Vor den Augen Mr. Jeremiah Cruncher’s, wie er neben seinem gnomenhaften Sohn am Ausgange von Fleetstreet saß, bewegte sich jeden Tag eine endlose Verschiedenheit und Zahl von Gegenständen vorüber. Wer konnte überhaupt in Fleetstreet während der geschäftigen Stunden des Tages sitzen und nicht betäubt und verwirrt werden von zwei endlosen Prozessionen, von denen die eine beständig westwärts mit der Sonne, die andere ostwärts von der Sonne wegging, beide aber den Gefilden jenseits der rothen und goldenen Wolken, wo die Sonne untergeht, zustrebten!
Mit seinem Strohhalm im Munde sah Mr. Cruncher den beiden Strömen zu gleich dem alten Heiden der Sage, der seit mehrern Jahrhunderten einen Strom beobachten muß — nur daß Jerry nicht erwartete, daß seine Ströme sich jemals verlaufen würden. Auch wäre diese Aussicht nicht sehr hoffnungsvoll gewesen, da er einen kleinen Theil seines Einkommens der ihm von diesen Strömen gebotenen Gelegenheit verdankt, furchtsame Frauen (ziemlich wohlbeleibt und über die mittlern Jahre des Lebens hinaus), von Tellson’s Seite nach der gegenüberliegenden zu lootsen. Wenn Mr. Cruncher in jedem besondern Falle den auf diese Weise von ihm Geschützten auch nur ganz kurze Gesellschaft leistete, so gewann er doch stets so viel Interesse an der Dame, daß er den lebhaften Wunsch ausdrückte, die Ehre haben zu können, auf ihre Gesundheit zu trinken. Und mit den Gaben die er zur Erfüllung dieses wohlwollenden Wunsches erhielt, half er seinen Finanzen auf, wie eben bemerkt worden.
Es gab eine Zeit, wo ein Dichter auf einem Stuhl auf der Straße saß und Angesichts der Menschen träumte. Mr. Cruncher saß auch auf einem Stuhl auf der Straße; da er aber kein Dichter war, träumte er so wenig als möglich und schaute um sich.
Es war gerade um eine Zeit, wo die Stadt menschenleerer als gewöhnlich war, seiner Führung bedürftige Frauen sich weniger als gewöhnlich fanden und seine Angelegenheiten im Allgemeinen so wenig gediehen, daß in seiner Brust ein starker Verdacht aufkeimte, Mrs. Cruncher müsse irgendwo recht inbrünstig gebetet haben, als ein ungewöhnliches Gedränge Fleetstreet herabkam, und seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Mr. Cruncher erkannte bald, daß es ein Leichenbegängniß war, und daß das Volk diesem Leichenbegängniß hemmend entgegentrat, wodurch ein Auflauf entstand.
„Junge,“ sagte Mr. Cruncher zu seinem Sprößling „’s ist eine Leiche.“
„Hurrah, Vater!“ schrie der junge Jerry.
Der junge Herr sprach diesen frohlockenden Ruf mit geheimnißvoller Bedeutsamkeit aus. Der ältere Herr nahm den Ruf so übel, daß er seine Gelegenheit abpaßte und dem jungen Herrn Eins hinter die Ohren gab.
„Was soll das heißen? Wozu schreist Du Hurrah? Was willst Du damit Deinem eigenen Vater sagen, Du junger Spitzbube? Der Junge fängt an mir zu viel zu werden!“ — sagte Mr. Cruncher und betrachtete den hoffnungsvollen Sohn, „er und seine Hurrahs! daß ich nicht wieder so etwas von Dir höre, sonst sollst Du etwas von mir fühlen. Verstehst Du mich?“
„Ich meinte es nicht böse“ protestirte der junge Jerry, während er sich die Backe rieb.
„Nun so sei still,“ sagte Mr. Cruncher; „ich mag nichts von Deinem Nichtbösemeinen wissen. Hier steig’ auf den Stuhl und sieh Dir’s Gedränge an.“
Der Sohn gehorchte und der Menschenhaufe wälzte sich heran; er umgab brüllend und zischend einen Leichenwagen und eine Trauerkutsche von verschossenem Schwarz, in welcher letzterer ein einziger Leidtragender saß, angethan mit dem vielgebrauchten und halbverschossenen Flor und Trauermantel, welche man für eine solche Gelegenheit für unentbehrlich hielt. Dem Leidtragenden schien jedoch seine Rolle durchaus nicht zu gefallen; denn ein beständig sich vermehrender Pöbelhaufen umgab die Kutsche, verhöhnte ihn, schnitt ihm Gesichter und heulte und schrie fortwährend: „Hallo! Spione! Hurrah! Spione!“ und fügte dazu noch Beiworte, die zu zahlreich und zu kräftig waren, um sie hier wiederholen zu können.
