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Zwei Städte

Chapter 41: Drittes Buch. Des Sturmes Wüthen.
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About This Book

The narrative interweaves the fortunes of several people living in two contrasting urban centers on the verge of political upheaval, tracing how private loyalties, family ties, and a tender affection endure amid growing public violence and injustice. It moves from relative calm through escalating unrest to revolutionary crisis, depicting imprisonment, legal peril, and the moral choices that arise. Central motifs include resurrection, duality, and self-sacrifice, and the work alternates intimate domestic scenes with large-scale scenes of crowd fury, culminating in a redemptive act that reframes personal identity and moral responsibility.

Drittes Buch.
Des Sturmes Wüthen.

Erstes Kapitel.
Zu geheimer Haft.

Der Reisende der im Jahre 1792 von England nach Paris sich begab, kam langsam vorwärts. Mehr als zur Genüge schlechte Wege, schlechte Wagen und schlechte Pferde hätten ihn aufgehalten, wenn auch der gestürzte und unglückliche König von Frankreich noch in allem seinem Prunk auf dem Throne gesessen hätte; aber der Wechsel der Zeiten hatte noch andere Verhältnisse als diese geschaffen. In jedem Thor der Städte und in jedem Einnahmehause der Dörfer stand eine Schaar von Bürgern und Patrioten mit ihren Nationalgewehren in höchst schußbereitem Zustand, die alle Kommenden und Gehenden anhielt, sie der Kreuz und der Quer fragte, ihre Papiere besichtigte, nach ihren Namen in selbst angelegten Verzeichnissen suchte, sie zurückschickte oder gehen ließ, oder sie anhielt und in’s Gefängniß steckte, wie es ihr launenhaftes Urtheil oder ihre Einbildung zum Besten der einen und untheilbaren Republik und für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod! für gut fand.

Charles Darnay hatte nur wenige Meilen auf seiner Reise in Frankreich zurückgelegt, als er zu bemerken anfing, daß auch ihm in diesem Lande keine Hoffnung auf Rückkehr mehr leuchtete, bevor er nicht in Paris als guter Bürger anerkannt worden. Was jetzt immer geschehen mochte, er mußte seine Reise zum Ziele führen. Kein ärmliches Dorf schloß sich hinter ihm, kein gewöhnlicher Schlagbaum senkte sich hinter ihm über den Weg, von denen er nicht wußte, daß sie neue eiserne Thore in der Reihe derer waren, welche sich zwischen ihm und England schlossen. Die allgemeine Wachsamkeit umgab ihn so vollkommen, daß wenn er in einem Netz gefangen gewesen oder nach dem Orte seiner Bestimmung in einen Käfig geschafft worden wäre, er sich des Verlustes seiner Freiheit nicht vollständiger hätte bewußt sein können.

Diese allgemeine Wachsamkeit hielt ihn nicht nur auf der Landstraße zwanzigmal auf einer Station an, sondern hemmte auch sein Vorwärtskommen zwanzigmal dadurch, daß man ihm nachritt und zurückholte, ihm vorausritt und für sein Angehaltenwerden sorgte, oder mit ihm ritt und über ihn Wache hielt. Er hatte bereits mehrere Tage unterwegs in Frankreich zugebracht, als er in einer kleinen Stadt an der Landstraße, immer noch weit von Paris, todtmüde zu Bett ging.

Nichts als die Vorzeigung von Gabelles betrübten Brief aus seinem Gefängniß in der Abbaye hätte ihn so weit bringen können. An der Thorwache dieses kleinen Ortes hatten sie so viel Schwierigkeiten gemacht, daß er fühlte, in seiner Reise mußte jetzt ein kritischer Wendepunkt eintreten. Und es überraschte ihn daher verhältnißmäßig sehr wenig, als er in dem kleinen Gasthaus, wohin man ihn bis zum Morgen gewiesen hatte, in der Mitte der Nacht geweckt wurde; geweckt von einem schüchternen Mitglied der Ortsbehörde und drei bewaffneten Patrioten in grobwollenen rothen Mützen und mit Pfeifen im Munde, die sich auf das Bett setzten.

