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Zwei Städte

Chapter 25: Elftes Kapitel. Ein Seitenstück.
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About This Book

The narrative interweaves the fortunes of several people living in two contrasting urban centers on the verge of political upheaval, tracing how private loyalties, family ties, and a tender affection endure amid growing public violence and injustice. It moves from relative calm through escalating unrest to revolutionary crisis, depicting imprisonment, legal peril, and the moral choices that arise. Central motifs include resurrection, duality, and self-sacrifice, and the work alternates intimate domestic scenes with large-scale scenes of crowd fury, culminating in a redemptive act that reframes personal identity and moral responsibility.

Elftes Kapitel.
Ein Seitenstück.

„Sydney,“ sagte Mr. Stryver in derselben Nacht oder an demselben Morgen zu seinem Schakal; „braut noch eine Bowle Punsch; ich habe Euch Etwas zu sagen.“

Sydney hatte diese Nacht und vorige Nacht und vorvorige Nacht und viele Nächte hintereinander doppelt und dreifach gearbeitet und vor dem Beginn der langen Gerichtsferien unter Mr. Stryvers Acten tüchtig aufgeräumt. Endlich war er damit fertig; die Stryverschen Rückstände waren alle nachgeholt; Alles war erledigt, bis der November wieder mit seinen atmosphärischen und juristischen Nebeln kam und neues Korn auf die Mühle schüttete.

Sydney war in Folge so großer Anstrengung nicht munterer und nicht nüchterner geworden. Er hatte viel Extrahandtücher gebraucht, um sich durch die Nacht zu schleppen; eine Extraquantität Wein war den nassen Handtüchern vorausgegangen; und er war in einem sehr angegriffenen Zustande, wie er jetzt den Turban abriß und in das Waschbecken warf, in welchem er ihn während der letzten sechs Stunden von Zeit zu Zeit getränkt hatte.

„Braut Ihr die andere Bowle Punsch?“ sagte Stryver, der behäbig mit den Händen im Hosenbunde vom Sopha aufschaute, auf dem er ausgestreckt lag.

„Ja.“

„Nun, so hört mal! Ich will Euch Etwas sagen, was Euch vielleicht überraschen und Euch vielleicht sagen machen wird, daß ich doch nicht so gescheut sei, als Ihr gewöhnlich geglaubt hättet. Ich gedenke zu heirathen.“

„Wirklich?“

„Ja. Und nicht nach Geld. Was sagt Ihr nun?“

„Ich wüßte eben nicht, was ich sagen sollte. Wer ist es?“

„Rathet mal.“

„Kenne ich sie?“

„Rathet mal.“

„Um fünf Uhr früh, wo mein Kopf von der Arbeit und vom Weine brennt, habe ich keine Lust zu rathen. Wenn ich rathen soll, müßt Ihr mich zu Tische einladen.“

„Nun, so will ich’s Euch sagen,“ sagte Stryver, indem er sich langsam aufrichtete, bis er zum Sitzen kam. „Sydney, ich zweifle fast an der Möglichkeit, mich Euch verständlich zu machen, weil Ihr ein so entsetzlich herzloser Mensch seid.“

„Und Ihr,“ gab der mit dem Punschbrauen Beschäftigte zurück, „seid ein gefühlvolles und poetisches Gemüth.“

„Ha, ha,“ entgegnete Stryver mit prahlerischem Lachen, „obgleich ich keinen Anspruch darauf mache, eine Perle der Poesie zu sein (denn das, hoffe ich, weiß ich besser), so habe ich doch mehr Herz als Ihr.“

„Ihr habt mehr Glück, das ist Alles.“

„Das will ich nicht sagen. Ich meine, ich bin ein Mann von mehr —“

„Sagt Galanterie, weil Ihr einmal dabei seid,“ half ihm Carton ein.

„Gut! Ich will sagen Galanterie. Ich wollte sagen, daß ich ein Mann bin,“ sagte Stryver und blies sich seinem punschbrauenden Freunde gegenüber auf, „der mehr als Ihr darauf giebt, in Damengesellschaft angenehm zu sein, der sich mehr Mühe giebt, angenehm zu sein und der es besser versteht, angenehm zu sein.“

„Weiter,“ sagte Sydney Carton.

„Nein; aber ehe ich fortfahre,“ sagte Stryver und schüttelte in seiner polternden Weise den Kopf, „muß ich das aus Euch heraus haben. Ihr seid bei Dr. Manette aus- und eingegangen, so gut wie ich und mehr als ich. Aber wahrhaftig, ich habe mich geschämt wegen Eures mürrischen Wesens dort! Ihr habt Euch dort so verstockt und ingrimmig gezeigt, daß ich auf Seele und Ehre mich Eurer geschämt habe, Sydney.“

„Einem Mann mit Eurer Praxis vor Gericht müßte es sehr wohlthätig sein, sich wegen Etwas zu schämen,“ entgegnete Sydney; „Ihr solltet mir dafür sehr verbunden sein.“

„So kommt Ihr mir nicht los,“ gab ihm Stryver zur Antwort; „nein, Sydney, es ist meine Pflicht, Euch zu sagen — und ich sage es Euch in’s Gesicht zu Eurem Besten, daß Ihr in Gesellschaft verteufelt schlecht paßt. Ihr macht Euch geradezu unangenehm.“

Sydney trank ein volles Glas von dem Punsche aus, den er gebraut hatte und lachte.

„Seht mich an!“ sagte Stryver, indem er sich gerade richtete; „ich brauche mir weniger Mühe zu geben als Ihr, weil ich unabhängiger gestellt bin. Warum mache ich mich angenehm?“

„Das habe ich noch nie von Euch gesehen,“ brummte Carton.