Die Leichenbegängnisse besaßen zu allen Zeiten eine merkwürdige Anziehungskraft für Mr. Cruncher; er gerieth stets in große Aufregung, wenn eine Leiche vor Tellson’s vorbeigetragen ward. Natürlich mußte ein Leichenbegängniß mit dieser ungewöhnlichen Leichenbegleitung ihn in doppelte Aufregung versetzen und er fragte den Ersten, der gegen ihn anrannte: „Was ist los, Bruder? Wer ist es?“
„Ich weiß es nicht“ sagte der Mann. „Spione, Hallo — oh! Spione!“
Er fragte einen Andern. „Wer ist es?“
„Ich weiß es nicht“ entgegnete auch dieser, legte aber nichts destoweniger beide Hände wie ein Sprachrohr an den Mund und brüllte mit dem größten Eifer: „Spione! Hallo—oh! Spio—one!“
Endlich rannte eine über die Sache besser unterrichtete Person gegen ihn an und von dieser Person erfuhr er, daß das Leichenbegängniß einem gewissen Roger Cly gelte.
„War er ein Spion?“ fragte Mr. Cruncher.
„Ein Old-Baily-Spion“ gab der Andere zur Antwort.
„Hallo—oh! Hallo—oh! Old-Baily-Spio—o—on!“
„Jetzt weiß ich!“ rief Jerry aus, indem er an die Gerichtsverhandlung dachte, der er beigewohnt hatte. „Den kenne ich. Er ist todt?“
„Mausetodt“ entgegnete der Andere, „und er kann nicht todt genug sein. Holt ihn heraus! Spione! Holt sie heraus! Spione!“
Bei der vorherrschenden Abwesenheit irgend eines Gedankens war dieser Einfall so annehmbar, daß der Volkshaufe sogleich darauf einging und laut den Rath wiederholend, sie heraus zu holen, die beiden Wagen so dicht umdrängte, daß sie nicht weiterfahren konnten. Als dann Viele auf einmal die Kutschenthüren aufrissen, sprang der eine Leidtragende von selbst heraus und war für einen Augenblick in schlimmen Händen; aber er war so gewandt und benutzte seine Zeit so gut, daß er im nächsten Augenblick eine Nebenstraße hinablief, nachdem er den Trauermantel, den Hut, das lange Florband, das weiße Taschentuch und andere symbolische Thränen von sich geworfen hatte.
Mit großem Jubel und Genuß zerriß diese das Volk in Stücke und zerstreute sie weit und breit, während die Gewerbsleute eilig ihre Läden zuschlossen; denn ein Auflauf scheute in jener Zeit vor Nichts zurück und war ein vielgefürchtetes Ungeheuer. Man machte bereits Anstalt, den Sarg heraus zu holen, als ein besonders erfinderisches Genie vorschlug, ihn lieber unter allgemeinem Jubel nach seinem Bestimmungsorte zu bringen. Da es sehr an praktischen Rathschlägen fehlte, nahm man auch diesen Rathschlag mit Beifall auf und die Kutsche füllte sich sofort mit acht Personen inwendig und einem Dutzend auf dem Dache, während auf den Leichenwagen so Viele kletterten, als dort nur irgend Platz finden konnten. Unter den ersten war Jerry Cruncher selbst, der bescheiden sein Haupt in der tiefsten Ecke der Trauerkutsche vor der Beobachtung Tellsons verbarg.
