Neuntes Capitel.
New-York. Die Battery oder der Castlegarden.
Der Broadway. Astorhaus.
Das Amerikanische Museum. Der Park
und City-Hall. Die Vorfeier des
vierten Juli.
Mein Hauptwunsch war nun erreicht; ich hatte amerikanischen Boden unter meinen Füßen, und konnte die Begierde kaum unterdrücken, sogleich zur Besichtigung der Stadt aufzubrechen. Freund W....... machte mich jedoch darauf aufmerksam, daß wir einer Stärkung sehr bedürftig wären und unsre hungrigen Magen und ermüdeten Körper auch etwas Berücksichtigung verdienten.
Nach einigen Stunden machte ich den ersten Ausgang, der mich zunächst in ein großes Cigarrenlager führte, um die ächten Kinder der Havanna einzukaufen. Meine Freude über den herrlichen Genuß verringerte sich aber merklich, als ich nach dem Preise fragte, den ich ungeheuer hoch fand. Von hier aus führte uns unser Weg nach der Battery, welche mir W....... zuerst vor Augen führen wollte, da es ohnstreitig der schönste Spaziergang New-Yorks mit einer weiten Aussicht auf die beiden Arme des Hudson, den North- und East-River, die Bay von New-York, New-Jersey und Staatenisland auf der einen, und Broklyn und Williamsburg auf der anderen Seite ist.
Die Battery, auch Castlegarden genannt, ist einer der besuchtesten Vergnügungsorte der New-Yorker, da man hier in der großen Glühhitze des Sommers nicht allein unter dem Schatten der Bäume sich ergehen, sondern auch die kühlende Seeluft einathmen kann. Das große und malerische Bild, das sich vor mir ausbreitete und mir einen bis zu dieser Stunde nicht geahnten Genuß bereitete, erhielt durch große Kauffahrteischiffe, welche in die Bay hereinsegelten, beständig hin- und herlaufende Dampfschiffe und die große Menge von dahinschießenden kleineren Fahrzeugen das regste Leben. Während der Hudson und die Bay den Anblick einer ungeheuren Arbeitsamkeit und Emsigkeit darboten und meinen Blick fesselten, füllte sich der weite und geräumige Garten mit modern gekleideten Herren und Damen, welche mir die Ueberzeugung verschafften, daß nicht allein die Modejournale von London und Paris, sondern auch die Modestoffe von dort ihren Weg nach Amerika finden.
Die Battery oder der Castlegarden hat seinen Namen von einem großen runden Thurme (Castell), welcher die Stadt, wie ich bereits zu bemerken Gelegenheit hatte, gegen einen Angriff von der Bay aus in Verbindung mit den Fortifikationen von Governers-Island deckt. In Friedenszeiten ist das Castell an einen spekulativen Yankee verpachtet, welcher in demselben große Conzerte aufführen läßt, die schon wegen der herrlichen Lage des Ganzen eine große Anziehungskraft ausüben. Auch zu Volksversammlungen, die ein außergewöhnlich großes Lokal erfordern, ist er schon benützt worden. Das Innere ist geschmackvoll und großartig, und ohnstreitbar eine Zierde New-Yorks. In Verbindung mit diesem Unternehmen stehen sehr elegant eingerichtete Bäder, welche während der Sommer- und Herbstsaison von dem New-Yorker Publikum sehr besucht sind; nach Schluß der Badezeit aber gleich allen Flußbädern für die Dauer des Winters wieder abgebrochen werden.
Von hier aus wandten wir uns links, um in den Broadway und das Innere der Stadt zu gelangen. Vielen meiner Leser wird bekannt seyn, daß New-York nicht auf dem amerikanischen Festlande, sondern auf einer Insel liegt. Man hat daher an einzelnen Punkten des Broadway nach der rechten oder linken Seite hin die Aussicht auf den Hafen und die hohen Maste der Schiffe, welche förmlich in die Stadt hereinzuragen scheinen.
Diese ist mit Ausnahme des kleineren und zwar des älteren Theiles ganz regelmäßig in fast gleich großen Vierecken gebaut. In den neuen Stadtvierteln ist man von der Sitte abgegangen, die Straßen, wie in Europa, mit Namen zu belegen, was mit so großen Unannehmlichkeiten für Fremde und namentlich für solche verbunden ist, welche der Sprache nicht kundig sind; man bedient sich dort der Zahlen und numerirt die Straßen, die parallel mit einander vom Northriver nach dem Eastriver hindurchlaufen. Von diesen ziehen sich wieder von den oberen Stadttheilen nach den unteren 9 Straßen, Avenue's genannt, welche das Auffinden der einzelnen Hausnummern unendlich erleichtern, da viele der numerirten Parallelstraßen über eine Stunde lang sind; man bezeichnet daher z. B. Hausnummer 50 in der 100sten Straße noch genauer dadurch, daß man die beiden Avenue's angibt, zwischen denen das Haus liegt, um dem Kunden und dem Freunde Zeit und langes Suchen zu ersparen.
Gleich beim Anfange des Broadway noch in der Nähe des Castlegarden befindet sich eine schöne Fontaine, welche angenehme Kühlung verbreitet. Von da aus zieht er sich in angemessener Breite ohngefähr eine Stunde die Stadt hinauf. Ich hatte wenige Monate vorher die Boulevards und die Rue St. Honoré in Paris mit ihrem geräuschvollen Treiben gesehen; mit dem Getöse und Gedränge des Broadway halten aber Beide nach meiner Ueberzeugung keinen Vergleich aus. New-York hat das Geräusche eines Seehafens und einer Welthandelsstadt voraus, welches die Tausende von Lastwagen hervorbringen, die Ballen, Kisten und Tonnen durch den Broadway nach den Magazinen oder aus ihnen nach den Schiffen führen. Zu beiden Seiten dieser großartigen Straße befinden sich Trottoire, die in vorzüglichem Zustande sind, was aber hier auch um so nothwendiger ist, als von einem Gehen auf der eigentlichen Straße gar keine Rede seyn kann, da man jedenfalls in wenig Minuten unter den Rädern der Omnibusse, Equipagen oder Güterkarren wäre. Es gehört eine große Fertigkeit und eine lange Uebung dazu, als Wagenlenker sich unversehrt durch dieses Gewoge von Fuhrwerk aller Art hindurchwinden zu können.
Wir kamen zu dem fashionablesten Theile des Broadway, zu der Promenade der feinen Welt, in die Nähe des Astorhauses, des Amerikanischen Museums und des Parkes mit dem majestätischen Stadthause. Das Astorhouse ist das größte und feinste Hotel in New-York und von demselben John Jacob Astor erbaut, dessen ich schon bei Gelegenheit der Deutschen Gesellschaft Erwähnung that. Es hat ebensowenig, als die anderen Hotels in New-York, eine große Einfahrt, auch fehlen allenthalben die großen Stallungen, wie man sie bei großen europäischen Gasthöfen antrifft, da alle Reisenden entweder mit Dampf- oder Segelschiffen ankommen. Die Preise sind verhältnißmäßig nicht zu hoch gestellt.
In dem Erdgeschosse des Astorhouses ist für alle geistigen und leiblichen Bedürfnisse der Fremden gesorgt. Kleidermagazin, Buchhandlung, Apotheke, Friseurkabinet, Bäder etc. stehen im eigenen Hotel zu Diensten und der Reisende hat nicht nöthig, weite Gänge durch die Stadt zu machen, wenn er einen Wunsch befriedigen will.
Dem Astorhouse gegenüber liegt das Amerikanische Museum, unter dem man sich jedoch kein Berliner Museum, keine Dresdener Bildergallerie und keine Pinakothek und Glyptothek denken darf, da dem schaulustigen Publikum dort keine hohen Kunstgenüsse, sondern Curiositäten der verschiedensten Art, als singende Neger, Affen, Panoramas, Indianer, Riesen und Zwerge, komisches Theater, Tänzer und verschiedene andere dergleichen Dinge gezeigt werden, die wir bei uns auf großen Messen und Jahrmärkten in Dutzenden von Buden sehen. Dies Alles übt auf den neugierigen Yankee eine sehr bedeutende Anziehungskraft aus. Hiermit soll jedoch keineswegs gesagt seyn, daß dieser keinen Sinn für höhere Künste und Wissenschaften habe, denn das Gegentheil ließe sich leicht durch die Aufzählung großer Staats- und Privatbauten, wie durch die Gründung vieler bedeutenden Collegien und Akademien nachweisen.
Das Aeußere dieses Gebäudes ist auf die bunteste und burleskeste Weise geziert, um den Blick der Vorübergehenden auf sich zu ziehen. Gemälde, Transparente, riesenhafte Anschlagzettel und eine bunte Anzahl von Flaggen und Fahnen geben einen hinreichenden Beweis von der Charlatanerie des Eigenthümers, welche er namentlich in allen gelesenen New-Yorker Journalen in den pomphaftesten Ausdrücken zur Schau trägt.
