Das Trinken im Weinschank Monsieur Defarges hatte heute früher als gewöhnlich begonnen. Schon sechs Uhr Morgens sahen bleiche Gesichter, die durch die vergitterten Fenster blickten, drinnen andre Gesichter hinter ihrem Maße Wein sitzen. Monsieur Defarge schenkte in den besten Zeiten einen sehr dünnen Wein, aber heute schien er ungewöhnlich dünn zu sein. Uebrigens sauer oder säuernd, denn er brachte in den Gästen eine melancholische Stimmung hervor. Keine lustige bachanalische Flamme sprang aus den gekelterten Trauben Monsieur Defarges hervor, wol aber lag in den Hefen ein im dunkeln fortglimmendes Feuer versteckt.
Es war schon der dritte Morgen, seitdem das frühe Trinken in dem Weinschank Monsieur Defarges angefangen hatte. Begonnen hatte es Montag, und heute war Mittwoch. Es war aber mehr frühes Kopfzusammenstecken als Trinken gewesen, denn Viele hatten seit dem Oeffnen des Ladens dort zugehört und geflüstert und herumgestanden, die um ihre Seele zu retten nicht das kleinste Stück Geld auf den Ladentisch hätten legen können. Sie galten jedoch ebenso viel an dem Orte, als ob sie ganze Fässer Wein hätten bestellen können, und sie schlichen von einem Platz und von einer Ecke zur andern, Worte anstatt Wein mit gierigen Blicken verzehrend.
Trotz ungewöhnlich zahlreichen Besuchs war der Besitzer des Weinschanks nicht sichtbar. Er ward nicht vermißt, denn Niemand der über die Schwelle kam sah sich nach ihm um, Niemand fragte nach ihm, Niemand wunderte sich, nur Madame Defarge auf ihrem Platz zu sehen, neben sich einen Teller voll abgegriffener kleiner Münzen, so sehr ihres ursprünglichen Gepräges verlustig geworden, als die Menschen, aus deren zerrissenen Taschen sie gekommen waren.
Die Spione, die in den Weinschank hineinguckten, wie sie jeden Ort, hoch oder niedrig, vom Königspalast bis zum Kerker beguckten, bemerkten vielleicht ein gespanntes Warten und eine vorherrschende Zerstreutheit. Das Kartenspiel ging nicht flott, die Dominospieler bauten nachdenklich Thürme mit den Steinen, Gäste malten mit vergossenem Wein Figuren auf den Tisch, und selbst Madame Defarge stach mit ihrem Zahnstocher in dem Muster auf ihrem Aermel herum, und sah und hörte etwas Unhörbares und Unsichtbares, was noch in weiter Ferne war.
So war St. Antoine in dieser Weinangelegenheit bis Mittag. Es war hoher Mittag, als zwei bestaubte Männer durch seine Straßen und unter seinen baumelnden Laternen hingingen. Der Eine war Monsieur Defarge, der Andere ein Straßenarbeiter in einer blauen Mütze. Ueber und über mit Staub bedeckt und verdurstet traten die Beiden in den Weinschank. Ihre Ankunft hatte eine Art Feuer in der Brust St. Antoines angezündet, das sich rasch weiter verbreitete wie sie durch die Straßen gingen, und in Augen und auf Gesichtern an den meisten Thüren und Fenstern glänzte. Aber Niemand folgte ihnen, und Niemand sprach, als sie in den Weinschank traten, obgleich die Augen eines Jeden auf ihnen ruhten.
„Guten Tag, ihr Herren!“ sagte Monsieur Defarge.
Das war vielleicht ein Signal, um das allgemeine Schweigen zu brechen. Denn im Chor antworteten die Anwesenden „Guten Tag!“
„Es ist schlechtes Wetter, ihr Herren!“ sagte Defarge kopfschüttelnd.
Darauf sah Jedermann seinen Nachbar an, und dann schlugen Alle die Augen nieder und blieben stumm sitzen. Nur Einer nicht, der aufstand und hinausging.