Die begleitenden Leichenbesorger legten zwar Verwahrung ein gegen diese Abänderungen in den Ceremonien; da aber der Fluß besorglich nahe war und verschiedene Stimmen von der Angemessenheit eines kalten Bades sprachen, um Widerspenstige zur Vernunft zu bringen, so war die Verwahrung wenig energisch. Der umgestaltete Leichenzug setzte sich wieder Bewegung. Ein Schornsteinfeger fuhr den Leichenwagen, berathen von dessen eigentlichem Kutscher, der zu diesem Zwecke unter strenger Aufsicht neben ihm sitzen blieb. Ein Obsthöker, ebenfalls von seinem Cabinetsminister begleitet, lenkte die Trauerkutsche. Ein Bärenführer, damals ein gern gesehener Gast auf der Straße, ward als neue Verschönerung gepreßt, ehe der Zug weit den Strand hinab gekommen war; und sein Bär, der schwarz und sehr schäbig war, gab dem Theil der Procession, in welchem er sich befand, ein ächtes Leichenbesorger-Aussehen.
So ging biertrinkend, rauchend, brüllend und die Trauer in endloser Abwechselung karrikirend, der wilde Haufe seinen Weg und wuchs mit jedem Schritte, während sich die Läden bei seinem Herannahen schlossen. Sein Ziel war die alte Pankratius-Kirche weit draußen vor der Stadt. Im Verlauf der Zeit langte er auch dort an, erzwang sich den Eingang in den Friedhof und setzte es schließlich durch, den verstorbenen Roger Cly nach seinem Sinn und gar sehr zu seiner Befriedigung zu begraben.
Mit dem Leichenbegängniß war man fertig und der Volkshaufe fing an, ein Bedürfniß nach neuer Unterhaltung zu fühlen. Da kam ein erfinderisches Genie, vielleicht dasselbe wie vorhin, auf den Einfall, zufällig Vorübergehende als Old-Baily-Spione zu denunziren und Rache an ihnen zu nehmen. Im Verfolg dieses humoristischen Einfalls wurde auf ein paar Dutzend harmlose Leute, die nie in ihrem Leben Old-Baily zu nahe gekommen waren, Jagd gemacht und sie wurden dann mit rauhen Händen herumgezerrt und mißhandelt. Der Uebergang von dieser Unterhaltung zum Fenstereinwerfen und weiter zum Demoliren von Bierhäusern war leicht und natürlich. Endlich nach mehreren Stunden, als verschiedene Pavillons zerstört und einige Gitter vor den Häusern ausgerissen worden waren, um die Kampflustigern unter dem Haufen zu bewaffnen, verbreitete sich das Gerücht, daß die Garde im Anzuge wäre. Vor diesem Gerücht schmolz der Volkshaufe allmählich zusammen und vielleicht kam die Garde, vielleicht kam sie nicht, und das war der gewöhnliche Verlauf eines Volksauflaufs.
Mr. Cruncher hatte der Schlußscene nicht beigewohnt, sondern war auf dem Kirchhofe zurückgeblieben, um sich mit Leichenbesorgern zu unterhalten. Der Ort übte einen beruhigenden Einfluß auf ihn aus. Er verschaffte sich eine Pfeife aus einem nahen Bierhause und rauchte sie, während er durch die Gitter blickte und seinen Gedanken nachhing.
„Jerry“ sagte Mr. Cruncher, in seiner gewöhnlichen Weise sich selbst anredend, „du hast heute diesen Cly gesehen und hast mit eignen Augen gesehn, daß er jung und gerade gewachsen ist.“
Nachdem er seine Pfeife ausgeraucht und noch eine kleine Weile seinen Gedanken nachgehangen hatte, wendete er seine Schritte heimwärts, damit er vor Ladenschluß seinen Posten vor Tellsons einnehmen könnte. Ob sein Nachdenken über die Sterblichkeit des Menschen seine Leber angegriffen hatte oder ob es mit seiner Gesundheit im Allgemeinen nicht ganz richtig war oder ob er einen ausgezeichneten Mann eine kleine Aufmerksamkeit erweisen wollte, geht uns hier weniger an, als daß er auf seinem Heimwege seinem ärztlichen Beistand — einem Chirurgen von großem Rufe — einen kurzen Besuch abstattete.
Der junge Jerry, nun von seinem Vater abgelöst, meldete, daß während seiner Abwesenheit nichts vorgefallen sei. Die Bank wurde geschlossen, die alten Commis kamen heraus, der Wächter erschien auf seinem Posten und Mr. Cruncher und sein Sohn gingen nach Hause zum Thee.
„Nun will ich Dir sagen, wie es ist“ sagte Mr. Cruncher zu seiner Frau, wie er in die Stube trat. „Wenn es heute Nacht mit meiner Spekulation schief geht, so will ich schon herausbringen, daß Du gegen mich gebetet hast und werde Dich dann bearbeiten, als ob ich’s gesehen hätte.“
Die niedergedrückte Mrs. Cruncher schüttelte den Kopf.