„Emigrant,“ sagte der Beamte, „ich werde Sie unter Escorte nach Paris schicken.“

„Bürger, ich verlange nichts mehr als nach Paris zu gelangen, obgleich ich die Escorte entbehren könnte.“

„Still geschwiegen!“ murrte eine Rothmütze und schlug mit dem Flintenkolben auf die Bettdecke. „Still geschwiegen, Aristokrat!“

„Es ist so wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der schüchterne Beamte. „Sie sind ein Aristokrat und müssen eine Escorte haben — und müssen dafür bezahlen.“

„Ich habe keine Wahl,“ sagte Charles Darnay.

„Wahl! Hört ihn nur!“ rief dieselbe grollende Stimme der Rothmütze wieder. „Als ob es keine Begünstigung wäre, Schutz vor der Laterne zu finden!“

„Es ist immer so, wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der Beamte. „Stehen Sie auf und ziehen Sie sich an, Emigrant.“

Darnay gehorchte und wurde nach der Thorwache zurückgebracht, wo andere Patrioten in rothen Mützen bei einem Wachtfeuer rauchten, tranken und schliefen. Hier bezahlte er schweres Geld für seine Escorte und mußte dann mit derselben um drei Uhr früh auf der regendurchweichten Landstraße weiter. Die Escorte bestand aus zwei berittenen Patrioten in rothen Mützen mit dreifarbigen Cocarden, und bewaffnet mit Gewehren und Säbeln aus dem Nationaleigenthum. Die Patrioten hatten Darnay in der Mitte, welcher sein eigenes Pferd lenkte; aber am Zaume desselben war ein Strick befestigt, den einer der Patrioten um die Hand geschlungen hatte. In diesem Aufzuge traten sie die Reise an, während der kalte Regen ihnen in’s Gesicht schlug und ritten mit schleppendem Trott über das schlechte Straßenpflaster der Stadt und hinaus auf die Landstraße, die nur einen Morast bildete. Ohne einen anderen Wechsel als in der Gangart der Pferde legten sie so im knietiefen Schlamm die Meilen zurück, die sie noch von der Hauptstadt trennten.

Sie reisten in der Nacht, machten ein oder zwei Stunden nach Tagesanbruch Halt und lagen still bis zur Abenddämmerung. Die beiden Patrioten waren so dürftig gekleidet, daß sie Stroh um ihre nackten Beine wickelten und auf die zerlumpten Schultern Stroh legten, um sie vor der Nässe zu schützen. Abgesehen von der persönlichen Unannehmlichkeit so begleitet zu werden, und von Besorgnissen für die Gegenwart, welche der Umstand erweckte, daß einer der Patrioten chronisch betrunken war und mit seinem Gewehr sehr leichtsinnig umging, ließ Charles Darnay trotz des ihm aufgelegten Zwanges keine ernstliche Furcht in seiner Brust emporkommen; denn er redete sich ein, daß dies nichts zu thun haben könnte mit der Gerechtigkeit einer individuellen Sache, die noch nicht vorgebracht war und mit Vorstellungen die, bestätigt von dem Gefangenen in der Abtei, noch zu machen waren.

Aber als sie die Stadt Beauvais erreichten — es war gegen Abend und die Straßen waren voller Leute — konnte er sich nicht verhehlen, daß die Dinge einen sehr beunruhigenden Anstrich annahmen. Unheil verkündende Gesichter umdrängten ihn, als er vor dem Posthaus abstieg, und viele Stimmen riefen laut aus dem Gewühl: „Nieder mit dem Emigranten!“

Eben im Absteigen begriffen, setzte er sich wieder in den Sattel als den sichersten Platz und sagte:

„Emigrant, meine Freunde! seht Ihr mich nicht hier in Frankreich aus eignem freien Willen?“

„Ihr seid ein verfluchter Emigrant,“ schrie ein Hufschmidt und drängte sich mit dem Hammer in der Hand wüthend in den Vordergrund; „und Ihr seid ein verfluchter Aristokrat!“

Der Postmeister stellte sich zwischen diesen Mann und den Zaum des Reiters (den jener offenbar im Auge hatte) und sagte besänftigend: „Laßt ihn; laßt ihn! er wird in Paris gerichtet.“

„Gerichtet!“ wiederholte der Hufschmidt und schwang den Hammer. „Ja! und verurtheilt als Verräther.“ Ein diesen Worten beistimmendes Geheul ertönte aus der Menge.

