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Zwei Städte

Chapter 55: Zwölftes Kapitel. Nacht.
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About This Book

The narrative interweaves the fortunes of several people living in two contrasting urban centers on the verge of political upheaval, tracing how private loyalties, family ties, and a tender affection endure amid growing public violence and injustice. It moves from relative calm through escalating unrest to revolutionary crisis, depicting imprisonment, legal peril, and the moral choices that arise. Central motifs include resurrection, duality, and self-sacrifice, and the work alternates intimate domestic scenes with large-scale scenes of crowd fury, culminating in a redemptive act that reframes personal identity and moral responsibility.

Zwölftes Kapitel.
Nacht.

Sydney Carton stand auf der Straße, ohne recht zu wissen, wohin er gehen sollte. „In Tellsons Comptoir um 9 Uhr,“ sagte er nachdenklich. „Ist es gut, wenn ich mich unterdessen zeige? Ich glaube. Es ist das Beste, daß diese Leute wissen es ist ein Mann wie ich bin, hier. Es ist eine gute Vorsichtsmaßregel und kann eine nothwendige Vorbereitung sein. Aber ruhig, ruhig! Ich muß es erst ausdenken.“

Er hemmte seine Schritte, die sich bereits seinem Ziele zugewendet hatten, ging noch einigemal in der bereits dunkel werdenden Straße auf und ab und verfolgte den Gedanken bis in seine letzten Consequenzen. Sein erster Eindruck ward nur bestätigt. „Es ist das Beste,“ sagte er zuletzt, „wenn diese Leute wissen, daß ein Mann wie ich bin, hier ist.“ Und er wendete seine Schritte St. Antoine zu.

Defarge hatte sich bei Gelegenheit der Gerichtsverhandlung „Inhaber eines Weinschanks in der Vorstadt St. Antoine“ genannt. Für einen der die Stadt kannte war es nicht schwer, sein Haus zu finden, ohne weiter zu fragen. Nachdem sich Carton seiner Lage vergewissert, verließ er wieder diese engeren Straßen, speiste bei einem Restaurant und sank nach dem Essen in einen gesunden Schlaf. Zum ersten Male seit vielen Jahren hatte er kein starkes Getränk genossen. Seit gestern Nacht hatte er nichts getrunken als ein paar Glas leichten, dünnen Wein, und vorige Nacht hatte er den Branntwein langsam auf Mr. Lorry’s Heerd ausgegossen, wie Jemand, der damit nichts mehr zu thun hat.

Es war 7 Uhr als er erfrischt aufwachte, und auf die Straße hinaustrat. Auf dem Wege von St. Antoine blieb er vor einem Ladenfenster stehen, wo sich ein Spiegel befand und band sein loses Halstuch etwas anders, zog sich den Rockkragen zurecht und ordnete sein Haar. Als er damit fertig war, suchte er Defarge’s Weinschank auf und trat ein.

Es war zufällig kein Gast im Laden als Jaques Drei mit den ruhelosen Fingern und der krächzenden Stimme. Dieser Mann, den er unter den Geschwornen gesehen hatte, stand vor dem kleinen Ladentische in Gespräch mit den beiden Defarge’s. Der Racheengel nahm an der Unterhaltung Theil, wie ein ordentliches Mitglied der Wirthschaft.

Als Carton eintrat, Platz nahm und (in ziemlich schlechtem Französisch) ein Glas Wein verlangte, warf Madame Defarge erst einen achtlosen Blick auf ihn, dann einen aufmerksameren, und dann einen noch aufmerksameren, und trat dann selbst an seinen Tisch und fragte ihn, was er bestellt habe.

Er wiederholte was er schon gesagt hatte.

„Engländer?“ fragte Madame Defarge, indem sie fragend ihre dunkeln Augenbrauen in die Höhe zog.