„Weil es politisch ist; ich thue es aus Grundsatz. Und seht mich an! Ich komme vorwärts.“

„Ihr kommt aber gar nicht vorwärts mit der Auseinandersetzung Eurer Heirathspläne,“ gab Carton mit gleichgültiger Miene zur Antwort. „Ich wollte, Ihr bliebt dabei. Was mich betrifft, so müßt Ihr doch endlich einsehen, daß ich unverbesserlich bin.“

Er sagte dies, nicht ohne daß den Ton seiner Stimme Etwas von Bitterkeit durchklang.

„Ihr habt nicht den Beruf, unverbesserlich zu sein,“ gab sein Freund in keinem sehr besänftigenden Tone zur Antwort.

„Ich habe überhaupt keinen Beruf, zu sein,“ sagte Sydney Carton. „Wer ist die Dame?“

„Laßt Euch von der Nennung des Namens nicht unangenehm berühren, Sydney,“ sagte Mr. Stryver, mit prahlerischer Freundschaftlichkeit ihn auf die Enthüllung vorbereitend, „weil ich weiß, daß Ihr nicht die Hälfte von dem meint, was Ihr sagt; und wenn Ihr Alles meintet, so hätte es nicht Viel zu sagen. Ich mache diese kleine Vorrede, weil Ihr früher einmal von dieser jungen Dame in geringschätzigen Ausdrücken gesprochen habt.“

„Ich?“

„Gewiß; und in diesem Zimmer.“

Sydney Carton sah in sein Punschglas und sah seinen selbstgefälligen Freund an; trank seinen Punsch und sah wieder seinen selbstgefälligen Freund an.

„Ihr nanntet die junge Dame einen blondgelockten Puppenkopf. Die junge Dame ist Miß Manette. Wenn Ihr ein Kerl von Herz oder Zartgefühl oder überhaupt von Gefühl in dieser Richtung wäret, Sydney, so hätte ich Euch grollen können für diesen Ausdruck; aber das seid Ihr nicht. Euch fehlt dieses Gefühl ganz und gar, deshalb verletzt mich diese Aeußerung nicht mehr, als mich das Urtheil eines Mannes über eins meiner Bilder verletzen würde, der kein Auge für Malerei hat; oder über ein Musikstück von mir, wenn er kein Ohr für Musik hat.“

Sydney Carton trank mit großem Eifer Punsch; trank ihn in ganzen Gläsern und sah dabei seinen Freund an.

„Nun habe ich Euch Alles gesagt, Sydney,“ sagte Mr. Stryver. „Nach Geld frage ich nicht; sie ist ein reizendes Geschöpf und ich habe mir einmal in den Kopf gesetzt, nach meinem Geschmack zu wählen; im Ganzen glaube ich, kann ich es haben, nach meinem Geschmack zu wählen. Sie bekommt einen Mann, der so ziemlich wohlhabend ist, einen Mann, der rasch reich wird und einen Mann von einiger Auszeichnung; es ist ein ordentliches Glück für sie, aber sie verdient es. Wundert Ihr Euch, oder seid Ihr überrascht?“

Carton, immer noch seinen Punsch trinkend, gab zur Antwort: „Warum sollte ich überrascht sein?“

„Ihr seid damit einverstanden?“

Carton, immer noch seinen Punsch trinkend, gab zur Antwort: „Warum sollte ich nicht damit einverstanden sein?“

„Na,“ sagte sein Freund Stryver, „Ihr nehmt es leichter als ich glaubte und zeigt Euch weniger selbstsüchtig in Bezug auf mich, als ich erwartete; obgleich Ihr jetzt gut genug wißt, daß Euer alter Schulkamerad ein Mann von ziemlich starkem Willen ist. Ja, Sydney, ich habe dieses Leben satt, wenn gar keine Abwechslung dabei ist; ich fühle, daß es doch hübsch ist für einen Mann, eine Familie zu haben, in deren Kreise er verweilen kann, wenn er Lust dazu hat (wenn er keine hat, kann er wegbleiben), und ich fühle, daß Miß Manette sich in jeder Stellung gut ausnehmen und mir immer Ehre machen wird. So habe ich denn meinen Entschluß gefaßt. Und jetzt, Sydney, alter Knabe, möchte ich auch noch ein Wörtchen mit Euch über Eure Zukunft sprechen. Ihr seid auf einem schlimmen Wege; Ihr seid wahrhaftig auf einem schlimmen Wege. Ihr kennt den Werth des Geldes nicht, Ihr lebt mehr als flott und an einem schönen Tage werdet Ihr auf einmal daliegen, krank und ohne Geld. Ihr müßt Euch wahrhaftig nach einer Pflege umsehen.“

Die behäbige Gönnermiene, mit der er dies sagte, machte, daß er noch zweimal so dick und viermal so verletzend aussah, als er war.

„Ich sage Euch, faßt das wohl in’s Auge,“ fuhr Stryver fort. „Ich habe das in meiner Weise in’s Auge gefaßt, faßt das in Eurer andern Weise in’s Auge. Heirathet. Sorgt für Jemand, der Euch pflegt. Kümmert Euch nicht darum, daß Ihr keinen Geschmack, keinen Sinn und keinen Takt für Frauenumgang habt. Sucht Euch Jemanden, sucht Euch eine anständige Frau mit etwas Vermögen aus — eine Wirthin oder so Etwas — und heirathet sie, ehe schlimme Zeiten kommen. Das ist’s, was für Euch paßt. Das überlegt Euch, Sydney.“

„Ich werde es mir überlegen,“ sagte Sydney.