„Was, Du willst’s vor meinen Augen thun?“ — sagte Mr. Cruncher mit allen Anzeigen zorniger Besorgniß.
„Ich sage nichts.“
„Nun dann denke aber auch nichts. Du könntest eben so gut auf den Knieen herumrutschen, als denken. Das Eine ist so gut gegen mich, wie das Andere. Laß es ganz sein.“
„Ja, Jerry.“
„Ja, Jerry“ wiederholte Mr. Cruncher, indem er sich zum Thee hinsetzte. „Ha! immer heißt’s: Ja Jerry. Ja wohl, ’s ist schon gut, ja Jerry!“
Mr. Cruncher verband keine besondere Meinung mit diesen mürrischen Wiederholungen, sondern drückte damit nur, wie es andre Leute nicht selten auch thun, allgemeine ironische Unzufriedenheit aus.
„Du und Deine Ja, Jerry“ sagte Mr. Cruncher und biß ein derbes Stück aus seinem Butterschnitt, das er mit einem tüchtigen Schluck hinunterspülte. „Ha! ich sollte es meinen. Ich glaube Dir.“
„Du gehst heute Nacht aus?“ fragte seine Frau, als er wieder ein Stück abbiß.
„Ja!“
„Darf ich mitgehen, Vater?“ fragte sein Sohn rasch.
„Nein, das geht nicht! Ich gehe — wie Deine Mutter weiß — fischen. So ist es. Fischen gehe ich.“
„Deine Angel wird aber recht rostig; nicht wahr, Vater?“
„Das laß Du gut sein.“
„Bringst Du uns Fische mit, Vater?“
„Wenn ich keine mitbringe, wirst Du morgen fasten müssen,“ gab der Andere mit einem Kopfschütteln zur Antwort; „das ist Antwort genug für Dich; ich gehe erst aus, wenn Du längst zu Bett bist.“
Den Rest des Abends verbrachte er damit, ein scharfes Auge auf Mrs. Cruncher zu haben, und sie beständig im Gespräch zu erhalten, damit sie an keine Gebete zu seinem Nachtheile denken konnte. Zu diesem Zwecke trieb er auch seinen Sohn an, sie nicht aus dem Gespräch zu lassen und die Arme mußte mit ihm jede Beschwerde, die er gegen sie hatte, durchsprechen, damit sie nur nicht einen einzigen Augenblick ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte. Der frömmste Mensch hätte für die Wirksamkeit eines aufrichtig gemeinten Gebets nicht kräftiger Zeugniß ablegen können, als er es durch dieses immer wache Mißtrauen in seine Frau that. Es war als ob Einer, der sich laut rühmte an keine Gespenster zu glauben, sich von einer Gespenstergeschichte Furcht einflößen ließe.
„Und vergiß es nicht,“ sagte Mr. Cruncher. „Daß Du mir morgen keine Geschichten machst! Wenn es mir als ehrlichem Gewerbsmann gelingt, ein gut Stück Fleisch auf den Tisch zu schaffen, so komme mir nicht mit Deiner Komödie, es nicht anrühren und nur Brod essen zu wollen. Wenn ich als ehrlicher Gewerbsmann für ein Glas Bier sorge, so sprich mir nicht von Wassertrinken. Wenn Du nach Rom gehst, mußt Du es machen wie die Leute in Rom. Rom wird es Dir noch schön anstreichen, wenn Du es nicht thust. Ich bin Dein Rom — weißt Du!“
Dann fing er wieder an zu brummen:
„Mit Deinem Wirthschaften gegen Deine eigne Speise und Trank! Ich weiß nicht, wie selten Du Speise und Trank Dir machen könntest mit Deinem Herumrutschen und herzlosen Benehmen. Sieh Deinen Jungen an: Er ist Dein Kind, nicht wahr? Er ist so dürr, wie eine Latte. Du willst eine Mutter sein und weißt nicht einmal, daß es die erste Pflicht einer Mutter ist, ihrem Sohn zu Fleisch zu verhelfen!“
Dies berührte den jungen Jerry auf einer empfindlichen Stelle. Er beschwor seine Mutter, ihre erste Pflicht zu erfüllen und, was sie auch sonst thäte und unterließe, vor allen Dingen besondere Sorge zu tragen, dieser von seinem Vater so rührend und zartfühlend beschriebenen Mutterpflicht nach zu kommen.