Nachdem er sie angesehen, als ob er selbst ein einzelnes französisches Wort nur langsam verstände, gab er mit seinem früheren, stark ausgeprägten, fremden Accent zur Antwort: „Ja Madame, ja. Ich bin Engländer.“

Madame Defarge kehrte an den Ladentisch zurück um den Wein einzuschenken, und als er eine Jakobinerzeitung nahm und sich stellte, als ob er mit schwerem Bemühen sie zu verstehen versuchte, hörte er sie sagen: „ich schwöre es euch, ganz wie Evrémonde.“

Defarge brachte ihm den Wein und sagte ihm „guten Abend.“

„Wie?“

„Guten Abend.“

„Ah! guten Abend, Bürger,“ sagte er und schenkte dabei sein Glas ein. „Ah! und guter Wein. Es lebe die Republik!“

Defarge trat an den Ladentisch zurück und sagte: „er sieht ihm allerdings ein Wenig ähnlich.“ Madame erwiderte mit Entschiedenheit: „ich sage Dir, er sieht ihm sehr ähnlich.“ Jaques Drei bemerkte friedenstiftend: „Das kommt daher, daß Ihr soviel an ihn denkt, Bürgerin.“ Der liebenswürdige Racheengel setzte lachend hinzu: „ja meiner Treu! und Du freuest Dich so sehr darauf ihn morgen noch einmal zu sehen!“

Carton folgte den Zeilen und Worten seiner Zeitung mit langsamem Zeigefinger und aufmerksamem und in sich versunkenem Gesicht. Sie lehnten alle mit den Armen auf dem Ladentische und steckten, leise sprechend, die Köpfe zusammen. Nach einem Schweigen von einigen Augenblicken, während welchem sie ihn Alle angesehen hatten, ohne daß er sich dadurch in seiner Lectüre stören ließ, setzten sie ihr Gespräch fort.

„Es ist richtig, was Madame sagt,“ bemerkte Jaques Drei. „Warum aufhören? Darin liegt viel Wahres. Warum aufhören?“

„Nun ja,“ warf Defarge ein, „aber einmal aufhören muß man doch. Im Grunde ist die Frage immer noch wo?“

„Mit der Ausrottung,“ sagte Madame.

„Prächtig,“ krächzte Jaques Drei. Auch der Racheengel gab höchst befriedigt seine Zustimmung.

„Ausrottung ist ein guter Grundsatz, Frau,“ sagte Defarge etwas beunruhigt; „im Allgemeinen sage ich Nichts dagegen. Aber dieser Doctor hat viel gelitten; Ihr habt ihn heute gesehen; Ihr habt sein Gesicht beobachtet, wie das Papier gelesen ward.“

„Ich habe sein Gesicht beobachtet!“ wiederholte Madame verächtlich und zornig. „Ja, ich habe sein Gesicht beobachtet. Ich habe gesehen, daß es nicht das Gesicht eines wahren Freundes der Republik ist. Er mag sein Gesicht in Acht nehmen.“

„Und Du hast den Schmerz seiner Tochter gesehen,“ sagte Defarge in begütigendem Tone, „der schrecklicher Schmerz für ihn sein muß!“

„Ich habe seine Tochter gesehen!“ wiederholte Madame; „ja, ich habe seine Tochter gesehen, mehr als einmal. Ich habe sie heute beobachtet und habe sie zu andern Zeiten beobachtet. Ich habe sie beobachtet im Gerichtssaal und ich habe sie auf der Straße beim Gefängniß beobachtet. Ich brauche nur den Finger aufzuheben —!“ Sie schien ihn aufzuheben (Cartons Augen verließen die Zeitung nicht) und ihn mit einem Klirren auf dem Tisch vor sich fallen zu lassen, als ob das Beil gefallen wäre.

„Die Bürgerin ist herrlich!“ krächzte der Geschworene.

„Sie ist ein Engel,“ sagte der Racheengel und umarmte sie.

„Was Dich betrifft,“ fuhr Madame in unversöhnlichen Tone zu ihrem Gatten gewendet, fort, „so würdest Du, wenn es von Dir abhinge — was glücklicher Weise nicht der Fall ist — noch heute diesen Mann retten.“

„Nein!“ protestirte Defarge. „Nicht wenn es durch Indiehöhenehmen dieses Glases geschehen könnte! Aber ich würde dabei stehen bleiben. Ich sage, hört hier auf.“

„Seht Ihr also, Jaques,“ sagte Madame Defarge zornig „und siehe auch Du mein Racheengel! Jetzt hört! Wegen anderer Verbrechen als Tyrannen und Volksbedrücker habe ich dieses Geschlecht seit langer Zeit auf meinem Register verurtheilt zur Vernichtung und Ausrottung. Fragt meinen Mann, ob es nicht an dem ist.“

„Es ist an dem.“ sagte Defarge ohne gefragt zu werden.

