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Zwei Städte

Chapter 36: Zwanzigstes Kapitel. Eine Bitte.
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About This Book

The narrative interweaves the fortunes of several people living in two contrasting urban centers on the verge of political upheaval, tracing how private loyalties, family ties, and a tender affection endure amid growing public violence and injustice. It moves from relative calm through escalating unrest to revolutionary crisis, depicting imprisonment, legal peril, and the moral choices that arise. Central motifs include resurrection, duality, and self-sacrifice, and the work alternates intimate domestic scenes with large-scale scenes of crowd fury, culminating in a redemptive act that reframes personal identity and moral responsibility.

Zwanzigstes Kapitel.
Eine Bitte.

Als das junge Ehepaar von seiner Reise zurückkehrte, war der Erste, der mit seinen Glückwünschen sich einstellte, Sydney Carton. Sie waren noch nicht viele Stunden zu Hause, als er erschien. Weder in seinen Lebensgewohnheiten, noch in seinem Aussehen, noch in seinen Manieren hatte er sich gebessert; aber er hatte ein gewisses Aussehen rauher Treue, welches Charles Darnay noch nicht an ihm beobachtet hatte. Er benutzte eine Gelegenheit, um Darnay bei Seite in ein Fenster zu nehmen und mit ihm zu reden, wo es Niemand hörte.

„Mr. Darnay,“ sagte Carton, „ich wünschte, wir wären Freunde.“

„Wir sind schon Freunde, hoffe ich.“

„Sie sind gütig genug, dies als bloße Redeformel zu sagen; aber ich meine keine Redeform. In der That aber, wenn ich sage, ich wünschte wir wären Freunde, so meine ich eigentlich auch das nicht so ganz.“

Charles Darnay, wie das nur natürlich war, fragte ihn in aller Freundlichkeit, was er meine?

„Wahrhaftig,“ sagte Carton mit einem Lächeln, „ich finde viel leichter das selbst zu begreifen, als es Ihnen begreiflich zu machen. Aber ich will es versuchen. Sie erinnern sich an eine gewisse famose Gelegenheit, wo ich betrunkener war, als — als gewöhnlich.“

„Ich erinnere mich an eine gewisse famose Gelegenheit, wo Sie mich zwangen zu gestehen, daß Sie getrunken hatten.“

„Ich erinnere mich auch daran. Der Fluch dieser Gelegenheit liegt schwer auf mir, denn ich denke immer daran zurück. Ich hoffe, es wird mir eines Tages, wenn alle Tage für mich zu Ende sind, angerechnet werden! — Werden Sie nicht unruhig; ich will keine Predigt halten.“

„Ich werde gar nicht unruhig. Es kann mich durchaus nicht beunruhigen, wenn Sie Etwas ernst auffassen.“

„Ach!“ sagte Carton mit einer gleichgültigen Bewegung der Hand, als ob er dies wegstreifte. „Bei der fraglichen Gelegenheit (eine von einer langen Reihe — wie Sie wissen) war ich unerträglich mit einem Geschwätz von: Sie gern haben und nicht gern haben. Ich wünschte, Sie könnten es vergessen.“

„Ich habe es längst vergessen.“

„Wieder eine bloße Redeform! Aber, Mr. Darnay, mir fällt das Vergessen nicht so leicht, wie Sie es bei sich darstellen wollen. Ich habe es keineswegs vergessen und eine meine Worte leicht hinnehmende Antwort trägt nichts dazu bei, es mich vergessen zu machen.“

„Wenn Sie meine Antwort für leichthin gegeben halten, so bitte ich um Verzeihung,“ sagte Darnay. „Ich wollte nur von einer Kleinigkeit abkommen, die Ihnen zu meiner Verwunderung zu schwer auf der Seele liegt. Ich erkläre Ihnen auf das Wort eines Gentleman, daß ich die Sache längst vergessen habe. Guter Gott! was war dabei zu vergessen? Hatte ich in dem großen Dienste, den Sie mir an jenem Tage leisteten, nichts Wichtigeres zu behalten?“

„Was den großen Dienst betrifft,“ sagte Carton, „so fühle ich mich verpflichtet, Ihnen zu gestehen, wenn Sie in dieser Weise davon reden, daß es ein bloßer Advocaten-Effect war. Ich weiß nicht, daß ich mich bekümmerte was aus Ihnen würde, als ich Ihnen diesen Dienst leistete. — Merken Sie wohl! Ich sage: Als ich ihn leistete; ich spreche von der Vergangenheit.“

„Sie stellen die Verpflichtung als sehr leicht dar; aber ich will nicht über Ihre Antwort böse sein.“

„Die reine Wahrheit, Mr. Darnay, glauben Sie mir! Doch ich bin von meinem Zwecke abgekommen; ich sagte: ich wünschte, wir möchten Freunde sein; nun kennen Sie mich: Sie wissen, daß ich aller höheren und besseren Bestrebungen unfähig bin. Wenn Sie es bezweifeln, so fragen Sie Stryver und er wird es Ihnen sagen.“

„Ich ziehe vor, mir meine eigene Meinung zu bilden, ohne ihn zu Hülfe zu nehmen.“

„Gut! Jedenfalls wissen Sie, daß ich ein liederlicher Mensch bin, der nie zu etwas Gutem nütze gewesen ist und sein wird.“