„Frau,“ sagte Defarge laut zu Madame Defarge. „Ich bin eine Anzahl Meilen mit diesem guten Straßenarbeiter, Namens Jacques, gewandert. Ich traf ihn — zufällig — anderthalb Tagereise von Paris. Er ist ein guter Mensch, dieser Straßenarbeiter, dieser Jacques. Gieb ihm zu trinken, Frau!“
Ein Zweiter stand auf und ging hinaus. Madame schenkte dem Straßenarbeiter, Namens Jacques ein, der eine blaue Mütze vor der Gesellschaft abnahm und trank. Aus der Brust seiner Blouse holte er ein Stück großes schwarzes Brod; von diesem biß er von Zeit zu Zeit ein Stück ab, und kaute und trank vor Madame Defarges Ladentisch. Ein Dritter stand auf und ging hinaus.
Defarge trank ebenfalls ein paar Schluck Wein — aber weniger als der Fremde, als ein Mann, dem das Getränk keine Seltenheit ist — und wartete bis der Andere gefrühstückt hatte. Er sah Niemand von den Anwesenden an, und Niemand sah ihn jetzt an; nicht einmal Madame Defarge, die ihren Strickstrumpf wieder genommen und strickte.
„Seid Ihr fertig mit Eurem Frühstück, Freund?“ fragte er dann.
„Ja, ich danke Euch.“
„Nun so kommt! Ich will Euch das Zimmer zeigen, das für Euch bestimmt ist. Es wird Euch vortrefflich passen.“
Aus dem Weinschank auf die Straße, von der Straße in einen Hof, vom Hofe eine steile Treppe hinauf, von der Treppe in eine Dachkammer — dieselbe Dachkammer, wo vormals ein weißköpfiger Mann auf einer niedrigen Bank gesessen, emsig mit Schuhmacherarbeit beschäftigt.
Jetzt war kein weißköpfiger Mann dort; aber wol die drei Männer, welche einzeln den Weinschank verlassen hatten. Doch zwischen ihnen und dem weißköpfigen Mann in der Fremde bestand die eine Verbindung, daß sie durch die Spalten in der Wand ihn einmal betrachtet hatten.
Defarge machte die Thür sorgfältig zu, und sprach in gedämpften Tone:
„Jacques Eins, Jacques zwei, Jacques drei! Dies ist der Zeuge, den ich, Jacques Nummer vier, bestellt habe. Er wird euch Alles erzählen. Sprecht, Jacques fünf!“
Der Straßenarbeiter mit der blauen Mütze in der Hand, wischte seine sonnenverbrannte Stirn damit und sagte: „Wo soll ich anfangen, Monsieur?“
„Fange bei’m Anfang an“ war Defarge’s nicht unverständige Antwort.
„Ich sah ihn also“ fing der Straßenarbeiter an, „vor einem Jahr im Sommer unter dem Wagen des Marquis an der Kette hängen. Sehet wie es war. Ich lasse meine Arbeit an der Straße liegen, die Sonne geht unter, der Wagen des Marquis fährt langsam die Höhe hinauf, er hängt an der Kette — so!“
Abermals gab der Straßenarbeiter die alte Vorstellung in welcher er jetzt von rechtswegen sicher sein mußte, da sie ein ganzes Jahr hindurch die unfehlbare und unentbehrliche Unterhaltung seines Dorfes gewesen war.
Jacques Nummer Eins unterbrach ihn und fragte, ob er den Mann schon früher einmal gesehen hätte?
„Nie“ gab der Straßenarbeiter zur Antwort, indem er sich wieder aufrichtete.
Jacques Nummer Drei fragte, wie er ihn dann später erkannt habe?
„An seiner langen Gestalt“ sagte der Straßenarbeiter halblaut und legte den Finger an die Nase. „Als Monsieur le Marquis am Abend fragte: „Wie sah er aus?“ gab ich zur Antwort: Lang wie ein Gespenst.“
„Ihr hättet sagen sollen: Klein wie ein Zwerg“ belehrte ihn Jacques Nummer Zwei.
