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Zwei Städte

Chapter 54: Elftes Kapitel. Dämmerung.
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About This Book

The narrative interweaves the fortunes of several people living in two contrasting urban centers on the verge of political upheaval, tracing how private loyalties, family ties, and a tender affection endure amid growing public violence and injustice. It moves from relative calm through escalating unrest to revolutionary crisis, depicting imprisonment, legal peril, and the moral choices that arise. Central motifs include resurrection, duality, and self-sacrifice, and the work alternates intimate domestic scenes with large-scale scenes of crowd fury, culminating in a redemptive act that reframes personal identity and moral responsibility.

Elftes Kapitel.
Dämmerung.

Die unglückliche Gattin des Unschuldigen, der zum Tode verurtheilt worden, sank unter dem Spruch zusammen, als wäre sie tödtlich getroffen. Aber kein Laut kam über ihre Lippen; und so stark war die Stimme in ihr, welche ihr vorstellte, daß sie vor Allen in der Welt ihn in seinem Jammer aufrecht halten müsse und ihn nicht vermehren dürfe, daß diese Stimme sie selbst von diesem Schlage rasch wieder emporhob.

Da die Richter an einer öffentlichen Straßenfestlichkeit Theil zu nehmen hatten, vertagte sich das Gericht. Der Lärm und die rasche Bewegung des sich durch viele Ausgänge leerenden Saales hatte noch nicht aufgehört, als Lucie, Nichts als Liebe und Tröstung im Gesicht, aufrecht dastand und die Arme nach ihrem Gatten ausstreckte.

„O, wenn ich ihn anrühren könnte! Wenn ich ihn nur einmal umarmen könnte! Ach gute Bürger, wenn ihr soviel Mitleid mit uns haben wolltet!“

Es war außer den zweien von den vieren, die den Angeklagten gestern verhaftet hatten, nur noch ein Schließer da, und Barsad. Die Zuhörer waren alle hinausgeströmt um das Schauspiel auf den Straßen anzusehen. Barsad schlug den Uebrigen vor, „laßt sie ihn umarmen; es ist ja nur ein Augenblick.“ Stillschweigend gaben die Andern ihre Einwilligung und sie geleiteten sie über die Bänke im Saale nach einer erhöheten Stelle, wo er, wenn er sich über die Schranken der Anklagebank vorbog, sie in seine Arme schließen konnte.

„Leb’ wohl, Liebling meiner Seele. Meinen letzten Segen auf Dein Haupt. Wir werden uns wiedersehen, wo die Müden Ruhe finden.“

Das waren die Worte ihres Gatten als er sie an seine Brust schloß.

„Ich kann es tragen, lieber Charles. Der Herr hält mich aufrecht; gräme Dich nicht um meinetwillen. Einen letzten Segen für unser Kind.“

„Ich schicke ihn durch Dich. Ich küsse es durch Dich. Ich sage ihm Lebewohl durch Dich.“

„Mein Gatte. Nein! Noch einen Augenblick!“ Er riß sich von ihr los. „Wir werden nicht lange getrennt bleiben. Ich fühle, daß dies bald mein Herz brechen wird; aber ich werde meine Pflicht thun, so lange es geht, und wenn ich sie verlasse, so wird Gott unserer Tochter Freunde erwecken, wie er sie mir erweckt hat.“

Ihr Vater war ihr gefolgt und wäre vor Beiden auf die Knie gefallen, wenn ihn nicht Darnay bei der Hand gefaßt und ausgerufen hätte:

„Nein, nein! was haben Sie gethan, daß Sie vor uns knieen sollten! Wir wissen jetzt, welchen Kampf Sie vor Zeiten zu bestehen hatten. Wir wissen jetzt, was Sie zu dulden hatten, als Sie meine Herkunft argwöhnten und als Sie Gewißheit darüber erhielten. Wir wissen jetzt, welche natürliche Antipathie Sie ihretwegen bekämpften und besiegten. Wir danken Ihnen aus vollem Herzen und mit all unserer Liebe und Pflicht. Der Himmel sei mit Ihnen!“

Des Vaters einzige Antwort war, mit den Händen in die weißen Haare zu fahren und sie mit lautem Jammern zu ringen.