Dem Postmeister wehrend, welcher das Pferd in den Hof lenken wollte (der betrunkene Patriot saß ruhig im Sattel und sah zu, den Strick um die Hand gewickelt) sagte Darnay, sowie er seine Stimme vernehmbar machen konnte:

„Ihr täuscht euch oder ihr seid getäuscht worden, gute Freunde. Ich bin kein Verräther.“

„Er lügt!“ rief der Schmidt. „Er ist ein Verräther seit dem Decret. Sein Leben ist dem Volke verfallen. Sein verfluchtes Leben ist nicht mehr sein!“ In dem Augenblick, wo Darnay in den Augen der Menge sah, daß sie im Begriff stand auf ihn loszustürzen, lenkte der Postmeister sein Pferd in den Hof, die Escorte schloß sich ihm dicht an, und der Postmeister verschloß und verriegelte die wackeligen Thorflügel. Der Hufschmidt schlug mit dem Hammer dagegen und der Volkshaufen heulte, aber weiter geschah nichts.

„Was ist das für ein Decret, von dem der Schmidt sprach?“ fragte Darnay den Postmeister als er ihm gedankt hatte und im Hofe neben ihm stand.

„Ein Decret welches den Verkauf des Emigranteneigenthums anordnet.“

„Wann erlassen?“

„Am Vierzehnten.“

„Den Tag meiner Abreise von England!“

„Jedermann sagt, es wäre blos eins von mehreren und andere würden nachfolgen — wenn sie nicht schon da sind — welche alle Emigranten verbannen und die zurückkehrenden zum Tode verurtheilen. Das war es was er meinte, als er sagte, Ihr Leben gehörte nicht mehr Ihnen.“

„Aber diese Decrete sind noch nicht da?“

„Was weiß ich!“ sagte der Postmeister mit einem Achselzucken; „sie können da sein oder auch nicht. Es ist alles einerlei. Was wollen Sie mehr?“

Sie schliefen auf einer Streu unter dem Dach bis Mitternacht und brachen dann wieder auf als die ganze Stadt im Schlafe lag.

Unter den vielen an gewöhnlichen Dingen zu bemerkenden seltsamen Veränderungen, welche diesem seltsamen Ritt einen traumartigen Charakter gaben war nicht die mindeste, daß fast Niemand zu schlafen schien. Nachdem sie lange und einsam öde Landschaften entlang geritten waren, erreichten sie eine Gruppe armseliger Hütten, nicht in Dunkel gehüllt, sondern von Lichtern erglänzend, deren Bewohner mitten in der stillen Nacht in gespensterhafter Weise um einen verdorrten Freiheitsbaum tanzten, oder sich aufgestellt hatten und ein Freiheitslied sangen. Zum Glück jedoch schlief man diese Nacht in Beauvais so fest, daß sie sicher aus dem Thor gelangen konnten und sie befanden sich bald von Neuem auf der einsamen Landstraße. Sie ritten durch die frühzeitig eingetretene Nässe und Kälte dahin, an ausgesogenen Feldern vorbei, welche dieses Jahr keine Frucht getragen, und an rauchgeschwärzten Trümmern ausgebrannter Häuser vorüber und der einsame Ritt erhielt eine gelegentliche Abwechselung durch das plötzliche Hervorbrechen von Patriotenpatrouillen, welche auf allen Straßen Wache hielten und mit allen Vorüberreisenden ein Verhör anstellten. Mit Tagesanbruch standen sie endlich vor den Mauern von Paris. Das Thor war geschlossen und stark bewacht, als sie an dasselbe heranritten.

„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte ein entschlossen aussehender Mann, dem Ansehen nach ein Vorgesetzter, den die Wache herausgerufen hatte.