Von Nachmittags 2 Uhr bis zum Schlusse der Vorstellung spielen auf einem Altane des Gebäudes deutsche Musiker, und meine Gefühle wurden mächtig erregt, als am ersten Tage meines Aufenthaltes im fernen Westen die bekannten Töne des schönen Liedes:
»Leb' wohl, du theures Land, das mich geboren!«
zu uns herniederklangen.
Einen angenehmeren Eindruck, als dieses possirliche Comödienhaus, machte der schöne Park, in dessen Mitte sich die stolze City-Hall [6] mit einer großen Freitreppe erhebt. Diese, wie die ganze vordere Fronte des weitläufigen Gebäudes ist aus weißen Marmor aufgeführt. Die Amerikaner statten überhaupt alle ihre öffentlichen Bauten auf's Glänzendste und Imposanteste aus, um das Gesetz, das in ihnen seine Wohnung hat, selbst geachtet zu machen. Die New-Yorker ehren durch dieses Gebäude die Väter der Stadt, die Republik und sich selbst.
[6]: Stadthaus, Rathhaus.
Nicht weit von dem Hauptportale des Stadthauses wirft eine zweite noch bedeutendere Fontaine, als die beim Eingange des Broadway, ihren starken Strahl hoch in die Lüfte. Ringsherum laden Bänke zur Ruhe ein, und das Grün der Bäume und des Rasens bietet eine angenehme Abwechslung gegenüber dem Gedränge und dem Staube der Straßen.
Allmählig kam der Abend und mit ihm neues Leben. Es war der Vorabend des vierten Juli, den Jung und Alt durch Abbrennen von Raketen, Kanonenschlägen und Schwärmern und durch Schießen aus jeder Gattung von Feuerröhren festlich begehen. Obschon das Schießen in der Stadt das ganze Jahr hindurch scharf verboten ist, so drücken Polizei und Gesetz an diesem Tage doch die strengen Augen zu und unterstützen auf diese Weise einen Lärmen und einen Spektakel, welcher die ganze Nacht fortdauert und Vielen den Schlummer raubt; trotz meiner Müdigkeit weckte mich das unaufhörliche Schießen unter meinen Fenstern zu wiederholten Malen aus dem tiefsten Schlafe auf. Die Presse hat schon oft gegen diesen Unfug angekämpft, der jedes Jahr die traurigsten Unglücksfälle verursacht; sie erhält aber keine energische Unterstützung von Seite der Bürger, da man in vielen Kreisen der Ansicht ist, daß durch ein solches Gebot der vierte Juli entweiht und entheiligt würde.
Zehntes Capitel.
Die Feier des vierten Juli. Frechheit
eines englischen Matrosen.
Der Morgen des großen Festtages war angebrochen und 101 Kanonenschüsse verkündeten von der Battery und Governers-Island der Stadt New-York und ihrer Umgegend den 71sten Geburtstag ihrer Freiheit und Unabhängigkeit. Die Amerikaner sind keine Verehrer vieler und großer Feiertage; sie halten mit strengem Ernste an ihrem Sonntag, während sie (natürlich mit Ausnahme der Katholiken) die großen Kirchenfeste der Europäer, Weihnachten, Ostern und Pfingsten, ruhig und ungefeiert vorübergehen lassen. Man kann daher nur zwei Hauptfesttage im ganzen Jahre annehmen, welche sie besonders hoch achten, den Neujahrstag und den vierten Juli. Der erste Tag wird mehr im Kreise von Familien und Freunden verlebt, während der letztere ein Freudentag des ganzen Volkes, ein Nationalfest von der tiefsten Bedeutung ist.
Die Amerikaner haben das unbezweifelte Recht, auf diesen Tag stolz zu seyn. Die Tapferkeit und die Weisheit ihrer Väter gründete an demselben den glücklichsten Staat der Erde und sicherte seinen Bestand durch die Ertheilung weiser und freisinniger Institutionen. Hebt sich ihr Herz bei der Erinnerung an die Großthaten dieser Männer, so schlägt es doppelt freudig bei dem Bewußtsein, daß sie ihr Vermächtniß getreulich bewahrt und es im Laufe der Zeit noch mehr veredelt und verbessert haben.
Aber nicht allein der Eingeborne begeht den vierten Juli mit tiefer inniger Freude, die Einwanderer aus allen Ländern Europas erkennen vielleicht mehr, als der freigeborne Amerikaner, welch' unschätzbares Gut sie an der Freiheit dieses Landes sich erworben haben; denn Derjenige, welcher die Geißel des Despotismus auf seinem Rücken gefühlt und unter den Verfolgungen der europäischen Politik gelitten hat, fühlt sich in solchen Stunden von einem neuen Leben durchdrungen und bei der Erinnerung an einen Washington, Franklin, Jefferson, Jackson mit den heiligsten Banden der Liebe an ein Land gebunden, das ihn wie seinen eigenen Sohn an seinen freien Heerd aufnimmt. Der vierte Juli macht die Einwanderer zu Amerikanern; ihre Kraft und ihr Blut gehört von nun an den Vereinigten Staaten, wovon die Leichenhügel von Monterey, Buena Vista, Cerro Cordo und Mexico ein großes und erhebendes Zeugniß geben.
Um 8 Uhr Morgens machte ich mich mit Freund W....... auf den Weg, um die Herrlichkeiten des Tages mit anzusehen. Wir gingen zunächst nach der Battery. Aber welcher Anblick ward uns hier zu Theil! die Tausend und aber Tausend Schiffe, welche hier vor Anker liegen und sich im Strome und der Bay bewegten, waren mit Flaggen und Wimpeln geziert. Hier flatterten die stolzen Farben Englands, dort die Trikolore Frankreichs und aus der Ferne schimmerten die bekannten Flaggen der deutschen Hansestädte zu uns herüber.
Wir machten unsere alte Route nach dem Broadway, der sich in ein stattliches Festgewand geworfen hatte. Von allen Dächern wehte das Sternenbanner und gab der Straße ein freundliches, festliches Aussehen. Die Lastwagen vom vorigen Tage blieben für heute verschwunden und nur die Omnibusse thaten ihren Dienst, um die entfernt Wohnenden nach dem Parke zu bringen. Ueberall drängte sich eine freudig erregte Menschenmenge, die sich schon Monate lang, wie die Kinder auf Weihnachten, auf diesen Tag gefreut hatten.
Die Geschäfte ruhen gänzlich an diesem Tage, und viele vermögende Fabrikanten und Kaufleute lassen ihren Arbeitern noch Geldgeschenke zukommen (was sich diese beiläufig bemerkt sehr gerne gefallen lassen), damit sie auf das Wohl der Republik ein Glas mehr trinken können.
Das größte Leben war im Parke, da in ihm und den zunächst gelegenen Straßen die Parade der New-Yorker Militz abgehalten wird. Der kommandirende General hatte sich bei unserer Ankunft mit seinem Stabe bereits da eingefunden und erwartete das Heranrücken der verschiedenen Corps, die vor ihm defiliren sollten.
Gegen 10 Uhr kam der zum größeren Theile aus Militz, zum kleineren aus Bürgern in Civilkleidern bestehende Festzug, welcher zwei volle Stunden in vollkommener Ordnung an uns vorbeimarschirte. Nur Derjenige, welcher an diesem Tage selbst in New-York war, kann sich einen Begriff von dem bunten und überraschenden Anblicke machen, der uns hier zu Theil wurde. Die Uniformen aller civilisirten Völker waren hier zu schauen, die Franzosen mit rothen Hosen und blauen Waffenröcken, die Schotten mit ihren Plaids, Bärenmützen und nackten Beinen, die Engländer mit rothen Fräcken und blauen Aufschlägen, deutsche Jäger, Dragoner und rothe Husaren und andere verschieden uniformirte deutsche Compagnien, die amerikanische Independenzgarde [7], welche noch die dreieckigen Hüte, die langen Schoßfräcke, kurzen Hosen und Stulpstiefeln aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges trägt, das Corps der New-Yorker Feuerlöschmannschaft mit prachtvollen Spritzen und in langem Zuge die Artillerie, welche nur solche Kanonen führte, die im Befreiungskriege den Engländern abgenommen worden waren.
[7]: Unabhängigkeitsgarde.
Am meisten fiel mir auf, daß, während die eine Compagnie die reichsten und geschmackvollsten Uniformen trug, die andere wieder das Bild der größten Einfachheit bot, da sie nur einen gewöhnlichen schwarzen Frack, schwarze Beinkleider, runden schwarzen Hut und weißes über der Brust gekreuztes Lederzeug trug, an welchem Säbel und Patrontasche hieng. Mancher deutsche Offizier würde hohnlächelnd auf diese Männer herabgeblickt haben, von denen sich so manche später den Siegeslorbeer aus Mexico holten. Diese eigenthümliche Uniformirung erklärt sich leicht aus der Freiheit, die den Bürgern bei der Organisation von Militzcompagnien gestattet ist. Sind 50-60 Mann zusammengetreten, wählen sie sich nach eigenem Geschmack und ihrer Ueberzeugung sowohl die Uniform, als die Offiziere.