„Es konnte nicht anders sein,“ sagte der Gefangene, „Alles hat so zusammengewirkt wie es gekommen ist. Es war das stets vergebliche Bestreben meiner armen Mutter Gebot nachzukommen, was mich zuerst in verhängnißvolle Berührung mit Ihnen brachte. Aus so Bösem konnte nie Gutes kommen, und ein glücklicheres Ende lag nicht in dem Wesen eines so unglücklichen Anfangs. Trösten Sie sich und verzeihen Sie mir. Der Himmel segne Sie!“

Als man ihn fortführte, lies ihn seine Frau los und sah ihm nach mit zum Gebet gefalteten Händen und mit einem strahlenden Ausdruck auf ihrem Antlitz, in welchem selbst ein tröstendes Lächeln war. Als er durch die Gefangnenthür verschwand, wendete sie sich um, legte ihren Kopf zärtlich an ihres Vaters Brust, versuchte zu sprechen und sank bewußtlos zu seinen Füßen nieder.

Da trat aus der dunkeln Ecke, die er nie verlassen hatte, Sydney Carton hervor und hob sie auf. Nur ihr Vater und Mr. Lorry waren bei ihr. Sein Arm zitterte als er sie in die Höhe hob und ihren Kopf unterstützte. Aber in seinem Gesicht sprach sich nicht blos Mitleid aus, — es lag auch ein Anflug von Stolz darin.

„Soll ich sie nach einem Wagen tragen? Ich fühle ihre Last nicht.“

Er trug sie leichten Schrittes nach der Thür und legte sie mit zärtlicher Sorgfalt in eine Kutsche. Ihr Vater und ihr alter Freund stiegen hinein und er nahm neben dem Kutscher Platz.

Als sie den Thorweg erreichten, wo er vor wenigen Stunden noch gestanden um sich im Dunkeln auszumalen, auf welche Steine des rauhen Pflasters sie den Fuß gesetzt, hob er sie wieder aus dem Wagen und trug sie die Treppe hinauf in ihre Wohnung. Dort legte er sie auf ein Lager, wo ihre Tochter und Miß Proß über sie weinten.

Nach der Verurtheilung.

„Bringen Sie sie nicht zum Bewußtsein,“ sagte er leise zu der Letzteren, „sie befindet sich besser so; bringen Sie sie nicht zu sich, so lange sie nur an Ohnmachten leidet.“

„Ach Carton, Carton, lieber Carton!“ rief die kleine Lucie, indem sie ihn in einem leidenschaftlichen Ausbruche des Schmerzes mit ihren Aermchen umschlang. „Jetzt, wo Du gekommen bist, wirst Du gewiß Etwas thun um Mama zu helfen und Papa zu retten! Ach siehe sie nur an, lieber Carton! Kannst Du, von allen Leuten, die sie lieb haben, ertragen, sie so zu sehen?“

Er beugte sich über die Kleine herab und legte ihre blühende Wange an sein Gesicht. Dann schob er sie sanft bei Seite und betrachtete ihre bewußtlos daliegende Mutter.

„Ehe ich gehe,“ sagte er und stockte. — „Darf ich sie küssen?“

Man erinnerte sich später, daß, als er sich über sie beugte und ihre Stirne mit seinen Lippen berührte, er halblaut einige Worte gesprochen. Die kleine Lucie, die ihm zunächst stand erzählte später, und erzählte noch ihren Enkeln, als sie eine schöne alte Dame war, daß sie ihn sagen hörte: „ein Leben das Sie lieben.“

Als er hinaus in das nächste Zimmer gegangen war, wendete er sich plötzlich zu Mr. Lorry und ihren Vater um, die ihm folgten und sagte zu letzterem:

Dr. Manette, Sie hatten noch gestern großen Einfluß; machen Sie noch einen Versuch. Diese Richter und alle diese Machthaber sind Ihnen sehr befreundet und für Ihre Dienste sehr dankbar; nicht wahr?“

„Nichts, was sich auf Charles bezog blieb mir verborgen. Ich hatte die stärksten Zusicherungen, daß ich ihn retten würde; und es gelang mir.“ Er gab die Antwort in großer Unruhe und sehr langsam.