Charles Darnay, dem das unangenehme Wort natürlich auffiel, machte dem Sprechenden bemerklich, daß er ein freier Reisender und französischer Bürger sei, geleitet von einer Escorte, welche ihm der anarchische Zustand des Landes aufgezwungen und die er bezahlt habe.

„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte dieselbe Person ohne im mindesten auf ihn zu achten.

Der betrunkene Patriot hatte sie in der Mütze und gab sie hin. Als der Andere Gabelle’s Brief überlas, zeigte er einige Verwirrung und Ueberraschung und sah Darnay mit großer Aufmerksamkeit an.

Er verließ jedoch Escorte und Escortirten ohne ein Wort zu verlieren, und ging in die Wachtstube; unterdessen hielten sie immer noch im Sattel draußen vor dem Thore.

Charles Darnay sah sich während dieser Pause um und bemerkte, daß das Thor von einer gemischten Wache von Soldaten und Patrioten besetzt war, von denen jedoch die letzteren an Zahl bedeutend überwogen; auch fiel ihm auf, daß, während Wagen vom Lande mit Lebensmitteln und für ähnlichen Verkehr leicht genug Einlaß fanden, das Hinauskommen selbst für die harmlosesten Leute sehr schwer war. Ein bunter Haufen von Männern und Weibern, zu geschweigen von Thieren und Fuhrwerken mancherlei Art, wartete auf das Oeffnen des Thores; aber so genau wurde nach Namen und Herkunft der Personen gefragt, daß sie nur einzeln und sehr langsam hinaus gelangten. Einige dieser Leute wußten, daß sie noch so lange würden warten müssen, ehe man sie in’s Verhör nahm, daß sie sich auf die Erde ausstreckten, um zu schlafen oder zu rauchen, während andere mit einander sprachen oder herumstanden. Die rothe Mütze und die dreifarbige Cocarde waren allgemein sowohl bei Männern wie bei Frauen.

Zu geheimer Haft.

Als Darnay auf diese Weise wohl eine halbe Stunde gewartet hatte, trat wieder die vorige Autoritätsperson heraus und befahl der Wache das Thor zu öffnen. Dann übergab er der Escorte einen Empfangsschein für den Escortirten und forderte ihn auf abzusteigen. Das that Darnay, und die beiden Patrioten, sein müdes Pferd am Zügel führend, machten kehrt und ritten von dannen, ohne einen Fuß in die Stadt zu setzen.

Darnay folgte seinem Führer in eine nach schlechtem Wein und Tabak riechende Wachtstube, wo verschiedene Soldaten und Patrioten, schlafend oder wachend, betrunken oder nüchtern, oder in verschiedenen neutralen Zuständen zwischen Schlafen und Wachen, Trunkenheit und Nüchternheit, herumstanden und lagen. Die Erleuchtung der Wache, halb von den verlöschenden Oellampen der Nacht und halb von dem trüben Tage herrührend, war von entsprechend ungewissem Character. Einige Register lagen auf einem Pulte und ein Offizier von gemeinem finstern Aussehen saß vor denselben.

„Bürger Defarge,“ sagte er zu Darnay’s Begleiter, als er einen Zettel nahm, um darauf zu schreiben, „ist dies der Emigrant Evrémonde?“

„Das ist er.“

„Ihr Alter, Evrémonde?“

„Siebenunddreißig.“

„Verheirathet, Evrémonde?“

„Ja.“

„Wo verheirathet?“

„In England.“

„Richtig. Wo ist Ihre Frau, Evrémonde?“

„In England.“

„Richtig.“

„Sie sind in das Gefängniß La Force consignirt, Evrémonde.“

„Gerechter Himmel!“ rief Darnay. „Nach welchem Gesetz und wegen welchen Vergehens?“

Der Offizier sah einen Augenblick von seinem Zettel auf.

„Wir haben neue Gesetze, Evrémonde, und neue Vergehen seitdem Sie hier waren.“ Er sagte das mit einem harten Lächeln und schrieb weiter.