Nachdem die Truppen abmarschirt waren, kamen die großen Züge der zahlreichen Freimaurerlogen und Gesellschaften, die sich zu den verschiedensten Zwecken, namentlich in großer Anzahl zur Unterstützung in Krankheitsfällen gebildet haben. Mit zahlreichen Bannern und Insignien zogen die Söhne des grünen Erin, die Schweizer, die deutsche Göthe- und Schiller-Loge, zusammen viele Tausende an uns vorbei.
Endlich zerstreute sich die Menge, um sich aus dem Gedränge und der fast unerträglichen Hitze in kühlere Gemächer zur Erholung zu begeben. Der Nachmittag führte den größten Theil der Bevölkerung in's Freie, wo auch W....... und ich in einem Kreise von Deutschen mit Gesang, Unterhaltung und Becherklang den denkwürdigen Tag in herzlicher Weise feierten.
Den Beschluß des Festes machte Abends die Illumination des Stadthauses, von dessen Giebel unaufhörlich Raketen in die Luft flogen, und die Abbrennung eines großen Feuerwerkes im Park, wobei wir fast in Gefahr geriethen, erdrückt zu werden. Ein ungeheures Jubelgeschrei, das sich bis in die fernsten Straßen fortpflanzte, erscholl, als zum Schlusse des Ganzen die Worte:
»the day of the 4th July 1776.«
über dem Portale des Stadthauses in Brillantfeuer sichtbar wurden. Wann wird unser Deutschland einen solchen Tag feiern?! –
Der Nachmittag lieferte ein Beispiel von der Größe des Nationalhasses zwischen den Vereinigten Staaten und England. Ein betrunkener englischer Matrose hatte die unglaubliche Dreistigkeit, auf einen Mastbaum zu steigen, der in Mitte einer frequenten Straße errichtet und mit der amerikanischen Flagge geziert war, und diese abzureißen. Diese Frechheit wurde aber sofort von dem Volke gezüchtigt, und der unverschämte Sohn des »fröhlichen Altenglands« gezwungen, das Sternenbanner wieder aufzuziehen, worauf ihn Constabler in das Quartier brachten, das solchen Helden gebührt.
Eilftes Capitel.
Eine Betrachtung über die Thätigkeit
der Amerikaner. Die Erlangung des
Bürgerrechts.
Mehrere Tage waren seit dem schönen Feste vergangen, als mich Freund W....... verließ, um in das Geschäft zurückzukehren, in welchem er vor seiner Abreise nach Europa thätig gewesen war. Ich stand nun allein und ohne Kenntniß der Sprache in der großen Stadt, mit Planen beschäftigt, die meine Zukunft sichern sollten. Allein jetzt erst bemerkte ich, daß die Auswanderung nach Amerika leichter auszuführen ist, als die Erwerbung einer Stellung, die uns auch die Mittel zum Leben bietet.
Nach reiflicher Ueberlegung erkannte ich recht gut, daß mir in New-York nichts Anderes übrig bliebe, als die erste beste Arbeit anzunehmen, die sich mir darbieten würde; denn es war mir bald klar geworden, daß ich mit der edlen Jurisprudenz, der ich mich in meinen Universitätsjahren gewidmet hatte, schwerlich erfreuliche und meinen Wünschen entsprechende Resultate erzielen würde. Hier kann ich nicht unterlassen, solchen Männern, welche nur Theoretisches erlernt haben, was sich in Amerika nicht sogleich auf das Praktische übertragen läßt, die größte Vorsicht im Auswandern zu empfehlen, namentlich wenn sie nicht im Besitze größerer Geldmittel sind, da sie sich gewiß in der ersten Zeit ihrer Ankunft auf dem westlichen Boden sehr enttäuscht finden werden. So sehr der Amerikaner die Wissenschaften liebt und so bedeutende Fortschritte er seit der Erringung der Unabhängigkeit in den meisten Zweigen des Wissens gemacht hat, so liegt es doch in der Natur der Sache, daß ein Volk, das so viel aus dem Rohen herauszuarbeiten hatte und vor Allem mit der Entwickelung seiner politischen Institutionen sich beschäftigen mußte, um seine staatliche Existenz zu sichern, vorerst seine Hauptaufgabe in der Kräftigung seiner materiellen Interessen sieht; darum ist auch Alles, was Handel, Gewerbe, Industrie und die Production nach allen Richtungen hin betrifft, in der raschesten Entwickelung begriffen, und erregt selbst bei den Engländern, die in diesen Fächern so Erstaunliches geleistet haben, Neid, Eifersucht und Bewunderung. Eben so trefflich haben sie für die Vervollkommnung ihres inneren politischen Lebens gesorgt, welches nicht nur allgemeine Zufriedenheit im Lande verbreitet, sondern auch die Achtung anderer Völker genießt.
Die geistigen Kräfte haben sich hauptsächlich auf die Verbesserung des Maschinenwesens, des Bauwesens in allen seinen Theilen und das ganze Gebiet der Mechanik geworfen, da die günstigen Resultate des Nachdenkens in diesen Branchen nicht allein großen Nutzen für Handel und Wandel, sondern auch dem glücklichen Erfinder glänzenden Gewinn gewähren. In neuerer Zeit zeigte sich aber im Volke auch ein tiefer Drang nach allgemeiner Wissenschaftlichkeit, was es namentlich in New-York auf's Herrlichste beurkundete, als es sich im Jahre 1847 in allgemeiner Stimmenabgabe für die Gründung einer Freiakademie entschied. Allgemeine Bildung im deutschen Sinne würde in größerem Maße vorhanden seyn, hätte nicht der Mangel an besseren Erziehungsanstalten in früheren Jahren nur einem kleinen Theile der Amerikaner die Möglichkeit an die Hand gegeben, sich den höheren Wissenschaften zu widmen. Man merkt jedoch an ihnen weniger, als irgend anderswo, den Mangel an Bildung, da in dem amerikanischen Volke ein gesunder Sinn und ein klarer heller Verstand herrscht, welchen es namentlich der freien politischen Bewegung und seiner Presse verdankt.
In der ersten Zeit gieng ich mit dem Gedanken um, als Hauslehrer ein Unterkommen zu finden; aber alle meine Bemühungen waren fruchtlos, und schon begann ich unmuthig zu werden, als ich zufällig ein Paar alte Universitätsfreunde traf, die mir zwar keine Stelle verschaffen konnten, mich aber mit vielen Deutschen bekannt machten, was für mich ein großer Gewinn war, da ich dadurch einen deutschen Lehrer kennen lernte, der mir bald die Verwesung seiner Schule übertrug, als ihn eine Krankheit an's Bett fesselte. War damit auch nicht alle Sorge für die Zukunft entfernt, so gestalteten sich doch meine persönlichen Beziehungen immer angenehmer, was mir um so mehr Vergnügen bereitete, da sie mir eine reiche Quelle der Belehrung in Beziehung auf die Verhältnisse des Landes, seiner Regierung und seiner Parteien wurden.
Ich suchte mich vor Allem durch das Lesen von Zeitungen über Amerika zu unterrichten, und nahm, weil ich der englischen Sprache nicht mächtig genug war, um amerikanische Blätter verstehen zu können, meine Zuflucht zu den deutschen. Aber ich fand bald, daß diese allein zu gründlicher Belehrung nicht hinreichen; ich erhielt wohl Kunde von den Ereignissen in Europa und Amerika, auch las ich die Verhandlungen der gesetzgebenden Körper der Einzelstaaten und des Congresses in Washington, aber mir blieben die Parteistellungen vollkommen fremd, da die Blätter sämmtlich bei ihren Lesern die Kenntniß der Grundsätze der Demokraten, Whigs, Nationalreformer, Abolitionisten und Antirenter voraussetzen. Handbücher, welche diesen Gegenstand behandelten, standen mir nicht zu Gebote, weßhalb ich mich entschloß, mich an solche Männer mit der Bitte um guten Rath zu wenden, welche während eines langen Aufenthaltes in Amerika die Verhältnisse des Landes aus eigener Erfahrung kennen gelernt hatten. Von ihnen erhielt ich die Weisung, die politischen Versammlungen der Deutschen und der Amerikaner zu besuchen, und zwar hauptsächlich diejenigen, welche von den beiden Hauptparteien unmittelbar vor wichtigen Wahlen abgehalten werden würden, da in ihnen die Cardinalgrundsätze der Partei auseinandergesetzt und für und wider erörtert würden.
Nur auf diese Weise kann man sich eine rasche und zugleich gründliche Belehrung über die amerikanischen Parteizustände verschaffen, und ich empfehle diese Methode daher jedem neuen Einwanderer, und vorzüglich dem, welcher Pflichtgefühl im Herzen trägt und es für Sache der Ehre hält, sich am öffentlichen Leben mitzubetheiligen und für das Wohl und Wehe seines neuen Vaterlandes mitzuwirken, und sich nicht als sein höchstes Ziel das Sammeln von Reichthümern gesetzt hat.
