Von sorgenvollem Wachen erschöpft schlief Mr. Lorry auf seinem Posten ein. Am zehnten Morgen seines Harrens erweckte ihn der helle Schein der Sonne, welcher in die Stube fiel, wo ihn während dunkler Nacht ein schwerer Schlummer überfallen hatte.
Er rieb sich die Augen und sah um sich; aber als er dies that, konnte er nicht klar werden, ob er nicht noch schlafe. Denn wie er an die Thüre des Zimmers des Doctors trat und hineinblickte, bemerkte er, daß die Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug bei Seite gestellt war und daß der Doctor lesend am Fenster saß. Er hatte seinen gewöhnlichen Morgenrock an und sein Antlitz (das Mr. Lorry deutlich sehen konnte) — obgleich noch sehr blaß — trug den Ausdruck der Aufmerksamkeit und ruhigen Vertieftheit.
Als Mr. Lorry gewiß geworden war, er wache, belästigten ihn einige Augenblicke noch Zweifel, ob das Schuhmachen der letzten Tage nicht bei ihm ein unruhiger Traum gewesen; denn sahen nicht seine Augen den Freund vor sich in seiner gewöhnlichen Tracht und seinem gewöhnlichen Ansehen und beschäftigt wie gewöhnlich? Und sahen sie irgend ein Zeichen, daß die Veränderung, die seiner Erinnerung so bestimmt eingeprägt war, wirklich vor sich gegangen war?
Dies fragte er sich blos in seiner ersten Verwirrung und in seinem ersten Erstaunen; denn die Antwort lag auf der Hand. Wenn die Erinnerung nicht die Folge eines wirklich entsprechenden und genügenden Vorfalls war, wie kam er — Charles Lorry — denn hierher? Wie ging es zu, daß er in seinen Kleidern auf dem Sopha in Dr. Manette’s Consultationszimmer eingeschlafen war und jetzt am frühen Morgen an der Thür des Schlafzimmers des Doctors mit sich über alle diese Zweifel zu Rathe ging?
Nach ein paar Minuten stand Miß Proß flüsternd an seiner Seite. Wenn ihn noch der Rest eines Zweifels gequält hätte, so hätte er vor ihrem Reden verschwinden müssen; aber er war sich jetzt klar geworden und hegte keinen Zweifel mehr. Er rieth an, die Zeit hingehen zu lassen, bis zur gewöhnlichen Frühstücksstunde und dann mit den Doctor zusammenzutreffen, als ob nichts Ungewöhnliches geschehen sei. Wenn er sich dann in seiner gewöhnlichen Gemüthsverfassung zeigte, wollte sich Mr. Lorry vorsichtig Raths bei der Autorität erholen, die zu befragen er sich in seiner Sorge so sehr gesehnt hatte.
Miß Proß fügte sich seinen Rathschlägen und der Plan ward mit aller Sorgfalt vorbereitet. Da Mr. Lorry Ueberfluß von Zeit für seine gewöhnliche methodische Toilette hatte, erschien er zur Frühstücksstunde schmuck und nett wie immer. Der Doctor war wie üblich gerufen worden und kam zum Frühstück.
So weit sich gewahr werden ließ, ohne über die vorsichtige und allmälige Annäherung hinauszugehen, auf welche Mr. Lorry sich beschränken mußte, glaubte er Anfangs seiner Tochter Hochzeit wäre gestern gewesen. Eine vorsätzlich hingeworfene Erwähnung des Wochen- und des Monatstages veranlaßte ihn nachzudenken und zu zählen und machte ihn offenbar unruhig. In jeder andern Hinsicht war er jedoch so sehr Herr seiner selbst, daß Mr. Lorry sich entschloß, sich bei der erwähnten Autorität Raths zu erholen. Und diese Autorität war er selbst.
Als sie daher mit dem Frühstück zu Ende und Alles weggeräumt worden und er und der Doctor wieder allein waren, sagte Mr. Lorry mit Gefühl: „Lieber Manette, ich möchte im Vertrauen Ihre Meinung über einen sehr merkwürdigen Fall hören, bei dem ich das tiefste Interesse fühle; das will sagen, er erscheint mir sehr merkwürdig; bei Ihrer größeren Erfahrung ist dies vielleicht nicht der Fall.“
Der Doctor blickte seine Hände an, an denen noch Spuren der frühern Beschäftigung zu bemerken waren, machte ein beunruhigtes Gesicht und hörte aufmerksam zu. Er hatte schon mehr als einmal seine Hände angesehen.