„Ja was wußte ich! Die That war damals noch nicht gethan und er hat mir auch nichts anvertraut. Merkt wohl! Unter diesen Umständen biete ich mein Zeugniß nicht an. Monsieur le Marquis zeigte auf mich mit dem Finger, wie ich bei unserm kleinen Brunnen stand und sagte: „Bringt den Kerl dort her!“ Bei meinem Wort, Ihr Herren, ich biete mich nicht an.“
„Er hat recht darin, Jacques“ sagte Defarge zu dem, welcher ihn im Sprechen unterbrochen hatte. „Fahrt fort.“
„Gut!“ sagte der Straßenarbeiter mit geheimnißvoller Miene. „Der lange Mann ist verschwunden und wird gesucht — wie viele Monate? Neun, zehn, eilf?“
„Die Zahl ist gleichgiltig“ sagte Defarge. „Er war gut versteckt; aber das Unglück wollte zuletzt, daß er gefunden ward. Weiter.“
„Ich arbeite wieder an derselben Stelle an der Straße und die Sonne geht abermals zur Rüste. Ich nehme mein Arbeitszeug zusammen, um hinunter in mein Dorf zu gehen, wo es schon dunkel ist, als ich aufblicke und über die Höhe sechs Soldaten kommen sehe. In ihrer Mitte geht ein langer Mann mit gebundenen Armen — an die Seite gebunden — so!“
Mit Hilfe seiner unentbehrlichen Mütze stellte er einen Mann dar, dessen Ellenbogen hinten mit zusammengebundenen Stricken an den Hüften befestigt sind.
„Ich bleibe bei meinem Steinhaufen stehen, um die Soldaten und ihren Gefangenen vorbeigehen zu sehen (denn es ist eine einsame Straße, wo Alles, was vorbeikommt, des Ansehens werth ist), und zuerst — wie sie näher kommen — sehe ich weiter nichts, als daß es sechs Soldaten sind mit einem gebundenen langen Mann und daß sie fast schwarz aussehen — außer an der Seite, wo die Sonne zu Bett geht, wo sie einen rothen Rand haben, Messieurs. Auch sehe ich ihre langen Schatten auf der andern Seite der Straße gleich den Schatten von Riesen. Auch gewahre ich, daß sie mit Staub bedeckt sind und daß sich der Staub mit ihnen fortbewegt, wie sie herankommen, tramp, tramp! Aber wie sie ganz nahe kommen, erkenne ich den langen Mann und er erkennt mich. O wie gerne würde er den Abhang hinuntergesprungen sein wie an dem Abend, wo er und ich zuerst uns sahen dicht bei demselben Fleck!“
Er beschrieb es als ob er dort wäre und es war offenbar, daß er Alles lebendig vor sich sah; vielleicht hatte er in seinem Leben nicht viel gesehn.
„Ich verrathe den Soldaten nicht, daß ich den langen Mann kenne; er verräth den Soldaten nicht, daß er mich erkennt: wir sprechen mit den Augen mit einander. „„Vorwärts““ sagt der Anführer der Soldaten und wies auf das Dorf, „„bringt ihn rasch in sein Grab!““ Und sie trieben ihn rascher vorwärts. Seine Arme sind geschwollen, weil sie fest zusammengeschnürt sind; seine Holzschuhe sind groß und schwer und er geht lahm. Weil er lahm geht und daher langsam, stoßen sie ihn mit ihren Flinten vorwärts — so!“
Er macht die Bewegung eines Mannes nach, der von Flintenkolben fortgestoßen wird.
„Wie sie — wie toll — den Abhang hinunterlaufen, fällt er. Sie lachen und heben ihn wieder auf. Sein Gesicht ist blutig und mit Staub bedeckt, aber er kann es nicht abwischen; darauf lachen sie wieder. Sie bringen ihn in das Dorf; das ganze Dorf läuft zusammen; sie führen ihn an der Mühle vorbei und hinauf nach dem Gefängniß; das ganze Dorf sieht das Gefängnißthor in der dunkeln Nacht sich aufthun und ihn verschlingen — so!“
Er sperrt den Mund auf, so weit er kann und macht ihn wieder zu, daß die Zähne auf einander klappen. Als er keine Lust zeigte, den Effect dadurch zu verderben, daß er den Mund wieder aufmachte, sagte Defarge zu ihm: „Weiter, Jacques!“
„Das ganze Dorf geht wieder heim“ fährt der Straßenarbeiter mit gedämpfter Stimme weiter fort; „das ganze Dorf flüstert sich am Brunnen in die Ohren; das ganze Dorf schläft; das ganze Dorf träumt von dem Unglücklichen hinter den Schlössern und Riegeln des Gefängnisses auf dem Felsen, das er nie wieder verlassen soll, außer um zu sterben. Des Morgens mache ich, mit meinem Arbeitszeug auf der Schulter und im Gehen einen Bissen schwarzes Brod essend wie ich auf die Arbeit gehe, einen Umweg an dem Gefängniß vorbei. Dort sehe ich ihn hoch oben hinter dem eisernen Gitter eines Fensters mit blutigem und bestaubtem Gesicht wie den Abend vorher. Er hat keine Hand frei, um mir zuzuwinken; ich wage nicht ihn anzurufen; er sieht mich an wie ein todter Mann.“
Defarge und die drei Andern sahen sich finster an. Die Gesichter von allen Vieren hatten einen finstern, ingrimmigen, rachedürstenden Ausdruck, wie sie der Erzählung des Landmanns zuhörten. Sie benahmen sich dabei mit einem heimlichen Wesen, das doch zugleich etwas von einer Amtsmiene hatte. Sie hatten fast das Aussehen eines Gerichts; Jacques Eins und Zwei saßen auf dem alten Lotterbett, das Kinn auf die Hand gestützt und die Augen gespannt auf den Straßenarbeiter geheftet; Jacques Drei hinter ihnen, mit einem Knie auf das Bett gestützt und mit seiner aufgeregten Hand beständig über Mund und Nase fahrend; Defarge zwischen ihnen und dem Erzähler stehend, den er in das Licht an das Fenster postirt hatte, und abwechselnd diesen und die drei Andern ansehend.