Die Einwanderer können freilich erst nach einem fünfjährigen Aufenthalte das Bürgerrecht erlangen, was zu manchen ungerechten Urtheilen Veranlassung gibt, aber der Unbefangene wird die Weisheit dieses Gesetzes anerkennen, wenn er bedenkt, daß der amerikanische Bürger alle gesetzgebenden und vollziehenden Gewalten selbst erwählt und sich nothwendigerweise zu einer Partei halten muß, um seine politische Ueberzeugung in's Leben gerufen zu sehen. Dieses kann aber von einem Manne nicht erwartet werden, der aus einem Lande hergewandert kommt, welches ganz andere Staatseinrichtungen besitzt, der die Sprache, in der die wichtigsten Interessen des Landes verhandelt werden, nicht versteht, kaum einen Begriff von den amerikanischen Verfassungen hat und im Grunde genommen nicht mehr von den Vereinigten Staaten weiß, als »daß es drüben besser ist!« Dieses Gesetz könnte nur dann ein Tadel treffen, wenn es einen Unterschied zwischen dem Einwanderer und dem Eingebornen in Betreff von Leistungen an den Staat machen würde, was jedoch nicht der Fall ist. Leider habe ich die traurige Erfahrung machen müssen, daß trotz der vielen Klagen über die späte Erlangung des Bürgerrechts doch genug Einwanderer in den verschiedenen Staaten leben, welche sich nicht einmal die leichte und billige Mühe, dasselbe jemals zu erwerben, geben mögen.
Um das Bürgerrecht für die ganzen Vereinigten Staaten zu erlangen, hat man in den ersten drei Jahren seines Aufenthaltes vor Gericht die Willenserklärung (intention) abzugeben, daß man amerikanischer Bürger werden wolle, und zugleich allen fremden Fürsten und Potentaten, speciell aber seinem Landesfürsten die Treue und Unterthänigkeit abzuschwören. Die gewöhnliche Eidesformel besteht in dem einfachen Küssen der Bibel oder des neuen Testamentes; jedoch genügt auch die einfache Bekräftigung mit einem »Ja!« Ueber diesen Akt erhält man eine gerichtliche Bescheinigung, welche man jedenfalls zwei Jahre in Händen gehabt haben muß; selbst ein Aufenthalt von zehn Jahren kann diese gesetzliche Bestimmung nicht annulliren. Nach Verlauf der vollen fünf Jahre gibt man seine Willenserklärung bei der nächsten Behörde ab, und erhält, nachdem man zuvor eidlich bekräftigt, daß man fünf Jahre im Lande gelebt habe, seinen Bürgerbrief, mit dessen Empfangnahme man sofort in alle politischen Rechte der Eingebornen eintritt.
Ein früheres Gesetz enthielt die Bestimmung, daß der, welcher das amerikanische Bürgerrecht erlangen wollte, innerhalb fünf Jahren die Vereinigten Staaten nicht verlassen durfte; man mußte sogar beschwören, daß man nicht außer Landes war. Dieses für einen Handelsstaat im höchsten Grad lästige Gesetz wurde aber im vergangenen Jahre vom Congresse suspendirt. Zu welchen lächerlichen Consequenzen man mit ihm gelangte, mag aus der einzigen Thatsache erhellen, daß einem Einwanderer nach fünf Jahren der Bürgerbrief verweigert wurde, weil er von Buffalo aus einen kleinen Abstecher nach den nahen Niagarafällen machte, welche im brittischen Amerika liegen.
Zwölftes Capitel.
Die amerikanische Demokratie. Beurtheilung
derselben von Seite der in
Deutschland existirenden Parteien. Demokraten
und Whigs.
Es hat wohl die Verfassung keines Landes eine so verschiedenartige Beurtheilung gefunden, als die der Vereinigten Staaten, und hauptsächlich haben sich in der jetzigen bewegten Zeit die politischen Parteien Deutschlands in vielfacher weitauseinandergehender Weise mit ihr beschäftigt, so daß die Einen sie als das Product der höchsten staatsmännischen Weisheit bis in den Himmel erhoben, während die Andern sie als unhaltbar und verwerflich verdammten. Die Motive zu diesen verschiedenen Anschauungen liegen klar zu Tage; die Ersteren wollen durch die Auseinandersetzung der Vorzüge der demokratischen Staatsform die Stimmung des deutschen Volkes für diese gewinnen, während die Letzteren nur die Fehler und Schattenseiten derselben aufsuchen, um den entgegengesetzten Zweck zu erreichen. Der Unparteiische wird nicht läugnen, daß die amerikanischen Zustände noch einer bedeutenden Verbesserung fähig sind, wie alles Irdische einer größeren Vollkommenheit zugeführt werden kann; ihre Gesundheit aber in Abrede stellen zu wollen, dürfte eine ebenso undankbare, als vergebliche Aufgabe seyn.
Ich will versuchen, von den Leistungen der amerikanischen Demokratie ein kurzes Bild zu entwerfen, muß aber vorher bemerken, daß der Leser den Begriff »amerikanische Demokratie« in einem ganz andern Sinne auffassen muß, als er dies in Deutschland zu thun gewohnt ist, wo die »Demokraten« diejenige »Volksherrschaft« erst erkämpfen wollen, welche seit dem Ende des Unabhängigkeitskrieges in Amerika factisch zu Recht besteht. In Deutschland ist die Bezeichnung »Demokraten« der Name einer Partei, welche von einer andern mit entgegengesetzten Prinzipien und Tendenzen bekämpft wird. Unter der »Demokratie in Amerika« hat man aber das ganze Volk der Vereinigten Staaten mit seiner Regierung und Regierungsweise zu verstehen. Gibt es dort auch eine Partei, welche sich die demokratische nennt, so haben ihr doch die andern Faktionen diese Bezeichnung nicht ausschließlich zugestanden, sondern auch sie nennen sich demokratisch, wozu sie jedenfalls das vollkommenste Recht haben, da es ihnen noch niemals in den Sinn gekommen ist, die Demokratie, die Volksherrschaft mit ihren Rechten und Freiheiten mit der Monarchie, der Einzelnherrschaft, zu vertauschen.
In Zeiten ernster politischer Parteikämpfe und tiefeingreifender Bewegungen ist es natürlich, daß die Urtheile befangen sind. Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß die große Partei, welcher durch Annahme der demokratischen Staatsform in Deutschland eine tödtliche Wunde geschlagen würde, zu unbegründeten Vorwürfen gegen die Vereinigten Staaten geneigt ist. Es kann aber die Demokratie Nordamerikas wohl die gerechtesten Ansprüche auf Unparteilichkeit und Gerechtigkeit machen, welche nicht allein für ihr eigenes Vaterland, sondern für die ganze Menschheit so segensreich gewirkt hat. Was die Monarchieen in Europa größtentheils erst im Laufe von Jahrhunderten zu Wege brachten, haben die demokratischen Amerikaner in Jahrzehnten geschaffen. Wer kann der Kraft und der Energie eines Volkes die Anerkennung versagen, welches in kaum 80 Jahren die herrlichsten und freisinnigsten Institutionen in's Leben rief, Städte, Lehranstalten, öffentliche Institute, Canäle, Dampfschiffe, Fabriken gründete, die Wildniß urbar machte, Civilisation und Thätigkeit in Gegenden trug, die vorher nur der Fuß des Indianers betreten hatte, und sich aus der abhängigen Stellung eines brittischen Unterthanen zum stolzen Rivalen des mächtigen Albions emporgeschwungen hat. Diese Demokratie schuf ein Asyl für alle unglücklichen Verfolgten und Bedrängten, sie gründete die wahre Stätte der Freiheit und der Glückseligkeit für Millionen durch rastlose Aufopferung, Kühnheit und Ausdauer ihrer Bekenner, und doch ziehen in trauriger Verblendung gerade solche Parteimänner gegen sie am meisten zu Felde, welche durch ihre politischen Sünden und Fehler am meisten zur Größe dieser Demokratie beigetragen haben. Sie glauben durch theoretische Silbenstechereien die Glückseligkeit eines Landes hinwegdisputiren zu können, welches nur der Praxis huldigt und durch sie mächtig und stark geworden ist. Man muß vor Allem die Erscheinung fest in's Auge fassen, daß die Vereinigten Staaten einzig und allein von den Stürmen der Neuzeit verschont geblieben sind; während der Aufruhr und der Bürgerkrieg an den nördlichen und südlichen Grenzen der Union wüthete, gieng das wichtigste politische Ereigniß, welches von jeher die Gemüther in besondere Spannung versetzte, die Präsidentenwahl ruhig vorüber, und lieferte den vollkommenen Beweis, daß die Amerikaner die Bahn des Gesetzes und einer beglückenden Reform gehen.