„Im Anfang der großen Tage, als die Bastille fiel, findet er das heutige Papier und bringt es mit nach Hause. Und mitten in der Nacht, wo hier alles fort und alles draußen zugeschlossen ist, lesen wir es hier auf dieser Stelle bei dem Scheine dieser Lampe. Fragt ihn, ob es nicht an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge bei.

„Diese Nacht sage ich ihm, als wir das Papier gelesen haben und die Lampe ausgebrannt ist, und der Tag über diese Laden und durch diese eisernen Gitter hereinscheint, daß ich nun ein Geheimniß mitzutheilen habe. Fragt ihn, ob es nicht an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge wieder bei.

„Ich theile ihm dieses Geheimniß mit. Ich schlage mit diesen beiden Händen diese Brust, wie ich es jetzt thue und sage zu ihm. „„Defarge, ich ward unter den Fischern am Meeresstrand erzogen und diese von den beiden Evrémondes so schwer verletzte Bauernfamilie, von der dieses Papier erzählt, ist meine Familie. Defarge, diese Schwester des tödtlich verwundeten Knaben war meine Schwester, dieser Gatte war meiner Schwester Gatte, dieses neugeborne Kind war ihr Kind, dieser Bruder war mein Bruder, dieser Vater war mein Vater, diese Todten sind meine Todten und diese Ladung, sich wegen dieser Sachen zu verantworten, habe ich geerbt. Fragt ihn, ob es an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge noch einmal bei.

„Dann gebietet dem Sturme und dem Feuer Stillstand,“ entgegnete Madame, „aber nicht mir.“

Ihre beiden Zuhörer schienen einen köstlichen Genuß in dem todtbringenden Charakter ihres Hasses zu finden — Carton konnte fühlen wie bleich ihr Gesicht war, ohne sie zu sehen — und beide zollten ihr hohe Lobsprüche. Defarge, eine schwache Minorität, sagte einige Worte zur Erinnerung an die mitleidige Gemahlin des Marquis, aber brachte von seiner Frau weiter nichts heraus, als eine Wiederholung ihrer letzten Antwort: „gebiete dem Sturme und dem Feuer Stillstand; nicht mir!“

Gäste traten ein und die Gruppe löste sich auf. Der englische Gast bezahlte, was er genossen hatte, zählte das Geld, was er herausbekam, nach, ohne sich damit zurecht finden zu können, und fragte als Fremder nach dem Wege nach dem Nationalpalast. Madame Defarge brachte ihn bis an die Thür, nahm seinen Arm und wies ihm die Richtung. Der englische Gast dachte dabei, daß es eine gute That sein könnte, diesen Arm zu packen, ihn empor zu heben, und scharf und tief darunter zu stoßen.

Aber er ging seines Weges und war bald in dem Schatten der Gefängnißmauer verschwunden. Zur bestimmten Stunde kam er aus demselben hervor um wieder in Mr. Lorry’s Zimmer zu erscheinen, wo er den alten Herrn in ruheloser Angst auf- und abgehend fand. Er sagte, er wäre bis vor kurzem bei Lucien gewesen und hätte sie nur auf wenige Minuten verlassen, um der Verabredung gemäß hier zu sein. Ihr Vater war, seitdem er das Bankhaus gegen 4 Uhr verlassen, nicht wiedergesehen worden. Sie hatte einige schwache Hoffnung, daß seine Vermittlung Charles retten könnte; aber sie war sehr schwach. Er war jetzt mehr als fünf Stunden vom Hause weg: wo konnte er sein?

Mr. Lorry wartete bis Zehn; da aber Dr. Manette nicht zurückkehrte und er Lucien nicht allein lassen wollte, so kamen sie überein, daß er wieder zu ihr gehen und um Mitternacht noch einmal nach dem Bankhause kommen sollte. Unterdessen wollte Carton allein bei dem Feuer auf den Doctor warten.

