadscha habe ich in Patiala die Kisten dieser Sendung noch stehen sehen. Sie waren nicht einmal geöffnet, und die ganze Bestellung kam in die Konkursmasse des starkverschuldeten Herrschers.
Warum hatte der Maharadscha nun all diese, zum überwiegenden Teil für ihn ganz unbrauchbaren Dinge gekauft? Einfach aus der naiven Annahme, daß allein auf diesem Weg er es für alle anderen Sterblichen verhindern könne, in den Besitz der Gegenstände zu kommen. Denn selbstverständlich muß ein Maharadscha in allen Dingen turmhoch über den anderen Menschen stehen.
In ähnlicher Weise verfuhr der damals ungeheuer reiche Nisam von Haiderabad. Als ich im Jahr 1893 zum Training einiger meiner Rennpferde in Kalkutta war, begegnete mir in der Nähe der Bahn Seine Hoheit der Nisam, begleitet von seinem Adjutanten Assur ul Mulk und gefolgt von der ihm zustehenden großen Eskorte.
Bei dem Vorbeireiten hatte er mich besonders scharf angesehen, und ich bemerkte, wie er kurz darauf haltmachte. Ich wandte mich um und sah seinen Adjutanten auf mich zugesprengt kommen. Schon durchzuckte mich der Gedanke, daß das Pferd, das ich ritt, aus irgendeinem Grunde dem Nisam gefallen habe, und ich überlegte schnell, welche fabelhafte Summe ich für das natürlich in jeder Hinsicht vollendete und wertvolle Tier verlangen sollte, als der Adjutant sein Pferd neben mir parierte und mich außerordentlich höflich bat, ihn bis zum Nisam zu begleiten.
Ich verdoppelte in Gedanken sofort den Kaufpreis, den ich dem Herrscher von Haiderabad für mein kostbares Tier abverlangen würde und folgte Assur ul Mulk, den ich kannte. Der Nisam ritt einen prachtvollen Araberhengst und begrüßte mich äußerst freundlich, erkundigte sich nach den Fortschritten meiner Pferde und fragte plötzlich:
„Und bei welchem Schneider lassen Sie arbeiten?“
Zuerst sah ich den Fürsten ziemlich erstaunt an, bis er fortfuhr:
„Ich meine den, der Reitbeinkleider anfertigt, wie Sie sie tragen!“
Damit wurde mir der Zusammenhang klar. Mit dem Pferdekauf war es nichts! Ich trug damals Reitbeinkleider eigener Erfindung, eine Kreuzung zwischen englischen „breeches“ und den Reithosen der Radschputsen, von ihnen „Pydschama“ genannt, die über dem Knie englisch weit, unter ihm indisch-radschputsisch eng an der Wade anliegend bis zum Fuße reichen und das Tragen von Reitstiefeln oder Gamaschen, eine Qual in der feuchten Hitze Kalkuttas, überflüssig machen.
Ich nannte dem Nisam die Firma und erwähnte, daß es nur einen einzigen Schneider in der Welt gäbe, der diese Beinkleider zu bauen verstünde. Nun wird in Indien ganz sinnloser Wert auf Bekleidung, wie überall im Orient, gelegt, und auch unter den indischen Beamten und Offizieren ist man ganz besonders wählerisch in der Mode, so daß gewisse Schneiderfirmen gradezu Künstlerruhm genießen.
Huldvollst entließ mich der Nisam, und etwas enttäuscht und im Innern über die Unverschämtheit, mich wegen einer solchen Lappalie aufgehalten zu haben, entrüstet, ritt ich weiter, als ich wiederum Pferdehufe hinter mir näherkommen hörte. Assur ul Mulk erschien von neuem an meiner Seite, um mich zu bitten, doch meinen Schneider zu benachrichtigen, daß der Nisam am folgenden Morgen um zehn Uhr bei ihm vorsprechen würde, um Reitbeinkleider zu bestellen.
Auch würde der Nisam mir bei dieser Gelegenheit nochmals die hohe Ehre seiner erhabenen Gegenwart gestatten, um der Firma die nötigen Anweisungen zu geben.
Das war allerdings besser als Pferdehandel. Ich ritt sofort zu dem Künstler, der der Herstellung meiner Reit-Unaussprechlichen seine Geschicklichkeit und Erfahrung zuzuwenden geruhte, und teilte ihm mit, welchen Erfolg meine Kreuzung zwischen „breeches“ und „pydschama“ heraufbeschworen habe. Der Direktor der Schneiderfirma traute kaum seinen Ohren.
Als er endlich begriffen hatte, daß ich ihm keine Märchen erzählte, versprach er mir, mich bis zu meinem Sarge mit allen Kleidungsstücken zu versehen, die ich nur wünschen möge, wenn der Nisam tatsächlich das Licht seiner Gegenwart und seines Goldes in den Räumen seines Geschäftes leuchten lassen sollte. Denn wenn einer dieser indischen Halbgötter kauft, so ist ein gutes Geschäft sicher. Auch strömt dann, und je höher der Halbgott in der indischen Eitelkeitsskala steht, desto stärker auch der ganze Schwarm aller anderen Maharadschas, Radschas und sonstigen Betitelten, sowie aller derer, die ihnen nachzueifern als das höchste Ziel ihrer Existenz halten, in den so begünstigten Laden und kauft, kauft, kauft.
Ich ermahnte den Geschäftsinhaber noch, während der Anwesenheit des Nisam keinen Sterblichen außer mir und seinen Angestellten das Betreten des Geschäftes zu gestatten.
Punkt zehn Uhr am folgenden Morgen fuhr Seine Hoheit der Nisam von Haiderabad vor und betrat den Geschäftsraum. Als er mich zu bemerken geruhte, sagte er nur:
„Ich wünsche Reitbeinkleider, von dem gleichen Schnitt, wie dieser Herr sie trägt.“
Nun wurden ihm Stoffe zur Auswahl vorgelegt. Doch er wehrte kurz und herrisch ab.
„Machen Sie mir Reitbeinkleider von allen vorhandenen Stoffen, die sich dazu eignen.“
Niemand durfte sich rühmen können, einen Stoff zu tragen, den er, der Nisam, nicht auch besäße. Alle Stoffe überhaupt aufzukaufen, wie er ganz sicher am liebsten getan hätte, war nun leider doch nicht möglich!
Also wurden ihm nicht weniger als zweihundertfünfundachtzig Paar Reitbeinkleider geliefert! Natürlich war es undenkbar, den Nisam zu ersuchen, sich Maß nehmen zu lassen. Ein Kammerdiener mußte bestochen werden, der Firma ein entsprechendes Kleidungsstück des Herrschers zu verschaffen.
Der Nisam von Haiderabad
Überhaupt war dieser Nisam von Haiderabad wohl einer der sonderbarsten unter den vielen sonderbaren Fürsten Indiens, wie er ja der angesehenste und im Range am höchsten stehende ist.