Viele Politiker Europas sehen zum großen Theil in den amerikanischen Parteien den Keim zum baldigen Untergange der Republik, ohne zu bedenken, daß sie in ihrem eigenen Lande eine Parteistellung einnehmen, welche dasselbe ebenfalls dem Verderben entgegenführen müßte. Um an den amerikanischen Zuständen nur etwas tadeln zu können, vergessen sie, daß gerade in den amerikanischen Parteien die Stärke und die sicherste Bürgschaft für das Bestehen der Republik liegt, da sich diese beständig im Auge behalten, mit Mißtrauen beobachten, und eine Uebertretung der Gesetze und eine Verletzung der Verfassung von Seite der einen und der anderen Partei schon deßhalb ganz undenkbar ist, weil sie von den Gegnern sofort zur Publicität gebracht werden würde, wodurch die öffentliche Meinung, die größte Stütze jeder Partei, für immer und damit zugleich alle Aussicht, je wieder die Zügel der Regierung ergreifen zu können, verloren gienge. Die Parteien können ihre momentanen Siege nie zur gegenseitigen Unterdrückung und zur Schmälerung der Freiheiten des Volkes benützen, da die von ihnen zur Regierung berufenen Staatsmänner jeden Augenblick zur Verantwortung gezogen werden können.
Strenge genommen gibt es nur zwei Parteien im Lande, die demokratische und die Whigpartei, da diese beiden allein in der Regierung des Landes abwechseln; die andern haben ihre politischen Grundsätze noch nicht so weit zur Geltung bringen können, daß ihnen von dem Vertrauen der Majorität des Volkes die Regierung übertragen worden wäre.
Es darf nicht Wunder nehmen, daß in einem Lande, welches sich nur demokratischer Einrichtungen zu erfreuen hat, noch von einer demokratischen Partei die Rede seyn kann. Hier ist aber wohl zu erwägen, daß sich die Partei die »demokratische« nennt, welche seit Washington am längsten an der Spitze der Geschäfte des Landes stand, somit die Mehrheit des Volkes bei weitem öfter für sich hatte und die Demokratie, die Volksherrschaft, im Sinne und Willen der Nation viele Jahre hindurch ausübte. Die Whigpartei legt sich, wie schon bemerkt, ebenfalls das Prädikat »demokratisch« bei und nennt sich durchgängig nicht anders, als »the democratic republican whig party«, während sie ihre Gegner mit dem Spottnamen »Locofoco's« beehrt, welche als »the democratic republican party« auftreten.
Jedermann wird es natürlich finden, daß, wie in allen Staaten, so auch in Nordamerika die heterogensten Ansichten über die Grundsätze herrschen, nach denen regiert werden soll. Sowohl die äußere Politik, wie die inneren Interessen des Landes geben einen reichen Stoff zu den verschiedenartigsten Beurtheilungen, aus welchen sich allmählig die Glaubensbekenntnisse der beiden großen Parteien herausgebildet haben.
Die Partei der Demokraten besteht hauptsächlich aus der Klasse der kleineren Gewerbsmänner, der Ackerbautreibenden und der großen Mittelklasse des Volkes, während in den Reihen der Whigs vorzüglich die großen Kaufleute, Bankhalter, Fabrikanten, Monopolisten und Alle die kämpfen, welche von ihnen ihren Unterhalt beziehen. Dem Leser wird bei dieser Zusammensetzung der Parteien leicht einleuchten, daß beide in Bezug auf die Handelspolitik, welche für Amerika von so hoher Wichtigkeit ist, sehr verschiedener Ansicht seyn müssen. Während die Whigs einen hohen Eingangszoll für diejenigen Artikel verlangen, welche das Volk in Massen consumirt und zum Leben unentbehrlich hat, wünschen sie einen niedrigen für Gegenstände des Luxus, welche nur dem Reichen zugänglich sind. Trotz aller Bemühungen fiel das Prinzip der Whigs im Jahre 1847, wenn auch nur mit der Mehrheit einer Stimme [8], durch, und die siegreiche demokratische Partei gab ein neues gerechteres Zollsystem, welches in den wenigen Jahren seines Bestehens die Behauptungen der Whigs glänzend widerlegte, daß durch dasselbe der Handel und die Fabriken der Vereinigten Staaten in Verfall kommen müßten. Trotzdem bieten sie noch heute alle ihre Kräfte auf, das ihnen verhaßte neue Zollsystem zu stürzen, was sie hauptsächlich durch die Erwählung eines Präsidenten aus ihrer Partei zu bewerkstelligen hofften. Ob aber ihr siegreicher Candidat, der bekannte General Taylor, welcher die Ablegung seines politischen Glaubensbekenntnisses vor der Wahl entschieden verweigerte und diese überhaupt nur seinen großen Verdiensten in Mexico zu verdanken hat, in dieser Frage eine andere Politik, als die 1847 angenommene, verfolgen wird, dürfte sehr zu bezweifeln seyn, da alle Zeichen darauf hindeuten, daß derselbe eine von den Parteien ganz unabhängige Stellung, wie der im Jahre 1840 ebenfalls von den Whigs gewählte Tyler, behaupten wird.
[8]: Diese gab der Vicepräsident Dallas im Senate zu Washington zu Gunsten der demokratischen Partei, wofür die Whigs in Philadelphia sein Bildniß in den Straßen verbrannten.
Einen zweiten Streitpunkt zwischen den beiden Parteien gibt die Gründung einer großen Nationalbank ab, welche die Whigs kräftig bevorworten und die Demokraten entschieden verwerfen. Die traurigen Erfahrungen, welche das amerikanische Volk mit der durch Präsident Jackson gestürzten Nationalbank machte, deren Finanzoperationen unwillkührlich an die Law'schen Schwindeleien in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich erinnern, sind indessen noch in zu frischem Andenken, als daß die Whigpartei auf einen Sieg in dieser Frage hoffen dürfte. Das Bankwesen hat überhaupt an den Demokraten sehr heftige Gegner, obschon sie es bis jetzt noch zu keinem entscheidenden Resultate bringen konnten, da dieses Uebel zu tief in Handel und Wandel Wurzeln geschlagen hat.
Zu einem erbitterten Kampfe zwischen den beiden Parteien führte die Einverleibung des Texanischen Gebietes, welches nach der Erringung seiner Unabhängigkeit in die Union aufgenommen werden wollte. Die Whigs kämpften, namentlich um den Eintritt eines neuen Sklavenstaates zu verhindern, mit aller Macht gegen die Annexation, und griffen den Präsidenten Polk, der sie durchführte, auf's Heftigste an. Ihre Polemik überstieg alle Grenzen der politischen Klugheit und Mäßigung, als durch diesen Act der Krieg mit Mexico herbeigeführt wurde, welchen sie trotz der Verletzung des Völkerrechts von Seite der Mexicaner einen ungerechten und unehrenvollen nannten und dadurch die Feinde ihres Vaterlands zu einem Widerstande ermunterten, der schon im Beginne wahnsinnig, zuletzt mit dem Verluste weiter Länderstrecken für Mexico endete. Die Whigs erwarben sich durch ihr damaliges Benehmen den Spottnamen »Mexicanische Whigs«. Jedoch muß ich hier zu Ehren dieser Partei erwähnen, daß nicht Alle von diesem Friedensfanatismus befallen waren; die Generale Taylor und Winfield Scott, welche ihrer Partei angehörten, kämpften ruhmvoll an der Spitze der amerikanischen Armeen, und der Major Clay, ein Sohn eines ihrer berühmtesten Führer, des großen Staatsmannes Henry Clay, fiel auf dem Felde der Ehre.
In Betreff der Sclavenfrage sind die Ansichten beider Parteien ebenfalls sehr verschieden. Viele Whigs nehmen Antheil an den Bestrebungen der Abolitionisten, welche das sofortige und unbedingte Aufhören der Sclaverei wollen. Dieser wohlfeilen Humanitätsschwärmerei treten die Demokraten entschieden entgegen, da aus der plötzlichen Befreiung der Sclaven die unheilvollsten Folgen für die Vereinigten Staaten erwachsen würden; denn es stände in diesem Falle nicht allein die Lösung der Union, die nur durch die große Weisheit und Mäßigung Washingtons gegründet wurde, sondern auch ein Kampf zwischen der weißen und der farbigen Raçe zu befürchten, welchen in neuester Zeit als Folge zu rascher Emancipation die Franzosen in ihren Colonieen so sehr zu beklagen hatten.
Die Whigs machten vor mehreren Jahren in dem Staate New-York den Versuch, den freien Negern das volle Bürgerrecht und mit diesem das Stimm- und Wahlrecht einzuräumen. Als aber dem Volke die Entscheidung vorgelegt wurde, fiel die Frage mit großer Majorität, weil die öffentliche Meinung sich hinlänglich davon überzeugt hatte, daß zu einem solchen hohen Grade der Freiheit und bürgerlichen Berechtigung die Neger denn doch noch lange nicht genug Civilisation und Bildung besäßen. Namentlich fürchtete man, sie möchten von ehrgeizigen Parteimännern zu Parteizwecken gewonnen, und dadurch die Wohlthat der allgemeinen freien Wahl zum Fluche für das Land werden. Bei der Rohheit der Farbigen, bei ihrer übeln Ausdünstung und ihren vielen, der weißen Raçe höchst widrigen Gewohnheiten ist an einen engeren Verband, sey es im Staats- oder Familienleben, vorläufig noch gar nicht zu denken.