„Ich bitte Sie zu bemerken, daß ich freiwillig hierher gekommen bin, veranlaßt durch diese schriftliche Bitte eines Landsmannes, die vor Ihnen liegt. Ich verlange weiter nichts als Gelegenheit ihm ohne Aufschub zu Hülfe zu kommen. Ist das nicht mein Recht?“

„Emigranten haben keine Rechte, Evrémonde,“ lautete die gleichgültige Antwort. Der Offizier schrieb bis er fertig war, überlas noch einmal was er geschrieben, streute Sand darauf, und übergab den Zettel Defarge mit den Worten „zu geheimer Haft.“

Defarge winkte dem Gefangenen mit dem Papier, ihn zu begleiten. Der Gefangene gehorchte und eine Wache von zwei Patrioten begleitete ihn.

„Sind Sie es,“ fragte Defarge mit gedämpfter Stimme als sie die Stufen vor der Wache herab und nach der Stadt hineingingen, „der die Tochter Doctor Manette’s, ehemaligen Gefangenen in der Bastille, die nicht mehr ist, geheirathet hat?“

„Ja,“ gab Darnay mit überraschtem Blick zur Antwort.

„Ich heiße Defarge und besitze einen Weinschank im Quartier Saint Antoine. Vielleicht haben Sie von mir gehört.“

„Meine Frau kam in Ihr Haus, um ihren Vater abzuholen. Ja!“

Das Wort Frau schien in Defarge eine düstere Erinnerung zu wecken, und er fuhr mit plötzlicher Ungeduld auf: „Im Namen des scharfen Frauenzimmers das eben geboren und La Guillotine getauft worden ist, warum kommen Sie nach Frankreich?“

„Sie haben eben erst gehört warum. Glauben Sie nicht daß es wahr ist?“

„Schlimm genug für Sie, wenn es wahr ist,“ sagte Defarge, der während er sprach die Stirn runzelte und gerade vor sich hinsah.

„Ich sehe wohl, ich bin hier verloren. Alles ist hier so völlig anders geworden und geschieht so plötzlich und in so unbilliger Weise, daß ich unbedingt verloren bin. Wollen Sie mir eine kleine Hülfe leisten?“

„Nein.“ Defarge sprach immer noch, während er gerade vor sich hinsah.

„Wollen Sie mir eine einzige Frage beantworten?“

„Vielleicht. Je nachdem sie ist. Fragen Sie nur.“

„Werde ich in dem Gefängniß, in welches man mich so ungerechter Weise wirft, noch einigen freien Verkehr mit der Außenwelt haben?“

„Das werden Sie sehen.“

„Soll ich darin, im Voraus verurtheilt, und jedes Rechts zu meiner Vertheidigung beraubt, begraben liegen?“

„Das werden Sie sehen. Aber was liegt daran? Andere Leute haben in ähnlicher Weise in früheren Zeiten in schlimmeren Gefängnissen gelegen.“

„Aber nicht durch meine Schuld, Bürger Defarge.“

Defarge sah ihn blos finster an, und ging in hartnäckigem Schweigen neben ihm her. Je tiefer er in dieses Schweigen versank, desto schwächer wurde die Hoffnung — so dachte Darnay wenigstens — daß er sich erweichen lassen würde. Er beeilte sich daher fortzufahren.

„Es ist für mich von der größten Wichtigkeit (Sie wissen, Bürger, sogar besser als ich, von welcher Wichtigkeit) daß ich Gelegenheit bekomme, Mr. Lorry von Tellsons Bank, einem Herrn aus England, der gegenwärtig in Paris ist, die einfache Thatsache ohne weitere Bemerkung mitzutheilen, daß ich im Gefängniß La Force sitze. Wollen Sie das für mich thun?“

„Ich will nichts für Sie thun,“ gab Defarge mit mürrischem Trotz zur Antwort. „Meine Pflicht gehört dem Vaterlande und dem Volke. Ich bin der geschworne Diener Beider, gegen Sie. Ich mag nichts für Sie thun.“