Im Jahre 1894 kam der schon in Verbindung mit Rudyard Kiplings Roman „Kim“ und Marion Crawfords Heldenschauermär „Mister Isaacs“ erwähnte Armenier Jakob, der in Indien unter dem Namen „Jacob of Simla“ bekannt war, nach Haiderabad.
Durch Vermittlung des vertrauten Kammerdieners „Abid“, der ebenfalls ein Armenier war, hatte sich Jakob in die Gunst des Nisam von Haiderabad einzuschmeicheln verstanden. Der Fürst, der heute schon lange tot ist, war stets etwas tiefsinnig und in manchen Zügen dem König Ludwig von Bayern vergleichbar. Sein Stolz auf seine Stellung war grenzenlos. Er dünkte sich in jeder Weise über alle anderen Menschen erhaben. Um von ihm in Audienz empfangen zu werden, mußte selbst sein erster Minister die Fürsprache des Kammerdieners Abids einholen, so groß war Abids Einfluß auf seinen Herrn. Er wich aber auch nicht von seiner Seite, und wie er mir selbst erzählt hat, konnte es keine schwierigere Aufgabe geben, als den Nisam bei Laune zu erhalten. Zuweilen mußte er eine halbe Stunde unbeweglich vor seinem Herrn stehen, ehe er ihm das Gewünschte, einen Becher Wasser oder dergleichen geben konnte.
Der Armenier Jakob behauptete nun, mit magischen Kräften begabt zu sein. Beschlagen in Astrologie und ähnlichen Dingen, die er in seiner Jugend, als Sklave in Konstantinopel, erlernt haben wollte, fand er in dem Nisam einen gutwilligen Zuhörer.
Ein englisches Syndikat hatte damals einen sehr wertvollen Diamanten, für den es so leicht keinen Käufer finden konnte, erworben, und es gelang Jakob, den Auftrag zu erhalten, diesen kostbaren Stein, den „Imperial Diamant“, dem Nisam anzubieten.
Wenn ich mich recht entsinne, belief sich der Preis auf fünfzig Lakh, das sind ungefähr acht Millionen Mark (Gold). Der Nisam willigte ohne Feilschen ein, den Edelstein zu diesem Preise zu erwerben.
Im Vertrauen auf den ihm versprochenen großen Gewinn trieb nun Jakob großen Aufwand. Man hätte glauben können, er sei der größte Nabob des indischen Kaiserreichs. Dies mußte auffallen, zumal er die von ihm gegebenen festlichen Gelage im Hotel „Esplanade“ in Bombay, wo ich ihn öfter traf, nicht im Verborgenen abhielt. Der Besitzer dieses Hotels hieß Sirdar Abdul Hugh und war im Hauptberuf — Minister des Innern im Staate von Haiderabad.
Jakob prahlte viel mit seiner Freundschaft und seinem Einfluß auf den allmächtigen Nisam und pflegte zu sagen, daß, wenn erst der Kauf perfekt sei, er einen Dampfer chartern und seine guten Freunde zu einer Vergnügungsreise nach Europa einladen werde.
All dies kam natürlich auch zu den Ohren der anglo-indischen Regierung und erregte ihre Aufmerksamkeit, bis dann zu guter Letzt auch noch die Verwaltung des Nisam bei der Bengal-Bank um einen riesigen Vorschuß einkam, was der Regierung ebenfalls nicht verborgen blieb.
Damals standen die Finanzen des Staates von Haiderabad sehr schlecht, weil das Land und besonders die ertragsreichste Provinz, Behar, von einer schweren Hungersnot heimgesucht worden war.
Der Resident am Hofe des Nisam, Sir William Clichele Plowden, setzte im Einverständnis mit dem Vizekönig, der traurigen Lage des Landes wegen, alle Hebel in Bewegung, den Kauf des „Imperial Diamant“ rückgängig zu machen. Um den Nisam, der ungeheuer viel auf seine Würde als allmächtiger Herrscher hielt, nicht zu einem Rücktritt von dem Kauf zu zwingen, was für ihn beleidigend gewesen wäre, suchte der Resident ihm beizubringen, daß er einem Schwindel zum Opfer gefallen sei. Im Verhältnis zum Wert sei der Diamant viel zu hoch bezahlt.
Man vertraute endlich, mit Zustimmung des Nisam, die Prüfung der Angelegenheit einer Kommission an, die ihn mit 23 Lakh gut bezahlt fand, also etwas weniger als die Hälfte des dem gerissenen Jakob bewilligten Kaufpreises. Das englische Syndikat jedoch ließ sich nicht darauf ein, sondern brachte die Sache vor Gericht, wo es aber zum Schluß abgewiesen wurde.
Die Aussagen des Nisam mußten in seinem Palast angehört werden, da er sich weigerte, vor Gericht zu erscheinen. Er empfand es als Erniedrigung, daß er nun für weniger als die Hälfte des verlangten und von ihm selbst zugesagten Preises in den Besitz des Diamanten gelangen sollte, so daß er nichts mehr von ihm oder der ganzen Sache wissen wollte.
Der Stein blieb viele Jahre hindurch bis zum Tode des Nisam in der Bank von Kalkutta in Verwahrung.
Der Kammerdiener Abid wollte nach dieser unangenehmen Angelegenheit — hatte er doch seinen Stammesgenossen eingeführt — nicht länger im Dienste bleiben. Er kam um seine Entlassung ein, denn während der zehn Jahre, die er beim Nisam war, hatte er es zum Millionär gebracht. Er kaufte ein großes Landgut in England und lebte dort mit seiner Familie von seinen Renten und der reichlichen Pension des Nisam.
Ob durch das Vorgehen des Sirkar der Not in Haiderabad wirklich gesteuert wurde, ist mehr als fraglich, wenn man allein die Kosten des Riesenprozesses in Rechnung zieht. Für Jakob aber bedeutete der Prozeß-Ausgang den vollständigen Ruin. Nicht zum wenigsten hatte er aber sein Unglück eigener Unvorsichtigkeit und seinem Übermut zu verdanken.
Der Sirkar Abdul Hugh, der Minister des Innern in Haiderabad, wurde auf Drängen des britischen Residenten zur Demission gezwungen, weil er nachweislich seine Hände in dem unsauberen Geschäft gehabt hatte. Der Sturz kränkte ihn so sehr, daß er bald darauf in der Verbannung starb.