„Ich weiß nicht, was Sie sein werden.“

„Aber ich weiß es und Sie müssen mein Wort dafür nehmen. Gut: Wenn es Ihnen Nichts ausmacht, einen so nutzlosen Kerl und einen Kerl von so zweideutigem Rufe gelegentlich hier ab- und zugehen zu sehen, so bitte ich, mir zu erlauben, daß ich als privilegirte Person hier kommen und gehen darf; daß man mich als ein nutzloses (und ich würde hinzusetzen, wenn ich nicht eine Aehnlichkeit zwischen mir und Ihnen entdeckt hätte: als ein nicht zur Zierde gereichendes) Stück Möbel betrachtete, das alter Dienste wegen geduldet und nicht weiter beachtet wird. Ich glaube nicht, daß ich die Erlaubniß mißbrauchen werde. Ich wette hundert gegen Eins, daß ich sie schwerlich viermal des Jahres benutze. Aber ich gestehe, es würde mir eine Befriedigung sein zu wissen, daß ich sie hätte.“

„Wollen Sie’s versuchen?“

„Das heißt mit andern Worten: daß Sie mich ganz so betrachten wollen, wie ich’s wünsche. Ich danke Ihnen, Darnay. Ich darf mir diese Freiheit mit Ihrem Namen erlauben?“

„Ich sollte meinen, Carton.“

Sie schüttelten sich darauf die Hand und Sydney wendete sich weg. Eine Minute später war er allem äußeren Anschein nach so sehr ein bloßes Nebenstück wie je. Als er fort war und im Verlauf eines mit Miß Proß, dem Doctor und Mr. Lorry zugebrachten Abends erwähnte Charles Darnay diese Unterredung in allgemeinen Andeutungen und sprach von Sydney Carton als ein Räthsel der Sorglosigkeit und Unbekümmertheit um die Zukunft. Er sprach nicht von ihm in bitteren oder tadelnden Ausdrücken, sondern wie Jemand, der ihn sah, wie er sich zeigte.

Er hatte keine Ahnung, daß seine hübsche junge Gattin sich darüber Gedanken machen würde; aber als er später in ihr Zimmer zu ihr kam, wartete sie auf ihn mit dem alten hübschen sinnenden Ausdruck auf der Stirn.

„Wir machen uns heute Abend Gedanken?“ — sagte Darnay, indem er seinen Arm um sie legte.

„Ja, liebster Charles,“ gab sie ihm zur Antwort, indem sie ihn fragend und aufmerksam ansah; „wir sind ziemlich nachdenklich heute Abend, denn wir haben Etwas auf dem Herzen.“

„Was ist es, liebe Lucie!“

„Willst Du mir versprechen, mich nicht mit einer Frage zu bedrängen, wenn ich Dich bitte, sie nicht zu stellen?“

„Ob ich es versprechen will? Was würde ich nicht meiner Lucie versprechen?“

Ja, wahrhaftig! was hätte er ihr versagen können, wie er ihr mit der einen Hand das goldne Haar von der Wange zurückstrich und die andere auf das Herz legte, das für ihn schlug!

„Ich glaube, Charles, der arme Mr. Carton verdient mehr Rücksicht und Achtung, als sich in den Worten, die Du heute von ihm brauchtest, aussprach.“

„Wahrhaftig, mein Herz? Wie so?“

„Das ist eben das, was Du mich nicht fragen sollst. Aber ich glaube — ich weiß, er verdient es.“

„Wenn Du es weißt, so genügt es. Was verlangst Du von mir, mein Leben?“

„Ich wollte Dich bitten, Liebster, immer sehr entgegenkommend gegen ihn zu sein und sehr nachsichtig mit seinen Fehlern, wenn er nicht dabei ist. Ich wollte Dich bitten zu glauben, daß er ein Herz hat, das er selten, sehr selten zeigt und daß tiefe Wunden darin sind. Geliebter, ich habe es bluten sehen.“

„Es schmerzt mich tief,“ sagte Charles ganz erstaunt, „daß ich ihm irgendwie Unrecht gethan habe. Ich habe dies nie von ihm gedacht.“

„Lieber Mann, es ist so. Ich fürchte, er ist nicht anders zu machen; es ist kaum zu hoffen, daß in seinem Charakter oder in seinen Vermögensverhältnissen noch etwas zu bessern ist. Aber ich bin überzeugt, daß er des Guten und selbst des Edeln und Großherzigen fähig ist.“

Sie sah in der Reinheit ihres Glaubens an diesen verlornen Menschen so schön aus, daß ihr Gatte sie jetzt stundenlang hätte anblicken können.

„Und ach! mein Herz,“ bat sie, indem sie ihn fester umschlang, das Köpfchen an seine Brust legte und zu ihm emporblickte, „vergiß nicht, wie stark wir sind in unserem Glück und wie schwach er ist in seinem Elend.“

Die Bitte drang ihm in’s Herz.

„Ich werde es nie vergessen, liebes Herz! Ich werde es nie vergessen, so lange ich lebe.“

Er beugte sich zu ihr hernieder, küßte den rosigen Mund und schloß sie fest in seine Arme. Wenn ein einsamer Wanderer durch die dunkeln Straßen jetzt ihr unschuldiges Bekenntniß hätte hören und die Mitleidsthränen hätte sehen können, welche ihr Gemahl von dem sanften blauen Auge wegküßte, die ihn so liebevoll ansahen, so hätte nicht zum erstenmale sein Mund die Worte gesprochen:

„Gott segne sie ihres holdseligen Mitleids willen!“