„Dr. Manette,“ sagte Mr. Lorry, indem er liebreich die Hand auf seinen Arm legte, „der Fall ist einem mir besonders werthen Freunde passirt. Bitte, schenken Sie mir Ihre Aufmerksamkeit und rathen Sie mir um seinetwillen — und vor Allem wegen seiner Tochter — wegen seiner Tochter, lieber Manette.“
„Wenn ich recht verstehe,“ sagte der Doctor mit gedämpfter Stimme, „so ist es eine Erschütterung des Geistes?“ —
„Ja.“
„Erzählen Sie ausführlich,“ sagte der Doctor, „geben Sie alle Einzelnheiten.“
Mr. Lorry sah, daß sie einander verstanden und fuhr fort: „Lieber Manette, es handelt sich um eine alte und sehr lange Erschütterung, welche das Gemüth oder — wie Sie es nennen, der Geist erlitten hat, — man weiß nicht wie lange, weil ich glaube, er selbst kann die Zeit nicht berechnen, und es giebt kein anderes Mittel, sie zu erfahren. Es handelt sich um eine Erschütterung, von der sich der Betreffende durch einen Proceß erholt hat, von dem er sich keine Rechenschaft ablegen kann — wie ich ihn einmal öffentlich sehr eindringlich erzählen hörte. Es handelt sich um eine Erschütterung, von der er sich so vollständig erholt hat, daß er ein sehr geistvoller Mann ist, fähig, alle seine Seelen- und Körperkräfte anzustrengen und beständig seine Kenntnisse, die schon sehr bedeutend waren, zu vermehren. Aber leider! (er hielt inne und holte tief Athem) hat er einen kurzen Rückfall gehabt.“
Der Doctor fragte mit gedämpfter Stimme. „Wie lange hat er gedauert?“
„Neun Tage und Nächte.“
„Wodurch zeigte er sich? Ich vermuthe,“ sagte er mit einem Blick auf seine Hände, „in der Wiederaufnahme einer alten Beschäftigung aus jener Zeit der Gemüthserschütterung?“
„So ist es.“
„Sagen Sie mir,“ fragte der Doctor bestimmt und gefaßt, obgleich in demselben gedämpften Tone, „haben Sie ihn jemals früher bei dieser Beschäftigung gesehen?“
„Einmal.“
„Und als er den Rückfall hatte, war er da in vielfacher oder in jeder Hinsicht wie früher?“
„Ich glaube, in jeder Hinsicht.“
„Sie sprachen von seiner Tochter. Weiß seine Tochter etwas von diesem Rückfall?“
„Nein. Er ist ihr verhehlt worden und ich hoffe, er wird ihr immer verhehlt bleiben. Er ist nur mir bekannt und einer andern Person, der ganz zu vertrauen ist.“
Der Doctor ergriff seine Hand und sagte halblaut: „Das war sehr gütig. Das war sehr rücksichtsvoll!“
Mr. Lorry drückte ihm wieder die Hand und Beide schwiegen auf eine Weile.
„Nun wissen Sie, lieber Manette,“ fuhr endlich Mr. Lorry in seiner liebreichsten und schonendsten Weise fort, „ich bin ein bloßer Geschäftsmann und unfähig, solche verwickelte und schwierige Sachen zu beurtheilen. Ich besitze nicht die dazu nöthigen Kenntnisse und nicht die nöthige Einsicht; ich bedarf des Rathes. Es giebt keinen Mann in der Welt, bei dem ich auf guten Rath so sehr rechnen kann, wie bei Ihnen. Sagen Sie mir, wie kommt dieser Rückfall? Ist ein zweiter zu fürchten? Könnte eine Wiederholung verhindert werden? Wie ist ein neuer Rückfall zu behandeln? Was sind überhaupt die Ursachen eines solchen? Was kann ich für meinen Freund thun? Nie kann es Jemandem mehr am Herzen gelegen haben, einem Freunde einen Dienst zu leisten, als jetzt mir; wenn ich nur wüßte — wie? Aber bei einem solchen Falle tappe ich ganz im Dunkeln. Wenn Ihr Scharfblick, Ihre Kenntniß und Ihre Erfahrung mir den rechten Weg zeigen könnte, so könnte ich vielleicht viel thun; ohne Leitung und ohne Rath kann ich nur wenig thun. Bitte, sprechen Sie mit mir die Sache durch; bitte, setzen Sie mich in Stand, ein wenig klarer zu sehen und lehren Sie mich ein wenig nützlicher zu sein.“
Dr. Manette saß nachdenklich da, als diese eindringlichen Worte gesprochen worden und Mr. Lorry drängte ihn nicht.
