Eine der ersten Erwägungen, welche mit den Geschäftsstunden in dem Geschäftsmanne Mr. Lorry sich geltend machte, war, daß er kein Recht habe, Tellsons Geschäft durch Aufnahme der Gattin eines eingekerkerten Emigranten unter dem Dache der Bank in Gefahr zu bringen. Sein eignes Vermögen, seine Sicherheit und sein Leben hätte er ohne einen Augenblick zu zögern für Lucien und ihr Kind auf’s Spiel gesetzt; aber hier handelte es sich nicht um sein Eigenthum, und in dieser Geschäftsangelegenheit war er im strengsten Sinne ein Geschäftsmann.
Zuerst dachte er an Defarge, den er in dem Weinschank aufsuchen und über den sichersten Aufenthalt bei dem ungeordneten Zustand der Stadt zu Rathe ziehen wollte. Aber dieselbe Erwägung, welche ihn auf diesen Mann brachte, rieth auch wieder von ihm ab; denn er wohnte in dem am meisten fanatisirten Viertel und war jedenfalls dort von großem Einfluß und tief verstrickt in seine gefährlichen Umtriebe.
Da der Mittag kam und der Doctor noch nicht zurückkehrte und jede Minute Verzug Tellsons mehr gefährden konnte, ging Mr. Lorry mit Lucie zu Rathe. Sie sagte, daß ihr Vater davon gesprochen habe, in diesem Viertel in der Nähe des Bankhauses eine Wohnung auf kurze Zeit zu miethen. Da vom Geschäftsstandpunkte nichts dagegen einzuwenden war und Mr. Lorry voraus sah, daß, selbst wenn alles mit Charles gut ging und er wieder frei wurde, er doch keinesfalls die Stadt verlassen könnte, so ging er aus, um eine solche Wohnung zu suchen und fand eine passende weit hinten in einer abgelegenen Nebenstraße, wo die geschlossenen Jalousien aller andern Fenster eines hohen melancholischen Häuserblocks verkündeten, daß alles verlassen sei.
Nach dieser Wohnung brachte er sofort Lucien und ihr Kind und Miß Proß, und richtete sie dort so comfortabel ein, als ihm selbst mit Aufopferung seines eigenen Comforts möglich war. Er ließ ihnen Jerry, als einen Mann zum Ausfüllen des Thorwegs, der einen tüchtigen Schlag auf den Kopf aushalten konnte, und kehrte dann zu seinen eigenen Geschäften zurück. Vielfach zogen Unruhe und schwere Sorgen seine Aufmerksamkeit davon ab und langsam verstrich ihm der Tag.
Der Tag war zu Ende und mit ihm Mr. Lorry’s Arbeitsfähigkeit, als die Bank geschlossen ward. Er war abermals in demselben Zimmer wie gestern Abend allein, und überlegte was zunächst zu thun sei, als er Jemanden die Treppe herauf kommen hörte. Wenige Augenblicke darauf stand ein Mann vor ihm, der ihn mit einem scharf beobachtenden Blick beim Namen nannte.
„Ihr Diener,“ sagte Mr. Lorry. „Kennen Sie mich?“
Es war ein kräftig gebauter Mann mit dunklem Lockenhaar, fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt. Als Antwort wiederholte er ohne den Ton zu verändern:
„Kennen Sie mich?“
„Ich habe Sie irgend wo gesehen.“
„Vielleicht in meinem Weinschank?“
Voller Spannung und Aufregung sagte Mr. Lorry „Sie kommen von Doctor Manette?“
„Ja. Ich komme von Doctor Manette.“
„Und was sagt er? was schickt er mir?“
Defarge legte einen offenen Zettel in die ihm entgegengestreckte Hand. Es stand darauf von des Doctors Hand geschrieben:
„Charles ist sicher, aber ich kann diesen Ort noch nicht mit Sicherheit verlassen. Es ist mir die Vergünstigung zugestanden worden, dem Ueberbringer ein paar Zeilen von Charles an seine Frau mitgeben zu dürfen. Lassen Sie den Ueberbringer seine Frau sehen.“
Der Zettel war von La Force datirt vor einer Stunde.
„Wollen Sie mich nach der Wohnung seiner Frau begleiten,“ sagte Mr. Lorry mit erleichtertem Herzen als er den Zettel laut gelesen hatte.
„Ja,“ entgegnete Defarge.
Mr. Lorry beachtete kaum bis dahin, in welch seltsam zurückhaltendem und mechanischem Tone Defarge sprach, sondern setzte seinen Hut auf und ging mit ihm hinunter auf den Hof. Dort fanden sie zwei Frauen; eine mit Stricken beschäftigt.