„Weiter, Jacques,“ sagte Defarge.
„Dort oben in seinem Käfig bleibt er einige Tage. Das Dorf sieht verstohlen zu ihm hinauf, denn es fürchtet sich. Aber es sieht von Weitem beständig zu dem Gefängniß auf dem Felsen hinauf; und des Abends wenn die Tagesarbeit gethan ist und es sich um den Brunnen versammelt, um zu plaudern, wendeten sich alle Gesichter dem Gefängniß zu. Früher wendeten sie sich dem Posthause zu; jetzt blicken sie nach dem Gefängniß. Halblaut flüstern sie sich am Brunnen zu, daß er, obgleich zum Tode verurtheilt, nicht hingerichtet werden würde; sie erzählen sich, daß Bittschriften nach Paris gegangen sind, um vorzustellen, daß er durch den Tod seines Kindes wahnsinnig geworden; sie sagen, daß man dem König selbst eine solche Bittschrift überreicht habe. Was weiß ich? Es ist möglich. Vielleicht ja, vielleicht nein.“
„So hört denn, Jacques“ unterbrach Nummer Eins dieses Namens mit finsterem Ernste. „Wißt, daß eine Bittschrift dem König und der Königin überreicht wurde. Wir alle hier, Ihr selbst ausgenommen, haben gesehen, wie der König in seinem Wagen neben der Königin sitzend sie auf der Straße entgegennahm. Defarge, der hier steht, sprang auf Gefahr seines Lebens mit der Bittschrift in der Hand vor die Pferde.“
„Und hört noch weiter, Jacques!“ sagte der dahinterkniende von den Dreien; seine Finger glitten immer noch über das Gesicht mit einer auffällig gierigen Miene, als ob er nach etwas hungerte — was weder Speise noch Trank war. „Die Leibwache zu Fuß und zu Pferd umringte den Bittsteller und schlug ihn. Hört Ihr!“
„Ich höre, Messieurs.“
„Weiter also,“ sagte Defarge.
„Auf der andern Seite flüstern sie sich an den Brunnen zu“ fuhr der Erzähler fort, „daß er her zu uns geschafft worden ist, um an Ort und Stelle hingerichtet zu werden und daß er ganz gewißlich hingerichtet werden würde. Sie flüstern sich sogar einander zu, daß, weil er Monseigneur ermordet hat und weil Monseigneur der Vater seiner Unterthanen war, er als Vatermörder hingerichtet werden soll. Ein alter Mann sagt am Brunnen, daß man einem solchen die rechte Hand mit dem Messer verbrennt; daß man ihn in Einschnitte, welche man in seine Brust, in seine Beine und seine Arme macht, siedendes Oel, geschmolzenes Blei, brennendes Harz und brennenden Schwefel gießt, und daß man ihn endlich von vier starken Pferden in Stücke zerreißen läßt. Dieser alte Mann sagt, daß man dieß alles wirklich einem Missethäter zufügte, der einen Mordversuch auf den vorigen König, Ludwig XV. gemacht hatte. Aber wie kann ich wissen, ob er lügt oder nicht? Ich bin kein Gelehrter.“
„So merkt noch einmal wohl auf, Jacques!“ sagte der Mann mit der ruhelosen Hand und der gierigen Miene. „Der Name dieses Missethäters war Damiens und es geschah Alles bei hellem Tage und auf offener Straße in dieser Stadt Paris; und nichts fiel unter der unermeßlichen Menschenmenge, welche zusah, mehr auf, als die vielen vornehmen Damen, welche voll heißer Neugier bis zuletzt aushielten — Jacques, bei sinkender Nacht, wo ihm die Beine und ein Arm ausgerissen waren und er immer noch athmete! Und das geschah — wie alt seid Ihr?“
„Fünf und dreißig“ sagte der Straßenarbeiter, der wie sechszig aussah.