„Ich halte es für wahrscheinlich,“ sagte der Doctor mit sichtlicher Anstrengung, „daß der von Ihnen, werther Freund, beschriebene Rückfall dem Betroffenen nicht ganz unvorhergesehen gekommen ist.“
„Hat er ihn gefürchtet?“ — wagte Mr. Lorry zu fragen.
„Gar sehr.“ Er sagte dies mit einem unwillkürlichen Schauder. „Sie haben keinen Begriff, wie schwer eine solche Befürchtung auf dem Gemüth des Betreffenden lastet und wie schwer es ihm ist — ja fast unmöglich — sich zu zwingen — nur ein Wort über das, was ihn bedrückt, fallen zu lassen.“
„Würde es ihn nicht sehr erleichtern,“ fragte Mr. Lorry, „wenn er es über sich gewinnen könnte, sich während dieses heimlichen Brütens Jemandem anzuvertrauen?“
„Ich glaube wohl. Aber wie ich Ihnen schon sagte, es ist fast unmöglich. Ich glaube sogar, es ist in einigen Fällen ganz unmöglich.“
„Sagen Sie mir,“ sagte Mr. Lorry, indem er, nachdem Beide eine kleine Weile geschwiegen hatten, wieder liebreich die Hand auf den Arm des Doctors legte, „welcher Ursache würden Sie den Anfall zuschreiben?“
„Ich glaube,“ gab Dr. Manette zur Antwort, „die Ursache ist, daß der Gedankengang und die Erinnerung, durch welche die Krankheit zuerst entstanden ist, in ungewöhnlicher Weise wieder erweckt worden sind. Ich glaube, daß Rückerinnerungen von der schmerzlichsten Art mit großer Lebhaftigkeit wieder vor seine Seele getreten sind. Wahrscheinlich ist sein Gemüth schon seit langer Zeit von einer dunkeln Furcht behaftet gewesen, daß diese Erinnerungen wieder wach werden würden — ich meine, unter gewissen Umständen, bei einer gewissen Veranlassung. Er hat versucht, sich darauf vorzubereiten, aber vergeblich; vielleicht hat die Anstrengung, die er bei diesem Versuch gemacht hat, ihn weniger befähigt, dem Anfall zu widerstehen.“
„Ob er wohl weiß, was während des Rückfalls geschehen ist?“ — fragte Mr. Lorry mit natürlichem Zögern.
Der Doctor sah sich rathlos im Zimmer um, schüttelte den Kopf und antwortete mit gedämpfter Stimme: „Durchaus nicht!“
„Was nun die Zukunft betrifft,“ fing Mr. Lorry an.
„Was die Zukunft betrifft,“ sagte der Doctor, die Fassung wieder gewinnend, „so habe ich große Hoffnung. Da es dem Himmel in seiner Barmherzigkeit gefallen hat, ihn in so kurzer Frist wieder herzustellen, so möchte ich die beste Hoffnung haben. Ich sollte meinen, daß das Schlimmste vorbei sei.“
„Schön! Schön! Das ist guter Trost. Ich danke dem Himmel!“ — sagte Mr. Lorry.
„Ich danke dem Himmel!“ — wiederholte der Doctor mit von Andacht durchdrungenem Tone.
„Noch über zwei andere Punkte möchte ich unterrichtet sein,“ sagte Mr. Lorry. „Darf ich fortfahren?“
„Sie können Ihrem Freunde keinen besseren Dienst leisten.“ Der Doctor reichte ihm die Hand.