„Wahrhaftig, Madame Defarge!“ sagte Mr. Lorry, der sie genau in derselben Stellung vor ungefähr siebzehn Jahren verlassen hatte.
„Sie ist’s,“ bemerkte ihr Gatte.
„Geht Madame mit uns?“ fragte Mr. Lorry, als er sah, daß sie sich ebenfalls in Bewegung setzte.
„Ja. Damit sie die Gesichter sehen und die Personen anerkennen kann. Es geschieht ihrer Sicherheit wegen.“
Dem Buchhalter fing Defarge’s Art und Weise an aufzufallen, und er heftete einen zweifelnden Blick auf ihn und ging voraus. Die beiden Frauen folgten; die andere war der Racheengel.
Sie gingen durch die dazwischen liegenden Straßen so rasch als möglich, stiegen die Treppe der neuen Wohnung hinauf, wurden von Jerry eingelassen und fanden Lucien allein und in Thränen. Sie gerieth fast außer sich über die Nachricht, welche Mr. Lorry ihr von ihrem Gatten gab, und drückte mit Wärme die Hand, die ihr den Zettel brachte, nicht ahnend was sie in der Nacht in der Nähe ihres Gatten gethan, und ohne einen bloßen Zufall ihm hätte anthun können.
„Geliebteste — fasse Muth. Ich befinde mich wohl und Dein Vater hat Einfluß in meiner Umgebung. Du kannst hierauf nicht antworten. Küsse unser Kind für mich.“
Weiter stand nichts auf dem Zettel. Es war jedoch so viel für die Empfängerin, daß sie sich von Defarge an seine Frau wendete und eine der strickenden Hände küßte. Es war eine leidenschaftliche, dankbare, aus dem Herzen kommende Handlung, aber die Hand gab keine Antwort, sondern fiel kalt und schwer wieder herunter und fing von Neuem an zu stricken.
Es war etwas in der Berührung der Hand, was Lucien auffiel. Sie wollte eben den Zettel in ihren Busen stecken und hielt inne, um mit aufgescheuchtem Blick Madame Defarge anzusehen. Madame Defarge erwiederte ihren Blick mit kaltem gleichgültigen Gesicht.
„Liebe Lucie,“ mischte sich Mr. Lorry erklärend ein, „es sind häufig Volksaufläufe auf den Straßen; und obgleich es nicht wahrscheinlich ist, daß sie jemals Sie beunruhigen werden, so wünscht doch Madame Defarge diejenigen zu sehen, welche sie durch ihren Einfluß in solchen Zeiten beschützen kann, um sie zu kennen. Ich glaube,“ sagte Mr. Lorry, der in seinen beruhigenden Worten unsicher stecken blieb, als das gleichgültig harte Wesen der drei Andern ihm mehr und mehr auffiel, „ich glaube so verhält es sich, Bürger Defarge?“
Defarge warf einen finstern Blick auf seine Frau und gab keine andere Antwort als ein mürrisch zustimmendes Brummen.
„Es wäre besser, liebe Lucie,“ sagte Mr. Lorry, um nichts zu versäumen was gewinnen oder versöhnen konnte, „wenn Sie auch die Kleine hereinkommen ließen, und unsere gute Proß. Unsere gute Proß, Defarge, ist eine englische Dame und versteht nicht französisch.“
Die fragliche Dame, deren tief eingewurzelte Ueberzeugung es mit jedem Ausländer mehr als aufnehmen zu können, nicht durch Noth oder Gefahr zu erschüttern war, trat mit über einander geschlagenen Armen ein und sagte auf englisch zu dem Racheengel, auf den ihre Blicke zuerst fielen: „Du mit dem frechen Gesicht könntest mir wohl gefallen! ich hoffe Du befindest Dich recht wohl!“ Sie bedachte auch Madame Defarge mit einem britischen Husten, aber keine von Beiden beachtete sie besonders.
„Ist das sein Kind?“ fragte Madame Defarge, indem sie zum ersten Male in ihrer Arbeit inne hielt und mit der Stricknadel auf die kleine Lucie deutete, als wäre sie der Finger des Schicksals.
„Ja, Madame,“ gab Mr. Lorry zur Antwort; „dies ist unseres armen Gefangenen geliebte Tochter und einziges Kind.“
Der Madame Defarge und ihren Begleitern folgende Schatten schien so düster und drohend auf das Kind zu fallen, daß die Mutter unwillkürlich neben dasselbe auf den Fußboden niederkniete, und es an die Brust drückte. Der Madame Defarge und ihren Begleitern folgende Schatten schien dann düster und drohend auf Mutter und Kind zu fallen.