Jakob von Simla
Der Armenier Jakob, der in Indien als „Jacob of Simla“ allgemein bekannt wurde, war ein häßlicher Troll mit pockennarbigem Gesicht und alles andere als anziehend. Vielleicht hat seine mysteriöse und suggestive Art zu sprechen ihm seine allerdings nur kurzen Erfolge gebracht, obgleich ein einigermaßen normaler Mensch seinen Phantastereien keinen Glauben schenken konnte. Er war eben ein Armenier, Angehöriger einer Rasse, von der man in Indien sagt, daß ihr, wenn sie wegen Geschäften oder in Kriegen auf der Bildfläche erscheint, weder ein „Bania“ (indischer Wucherer) noch ein Jude, noch ein Grieche gewachsen sei. Leider hat sich dieses indische Wort bei Jakob nicht so recht bewährt, weder hinsichtlich des „Imperial Diamants“, noch in einem Geschäft mit dem Maharadscha von Kapurthala. In beiden Fällen erlitt das Prestige der Gerissenheit der armenischen Handelsleute einen schweren Stoß. Dort ohne „Bania“, Juden oder Griechen, einfach durch die kluge Diplomatie eines englischen Beamten, hier durch die Gewissenhaftigkeit eines Deutschen.
Das Geschäft, das Jakob in Kapurthala vorschlug, war, daß der Maharadscha ihm sein letztes Besitztum, ein Landhaus in Simla, abkaufen sollte. Jakob setzte alles auf diese Karte. Sonst hatte er kein Vermögen mehr, und selbst das Haus in Simla war nicht hypothekenfrei. Er kam zum Maharadscha, um eine neue Anleihe darauf aufzunehmen, und wußte ihm mit Worten so zuzusetzen und ihn sogleich so gut am rechten Fleck zu fassen, daß er — abergläubisch, wie nun indische Fürsten einmal sind — sich gleich für den Kauf des Hauses zu interessieren begann.
Schon glaubte Jakob sich gerettet, besonders wenn er unserem Finanzminister noch ein gehöriges Trinkgeld zukommen ließ. Bei Gelegenheit eines Besuches vergaß er daher eine Tausendrupiennote bei ihm, alles, was er eben flüssig machen konnte, und versprach außerdem eine weitere ansehnliche Provision nach Kaufabschluß.
Der Minister sagte feierlichst zu, was an ihm sei nicht zu verfehlen, damit der Kauf zustande komme, und Jakob reiste guten Mutes ab.
Bald darauf wurde ich, der ich damals erst kurze Zeit in der Staatsstellung zu Kapurthala war, zur Inspektion des Hauses beordert. Der Wahrheit gemäß berichtete ich, daß es in gutem Zustande, gut möbliert und allem Anschein nach auch mit einigen orientalischen Seltenheiten ausgestattet sei. Aber warum sollte der Maharadscha dieses Haus in Simla kaufen, da er doch am gleichen Orte schon ein anderes besitze? Und selbst das benutze er nicht, sondern zöge es vor, im Hotel abzusteigen! Die orientalischen Kuriositäten hätten für ihn, der sich viel mehr für europäisches Kunstgewerbe interessiere, doch kaum besonderen Wert. Und zum Schluß wäre das Geld für die bevorstehende Reise nach Europa besser zu verwenden.
Dies alles trug ich dem Maharadscha vor. Der letzte Punkt gab den Ausschlag, und der Kauf zerschlug sich. Ob dieser üblen Nachricht war Jakob sehr niedergedrückt. Er glaubte bemerken zu dürfen, daß er wohl das Trinkgeld dem unrichtigen Beamten zugespielt habe, was ihm aber eine echt deutsche Zurechtweisung eintrug.
War es mehr als meine Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die Interessen des Maharadscha zu wahren, und hatte nicht der erfahrene Jakob ganz genau gewußt, daß der britische Sirkar bei der Wohnungsnot in Simla, und der Schwierigkeit, für Dschagatdschit Singh überhaupt die Erlaubnis zu erhalten, in Simla zu erscheinen, dem Maharadscha von Kapurthala niemals ein zweites Besitztum dort gestattet haben würde?
Was aber das Auftreten Jakobs in den Werken Kiplings anlangt, wo er als Surkan Sahib die Rolle eines bedeutenden Beamten im britisch-indischen politischen Geheimdienst spielt, so nehme ich an, daß Jakob ebenfalls durch seine Redensarten großen Eindruck auf den etwas leichtgläubigen Kipling gemacht hat. Daß er in Wirklichkeit dem britischen Sirkar als Geheimagent wertvolle Dienste geleistet hätte, ist mir ganz unbekannt. Jakob selbst hat mir nie davon gesprochen.
Sollte der Sirkar ihm wirklich wegen der Entdeckung von Verschwörungen und ähnlichem zu Dank verbunden gewesen sein, so hat er ihm mit dem Prozeß in Haiderabad schlecht gelohnt. Als er am Bettelstab war, hat ihm der Sirkar keinen Penny Unterstützung zukommen lassen. Von dem Nisam von Haiderabad dagegen erhielt er einen monatlichen Zuschuß von fünfhundert Rupien.
Aus manchen Schilderungen in Kiplings Werken, der unstreitig der am meisten gelesene Schriftsteller über Indien in der angelsächsischen Welt ist und der jahrelang als Leiter der Zeitschrift „Pioneer“ dort gelebt hat, könnte man schließen, daß der Inder ein außergewöhnlich kluger Diplomat und Politiker sei. Ich kann jedoch nach meiner langen Erfahrung dies nicht unterschreiben, trotzdem ich den Inder vom Maharadscha bis zum Bauern kennengelernt habe, und in der Landessprache, wenigstens des Nordens, mit ihnen verkehrte. Statt der klugen und geschickten Politiker habe ich nie etwas anderes gefunden, als verschlagene und arglistige Schlauköpfe, denen jeder Weitblick fehlte.
Der Holkar von Indore
Einer der Fürsten, die in der rücksichtslosesten Ausbeutung ihrer Untertanen vorbildlich waren, ist der bis 1900 regierende Maharattenfürst, der Holkar von Indore, einer der bedeutendsten Staaten Zentralindiens, gewesen.
Bei einem persönlichen Besuch bei ihm habe ich sein exzentrisches Wesen selbst beobachten können, und von glaubwürdiger Seite habe ich manche seiner erstaunlichen Tollheiten zu hören bekommen. Er war von seiner eigenen Erhabenheit so eingenommen, daß es sehr schwer fiel, sich ihm überhaupt zu nähern. Nur weil ich aus einem anderen indischen Staate kam, ließ er sich zu einer Audienz von wenigen Minuten für mich herbei.
Indore war damals um vieler Dinge willen ein Schmerzenskind des britischen Sirkar. Das Mißtrauen kam schon darin zum Ausdruck, daß man in der Stadt Mhow, einige englische Meilen von Indore entfernt, stets ein sehr starkes Kontingent englischer Truppen hielt. Dies war auch nicht unnötig, da der britische Resident den Holkar hin und wieder sehr scharf zurechtweisen mußte.