Er wartete und wartete und die Uhr schlug Zwölf; aber Dr. Manette kehrte nicht zurück. Mr. Lorry kam wieder und brachte keine Kunde von ihm. Wo konnte er sein?

Sie besprachen noch diese Frage und waren fast geneigt den Schatten einer Hoffnung auf seine verlängerte Abwesenheit zu bauen, als sie ihn auf der Treppe hörten. So wie er in das Zimmer trat war es offenbar, daß Alles verloren war.

Ob er wirklich bei Jemandem gewesen war, oder ob er während dieser ganzen Zeit die Straßen durchwandert hatte, ist nie bekannt geworden. Wie er dastand und sie anstierte, wendeten sie sich mit keiner Frage an ihn; denn sein Gesicht sagte ihnen Alles.

„Ich kann sie nicht finden,“ sagte er, „und ich muß sie haben. Wo ist sie?“

Kopf und Hals waren bloß und wie er einen hülflosen Blick ringsum schweifen ließ, zog er seinen Rock aus und ließ ihn auf den Fußboden fallen.

„Wo ist meine Bank? Ich habe sie überall gesucht und kann sie nicht finden. Wo habt Ihr meine Arbeit hingethan? Die Zeit drängt: ich muß die Schuhe fertig machen.“

Sie sahen sich einander an und die letzte Hoffnung entschwand aus ihrem Herzen.

„Bitte, bitte!“ sagte er mit weinerlicher Stimme; „gebt mir meine Arbeit.“

Da er keine Antwort erhielt, raufte er sich das Haar und stampfte mit dem Fuße auf den Boden, wie ein Kind das seinen Willen nicht hat.

„Quälen Sie nicht einen armen, unglücklichen Mann,“ bat er dann mit einem herzzerreißenden Aufschrei; „geben Sie mir meine Arbeit! Was soll aus uns werden, wenn diese Schuhe heute Nacht nicht fertig werden?“

Von Sinnen, rein von Sinnen!

Es war so offenbar nutzlos ihm verständig zuzusprechen, oder zu versuchen ihn zu sich zu bringen, daß jeder von den Beiden, wie auf Verabredung, eine Hand auf seine Schulter legte und ihn durch das Versprechen, sie wollten ihm seine Arbeit schaffen, bewogen, vor dem Feuer Platz zu nehmen. Er sank in den Stuhl, stierte in die Kohlen und fing an zu weinen. Als ob Alles, was seit der Dachstubenzeit geschehen war ein flüchtiger Traum gewesen, sah Mr. Lorry ihn zu derselben Gestalt zusammenschrumpfen, die Defarge unter seiner Obhut gehabt hatte.

Gerührt und zugleich erschrocken über diesen plötzlichen Zusammensturz, wie sie alle beide waren, hatten sie doch nicht Zeit sich solchen Empfindungen hinzugeben. Seine alleinstehende Tochter, ihrer letzten Hoffnung und Stütze beraubt, sprach zu mächtig zu ihnen. Wieder sahen sie sich wie verabredet mit einem und demselben Worte auf den Lippen an. Carton sprach zuerst:

„Die letzte Hoffnung ist hin; sie war nicht groß. Ja; es ist das Beste Sie bringen ihn hin zu ihr. Aber wollen Sie, bevor Sie gehen, mir noch für einen Augenblick aufmerksames Gehör schenken? Fragen Sie nicht nach dem Warum der Bedingungen die ich stellen werde, und des Versprechens das ich zu fordern gedenke; ich habe einen Grund — einen triftigen Grund.“

„Ich bezweifele es nicht,“ gab Mr. Lorry zur Antwort. „Fahren Sie fort.“

Die Gestalt auf dem Stuhle zwischen ihnen wiegte sich unterdessen stöhnend vorwärts und rückwärts. Sie sprachen in demselben Tone, wie wenn sie des Nachts bei einem Krankenbette wachten.