„Es geschah, als Ihr mehr als zehn Jahre alt waret; Ihr hättet es also sehen können.“
„Genug!“ sagte Defarge mit ingrimmiger Ungeduld. „Es lebe der Teufel! Weiter!“
„Weiter also! Einige flüstern Dieß, Andere flüstern Jenes; sie sprechen von nichts Anderem; selbst der Brunnen scheint nach dieser Melodie zu plätschern. Endlich eines Sonntags Nachts, als das ganze Dorf schlief, kamen Soldaten den Weg vom Gefängniß herab und ihre Gewehre klirrten auf den Steinen der Dorfgasse. Arbeitsleute graben und hämmern, Soldaten lachen und singen, und des Morgens steht an dem Brunnen ein Galgen vierzig Fuß hoch und vergiftet das Wasser.“
Der Straßenarbeiter sah mehr durch die niedrige Decke als zu derselben hinauf und wies mit dem Finger, als ob er den Galgen irgendwo im Himmel sähe.
„Alle Arbeit hört auf, Alle sammeln sich dort, Niemand treibt die Kühe aus, die Kühe sind mit den Uebrigen dort. Des Mittags hört man Trommelwirbel. Des Nachts sind Soldaten zu dem Gefängniß hinaufmarschirt und er kommt in der Mitte vieler Soldaten. Er ist gebunden wie früher und in seinem Munde steckt ein Knebel — mit einer straffen Schnur so festgemacht, daß es fast aussah, als ob er lachte.“ Er machte es nach, indem er mit den beiden Daumen von den Mundwinkeln bis zum Ohre die Backen in zwei lange Falten legte. „Oben auf dem Galgen steckt das blanke Messer, mit der Spitze gen Himmel gerichtet. Dort wird er vierzig Fuß hoch gehenkt — und bleibt hängen und vergiftet das Wasser.“
Sie sahen sich einander an, wie er sich mit seiner blauen Mütze das Gesicht abwischte, aus dem der Schweiß in großen Tropfen hervordrang, wie er sich das Schauspiel zurückrief.
„Es ist entsetzlich, Messieurs. Wie können die Frauen und Kinder Wasser holen? Wer kann des Abends unter diesem Schatten plaudern! — Unter dem Schatten habe ich gesagt? Als ich das Dorf verließ am Montag Abend als die Sonne zu Bett ging, und ich mich noch einmal von der Höhe umsah, da fiel der Schatten quer über die Kirche, quer über die Mühle, quer über das Gefängniß — schien wie ein gerader Strich über die Erde zu gehen bis dahin, wo der Himmel auf ihr ruht.“
Der hungerige Mann zerbiß einen seiner Finger, während er die drei Andern ansah, und der Finger zitterte ihm vor Gier.
„Das ist Alles, Messieurs. Ich verließ das Dorf mit Sonnenuntergang (wie mir gesagt worden war) und bin diesen und den nächsten halben Tag marschirt, bis ich diesen Kameraden traf (was mir auch gesagt worden war). Mit ihm setzte ich meinen Weg fort, bald zu Fuß und bald zu Wagen, gestern Nachmittag und diese Nacht, und hier bin ich nun!“.
Nach einem düstern Schweigen sagte Jacques Eins: „Gut! Ihr habt getreulich gethan und berichtet. Wollt Ihr draußen vor der Thür ein Weilchen warten?“
„Sehr gern“ sagte der Straßenarbeiter, worauf Defarge ihn hinausbrachte und dann wieder zurückkehrte.
Die Drei waren aufgestanden und hatten die Köpfe zusammengesteckt, wie er wieder in die Dachkammer trat.
„Was sagt Ihr, Jacques?“ fragte Nummer Eins. „Kommt er in’s Register?“
„Er kommt in’s Register als dem Verderben geweiht“ gab Defarge zurück.