Als einer seiner Leibköche einmal den Reis nicht genügend weich gekocht hatte, befahl er, ihn selbst abzubrühen, wobei der Unglückliche gänzlich abgekocht wurde. Anstatt nun den Leichnam im geheimen zu verbrennen, warfen ihn die Bediensteten, wahrscheinlich um das Geld für das Holz in die eigene Tasche stecken zu können, in den Fluß „Nerbuda“, der die Stadt durchfließt. Unterhalb Indore, in Dhar, einem anderen Maharattenstaate, dessen Fürst aber in Grenzstreitigkeiten mit dem Holkar lag, wurde die Leiche gelandet und nach der Herkunft geforscht. Der Fall kam der britischen Behörde zu einer Maßregelung des Holkar sehr gelegen, denn es war nicht schwer gewesen, den Zusammenhang festzustellen.
Ein anderes Mal geriet der Holkar über einen seiner Palastdiener so in Zorn, daß er ihn mit einem eisernen Ring an eine Hundehütte schmieden ließ. Der Diener fügte sich der fürstlichen Laune und benahm sich, wenn er des Holkar gewahr wurde, wie ein Hund.
Vielleicht hat dies den Holkar einen Schimmer von Reue empfinden lassen. Denn als er einige Tage später von dem Angeketteten mit heftigem Bellen begrüßt wurde, gab er den Befehl zu seiner Befreiung, ließ ihn vor sich kommen und sagte:
„Freund! Du hast dich gut bewährt. Du sollst dafür belohnt werden“, und wollte ihm seine Tochter zur Frau geben.
Er gab auch wirklich den Befehl, die Hochzeit zu richten. Die Maharani und die Mutter des Mädchens beschworen aber den britischen Residenten, einen solchen Übergriff des Holkar zu verhindern, und nur durch dessen Hilfe scheiterte das sonderbare Vorhaben, das erst im Lichte der indischen Kastenbegriffe seine ganze Tragik für das bedrohte Mädchen erkennen läßt.
Als ihm die Bevormundung durch den englischen Residenten zu arg wurde, wollte er sich kurzerhand bei der Königin Victoria beschweren. Mit seinem Gefolge schiffte er sich in Bombay ein. Aber bald nach dem Auslaufen überfiel ihn die Seekrankheit. Er verlor die Lust an der Reise und befahl dem Kapitän des Dampfers, umzukehren, damit er wieder in Bombay an Land käme.
Als er zur Antwort erhielt, daß das Schiff ein königlicher Postdampfer sei und nur die Königin allein die Berechtigung habe, seinen Kurs zu ändern, wurde er so aufgebracht, daß er in Aden die Reise abbrach, um mit dem nächsten Dampfer nach Indien zurückzukehren. Er hätte dem britischen Sirkar keinen größeren Gefallen erweisen können!
Der Vater dieses Maharadscha dagegen war ein sehr einsichtiger Mann gewesen, der für die Zeiten einer Hungersnot einen recht bedeutenden Betrag in den Gewölben eines Bergschlosses hatte verschließen lassen. Vor seinem Tode hatte er den Schlüssel dazu dem britischen Residenten ausgehändigt.
Der Holkar dachte nun, dieses Geld nützlicher für seine eigenen Zwecke verwenden zu können und ließ sich einen Nachschlüssel machen.
Als der Resident dies erfuhr, bemühte er sich weiter nicht, den Holkar von seinem Vorhaben abzubringen, sondern ließ in der Nacht vor dem kritischen Tage in das Gewölbe einen offenen Korb mit Kobraschlangen stellen. Er wußte, daß er damit für alle Zeit dem Maharadscha die Lust an dem Besuch verleiden würde. Kaum hatte der Holkar die gewaltige Tür der Schatzkammer geöffnet, als der Schein der Laternen auf den Knäuel Schlangen fiel, die sich zischend dem Eintretenden entgegenreckten. Erschreckt räumte der Holkar eiligst das Feld.
Es war eine große Erleichterung für den Sirkar, als nach erzwungener Abdankung der Holkar bald darauf starb und in Ermanglung eines Sohnes ein geeigneter Nachfolger aus der Verwandtschaft eingesetzt werden konnte.
Barbiere in Indien
Wenn der Maharadscha Holkar von Indore seine Tochter in einem plötzlichen Einfall einem Diener seines Haushaltes zur Frau geben wollte, so griff dies vor allem auch in die Obliegenheiten einer in Indien besonders wichtigen Klasse von Menschen ein, nämlich der der Barbiere.
Zwar ist das Schneidenlassen der Haare den Sikh durch ihre Kastenvorschriften auf das strengste verboten, was noch einen besonderen Grund darin hat, daß die Sikh als Krieger in dem fest um den dichten Knäuel ihrer langen Haare gewundenen Turban ihre Hauptwaffe zu tragen pflegen. Es ist dies eine am Rande haarscharf geschliffene, tellergroße Stahlscheibe, die, mit einem Loch in der Mitte versehen, bei Gebrauch auf den Zeigefinger gesteckt wird.
Durch wirbelnde Bewegung in schnelle Drehung versetzt, wird sie auf den Gegner geschleudert, der sie infolge ihrer Dünne kaum sehen und ihr daher nur sehr schwer ausweichen kann. Bis auf dreißig Schritt ist der getroffene Feind unfehlbar verloren, da die verhältnismäßig schwere, scharfe Scheibe selbst die Schädelknochen glatt durchschlägt und im richtigen Treffen einem Menschen ohne weiteres den Kopf vom Rumpfe trennt.
Wenn daher auch das Haarschneiden nicht zu den Obliegenheiten eines nordindischen Barbiers gehört, so unterstehen seiner Kunst doch alle anderen Körperhaare, die überhaupt im Orient bei beiden Geschlechtern vollständig entfernt zu werden pflegen, wie auch die Verschönerung von Händen und Füßen. Infolgedessen kommt kaum jemand in so nahe und intime Berührung mit den einzelnen Personen der indischen Welt, wie gerade der Barbier. Außerdem betreibt er meistens noch das einträgliche Geschäft des Geldverleihers.
Er ist daher auch die gegebene Person, um Heiraten zu vermitteln. Er kennt die inneren Verhältnisse fast aller Familien und kann in der Stille der dunklen Gemächer während seiner Verschönerungsarbeiten Vorschläge machen, Aufträge entgegennehmen, unauffällig Erkundigungen einziehen, wie sonst niemand.
Die Person eines „Hadscham“, eines Hofbarbiers, ist fast immer erblich, und die sich dem Inhaber bietenden Gelegenheiten, zu Reichtum zu gelangen, sind besonders groß. Kann er doch gegen entsprechende Belohnung und Vorausbezahlung Bittgesuche befürworten, erwiesene Dienstleistungen in Erinnerung bringen und im richtigen Augenblick die Stimmung des Fürsten benutzen, um irgendwelche Gnadenbeweise vorzuschlagen. Oft werden diese Hofbarbiere dem Fürsten so unentbehrlich, daß sie zu Ministern gemacht werden, wie dies noch vor kurzem in dem bedeutenden Staate des Radscha von Cotschin in Süd-Indien geschah. Ebenso ist ein Barbier zum Mitglied des Staatsrates der Provinz Pundschab, der größten Indiens, ernannt worden.