„Versuchen Sie noch einmal. Es sind nur wenige kurze Stunden bis morgen Nachmittag, aber machen Sie den Versuch.“

„Ich gedenke den Versuch zu machen. Ich will keinen Augenblick zögern.“

„Das ist gut. Ich habe erlebt, daß Energie wie die Ihrige große Dinge ausgerichtet hat — obgleich,“ setzte er zugleich mit einem Lächeln und einem Seufzer hinzu, „noch nie so große Dinge. Aber machen Sie den Versuch! So wenig werth das Leben ist, wenn wir es schlecht anwenden, so ist es doch diese Bemühung werth. Wenn das nicht der Fall wäre, kostete es kein Opfer es hinzugeben.“

„Ich gehe auf der Stelle zu dem Ankläger und dem Vorsitzenden,“ sagte Dr. Manette, „und noch zu anderen, die ich lieber nicht nennen will. Ich will auch schreiben und — aber halt! es ist eine öffentliche Festlichkeit und Niemand wird vor Dunkelwerden zu Hause zu finden sein.“

„Das ist wahr. Nun, es ist im besten Falle eine verzweifelte Hoffnung und nicht viel verzweifelter, wenn sie bis Dunkelwerden aufgeschoben wird. Ich möchte gern wissen, was Sie ausrichten; obgleich ich sagen muß, ich hoffe nichts! Wann denken Sie diese Leute gesehen zu haben, Dr. Manette?“

„Unmittelbar nach Dunkelwerden, hoffe ich. In den nächsten ein oder zwei Stunden.“

„Es wird bald nach Vier finster. Nehmen wir die längste Frist an. Wenn ich um 9 Uhr zu Mr. Lorry komme, werde ich dann von unserm Freunde oder von Ihnen selbst hören können, was Sie ausgerichtet haben?“

„Ja.“

„Ich wünsche Ihnen viel Glück!“

Mr. Lorry folgte Sydney nach der Saalthür, legte die Hand auf seine Schulter als er gehen wollte, und veranlaßte ihn dadurch sich umzudrehen.

„Ich habe keine Hoffnung,“ sagte Mr. Lorry mit gedämpfter und bekümmerter Stimme.

„Ich auch nicht.“

„Wenn einer von diesen Männern, oder alle geneigt wären ihm das Leben zu lassen — was eine starke Voraussetzung ist; denn was ist ihnen sein oder jedes anderen Menschen Leben! — so bezweifle ich, daß sie es, nach der Demonstration im Gerichtssaale, wagen dürften.“

„Das thue ich auch. In diesem Geheul hörte ich den Fall des Beiles.“

Mr. Lorry lehnte sich mit dem Arm gegen das Thürgewände und legte sein Gesicht darauf.

„Lassen Sie den Muth nicht sinken,“ sagte Carton sehr sanft, „weinen Sie nicht. Ich bestärkte Dr. Manette in diesem Vorsatze, weil ich fühlte, daß der Gedanke daran ihr eines Tages tröstlich sein würde. Sonst könnte sie denken: „„sein Leben wurde leichtsinnig hingegeben“ und das könnte ihr Kummer machen.“

„Ja, ja, ja“ entgegnete Mr. Lorry, und trocknete sich die Augen, „Sie haben Recht. Aber er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr.“

„Ja. Er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr,“ gab Carton zurück. Und ging mit festem Schritte die Treppe hinab.