Der Leser wird aus dieser Charakteristik der beiden großen Parteien nun entnehmen können, welcher Art die Parteikämpfe in Amerika sind. Sie bleiben, einzelne Fälle, für die man die Parteien nicht verantwortlich machen darf, stets in den Schranken des Gesetzes, und jede fügt sich der Majorität, und wenn sie auch nur durch eine einzige Stimme errungen wurde. Der unterlegene Theil ist niedergeschlagen über die erlittene Schlappe, tröstet sich aber mit der Aussicht auf den Sieg bei dem nächsten Wahlkampfe.
Die kleineren Parteien, die Antirenter, Abolitionisten und Nationalreformer haben bis jetzt momentan nur dann eine größere Bedeutung erlangen können, wenn sie sich bei besonders wichtigen Wahlkämpfen mit der einen oder der anderen Hauptpartei verbanden und dieser durch ihre Unterstützung den Sieg verschafften. Von den letztgenannten Fraktionen haben wohl nur die Nationalreformer eine Zukunft, da die Grundsätze der beiden ersteren viel zu einseitig und theilweise auch zu ungerecht und fanatisch sind, um auf einen Sieg hoffen zu dürfen.
Dreizehntes Capitel.
Die Nationalreformer. Deutsche communistische
Colonieen.
Die Partei der Nationalreformer hat sich erst seit wenigen Jahren gebildet und organisirt. Ihre Entstehung verdankt sie dem Socialismus, welcher auch in Amerika Eingang gefunden und dort, und zwar nach den unglücklichen Erfolgen der L. Blanc'schen Experimente, bis jetzt allein praktische Seiten gewonnen hat. Zu ihren Anhängern zählt sie viele Demokraten und Whigs, eine ziemliche Anzahl Arbeiter, den kleineren Handwerksstand und eine Masse sonst indifferenter Personen, welche sich von der Realisirung der Grundsätze dieser Partei einen greifbaren Gewinn, nämlich einen kostenfreien Grundbesitz versprechen. Mancher meiner Leser wird hier bedauern, daß sich auch in Amerika schon Communisten, rothe Republikaner und Feinde des Eigenthums befinden, welche durch die Verfolgung unausführbarer Ideen allen gesetzlichen Boden unterwühlen und die Existenz der Republik gefährden. Dem ist aber zum Glücke nicht so; das amerikanische Volk hat einerseits viel zu viel Achtung vor dem von ihm selbst gegebenen Gesetz, andererseits betheiligt es sich nur bei solchen Parteibestrebungen, bei denen der günstige Erfolg fast außer Zweifel ist, denn es ist nichts weniger, als ein Freund unpraktischer und hohler Theorieen.
Die Nationalreformer gehen von dem Grundsatze aus, daß die Erde, der Grund und Boden Eigenthum Aller sey, und stellten daher das Axiom auf: »das Land soll frei seyn«, d. h. es soll nicht verkauft werden und nicht zum Gegenstand des Wuchers und der Spekulation dienen, da es gleich dem Feuer, dem Wasser und der Luft zum Leben unentbehrlich sey, indem der Mensch ohne Boden verhungern, wie der Fisch ohne Wasser verschmachten müsse.
Diese Partei beabsichtigt jedoch keineswegs, die Grundbesitzer in ihren wohlerworbenen Rechten zu kränken und bereits verkauftes Land unter sich zu vertheilen, sondern ihr Wirken geht dahin, den Verkauf des bis jetzt noch unverkauften und unbebauten Landes in Amerika zu verhindern, und von dem Congresse ein Gesetz zu erlangen, welches die Erwerbung von Grundbesitz nur dem wirklichen Bebauer gestattet. Dieses strenge im Auge behaltend, verlangen sie, daß jeder wirkliche Ansiedler unentgeldlich 160 Acres Land in Besitz nehmen könne; da aber »das Land frei seyn soll«, ist dem jedesmaligen Besitzer eines solchen Gütercomplexes der Verkauf, die Verpachtung und die Aufnahme von Hypotheken zu untersagen. In dem Falle des Aussterbens einer Familie fällt der Grundbesitz wieder dem Staate anheim.
Die Tragweite dieser Maßregel wäre bei praktischer Durchführung gar nicht zu ermessen, denn es würde durch sie nicht allein die mittlere Klasse Amerikas, welche sich im Besitze einigen Baargeldes befindet, in den Stand gesetzt, sich eine sichere Heimath zu gründen und unabhängig von Anderen zu leben, sondern auch bei dem Wegzuge von Arbeitern in's Innere des Landes der neuankommende Handwerker leichter und schneller untergebracht und dem Sinken des Arbeitspreises am besten vorgebeugt. Für das übervölkerte und vom Proletariate überschwemmte Europa würde die Durchführung dieses großen Gedankens ebenfalls ein Segen seyn, da vielen kleineren Bauern und Handwerkern, die sich in Europa nur höchst kümmerlich nähren, obschon sie einen kleinen Capitalwerth besitzen, die Auswanderung gewiß sehr erleichtert wäre, wenn sie die Summe für den Ankauf des Landes in Amerika nicht mehr zu entrichten hätten.
Der Ausführung selbst steht wenig im Wege, wenn man das Geschrei der Bankmänner und Capitalisten allenfalls nicht zu hoch anschlagen will, welche sich durch Landschacher in kurzer Zeit ein ungeheures Vermögen erworben haben, denn es liegen in dem weiten Gebiete der Vereinigten Staaten mit Einschluß des in Folge des Mexicanischen Friedensschlusses acquirirten Landes noch 1000 Millionen Acres Land unbebaut da. Mögen auch hiervon Millionen steril, versumpft oder wegen klimatischer Verhältnisse unbewohnbar seyn, so wäre doch vielen Hunderttausenden von Familien ein freier Grundbesitz erworben. Der raschen Lösung der Aufgabe, welche sich die Nationalreformer gestellt haben, steht nur ein Hinderniß entgegen, nämlich die Deckung des dadurch in der Staatskasse entstehenden Ausfalls, da der Landverkauf bis jetzt jährlich immer einige Millionen Dollars eingetragen hat. Es liegt aber außer allem Zweifel, daß eine der großen Parteien die Nationalreformer in der Durchführung der Bodenfrage unterstützen muß, da diese durch ihre rastlosen Bemühungen und namentlich durch die außerordentliche Thätigkeit eines eingewanderten Engländers, des Mr. Evans, zahlreiche Anhänger im Volke gefunden haben. Das von ihm redigirte Journal »Young America« hat sich im Jahre 1847 und 1848 einen weiten Leserkreis erworben und für die Grundsätze der Partei eine weitausgedehnte Propaganda gemacht.
Die Bodenfrage wurde im Jahre 1847 von einem großen Theile der demokratischen Partei in ihrem Hauptquartiere Tammany-Hall in einem großen und begeisterten Meeting als ein neuer Grundsatz ihres Glaubensbekenntnisses anerkannt, und seit jenem Tage sprechen sich auch immer mehr einflußreiche Stimmen im Congresse für sie aus.
Eine andere, weniger wichtige, jedoch immer tief in's Leben greifende Maßregel suchen die Nationalreformer noch in der Herabsetzung der Arbeitszeit auf 10 Stunden durchzusetzen. Der Staat hat schon seit längerer Zeit bei den Staatsbauten diesen Grundsatz adoptirt, und es wird selbst in den Manufacturen und Fabriken New-Yorks, wenn von ihnen die Arbeit nicht stückweise in Accord gegeben wird, die vor Morgens 7 Uhr und nach Abends 6 Uhr geleistete extra vergütet. Nur in den großen Baumwollenfabriken, namentlich in Lowell, wird noch 12 Stunden und länger gearbeitet.
Die Nationalreformer unterstützen bei den Wahlen keinen Candidaten, der nicht ihr Pledge unterzeichnet, d. h. welcher nicht die schriftliche Zusicherung ertheilt hat, daß er nach Kräften für die Bodenfrage thätig seyn will. Sie nehmen darauf bei allen, selbst bei den unbedeutendsten Wahlen strenge Rücksicht, um ihre Partei immer mehr zu vergrößern, und es ist ihnen bereits gelungen, diese schriftliche Zusicherung von mehreren einflußreichen Demokraten und Whigs zu erlangen.
Auch bei den Deutschen hat die Agitation für die Bodenfrage mächtig um sich gegriffen und durch eine tüchtige Organisation eine solche Verbreitung und Bedeutung erhalten, daß ein deutsches Blatt, »Der Volkstribun«, ein ganzes Jahr lang erschien, um durch dasselbe die Grundsätze der Nationalreformer unter den Deutschen in derselben Art zu verbreiten, wie sie Mr. Evans in seinem Blatte »Young America« bei den Englischsprechenden vertrat.