„Es genügt, Defarge,“ sagte Madame Defarge. „Ich habe sie gesehen. Wir können gehen.“
Aber das zurückhaltende Wesen hatte drohendes genug — nicht sichtbar und zur Schau getragen, sondern undeutlich und mehr zu ahnen — um Lucien zu veranlassen zu sagen, während sie mit ihrer bittenden Hand Madame Defarge’s Kleid anfaßte:
„Sie werden gut sein gegen meinen armen Gatten? Sie werden ihm nichts Böses zufügen? Sie werden mich zu ihm bringen, wenn Sie können?“
„Mit Ihrem Gatten habe ich hier Nichts zu thun,“ entgegnete Madame Defarge und sah mit einer nicht aus dem Gleichgewicht zu bringenden Ruhe auf sie herab. „Blos die Tochter Ihres Vaters ist es, die mich hieher führte.“
„So haben Sie um meinetwillen Erbarmen mit meinem Gatten. Um meines Kindes willen! Es soll seine Händchen falten und Sie bitten, Erbarmen zu haben. Wir fürchten Sie mehr als jene Andern.“
Madame Defarge nahm dies als eine Schmeichelei auf und sah ihren Mann an. Defarge, der sich verlegen den Daumennagel zerbissen und sie angesehen hatte, zog sein Gesicht in strengere Falten zusammen.
„Was schreibt Ihr Mann auf dem Zettel?“ fragte Madame Defarge mit einem lauernden Lächeln. „Einfluß? Er sagt etwas von Einfluß?“
„Daß mein Vater in seiner Umgebung viel Einfluß hat,“ sagte Lucie, indem sie den Zettel hastig aus den Busen hervorholte, aber ihre besorgten Blicke nicht auf das Papier, sondern auf die Fragende heftete.
„Das wird ihn schon frei machen!“ sagte Madame Defarge. „Ganz gewiß.“
„Als Weib und Mutter,“ flehte Lucie sie aus tiefsten Herzen an, „bitte ich Sie, Erbarmen mit mir zu haben, und die Macht, die Sie besitzen, nicht gegen meinen schuldlosen Gatten, sondern für ihn zu verwenden! O, denken Sie als ein Kind desselben großen Vaters an mich, denken Sie meiner als Weib und als Mutter!“
Madame Defarge sah die Flehende so kalt wie vorhin an, und sagte dann zu ihrer Freundin, dem Racheengel:
„Die Frauen und Mütter, die wir gesehen haben, seit wir so klein waren wie dieses Kind, und kleiner noch, sind nicht sehr berücksichtigt worden, wie ihre Männer und Väter in den Kerker geworfen wurden und dort lange bleiben mußten? Haben wir nicht unser ganzes Leben lang unsere Schwestern in sich und ihren Kindern Armuth, Nacktheit, Hunger, Durst, Krankheit, Elend, Bedrückung und Vernachlässigung jeder Art erleiden sehen?“
„Wir haben nichts anderes gesehen,“ entgegnete der Racheengel.
„Wir haben dies lange getragen,“ sagte Madame Defarge, zu Lucien gewendet. „Urtheilen Sie selbst! Ist es wahrscheinlich, daß der Kummer einer Frau und Mutter jetzt bei uns von vielem Gewicht sein würde?“
Sie begann wieder zu stricken, und ging hinaus; der Racheengel folgte. Defarge bildete den Schluß und machte die Thüre zu.
„Muth, meine liebe Lucie,“ sagte Mr. Lorry, wie er sie aufhob. „Muth! Muth! so weit geht alles gut — viel, viel besser als es in letzter Zeit vielen Armen gegangen ist. Fassen Sie Muth und danken Sie Gott.“
„Ich vergesse nicht Gott zu danken, hoffe ich, aber dieses schreckliche Weib scheint einen Schatten auf mich und auf alle meine Hoffnungen zu werfen.“
„Beruhigen Sie sich,“ sagte Mr. Lorry. „Woher die Muthlosigkeit in diesem tapfern Herzchen? Es ist in der That ein Schatten! kein Wesen darin, Lucie.“
Aber der Schatten, den das Benehmen dieser Defarges verbreitete, fiel trotz alledem auch auf ihn, und in seinem innersten Herzen war er sehr besorgt darüber.