Charles Darnay fühlte wie nutzlos es war weiter in ihn zu dringen, und außerdem war sein Stolz verletzt. Wie sie schweigend neben einander herschritten, konnte er nicht umhin zu bemerken, wie sehr das Volk daran gewöhnt war Gefangene durch die Straßen führen zu sehen. Selbst die Kinder beachteten ihn kaum. Ein paar Vorübergehende sahen sich um und einige drohten ihm mit der Faust als einem Aristokraten; im Uebrigen war es nicht merkwürdiger, einen gut gekleideten Mann in’s Gefängniß führen, als einen Arbeiter in seiner Arbeitsjacke auf Arbeit gehen zu sehen. In einer engen, dunkeln und schmutzigen Straße, durch welche sie kamen, sprach ein aufgeregter Redner von einem Stuhl zu einer aufgeregten Zuhörerschaft von den Verbrechen des Königs und der königlichen Familie gegen das Volk. Aus ein paar Worten, die er von den Lippen dieses Mannes im Vorbeigehen erhaschte, erfuhr Charles Darnay zuerst, daß der König eingekerkert sei, und die fremden Gesandten sämmtlich Paris verlassen hätten. Auf der Reise (außer in Beauvais) hatte er buchstäblich gar nichts erfahren. Die Escorte und die allgemeine Wachsamkeit hatten ihn vollkommen isolirt.

Daß er jetzt von viel größeren Gefahren umringt war als sich entwickelt hatten, wie er von England abreiste, wußte er natürlich jetzt. Daß diese Gefahren sich rasch um ihn vermehrt hatten, und sich noch rascher und rascher vermehren konnten, wußte er nun ebenso. Er konnte nicht umhin, sich zu sagen, daß er diese Reise nicht angetreten haben würde, wenn er die Ereignisse einiger wenigen Tage hätte voraussehen können. Und dennoch waren seine bösen Ahnungen nicht so düster, wie sie bei dem Lichte unserer spätern Zeit betrachtet, aussehen würden. So trübe die Zukunft war, war sie doch eine unbekannte Zukunft und ihre Dunkelheit erlaubte noch die Hoffnung der Ungewißheit. Von der entsetzlichen Metzelei mehrerer Tage und Nächte, welche, bevor noch der Zeiger viele Male das Zifferblatt umkreist hatte, ein großes blutiges Zeichen auf die gesegnete Erntezeit setzen sollte, wußte er ebenso wenig, als hätte sie erst in hunderttausend Jahren sein sollen. Das „scharfe Frauenzimmer, vor Kurzem geboren und La Guillotine getauft,“ war ihm oder der Masse des Volks kaum den Namen nach bekannt. Die Greuelthaten, die bald verübt werden sollten, waren vielleicht nicht einmal in den Köpfen derer, die sie verübten, geboren. Wie konnten sie einen Platz finden in den Vorahnungen eines sanften Gemüthes?

Daß er in langer Haft und harter Behandlung und in grausamer Trennung von Frau und Kind Unrecht werde erdulden müssen, sah er als wahrscheinlich oder gewiß voraus, aber darüber hinaus fürchtete er nichts Bestimmtes. Mit diesen Sorgen auf seiner Seele, schwer genug, sie in einen unheimlichen Gefängnißhof mitzunehmen, kam er im Gefängniß La Force an.

Ein Mann mit einem aufgedunsenen Gesicht öffnete das schwere Pförtchen, welchem Defarge „den Emigranten Evrémonde“ vorstellte.

„Was der Teufel! wie viele sollen noch kommen!“ rief der Mann mit dem aufgedunsenen Gesicht aus.

Defarge nahm den Empfangschein ohne den Ausruf zu beachten und entfernte sich mit seinen beiden Patrioten.

„Was der Teufel, sag ich noch einmal!“ rief der Kerkermeister aus, der jetzt mit seiner Frau allein war. „Wie viele sollen noch kommen!“

Die Frau des Kerkermeisters, die keine Antwort auf diese Frage hatte, erwiederte blos: „Man muß Geduld haben, mein Guter!“ Drei Schließer, welche auf ein Klingeln hereintraten, wiederholten den Rath und Einer setzte hinzu „um der Liebe zur Freiheit willen“; was an diesem Ort wie ein unpassender Schluß klang.