Einzelne deutsche Nationalreformer haben auch Versuche zur Gründung von communistischen Colonieen gemacht, welche aber, soweit sie mir bekannt wurden, sämmtlich scheiterten. Im Jahre 1847 machten sich Sechs von ihnen, welche von der praktischen Durchführung des Communismus überzeugt waren, auf, um hinter Wisconsin in den nördlichen Gegenden des Mississippi eine Probe mit dem Zusammenleben in Gemeinschaft zu machen. Sie verkauften ihre Mobilien in New-York, versorgten ihre Familien mit dem Nothwendigsten, da sie diese einstweilen bis zur Errichtung von Blockhäusern zurücklassen wollten, und machten sich gut ausgerüstet auf den Weg. Mehrere von ihnen waren Mechaniker und hatten vor ihrer Abreise eine Schneidemühle construirt, die sie in den westlichen Wäldern aufstellen wollten, um Bretter und Balken auf dem Mississippi nach den südlichen Märkten zum Verkauf bringen zu können. Als sie an den nördlichen Seen angekommen waren, kauften sie Vieh, und wollten sich nun mit Wagen und einer Masse von Geräthschaften aller Art weiter in's Innere begeben, als Ereignisse eintraten, welche das ganze communistische Bündniß lösten. Um nämlich mit Allem versehen zu seyn, was man in der Wildniß entbehren muß, hatten sie auch nicht vergessen, eine große Tonne Brandwein mitzunehmen, wofür sich namentlich Einer von ihnen, ein großer Liebhaber des Feuerwassers, so lebhaft interessirte, daß er den ganzen Tag nicht mehr von dem Spundloche wegzubringen war. Die Anderen, welche den gleichen Antheil hatten, wollten natürlich nicht zu kurz kommen, und so endete die ganze Unternehmung in der traurigsten Weise in abwechselnder Rauferei und Trunkenheit, nachdem sich vorher die besseren Elemente von ihnen entfernt hatten, um wenigstens noch Etwas aus dem gemeinschaftlichen Schiffbruche zu retten. Nach drei Monaten kamen Diejenigen, deren Weiber und Kinder bis dahin in der frohen Erwartung gelebt hatten, bald in das neue Eldorado eingeführt zu werden, leer zurück, da sie das Wenige, was noch übrig geblieben war, verkaufen mußten, um nur die Mittel zur Heimreise zu erlangen.
Ein anderes ähnliches Unternehmen scheiterte zwar nicht aus Mangel an Eintracht, Nüchternheit und Thätigkeit, trug aber schon deßhalb den Keim eines frühen Todes in sich, weil die Betheiligten bei der Anlage weit über ihre Mittel hinausgegangen waren, und zuletzt der dringend nothwendige Geldzuschuß ausblieb.
Die traurigen Folgen solcher Versuche sind meistens Verlust des Vermögens und Haß und Feindschaft zwischen den einzelnen Mitgliedern solcher Vereine. Sie waren jedoch immer nur Privatsache einzelner deutschen Mitglieder der Nationalreformpartei und diese hat in ihrer Gesammtheit nichts damit zu thun.
Vierzehntes Capitel.
Eintritt in ein neues Geschäft. Eine alte
und eine neue Bekanntschaft. Amerikanische
Stutzer und Beutelschneider.
Die New-Yorker Polizei.
Die Vergleichung und Beobachtung der verschiedenen Parteien gewährte mir mannichfaches Interesse und manche Stunde wurde ihr gewidmet. Obschon ich in der Zeit, in welcher ich die Functionen eines Lehrers für meinen kranken Freund besorgte, genug Gelegenheit hatte, mich mit den politischen und socialen Verhältnissen bekannt zu machen, so sorgte doch das Schicksal in ganz besonders liebevoller Weise für die Erweiterung meiner Erfahrungen dadurch, daß es mich als Arbeiter in die verschiedensten und entgegengesetztesten Geschäfte des Lebens einführte.
Die Genesung meines kranken Collegen führte mich aus der Schule in eine Rauchwaarenhandlung, wo ich die angenehmen Verrichtungen eines Pelzklopfers und Packers ausführte. Als ich zum erstenmale in mein neues Geschäft eintrat, kam ein alter Jenenser Universitätsfreund in einer blauen Schürze auf mich zu, um mich zu umarmen, und ein anderer staubiger, im Lager beschäftigter Arbeiter theilte mir, als er hörte, daß ich studirt habe, mit, daß er in Göttingen zum Doctor juris utriusque promovirt worden sey. Ich freute mich, gebildete Mitarbeiter zu finden, und wir lachten Alle herzlich über die eigenthümliche Schickung, welche drei frühere deutsche Studenten bei einem amerikanischen Kürschner zusammenführte.
Hatte ich mich in meiner Eigenschaft als Lehrer größtentheils auf mich selbst beschränkt, so bot sich mir jetzt hinreichende Gelegenheit, mehr in's Leben und unter Menschen zu kommen. Ich benutzte hauptsächlich die Sommerabende, um mit meinen neuen Freunden an der Battery und am Broadway zu promeniren. Früher schon erwähnte ich, daß der Broadway der Sammelplatz der fashionablen Welt ist; man hat hier aber auch Gelegenheit, Dinge und Menschen zu beobachten, welche dem Deutschen eben nicht besonders fashionable erscheinen, z. B. die eleganten Dandys in den Hotels, welche den vorübergehenden Damen aus den Parterrefenstern nicht etwa ihre mit Wohlgerüchen geschwängerten Lockenköpfe, sondern den Glanz ihrer Fußbekleidung präsentiren. Beim Eintritt in den Salon einer Restauration nimmt ein solcher Stutzer seinen Brandy oder Gin zu sich, wirft sich mit brennender Cigarre auf einen Armstuhl am Fenster in malerische Situation und streckt seine übereinandergeschlagenen Beine über das marmorne Fenstergesims auf die Straße hinaus. Dann überläßt er sich einer tiefsinnigen Betrachtung dessen, was auf der Straße vorgeht, und nur selten wechselt er einige Worte mit einem Bekannten. Mit gleicher Behaglichkeit legt er auch die Füße auf den Tisch, ohne daß er glaubt, dies könne Jemand mißfallen.
Diese Classen von Menschen sind mehr oder weniger in allen Hotels zu finden; obgleich sie, diese liebenswürdige Unverschämtheit ausgenommen, an welche man sich übrigens in Kurzem gewöhnt hat, ein feines und anständiges Benehmen zeigen, so hat der Fremde wie der Einheimische doch alle Ursache, sich so weit als möglich von ihnen entfernt zu halten, da unter der Maske eines solchen elegant gekleideten Dandys Individuen umherschleichen, bei denen das Mein und Dein eine solche Begriffsverwirrung hervorgebracht hat, daß sie gerne ihre Hand in die Taschen des Nachbars hinabgleiten lassen, um diesem sein Pocketbook zu entführen. Im Punkte der Dreistigkeit und Gewandtheit können sich diese Burschen getrost mit den routinirtesten Beutelschneidern des europäischen Continents messen, obschon sie gut genug wissen, daß, falls das Auge eines unberufenen Polizeimannes sie zufälligerweise bei ihrem gewinnbringenden Treiben überraschen sollte, sie auf längere Zeit von den Gerichten der Republik in die Unmöglichkeit versetzt werden dürften, ihr Gewerbe, das ihnen Unterhalt und Unterhaltung zugleich verschafft, zum Nachtheile des Publikums auszuüben.
Aber nicht allein die Industrieritter in modernen Kleidern sind dem Publikum gefährlich, sondern auch die Colleginnen der bekannten Laïs, welche in den feinsten Stoffen und dem geschmackvollsten Putze auf dem Trottoir des Broadway dahinrauschen und ihre Netze auswerfen, um die Fremden in den großen Hotels mitsammt der Baarschaft zu fangen. Großentheils stehen sie mit den obenerwähnten Gaunern in Verbindung, welche ihren Raub sofort in Sicherheit bringen.
Noch eine Erscheinung, welche ich ebenfalls nicht fashionable finden konnte, fiel mir bei meinen Wanderungen durch die Stadt auf, nämlich das freie Herumlaufen von Schweinen in den Straßen, welche sich dort Nahrung und Futter suchen. Wenn sich diese auch nicht in den Broadway verirren, da sie dort ohnfehlbar überfahren würden, so ist es immer unangenehm, bei schlechtem Wetter in den anderen Straßen der Gefahr ausgesetzt zu seyn, von diesen unreinlichen Thieren beschmutzt zu werden. Dieser Uebelstand wird jedoch von selbst aufhören, wenn die durch die Stadt zu führenden Kanäle sämmtlich ausgebaut seyn werden, da dann der Unrath, welcher jetzt in die Gossen geworfen wird und eine so bedeutende Attractionskraft auf diese Vierfüßler ausübt, direct in den Strom und in die See hinausgeht.
Trotz so mancher Uebelstände, die mir auffielen und nach meiner Ansicht auch dem Auge der Polizei nicht hätte entgehen sollen, hatte ich bis jetzt noch keinen Constabler gesehen, da ich mir dieselben ebenso geschmackvoll uniformirt dachte, als in Deutschland. Meine Begleiter erklärten mir aber, daß die Polizeimänner New-Yorks durchgängig Civilkleider tragen und nur an einem einfachen Messingstern erkenntlich sind, welchen sie auf der linken Seite der Brust am Rocke führen. Gehen sie auf Verfolgung aus, so nehmen sie denselben herab und befestigen ihn unter dem Rocke an der Weste, oder haben ihn in der Tasche bei sich, um sich im Nothfalle mit ihm als Diener des Gesetzes legitimiren zu können. Bei feierlichen Gelegenheiten erscheinen sie in schwarzem Frack und Hosen, und führen als Amtszeichen einen ohngefähr sechs Fuß hohen Stock, an dessen Spitze ein vergoldeter Knopf befestigt ist.