„Also der erste Punkt. Er liebt die Wissenschaften und ist von ungewöhnlicher Energie; mit großem Eifer widmet er sich der Erwerbung von Kenntnissen, dem Experimentiren und vielen andern Sachen. Sollte er darin vielleicht zu viel thun?“
„Ich glaube nicht. Es ist vielleicht gerade bei ihm das Charakteristische, beständig einer Beschäftigung zu bedürfen. Zum Theil ist es ihm vielleicht angeboren, zum Theil eine Folge des Seelenschmerzes. Je weniger er sich mit gesunden Dingen beschäftigte, desto größer war die Gefahr, in eine ungesunde Richtung einzulenken. Er hat es vielleicht selbst beobachtet und die Entdeckung gemacht.“
„Sie sind überzeugt, daß er sich nicht zu sehr anstrengt?“
„Ich glaube dessen ganz gewiß zu sein.“
„Lieber Manette, wenn er sich jetzt zu sehr anstrengte?“ —
„Lieber Lorry, ich bezweifle, daß dies leicht der Fall sein kann. Es ist ein heftiger Zug nach einer Richtung gewesen und dieser bedarf eines Gegengewichtes.“
„Entschuldigen Sie mich als zudringlichen Geschäftsmann. Nehmen wir für einen Augenblick an, daß er sich zu sehr anstrengte; würde eine Wiederkehr des Anfalls die Folge sein?“
„Ich glaube nicht... ich glaube nicht,“ sagte Dr. Manette mit der Entschiedenheit des Ueberzeugtseins, „daß etwas Anderes als diese eine Reihe von Ideenverbindungen ihn erneuern könnte. Ich glaube, daß in Zukunft nur ein ganz ungewöhnliches Anschlagen dieser Saite ihn erneuern kann. Nach dem, was geschehen ist, und nach seiner Genesung kann ich mir nur sehr schwer eine so heftige Berührung dieser Saite denken. Ich vertraue und glaube fast, daß die Umstände, unter denen der Anfall wiederkehren könnte, erschöpft sind.“
Er sprach mit der Zurückhaltung eines Mannes, welcher weiß, welche Kleinigkeit den künstlichen Organismus unseres Geistes in Unordnung bringen kann, und doch mit der Zuversicht eines Mannes, der seine Ueberzeugung langsam durch persönliche Leiden gewonnen hat. Es konnte seinem Freunde nicht einfallen, diese Ueberzeugung zu erschüttern. Er stellte sich getrösteter und ermuthigter, als er in Wirklichkeit war, und kam jetzt auf den zweiten und letzten Punkt. Er fühlte, daß es der schwierigste von allen war. Aber indem er sich an seine alte Sonntagsmorgen-Unterredung und an Alles, was er in den letzten neun Tagen gesehen, erinnerte, fühlte er, daß er ihn in Anregung bringen mußte.
„Die Beschäftigung, der er sich unter der Herrschaft dieses so glücklich geheilten Seelenleidens widmete,“ sagte Mr. Lorry mit einem Räuspern, „war Schmiedearbeit, wollen wir sagen, Schmiedearbeit. Wir wollen annehmen, um die Sache deutlich zu machen, daß er sich in seiner schlimmen Zeit gewöhnt hatte, an einer kleinen Schmiede zu arbeiten. Wir wollen sagen, daß man ihn unerwartet wieder an seiner Schmiede gefunden. Ist es nicht zu beklagen, daß er sie bei sich behält?“
Der Doctor hielt die Hand vor die Augen und klopfte unruhig mit dem Fuße auf den Boden.
„Er hat sie immer bei sich behalten,“ sagte Mr. Lorry mit einem bangen Blick auf seinen Freund. „Wäre es aber nun nicht besser, wenn er sie fortschaffte?“
Immer noch hielt der Doctor die Hand vor die Augen und klopfte mit dem Fuß unruhig auf den Boden.
„Sie finden es nicht leicht, mir einen Rath zu ertheilen?“ sagte Mr. Lorry. „Ich begreife wohl, daß es eine schwierige Frage ist. Und doch meine ich“ — und hier schüttelte er den Kopf und hielt inne.