Daß diese im geheimen so einflußreichen Herren hin und wieder auch auf ganz eigentümliche Gedanken kommen, wie man sie ebenfalls in Europa besonders oft bei Haarkünstlern finden soll, ist nicht verwunderlich und beweist, daß trotz aller Verschiedenheiten zwischen Ost und West irgendwelche eigentümlichen Übereinstimmungen im Untergrund der Menschen doch bestehen müssen.
So war der Hadscham von Kapurthala, Ischar Ram, von dem einen Wunsch verzehrt, einmal in seinem Leben, wie der Maharadscha selbst, in einem — Extrazuge zu fahren. Er wußte aber nicht, wie er dies anstellen sollte. Alles hatte er im Leben gerade wie sein Herr, der Maharadscha, genossen, nur dies eine, die Fahrt in einem eigenen Extrazuge, fehlte ihm noch. Ehe er sterbe, müsse er unbedingt auch noch dieses Vergnügen gekostet haben.
Ein schlauer bengalischer Babu (Schreiber) bestärkte ihn ständig in diesem sonderbaren Gedanken und bewog ihn endlich, ihm einen Vorschuß von tausend Rupien zu geben, damit er mit der Bahnverwaltung wegen eines Extrazuges von Katarpur nach Amritsar verhandeln könne.
Umsonst suchte ich Ischar Ram von seinem Gedanken abzubringen und ihm wenigstens klarzumachen, daß, wenn er nun einmal wie der Herrscher von Kapurthala reisen wolle, er zum Schluß weiter nichts zu tun brauche, als den Zug bei der Bahnverwaltung zu bestellen. Der sei es ganz gleichgültig, ob der Maharadscha oder irgend jemand anders ihn benutze, vorausgesetzt sie erhielte ihr Geld.
Eine so einfache Lösung der Frage erschien Ischar Ram aber ganz undenkbar. Um einen Extrazug zu erhalten, meinte er, müßten sicherlich ganz besondere Vorkehrungen getroffen werden, und im übrigen traute er mir als unreinem Europäer nicht zu, die Feinheiten der überragenden Bedeutung eines indischen Maharadscha durchschauen zu können.
Er zog es daher vor, dem bengalischen Babu tausend Rupien anzuvertrauen, um die sicherlich höchst schwierigen und geheimen Verhandlungen mit der Bahn in die Wege zu leiten. Natürlich hatte der Babu nichts Eiligeres zu tun, als mit den tausend Rupien in der Tasche einen ganz gewöhnlichen Zug zu benutzen, und damit auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Und bald darauf begab sich Ischar Ram selbst ohne Extrazug ins Jenseits.
Der Barbier ist auch einer der wenigen Menschen, den der Hindu über seine Schwelle in das Innere seines Hauses läßt. Denn besonders in den höheren Kasten gibt es keinen größeren Frevel, als wenn Außenstehende die Innengemächer des Hauses betreten. Noch entsetzlicher ist aber der Gedanke, mit Weib und Kind das Heim zu verlassen und in unvermeidliche Berührung mit Fremden zu kommen. Dies war auch der Hauptgrund, weshalb es dem Maharadscha von Kapurthala so schwer fiel, eine Rani zu finden, die ihn nach Europa begleiten wollte.
Zur Verhütung der ungeheure Opfer fordernden Pest oder doch wenigstens der Einschränkung ihrer Folgen, ist von der Regierung vorgeschrieben, daß Pestkranke und Pestverdächtige, sowie Familien, in denen ein Pestfall vorgekommen war, isoliert werden müssen. Da dies das Verlassenmüssen des Familienhauses bedingt, wird alles getan, die Krankheit zu verheimlichen, mit der natürlichen Folge, daß meistens die ganze Familie stirbt. Aus diesem Grunde wird zu Zeiten einer solchen Epidemie der Polizei die Befugnis gegeben, die Häuser zu betreten und dort nach verdächtigen Kranken Nachforschungen anzustellen.
Als „Tasildar“ in der Peststadt
Gegen 1908 wütete nun in dem zu Kapurthala gehörenden Bezirke Phagwara, in dessen gleichnamiger Hauptstadt etwa 14000 Einwohner leben, die Pest besonders stark. Der Tasildar (der Bezirksvorsteher) hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als seinen Posten zu verlassen und nach Kapurthala zu fliehen. Da Phagwara als Enklave im britischen Gebiet liegt, nahmen die britischen Behörden Veranlassung, eine ärztliche Kommission in das verseuchte Gebiet zu senden, wo sie jedoch außer einigen Polizisten keine Beamten vorfand.
Diese Polizisten waren um des Gewinnes willen dort geblieben, denn der Tasildar hatte vor seiner Flucht noch angeordnet, daß jedes pestverdächtige Haus und jedes Haus, in dem ein Pestfall vorgekommen war, geräumt werden müsse. Die ebenso rücksichtslosen wie „gewissenhaften“ Polizisten benutzten nun den Befehl, um die Einwohner, die auf Grund ihrer Kastenvorurteile lieber an der Pest sterben als ihre Häuser verlassen, möglichst zu brandschatzen.
Die Stadt Phagwara ist ein blühender Handelsplatz und die Einwohner zu einem ziemlichen Prozentsatz wohlhabend. Es gab genug „Bania“ und „Schroff“ (Getreidehändler und Wucherer), die sich und ihr Haus vor Verunreinigung durch das Betreten von Fremden schützen wollten und dafür Opfer zu bringen bereit waren. Zu einer Verunreinigung genügt es, daß ein Fremder einen Blick auf eins der weiblichen Familienmitglieder wirft oder auch nur in ihren Schatten tritt.
Und den Polizisten stand das Recht zu, die Häuser zu betreten und zu durchsuchen! Mancher der Betroffenen grub da seinen heimlichen Schatz aus, um diese Schmach abzuwenden oder um nicht sein Haus verlassen zu müssen. Der Polizist mit der offenen Hand stand schon vor der Tür.
So kam es, daß in den meisten Fällen die Armen ihre Häuser gegen den Aufenthalt in den Isolierungslagern aufgeben mußten, während die Reichen ungestört in ihren Wohnungen an der Pest sterben durften und den Krankheitsherd fromm und wohlgesinnt im Gange hielten.
Die britische Regierung ließ den Maharadscha wissen, wie es in Phagwara stand, und verlangte kategorisch entsprechende Abwehrmaßregeln, widrigenfalls sie selbst die Angelegenheit in die Hand nehmen werde.
Anstatt des geflohenen, pflichtvergessenen Tasildar wollte der Maharadscha nun einen anderen senden, doch niemand fand sich dazu bereit, den gefahrvollen Posten zu übernehmen. Also wurden mir die erforderlichen Vollmachten in die Hand gedrückt, und ich reiste als Tasildar nach dem Pestorte.