Das Gefängniß La Force war ein schauerliches Gefängniß, finster und schmutzig, und mit einem schrecklichen Geruch von ungesundem Schlaf darin. Es ist merkwürdig, wie bald sich der ekelhafte Dunst eingekerkerten Schlafs in allen solchen Orten, die nicht gut gehalten werden, bemerklich macht.

„Obenein zu geheimer Haft,“ murrte der Kerkermeister, wie er einen Blick auf den Zettel warf. „Als ob es nicht schon zum Ueberlaufen voll wäre.“

Uebellaunig reihete er das Papier zu vielen andern auf eine Nadel auf, und Charles Darnay erwartete sein weiteres Belieben wohl eine halbe Stunde lang, während welcher Zeit er abwechselnd in dem hochgewölbten Raume auf und ab ging oder auf einer steinernen Bank ausruhte, denn er wurde mit Absicht aufgehalten, damit der Oberschließer und dessen Untergebene sich sein Aussehen gehörig einprägten.

„Folgen Sie mir, Emigrant,“ sagte der Kerkermeister endlich, indem er nach einem Bund Schlüssel langte.

Durch das unheimliche Kerkerzwielicht folgte ihm der Gefangene durch Corridore und mehrere Treppen hinauf, und mehrere Thüren schlugen rasselnd hinter ihm zu, und wurden verschlossen, bis sie in ein großes niedriges gewölbtes Zimmer kamen, gedrängt voll von Gefangenen beiderlei Geschlechts. Die Frauen saßen an einem langen Tisch, lasen und schrieben, strickten, näheten und stickten; die Männer standen meistens hinter ihren Stühlen oder bewegten sich im Zimmer umher.

In dem unwillkürlichen Zusammendenken von Gefangenen mit entehrenden Verbrechen und Schande fühlte sich der neue Ankömmling von dieser Gesellschaft abgestoßen. Aber die alles übertreffende Unwirklichkeit seines langen fast dem Traumleben angehörenden Rittes war, daß sie alle auf einmal aufstanden und ihn mit aller Feinheit der damaligen Zeit und mit der ganzen gewinnenden Anmuth und Höflichkeit der vornehmen Welt begrüßten.

So seltsam getrübt war dieses Wesen durch das Kerkerleben und das Kerkerdüster, so gespenstig wurde es in dem dagegen schreienden Schmutz und Jammer, von dem es begleitet war, daß Charles Darnay sich vorkam, als ob er in einer Gesellschaft von Todten stände. Lauter Gespenster! das Gespenst der Schönheit, das Gespenst der Vornehmheit, das Gespenst der Anmuth, das Gespenst des Stolzes, das Gespenst der Frivolität, das Gespenst des Witzes, das Gespenst der Jugend, das Gespenst des Alters, sie warteten Alle auf ihre Entfernung von dem unwirthlichen Strande und sahen ihn an mit Augen, welche der Tod verändert hatte, den sie beim Eintritt in diesem Raum gestorben waren.

Er blieb erstarrt stehen. Der neben ihm wartende Kerkermeister und die andern sich im Zimmer herum bewegenden Schließer, die in der gewöhnlichen Ausübung ihres Amtes gut genug ausgesehen haben würden, sah so entsetzlich gemein aus neben den hier anwesenden bekümmerten Müttern und blühenden Töchtern — neben der Coquette, der jungen Schönheit und der gereiftern vornehm erzogenen Frau — daß die Verkehrung aller Erfahrung und Wahrscheinlichkeit, welche dieses Bild aus dem Schattenreich darstellte, den höchsten Grad erreichte. Gewiß lauter Gespenster! Gewiß war der lange traumhafte Ritt eine Krankheit gewesen, die ihn unter diese düstern Schatten gebracht!

„Im Namen der versammelten Leidensgefährten,“ sagte ein Herr von höfischem Aussehen und Benehmen, indem er vortrat, „habe ich die Ehre Sie in La Force willkommen zu heißen und mit Ihnen das Unglück zu beklagen, das Sie zu uns gebracht hat. Möge es von kurzer Dauer sein! Es wäre anderwärts eine Unhöflichkeit, ist es aber hier nicht, nach Ihrem Namen und Stand zu fragen?“

Charles Darnay raffte sich auf und beantwortete die gestellte Frage in so angemessenen Worten als er finden konnte.