„Sie sehen,“ sagte Dr. Manette nach einer Pause, „es ist sehr schwierig, die Bewegungen zu erklären, welche im innersten Gemüthe dieses armen Mannes sich geregt haben. Er sehnte sich mit so heißer Leidenschaft nach dieser Beschäftigung und sie war ihm so willkommen als sie kam; sie erleichterte jedenfalls seinen Schmerz so sehr dadurch, daß sie ihn von der Qual des Nachdenkens über Vergangenheit und Zukunft ablenkte, daß er seitdem den Gedanken nicht hat ertragen können, sich ganz von ihr zu trennen. Selbst jetzt, wo — wie ich glaube — er seine Sache für hoffnungsvoller hält, als je zuvor und von sich sogar mit einer Art Zuversicht spricht, erfüllt ihn der Gedanke, daß er die alte Beschäftigung brauchen und nicht bei der Hand haben könnte mit einem plötzlichen Gefühl des Entsetzens gleich demjenigen, was — wie man sich vorstellen kann — ein im Walde verirrtes Kind empfindet.“
Er sah aus wie das Gleichniß, das er brauchte, als er die Augen erhob, um Mr. Lorry anzusehen.
„Aber kann nicht — bedenken Sie wohl, ich frage, um mich zu unterrichten als ein einfacher Geschäftsmann, der nur mit so materiellen Gegenständen wie Guineen, Schillingen und Banknoten zu thun hat — kann nicht das Beisichbehalten der Sache das Festhalten an dem Gedanken nach sich ziehen? Wenn die Sache fortwäre, lieber Manette, könnte da nicht auch die alte Furcht mit weichen? Kurz — ist es nicht eine Nachgiebigkeit an die Furcht, die Schmiede zu behalten?“
Es folgte eine andere Pause.
„Sie müssen auch wissen,“ sagte der Doctor mit zitternder Stimme, „daß sie eine so alte Gefährtin ist.“
„Ich würde sie nicht behalten,“ sagte Mr. Lorry mit Kopfschütteln; denn er wurde um so fester, jemehr er sah, daß der Doctor unruhig wurde. „Ich würde rathen, sie zu opfern. Mir fehlt nur Ihre Erlaubniß. Ich bin überzeugt, daß es nicht gut thut. Ich bitte Sie, geben Sie mir Ihre Erlaubniß! — Um seiner Tochter willen, lieber Manette.“
Es war sehr seltsam anzusehn, welch’ ein innerlicher Kampf ihn erschütterte.
„Gut, so mag es in Ihrem Namen geschehen; ich gebe meine Einwilligung. Aber ich würde sie nicht wegnehmen während seiner Anwesenheit. Ich rathe, sie zu entfernen, wenn er nicht da ist; das Beste ist, er vermißt seine alte Begleiterin, wenn er von einer Reise wiederkehrt.“
Mr. Lorry machte sich dazu verbindlich und die Conferenz hatte ein Ende. Sie verbrachten den Tag auf dem Lande und der Doctor war ganz wieder hergestellt. An den drei folgenden Tagen blieb er ganz derselbe und am vierzehnten Tage reiste er ab, um sich zu Lucien und ihrem Gatten zu begeben. Mr. Lorry hatte ihm vorher auseinandergesetzt, welche kleine Täuschung er sich erlaubt hatte, um sein Schweigen zu erklären und er schrieb in diesem Sinne an Lucie und sie schöpfte keinen Verdacht.
Am Abend des Tags seiner Abreise begab sich Mr. Lorry mit einem Hackmesser, einer Säge, einem Meißel und einem Hammer, begleitet von Miß Proß mit einer brennenden Kerze, in des Doctors Zimmers. Dort bei geschlossenen Thüren und in geheimnißvoller und schuldbewußter Weise zerhackte Mr. Lorry die Schusterbank, während Miß Proß die Kerze hielt, als ob sie Gehülfin bei einem Morde wäre — wozu in der That ihr grimmiges Gesicht nicht schlecht paßte. Darauf schritt man ohne Verzug zum Verbrennen der Stücke an’s Küchenfeuer, und das Arbeitszeug, die Schuhe und das Leder wurden im Garten begraben. So böse erscheinen Zerstörungen und Geheimthun ehrlichen Gemüthern, daß Mr. Lorry und Miß Proß während der Ausführung ihrer That und des Wegschaffens ihrer Spuren fast wie Theilnehmer an einem schrecklichen Verbrechen sich fühlten und auch so aussahen.