So verging der Abend in der Familie Cruncher, bis der Vater den Sohn zu Bett gehen hieß und die Mutter, der er denselben Befehl ertheilte, ihm gehorchte. Mr. Cruncher vertrieb sich die ersten Stunden der Nacht mit einsamem Pfeifen und traf erst Anstalten zum Aufbruch, als es fast ein Uhr war. Wie diese Geisterstunde herankam, stand er von seinem Stuhle auf, holte einen Schlüssel aus seiner Tasche, schloß einen Wandschrank auf und nahm einen Sack, ein Brecheisen von angemessener Größe, einen Strick, eine Kette und anderes Angelgeräthe ähnlicher Art heraus. Nachdem er diese Gegenstände in geschickter Weise an seinem Leibe untergebracht hatte, bedachte er Mrs. Cruncher noch mit einem Abschiedsfluch, löschte das Licht aus und ging.
Der junge Jerry, der sich gar nicht ausgezogen hatte, als er zu Bett ging, folgte sehr bald seinem Vater. Unter dem Schutze der Finsterniß folgte er ihm aus dem Zimmer die Treppe hinab in den Hof hinunter bis auf die Straße. Wieder in das Haus zu kommen machte ihm keine Sorge, denn es wohnten viel Leute darin und die Thür blieb die ganze Nacht angelehnt.
Getrieben von einem lobenswerthen Ehrgeiz, die Kunst und das Geheimniß des ehrlichen Gewerbes seines Vaters kennen zu lernen, behielt der junge Jerry, immer dicht an den Häusern, Mauern und Thorwegen hinschleichend, seinen ehrenwerthen Vater fortwährend im Auge. Der ehrenwerthe Vater schlug eine nördliche Richtung ein und war noch nicht weit gegangen, als sich ein anderer Schüler Isaak Waltons zu ihm fand und Beide nun in Gesellschaft weiter gingen.
Eine halbe Stunde nach dem Aufbruch hatten sie die trübe brennenden Laternen und die schlafenden Nachtwächter hinter sich und befanden sich auf einer einsamen Landstraße. Hier fand sich noch ein Liebhaber des Angelns zu ihnen und zwar so in aller Stille, daß, wenn der junge Jerry abergläubisch gewesen wäre, er hätte glauben können, der zweite Verehrer des edeln Zeitvertreibs hätte sich auf einmal in zwei Männer gespalten.
Die Drei gingen weiter und der junge Jerry ebenfalls bis die Drei an einer Stelle stehen blieben, wo die Straße durch einen Hohlweg lief. Oben auf dem Hohlweg sah man eine niedrige Mauer von Ziegelsteinen mit einem eisernen Gitter darüber. Im Schatten des Hohlwegs und der Mauer verließen alle Drei die Landstraße und lenkten in einen Seitenweg ein, dessen eine Seite die hier acht bis zehn Fuß hohe Mauer bildete. Das Nächste, was der junge Jerry, der sich in eine Ecke gekauert hatte, sah, war die Gestalt seines ehrenwerthen Vaters, der rasch ein eisernes Gitterthor hinaufkletternd sich ziemlich deutlich gegen den von einem Hof umgebenen und durch Wolken schwimmenden Mond abzeichnete. Er war bald auf der andern Seite und dann folgte der zweite Angler und der dritte. Sie alle ließen sich vorsichtig auf den Boden hinunter und blieben dort eine Weile liegen — vielleicht um zu horchen. Dann krochen sie auf Händen und Knien weiter.
Jetzt kam an den jungen Jerry die Reihe, sich der Gitterpforte zu nähern und er that es mit angehaltenem Athem. Er kauerte sich dort wieder in eine Ecke und sah, wie die drei Angler durch hohes struppiges Gras krochen, während alle Grabsteine auf dem Friedhofe — denn sie befanden sich auf einem großen Friedhofe — wie weiß gekleidete Gespenster zusahen und der Kirchthurm selbst wie das Gespenst eines ungeheuren Riesen herniederschaute. Sie waren noch nicht weit gekrochen, als sie Halt machten und sich aufrichteten. Und nun fingen sie an zu fischen.