Ich fürchtete mich nicht vor der Krankheit, die die reinlich lebenden Europäer nur selten befällt, und es gelang mir, etwas Ordnung in den Verhältnissen zu schaffen, den geldgierigen Schacherhandel zu stoppen und wenigstens etwas Hilfe zu bringen. Doch über ein Drittel der Bevölkerung starb. Die Straßenzüge waren leer. Nur Leichenzüge bevölkerten sie. Wer nicht im Isolierlager war, vergrub sich in seinem Hause.
Ein solches Isolierungslager in Indien ist für einen Europäer ein schrecklicher Anblick, denn die Leute müssen fast vollständig für sich selbst sorgen. Da die übergroße Zahl zu den Ärmsten der Armen gehört, liegen sie unter einer aus Schilfgras geflochtenen und auf vier Pfählen befestigten Matte, die nur geringen Schutz gegen die unbarmherzige indische Sonne und gar keinen gegen die recht empfindliche nächtliche Kälte gewährt, eng zusammengedrängt, stumpfsinnig in ihr Schicksal ergeben.
Als in Bombay 1895 die ersten Anzeichen der Pest auftauchten, hatte der damalige städtische Polizeidirektor dort nichts Eiligeres zu tun, als ein Syndikat zu bilden, um alle zur Zeit in Indien nur erreichbaren Desinfektions- und Heilmittel, die gegen die Pest in Betracht kommen, aufzukaufen.
Dann erschien die polizeiliche Bekanntmachung und der Befehl zu einer sorgfältigen Desinfektion der Häuser und Straßen. Da die hierzu notwendigen Mittel nur aus den Geschäften des Herrn Polizeidirektors zu beziehen waren, ist es nicht weiter verwunderlich, daß dieser Herr sich bald danach zur wohlverdienten Ruhe nach Schottland zurückziehen konnte.
Inder als Gäste
Wenn mir, wie als Tasildar in Phagwara oder auch in den Bungalows, die ich in den verschiedenen Orten bewohnte, sei es der Gaekwar von Baroda, der Maharadscha von Kapurthala oder einer der anderen Fürsten, an deren Höfen ich zu tun hatte, Wohnung und Haushalt zur Verfügung stellten, um meinen Obliegenheiten nachzugehen, wie Jagdtiere einzukaufen, Pferde auszuwählen, Gebäude zu besichtigen, Bestellungen aufzugeben oder Erkundigungen einzuziehen, so kam ich naturgemäß in enge Beziehung zu allen Klassen von eingeborenen Indern. Minister und Priester, Bauern und Händler, Jäger und Handwerker der verschiedensten Art und in den verschiedensten Provinzen und Landesteilen des großen Indien kamen, mich aufzusuchen, um in ihren eigenen indischen Angelegenheiten mit mir zu verhandeln. Oft auch wurde ich von den Höherstehenden, die auf Besuche fremder Gäste eingerichtet waren, das heißt, deren Häuser die hierfür notwendigen, besonderen Gemächer hatten, zu Gaste geladen. Noch öfter aber hatte ich Gelegenheit, Gäste aus den eingeborenen Kreisen bei mir zu sehen, die ich, als Vertreter der hohen indischen Fürsten, in deren Diensten ich stand, auf das beste bewirten mußte. Meistens luden sich die Herren selbst zu Gaste bei mir.
Wohl waren die Erfahrungen, die ich am Beginn meiner Laufbahn im Palast „Luxmi Vilas“ in Baroda bei den Einladungen des Gaekwar gesammelt hatte, nicht dazu angetan, eine Tischgesellschaft von Indern für sehr anziehend zu halten. Und hinsichtlich der allgemein üblichen indischen Art, sich bei Tisch zu betragen, ist dies auch stets und überall das Gleiche geblieben.
Jedoch die Schwierigkeiten der kastengemäßen Bewirtung waren bei Einladungen in meinem eigenen Hause nicht so groß, wie am Hofe von Baroda, wo keiner der Eingeladenen sich vor den anderen etwas vergeben wollte. Solange die Vorschriften der Kasten formell beachtet wurden, war es in dieser Hinsicht ziemlich gleichgültig, was ich meinen Gästen vorsetzte. Nur achtete ich stets darauf, niemals von der wirklichen Natur der Speisen zu sprechen, die ich den Gästen vorsetzen ließ, sondern die Gerichte stets als ihren eigenen Kastengeboten entsprechend zu bezeichnen.
So saßen an meinem Tisch, oftmals sogar zusammen: Maharatten, Ratschputen, Buddhisten, Brahminen, Gutscheraten, Mohamedaner, Parsi, Afghanen, Perser, Sikh und eine ganze Anzahl Angehöriger anderer Kasten, Völker und Glaubensbekenntnisse.
Der eine durfte kein Fleisch, der zweite keinen Fisch und andere wieder keins von beiden essen. Jenem war es untersagt, ein Ei anzurühren. Dieser nährte sich nur von bestimmten Gemüsen, oder es war ihm nur der Genuß des Fleisches ganz bestimmter Tiere gestattet, alle anderen waren ihm verboten. Manche durften wieder nur Speisen genießen, die auf genau vorgeschriebene Weise zubereitet waren, und oft spielte noch dazu die Art des Tötens des betreffenden Tieres eine große Rolle. Kurz, wenn ich je auf den Gedanken gekommen wäre, meine Gäste genau ihren Kastenvorschriften entsprechend zu bewirten, so hätte ich mir ebensoviele Köche halten können, wie ich Gäste bei mir sah.
In Wirklichkeit lief es allen Kastenvorschriften zuwider, überhaupt an meinem Tische zu essen, ein Verstoß, der dadurch noch unverzeihlicher wurde, weil ich bei diesen streng verpönten Mahlzeiten zugegen blieb.
Aber keiner der Herren war so kastentreu oder so wählerisch, wenn er sich bei mir zum Essen einlud. Zuweilen nur wurde mein Koch aufs Gewissen gefragt: es käme doch kein Rindfleisch auf den Tisch? Er schwor mit allen Eiden, daß seine eigene Kaste es ihm verbiete, eine derartige Todsünde, wie das Braten etwa eines Filets, überhaupt mit anzusehen, geschweige denn, selbst dabei Hand anzulegen.
Dabei war er ein Kastenloser, der den katholischen Glauben angenommen hatte. Auch dies war meinen Gästen genau bekannt. Doch voreinander gaben sie sich den Anschein, als ob sie der Versicherung des Koches Glauben schenkten, selbst wenn der betreffende Fragesteller eben im Begriff stand, sich ein saftiges Stück Rinderbraten auf den Teller zu legen. Die Hauptsache war, daß sie sich gegenseitig vorspiegeln konnten, sie handelten in gutem Glauben, und was das Essen selbst anbelangte, daß ich ihnen recht viel vorsetzte.
Daran fehlte es ja nun nie. Der Meister im Vertilgen von Speisen war ein Parsi-Arzt in Baroda, ein gewisser Doktor Bahrutscha, der niemals verfehlte, sich einzufinden, wenn ich Gesellschaft bei mir hatte, eine Tatsache, die ihm seine Leute, die es wieder von den meinen wußten, stets mitteilten.