Obschon die Constabler in New-York eine sehr bedeutende Anzahl bilden, so haben sie doch einen ziemlich anstrengenden Dienst, da ihnen wegen gänzlichen Mangels an Militair, welches nur in sehr geringer Anzahl in Governers-Island und Fort Hamilton zur Bewachung der Geschütze und Arsenale liegt, ganz allein die Sicherheit der Stadt anvertraut ist. Trotzdem entflieht ihnen nur selten ein Verbrecher, und namentlich bei Nachtzeit, wenn es weniger lebendig in den Straßen zugeht, können sie gefährliche Subjecte leicht einholen, da sie auf eine eigenthümliche Weise ihre Collegen von deren Nähe in Kenntniß setzen. Sie sind nämlich bei Nacht mit einem starken Stocke bewaffnet, welcher unten mit Blei ausgegossen ist; sobald sie etwas Verdächtiges bemerken, lassen sie denselben auf das mit Granitquadern belegte Trottoir fallen, was einen hellen schrillenden Ton hervorbringt. Dieses Signal wiederholen alle Constabler in der Nähe der Reihe nach, und geben sich auf diese Weise fast so rasch wie durch einen Telegraphen die Kunde, daß Jeder auf seinem Posten steht und wachsam ist. Es ist kaum möglich, daß die Aufmerksamkeit sämmtlicher Mannschaft eines Distrikts in einem Augenblicke schneller rege gemacht werden kann, und die Flucht ist, wenn der Verbrecher beobachtet wurde, selten mit Erfolg ausgeführt worden.
Ich erinnere mich während meines Aufenthaltes mehrerer Fälle, wo Constabler flüchtige Uebertreter der Gesetze 800-1000 engl. Meilen weit verfolgten und sie glücklich zurückbrachten, trotzdem daß diesen fast jede Stunde Eisenbahnen und Dampfschiffe nach allen Richtungen hin zu Gebote standen.
Das Institut der New-Yorker Constabler ist deßhalb ein so vorzügliches, weil auch sie aus der allgemeinen Wahl hervorgehen. Es kann daher nur Derjenige zu einem solchen Amte gelangen, welcher das Vertrauen seiner Mitbürger genießt. Diese haben die gesetzliche Verpflichtung, den Polizeimann in der Ausübung seines Berufes zu unterstützen und ihm namentlich im Falle der Widersetzlichkeit bei Arrestationen zur Seite zu stehen, da diese nur bei Ergreifung auf frischer That oder gegen Vorzeigung eines richterlichen Verhaftsbefehls vorgenommen werden dürfen. Aeußerst selten hört man über Rohheit und Unmenschlichkeit bei Verhaftungen klagen, und die Constabler genießen die allgemeine Achtung, welche der europäischen Polizei nicht durchgängig gezollt wird.
Fünfzehntes Capitel.
Künstlerlaufbahn. Der Marmorpalast.
So angenehm meine Abende vergiengen, da ich in den Feierstunden immer etwas Neues und Anziehendes kennen lernte, so traurig und langsam schlich mir der Tag bei meinem einförmigen und schmutzigen Geschäfte dahin, welches mir trotz meiner studirten Collegen in der Mitte der ersten Woche bereits so verleidet war, als hätte ich es Jahre lang getrieben. Ich machte auch aus meiner Abneigung gegen die unangenehm riechenden Rauchwaaren kein Hehl, und da wollte es ein glücklicher Zufall, daß mich ein Deutscher für einen Maler engagirte, der die Ausmalung eines neuen prachtvollen Ladens im Broadway übernommen hatte. Der Wechsel war groß und bedeutend, statt Bären-, Reh- und Hirschfelle nahm ich den Pinsel zur Hand, betrat die hehre Künstlerbahn und malte durch Schablonen. Der Unterschied fiel mir schon deßhalb sehr auf, da ich nicht mehr so schwer zu arbeiten hatte, statt um 7 Uhr erst um 8½ Uhr Morgens mit meinem Tagewerke begann, welches schon um 5½ Uhr beendigt war, bessere Bezahlung erhielt und zu Alledem in ein Atelier eintrat, in welchem alle möglichen Landeskinder ihre Geschicklichkeit und ihren Fleiß entwickelten. Der Prinzipal war ein Italiener; außer ihm arbeiteten noch zwei Landsleute von ihm mit; die übrigen Maler bestanden aus vier Deutschen, einem Schottländer, einem Irländer, zwei Franzosen und mehreren Amerikanern, so daß man wie beim babylonischen Thurmbau im buntesten Durcheinander deutsch, französisch, englisch und italienisch sprechen hörte. Unser Aller Herr und Meister verstand, Deutsch ausgenommen, die drei anderen Sprachen ziemlich fertig. Wir mußten oft herzlich lachen, wenn er zu dem ersten Besten seiner Leute hinrannte und ihm blitzschnell in einer Sprache eine Menge von Aufträgen ertheilte, von der der Angeredete kein Wort verstand; dies amusirte ihn jedoch immer selbst am meisten, und sich an die Stirne schlagend entfuhr ihm in solchem Falle manches Goddam!
Das ganze großartige Gebäude, welches meine Kunst mit verschönern sollte und wegen seiner außerordentlichen Eleganz eine nähere Beschreibung verdient, ließ ein Amerikaner Namens Stewart aufführen. Die Hauptstadt des feinen Geschmacks, Paris, hat keinen solchen Laden, wie diesen von Grund und Boden neuerbauten aufzuweisen, welcher vom New-Yorker Publikum den stolzen, aber wohlverdienten Namen des Marmorpalastes erhalten hat, weil ähnlich der City-Hall die Hauptfronte mit Marmor überkleidet ist. Ueber mehrere Stufen von weißem Marmor gelangt man in einen breiten und tiefen Saal, dessen reich bemalte Decke von Säulen mit Capitälen von Gyps getragen wird. Rechts und links befinden sich zwei Reihen von polirten Fachgestellen, welche alle Modeartikel von den ordinairsten bis zu den kostbarsten enthalten. Diese Repositorien, welche den großen Saal in drei kleinere abtheilen, erheben sich jedoch nicht bis zu der Höhe der Decke, um die Weitläufigkeit des Ganzen überschauen zu lassen. Das Licht fällt bei Tage durch hohe Fenster mit ungeheuren Scheiben vom feinsten geschliffenen Glase in die inneren Räume, welche bei Nacht durch glänzende Gaslampen erleuchtet werden. Selbst dem gewandtesten Diebe dürfte es schwer fallen, in dieses herrliche und reiche Verkaufslokal einzubrechen, da in allen Fensterstöcken ein eiserner Falz angebracht ist, in welchen zu gleicher Zeit in Folge der Thätigkeit einer Maschine eiserne Läden von Oben nach Unten vor den Scheiben einfallen.
Geht man von dem Haupteingange in gerader Linie nach dem Hintergrunde, so gelangt man in eine große Rotunde, welche sich drei Stockwerke hoch erhebt und ihr Licht von einer großen Glaskuppel empfängt. Die hinterste Wand ist mit Spiegelglas getäfelt, was die Schönheit des Ganzen in's Vielfache vermehrt. Hier führet eine große, nach einer Reihe von Stufen sich nach der rechten und linken Seite hin theilende Treppe zu einer Gallerie empor, welche zu dem Verkaufslokale des ersten Stockes führt, welches die Größe des unteren Saales hat. Von da aus gelangt man auf einer einfachen Stiege in den zweiten Stock, in welchem die Vorräthe aufgespeichert liegen.
Wie man von der Rotunde nach Oben gelangen kann, so steigt man auch von ihr auf einer ähnlichen Treppe in die unteren Räume, in welcher die ankommenden Ballen und Kisten ausgepackt und die Waaren ausgezeichnet werden.
Neben dem reichsten Geschmacke zeigt sich allenthalben auch die Aufmerksamkeit für die Bequemlichkeit des Käufers, da vor jedem Ladentische kleine runde Stühlchen angebracht sind, damit namentlich das zartere, in die Herrlichkeiten der Mode versunkene Geschlecht die vorgelegten Artikel mit Muße betrachten und bewundern kann.
In diesem Geschäfte sind über 60 Commis thätig, welche die Sprachen aller civilisirten Völker sprechen. Diese wohnen sämmtlich in einem Hinterhause, in welchem einem Jeden von ihnen sein eigenes Zimmer angewiesen ist. Der Leser wird sich aus dieser Schilderung eine Idee von der Größe dieses Gebäudes machen können, in welchem noch die schöne und nützliche Einrichtung getroffen ist, daß ein Druckwerk laufendes Wasser in alle Stockwerke treibt. Jeder Besucher dieses herrlichen Etablissements wird gerne zugestehen, daß es in der That den Namen »Marmorpalast« verdient.