Carton bückte sich um den Rock aufzuheben, der fast unter seinen Füßen lag. Während er dies that, fiel ein Brieftäschchen heraus, in welchem der Doctor gewöhnlich seine Tagesbesuche verzeichnete. Carton hob es auf und fand ein zusammengebrochenes Papier darin. „Wir sollten Das wohl ansehen?“ sagte er. Mr. Lorry nickte zustimmend. Er schlug es auseinander und rief aus. „Gott sei Dank!“

„Was ist es!“ fragte Mr. Lorry begierig.

„Einen Augenblick! ich komme gleich darauf. Erstlich,“ er steckte die Hand in die Tasche und brachte ein anderes Papier heraus, „hier ist das Certificat, welches mir erlaubt, diese Stadt zu verlassen. Sehen Sie es an. Sie sehen — Sydney Carton, ein Engländer?“

Mr. Lorry hielt es aufgeschlagen in seiner Hand und sah in sein ernstes Gesicht.

„Heben Sie es bis Morgen für mich auf. Ich sehe ihn morgen, wie Sie wissen und es ist besser ich nehme es nicht mit in’s Gefängniß.“

„Warum nicht?“

„Ich weiß nicht; es ist mir lieber so. Jetzt nehmen Sie dies Papier, das Dr. Manette in seiner Tasche trug. Es ist ein ähnliches Certificat, welches ihn und seine Tochter und ihr Kind in den Stand setzt zu jeder Zeit zum Thor hinaus und über die Grenze zu kommen. Nicht wahr?“

„Ja!“

„Vielleicht hat er es sich gestern als letzte und äußerste Vorsichtsmaßregel verschafft. Von welchem Tage ist es datirt? aber das thut nichts zur Sache; sehen Sie nicht erst nach; legen Sie es sorgfältig zu meinem und zu Ihrem Paß. Jetzt merken Sie wohl auf! Erst in den letzten paar Stunden wurde ich ungewiß, ob er einen solchen Erlaubnißschein hätte oder haben könnte. Er ist gut bis er zurückgenommen wird. Aber er kann zurückgenommen werden und ich habe Grund zu glauben, daß Dies sehr bald geschehen wird.“

„Sie sind nicht in Gefahr?“

„Sie sind in großer Gefahr. Sie sind in Gefahr einer Anklage von Madame Defarge. Ich weiß es von ihren eigenen Lippen. Ich habe heute Abend von dieser Frau Aeußerungen belauscht, welche mir ihre Gefahr als sehr nahe und bedrohlich darstellten. Ich habe keine Zeit verloren und seitdem mit dem Spion gesprochen. Er bestätigt meine Befürchtung. Er weiß, daß ein Holzhacker, der nicht weit von dem Gefängniß wohnt, mit den Defarges in Verbindung steht und von Madame Defarge verhört worden ist und ihr gesagt hat, daß er gesehen hätte, wie sie“ — er nannte nie Luciens Namen — „mit Gefangenen Zeichen und Signale gewechselt hat. Es ist leicht vorauszusehen, daß der Vorwand der gewöhnliche sein wird, eine Gefängnißverschwörung, und daß ihr Leben auf dem Spiele steht — und vielleicht das ihres Kindes — und vielleicht das ihres Vaters — denn man hat beide mit ihr an jenem Orte gesehen. Machen Sie kein so entsetztes Gesicht. Sie können sie noch Alle retten.“

„Der Himmel gebe es, Carton! aber wie?“

„Das will ich Ihnen gleich sagen. Es kommt ganz auf Sie an und es kann auf keinen bessern Mann ankommen. Diese neue Anklage wird jedenfalls erst nach dem morgenden Tage eingereicht werden; wahrscheinlich erst zwei oder drei Tage später; noch wahrscheinlicher eine Woche später. Sie wissen, es ist ein todteswürdiges Verbrechen ein Opfer der Guillotine zu betrauern. Sie und ihr Vater würden unzweifelhaft sich dieses Verbrechens schuldig machen, und diese Frau (deren Unversöhnlichkeit und Ausdauer im Haß ich gar nicht beschreiben kann) würde warten, um damit noch ihre Sache zu verstärken und den Erfolg doppelt sicher zu machen. Sie folgen mir?“

„So aufmerksam und mit so viel Vertrauen auf Das, was Sie sagen, daß ich für den Augenblick selbst dieses Unglück vergesse,“ erwiederte er, auf den Doctor deutend.