Sie fischten zuerst mit einem Spaten. Gleich darauf machte der ehrenwerthe Vater ein Werkzeug, ungefähr gleich einem großen Korkzieher zurecht. Aber mit welchen Werkzeugen sie immer arbeiteten — sie arbeiteten mit Anstrengung, bis der dumpfe Schlag der Thurmglocke den jungen Jerry so erschreckte, daß er mit zu Berge stehendem Haar davon lief.
Doch sein lange gehegter Wunsch, mehr von diesen Sachen zu erfahren, hemmte nicht nur seinen Lauf, sondern bewog ihn auch, wieder um zu kehren. Sie fischten immer noch mit großer Ausdauer, als er zum zweiten Male zur Pforte hereinguckte; aber jetzt schien ein Fisch gebissen zu haben. Man hörte einen rumpelnden und ächzenden Ton unten in der Erde und die gekrümmten Rücken der Fischer strengten sich mächtig an, als wollten sie eine schwere Last heben. Langsam und allmählig brachten sie dieselbe auch aus der Erde heraus. Der junge Jerry wußte recht gut, was es sein würde; aber als er es erblickte und seinen ehrenwerthen Vater Anstalten machen sah es aufzubrechen, bemächtigte sich seiner bei dem noch neuen Anblick eine solche Angst, daß er wieder fortlief und nicht eher stehen blieb, als bis er wol eine halbe Stunde Wegs gelaufen war.
Auch jetzt wäre er nicht stehen geblieben, wenn er nicht unbedingt hätte Athem schöpfen müssen; denn er lief ein Gespensterwettrennen und wünschte sehnlichst, damit fertig zu sein. Er konnte sich nicht von dem Gedanken losmachen, daß der Sarg, den er gesehen, ihm nachlaufe, und wie er sich ihn dachte, wie er immer auf seinem schmalen Ende stehend ihm nachhoppe und stets auf dem Punkte stand, ihn einzuholen und an ihn heran zu hoppen — vielleicht gar seinen Arm zu nehmen — wurde es ihm fürchterlich zu Muthe. Es war auch ein allgegenwärtiger Dämon; denn während er die ganze Nacht hinter ihm zu einem Entsetzen machte, lief Jerry auf die Fahrstraße hinüber, um dunkeln Seitenwegen fern zu bleiben, aus denen der gespenstige Sarg ja hervorgehoppt kommen konnte — gleich einem wassersüchtigen Papierdrachen ohne Schweif und Flügel. Er versteckte sich auch in Thorwegen, wo er seine gräßlichen Schultern an den Thüren rieb und sie bis zu den Ohren heraufzog, als ob er lachte. Er lauerte in dunkeln Stellen auf der Straße und legte sich hinterlistig auf den Boden, daß der Laufende über ihn wegfalle. Die ganze Zeit über hoppte er ihm unaufhörlich hinten nach und kam immer näher, sodaß der Knabe halbtodt war, als er seine Hausthüre erreichte. Aber auch hier wollte er ihn nicht verlassen, sondern folgte ihm die Treppe hinauf mit einem dumpfklingenden Aufstoßen auf jeder Stufe, kletterte mit ihm in’s Bett und fiel todt und schwer auf seine Brust, wie er einschlief.
Aus schwerem Schlummer fand sich der junge Jerry in seiner Kammer nach Tagesanbruch und vor Sonnenaufgang durch die Anwesenheit seines Vaters in der Familienstube erweckt. Etwas mußte ihm schief gegangen sein; wenigstens schloß dies der junge Jerry aus dem Umstande, daß er Mrs. Cruncher bei den Ohren hielt und sie mit dem Hinterkopf gegen das Kopfbrett des Bettes stieß.
„Ich hab’ Dir’s vorausgesagt“ sagte Mr. Cruncher „und jetzt geschieht’s.“
„Jerry, Jerry, Jerry!“ bat seine Frau.
„Du raubst uns den Gewinn des Geschäfts“ sagte Jerry, „und ich und meine Compagnons leiden darunter. Du sollst ehren und gehorchen, warum zum Teufel thust Du es nicht?“
„Ich versuche eine gute Frau zu sein, Jerry“ betheuerte die Arme unter Thränen.