Dieser Heilkünstler der Parsisekte, die, aus Persien stammend, wenigstens an keine Unmenge verschiedener Götter glaubt, sondern das Feuer als reinigende Emanation des Göttlichen betrachtet und in ihren religiösen Anschauungen transzendental genug gerichtet ist, um auch nach europäischen Begriffen philosophische Gespräche führen zu können, pflegte die Gesellschaft mit seinen Anekdoten zu unterhalten. Wie alle Parsi war er regeren Geistes, als die meisten Inder, was sicherlich damit zusammenhing, daß seine Begriffe nicht von Jugend auf in die Zwangsjacke der jedem vernünftigen Denken unzugänglichen Kastenvorschriften gepreßt worden waren.
Doch während des Essens gab er sich nicht mit Anekdotenerzählen ab und stieß, angeredet, nur ein unwilliges: „Tairo“ (Abwarten!) durch die Nase hervor. Als er zum ersten Male bei mir zu Tisch war, sah er mit schreckhaftem Bedauern, daß nicht ganz geleerte Platten wieder in die Küche getragen wurden. Beim nächsten Male ersuchte er meinen „Kansama“, den Aufseher der Tischdiener, doch darauf zu achten, daß man ihn als letzten bediene. Dies hatte jedoch nicht das geringste mit Bescheidenheit zu tun. Sondern, wenn er gesehen hatte, daß keiner der Anwesenden zu kurz gekommen war, häufte er sich alles, was er noch auf der Platte vorfand, ganz gleich, ob Braten oder Geflügel oder Fisch oder eins der tausend Reisgerichte, in deren Zubereitung sich die indische Küche auszeichnet, auf den Teller und machte sich an die Arbeit. Koteletten stopfte er sich ganz in den Mund, wie überhaupt alle diese Herren es bei weitem vorzogen, mit den Fingern zu essen. Solange er zu meinen Gästen gehörte, gab es keine Reste.
Alle anderen beneideten ihn um seine unermüdbare Eßfähigkeit. Wie üblich, wurde von den Indern nie etwas zu den Mahlzeiten getrunken. Bier verschmähten sie überhaupt. Um den Durst zu löschen, genüge Wasser. Der Zweck des Trinkens liege in seinen berauschenden Folgen, ist die indische Auffassung. Dazu ist Bier aber ein viel zu langweiliges und mühevolles Mittel. Portwein, Sherry, Liköre, durch Zusatz von Kognak verstärkt, entsprechen dieser ersten Anforderung besser. Doch das vornehmste ist Sekt. Er erregt die schlaffen indischen Nerven noch am schnellsten und kräftigsten und gibt ihnen vorübergehend die vom Inder am meisten geschätzte jugendliche Spannkraft und organische Betätigungslust, die ihm, wohl auch infolge seiner früh einsetzenden Ausschweifungen, schon in jungen Jahren abhanden zu kommen pflegen.
Tanzmädchen
Nach dem Essen ist es üblich, daß Tänzerinnen den bis zum Halse vollgestopften Gästen ihre Künste zeigen. Diese Tänze werden für den Europäer an Langweiligkeit nur durch die endlose Monotonie der Begleitmusik übertroffen. Die Tänzerinnen, in wallende Schale, anliegende glitzernde Mieder und weite, über den Knöcheln der bloßen Füße zusammengebundene Beinkleider gehüllt, bewegen sich in einem Rhythmus von unendlicher Einförmigkeit stundenlang auf einer Stelle, heben und senken die Arme, biegen den Oberkörper bald nach rechts, bald nach links, machen einige kleine Schritte vor- oder rückwärts, drehen sich mit unglaublicher Langsamkeit um sich selbst und machen mehr den Eindruck verschlafener Marionetten als den lebender Wesen. Ihre Vorführungen sind nur auf den Ausdruck ganz bestimmter Körperhaltungen berechnet, ohne daß sie darauf ausgingen, in Linie und Haltung seelische Erregungen zu versinnbildlichen. Dazu ertönt ein ohrenbetäubender Lärm ohne jeden, für europäische Ohren erkennbaren Rhythmus, und hin und wieder ein fürchterliches Geschrei der begleitenden Musikanten. Das Ganze muß mehr unter dem Gesichtspunkt lebender Bilder beurteilt werden, was jedoch dadurch erschwert wird, daß der Europäer sich erst durch mühevolles Nachdenken in die den verschiedenen Haltungen zugrundeliegenden Vorstellungen rein indischer, durchgängig dem Sinnlichen entnommener Phantasien, versetzen muß.
Doch der Inder kann den Tänzerinnen stundenlang zusehen und wird von den Tanzvorführungen und der uns vollständig unverständlichen Musik in das höchste Entzücken versetzt. Wahrscheinlich beruht dies auf der viel geringeren Reizbarkeit seiner Nerven, die bedeutend langsamer als europäische reagieren und die, um überhaupt in Schwingungen zu geraten, eine ständige, langdauernde Wiederholung desselben Eindruckes erfordern, also gerade das, was die Nerven eines Europäers am ehesten ermüdet.
Die Tänzerinnen in Indien, die diese Vorstellungen geben, heißen „Nautsch-Mädchen“ und erinnern in der Wertung ihrer gesellschaftlichen Stellung sehr an das Ansehen, das den Hetären Griechenlands zuteil wurde. Während die indische Durchschnittsfrau das unangesehenste, vernachlässigtste, um nicht zu sagen verachtetste Geschöpf innerhalb der indischen Gesellschaft ist — abgesehen natürlich von den Frauen der Fürsten, jedoch auch sie nur innerhalb gewisser Grenzen —, ohne jedes Wissen, ohne irgendwelche Begriffe, so sind die Nautschtänzerinnen nicht nur von den, überall den Frauen in Indien aufgelegten Sklavenfesseln frei, sondern sogar die anerkannten Herrscherinnen der indischen Gesellschaft.
Meistens stammen sie aus Tandschor und Travancor in Süd-Indien, denn den Mädchen Zentral-Indiens, wie denen der Nordwest-Provinzen und Kaschmirs oder gar Bengalens fehlt es an Schönheit und Körperhaltung für die Aufgaben des Tanzes. Frühzeitig schon werden sie für ihren Beruf ausgebildet; sie lernen lesen und singen und haben große Bewegungsfreiheit, trotzdem sie in vielen Fällen der Travancor-Brahminen-Kaste angehören.