„Sie haben Geld, und können für die schnellsten Mittel, die Küste zu erreichen, sorgen. Ihre Vorbereitungen, nach England zurückzukehren, sind schon seit einigen Tagen vollendet. Morgen beizeiten halten Sie Ihre Pferde bereit, daß sie um 2 Uhr Nachmittags reisefertig dastehen.“

„Es soll geschehen!“

Es lag Etwas so inbrünstiges und Muth einflößendes in seinem Tone, daß die Stimmung auf Mr. Lorry überging und er so rasch war wie ein Jüngling.

„Sie sind ein Mann von edlem Herzen. Sagte ich nicht, daß wir uns auf keinen bessern verlassen könnten? Theilen Sie ihr noch heute Abend mit, was Sie von der Gefahr wissen, die sie und ihr Kind und ihren Vater bedroht. Heben Sie letzteres besonders hervor; denn sie würde ihr schönes Haupt gern und willig neben dem ihres Gatten unter das Beil legen.“ Seine Stimme zitterte einen Augenblick; dann fuhr er ruhiger fort. „Um ihres Kindes und ihres Vaters willen prägen Sie ihr die Nothwendigkeit ein, mit diesen Beiden und mit Ihnen zu dieser Stunde Paris zu verlassen. Sagen Sie ihr, es sei ihres Gatten letzte Anordnung gewesen. Sagen Sie ihr, daß mehr darauf ankommt, als sie zu glauben oder zu hoffen wagen darf. Sie glauben, daß ihr Vater, selbst in diesem traurigen Zustande, sich ihr fügen wird; meinen Sie nicht?“

„Ich bin dessen überzeugt.“

„Ich dachte mir es. Treffen Sie in aller Stille und Vollständigkeit alle diese Vorbereitungen hier im Hofe so, daß Sie sogar alle schon im Wagen sitzen. Sowie ich komme, nehmen Sie mich auf und fahren fort.“

„Ich warte also unter allen Umständen auf Sie?“

„Sie haben mein Certificat mit den übrigen, wie Sie wissen und heben mir meinen Platz auf. Warten Sie blos darauf, daß mein Platz besetzt ist und dann nach England!“

„Nun, dann hängt doch nicht alles von einem alten Manne ab, sondern ich werde einen jungen und eifrigen Mann neben mir haben,“ sprach Mr. Lorry und drückte seine eifrige, aber doch so ruhige und feste Hand.

„Mit Gottes Hülfe, ja! Versprechen Sie mir auf das Feierlichste, daß Sie sich durch nichts bestimmen lassen einen andern Weg einzuschlagen, als wir uns jetzt versprochen haben zu wählen.“

„Durch nichts, Carton.“

„Erinnern Sie sich morgen an die Worte: die geringste Abweichung von dem verabredeten Plane, oder der geringste Verzug — aus welchem Grunde es immer sei — kann verursachen, daß nicht ein Leben gerettet werden kann und viele Leben unvermeidlich geopfert werden müssen.“

„Ich werde ihrer gedenken. Ich hoffe meinen Theil getreulich auszuführen.“

„Und ich hoffe dasselbe zu thun. Nun leben Sie wohl!“

Obgleich er Dies mit einem ernsten Lächeln sagte und sogar die Hand des Alten an seine Lippen drückte, schied er doch noch nicht von ihm. Er half ihm die sich immer noch vor dem verlöschenden Feuer wiegende Gestalt soweit zu wecken, daß man ihr einen Mantel umthuen und einen Hut aufsetzen und sie zum Fortgehen bewegen konnte, um die Bank und die Arbeit zu suchen, nach der sie so kläglich verlangte. Er ging auf die andere Seite der Gestalt und geleitete sie bis in den Hof des Hauses, wo das betrübte Herz — so glücklich in jener denkwürdigen Zeit, wo er ihm sein eigenes verödetes Herz enthüllt hatte — die schreckliche Nacht durchwachte. Er blieb noch allein ein paar Augenblicke in dem Hofe stehen und blickte hinauf zu dem lichterhellten Fenster ihres Zimmers. Ehe er fortging, sendete er noch ein segnendes Wort hinauf und ein Lebewohl.