„Aber ich hoffe,“ sagte der Herr, indem er den Oberschließer, welcher nach dem anderen Ende des Zimmers ging, mit den Augen folgte, „Sie sind nicht in geheimer Haft?“

„Ich weiß nicht was dieses Wort zu bedeuten hat, aber ich habe so sagen hören.“

„O, wie schade! wir beklagen das so sehr! aber fassen Sie Muth; verschiedene Mitglieder unserer Gesellschaft sind Anfangs in geheimer Haft gewesen, aber es hat nur kurze Zeit gedauert.“ Dann, setzte er mit lauterer Stimme hinzu: „es thut mir leid die Gesellschaft benachrichtigen zu müssen — in geheimer Haft.“

Ein Gemurmel der Theilnahme ließ sich vernehmen, als Charles Darnay durch das Zimmer nach einer Gitterthür ging, wo der Schließer seiner harrte und viele Stimmen — aus denen die sanften und mitleidigen Frauenstimmen vor allen hervorklangen — gaben ihm gute Wünsche und Trost mit. Er kehrte sich an der Gitterthür um, den innigsten Dank seines Herzens auszusprechen; sie schloß sich hinter dem Kerkermeister und die Erscheinungen verschwanden vor seinen Augen für immer.

Die Thür öffnete sich auf eine steinerne aufwärts führende Treppe. Als sie vierzig Stufen gestiegen waren (der Gefangene von einer halben Stunde zählte sie bereits), schloß der Kerkermeister eine niedrige schwarze Thür auf und sie traten in eine leere Zelle. Die Luft war kalt und feucht, aber der Raum war nicht finster.

„Ihre Zelle,“ sagte der Schließer.

„Warum werde ich allein eingesperrt?“

„Was weiß ich!“

„Kann ich Feder, Tinte und Papier kaufen?“

„Das steht nicht in meiner Instruction. Der Inspector wird Sie besuchen, und den können Sie fragen. Vor der Hand können Sie sich Ihr Essen kaufen und weiter nichts.“

Ein Stuhl, ein Tisch und eine Strohmatratze befanden sich in der Zelle. Als der Schließer vor dem Fortgehen einen musternden Blick auf diese Gegenstände und die vier Wände warf, kam eine wirre Phantasie über den an die kalte Mauer sich lehnenden Gefangenen, daß dieser Schließer in Gesicht und Leib so unnatürlich geschwollen wäre, daß er aussähe wie ein Mann der ertrunken und mit Wasser angefüllt sei. Als der Schließer fort war, dachte er in derselben wirren Weise, „nun bin ich allein als wäre ich todt.“ Wie er dann stehen blieb, um die Matratze zu besehen, wendete er sich mit Ekel davon ab und dachte: „Und hier in diesem kriechenden Gewürm spukt der Zustand des Körpers nach dem Tode vor.“

„Fünf Schritte lang und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit.“ Der Gefangene ging auf und ab in seiner Zelle, maß sie aus und das Brausen der Stadt tönte wie gedämpfte Trommeln, untermischt mit einem wilden Geheul von Stimmen. „Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe.“ Der Gefangene zählte wieder die Schritte und schritt schneller, um seine Gedanken von dieser letzten Wiederholung abzulenken. Die Gespenster, welche verschwanden, als das Pförtchen sich schloß. Eine Gestalt war darunter, eine schwarz gekleidete Dame, welche in einer Fenstervertiefung lehnte, und ein Sonnenstrahl fiel auf ihr goldenes Haar und sie sah aus wie **. Um Gottes willen, laßt uns weiter reisen durch die erleuchteten Dörfer, wo die Leute alle wach sind! ** Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe. ** Fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit. Während solche abgerissene Vorstellungen aus den Tiefen seines Geistes emporstiegen und in seinem Kopfe wirbelten, schritt der Gefangene schneller und schneller auf und ab, und zählte und zählte hartnäckig; und das Brausen der Stadt veränderte sich so, daß es immer noch klang wie gedämpfte Trommeln, aber das Rauschen und Brausen durchzogen klagende Stimmen die er kannte.