Ein jeder Fürstenhof verfügt über ein besonderes Nautsch-Korps, das etwa dreißig, auch vierzig oder fünfzig Tänzerinnen umfaßt und ungefähr dem Ballet eines europäischen Hoftheaters entspricht. Die Mädchen müssen von möglichst hellbrauner Hautfarbe sein und werden von den mit ihrer Erwerbung oder Einkauf betrauten Beamten sorgfältig ausgesucht. Ein zu dunkler Hautton würde ihn unweigerlich seine Stellung kosten. Die indische Art, sich zu kleiden, oder besser den Körper mit unförmlichen Gewändern zu Bündeln zu verunstalten, Ohren, Nase, Fußknöchel, Arme und Hände mit goldenen und silbernen, dicken Schmucksachen zu überladen, bringt ihre oft erstaunliche Schönheit nicht vorteilhaft zur Geltung. Gewöhnlich tragen sie außer dem faltigen Obergewand ein an der Wade festanliegendes Beinkleid, das, im Oberschenkel weit geschnitten, in vielen Falten herabfällt.
Sie genießen ganz besonderes Ansehen und gelten im Tempel und im Hause für unentbehrlich. Allen Festlichkeiten der Eingeborenen wird erst durch ihre Gegenwart der rechte Glanz verliehen. Ein Nautschmädchen schmückt die Braut am Hochzeitstage. Ihr Erscheinen genügt, ein im Kastensinne verunreinigtes Haus wieder rein zu machen. Alle Kasten verehren sie, und ganz allgemein haben sie stets das Recht, selbst in Anwesenheit der höchststehenden Persönlichkeiten sich zu setzen.
In vielen indischen Gegenden werden sie wie Prinzessinnen geachtet. Ihre Gehälter sind für indische Begriffe fürstlich, erhalten sie doch bis tausend Rupien im Monat, mehr, als den meisten indischen Ministerpräsidenten an offiziellem Gehalt zusteht. Daher haben sie auch niemals Veranlassung, ihre Gunst zu verkaufen, sondern sind ganz im Gegenteil frei, ihren Neigungen zu leben.
Indische Diebe
Ebenso verachtet, wie die Nautschmädchen geachtet werden, ist der schon als vorzüglicher Hindu-Schikari (Jäger) erwähnte Angehörige der Baurikaste. Sein Gott ist der Gott der Diebe, zu dessen größerer Ehre alle Beute- und Raubzüge unternommen werden. Sein Bild steht unter dem großen, schattigen Maringenbaum des Dorfes, das nur von Mitgliedern ihrer Kaste bewohnt wird, auf dem freien Platze vor dem Hause des „Patel“, des Dorfältesten.
Aber auch die Bauri haben ihre Verehrer. Das sind die Polizisten. Aus verschiedenen Gründen. Kein Bauri darf sein Dorf vom Untergang bis zum Aufgang der Sonne verlassen, er sei denn bei einer Jagd beschäftigt. Für die Einhaltung dieser Vorschrift soll der Patel mit seinem Kopfe stehen. In den Vasallenstaaten nun wird es mit dieser Vorschrift nicht so genau genommen, da die Polizei dort wenig Neigung zeigt, sich mit Dingen zu befassen, die außer unangenehmen Handgreiflichkeiten nichts einbringen. Dafür aber steht der Polizist gern in einem nahen Verhältnis zu dem Bauri. Fängt er ihn als Dieb, ist er keines besonderen Lohnes sicher. Fängt er ihn nicht, so hat er nur Arbeit und Mühe mit ihm. Daher folgt er meistens liebevoll seiner Laufbahn im verborgenen und versucht, mit dem Bauri auf gutem Fuße zu stehen, der nicht abgeneigt ist, im Verhältnis zur allgemeinen Schlauheit des Polizisten, ihn an den — meist recht bescheidenen — Gewinnen seiner Unternehmungen teilhaben zu lassen.
Jedoch einen wird der Bauri nie bestehlen: seinen Jagdherrn. Lieber stellt er sich ihm mit seinen scharfen Sinnen als eine Art Detektiv zur Verfügung. So unterstand mir in Baroda ein ganz besonders gefürchteter Bauridieb, namens Kalru. Wenn er der gewandteste Dieb und geschickteste Gauner der nahen und ferneren Umgebung war, so war er auch unstreitig der beste Jägersmann. Ich machte ihn daher zum „Dschamadar“ oder Aufseher über seine Schikarigenossen, die in meinen Diensten als Oberjagdmeister des Fürsten standen.
Hatte ich ihn so für mich und all die vielen Häuser, Gärten, Höfe, Ställe und Landgüter, die mir unterstanden, als Dieb unschädlich gemacht, so mußte er doch, obgleich er sich als Dschamadar für seine Verhältnisse glänzend stand, seinem Gott zu Ehren und um seines eigenen Ansehens bei seinen Kastengenossen, sowie um seines eigenen Vorteils willen, noch immer auf Diebesfahrten ausgehen. Dabei stieß er aber stets einige Meilen in das benachbarte britische Gebiet vor und schonte die Umgebung von Baroda. Besonders erfolgreich sollte er in der nächsten britischen Garnison gewesen sein. Jedenfalls war er dem dortigen Polizei-Inspektor ein Dorn im Auge, dem er von dem Polizeivorsteher in Ahmedabad als ganz gefährlicher Kunde aufgegeben worden war.
Nun ist es eine der üblichen Ausreden der englischen Polizei auf britischem Gebiete in Indien, stets zu betonen, der Grund, weshalb so viele Verbrechen begangen und so wenige Verbrecher gehenkt würden, liege darin, daß alle Diebesnester in den Vasallenstaaten gelegen seien, wohin ihr eigener Arm nicht reiche.
Der fragliche Polizei-Inspektor war ein ebenso leidenschaftlicher Jäger wie ich und mir befreundet. Eines Tages war er bei mir zu Besuch und nahm an einer großen, von mir zur Weihnachtszeit veranstalteten Jagd teil, zu der die Freigebigkeit des Gaekwar mir Gelegenheit gab.
Als die Gesellschaft abends im Meßzelte zusammensitzt, kommt die Rede auch auf meinen Dschamadar Kalru, und es fällt dem Polizei-Inspektor ein, daß dies doch der Mann sei, den man ihm von Ahmedabad aus als so gefährlich aufgegeben habe. Er bittet mich daher, den schlimmen Gauner doch einmal kommen zu lassen, um ihn sich anzusehen und ihm ins Gewissen zu reden. Kalru, der natürlich im Jagdlager war, erschien unterwürfig und unschuldig-bescheiden am Zelteingang.
Der Polizei-Inspektor hält ihm alle seine Schandtaten vor und droht, bei dem Gaekwar seine Auslieferung zu beantragen, wenn er nicht von seinen bösen Pfaden lassen wolle. Kalru beteuert seine vollkommene Unschuld und verspricht alles, was der Polizei-Inspektor will. Ich beruhige den Mann der öffentlichen Sicherheit mit Hinweisen auf Kalrus vorzügliche Eigenschaften als Jäger. Alle Anwesenden beginnen, Geschichten von der erstaunlichen Schlauheit und Gewandtheit der Bauri im allgemeinen zu erzählen und wie sie jeden, wer es auch sei, zu überlisten vermöchten.