„Prächtig!“ krächzte der Mann mit dem gierigen Gesichte.
„Das Schloß und das ganze Geschlecht?“ fragte der Erste.
„Das Schloß und das ganze Geschlecht!“ entgegnete Defarge. „Ausgerottet!“
Der Hungrige wiederholte mit befriedigtem Krächzen: „Prächtig!“ und fing an einem andern Finger zu kauen an.
„Seid Ihr sicher“ sagte Nummer Zwei zu Defarge „daß aus der Art und Weise, wie wir unser Register führen keine Ungelegenheiten entstehen werden? Doch unbezweifelt ist es sicher; denn Niemand als wir kann es entziffern; aber werden wir immer im Stande sein, es zu entziffern — oder, ich darf es nicht unerwähnt lassen, wird sie es immer entziffern können?“
„Jacques,“ sagte Defarge und richtete sich empor „selbst wenn meine Frau das Register nur in ihrem Gedächtniß behielte, würde sie kein Wort davon verlieren — nicht eine Sylbe. Mit ihren eigenen Maschen und ihren eignen Zeichen gestrickt wird es ihr immer so klar sein wie die Sonne. Verlaßt Euch auf Madame Defarge. Dem größten Feigling, welcher auf Erden lebt, wäre es leichter, sich aus dem Lebensbuch auszustreichen, als einen Buchstaben seines Lebens oder seiner Verbrechen aus dem gestrickten Register Madame Defarge’s.“
Die Drei ließen ein Gemurmel des Vertrauens und der Billigung hören und dann fragte der Hungrige: „Soll dieser Mann bald wieder zurückgeschickt werden? Ich hoffe es. Er ist sehr simpel; dürfte er nicht ein wenig gefährlich sein?“
„Er weiß nichts“ sagte Defarge, „wenigstens nicht mehr, als was ihn leicht an einen Galgen von derselben Höhe bringen kann. Ich nehme ihn auf mich; laßt ihn bei mir bleiben; ich nehme ihn unter meine Obhut und schaffe ihn seiner Zeit fort. Er wünscht die vornehme Welt zu sehen — den König, die Königin, den Hof; er soll sie Sonntags sehen.“
„Was?“ rief der Hungerige mit weit offenen Augen aus. „Ist es ein gutes Zeichen, daß er Königthum und Adel zu sehen wünscht?“
„Jacques“ sagte Defarge „zeige in der rechten Weise einer Katze Milch, wenn Du wünschest, daß sie Appetit darnach bekommen soll. Zeige in der rechten Weise einem Hund seine natürliche Beute, wenn Du wünschest, daß er sie, wenn die Zeit kommt — niederhetzt.“
Weiter ward nichts gesagt und dem Straßenarbeiter, der bereits auf der obersten Stufe halb eingeschlummert war, ward bedeutet, sich auf das Lotterbett zu legen und sich dort auszuruhen. Er ließ sich das nicht zwei Mal sagen und war bald eingeschlafen.
Ein so niedriger Sklave aus der Provinz hätte in Paris leicht schlechteres Quartier finden können, als in Defarge’s Weinschank. Außer daß ihn eine geheimnißvolle Scheu vor Madame beständig quälte, führte er ein ganz neues und angenehmes Leben. Aber Madame saß den ganzen Tag hinter ihrem Ladentisch, so offenbar nichts von ihm wissend und so besonders gewillt nicht zu bemerken, daß sein Hiersein in der geringsten Verbindung mit irgend einem Geheimniß stand, daß er in seinen Holzschuhen zitterte, so oft ihr Auge auf ihn fiel; denn er sagte sich innerlich, daß man unmöglich voraussehen könne, was diese Dame zunächst vornehmen werde, und er fühlte sich überzeugt, daß, wenn sie sich in ihren schön geschmückten Kopf setzte zu behaupten, sie habe ihn einen Mord verüben und alsdann seine Opfer schinden sehen, sie auch diese Rolle bis zu Ende spielen werde.
Als daher der Sonntag kam, war der Straßenarbeiter nicht von der Entdeckung bezaubert (obgleich er es sagte), daß Madame Monsieur und ihn nach Versailles begleiten sollte. Es war auch sehr störend, daß Madame auf dem ganzen Hinwege in dem Wagen strickte; eben so störend war es, daß Madame des Nachmittags unter dem versammelten Volk, welches wartete, um den Wagen des Königs und der Königin zu sehen, immer noch strickte.