„Heißt das eine gute Frau sein, wenn Du Deinem Mann das Geschäft verdirbst? Heißt es, Deinen Mann ehren, wenn Du ihm Unehre auf sein Geschäft bringst? Heißt es Deinem Manne gehorchen, wenn Du ihm in den Hauptsachen seines Geschäfts nicht folgst?“
„Du hattest damals mit dem schrecklichen Geschäfte noch nichts zu thun, Jerry.“
„Es muß Dir genug sein, die Frau eines ehrenwerthen Gewerbsmannes zu sein,“ entgegnete Mr. Cruncher. „Du brauchst Dir deinen dummen Kopf nicht mit Rechnen zu zerbrechen, wann er sein Geschäft angefangen hat oder nicht. Ein ehrendes und gehorchendes Weib würde sich gar nicht um sein Geschäft kümmern. Du willst eine fromme Frau sein? Wenn Du eine fromme Frau bist, so will ich eine gottlose haben, Du hast nicht mehr natürliches Pflichtgefühl als in dem Bette der Themse hier Pfähle wachsen, und selbigermaßen muß es in Dich hineingeschlagen werden.“
Der Wortwechsel ging in halblautem Tone herüber und hinüber, und der Schluß desselben war, daß der ehrenwerthe Gewerbsmann seine mit Lehm beschmutzten Stiefeln von den Füßen schleuderte, und sich der Länge nach auf den Fußboden legte. Nachdem sein Sohn auf ihn, wie er, die schmutzigen Hände als Kissen benutzend, auf dem Rücken dalag, einen schüchternen Blick geworfen, streckte auch er sich aus, und schlief wieder ein.
Es gab keinen Fisch zum Frühstück, und auch sonst nicht viel. Mr. Cruncher war böser Laune, und hatte neben sich einen eisernen Topfdeckel liegen als Wurfgeschoß zur Züchtigung Mrs. Crunchers, wenn es ihr nur von fern einfallen sollte, an ein Tischgebet zu denken. Er bürstete und wusch sich zur gewöhnlichen Stunde, und ging mit seinem Sohne fort, um sich seinem Tagesgeschäft zu widmen.
Der junge Jerry, mit dem Stuhle unter dem Arme neben seinem Vater durch die lange und menschengedrängte Fleetstreet hertrabend, war ein ganz anderer junger Jerry als in der vergangenen Nacht, wie er durch die einsame Finsterniß vor seinem grausigen Verfolger ausriß. Seine Schlauheit war mit dem Tage wieder aufgewacht, und seine Gewissensbisse mit der Nacht verschwunden, mit welcher Eigenthümlichkeit er wahrscheinlich an diesem schönen Morgen weder in Fleetstreet noch in der City von London allein stand.
„Vater,“ fing der junge Jerry unterwegs an, vorsorglich außer Armbereich tretend, und den Stuhl zum pariren bereit haltend, „was ist ein Auferstehungsmann?“
Ueberrascht blieb Cruncher stehen, ehe er antwortete: „Wie soll ich das wissen?“
„Ich glaubte Du wüßtest Alles, Vater?“ meinte voll Unschuld der Knabe.
„Hm, nun ja,“ entgegnete Mr. Cruncher, indem er wieder weiterging, und den Hut abnahm, um seinen starr emporstehenden Haaren freien Spielraum zu geben, „’s ist ein Handelsmann.“
„Mit was für Waaren handelt er?“ fragte der Junge lebhaft weiter.
„Seine Waaren,“ sagte Mr. Cruncher, nachdem er es sich eine Weile überlegt hatte, „sind Artikel der Wissenschaft.“
„Leichen, nicht wahr, Vater?“ rieth mit rascher Auffassungsgabe der Knabe.
„Ich glaube, s’ist was der Art,“ sagte Mr. Cruncher.
„Ach Vater, ich möchte Auferstehungsmann werden, wenn ich groß genug dazu bin!“
Mr. Cruncher war besänftigt, aber schüttelte bedenklich den Kopf. „Das hängt ganz davon ab, wie Du Deine Talente entwickelst. Gieb Dir Mühe Deine Talente auszubilden, und sprich zu andern Leuten nie ein Wort mehr als Du mußt, dann aber kann man wirklich noch nicht wissen, wozu Du es einmal noch bringen kannst.“ Wie der junge Jerry, so ermuthigt, ein paar Schritte voraus ging, um den Stuhl in den Schatten des Tempelthors zu stellen, sagte Mr. Cruncher zu sich: „Jerry, du rechtschaffener Gewerbsmann, du hast Hoffnung, daß dieser Junge ein Segen wird, und eine Entschädigung für seine Mutter!“