„Sie sind sehr fleißig, Madame,“ sagte ein Nebenstehender zu ihr.
„Ja“ gab Madame Defarge zur Antwort; „ich habe viel zu thun.“
„Was stricken Sie, Madame?“
„Vielerlei.“
„Zum Beispiel?“
„Zum Beispiel Leichentücher“ gab Mad. Defarge ruhig zurück.
Sobald als möglich suchte sich der Mann einen andern Platz und der Straßenarbeiter wehte sich mit seiner blauen Mütze frische Luft zu, denn es kam ihm schrecklich schwül und drückend vor. Wenn er zu seiner Erfrischung einen König und eine Königin brauchte, so war er so glücklich, das Mittel bei der Hand zu haben; denn sehr bald kam der König mit dem großen Gesicht und die Königin mit dem schönen Gesicht in ihrer goldenen Kutsche heraus, begleitet von dem oeil de boeuf ihres glänzenden Hofes, einer Schaar lachender Damen und feiner Herren; und in Juwelen, Seide, Puder, Glanz und stolzen auf die ganze Welt herabsehenden schönen Gesichtern von Männern und Frauen schwelgte der Straßenarbeiter und berauschte sich so davon, daß er schrie. „Lange lebe der König! Lange lebe die Königin! Lange lebe Alles und Jedes!“ — als ob er nie ein Wort von dem allgegenwärtigen Jacques vernommen hätte. Dann kamen Gärten, Höfe, Terrassen, Springbrunnen, Rasenplätze, wiederum König und Königin, wiederum oeil de boeuf, noch mehr feine Herren und Damen, noch mehr Vivats, bis er vor lauter Schwärmerei weinte. Während dieser ganzen langen Zeit, wol drei Stunden lang, war Alles um ihn Vivatrufen und Freudenthränen und Defarge hielt ihn am Kragen fest, wie um ihn abzuhalten, auf die Gegenstände seiner kurzlebigen Verehrung loszustürzen und sie in Stücke zu zerreißen.
„Bravo!“ sagte Defarge, als es vorbei war, indem er ihn mit Gönnermiene auf den Rücken klopfte; „Ihr seid ein guter Junge!“
Der Straßenarbeiter kam jetzt wieder zu sich und glaubte fast, er habe sich mit seinen Freudenbezeigungen eines Fehlers schuldig gemacht; aber nein!
„Ihr seid der Bursche, den wir brauchen“ sagte Defarge ihm in’s Ohr. „Ihr verleitet diese Thoren zu dem Glauben, daß es ewig dauern werde. Dann sind sie um so anmaßender und das Ende kommt um so eher.“
„Ha!“ rief der Straßenarbeiter nach einigem Besinnen aus; „das ist wahr!“
„Diese Thoren wissen nichts. Während sie Euren Athem verachten und lieber Euch oder Hunderte, wie Euch ersticken sehen möchten, als einen ihrer Hunde oder Pferde, wissen sie blos, was ihnen Euer Athem sagt. So mögen sie sich dann noch eine kleine Weile täuschen; sie können sich nicht genug täuschen.“
Madame Defarge sah den Clienten geringschätzig an und nickte bestätigend.
„Was Euch betrifft“ sagte sie, „so würdet Ihr für Alles, wenn es nur mit Prunk und Lärm auftritt, Freudenthränen vergießen. Nicht wahr, das würdet Ihr thun?“
„Ich glaube wol, Madame. Für den Augenblick.“
„Wenn man Euch einen großen Haufen Puppen zeigte, die Ihr zu Eurem Nutzen auseinander nehmen und ausziehen solltet, so würdet Ihr die größte und prächtigste nehmen. Nicht wahr?“
„Ja!“
„Und wenn man Euch eine Schaar Vögel zeigte, die nicht fortfliegen könnte und Euch hieße, sie zu Eurem Nutzen ihrer Federn zu berauben, so würdet Ihr nach den Vögeln mit dem glänzendsten Gefieder greifen; nicht wahr?“
„Gewiß, Madame.“
„Ihr habt heute Puppen und Vögel gesehen,“ sagte Madame Defarge und schwenkte die Hand nach dem Orte, wo sie zuletzt gewesen waren. „Jetzt geht nach Hause!“